Der Junge, der den Wind einfing

MACGYVER IM MAISFELD

7/10

 

The Boy Who Harnessed the Wind© 2019 Netflix

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: CHIWETEL EJIOFOR

CAST: MAXWELL SIMBA, CHIWETEL EJIOFOR, AÏSSA MAÏGA, JOSEPH MARCELL U. A.

 

„Gegessen wird, was auf den Tisch kommt!“ Und wen das nicht als Kind zum restlosen Vertilgen unliebsamer Speisen bewogen hat, musste mit dem Apell ans eigene Gewissen klarkommen: „Denk doch an die Kinder in Afrika“. Abgesehen davon, dass der Nachwuchs dort nichts davon gehabt hätte, hätten wir unser Essen wirklich aufgegessen (was das eine oder andere Mal sicher passiert ist), sensibilisiert die Relation zum eigenen Wohlstand erst dann, wenn die Konfrontation mit der Armut aus erster Hand passiert. Meist ist das weit weg von daheim. Während eines Individualurlaubs in Dritte-Welt-Länder, wenn der eigene Horizont erweitert werden will, wenn sich das Leben der anderen zur exotischen Erlebniswelt entfaltet. Wie verkennend, denn so erlebenswert ist sie nicht. Vielmehr ein Grenzgang, dessen skandalöser Umstand es ist, ihm überhaupt begegnen zu müssen. Die Welt ist, wie einem dann klar wird, eine ungerechte, in der Ressourcen ungleich verteilt worden sind. Plötzlich wird die Sicht auf das eigene kleine Leben zumindest für kurze Zeit nachhaltig globaler, Zusammenhänge verständlicher, der Unmut gegen das Establishment größer. Denen, die am Ende unserer Reisen zurückbleiben, könnte mit dieser Erkenntnis ja zumindest aus einem gewissenhaften Good Will heraus geholfen werden. Allen anderen müssen, so wie es aussieht, selber klarkommen. Und improvisieren. Oder mal anfangen, die Welt, in der sie leben, besser zu verstehen. Um sie besser zu nutzen. Ganz so wie seit Anbeginn der Menschheit.

Malawi, 2001: Der 13jährige William hat genau das vor. Denn das Wetter, das ist den Bewohnern des kleinen Dorfes Masitala und Umgebung nicht wirklich gewogen. Langanhaltender Regen überschwemmt das Land, und in der Trockenzeit wird wieder kaum ein Tropfen Feuchtigkeit für die Maisfelder verfügbar sein, die aber bares Geld wert sind. Und wer Geld hat, kann sich Essen kaufen und den Sohnemann in die Schule schicken, wissbegierig genug ist er ja. Und zum Glück für alle an der Nahrungsknappheit mitleidenden ist William jemand, der Zusammenhänge versteht, der sich inspirieren lässt und seines und das Schicksal der anderen selbst in die Hand nehmen wird. Anfänglich noch zum Missfallen des Vaters, welcher denkt, das Wunder einer guten Ernte noch mit Muskelarbeit herbeizuschwitzen. William gehört da schon einer anderen Generation an. Und ein schlaues Ingenieursköpfchen wie das eines MacGyver, das gibt es längst nicht nur im Fernsehen. Auf diese Ressourcen könnte ein jeder zurückgreifen, zumindest jeder, der eine gewisse Neugier besitzt und den Glauben, dass eigentlich alles möglich sein kann, dass der erste Schritt zu einem besseren Leben überall sein kann, auch unter der Erde. Das klingt jetzt makaber, stimmt allerdings. Denn William baut eine Pumpe für den Brunnen, angetrieben vom Wind, der unablässig weht, hier in den weiten Ebenen Südostafrikas.

Der Junge, der den Wind einfing ist die erste Regiearbeit des oscarnominierten Schauspielers Chwijetel Eijofor (12 Years a Slave) und gleichzeitig einer der geradlinigsten und erhellendsten Antworten auf die Frage, wie der Hunger in die Welt kommt – und wie man ihn schmälern kann. Nach dem Buch des echten William Kumbawake ist ein Film gelungen, der von Anfang an die Mechanismen und Umstände, die Hunger und Armut nach sich ziehen, konzentriert beobachtet, ohne aber in reißerische Betroffenheitsromantik abzugleiten. Ejofors Film ist sowohl emotional als auch nüchtern, edukativ, aber niemals belehrend. Firlefanz in Sachen Regie gibt es keinen, die Innovation steckt in der Geschichte. Der Regisseur hat hier kein statussymbolisches Ego-Werk gewollt, sondern ein herausposaunendes Anliegen verwirklicht, dass in seiner dramaturgischen Klarheit wirklich wert ist, gesehen zu werden. Vor allem auch, weil es letzten Endes keine Bad News sind, die uns erreichen, sondern Zuversicht, die ohnehin selten ins Kino findet. Vieles, was verfilmt wird, äußert seine Kritik an aktuellen Umständen mit der Vision eines Worst Case. Manifestiert sich das Gute aber als Tatsache, als die gute Nachricht, als einen Triumph menschlicher Anpassung, Improvisation und nachhaltiger Energie, erreicht es beim Publikum deutlich mehr und sollte nicht verschwiegen werden. Noch dazu könnte Der Junge, der den Wind einfing eine gewisse Begeisterung für Physik im Alltag wecken – wie seinerzeit MacGyver, allerdings mit dem bisschen mehr an globaler Relevanz.

Der Junge, der den Wind einfing

Zimmer mit Aussicht

FLANIEREN MIT MANIEREN

5/10

 

zimmermitaussicht© 1986 Kairos-Filmverleih

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 1986

REGIE: JAMES IVORY

CAST: HELENA BONHAM-CARTER, MAGGIE SMITH, JULIAN SANDS, JUDI DENCH, DANIEL DAY-LEWIS U. A.

 

Es müssen nicht immer die neuesten Kino-Releases sein. Die sind in den Print- und Online-Medien ohnehin zahlreich vertreten. Was nicht heissen soll, ich spar mir von nun an meinen Senf. Doch wie wäre es trotzdem mal mit einem etwas reiferen Werk, das, sagen wir mal, rund 30 Jahre auf dem Buckel hat? Da gibt es eines, das kennen wahrscheinlich gar nicht mal so viele, und wäre dieses Werk nicht einer der Lieblingsfilme eines guten Freundes von mir, hätte ich mit Sicherheit vergessen, es auf die Watchlist zu setzen: Zimmer mit Aussicht.

Der zumindest für Pauschaurlauber höchst verlockende Titel steht für das bekannteste Frühwerk des amerikanischen Filmemachers James Ivory, der Zeit seines künstlerischen Schaffens eine ausgeprägte Vorliebe für britische Literatur an den Tag gelegt hat. Nicht zu glauben, dass Ivory eigentlich Amerikaner ist, so europäisch, wie er sich in seinen Filmen gibt. Ich kann mich auch noch sehr gut an die Oscarverleihung 1993 erinnern, als das distinguierte Meisterwerk Was vom Tage übrig blieb nach dem Roman des japanischstämmigen Briten Kazuo Ishiguro achtmal für den Goldjungen nominiert war und dann doch leer ausging. Der Film mit Emma Thompson und Anthony Hopkins in seiner wahrscheinlich besten Rolle ist eine Sternstunde der Schauspielkunst, aber auch der leisen, zarten Inszenierung. Für große Gefühle in kleinen Dosen war James Ivory stets ein Spezialist. Im Jahr davor wurde immerhin Wiedersehen in Howards End ausgiebigst prämiert – für Emma Thompson, Szenenbild und Drehbuch. Howards End war eine Verfilmung eines der Romane des Briten E. M. Forster – und nicht die erste. Zimmer mit Aussicht war 6 Jahre früher dran, und konnte bei den Oscars 1987 ebenfalls punkten, zumindest in den Nebenkategorien. Soviel also zu den Fakten, die in ihrer trockenen Aufzählung jetzt vielleicht ein bisschen für Langeweile gesorgt haben könnten, vor allem bei jenen, die ohnehin über James Ivorys Œuvre Bescheid wissen. Allerdings stimmt dieser kleine, recht langatmige Einblick bestens auf vorliegenden Film ein, der vorrangig eines ist: langatmig.

Dieser Müßiggang, um ein anderes Wort dafür zu finden, kann durchaus ein gepflegter sein. In Zimmer mit Aussicht sogar vom pedikürten Zeh in weißen Socken und Schnallenschuhen bishin zum Spitzenschirmchen, das unter der Sonne der Toskana vor allzu sengender Frühlingshitze schützen soll. Und diese Frisuren – das waren sicher Stunden beim Hairstylisten, der vor allem bei Helena Bonham-Carters sperriger Mähne ins Schwitzen gekommen sein muß. Die damals blutjunge Schauspielerin, gerade mal 19 Jahre alt, feierte mit Zimmer mit Aussicht ihr Kinodebüt. Ihr zur Seite als Anstandswauwau: die legendäre Maggie Smith, oscarnominiert und erschreckend etepetete, fast schon so wie in ihrer späteren Performance als Zauberin Minerva McGonagall, nur in Ivorys Sittenbild bereits schon pikiert, wenn Männer jungfräuliche Damen einfach so von der Seite her anquatschen. Eine zugeknöpfte Zeit, dieses anfängliche 20te Jahrhundert. Und ein Sittenbild, dass vor lauter Kostümen gar nicht mehr weiß, wo der Kleiderhaken hängt. Das künstlerische Florenz mit all seinen Meisterwerken der Renaissance und das dazugehörige flanierende, kunstbeflissene Klientel präsentiert eine Gesellschaft auf fein ziseliertem Silbertablett. Wenn dann die frühsommerlichen Wiesen mit all ihren Mohn- und sonstigen Blumen der Ort eines verstohlenen Kusses sind, werden die impressionistischen Bilder eines Auguste Renoir zum Leben erweckt. Da greift das weiß behandschuhte Filmteam tief in die Requisitenkiste und rückt akribisch ausgesuchte Locations wie handkolorierte Postkarten ins richtige Licht. Das ist natürlich geschmackvoll. Und nach wie vor langatmig.

Beworben wird Zimmer mit Aussicht als zauberhafter Film über die Macht der Gefühle, als große Liebesgeschichte. Das kommt meines Erachtens nicht wirklich hin. E. M. Forsters Roman mag da vielleicht anders ticken, mag da vielleicht die Gefühle von George und Lucy, der beiden Liebenden, die im Zentrum des Filmes stehen, besser umschreiben. In Ivorys Verfilmung ist die leidenschaftliche Liebe bar jeder Leidenschaft und maximal ein halbherziges Geplänkel. Julian Sands, der den liberalen Freigeist George spielt, fährt noch etwas mehr Drive auf, der ist aber mehr dem Anspruch seiner eigenen Quergedanken geschuldet als einer hingebungsvollen Schwärmerei. Und Bonham-Carter? Sie steckt mit ihrer Sehnsucht im besten Wortsinn noch in den Kinderschuhen. Für eine Liebesgeschichte mangelt es zwischen Florenz und der britischen Heimat zu sehr an empfundener Leidenschaft, da sind Hopkins und Thompson als emotional verschlossenes Hauspersonal im Vergleich dazu geradezu in euphorischer Ekstase. Rund um diesen gedehnten „Lamourhatscher“ schlägt ein edler Cast in nobel eingerichteten Zimmern, auf Wiesen und in Gärten eigentlich die Zeit tot, und stellt die Steifheit einer elitären Zwangsgesellschaft voller hemmender Etiketten lustvoll aufgedonnert zur Schau. Wenn schon kein Kuppler, dann ist James Ivory immerhin ein genauer Beobachter einer Zeit, die in strenger Pietäthaftigkeit Lyrik zitiert oder mit gespreizten Fingern Tee trinkt. Daniel Day-Lewis ist in Zimmer mit Aussicht noch der kurioseste Hingucker schlechthin – seine geckenhafte Performance eines fast schon asexuellen Feingeist-Faktotums wäre schon damals auszeichnungswürdig gewesen und fügt sich fabelhaft ein in das wortlastige, zögerliche und ewig flanierende Porträt eines verstockten Establishments.

Zimmer mit Aussicht

Paddington 2

PRISON BREAK MIT BÄREN

7/10

 

PADDINGTON 2© 2017 Studiocanal

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: PAUL KING

CAST: BEN WISHAW (Stimme), BRENDAN GLEESON, SALLY HAWKINS, HUGH GRANT, HUGH BONNEVILLE, JIM BROADBENT U. A.

 

Es muss nicht immer Winnie Puuh sein, der Honigbär im knappen, roten T-Shirt. Es könnte auch sein entfernter Verwandter sein, der im peruanischen Dschungel unter der Obhut von Tante und Onkel aufwuchs und später sein Glück tausende Kilometer weiter nordostwärts versucht. Der stets, oder sagen wir meistens, seinen blauen Dufflecoat und den roten Schlapphut trägt. Der aber Orangenmarmelade nicht weniger liebt als Christopher Robins lebendig gewordenes Stofftier den Honig. Allerdings ist der Paddington-Bär manchem Vorschul-Feedback zufolge seit 5 Jahren eher unerwünscht. Wieso das? Nun, 2014 hatte der pelzige Troubleshooter sein erstes Live Act-Kinoabenteuer, und war wohl für das Publikum jüngeren Alters relativ ungeeignet, und das, obwohl Paddington in den Medien durchaus als kindertauglich durchgegangen war. Natürlich lässt sich so eine Einschätzung nicht komplett über einen Kamm scheren. Da gibt es Kinder, die stecken thrillerartige Spannung augenscheinlich weg wie nichts. Und dann gibt es andere, denen geht eine giftspritzende Nicole Kidman doch etwas an die Nieren. Paddington 2 also, das durfte ich mir alleine ansehen, und zwar ganz freiwillig. Einfach, weil ich selbst Filme für jüngeres Publikum sehr schätze und das Sequel von Paul King durch die Kritikerbank lobend erwähnt wurde. Und nicht zuletzt deshalb, weil der von mir verehrte Brandon Gleeson die pikante Rolle eines Knastkochs übernommen hat. Das musste ich sehen – und auch Hugh Grant, der, mal abgesehen von Bridget Jones, in letzter Zeit nur mehr selten auf der Leinwand zu sehen war.

Und es stimmt – Paddington 2 ist gelungen. Ist noch dazu um Längen besser als der Erstling und verzichtet auch auf unbequemen Suspense, der nicht auf Biegen und Brechen auch den begleitenden Elternteil fesseln muss. Das geht auch anders. Das geht mit viel mehr komödiantischen Zutaten. Und mit einer pfiffigen Story rund um einen sorgsam gehüteten Goldschatz, dessen Aufenthaltsort in einem antiquarischen Pop-Up-Buch verzeichnet worden ist. Von diesem Kleinod und dessen verstecktem Mehrwert erfährt dann auch die abgehalfterte Ex-Theatergröße Phoenix Buchanan (Hugh Grant) – und so macht sich der Verwandlungskünstler in einer Nacht- und Nebelaktion auf, das bibliophile Werk, das eigentlich als Geschenk für Paddingtons Tante gedacht war, aus dem Antiquitätenladen zu entwenden. Wie es der unglücklich konstruierte Zufall will, darf der knuffige Paddington dafür belangt werden – und der wird trotz Unschuldsbeteuerung ins Gefängnis gesperrt.

Spätestens dann, wenn der arme Kuschel-Häftling im Streifenanzug den Knast-Wäschedienst mit roter Horror-Socke zu einem nachhaltig rosaroten Erlebnis werden lässt, hat Paddington 2 seine besten Momente gefunden. Die Gefängnisszenen alleine sind das Schrulligste an diesem kauzigen Fabelkrimi, der zwischen Miss Marple und buntem Disney-Realismus Marke Mary Poppins den kleinen Helden trotz aller Fettnäpfchen, in die er tritt, stets zum Gewinner werden lässt. Dem Waisenbären gelingt im Endeffekt alles, das müssen letzten Endes dann auch die jüngsten Seher überzuckern – und fürchten braucht sich hier wirklich keiner mehr. Das liegt aber auch an einem sagenhaft spielfreudigen Hugh Grant, den man so noch nicht gesehen hat. Der als so sinisterer wie durchgeknallter Theaterschnösel in slapstickhafter Überzeichnung Mimiken an den Tag legt, die alleine schon schmunzeln lassen. Dass der sonst relativ steife Brit-Darsteller wirklich so aus sich herausgehen kann, ist eine willkommene Überraschung. Und auch Brendan Gleeson, der, anfangs schlachtgelaunt und brummig, den Bären später als Küchenmuse akquiriert, zeigt treffsicheres komödiantisches Talent. Man muss also wissen, wie Filme wie diese zu besetzen sind. Das war bei Nicole Kidman leider ein Fehlgriff. Hier stimmt aber das gesamte Ensemble, genießt die Zusammenarbeit und hat Spaß an einer liebenswürdigen Diebeshatz, das sich niemals in plumpem Klamauk verliert, sondern situationskomischen Slapstick mit Understatement für Klischeeparodien erster Güte nutzt. Paddington, der mag etwas schlauer sein als Winnie Puuh, allerdings nicht weniger ungeschickt, naiv und herzensgut. Ein Film also, der ähnlichen Zugang zu seinem Publikum findet wie Christopher Robin, dabei aber noch mehr zu Scherzen aufgelegt ist als der oft ins Melancholische abgleitende Familienfilm aus dem Hause Disney. Familienkino mit Stil also, und ganz vielen Marmeladetoasts.

Paddington 2

Johnny English – Man lebt nur dreimal

STOLPERN MIT STIL

6/10

 

Johnny English 3© 2018 Universal Pictures Germany GmbH

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: DAVID KERR

CAST: ROWAN ATKINSON, EMMA THOMPSON, OLGA KURYLENKO, BEN MILLER U. A.

 

Niemand kann sich so exorbitant komisch fürchten wie Mr. Bean während der Betrachtung eines Horrorfilms. Und niemand bereitet sich so ekelhaft geschmackvoll ein Sandwich zu. Natürlich kann auch niemand seinen Vierräder so zielgenau in die Parklücke manövrieren. Die urbritische Kultfigur von jenseits des Ärmelkanals ist zeitloser Slapstick an der Grenze zum guten Geschmack, brüllend komisch und eine perfide Karikatur auf das urbane Kleinbürgertum und die Tücken des Alltags.  Dabei waren die Fernseh-Sketches weitaus besser als die beiden Kinofilme, denn spätestens, wenn Mr. Bean anfängt zu sprechen, ist der skurrile Charme des Lucky Losers so gut wie verloren. Gerade das nonverbale Spiel hat den Szenen feinsten Brit-Humors diesen bizarren Touch verliehen. Rowan Atkinson allerdings, der sich privat wie so viele andere Komiker eigentlich gar nie wirklich zum Possenreißer hinreißen lässt, kann auch anders. Wobei – gar nicht mal so sehr anders. Im Grunde bleibt er seinem Alter Ego des Mr. Bean weitestgehend treu. In seiner Rolle als Geheimagent Johnny English ergänzt er seine körperbetonten Eskapaden mit überheblichem Geschwafel und kreiert so einen entfernten Verwandten des braun gekleideten TV-Egozentrikers, der noch dazu dort mitmischt, wo es brenzlig wird – das hätte Mr. Bean wiederum nie getan. English allerdings schon. Und der hatte 2003 seinen Einstand. Ja, das war schon ganz witzig, wenn auch etwas bemüht. Bonuspunkte gab’s immer dann, wenn Atkinson mit den Glupschern rollt oder in seltsamen Verbiegungen das Tanzbein schwingt. Das ist schon komisch, kann aber nicht einen ganzen Film tragen, auch wenn John Malkovich zum Cast gehört. Ähnliche Austauschbarkeit muss da das Sequel mit dem Untertitel Jetzt erst recht erleiden. Ich habe die Komödie zwar gesehen, kann mich aber nicht mal mehr erinnern, dass hier tatsächlich Gilian Anderson oder Rosamunde Pike mitgespielt hätten, so sang- und klanglos hat dieses Werk ihren Eindruck hinterlassen.

Der nun vorläufig letzte dritte Teil besinnt sich konsequenter und akkurater auf  hemdsärmelige Späße weit vor der Bequemlichkeit des Informationszeitalters und nimmt sich das filmische Komödien-Euvre eines Peter Sellers zur Brust, genauer gesagt die Filmreihe rund um den Rosaroten Panther. Johnny English – Man lebt nur dreimal blickt zurück nach vorn auf die analogen Katastrophen eines Inspektor Clouseau – und verbeugt sich vor dem sich unendlich selbst überschätzenden, schnauzbärtigen Trenchcoatträger mit einem Repertoire feinster Retro-Fettnäpfchen, die man heutzutage, wie ich finde, gerne als obsolet betrachtet.

Natürlich, der dritte Film um die Wirrungen und Irrungen eines Johnny English ist jetzt mal nichts, was vom Plot her länger in Erinnerung bleibt als ein Durchschnitts-James-Bond. Auch angelt sich Supernase Atkinson seine bewährten Kalauer aus der eigenen Klamottenkiste, verbiegt sich auch hier wieder unter Disco-Rhythmen, macht augentechnisch Marty Feldman wieder alle Ehre und haspelt mit Hängelippe teils ratlos und ob seines Ungeschicks peinlich berührt und frei von jeglicher Selbstreflexion die Cote d´Azur Frankreichs entlang. Ich will gar nicht näher auf den Inhalt des Filmes eingehen, denn der ist nach wie vor austauschbar. Dafür aber unterhalten eben diese liebevoll platzierten Szenen entschleunigter Situationskomik, zum Beispiel wenn English das Smartphone verweigert – das hätte Clouseau auch getan – und stattdessen in der womöglich einzig verfügbaren Telefonzelle am europäischen Kontinent mit jeder Menge Kleingeld versucht, ein R-Gespräch zu führen. Launig auch die Possen mit der Rüstung – auch hier ahnt man fast Peter Sellers wieder auferstanden – einzig Herbert Lom als in den Wahnsinn getriebener Chefinspektor Dreyfus fehlt, aber dafür macht Emma Thompson, eben noch als Jurorin im Drama Kindeswohl auf dem Höhepunkt ihres Schaffens, als fahrige Premierministerin eine gute Figur, mit eleganter Tendenz zur Hysterie.

Johnny English – Man lebt nur dreimal ist distinguierte Turbulenz auf manierlichem Niveau, angenehm bieder und vielleicht gerade deshalb überraschend zum Auflachen, weil dieser Humor ebenso seltsam vor sich hin stakst wie ein Akrobat auf Stelzen – was man vermutlich auch nicht alle Tage sieht. Und Atkinson in seiner expressiven Performance bleibt vermutlich wirklich irgendwie zeitlos – wie der ganze Film, der weitgehend dem Zeitgeist den Rücken kehrt, auf Schnurtelefon setzt und so sehr Old School ist, dass man sich die Wählscheibe wieder zurückwünscht.

Johnny English – Man lebt nur dreimal

Kindeswohl

LASSET DIE KINDER ZU MIR KOMMEN

8/10

 

kindeswohl© 2000 – 2018 Concorde Filmverleih

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: RICHARD EYRE

BUCH: IAN MCEWAN, NACH SEINEM ROMAN

CAST: EMMA THOMPSON, STANLEY TUCCI, FIONN WHITEHEAD, BEN CHAPLIN U. A.

 

Erwachet! Nahezu täglich werde ich daran erinnert, doch endlich die einzig wahre Erkenntnis zu erlangen. In den Passagen zwischen den U- und Schnellbahnsteigen, an den Stationen und Fußgängerzonen: Die Zeugen Jehovas sind immer noch aktiv, unermüdlich und unverwüstlich. Der Missionseifer von Tür zu Tür ist allerdings zurückgegangen, stattdessen harren sie in stoischer Ruhe in kleinen Gruppen der Neugier einiger weniger Zweifler entgegen, die unbedingt wissen wollen, wann denn die Welt wirklich untergeht. Die Zeugen Jehovas sind es auch, die es strikt ablehnen, Bluttransfusionen durchführen zu lassen. In Fällen zur Behandlung von Leukämie unerlässlich. Doch da siegt die Akzeptanz des Todes über dem Glauben. Sogar beim eigenen Kind.

Mit solchen Fällen muss sich die Richterin Fiona Maye herumschlagen. Ihr Resort sind familiäre Streitfälle, Entscheidungen um Leben und Tod. Zum Wohle des Kindes. Da kann es sein, dass bei siamesischen Zwillingen – ein Fall, mit dem Richard Eyres Drama Kindeswohl startet – einer von beiden getötet werden muss, damit der andere überlebt. Kein leichter Job, da würde ich niemals tauschen wollen, wenn ich Entscheidungen wie diese fällen müsste, um mich dann noch der unverhohlenen Kritik jener auszusetzen, die anders entschieden hätten. Die Konsequenz ist Selbstschutz, dick wie ein Panzer, der kaum noch Gefühle heranlässt. Überhaupt finde ich es interessant, dass Emma Thompson, die endlich wieder mal in einer ihr gerechten Rolle zu sehen ist, hier stark an die britische Premierministerin Theresa May erinnert, und dazu auch noch einen ähnlich klingenden Namen trägt. Während des Filmes lässt mich die Idee nicht los, Emma Thompson doch auch gleich für einen Film über die Wirren des Brexits zu besetzen – der wahrscheinlich demnächst kommen wird. In vereinfachter Form, denn kapieren tut das ganze Brimborium sowieso keiner mehr.

Es ist also Emma Thompson, deren nächstes salomonisches Urteil bald wieder gefragt sein wird – nämlich im Fall des Jehova-Sprösslings Adam, der bereit ist zu sterben, für einen sektiererischen Glauben, und für seine Eltern, die denken, richtig zu handeln, indem sie die notwendige Hilfe verwehren. Ungewöhnlich für eine Richterin, sich dann auf den Weg ins Krankenhaus zu machen, um den Jungen persönlich zu sprechen. Und um sich ein Urteil zu bilden, ob dieser im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte so entscheidet oder ob diese Entscheidung von außen erwartet wird. Natürlich gibt niemand so selbstlos sein Leben hin, schon gar nicht ein Kind. Jehova oder nicht. Das erkennt auch Richterin Maye. Und setzt mit ihrem wegweisenden Präzedenz-Beschluss eine Eigendynamik in Gang, die ihre ganze Existenz als Ehefrau, Jurorin und Mensch neu hinterfragt. So gesehen ist Kindeswohl weniger ein Justizdrama, weniger ein Sekten- oder Familiendrama, sondern vielmehr und ganz bestimmt das Psychogramm einer verbissenen, einer immensen Verantwortung unterworfenen Frau, die nichts mehr erkennt außer ihre Pflicht, richtig zu entscheiden. Aber was ist schon richtig? Woran lässt sich das wohl messen? Unter diesem Druck der richtigen Antwort leidet auch Ehemann Stanley Tucci – und sucht das Weite. Während die Richterin in ihrer Befangenheit und am Gängelband von Göttin Justitia langsam ihre Blindheit Dingen gegenüber erkennt, die jenseits des Verhandlungssaals verzweifelt um Aufmerksamkeit heischen.

Nach Am Strand ist Kindeswohl eine weitere Verfilmung der Romane von Ian McEwan – und genauso bemerkenswert gelungen. Emma Thompson liefert eine der beeindruckendsten, wenn nicht die beeindruckendste Leistung ihrer Karriere. Ihr scheinbar versteinertes, rationales Äußeres ringt mit tief vergrabenen Emotionen, die an die Oberfläche sickern. Dieses Ringen vermittelt Thompson auf beeindruckende Weise. Was für eine einnehmende, elegante, wenngleich gebrochene Erscheinung, die sich keine Schwäche erlauben darf, obwohl sie das Wohl der Schwachen verfechtet. Das ihre Performance in Kindeswohl keine Nominierung für den Oscar als beste Hauptdarstellerin nach sich gezogen hat, bleibt mir ein Rätsel. Auch der junge Fionn Whitehead als leukämiekranker Junge weiß sein darstellerisches Potenzial nachhaltig zu nutzen – seine Sehnsucht nach dem erhabenen Ideal eines gerechten Übermenschen wird zu einem Kampf gegen die Mühlen einer ambivalenten Justiz, die richtet, aber nicht fühlt. Regisseur Richard Eyre macht daraus ein vielschichtiges, facettenreiches Filmerlebnis, psychologisch durchdacht und grandios besetzt. Und solange Ian McEwan selbst die Drehbücher seiner Werke verfasst, geht von der präzisen Beobachtung seiner Figuren mitsamt ihren Schicksalen kein Quäntchen verloren. Erstaunlich, wie gut der Brite seine eigene Prosa dramatisiert. Dabei ist nicht selbstverständlich, dass Adaptionen dieser Art so gut gelingen wie hier.

Kindeswohl

Das etruskische Lächeln

MIT OPA AUF AUGENHÖHE

5,5/10

 

etruskischeslaecheln© 2018 Constantin Film

 

LAND: USA 2017

REGIE: MIHAL BREZIS, ODED BINNUN

CAST: BRIAN COX, ROSANNA ARQUETTE, JJ FEILD, THORA BIRCH U. A.

 

Das österreichische Gesangstrio STS hat ihn bereits besungen, und Heidi wüsste nicht, wo sie ohne ihren knorrigen Almöhi abgeblieben wäre: Es ist die Rede vom Großvater, gemeinsam mit Oma eine familiäre Institution, und die Bindung zwischen Enkel und selbigem kann manchmal sogar noch jene mit dem eigenen Erzeuger in den Schatten stellen. Zu Großvätern geht man, wenn die Paradigmen der Erziehung andere sein sollen, wenn sich die Betrachtung der Welt mal auch aus anderem Blickwinkel aufdrängen will. Gelobt sei da der frische Wind, der festgefahrenen Alltagsmanierismen die Scheuklappen abnimmt. Ungefähr so wie in dem Generationendrama Das etruskische Lächeln, einem Roman des Spaniers Jose Luis Sampedro. Verfilmt wurde die Geschichte von den beiden israelischen Filmemachern Oded Binnun und Mihal Brezis, deren Kurzfilm Aya 2012 für den Oscar nominiert war. In der Hauptrolle: Charakterdarsteller Brian Cox mit blanker Sohle und Dreitagebart, und wenn das Bad im kühlen Atlantik genommen werden soll dann sogar komplett textilfrei. Dieser knurrige alte Eremit, der da an der Küste auf einer Insel der Äußeren Hebriden seinen Lebensabend verbringt, kommt bald unfreiwillig in den Genuss der eigenen Familie, von der er sich doch eigentlich losgesagt zu haben scheint. Gesundheitliche Probleme allerdings zwingen ihn dazu, wieder Kontakt zum Sohnemann aufzunehmen, der noch dazu als frischgebackener Papa des kratzbürstigen Neo-Opas sensible Seiten wachkitzelt. Und nicht nur das – das urbane New York birgt sogar noch einen späten Frühling fürs Herz.

Erstaunlich an diesem Film ist, dass er sich geografisch sehr schwer einordnen lässt. Durch den wuchtigen und erzschottischen Brian Cox mit gälischem Wortschatz bin ich zweifelsfrei der Meinung, hier einen ebensolchen Film vor mir zu haben. In Wahrheit aber ist Das etruskische Lächeln ein amerikanischer Film, inszeniert von israelischen Künstlern, basierend auf einer spanischen Vorlage. Das Lächeln selbst, von welchem hier die Rede ist, finden wir auf den Sarkophagen der alten Etrusker – wer die menschlichen Darstellungen der frühen Italiener vom vielleicht letzten Museumsbesuch noch in Erinnerung hat, weiß, dass diese schlicht modellierten Gesichter zufrieden lächeln, als wären sie von einer inneren Ausgeglichenheit, die jeder Herausforderung spielerisch trotzt. Selbst im Tod ist dieses Lächeln präsent – als wäre das Ableben der Anfang von etwas ganz Großem. Vor so einem dieser Skulpturen steht also dieser Rory MacNail, in einem New Yorker Kunstmuseum, und lernt noch dazu die attraktive Claudia kennen (lange nicht auf der Leinwand: Rosanna Arquette). Vieles scheint sich im fortgeschrittenen Leben des Schotten doch noch zum Guten zu wenden, bevor die Diagnose Krebs ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen bald schon unmöglich macht. Oder doch nicht?

Das etruskische Lächeln kommt über den Reiz eines konventionellen Melodrams, das stellenweise so glatt wirkt wie ein Fernsehfilm, nicht hinaus. Da ändert auch der Schauplatzwechsel und die durchwegs solide Besetzung nichts. Obwohl Vater und Sohn genug Reibungsfläche aufbieten, fehlt hier die Reibung. Es fehlt der richtige Konflikt, oder das ganz große Drama, stattdessen mangelt es, wie bei TV-Produktionen meist das Problem, an dramaturgischer Griffigkeit. Die Momente zwischen Großvater und dem kleinen Enkel sind zwar liebevoll in Szene gesetzt, berühren aber nur bedingt – vielleicht, weil Urgestein Cox nicht nur die Familienbande neu knüpfen muss, sondern auch die der Liebe, für die es natürlich nie zu spät sein kann. Und Heimweh an die wilde Küste kommt auch dazu – zuviel für den alten Mann, und zu viel Unruhe, um einen ruhenden Erzählfokus zu erzeugen. Das lässt das Ganze oberflächlich wirken, was es aber eigentlich nicht ist. Jedenfalls ist das Miteinander der Generationen von Enkel, Sohn und Vater das Herzstück dieser Verfilmung, und der Sprung ins kalte Wasser direkt spürbar – wie sinnbildlich man das auch verstehen mag.

Das etruskische Lächeln

Maria Stuart, Königin von Schottland

REGIEREN IST KOPFSACHE

5,5/10

 

MARY QUEEN OF SCOTS© 2018 Universal Pictures International Germany

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: JOSIE ROURKE

CAST: SAOIRSE RONAN, MARGOT ROBBIE, GUY PEARCE, DAVID TENNANT, MARIA DRAGUS, BRENDAN COYLE U. A.

 

Macht ist nichts, was man teilt. Das ist schon ein Phänomen, das dem Menschen ganz eigen ist. Die Möglichkeit, über allen anderen zu stehen, könnte, wenn man sich in der Zeitgeschichte und gegenwärtig umsieht, das höchste Gut überhaupt sein, das es als Mensch anzustreben gilt. Mal oben angekommen, wartet eine Menge Verantwortung, die gerne delegiert wird. Was bleibt, ist ein Rausch, der süchtig machen kann. Und das Gefühl, halb Gott zu sein, wird unverzichtbar. Mit dieser Psychologie des Überstarken hätte sich Maria Stuart auseinandersetzen sollen, bevor sie wieder auf schottischen Boden zurückkehrt, nachdem ihr französischer Gemahl frühzeitig verstorben und ihre Machtposition am Festland von heute auf morgen verpufft war. Wäre sie später gekommen, hätte ihr bewusst sein müssen, was für eine Verwandte da am englisch-irischen Thron sitzt. Nämlich Elisabeth I., Alleinherrscherin mit absolutistischen Tendenzen und harter Hand, reformwillig, protestantisch und unverheiratet. So aber ist Maria Stuart´s Cousine gerade mal 3 Jahre an der Macht – und vor allem der Faktor „unverheiratet“ für die Witwe reizvoll genug, um nicht nur Schottland, sondern auch England zu provozieren. Klug mag Maria Stuart gewesen sein, aber nicht allzu politisch erfahren, impulsiv und – wie es in Josie Rourke´s Historiendrama den Anschein hat – unglaublich stur.

Als zweite in der Thronfolge nach Elisabeth gehört Schottland Maria Stuart, der Halbbruder muss also vom Thron, und überhaupt kann der jungen Dame niemand vorschreiben, wen sie zu ehelichen gedenkt. Denn die Ehe, die ist was fürs Herz, so die naive Sicht der Möchtegern-Regentin, die sich stets mit einer Entourage von vier Hofdamen umgibt und alles daransetzt, einen Thronfolger zu zeugen, der dann aber über die ganze Insel herrschen soll. Das zumindest hat Kalkül – die Männerwirtschaft aus Günstlingen, Gegner und militanten Rivalen ringsherum schläft allerdings auch nicht. Und plant von langer Hand, die ungeliebte Katholikin zu entthronen. Was folgt, sind fiese Intrigen, jede Menge Verrat, Mord und Totschlag. Und die ekelhafte Demonstration maskulinen Dominanzverhaltens.

Das ist Geschichte, die hochinteressant ist, spektakulär und fesselnd. Das spätere Schicksal Maria Stuarts ohnehin reichlich bekannt. Und auch ihr Tod in scharlachroter Gewandung historisch belegt. Wie es soweit also kommt, erzählt bei weitem nicht die einzige, aber neueste Verfilmung des Stoffes über Maria Stuart, Königin von Schottland, in großartig besetzter, aber lückenhafter Chronologie, die sich noch dazu ziemlich schwer tut, zwei Handlungsfäden gleichzeitig zu spinnen. Woran das liegen mag? Vielleicht am fehlenden Gespür für den richtigen Rhythmus. John Mathieson findet zwar schöne Bilder vorwiegend aus dem fahl beleuchteten Inneren von Holgrov Castle – die Schnittfolge allerdings, die sowohl Elisabeth´s als auch Maria´s Geschichte abwechseln soll, fällt sprichwörtlich mit der Tür ins Haus und verspielt ihr Timing gerade in der ersten Hälfte des Filmes, die ohnehin inhaltlich allerlei Fäden ziehen muss. Das ist alles andere als eine runde Sache, und macht es anfangs unmöglich, in das Zeitalter der Renaissance einzutauchen. Die Szenen sind zu kurz, vielleicht auch zu nichtssagend gewählt, es gibt keinen Übergang, der thematisch den Schauplatzwechsel einleitet. Es ist, als lese man ein Buch, und irgendjemand blättert die Seite um, bevor das letzte Wort gelesen ist. Später dann, als die Katze aus dem Sack, Maria Stuart isoliert und der Putsch vollendet ist, hat das Geschichtsdrama die notwendige Konzentration gefunden. Allerdings fast zu spät. Denn die Jahre im englischen Exil sowie die eigentlichen Hintergründe der Exekution spart der opulente Monarchenpoker fast zur Gänze aus.

Was das leidenschaftlichen Spiel einer wie aus Wachs modellierten Saoirse Ronan allerdings nicht bremst. Als Königin weckt sie zwar Sympathien beim Zuschauer, gibt sich allerdings auch vollends ihrer Machtgier hin. Quengeliger Trotz und ein realitätsfremdes Fairness-Ideal werden folglich zu ihrem Verhängnis – und von Ronan verbissen genug aufs Tablett gebracht. Ihr gegenüber eine Elisabeth, die, so finde ich, mit Margot Robbie sogar noch näher an der realen Figur der Königin herankommt als es Cate Blanchett vermocht hat, auch wenn die weiß gepuderte Regentin mit knallroter Perücke szenenweise Erinnerungen an Clown Pennywise wachruft. Apropos Cate Blanchett: Shekar Kapur´s Politepen Elizabeth und Elizabeth – Das goldene Konigreich sind filmisch wie dramaturgisch weitaus besser geglückt und liefern genau das, was sie sollen: Packende, ungemein sehenswerte Geschichtsstunden, die ich euch, falls ihr sie noch nicht gesehen habt, unbedingt ans Herz lege.

Geschichtsstunde, das ist Maria Stuart, Königin von Schottland natürlich auch, nur bleiben Robbie und Ronan hier zwei Konstante, die von einer selten so offensichtlichen, grobmotorischen Filmmontage leidlich souverän getragen werden. So einen Stoff wie diesen, den kann man nicht irgendwie erzählen. Aber genau das erscheint hier so. Dennoch: Kostüme, Make-up und Frisuren treiben in diesem Ringen um den Thron beeindruckende Blüten, womöglich authentisch bis in die Spitzen. Und wer sich an sowas nicht sattsehen kann, ist hier auf alle Fälle gut aufgehoben.

Kleine Anmerkung für Austro-Filmfans: Maris Dragus, Hauptdarstellerin aus Barbara Albert´s Kostümfilm Licht, spielt hier eine von Maria Stuart´s Gefährtinnen.

Maria Stuart, Königin von Schottland