The Guilty

IM ZWEIFEL FÜR DEN ANRUFER

8/10

 

theguilty© 2018 Nikolaj Møller

 

LAND: DÄNEMARK 2018

REGIE: GUSTAV MÖLLER

CAST: JAKOB CEDERGREN, JAKOB ULRIK LOHMANN, MORTEN THUNBO U. A. 

 

Um einen perfekten Film zu machen braucht man (außer einem guten Buch) eigentlich nicht viel. Im Grunde sogar fast gar nichts. Eine Kamera, eine Schauspielerin oder einen Schauspieler, eine Location. Diese könnte auch nur ein Auto sein. Was man aber mit Sicherheit braucht, ist ein Telefon. Oder mehrere. No Turning Back mit Tom Hardy war so ein Film. Ein Mann in seinem Vehikel, eine Fahrt durch die Nacht. Am Hörer: alle möglichen Leute, die mit Hardys Schicksal zu tun haben werden. Die Rechnung für so ein minimalistisches Konzept, die ging damals tatsächlich auf. Auf den Dialog kommt es an. Auf einen roten Faden. Und dem Charisma des einen Schauspielers, der es schafft, trotz fehlendem Gegenüber unterschiedlichste Emotionen aus dem Ärmel zu schütteln. Hardy konnte das. Jakob Cedergren im Telefonthriller The Guilty kann das auch.

Weniger ist mehr. Den Überblick verliert man in Gustav Möllers Kammerspiel wirklich nicht. Und das ist gut so. Der dänische Knüller beweist sich als eine willkommene Abwechslung von Filmen, die sich in ihrer Ambition, ordentlich Inhalt zu kreieren, in Konfusion verlieren. The Guilty behält als filmischer Einakter einen klaren Kopf, und holt heraus, was aus seinem Potenzial herauszuholen ist, ohne prätentiös zu wirken. Die Dänen, die können das. Ihre Werke sind oft Kunststücke einer überlegten Strategie. Der Stoff, aus dem ambivalente Filme sind, die nicht zwingend Norm-Parameter erfüllen, entfaltet sich dann ganz von selbst. In The Guilty hat die Geschichte eine ganz besondere Eigendynamik. Das Erstaunliche: alles, was hier passiert, wirkt plötzlich. Man könnte meinen, The Guilty ist ein unmittelbares Dialog-Happening, fast schon eine Live-Schaltung, ein Stück Dokusoap über einen strafversetzten Polizisten, der im Innendienst Notrufe entgegennehmen muss und dann einen Anruf erhält, der den Dienstschluss um einige Zeit nach hinten verschieben wird. Am anderen Ende der Leitung: eine Frauenstimme – verzweifelt, weinerlich, angsterfüllt. Die Dame ist entführt worden. Dann, nach mehreren Calls und Backcalls wird der Fall immer klarer, und Polizist Asger immer tiefer in einen Fall hineingezogen, der seine Kompetenzen bei weitem übersteigt und der ihn auch ganz persönlich immer mehr in die Extreme treibt, ohne dabei einen kühlen Kopf zu bewahren. So zumindest scheint es.

Und dann? Dann ist The Guilty mehr ein Hörspiel als ein Film. Diese Hybriden gibt es. Hörfilme, wenn man so will. Hätten wir für Möllers Film kein Bild, würde er allerdings genauso funktionieren. Das Unsichtbare gegenüber am Telefon fasst in Worte, was wir nicht sehen und uns umso stärker vorstellen können. The Guilty entfaltet einen ganz speziellen Sog in eine imaginäre Realität im Kopf. Bei No Turning Back war das längst nicht so stark. Die zweite Ebene des Hörens und Vorstellens ist von einnehmender Gewichtigkeit, fast rückt der kahle Büroraum mit den Bildschirmen und dem Kunstlicht in immer weitere Ferne, das Hörbild übernimmt die Führung. Bis Stille einkehrt und Jakob Cedergrens grübelndes Konterfei wieder den Ist-Zustand dominiert. So switcht das filmische Experiment hin und her, hat fast schon eine interaktive Funktion. Darüber hinaus wagt sich der Thriller auch inhaltlich an einen klugen Diskurs über die Frage nach Schuldigen, Tätern und Opfern. Klar deklarieren lässt sich hier keiner der Involvierten, und wenn doch, dann ist das Spektrum des Gehörten und voreilig Gerurteiltes nur das Segment eines Ganzen, einer nachtschwarzem, verregneten Grauzone, die in beeindruckender Nuancierung narrative Kreativität entfacht, die ausladende Event-Filme manchmal kaum ansatzweise erreichen.

The Guilty

Mother

EIN OPFER NATÜRLICHER PFLICHTEN

7/10

 

mutter© 2009 Diaphana Films

 

LAND: SÜDKOREA 2009

REGIE: BONG JOON-HO

CAST: KIM HYE-JA, WON BIN, KU-JIN, YOON JAE-MOON, MI SEON-JEON U. A. 

 

Dumm ist nur der, der Dummes tut. Das hat zumindest mal Forrest Gump gesagt und ist eine der Weisheiten, die aus Robert Zemeckis‘ Film mitsamt den obligaten Pralinen bis heute in Erinnerung geblieben sind. Dass das Leben eben aus so einer Schachtel bestehen und die Dummheiten auch der Gewiefteste anstellen kann, erfährt der geistig zurückgebliebene Don Yun am eigenen Leib, hängt er doch allenthalben mit einem Typen ab, der mehr Schlitzohr als Freund ist. Die Mama, die hat das Treiben ihres Filius so gut es geht im Blick, während sie in ihrem Krämerladen Kräuter schnippelt. Und irgendwann Zeugin davon wird, wie sich ihr geliebter Sohn in eine Sache verstrickt, für die er angeblich völlig unschuldig zum Handkuss kommt. Die Mutter gibt angesichts einer ermittelnden Exekutive, die gerne recht flott ihre Fälle ad acta legen will, garantiert nicht w.o. und beginnt selbst zu ermitteln, steht doch eine ganze Zukunft auf dem Spiel, da es um nichts Geringeres geht als um einen Mädchenmord.

Für viele Künstler wird 2020 bereits schon im vierten Monat als das Malus-Jahr schlechthin in die eigene Lebensgeschichte eingehen. Für den Südkoreaner Bong Joon-ho ist es erfolgsmäßig schon gelaufen. Er kann sich zurücklehnen und abwarten. Denn sein jüngster Film Parasite hat den Oscar-Vogel bereits im Februar abgeschossen. Bester Film, beste Regie, bestes fremdsprachiges Werk. Mehr geht nicht. Dabei ist Joon-ho schon längste Zeit ein As unter den Filmvirtuosen aus Fernost, und das spätestens seit seiner Monster-Satire The Host. Zeit, die Lücken in seinem Portfolio zu schließen. Und zwar mit dem ungewöhnlich subtilen Krimidrama Mother. Wer Joon-hos Stil kennt, wird überrascht sein, wie viel leiser der Mann inszenatorisch treten kann. Filme wie Snowpiercer, Okja oder eben The Host sind so ein Mittelding zwischen grotesker Komik und ernsten, dramatischen Untertönen. Das ist ein Mix, den kann so gut wie kein Filmemacher aus dem Westen wirklich adäquat nachkreieren. Stilelemente so zu verbinden ist für den Osten originär. Und hat auch in Parasite seinen Meister gefunden. In Mother blitzt diese Liebe zur bizarren Überzeichnung zwar manchmal auch noch auf, fokussiert sich aber meist stark auf seine Hauptperson, auf eine verzweifelte Mutterfigur, die für sich und ihren Schützling einen Ausweg ergrübelt, leere Kilometer durch den Regen trottet und das Stigma der Schuldigkeit ihres Sohnes um alles in der Welt fortwaschen will. Diese Verzweiflung, dieser wirkungslos scheinende Kampf, der spielt sich sehr stark innen drin ab, auf Enttäuschung folgt Rückzug, um noch mal aus dem Herbarium ihres Zuhauses hervorzukommen. Bong Joon-ho findet viel Verständnis für seine Don Quixotin, weil sie in seinen Augen ein Opfer ihrer Pflicht als Mutter ist, die sich vieles nicht verzeihen kann, ihrem Sohn aber alles verzeiht. Wenn nicht gar verzeihen muss.

Mother ist ein gediegenes, gut beobachtetes Stück Kriminalspiel, in dem die Metaphorik von Schuld, Wiedergutmachung und existenzieller Verantwortung über einen Mordfall weit hinausgeht. Es ist, als würde Joon-ho Friedrich Dürrenmatt zitieren, bereichert durch fernöstliches Lokalkolorit, Akupunktur und Reisschnaps. Die Schlagzeile in der Zeitung ist längst ein unausweichlicher, menschlicher Notstand geworden, der nach Verdrängung fleht und Schuld zu einer Sache der anderen macht. Und nicht zu der einer Mutter. Denn diese Institution scheint und will über jeden Verdacht erhaben sein.

Mother

Unter dem Sand

DIE DISSONANZ VON SCHULD UND SÜHNE

6/10

 

unterdemsand© 2016 Koch Films GmbH

 

LAND: DÄNEMARK, DEUTSCHLAND 2016

REGIE: MARTIN ZANDVLIET

CAST: ROLAND MØLLER, MIKKEl BOE FØLSGAARD, LOUIS HOFMANN, JOEL BASMAN, LAURA BRO U. A. 

 

Dieser Film wirft kein gutes Licht auf Hamlets ehemaligen Grund und Boden. Es war ja damals, nach Ende des Zweiten Weltkriegs, nicht so, dass Dänemark keine Kriegsgefangenen gemacht hätte. Gerade die Jungen mussten dafür büßen, was Adolf Hitler mit ihrem Land angerichtet hat. Eine kurzsichtige Denkweise, denn gerade den Jungen war überhaupt keine andere Wahl geblieben, als sich indoktrinieren zu lassen und für den Führer zu kämpfen – andernfalls wären sie als Wehrdienstverweigerer hingerichtet worden. Das wohl bekannteste Beispiel: der Fall Jägerstätter. Aber in Dänemark, da heißt es: Vom Regen in die Traufe. Die Schuld der Erwachsenen müssen die Kids von damals, als Bonus zu den traumatischen Erlebnissen aus dem Krieg, noch zusätzlich ausbaden. Wie groß muss der Hass auf die Invasoren wohl gewesen sein, um nicht zu erkennen, dass viele dieser Burschen vermehrt nur aus Angst um das eigene Leben in den Krieg gezogen waren. Dänemarks Racheakt war der, diese Jungen eben nicht einfach heimziehen zu lassen, sondern zur Säuberung der Strände einzusetzen. Die waren natürlich nicht herkömmlich vermüllt, sondern gespickt mit Teller- und sonstigen Minen. Entschärfen muss das die damalige Next Generation – ein russisches Roulette an der Nordsee, unter gebrüllten Befehlen eines herdentreibenden Oberfeldwebels irgendwo im Nirgendwo. Essen gibt´s auch keins, Erniedrigungen dafür umso mehr. Was die Jungs hier mitmachen müssen, ist schwer zu ertragen. Und für den Zuseher ebenfalls kaum auszuhalten.

Es gibt Filme, die sieht man garantiert kein zweites Mal. Unter dem Sand ist so ein Werk. Ein bitteres Drama, das alles ist, nur kein Filmvergnügen. Regisseur Martin Zandvliet setzt hier wahrlich nicht auf Schonung und bringt sein themeninteressiertes Publikum an die Grenze der Belastbarkeit. Polanskis Pianist musste ich, als er im Kino lief, leider vorzeitig abbrechen. Hätte ich Unter dem Sand ebenfalls dort gesehen, hätte ich womöglich ähnliches getan. Ja, tatsächlich, auch wenn völlig unverständlicherweise dieser Film eine Freigabe ab 12 Jahren bekommen hat, ist er doch etwas, wofür es starke Nerven braucht. Zerfetzte Gliedmaßen im Detail sind nur die Spitze des Eisberges, darunter bohrt sich radikale Not in das Bewusstsein des Zusehers: Quälender Hunger, ausweglose Trauer, Selbstmord und Misshandlung. Jeder Tag – ein Wettkriechen mit dem Tod. Zandvliets Film ist bildgewordenes Elend, ein Kreuzweg wider der Vernunft, sich suhlend in üppigem Naturalismus und in den Schreien der Kinder. Verschnaufpausen gibt es schon, dann wogt das goldgelbe Gras des küstennahen Sumpflandes, donnern die Wellen an den Strand, wenn gerade nicht mal eine Mine explodiert. Kurze Momente eines Durchatmens vor der nächsten Quälerei. Was dabei immer stärker wird: die Verbrüderung der verlorenen Jungs, die übermenschliche Macht des Durchhaltens und die Hoffnung aufs Heimkommen. Däne Roland Møller lässt seinen nationalstolzen und verbitterten Feldwebel eine erwartbare Wandlung vollziehen, er lässt ihn trotz aller Vorbehalte vor dem Feind dennoch Mensch sein – und das ist das Menschlichste an diesem Film, der gerade durch das Ausklammern von Humanismus das karge Bisschen umso stärker erstrahlen lässt. Den Kindern – allesamt phantastische Darsteller, die wirklich ihr letztes Hemd verspielen – wird dieser Kern des Guten zum Vorteil gereichen – bei manchen aber wird die Zuversicht aufgrund seelischer Zerrüttung verpuffen.

Was nicht verpufft, ist das ungute, zermürbende Gefühl in der Magengrube. Schockierende Bilder, die sich ins Gedächtnis brennen. Ein Film, so verstörend wie der Anblick eines offenen Bruchs und so schmerzhaft wie ein Schrapnell unter der Haut.

Unter dem Sand

El Camino – A Breaking Bad Movie

BLICK ZURÜCK NACH VORNE

6/10

 

elcamino© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: VINCE GILLIGAN

CAST: AARON PAUL, JESSE PLEMONS, ROBERT FORSTER, SCOTT MCARTHUR, CHARLES BAKER, SCOTT SHEPHERD, BRYAN CRANSTON, JONATHAN BANKS U. A.

 

Der Spoilometer gibt Entwarnung: denn dass Aaron Paul alias Jesse Pinkman einer der wohl besten Fernsehserien der Welt überlebt hat, ist seit dem Trailer zu El Camino – A Breaking Bad Movie kein Geheimnis mehr. Und wer die Serie damals als Mutter aller Binge-Watch-Formate inhaliert hat wie eine frische Tüte Kartoffelchips, der wird wohl die letzten Minuten der letzten Staffel wohl auch nie wieder vergessen: Heisenberg am Boden und Pinkman auf der Flucht, bewerkstelligt in einem schwarzrot-gestreiften El Camino, noch dazu fertig mit der Welt und dem Leben, gepeinigt, verängstigt, verwahrlost. Dieser El Camino ist es auch, der mühelos die Brücke schlägt zwischen dem Finale aus 2013 zu dem nun auf Netflix erschienenen Epilog einer Kette unrühmlicher, bizarrer und tragischer Ereignisse, die mit der Krebsdiagnose des Chemielehrers Walter White überhaupt erst begonnen haben. Mit gewissem Know-How lässt sich viel anrichten, zum Guten wie zum Bösen, und das haben der kongeniale Bryan Cranston und sein Schüler Aaron Paul in einer 5staffeligen Langzeitstudie eindringlich bewiesen. Wer da nicht Couchmaniküre betrieben hat, dürfte etwas ganz anderes gesehen haben, nur nicht Breaking Bad. Und es ist schön, nach so vielen Jahren sozusagen wieder heimzukommen nach Albuquerque, an den Ort weniger schöner, aber unter- und oberweltbewegender Extreme.

Mastermind Vince Gilligan hat letzten Endes also doch darauf verzichtet, das Schicksal des Jesse Pinkman der Fantasie seiner Fans zu überlassen. Das teilweise offene Ende hatte seinen unorthodoxen Reiz, so wie der ganze Stil der Serie, aber dennoch: wie der nicht erklingende letzte Ton einer uns bekannten Melodie dürfte die vage Zukunft wie Schrödingers Katze Gilligan so sehr gequält haben, das der letzte Vorhang um alles in der Welt noch fallen musste. Wir wissen also: Pinkman ist seinen Peinigern entkommen, diese wiederum haben unter dem Kugelhagel von Walter Whites tödlichem MG-Selbstauslöser das Zeitliche gesegnet. Einer von Ihnen, ein ganz perfider Bösling mit Hang zum beiläufigen Alltagsgrauen (Jesse Plemons in erschreckend unguter Psychopathen-Jovialität) dürfte dabei vorher schon sein unrechtmäßig Erspartes irgendwo in die Möblage seiner vier Wände integriert haben – welches Pinkman aber zwecks Neuanfang dringend nötig hat. Blöd nur, dass von dieser Kohle auch andere Leute wissen, und so entwickelt sich das spannende BB-Nachspiel zu einer Art The Good, the Bad and the Ugly, alle auf der Suche nach dem Schatz des Toten, während die Kavallerie Pinkman ganz oben auf die Liste gesetzt hat. Gilligans Reminiszenz an die Heist-Western gipfelt sogar in einer skurrilen Duellszene, die wie ein Plug-In formschön ins Breaking Bad-Universum passt. Notwendig wäre El Camino aber nicht gewesen, geschweige denn ungeduldig herbeigesehnt. Die Umstände einer Flucht nach vorne kann man in Erfahrung bringen, muss man aber nicht. Der Plot war damals schon auserzählt – die einen überleben, die anderen sterben. Pinkman wäre seinen Weg schon gegangen, unterkriegen ließ sich der Bursche ohnehin nie. Das Wiedersehen macht aber dennoch Spaß, und vor allem nerdige Flashbacks halten mit Cameos einiger kultiger Charaktere aus der Serie nicht hinterm Berg. Vor allem in diesen Szenen lässt sich erkennen, wie Aaron Paul seinen Charakter eigentlich angelegt und im Laufe der Geschichte verändert hat: vom blauäugigen, jugendlichen Kleinkriminellen zum traumatisierten Leidensgenossen, dem nichts mehr bleibt außer die Zähigkeit, sich neu zu erfinden.

Der steckbrieflichen Sogwirkung seiner Schöpfung bleibt Gilligan treu, auch in El Camino kann man schwer wegsehen oder sich währenddessen mit anderem beschäftigen. Dabei liegt die Qualität des Thrillers in seinen Konstellationen des Zufalls. Breaking Bad ist somit nach dem Abspann von El Camino endgültig Fernseh- und ein bisschen auch Filmgeschichte. Zeit also, dass sich Gilligan etwas Neues ausdenkt. Und das sollte man, erfahrungsgemäß, eigentlich nicht verpassen.

El Camino – A Breaking Bad Movie

Crawl

MIT ECHSEN UM DIE WETTE

5/10

 

null© 2019 Paramount Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: ALEXANDRE AJA

CAST: KAYA SCODELARIO, BARRY PEPPER U. A.

 

Fährt man den Tamiami-Trail von Osten nach Westen, also schneidet die Halbinsel Florida der Breite nach durch, lässt sich, eigentlich ganz egal, wo man Halt macht, ein Blick auf einen der Panzerechsen riskieren, die in den Sümpfen der Everglades im knöchelhohen Wasser träge vor sich hinschlummern oder in tapsendem Watschelschritt in tieferen Tümpeln das Weite suchen. Meistens liegen sie sogar übereinander, manchmal hat man Glück und ein wirklich ausgewachsener Brocken sonnt sich mit aufgerissenem Maul in der tropischen Sonne. Die Chance, mal auszuprobieren, wie schwer Jungtiere sind, lässt sich an so manchen Gator-Farmen ebenfalls ergreifen. Kurzum: Florida ist Echsenland, sie sind das Salz in der Suppe und neben den Manatees an der Westküste wohl der touristische Bringer schlechthin. Wo sonst lässt sich so dermaßen bequem die ungestüme Wildnis erhaschen. So richtig aufregend wird’s dann erst, wenn das ganze Land unter Wasser steht, und die Panzerechsen fröhliche Urständ feiern. Wo es für Räuber wie diese keine Grenzen mehr gibt und jeder Zweibeiner zu Fast Food vom Feinsten wird. Solche Katastrophen gehen meistens mit den obligaten Wirbelstürmen einher, die jährlich über den Süden der USA hereinbrechen. Die Alligatoren stört das nicht, ganz im Gegenteil. Die sind gepanzert und zäh, und wo tierische Narrenfreiheit herrscht, wird wohl selten im Sinne des Anstands auch nur auf irgendetwas verzichtet.

Dieses Szenario schreit danach, als Survivalhorror verbraten zu werden. Horrorspezialist Alexandre Aja (u.a. The Hills have Eyes) nimmt sich dieser Spannungsgranate letztendlich an und reduziert seinen Cast erstmal auf das Wesentliche, nämlich auf zwei Leading Acts und einen Hund, ein Haus mit Keller und jede Menge Wasser. Eine Handvoll Opfer nicht zu vergessen, denn Blut soll auch genug fließen. So ein knackiger Instant-Modus kann schon mal gut und gerne das Zeug zu einem Überraschungshit haben, da braucht man gar nicht viel, nur das Spiel mit dem Unerwarteten. Etwas, das Aja allerdings, zur großen Ernüchterung, nicht so ganz beherrscht.

Abenteuerthriller wie dieser, die sich bewusst und ganz stark auf die physikalischen Gesetze der Natur beziehen und daraus die Spannung aus dem Menschenmöglichen und Unmöglichen gewinnen wollen, haben es schwer, ihre Handlung wirklich so folgen zu lassen, dass sie zumindest in der Theorie des Zusehers völlig plausibel erscheint. Crawl krallt sich diese Konsequenz anfangs mit reptilienhafter Sturheit, bald aber weicht er dieses Dogma zugunsten blutiger Unfälle so weit auf, dass ein Effekt eintritt, den Filme wie dieser einfach und schon allein wegen des Nervenkitzels nicht haben sollten: Vorhersehbarkeit. Ajas Reißer ist ein Prachtexemplar an Vorhersehbarkeit, so gut wie nichts wird dem Zufall überlassen. Das Drehbuch der Brüder Rasmussen hält jede Menge dramaturgische Kompromisse parat, lässt Menschen kaum nachvollziehbar handeln  offene Wunden scheinbar heldenhaft verschmerzt werden und bedient sich sonst auch einem bereits sehr zerlesenen Handbuch zur Konzipierung filmischen Tierhorrors, der gerade in diesem Fall so phänomenal gelungen wäre, würde die Erwartungshaltung des Zusehers doch etwas öfter durchkreuzt werden. Dafür durchkreuzen fette Viecher das einmal trübe, einmal glasklare Wasser, formschön in Szene gesetzt, mit peitschenden Schwänzen und Zähnezeigen auf Urzeitniveau. Der Hurrikan aber, der ist kaum der Rede wert, und die Vater-Tochter-Story reduziert sich auf entbehrliche Wortmuster. Wichtig ist, dass Kaya Scodelario richtig gut schwimmen kann und der Hund in der Küche bleibt. Somit ist Crawl ein knapper, kleiner, durchaus hemdsärmeliger Tierslasher geworden, der sich die Elemente aber so dreht, wie er sie gerade braucht und viel zu selten gewillt ist, gegen den Strom zu schwimmen.

Crawl

Aftermath

DER TERMINATOR ALS MENSCH

6/10

 

aftermath© 2017 KSM Film

 

LAND: USA 2017

REGIE: ELLIOT LESTER

CAST: ARNOLD SCHWARZENEGGER, SCOOT MCNAIRY, MAGGIE GRACE, JUDAH NELSON U. A.

 

Der Selfmade-Multitasker Arnold Schwarzenegger wurde heuer knackige 71 Jahre alt. Wenn schon weniger eine Legende des Schauspiels, dann war die steirische Eiche immerhin eine solche der Popkultur, keine Frage. Arnold war Terminator, Conan und ein schwangerer Mann, und kaum eine Rolle hat er so dermaßen cool gemeistert wie die des Last Action Hero – immer noch mein absolutes Highlight. Allerdings war John McTiernan´s Film im Grunde ein Flop. Aber so ist das mit Filmen, die wirtschaftlich in der hintersten Reihe des Kinosaals sitzen – sie sind meist besser als irgendein ertragreicher Blockbuster. Schwarzenegger weiß allerdings, ihm Gegensatz zu einigen seiner Altersgenossen, dass die Zeit der Actionhelden tatsächlich vorbei ist. Was aber nicht zwingend heißen muss, dass die Kawumm-Rente auch gleich ein Abschied vom Kino sein muss. Das hat sich der Ex-Gouvernator auch gedacht. Filme machen ist ja für jemanden wie Arnie etwas, was das Herz erfreut, und längst nicht mehr die Brieftasche. Entsprechend nischenorientiert sind auch seine letzten Filme gewesen. Ganz besonders seine drittletzte Produktion, die er gemeinsam mit Darren Aronofsky mitfinanziert hat und alles andere als ein gelenkiger Effektreißer ist. Aftermath (im deutschsprachigen Raum übersetzt mit Vendetta – Alles, was ihm blieb war Rache, meiner Meinung nach aber viel zu marktschreierisch, daher bleibe ich beim Originaltitel) ist wohl ein Film, der gar nicht erst darauf abzielt, Geld zu machen. Die bittere Tragödie um einen Mann, der bei einem Flugzeugabsturz Frau und Tochter verliert, ist nichts, was das Publikum sehen will. Auch Arnold Schwarzenegger schauspielerisch herausgefordert zu wissen, in einem Film, in dem keinerlei Action passiert – dem wollen seine Fans garantiert nicht beiwohnen. Doch interessanterweise müsste ich dann sagen: Selber schuld, denn Aftermath gesehen zu haben zahlt sich tatsächlich aus.

Nicht genug, dass der bärbeißige Bauarbeiter Roman seine Familie begraben darf – er kennt auch den Verursacher des Unglücks und will diesen zur Rechenschaft ziehen. Dieses Vorhaben könnte man auch als Rache auslegen, doch so will es Bauarbeiter Roman nicht verstanden wissen. Was er einfordern will, ist die Bitte um Vergebung. Und zwar von jenem Mann, der ebenfalls als Opfer eines fatalen Zusammenspiels aus Personalmangel und Überforderung einen schwerwiegenden Fehler gemacht hat. Immerhin war es kein leichtsinniger Fehler wie în Öden von Horvath´s Schicksalsdrama Der jüngste Tag, wo die Unachtsamkeit eines Kusses das Entgleisen zweier Züge zur Folge hat, sondern ein tragisches Missverständnis. Doch diese Last der Verantwortung nimmt dem Familienvater auf der anderen Seite der Waagschale allerdings auch keiner ab. Aftermath erzählt beide Geschichten – jene des Hinterbliebenen und jene des Schuldbeladenen. Für beide ändert sich das Leben radikal – in eine Richtung geradeaus in die Dunkelheit.

Der britische Regisseur Elliot Lester hat mit Aftermath einen Film weit jenseits angenehmer Kinounterhaltung inszeniert. Das bedrückende Trauerdrama liegt ungemein schwer im Magen. Wer selbst nicht gerade gedämpfte Laune hat, sollte die sinnierende Schicksalssymphonie tunlichst meiden. Nach Schwarzenegger´s Arbeit in Aftermath wäre es tatsächlich vorstellbar, der Exil-Österreicher könnte mit Michael Haneke einen Film drehen. Spart man am Score, wäre sogar vorliegendes Werk unter der Regie Haneke´s durchaus vorstellbar. Denn nicht weniger intensiv als vom österreichischen Oscarpreisträger gewohnt zieht auch Lester´s Film das Publikum langsam, aber stetig vom Sitz, spätestens dann, wenn eintritt, was längst nicht erwartet wird, und der Druck in der Magengegend noch zunimmt. Aftermath windet den Weg seiner tragischen Geschichte auf wenig betretenen Pfaden und bleibt nachhaltig in Erinnerung, wenn auch auf unbequeme Weise. Schwarzenegger ist zwar immer noch kein mimischer Virtuose, nimmt aber die Challenge in der Verkörperung des Trauernden aufrichtig ernst. Den irreparablen psychischen Schaden und die Verbissenheit seiner Suche nach Erlösung weiß Arnie weitaus besser zu interpretieren als Busenfreund Bruce Willis seinen Killer-Papa in Death Wish – wobei letzterer ein Thriller, und Aftermath ein Drama ist. Und zwar eines, in welchem der Terminator zum Menschen wird, mit all seinen fatalen Irrungen.

Aftermath

Hostiles

BURNOUT IM WILDEN WESTEN

7/10

 

hostiles2© 2018 Universum

 

LAND: USA 2018

REGIE: SCOTT COOPER

MIT CHRISTIAN BALE, WES STUDI, ROSAMUNDE PIKE, JESSE PLEMONS, BEN FOSTER, THIMOTÉE CHALAMET U. A.

 

Blutsbrüderschaft wie bei Winnetou – daran ist überhaupt nicht zu denken. Was hat sich Karl May wohl dabei gedacht? Der deutsche Schriftsteller war nicht nur niemals in New York, er hat auch niemals sonst seinen Fuß auf die neue Welt gesetzt. Die Ahnung, die er vom Wilden Westen hatte, war das Ergebnis aus Erzählungen, Reiseberichten, und der eigenen romantischen Verklärung von Cowboy und Indianer. Diese Verklärung lässt Regisseur Scott Cooper weit hinter sich. Sogar noch weiter, als sie Kevin Costner hinter sich gelassen hat, bei Der mit dem Wolf tanzt – ein Film, der an sich schon einen völlig neuen Zugang zur Geschichte Nordamerikas gefunden und wie noch niemals zuvor den tiefen Graben zwischen Invasoren und Urbevölkerung zu überbrücken versucht hat. Rund 20 Jahre früher hat ein Epos wie Little Big Man den weissen Amerikanern das Wilde heruntergeräumt – so schmerzlich und vehement wie Arthur Penn´s Meilenstein haben wenige Werke das Schicksal der indigenen Völker begriffen. Dustin Hoffman als verirrter Weißer inmitten einer völlig fremden Welt hat Costner´s Idee vom Verschmelzen ethnischer Identitäten vorweggenommen und ist damit meines Erachtens nach sowieso im Olymp der besten Rollenfiguren überhaupt gelandet.

Diese Leistung vollbringt Christian Bale zwar nicht, sein verlorener Blick hinter Schnauzer und Dreitagebart spricht allerdings Bände. Es ist kurz vor der Jahrhundertwende, der ehemalige Batman verkörpert einen US Army-Captain, welcher wirklich nichts mehr zu verlieren hat. Wie verbraucht und ausgelaugt vom Leben kann man sein? Der zu Stein entemotionalisierte Befehlsempfänger in blauer Montur ist müde vom Krieg, müde vom Töten, müde vom Hass. Dennoch quält ihn der Gedanke, einen Cheyenne an den Ort der ewigen Jagdgründe zu eskortieren. Doch Befehl ist letzten Endes Befehl, Alternativen enden vor dem Kriegsgericht. Also Zähne zusammenbeissen und auf den Sattel, da warten noch einige Hunderte Kilometer Richtung Westen. Und dieser Weg, der ist wie der sprichwörtliche Gang nach Canossa. Eine wie auf gebrochenen Beinen dahinschleppende Tour der Versuchung, Vergebung und des Friedensschlusses. Scott Cooper (Crazy Heart, Black Mass) zeigt in diesem elegischen, epischen und mit traditionellen Landschaftsgemälden ausgestatteten Sühne-Western, wie schwierig und fast unmöglich es ist, Vergebung zu fordern und gleichzeitig zu verzeihen. Da muss der Mensch in seinem irrationalen Wahn namens Rassenhass mal die Erkenntnis erlangen, dass nicht alles eins zu eins über den Kamm geschoren werden kann.  Dass von nichts auch nichts kommen kann. Dass zum Streiten im Grunde immer zwei gehören müssen. Binsenweisheiten, die aber erst mal begriffen werden müssen, vor allem von Leuten, die in ihrer verknöcherten Wut von einst gefangen sind.

Da trägt eine von Komantschen aus dem Familienleben gerissene Rosamunde Pike auch nicht wirklich zum besseren Verständnis bei. Das völlig verstörte Opfer, das nun mit dem Troß Richtung Montana reitet, scheint vorerst die Kluft zwischen den beiden Parteien zu erweitern – bis die ewige Weite, schmerzlindernde Gesten inmitten unwirtlicher Wildnis und die Feinde der Feinde das Blatt langsam wenden, die Sicht auf die Dinge, auf Schuld und Mitschuld langsam aufklaren lassen. Hostiles ist kein Anti-Western, dafür aber ein langer Ritt der Erschöpfung, das naturbeleuchtete Bild der Nachwirkung langer Kriege, die alle Beteiligten unendlich kraftlos zurücklassen. Die Reserven sind dahin, was bleibt, ist bedrückende Erkenntnis. Und endlich so etwas wie ein Funke menschlicher Weisheit, die über Dingen steht, die nicht mehr reparabel sind – auf die sich vielleicht aber ein neues Fundament errichten lässt.

Hostiles

Die Blumen von gestern

LERNEN SIE GESCHICHTE!

6/10

 

blumenvongestern© 2016 Dor Film

 

LAND: DEUTSCHLAND 2016

REGIE & DREHBUCH: CHRIS KRAUS

MIT LARS EIDINGER, ADÉLE HAENEL, HANNAH HERZSPRUNG, JAN JOSEF LIEFERS U. A.

 

Im Herbst 1945 richteten die USA anlässlich der bevorstehenden Nürnberger Prozesse ebenda das sogenannte Zeugenhaus ein. Sowohl Nazis als auch Opfer des faschistischen Regimes, insbesondere ehemalige KZ-Insassen, hatten sich dort zu versammeln, um auf den Moment ihrer Einvernehmung zu warten. Dieses Haus war bis 1947 aktiv, obwohl die Nürnberger Prozesse bis 1949 andauerten. Freilich beherbergten die Amerikaner beide Parteien nicht ohne Aufsicht und protokollierten akribisch das Mit- oder Gegeneinander während des langen Wartens.

Diese an der Kippe des Zumutbaren mäandernde Konstellation erfahren in Chris Kraus´ bizarrer Holocaust-Romanze Darsteller Lars Eidinger und Adéle Haenel zwar nicht aus erster Hand, aber zumindest tragen sie als Nachfahren von Opfer und Täter das zentnerschwere Bündel der Geschichte mit sich herum. Die eine Enkelin von KZ-Ermordeten, der andere Enkel eines Offiziers der Waffen-SS. Traumata, die sich wie die DNA der Erinnerung durch die Generationen bis ins Heute ziehen. Verstörende Schicksale und verbrecherische Entscheidungen, für welche allem Anschein nach die Sippe haftet – oder das Individuum, das damit leben muss, die Schuld der Machthabenden oder die Ohnmacht der Ungeschützten weitertragen zu müssen. Aber müssen sie das wirklich? In ihrem Verhalten, in ihrer Unfähigkeit, ein Leben in gesunden Normbereichen zu führen, gilt für Totila Blumen, einem Mitarbeiter der zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen, und Zazie Lindeau, einer Praktikantin aus Frankreich, die Frage zu bejahen. Erstmal. Und als die beiden, die anfangs notgedrungen und eher spinnefeind miteinander arbeiten müssen, auf ein verblüffendes Crossover ihrer Familiengeschichten stoßen, beginnt sich der Lauf der Dinge und die Frage von Verantwortung, Sühne und Vergebung neu zu formulieren. 

Dabei gerät aber Chris Kraus´ darstellerisch intensive Nabelschau über das Gegenwartsbewusstsein zum Holocaust zum Beziehungsfilm der anderen Art. Der völlig hysterische, unberechenbare und aggressive Totila Blumen ist von Lars Eidinger mit Hingabe verkörpert. Adéle Haenel als nicht minder uneinschätzbare, Paroli bietende Grenzgängerin mit französischem Akzent gebärdet sich noch unnahbarer und schwerer zugänglich als der Gedenkinitiator Blumen himself. Beide okkupieren den Film für sich, was ja auch ihr gutes Recht ist – der brisante Background mitsamt seiner Täterkinder-Opferkinder-Allegorie tritt da ganze Filmlängen hindurch beschämt beiseite. Die Blumen von gestern will nicht nur durchgeknallte Beziehungskiste sein. Und da will die tragische Komödie oder komische Tragödie wieder zu viel. Wobei es nicht zu viel sein hätte müssen. Die Exaltiertheit und Verschrobenheit des Schauspielduos ist zu einnehmend, um beides zu wollen. Dadurch gerät der mahnende Anspruch und das Erinnern an das unerlebte Damals zum austauschbaren Platzhalter in einem dicht und dick schraffierten Psychodrama um familiäre Identitäten und Versäumnisse, mit denen die Generation von Schindlers Liste zu hadern hat. Das vererbte Gewissen ist kein sanftes Ruhekissen. Das ist der Kinosessel bei Die Blumen von gestern auch nicht. Viel zu nervös ist das Ganze, und nur leidlich packend, weil wir als Zuseher von außen in diesem intimen Drinnen irgendwie nichts zu suchen haben. Das macht den Film zumindest für mich zu einer sperrigen Performance, die eigentlich doch nur eine schräge Romanze bleibt.

Die Blumen von gestern

Boston

STADT IN ANGST

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boston

Ich weiß zwar nicht warum, aber der Terroranschlag in Boston im Rahmen des alljährlichen Marathonlaufs zum Patriots Day ( so der Filmtitel im Original) ist bis auf die inhaltliche Gewichtigkeit einer Schlagzeile von mir nicht deutlicher und intensiver wahrgenommen worden als es das vielleicht hätte tun sollen. Dagegen hat sich der Anschlag in Paris erschütternd intensiv in meinem Gedächtnis niedergelassen. Ebenso die Geschehnisse letzten Advent in Berlin. Der Anschlag in Boston hingegen verschwimmt wie hinter dem Nebel einer Berichterstattung, die mich nicht erreicht zu haben scheint. Umso bizarrer und unglaublicher wiederum ist aber die Art und Weise, wie sowohl die Stadtregierung als auch die Polizei und das FBI jene verwirrten Idealisten unters Visier genommen haben, die durch ihre Aktion am 15. April 2013 3 Menschen in den Tod geschickt und unzählige weitere Personen für den Rest ihres Lebens verstümmelt haben.

Für Peter Berg, Regie-Spezialist für True Stories und penibler Chronist tatsächlicher Ereignisse, die das Leben schrieb ( Lone Survivor, Deepwater Horizon), dürften sich die publizierten Bilder des Schlachtfeldes von Boston ebenso ins Gedächtnis gebrannt haben wie uns allen seinerzeit jene der einstürzenden Twin Towers in New York. Und wahrscheinlich noch erschütternder als das Blutbad war für Berg die Tatsache, dass viele der unschuldig zum Handkuss gekommenen Bostoner Bürger nach dem 15. April nicht mehr laufen konnten. Eine bittere, und verstörende Ironie am Tag des Marathons. Nicht minder verstörend die Leiche eines 8-jährigen Jungen, die, verhüllt und bewacht von einem einsamen Polizisten, fast 12 Stunden lang zwecks Spurensicherung am Tatort liegenbleiben hat müssen.

Boston, die explizite Chronik eines Attentats und seiner Folgen, ist in erster Linie und mit aufrichtiger Anteilnahme den Opfern des Unglückstages gewidmet. Und setzt darüber hinaus einen stringenten, unerhört spannenden und packenden Tatsachenthriller in Gang, der so unglaublich erscheint, als wäre er als Drehbuch für einen urbanen Actioner frei erfunden. Tatsächlich übertrumpft hier die Realität die Fiktion, und der nächtliche Kleinkrieg in der Einfamilienperipherie von Boston zählt zu den furiosesten und bittersten Actionszenen der letzten Zeit. In all dem bedrohlichen Szenario sehen wir Mark Wahlberg in der Rolle als Detektive der Polizei von Boston, der, wie alle anderen Schauspieler auch, einer realen, an den Geschehnissen beteiligten Person nachempfunden ist, in seinem Können aber auf routiniertem Level vor sich hin verzweifelt. Umso lieber begrüßt man nach langer Abstinenz wiedermal den eher im sinisteren Rollenspektrum beheimateten Kevin Bacon als FBI-Ermittlungsleiter, der diesmal auf der Seite der Guten agiert.

Natürlich, Boston ist zwangsläufig kein kreativer Wurf im Genre des Spannungskinos – aber eine großartig inszenierte und fesselnde Spieldoku, die der Bostoner Polizei und den Opfern ein Denkmal setzt, wie es würdiger wohl kaum gelingen könnte. Dazu tragen natürlich auch die im Abspann zu Wort kommenden Zeitzeugen bei, welche die schwarzen Tage des Ausnahmezustandes in Boston noch greifbarer werden lassen. Ähnlich akribisch hat zuletzt Clint Eastwood sein filmisches Denkmal Sully inszeniert. Nah an den Tatsachen, die echten Helden bis zur Perfektion imitierend, und in seinen Details erhellend. Gelungenes und intensives Gegenwartskino aus dem Zeitalter des Terrors.

Boston