The Peril at Pincer Point (2026)

UND EWIG FLÜSTERN DIE KRABBEN

7/10


Jack Redmayne sucht den perfekten Sound in The Peril at Pincer Point
© 2026 Slash Filmfestival


LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE / DREHBUCH: JAKE KUHN & NOAH STRATTON-TWINE

KAMERA: MURRAY ZEV COHEN

CAST: JACK REDMAYNE, ALYTH ROSS, MICHAEL MACKENZIE, NOAH STRATTON-TWINE, OS LEANSE U. A.

LÄNGE: 1 STD 23 MIN


Die großen Fische

Es gibt Filme, die sind von gigantischen Studiokonzernen finanziert. Meistens sind es Franchises wie Jurassic World – die Episode Jurassic World: Ein neues Zeitalter gilt zurzeit als die budgetmäßig intensivste Produktion. Auch Star Wars lässt sich Disney einiges kosten. Und natürlich lassen Regisseure wie Christopher Nolan oder Denis Villeneuve mit ihrer Liebe zum Analogen und zu IMAX ihre Geldgeber tief in die Tasche greifen. Was schaut am Ende dabei heraus? Ein Film. Und vielleicht sogar einer, der floppt, der gerade mal so geht oder der einen Hype mit sich bringt, der die Gesellschaft entsprechend manipuliert.

Die kleinen Fische

Betrachten wir mal die andere Seite. Da gibt es Filme, die haben Herzblut, da spürt man die Freude am Tun und sie sind obendrein mit dem eigenen Kleingeld finanziert. Es sind Liebhabereien, die alleine aufgrund ihrer flexiblen Herangehensweise, ihrer Ideen, ihrer Leidenschaft für das Medium und ihrem Improvisationstalent ganz schlicht und ergreifend die Gunst des Publikums gewinnen müssen, was anderes kommt da fast gar nicht infrage. Was schaut am Ende auch hier heraus? Ein Film.

Die großen und die kleinen Fische

So haben wir das millionenschwere Schlachtschiff und den kleinen Flitzer – womöglich ist der kleine Flitzer schneller, sieht auch eleganter aus. Am Ende des Tages kann es passieren, und das viele Geld ermöglicht einen Film, der mehr oder weniger genauso gut ist wie eine No-Budget-Liebhaberei. Es kommt also nicht auf die Größe an, nicht immer auf den Schauwert, sondern auf eine gewisse Freiheit, die von Studios abhängige Filmgiganten niemals haben werden. Die kleinen, schrägen Eskapaden auf der Leinwand allerdings schon.

Die alten Filme am Samstagnachmittag

Und so frei und hemmungslos geben sich auch Jake Kuhn und Noah Stratton-Twine ihrem Handwerk hin. Letzterer plauderte beim diesjährigen Slash aus dem Nähkästchen. Mit halbwegs guten Englischkenntnissen konnte ich maximal die Hälfte all der Hintergrundgeschichten zu dieser versponnenen Mystery-Hommage namens The Peril at Pincer Point nachvollziehen.

Zum Glück spricht man in diesem Film nicht genauso schnell, wie Stratton-Twine es tat. Ohne Untertitel und konfrontiert mit einer Menge unterschiedlicher englischer Dialekte pflügt man sich aber dennoch ganz gut durch eine sepiafarbene Schnurre, die sich anfühlt, als wäre sie aus den Archiven eines Roger Corman hervorgeholt worden.

The Peril at Pincer Point will schließlich genau dorthin. Zumindest stilistisch winken die Fünfzigerjahre, während das Geschehen einen Zeitsprung in die nähere Vergangenheit macht, in der es noch keine Smartphones gab. Der Anachronismus ist aber dennoch verblüffend: Das Analoge ist mit dem Digitalen seltsam verschmolzen, die Berge auf dem verfluchten Inselchen Pincer Point regelrechte Gletscherriesen. Gigantische Krabben machen das kleine Fischerdorf nächtens unsicher, und irgendetwas hat es dort mit dem Sound. Kennt ihr euch aus?

Zwickt’s mi – I man i tram

Dabei beginnt alles mit einer Krabbe irgendwo in einer Dachwohnung in London, die Protagonist Jim Baitte in den Finger zwickt. Ob das nicht schon ein Omen ist für das ganze metaphysische Schicksal, das den Mittzwanziger, der für ein Tonstudio arbeitet, letztlich heimsuchen wird?

Dabei stehen die Sterne gar nicht gut. Kurz bevor man ihn dort rauswirft, wird er von einem idealistischen Filmregisseur mit der Mission betraut, nach Pincer Point zu reisen, um neuen Sound für sein aktuelles Werk aufzunehmen, insbesondere die Stimme einer blonden jungen Frau, die aber, als Jim dort antanzt, vom Erdboden verschluckt scheint. Der macht sich aber dennoch auf die Suche und investigiert, während er Krabben sprechen hört, Leute sieht, die gar nicht da sind, und immer wieder so eine Art Schiffsglocke vernimmt, die womöglich irgendetwas mit einem Freibeuterfluch zu tun hat.

Der kleine Bruder der Widow’s Bay

In gemütlichem 4:3-Format, verwaschenen Bildern, kostengünstigen Requisiten und analogen, aber charmanten Effekten, bei denen gar nicht infrage kommt, dass man sie anders erstellen würde als auf diese Art der Handarbeit, ist The Peril at Pincer Point fast schon so etwas wie eine kleine Variation des Emmy-gekrönten Apple-Serienhits Widow’s Bay.

Beiderorts schwelt ein schon ewig währender Fluch im Unter- und Hintergrund oder jenseits der Gezeiten. Fast hört man die Stimme von Peter Ustinov als Captain Blackbeard in Disneys kauziger Gruselkomödie. Fast schon könnte hier Nebel aufziehen und die ruhelosen Seelen alter Piraten entern wie bei John Carpenter das Trockene. The Peril at Pincer Point bedient sich am etwas nach Hafenwasser duftenden Fundus aus Seemannsgarn, dem Mysterium des Meeres und einer Schatzsucher-Trope, die aber das Objekt der Begierde in der Klangwelt verortet.

Des toten Seemanns Soundbox

Den ultimativen Sound will Jim Baitte finden, den aber nur die toten Seelen kennen. Wie lustvoll verwirbeln Kuhn und Stratton-Twine dieses lässige, zum Teil völlig improvisierte Zwischenwelten-Abenteuer, als hätte Kevin Smith seine Clerks sich selbst überlassen und wäre reif für die Insel geworden.

All das Ungezwungene und beim Dreh vielleicht völlig Unerwartete formt sich zu einem augenzwinkernden Selbstversuch, in dem alles den Vibes folgt und von Zeitplänen nichts wissen will. Der Spaß, der gar nicht mal vorgehabt hat, auf Festivals zu reüssieren, hat sein Glück gefunden. Das kommt eben ganz von selbst, gerade dann, wenn man es nicht erzwingen will.


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