Emma (2020)

LIEBELEI IN HELLEN TÖNEN

8/10

 

emma© Universal Pictures Int. Germany

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: AUTUMN DE WILDE

CAST: ANYA TAYLOR-JOY, BILL NIGHY, MIA GOTH, JOSH O´CONNOR, JOHNNY FLYNN, GEMMA WHELAN U. A. 

 

Diese Blicke sagen mehr als tausend Worte. Wenn Anya Taylor-Joy als literarische Establishment-Kupplerin Emma ihr Gegenüber beobachtet, wenn sie neue „Opfer“ für ihre harmlos intriganten Gesellschaftsspielchen findet oder wenn sie plötzlich selber merkt, dass ihr Herz schneller schlägt, dann sind das garantiert bezaubernde Filmmomente in einer gelungenen Neuinterpretation von Jane Austens Klassiker. Dieser handelt von einer intellektuellen jungen Dame, die eigentlich nicht viel mehr zu tun hat außer sich die Zeit damit zu vertreiben, jungen Männern schöne Augen zu machen und junge Damen für ihre Liebesrochaden auf wohlwollende Art zu manipulieren. Das klingt jetzt nicht wahnsinnig nett, aber Emma ist es die meiste Zeit trotzdem. Keiner merkt wirklich, was sie vorhat. Der, der es merken könnte, ist ihr Vater – der einzige, mit dem Emma in ihrem stattlichen Anwesen zusammenlebt – die Mutter verstorben, die Schwester verheiratet und ausgezogen. Der Vater aber: ein unheilbarer Hypochonder, den jeder Luftzug mutmaßlich ins Grab bringen könnte – sehr zurückhaltend und lustvoll dargeboten von Bill Nighy, der in so klassischen Stoffen einfach seine Rolle haben muss, es geht gar nicht anders. Und es geht auch gar nicht anders, Jane Austens lustvolle Sezierung der Hautevolee des beginnenden 19. Jahrhunderts nicht als Kostümorgie zu inszenieren.

Die Neuverfilmung, die macht hier alles andere als einen großen Bogen um stilvolle Meisterwerke historischer Schneiderskunst: Was die Herr- und Damenschaften hier alles an schicker Mode zur Schau tragen, wird vielleicht nur noch getoppt von einer sagenhaft penibel arrangierten und akkurat fotografierten Ausstattung, vorzugsweise in pastelligem Setting aus Lavendel- und Rosatönen, aus hellem Orange und überhaupt einer ganzen Palette verdünnter Farben, die nur so von der Leinwand fließen. Emma ist filmgewordenes Aquarell, eine Bilderflut aus der Romantik und stark verwandt mit dem deutschen Biedermeier. Heller, strahlender, aber längst kein bunter Kitsch, sondern wohlgesetzte Farbgebung, meist in der Kombination zweier ausgesuchter Komplementen. Berauschend, was hier zu sehen ist. Geschmackvoll, wenn Emma unter einer blühenden Kastanie steht, und dabei ein Kleid trägt mit derselben Farbe der Blüten. Wenn über weite, parkähnliche Wiesen mit vereinzelten Baumriesen in roten Umhängen die Schülerinnen des Mädchenpensionats eilen. Wenn der Zylinder der Herren passend zur Verbeugung vor den Damen nobel vom Haupt genommen wird. Ein Augenschmaus, diese Zeit, unbekümmert und entrückt. Der Wohlstand als gesellschaftliche Blase, die von den Erinnerungen der Revolution gänzlich unberührt bleibt.

In all diesem schwelgerischen Zuckerbäckerstil – auf Silbertellern Makronen in allen Farben und der Tee in edlem Porzellangeschirr – wirft eben Anya Taylor-Joy ihre unwiderstehlichen koketten Blicke. Vortrefflich, wie sie Emmas Stil, ihre Anmut, aber auch ihre manchmal soziale Unbeholfenheit in die gefilmte Epoche hinausträgt. Wie sie fähig ist, einzutauchen in eine Zeit, die schon so wahnsinnig lange zurückliegt. Wo Heiratsanträge brieflich hereinflattern. Oder Gesellschaftstänze als Auslöser für eine Leidenschaft bedeutender waren denn je. Die junge Britin, ehemals Hexe (The Witch) und an der Seite von James McAvoy in Split, verleiht ihrer Emma wirklich alles, was man sich von dieser klassischen Figur nur wünschen kann. Klugheit, Eloquenz, Witz und letzten Endes wie bei allen jungen Damen auch: die große Liebe, die sich erstmal wie etwas Fremdes anfühlt, bevor sie ihre Bestimmung findet. Mia Goth als Emmas Schützling Harriet ist da nicht weniger bezaubernd.

Autumn De Wilde, eigentlich Fotografin, hat mit ihrem ersten Film die romantische Literatur für das Kino des 21. Jahrhundert aufbereitet, mit akzentuierter, klassischer Musik unterlegt und dem sonst subjektiven Begriff des Schönen und Geschmackvollen durchaus wieder mal alle Ehre erwiesen.

Emma (2020)

Der Honiggarten

BIENENFLÜSTERN GEGEN BIGOTTERIE

6,5/10

 

honiggarten© 2019 capelight pictures

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: ANNABEL JANKEL

CAST: ANNA PAQUIN, HOLLIDAY GRANGER, GREGOR SELKIRK, KATE DICKIE, LAUREN LYLE, BILLY BOYD, STEVEN ROBERTSON U. A. 

 

Verdammt lang ist das schon her – 1993 erhielt das junge Mädchen namens Anna Paquin für ihre außergewöhnliche Leistung in Jane Campions Neuseeland-Drama Das Piano mit gerade mal zwölf Jahren den Oscar. Sie war somit die zweitjüngste Gewinnerin in der Geschichte des Goldjungen nach Tatum O´Neal für Papermoon. Das nur am Rande. Seitdem hat die kanadisch-neuseeländische Schauspielerin allerhand zu tun gehabt – für nicht zu knappe Bekanntheit sorgte natürlich ihr Auftreten in Xaviers Mutantenschule bei den X-Men. Der  Liebesfilm Der Honiggarten (im Original viel treffender: Tell it to the Bees) lief noch vor Scorseses The Irishman, wo Paquin die von De Niro schwer enttäuschte Tochter spielt. Interessant, welche Künstler am Set dieses durch und durch britischen Streifens zusammengefunden haben: Paquin eben, und eine Dame namens Annabel Jankel, die, was wohl angesichts dieses Films niemand vermuten wurde, den virtuellen Kultkopf Max Headroom in den 80ern mitentwickelt hatte. Nebst diesem Medien-Trendsetter geht auch die weniger prickelnde Game-Verfilmung Super Mario Bros auf ihr Konto – rückblickend eigentlich nicht mehr anschaubar. Gut, auch die Zeiten verändern die Ambition der Schaffenden, und so ist es diesmal die Verfilmung gediegener Belletristik von Fiona Shaw.

Schöne, rustikale Bilder sind´s, die das Stückchen Arthousekino hier beschert. Die britischen Fünfzigerjahre kann man sich sowieso nicht anders vorstellen als verpackt in kleinstädtische Gemeinden, die von der Industrie leben, Backsteinhäusern, Rockabilly-Moden, kleinen Läden und sehr viel Asphalt. Sehr oft Regen und wenn’s mal nicht regnet, spärlicher Sonnenschein, in dessen Gegenlicht die paar schönen Momente stattfinden, die die beiden Liebenden, um die es hier geht, für sich verbuchen können. Natürlich, Der Honiggarten ist kein gewöhnlicher Liebesfilm, das wäre dann gar etwas zu sehr abgegriffen – es ist die sexuelle Beziehung zweier Frauen. Etwas Verbotenes, das niemand wissen darf. Die Nachbarn nicht, der Vater des einzigen Sohnes nicht, der seine Familie verlassen hat (finster: Emun Elliott) – überhaupt niemand. In den 50ern war Homosexualität auf der großen Insel etwas Verachtenswertes, Krankes. Aber nicht nur dort. Aus Todd Haynes betörenden Film Carol wissen wir, dass das auch an der Ostküste der USA ein gesellschaftliches No-Go war. Cate Blanchett und Rooney Mara haben es versucht. Auch Anna Paquin und Holliday Granger versuchen es. Und wie sie es versuchen, genau das bekommt der Film auf geschmeidige Weise hin. Dieses Annähern, dieses diskrete Beobachten, die unausgesprochene Sympathie. Dann will es das Schicksal, dass Mutter Granger und Sohn mit Anna Paquin unter einem Dach leben. Nichts besser als das, sagt die romantische Ader der beiden Frauen. Das ist schon sehr behutsam, sehr zartfühlend inszeniert. Paquins Rolle der verschreckten Erbin eines Landsitzes mit Mut zum unorthodoxen Lebensstil entbehrt nicht einer gewissen Faszination – Grangers Sehnsucht nach dieser Person lässt sich durchaus nachvollziehen. Dazwischen der Junge, der nicht weiß, wo er hin soll. In den bigotten Konservatismus seiner väterlichen Verwandten – oder mit dem Neuland, welches ihn umgibt, zurechtkommen. Dazwischen auch jede Menge Bienen, denn zu diesem geerbten Landsitz gehört auch eine Imkerei. Dieses Mysterium der nützlichen Insekten, zu denen man sprechen kann und die einem auch angeblich zuhören, quasi eine freud´sche Biene Maja samt Hofstaat, dieses Mysterium verleiht dem traditionellen Liebes- und Leidensreigen eine Art literarische Abgehobenheit, die sich dann aber gegen Ende etwas zu viel erlaubt – das dick aufgetragene Irreale wirkt leider etwas schnulzig.

Macht aber nicht allzu viel, darüber lässt sich hinwegsehen. Der Honiggarten ist eine ansehnliche Verfilmung geworden, die in ihrer klassisch erlernten Erzählweise jetzt nicht die Liebe neu erfindet, aber zumindest der eher selten gesehenen Anna Paquin einen noblen, sinnlichen und selbstbeherrschten Auftritt ermöglicht.

Der Honiggarten

Nurejew – The White Crow

AUS DER REIHE GETANZT

5,5/10

 

EF6B7528.CR2© 2019 Alamode

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: RALPH FIENNES

CAST: RALPH FIENNES, OLEG IVENKO, LOUIS HOFMAN, ADÈLE EXARCHOPOULOS U. A. 

 

Nennt mir fünf Filme, die Ballet zum Thema haben. Würdet ihr diese Challenge meistern, ohne nachzusehen? Ich glaube ich würde es schaffen. Billy Elliot, Black Swan, Girl… Wenn der deutsche Kinofilm Anna nach der gleichnamigen Fernsehserie auch noch zählt, hätte ich mit Nurejew – The White Crow gerade mal eine Hand voll. Ralph Fiennes hat hierzu keinen unwesentlichen Beitrag geleistet, denn die teils kuriose Biographie des russischen Meistertänzers Rudolf Nurejew, die geht auf sein Konto. Nicht nur als Schauspieler und Produzent, sondern auch als Regisseur, wobei, wenn ich die Regiearbeiten des Briten genauer betrachte, ich nicht umhin komme festzustellen, dass der von mir sehr geschätzte Akteur ein kultureller Feingeist sein muss. Shakespeares Coriolanus – ja, der war ein bisschen ungelenk, sehr wuchtig und prätentiös. Wie eine Oper eben. In die Oper dürfte Fiennes wohl auch gerne gehen. Und da dürfte ihm die Idee zu Nurejew gekommen sein. Zur Eleganz des Ballett und zum kalten Krieg. Zu staatlicher Paranoia, Geheimdienst und Überwachung.

Alles beginnt mit Einblicken in eine recht elende Kindheit irgendwo in der russischen Provinz, farblich entsättigt, damit das Verständnis für Zeitebenen gesichert bleibt. Der Junge schafft es mit viel Glück auf die Ballettschule und, wie Kenner der Materie wissen, in die zweitberühmteste Ballettgruppe Russlands neben dem Bolschoi – ins Kirow-Ensemble. Ballett verlangt natürlich eiserne Disziplin, intensivstes Training, nicht zwingend Fanatismus wie bei Black Swan, aber schaden würde das in dieser Branche wahrscheinlich nie. Einen Körper so zu beherrschen, das ist große Kunst. Das Ballett Spartacus damals in der Wiener Staatsoper ist mir nicht nur wegen Rimski-Korsakows Musik noch lebhaft in Erinnerung. Nurejew war also auch so einer, ein Star unter den Professionisten – mit der Aussicht, in den 60ern ein Gastspiel in Paris zu absolvieren. Das passiert dann auch, doch nur unter strengen Auflagen. Westen und Osten können sich nämlich nicht riechen, und der Feind lauert überall. Nur: Auflagen sind Nurejew so ziemlich egal. Er knüpft Kontakte, wohin auch immer. Und stellt fest: müsste er noch mal zurück nach Russland, müsste er für immer dort bleiben,

Nurejew – The White Crow (Weiße Krähe als Synonym für jemanden, der aus der Reihe tanzt, oder einfach anders ist) ist wider Erwarten doch nicht allzu viel mehr als ein Ballettfilm. Für diese formelle Tanzkunst muss man sich schon ansatzweise interessieren, oder zumindest für Extreme der Körperbeherrschung. Für Ehrgeiz natürlich auch. Und erst peripher für den Kalten Krieg. Mit den Schwierigkeiten, die dieser politische Frost mit sich brachte, hat Nurejew erst später zu tun. Bis dahin ist es eine Erfolgsstory, eine schön schimmernde Hommage in der braunstichigen Optik verblassender Papierbilder. Mittendrin sehr zurückhaltend, in elitärem Nachdenkmodus und etwas introvertiert: Ralph Fiennes als Ballettlehrer Alexander Puschkin, mit Halbglatze und Strickweste. Ja, Puschkin wird wohl so gewesen sein, zurückhaltend und distinguiert. Auch Nurejew selbst wird womöglich ziemlich gut getroffen worden sein, auch wenn es danach aussieht, als müsste es Zeit seines Lebens nicht einfach gewesen sein, mit ihm auf Augenhöhe zu kommunizieren. Oleg Iwenko, tatsächlich auch Ballettänzer, bleibt als der Bühnenstar unnahbar und arrogant. Ein Egozentriker aus Fleiß und der Lust am Ruhm. Aber immerhin einer, dem nichts in die Wiege gelegt wurde. Damit kann man sich anfreunden oder nicht. Interessant, wenn auch etwas tanzlastig, ist das ganze Szenario, das Fiennes hier rekonstruiert hat, trotzdem, plätschert aber bis zum alles entscheidenden Wendepunkt in Nurejews Leben eher recht hausbacken vor sich hin. Immerhin: das Sinnbild offener Türen, die in die Zukunft weisen, findet seine realhistorische Entsprechung.

Nurejew – The White Crow

Official Secrets

DER STAAT BIN AUCH ICH

7/10

 

oficcialsecrets© 2019 Constantin Film

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: GAVIN HOOD

CAST: KEIRA KNIGHTLEY, MATTHEW GOODE, RHYS IFANS, RALPH FIENNES, MATT SMITH, MARTIN BRIGHT, INDIRA VARMA, ADAM BAKRI U. A.

 

Was würde man bloß tun, wenn plötzlich klar wird, dass die Mächtigen nichts anderes im Schilde führen als uns Bürger zum Narren zu halten? Womöglich würden wir die Füße still halten, aus Angst, uns mit etwas zu Großem anzulegen. Wegsehen wäre hier das kleinere Übel, zumindest für die Person im Einzelnen, nicht aber für einen ganzen Teil der Weltbevölkerung. Würde man die Konsequenzen abwägen, hätten die Mächtigen also freie Bahn für welche Tricks auch immer. Und die Medien, die hecheln wie pawlowsche Hunde nebenher. Manchen aber war das Ausmaß des Frevels zu groß, und die Konsequenzen einer Gegenwirkung vielleicht nicht ganz so bewusst. Wie zum Beispiel bei Übersetzerin Katherine Gun, einer Whistleblowerin wider Willen.

Dass die us-amerikanische Irak-Offensive auf erstunkenen und erlogenen Beweismitteln beruht, das wissen wir längst. Womöglich auch aufgrund der Aktivitäten von Katharine Gun, die tatsächlich nur (so sagt der Film) ihrem Gewissen so manches schuldig war und dabei so ganz nebenbei Freunden von der investigativen Presse brandheißes Material zugesteckt hat. Das Memo: ein Aufruf zur Manipulation einer UN-Resolution zum Angriff auf Saddam Hussein. Wenn das bekannt werden würde, wäre das ein Stachel im Fleisch der Kriegstreiber. Wahrheiten wie diese aber müssen ans Licht. Und so kam es dann auch. Hätte Katharine Gun doch nur still gehalten; wären ihr die ständigen Verhöre Unschuldiger nicht ganz so sehr an die Substanz gegangen und wären ihre Ideale einfach militanter gewesen, wäre Katharine Gun inkognito geblieben und hätte ihr Leben als kluge, wertebewusste Bürgerin weiterhin bewahrt. Keira Knightley gibt sich im Film dann auch genau so: als junge, unbescholtene und engagierte Frau in einer liberalen Beziehung, die gut mit Sprachen kanAnecken mit den Mächtigen war wohl nicht das, was Whistleblowerin Keira Knightley eigentlich wollte – dennoch macht sie in diesem packenden True-Story-Drama eine kämpferisch gute Figur.n und dann so etwas wie dieses tückische Mail in die Finger bekommt.

Dieser Official Secrets-Act ist alleine schon eine Zumutung und läuft dem Bestreben, transparent zu regieren, völlig zuwider. Klauseln gibt’s da nämlich keine, und Aufdeckern von Machtmissbrauch sind da die Hände gebunden. Tsotsi-Regisseur Gavin Hood lässt in der Klarheit britischer News angesichts dieses Beispiels wütend machender Ohnmacht Keira Knightley wiedermal großartig aufspielen. Kein Film, indem die aparte Britin nicht ihren Rollen völlig gerecht wird. Auch hier bangt und kämpft sie, behält aber stets ihre Selbstachtung, den Kopf hoch erhoben und hat zum Glück jenen ritterlichen Trotz, der notwendig ist, diese Art von Ächtung durchzustehen. Ihr zur Seite: Jurist Ralph Fiennes, der fast ein bisschen wirkt wie Bonds M, nur spürbar sozialer. Hat sich diese True Story tatsächlich so zugetragen, dann grenzt das fast an ein Wunder, wie die Sache ausging. Bei Snowden und Assange lief die Sache anders. Knightleys Kampf für ihre Existenz ist in diesem akkurat inszenierten Aufklärungskino fesselnd dokumentiert, spannend und emotional obendrein. Irgendwann geht es nicht mehr um das Wohl der Welt, sondern darum, seinen eigenen Hintern zu retten. Official Secrets ist ein höchst sehenswertes Filmbeispiel um Selbstlosigkeit, Mut aus Angst und der Freiheit des Gewissens. Und nicht zuletzt um die Fragwürdigkeit von Staatsgeheimnissen, die uns alle angehen sollten.

Official Secrets

High Life

STERNENKIND IM ERSTVERSUCH

7,5/10

 

highlife© 2019 Pandora Film GmbH & Verleih KG

 

LAND: FRANKREICH, DEUTSCHLAND, GROSSBRITANNIEN, POLEN 2018

REGIE: CLAIRE DENIS

CAST: ROBERT PATTINSON, JULIETTE BINOCHE, MIA GOTH, LARS EIDINGER, ANDRÉ BENJAMIN U. A. 

 

In meinem absoluten Lieblingsfilm, nämlich 2001 – Odyssee im Weltraum von Stanley Kubrick, da schwebt das Sternenkind fast schon so wie Major Tom über allen Dingen, scheint ganz plötzlich das Geheimnis hinter seiner Existenz erkannt zu haben, bildet eine Einheit mit dem Universum. Blickt dorthin zurück auf den Moment, in dem die Naturgesetze entstanden sind, und mit den Naturgesetzen auch die Möglichkeit, ein Wesen wie den Menschen zu ermöglichen. Beruhigend, dieses Einheitsdenken. Dass wir nicht verloren sind, sondern Teil des Ganzen. In High Life, einem Science Fiction-Film der vollkommen anderen Art, ist das Bewusstsein, Teil des Universums zu sein, ein verlorenes. Ganz so wie die Charaktere, die sich auf einer einsamen Mission ohne Rückfahrticket befinden, raus aus unserem Sonnensystem in Richtung eines kleinen schwarzen Lochs, dessen Erkundung aber nur die Bonusaufgabe sein soll. Die eigentliche Aufgabe ist die, jenseits von Terra neues Leben auf die Welt zu bringen.

Dabei hat sich zu dieser Aufgabe einzig und allein Wissenschaftlerin Juliette Binoche verpflichtet, genauso eine Straftäterin wie alle anderen auf diesem Schiff, aber zumindest mit genetischem Know-How ausgestattet. Was man von den anderen nicht sagen kann. Also werden die anderen dazu herangezogen, als Versuchskaninchen zu fungieren: als Samenspender und Gebärmutter. Für jene, die es nötig haben, hat dieses Raumschiff so was wie ein Sexzimmer, die so genannte Fuck Box. Dort kann Mann und Frau ihren Gelüsten frönen, ohne unbedingt einen Koitus mit einem Mitinsassen vollziehen zu müssen. Die Besatzung ist schließlich lange unterwegs, so lange wie einst Bruce Dern in Douglas Trumbulls Lautlos im Weltraum, um das bisschen Leben zu retten, was vom Planeten Erde übrig geblieben war. In High Life ist es die Reproduktion des Menschen um jeden Preis. Da ist es egal, wer wen begehrt, welche Sehnsüchte jemand hegt oder welche pathologischen Erscheinungen sonst noch existieren. Claire Denis eigenwilliger Beitrag zur humanphilosophischen Science Fiction reiht sich an die Mindfuck-Meditationen russischer Utopien, hat von Vorbildern wie Solaris oder Arthur C. Clarks Epen gelernt – und doch etwas völlig Eigenständiges entwickelt, einen völlig autarken Beitrag dazu geleistet, wenn es darum geht, die Relevanz des Menschseins im Universum zu betrachten. Dabei ist das Universum im Grunde eine Zigarettenschachtel, ein quaderförmiger Klotz, der im Nichts treibt, und darin spielt sich alles ab, vor allem die Zukunft der menschlichen Rasse und all die Ohnmacht dem eigenen kleinen Schicksal, der eigenen kleinen Reue gegenüber, die man angesichts einer Mission empfindet, die den Horizont erweitern könnte.

High Life ist moderne Kunst, ein photographisches Vexierspiel wie die Filme eines Tom Ford oder Michelangelo Antonioni. Die Odyssee zwischen artifizieller Installation, Avantgardismus und akkuratem Model-Shooting hat etwas Betörendes, vor allem dadurch, weil Denis Dissonanzen ins filmische Tempo bringt. Einmal elegisch, dann durchbrochen von Eruptionen heftiger Gewalt. Dazwischen das Physische, der menschliche Körper als poröses Gefäß, das Spuren hinterlässt, vom Samen bis zur Muttermilch. High Life ist daher auch überhaupt kein gefälliger Film, mitunter durchaus prätentiös und keinesfalls zögerlich in seiner Herausforderung an ein kunstbeflissenes Publikum. In Summe aber hat die Reise ohne Wiederkehr in all seinen Irritationen auch etwas sehr Schönes als Ziel, nach welchem zumindest Robert Pattinsons Charakter zu streben versucht. Er als einziger, der allem entsagt, ein Mönch unter Berserkern. Seine nüchterne, schlichte Figur interpretiert er mit Wohlwollen. Neben ihm machen sowohl Model Mia Goth als eine Art Auserwählte als auch Lars Eidinger (überraschend, ihn hier zu sehen) eine gute Leidensfigur.

Der Mensch ist kein Sternenkind, zumindest nicht jener, der von der Erde kommt, so die Conclusio. Mit Terra haben wir genug zu tun. Trotzdem aber lässt Claire Denis die Möglichkeit, dabei einem Irrtum zu erliegen, zumindest offen.

High Life

The Gentlemen

WEED IM TWEED

8/10

 

thegentlemen© 2020 Universum Film

 

LAND: USA 2020

REGIE: GUY RITCHIE

CAST: MATTHEW MCCONAUGHEY, CHARLIE HUNNAM, HUGH GRANT, COLIN FARRELL, JEREMY STRONG, MICHELLE DOCKERY, HENRY GOLDING, EDDIE MARSAN U. A.

 

Einfach tun, was man am Liebsten macht. Und damit noch Geld verdienen. Muss gar nicht viel sein, der wahre Lohn ist, etwas aus dem zu machen, was am besten geht. Guy Ritchie hat das wiedermal so gehandhabt. Das Studio Miramax hat ihm da wohl alle möglichen Freiheiten eingeräumt. Inhaltlich wie stilistisch oder was auch immer. Es sollte nur ein klassischer Guy Ritchie werden, wie ihn die Leute bereits von Bube Dame König Gras oder Snatch kennen. Bitte kein Guy Ritchie wie in Aladdin. Aber das war ja auch nur eine Auftragsarbeit für Disney. Der Mauskonzern will sich mit Vertretern des Autorenkinos gerne ein paar kreative Aspekte mehr sichern. Das ist ja eine nette Geste – Aladdin ist ja meines Erachtens auch gut geworden, aber war sicher nicht das, womit sich Guy Ritchie wohl identifizieren würde. Nein, seine Welt ist die weite Prärie der angeheizten Gräser, die Savanne des Untergrunds sozusagen – und die damit verbundenen, durchaus illegalen Institutionen, von so manchen Geschäftstüchtigen im Schweiße ihres Angesichts errichtet und verfechtet und irgendwann an den Meist- und Bestbietenden vermacht. Ritchies Welt ist auch die der schrägen Individuen, am Liebsten von Kopf bis Fuß in Tweed (vielleicht, weil das Wort Weed darin enthalten ist?), mit einer Eloquenz auf den Lippen, das es süffisanter nicht geht, aber das Herz dann doch irgendwo am rechten Fleck. Denn seine Typen, das sind dennoch Underdogs, eigentlich nicht unsympathische Außenseiter, die aber außer sich selbst nicht viel brauchen. Naja, vielleicht eine bessere Hälfte, aber sonst wollen sie alle reich und in Frieden leben.

In den vorzeitigen Ruhestand will auch Matthew McConaughey alias Mickey Pierson, der Pate unter den Marihuana-Produzenten. Eigentlich ein Monopolist mit 12 getarnten Fabriken, High Tech-Ausstattung und jeder Menge Personal, vom Schlägertyp bis zum Mädchen für alles (Charlie Hunnam mit mediävalem Rauschebärtchen und einer Vorliebe für Steaks). Dass er sein Königreich vermachen will, das sind Good News, die sämtliche Interessenten anlocken, die aber leider denken, sie sind etwas Besseres als Pierson. Außerdem gibt’s da noch einen Reporter, der seinen ganz eigenen Stück vom Kuchen will, das wandelnde Klischee eines wohlhabenden Juden, Chinesen und aufgeschreckte Querschläger, die sich auf den Schlips getreten fühlen oder beim Paten in der Schuld stehen.

Abwarten und Tee trinken. Klingt langweilig? Ist es aber ganz und gar nicht. Guy Ritchie zelebriert englische Gepflogenheiten, ganz gentlemenlike. Alles sieht aus wie bei Miss Marple oder Sherlock Holmes. Gediegene Räumlichkeiten, Tässchen werden mit abgespreiztem kleinen Finger zum Mund geführt, unterwegs ist man mit Käppchen und in besagtem Tweed, bei Colin Farrell von Kopf bis Fuß, das ist fast schon eine liebevolle Parodie auf den Lebensstil der Brexit-Inselbewohner, natürlich noch mit Turnschuh, um agiler zu bleiben. Ritchie kreuzt das Ganze mit dem Lebensgefühl der Rapperszene und weniger Begüterten, die sich im aktuellen Medienzeitalter das große Glück erhoffen. Großartig, was Madonnas Ex hier für eine verschmitzte, kluge Gangsterpistole konstruiert hat. Allein schon die Idee, die ganze Situation mit einem genial windigen Hugh Grant als Storyteller sukzessive aufzudröseln, zeugt von narrativem Talent und der Fähigkeit, klassische Unterweltkrimis von der Maschekseite anzugehen. Guy Ritchie liebt sein Land, liebt den Joint, Schweine und gerechte Konsequenzen für böse Buben. Klar, sein Film ist eine Komödie, aber eine mit Stil, mit Understatement und skurrilen Situationen, die einfach so passieren können. Für mich ist The Gentlemen Guy Ritchies bester Film, eine sagenhaft coole Socke von einem Mantel- und Hanf-Thriller, zwischen lakonisch lässig und wütend theatralisch. Doch immer mit Etikette.

Noch etwas Tee?

The Gentlemen

Die Agentin

DIE SPIONIN, DIE MICH LIEBTE

4,5/10

 

dieagentin©  2019 Luna Filmverleih

 

LAND: DEUTSCHLAND, ISRAEL, FRANKREICH, USA 2019

REGIE: YUVAL ADLER

CAST: DIANE KRUGER, MARTIN FREEMAN, CAS ANVAR, ROTEM KEINAN, LANA ETTINGER U. A.

 

Sie war der Grund für die Vernichtung Trojas und ein fiktiver Filmstar der Nazis aus einer alternativen Vergangenheit. Jetzt ist sie auch noch Agentin des Mossad geworden. Diane Kruger, deutscher Export nach Hollywood, sehr souverän, sehr professionell – eine gute Schauspielerin. Natürlich kommt es auch auf die Regie und auf den Film an. Bestes Beispiel für eine Diskrepanz zwischen Cast und filmischer Ausführung wäre das Spionagedrama Die Agentin unter der Regie des israelischen Filmemachers Yuval Adler. Ein Film, der sich anfühlt wie ein waschechter John Le Carré. Zumindest anfangs. Tatsächlich aber beruht das entschleunigte Politdrama auf Yiftach Reicher Atirs Bestseller The English Teacher, und Adler selbst hat das Drehbuch hierfür adaptiert. Als Bestseller wird die melodramatische Geschichte, die zaghaft ins Bourne-Universum schielt, mit dem Timing wohl kaum seine Probleme haben. Die Verfilmung hat das allerdings schon. Vergleichbar wäre das mit einem Autor, der sein Notizbuch vollkritzelt, auf den letzten Seiten selbiger erst so richtig in Fahrt kommt und sich das Ende gedanklich aufzeichnen darf, weil einfach die letzten Seiten dafür fehlen, um es niederzuschreiben. Aber gut, alles der Reihe nach. Womit haben wir es eigentlich zu tun?

Neben Diane Kruger erfreulicherweise auch mit „Bilbo“ bzw. „Watson“ Martin Freeman. Der agiert als Mittelsmann beim Mossad, quasi als Betreuer von Agentin Rachel, die nach einem privaten Aufenthalt in London plötzlich spurlos verschwindet. Coach Freeman erhält lediglich eine Nachricht auf der Mailbox. Der Rest des Films besteht aus manchmal schwer unterscheidbaren Rückblicken auf all die Geschehnisse, die sich zuvor abgespielt haben – und die sind mitunter romantischer Natur, da Rachel in Teheran, wo sie als Spionin fungiert, einen Geschäftsmann (Cas Anvar aus der Sci-Fi-Serie The Expanse) kennenlernt, der bald auch ihr Liebhaber wird. Solche Liaisonen belasten die Arbeitsqualität als Spion natürlich immens, und vorwiegend emotional. Und lässt auch so manchen ungern Ermordeten zurück. Nähe sollte man als Profi also tunlichst nicht zulassen. Aber wer ist schon sein Leben lang durch die Bank immer nur Profi? Man ist ja schließlich auch Mensch. Und als Mensch hat man Gefühle – Befehle, Missionen oder sonst irgendwelche Aufträge für den Staat hin oder her.

Der wirkliche Zünder ist Die Agentin nicht geworden. Wie bereits erwähnt: Das Timing ist das Problem, denn anfangs hält sich Adler unglaublich lange damit auf, die beginnende Beziehung der beiden Hauptfiguren fast schon in Form einer Romanze voller relevanter Geheimnisse mit einer allzu sorglos entspannt zu beschreiben. Irgendwann wird er wohl gemerkt haben, dass ihm die Zeit davonläuft und die Story nicht so wirklich in die Gänge kommt, also wird im letzten Drittel noch alles auf eine Karte gesetzt. Um den Film scheinbar aus heiterem himmel abrupt zu beenden. Als wäre der Speicher voll, der Akku leer oder eben das Ringbuch fürs Skript ausgeschrieben. Oder kommt da noch was? Womöglich Die Agentin 2? An sich wäre das Ende gut geeignet für den Cliffhanger eines weiteren, relativ austauschbaren Serienformats, das sich sein Fernsehpublikum für Staffel 2 sichern will. Für einen Film hinterlässt das abgeschnippelte offene Ende ein unrundes Gefühl. Da fehlt ganz einfach ein ganzer Brocken, was das Thrillerdrama relativ undurchdacht und ziemlich fehlkonzipiert zurücklässt. Endet das Buch genauso? Kann ich nicht beurteilen, nur wenns so wäre dürfte mir so manches Detail aus welchem Grund auch immer entgangen sein.

Die Agentin