DER ABGRUND HINTER DEM SCREEN
7/10

© 2021 MUBI
LAND / JAHR: USA 2021
REGIE / DREHBUCH: JANE SCHOENBRUN
KAMERA: DANIEL PATRICK CARBONE
CAST: ANNA COBB, MICHAEL J ROGERS, HOLLY ANNE FRINK U. A.
LÄNGE: 1 STD 26 MIN
Wann habt Ihr Euch zuletzt im Spiegel betrachtet? Und wie oft am Tag? Im Vergleich dazu gaffen wir, sofern es Arbeit und Interesse erfordert, weitaus öfter und ausdauernder auf und in irgendwelche Screens als ins eigene seitenverkehrte Konterfei. Nicht aber, um uns selbst zu entdecken – oder doch? Wohl eher, um nichts zu verpassen in dieser Welt, wo das Digitalisierte einfach bequemer ist als das Analoge. Stößt man dabei irgendwann nicht dennoch auf ein verändertes Selbst?
Der Bildschirm als bodenloser Abgrund
Bei den Jungen mag das so sein. Social-Media-Verbote bahnen sich an, in Australien gibt es sie schon, mit mäßigem Erfolg. Für Screens wird es sie nie geben. Da hinein dürfen alle weiterhin gaffen, um eben all die Dinge zu erfassen, die im Leben zu erfassen sind. Und dennoch: Wie hat Nietzsche in seinem wohl berühmtesten Zitat neben der Totenbescheinigung für den Allmächtigen gesagt? Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich. Könnte der Abgrund mittlerweile nicht auch der vermaledeite Screen sein? Das Display, das Smartphone, die Benutzeroberfläche – die Tiefen des Internets, an dessen Oberfläche all diese Tools und Apps und KI-Masken herumwabern?
Metaphysik-Test für Teenager
We’re All Going to the World’s Fair! So betitelt die nichtbinäre Person Jane Schoenbrun den ersten Teil einer sogenannten Screen Trilogy und setzt Teenagerin Casey (Anna Cobb) einem weltumspannenden Abgrund aus, der so sehr in ihr Innerstes kippt, dass einem selbst beim Mitverfolgen dieses Prozesses ein seltsames Unbehagen beschleicht, gleichzusetzen mit einer ins Kosmische gehenden Vorahnung und Beklemmung, die man bislang in fast allen Werken von David Lynch empfindet, wenn das rätselhaft Mysteriöse in eine scheinbar rationale Welt dringt und das Entsetzliche sich versteckt.
Ob nun David Lynch oder Ari Aster – das vage Erfassen von etwas Seltsamem übersteigt die Resilienz dieses jungen Mädchens zusehends. Was sie verlockt, ist diese Challenge, die sich so nennt wie Jane Schoenbruns smoother Mysterygrusel – We’re All Going to the World’s Fair. Dreimal muss sie es sagen. Dann muss sie sich blinkenden Lichtern aussetzen, im rosafarben-blauen Farbspektrum. Um Teil dieser Herausforderung zu sein, muss sie den Screen auch noch mit Blut signieren – natürlich ihrem eigenen. Und dann kanns losgehen. Nur… was eigentlich?
Heraufbeschwören seltsamer Anomalien
Es heisst, es würden Veränderungen stattfinden. Anomalien in der Physis, in der Wahrnehmung, in der inhärenten Welt um Casey herum. Im Verhalten, im Ich selbst. Casey hat Angst, ist aber zugleich neugierig genug, um das Experiment an sich selbst durchzuführen. Ihr Zustand verändert sich, sie scheint von etwas besessen. Andere, die auch Teil der Challenge sind, zeigen wiederum andere Symptome. Und irgendwo ist die Rede von einem Schleifen-Phänomen, von dem keiner weiß, was das sein soll.
Genau hier setzt Schoenbrun die innere Reise fort. Eine Reise ins Ahnungslose, Überfordernde. Schauspielerin Anna Cobb – über weite Strecken des Films die einzige Besetzung – blickt irgendwann nur noch mit weit aufgerissenen Augen und stierem Blick in die Kamera, die den Screen darstellt. Dinge verändern sich, man weiß nicht was. Die eigenwillige Lichtgestaltung des Films tut ihr übriges. Schwarzlicht, pink-violette Farben, Mintgrün und grobkörnige Schatten. Mitunter enthält der Film eine der verstörendsten Gruselszenen seit langem.
Ein befremdender Trip ins Dazwischen
Den einen aber verstören physische Gewaltspitzen, den anderen gespenstisches Footage-Material. Im Footage-Sektor siedelt auch diese Arbeit hier, und wie schon bei Schoenbruns Nachfolgefilm I Saw the TV Glow als Teil 2 der Screen Trilogy hat We’re All Going to the World’s Fair auf einer eigenen Metaebene weder ein Oben noch ein Unten; was bleibt, ist eine vage Gemütserfassung, ein Psychotrip als schlafparalytische Selbsterfahrung zwischen Halluzination und Paranoia – als würde der ganze Film von etwas wahrgenommen werden, was nicht zwingend menschlich sein muss.
Obwohl dieses Experiment ganz klar auf den veränderungsfähigen Moloch des Internets und seine abgründige manipulative Macht abzielt, das Ganze eine Agenda verfolgt und einen ganz eigenes Vokabular verwendet: Die Befremdlichkeit beim Betrachten überwiegt, das Andocken fällt schwer. Zu sperrig ist das Werk, zu sehr um sich selbst kreisend und grübelnd. Filmkunst ja, das zweifelsohne. Und mit der kann man entweder emotional viel anfangen oder eben nicht. Oder es ist irgendwas dazwischen. Wie beim Betrachter und dem Bildschirm, eine im biolumineszierenden Zwielicht befindliche Grauzone als Passage in eine erschreckende Welt.









