Little Joe

PFLANZ IM GLÜCK

6/10


littlejoe© 2019 Filmladen


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND, GROSSBRITANNIEN 2019

BUCH / REGIE: JESSICA HAUSNER

CAST: EMILY BEECHAM, BEN WISHAW, KERRY FOX, DAVID WILMOT, LEANNE BEST, LINDSAY DUNCAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Drei Dinge soll – angeblich laut Martin Luther – „ein Mann“ im Laufe seines Lebens tun: Ein Haus bauen, einen Sohn zeugen und einen Baum pflanzen. Oder eine Blume, meint Jessica Hausner. Blumen tun‘s nämlich auch. Vielleicht sogar so eine wie Little Joe. Ein aus dem Reagenzglas herangezüchtete, sterile, blattlose Pflanze, die aussieht, als wäre sie aus Plastik. Blumen also, die die Welt nicht braucht. Oder haben Rosen, Tulpen und Lilien ihren Reiz verloren? Nun ja, sie duften zwar gut (zumindest für manche), machen aber nur begrenzt glücklich, da sie irgendwann verwelken. Little Joe allerdings verwelkt scheinbar nicht und macht dazu noch auf Dauer glücklich. Nur aufs Gießen darf man nicht vergessen. Doch darüber braucht sich die Pflanze nicht sorgen. Warum – diese Frage lässt Hausner wohl lieber Emily Beecham beantworten, die als Botanikerin in einem britischen Labor für dieses Musterbeispiel an menschengemachter Natur die Verantwortung trägt, gemeinsam mit Ben Wishaw, der diesmal nicht an Parfüms, dafür aber an Blütenblättern schnüffeln darf. So gut wie in allem, was der Mensch je selbst geschaffen hat, schwelt außerdem ein Quäntchen Chaos. Eine kleine Unbekannte, vielleicht nur eine vernachlässigbare Fußnote, die aber, wie ein gehässiger Nachbar, ein sonst gutes Leben vergällen kann.

Dass die Blume, die hier im Glashaus langsam ihre blutroten Blätter teilt und Pollen versprüht, der darwin’schen Evolutionslehre Nachdruck verleiht, sollte den Expertinnen und Experten, welche die Zusammenhänge in der Natur verstehen wollen, relativ klar sein. Doch wie so oft ist der Mensch erfolgs- und profitorientiert. Das Ego steht im Weg und das große Ganze gerät außer Sicht. Jessica Hausner zeigt also in ihrem extravaganten Science-Fiction-Film, was passiert, wenn pervertierte Biologie Dinge, die längst schon einfach genug sind, noch einfacher macht. Ein lobenswerter Ansatz, ein bemerkenswertes Konzept für einen prinzipiell klugen und gewissenhaften Film – der allerdings nicht nur in die rote Blume, sondern in sich selbst auch sehr verliebt zu sein scheint.

Jessica Hausner dürfte damit, dass Emily Beecham sogar die Goldene Palme für ihre Performance in diesem Film gewonnen hat, längst international gefragt sein. Und ja, zugegeben – ihr Stil ist unverkennbar. Sehr geschmackvoll, sehr apart. Jedoch ernüchternd ereignislos. Diesen Eindruck konnte ich bereits in ihrem Glaubensbekenntnis Lourdes gewinnen. Wenig scheint zu passieren, emotionale Spitzen gibt es keine, alles bleibt stets sehr bedächtig. Von Pathos will Hausner nichts wissen. Sie zelebriert eine Neue Sachlichkeit, fast schon wie Jorgos Lanthimos. Unterkühlt, dafür aber artifiziell bis in Emily Beechams aufgeföhnte, rotorange Haarspitzen. Die wirken als auffallender Farbklecks souverän und komplementär zum kalten Weiß des Labors, zu den pastelligen, grünen Mänteln der Wissenschaftler. Die ganze Welt scheint bei Hausner in monochromen Flächen unterteilt zu sein, meist eben blass, gedeckt, niemals schreiend. Farbe ist auch hier, wie in der Welt der Blumen, das Lockmittel schlechthin, wenn schon Gerüche nicht über den Screen transportiert werden können. Am Liebsten hätte Hausner das wohl gehabt. Dann hätten Farbe und Geruch den Menschen als lediglich einen Teil des viel größeren Ökosystems erklärt, der übrigens nicht viel gewiefter zu sein scheint als eine Hummel auf dem Weg in den pollenbesetzten Schlund der Glückseligkeit.

Little Joe wird somit zu einem nüchternen, zögerlichen, unterm Strich aber durchaus zynischen Gleichnis vom Mensch und seinen verqueren Ambitionen, die Perfektion der Natur zu verschlimmbessern.

Little Joe

The Discovery

DER TOD ALS PLAN B

4/10


discovery© 2017 Netflix


LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN 2017

BUCH / REGIE: CHARLIE MCDOWELL

CAST: JASON SEGEL, ROONEY MARA, ROBERT REDFORD, JESSE PLEMONS, RILEY KEOUGH U. A. 

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Manchmal wird klar, warum Filme, von denen man noch nie etwas gehört hat, obwohl man als Filmnerd täglich up to date bleibt, auf diversen Streaming-Portalen – in diesem Falle auf Netflix – in der Versenkung verschwinden. Wo sollen sie auch sonst hin? Für den Retail-Markt zu „independent“, fürs Kino zu speziell, doch im Stream kann sich jeder bedienen, wer will. Und bedient sich keiner, macht’s auch nichts. Irgendwann sind diese Filme dann weg vom Radar, tauchen vielleicht im Free TV auf – das war’s dann. Angesichts des vorliegenden Films lässt sich sogar vermuten, dass einer wie Robert Redford gar nicht mehr weiß, in diesem Streifen überhaupt mitgespielt zu haben. Doch das hat er. Und nicht nur Redford: der Cast für The Discovery kann sich wirklich sehen lassen. Neben dem Altstar treffen auch noch Komödiant Jason Segel, der mal was Ernstes spielen wollte, und die wunderbare Rooney Mara aufeinander. Als Support streift auch noch Charakterdarsteller Jesse Plemons durchs Bild.

Dabei liegt diesem kleinen großen Science-Fiction-Drama von Malcolm McDowells Filius Charlie eine faszinierende Idee zugrunde. Was, wenn es der Wissenschaft gelingen könnte, herauszufinden, ob es ein Leben nach dem Tod gibt? In dieser alternativen Zukunft ist genau das passiert. Der Tod ist längst nicht mehr das Ende, und darüber hinaus soll das, was danach kommt, um Einiges besser sein. Klar, dass dann all die Unzufriedenen, Kranken und Depressiven zu drastischen Mitteln greifen, um das Ticket ins Jenseits zu ergattern. Die Selbstmordrate schnellt in die Höhe, händeringend wird die Bevölkerung gebeten, doch einen Sinn in diesem Leben hier zu finden – und nicht im nächsten. Entdecker Thomas Harbor allerdings sieht sich dafür nicht verantwortlich – bis ein Mann während eines Interviews vor seinen Augen Suizid begeht. Harbor zieht sich daraufhin zurück, Jahre später besucht ihn sein Sohn auf seinem Anwesen, das mittlerweile zum Elite-Rehabilitationszentrum für gescheiterte Selbstmörder herhalten muss. Darunter Rooney Mara, diesmal ganz in blond. Jason Segel gefällt das.

Zum Beispiel hätte Mike Cahill aus dieser Sache wohl wieder etwas ganz Feinsinniges fabriziert. McDowell hingegen scheitert dabei, diesen gesellschaftlichen Paradigmenwechsel, diesen Beginn einer neuen Menschheitsgeschichte, in ein Kammerspiel zu packen. Diese Rechnung geht nicht auf. Und das liegt nicht daran, dass er das Warum und Wie zu diesem wissenschaftlichen Durchbruch nicht erklärt. Genau diesen dramaturgischen Schachzug verorte ich auf der Habenseite. Erklären lässt sich das ganze sowieso nicht, daher bleiben die Beweise vage, und die Tatsache allein, dass es so ist, müsste genügen. Viel wichtiger und ebenso viel interessanter bleibt die psychosoziale Resonanz. Genau da hat der Film aber enorme Defizite. Wie es sich anscheinend für einen waschechten Independent-Kandidaten gehört, setzt McDowell auf viel Geschwurbel, viel Gerede. Schicksalsschläge aus des Professors Familie kommen hoch, Jason Segel windet und verliebt sich. Geistert durchs Haus und blickt gemeinsam mit Rooney Mara ins Narrenkästchen. Das fühlt sich recht träge an, und das weiß der Filmemacher selbst anscheinend auch, also wird’s später noch ordentlich mysteriös und dank gewisser halbseidener Versuche, eine Logik in das philosophische Konstrukt einzubinden, obendrein noch so konfus, als würde man bei einem, der im Schlaf redet, den Kontext verstehen wollen.

So viel Potenzial für so ein höchst sensibles, spannendes Thema. Jedoch ein Film, der so schnell verdrängt werden wird wie der Gedanke ans eigene Lebensende, das irgendwann – oder vielleicht auch nie, weil gegenwärtig zu abstrakt – kommen wird.

The Discovery

The Rental – Tod im Strandhaus

WOCHENEND‘ UND TOTENSCHEIN

6/10


TheRental© 2021 Pandavision


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: DAVE FRANCO

CAST: DAN STEVENS, ALISON BRIE, SHEILA VAND, JEREMY ALLEN WHITE, TOBY HUSS, ANTHONY MOLINARI

LÄNGE: 1 STD 28 MIN


Das sind Zeiten – so gut waren sie schon lange nicht. Die Arbeitswoche neigt sich dem Ende zu, genussvolle zwei Tage stehen vor der Tür. Man kann auch jetzt wieder problemlos zwei Haushalte unter einem Dach halten – überhaupt kein Problem mehr. In den eigenen vier Wänden muss man auch nicht abhängen, da bieten sich natürlich vermietfreudige Immobilien an, vorzugsweise am Meer. Strandhäuser, die alle Stückchen spielen, und dessen Potenzial man ja für zwei Tage sowieso nie ausschöpfen kann. Aber Luxus ist genau das, und warum sich diesen nicht mal gönnen. Das findet Charlie (Dan Stevens, großartig in Maria Schraders Ich bin dein Mensch), der CEO seiner eigenen, mühsam auf die Beine gestellten Firma, ebenfalls. Und mietet für sich, seine Frau und seinem Bruder samt Anhang eine schmucke Örtlichkeit an der amerikanischen Ostküste, fernab jeglichen Trubels. Das kostet natürlich – aber hey: geschäftlich läuft’s ja prima. Also warum nicht feiern. Diese Einstellung wird durch den Hausvermieter etwas getrübt – der lässt nämlich seltsame rassistische Bemerkungen vom Stapel, worauf ihm die, die es betrifft, ebenfalls blöd kommt. Aber gut – mal davon abgesehen kann das Wochenende mit Alkohol, einer Prise Ecstasy und einem Whirlpool beginnen, indem allerdings zu nachtschlafener Zeit Dinge passieren, für die es eigentlich keine Entschuldigung gibt. Dann ist auch noch der Hund weg und irgendwie beschleicht so manchen das Gefühl, als ob alle beobachtet werden.

In The Rental – Tod im Strandhaus braut sich was zusammen. Und das ist nicht das Wetter, denn das hält. Dave Franco entwirft in seinem Regiedebüt ein Beziehungsdrama mit sehr vielen scheelen Zwischentönen. Ein Konzept, welchem sich zum Beispiel Claude Chabrol immer wieder gern bedient hat. Dessen Filme schleichen förmlich um den als Prophezeiung im Raum stehenden, unheilvollen Höhepunkt herum, doch so richtig fassen lässt sich diese Tendenz trotzdem nicht. Dieses in der Luft hängende, vage Dilemma lässt auch Franco mit sehr viel Laune herumwabern, setzt mitunter falsche Fährten und geizt auch nicht mit dem Verdacht über ein vom Bösen beseeltes Gemäuer, das in maroden Details in eine recht düstere nahe Zukunft blicken lässt. Doch die vier sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt – oder mit den Dingen, die sie aus einer gewissen Kränkung oder Impulsivität heraus anstellen.

Allerdings verlässt sich Franco leider nicht auf sein Gespür für die Eigendynamik menschlichen Fehlverhaltens. Gegen Ende gibt’s die mit dem Vorschlaghammer präsentierte, drastische Wendung – die wenig zimperliche Interaktion von außerhalb, die wohl besser nur als Anstupser für einen Dominoeffekt des Grauens genügt hätte. Doch nein – Franco dürfte von einem Horrorexperten wie John Carpenter Zeit seines Lebens recht beeindruckt gewesen sein, um zumindest als Hommage an das Genrekino den alles erweckenden Paukenschlag für sein sorgfältig eingestimmtes Ensemble zu proben. Ich gebe zu: selbst diese Methode hat was, und beharrlich bleibt sie ja, in ihrer tiefschwarzen, (im wahrsten Sinn des Wortes) hundsgemeinen Konsequenz. Wenn auch nicht so scharfsinnig und lustvoll sezierend wie bis zuletzt noch gedacht.

The Rental – Tod im Strandhaus

Away – Vom Finden des Glücks

DIE ENDLICHKEIT IM NACKEN

6/10


Away© 2019 Der Filmverleih


LAND / JAHR: LETTLAND 2019

BUCH / REGIE: GINTS ZILBALODIS

LÄNGE: 1 STD 14 MIN


Mach es zu deinem Projekt! Dieser Imperativ klingt ein bisschen wie die marketingtechnische Phrase einer Heimwerker-Marktkette, motiviert aber schlicht und ergreifend, das zu tun, woran das Herz dranhängt. Egal, wie lange es dauert. Im Grunde egal, wie viel es kostet. Und wenn ich es ganz alleine mache, muss ich auch niemandem Rechenschaft ablegen. Und es pfuscht mir auch niemand ins Handwerk. Fast schon paradiesisch – zumindest für einen Künstler, der das Tempo seines Workflows selber bestimmt. Beharrlichkeit ist da gefragt. Und am Ende des Tages kommt was Schönes dabei raus. Der lettische Filmemacher Gints Zilbalodis könnte über diese Art des Schaffensprozesses einiges erzählen. Sein Filmdebüt Away nämlich, das hat er ganz im Alleingang durchgeboxt. Selbst geschrieben, selbst entworfen, selbst gezeichnet und animiert. Alles in und aus einer Hand. Ein Autorenfilm, wie er klassischer nicht sein kann.

Zilbalodis Film trägt zumindest in der deutschen Übersetzung den Zusatz: Vom Finden des Glücks – was vielleicht ein bisschen den Anschein erwecken könnte, es hier mit etwas ganz Ähnlichem zu tun zu haben wie den Abenteuern aus der Feder eines François Lelord. Dessen Hector-Romane sind ja schließlich Bestseller, alltagsphilosophisch wertvoll, und sogar mit Simon Pegg ist einer davon verfilmt worden. Auch dort weilt das Glück im Titel, und auch dort ist es natürlich eine Reise weg von Vertrautem, weg von sich selbst, um sich schließlich selbst neu zu finden oder zu er-finden. Away hat aber bei weitem nicht diese unbeschwerte, augenzwinkernde Leichtigkeit – im Gegenteil. Sein Film erinnert an Motive aus dem literarischen Schaffen des Poeten, Kleinen-Prinzen-Schöpfers und Weltkriegspiloten Antoine de Saint-Exupéry, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass der Protagonist des universellen Abenteuers ebenfalls ein Pilot zu sein scheint, welcher mit dem Fallschirm auf einer namenlosen Insel hat notlanden müssen. Wir sehen den ebenfalls namenlosen jungen Mann, hilflos hängend in den Ästen des einzigen Baumes weit und breit. Dann aber wirds märchenhaft düster: Ein schwarzer Golem mit gespenstisch leuchtenden Augen schreitet durch die Landschaft und nähert sich seinem Opfer, um es vom Baum zu pflücken. Der Pilot kann dem Monster allerdings entkommen und findet sich jenseits eines steinernen Torbogens in einer Oase wieder. Dort wartet ein Motorrad und eine Tasche mit brauchbaren Utensilien. Überdies freundet sich der Bruchpilot mit einem gelben Vogel an, der von nun an nicht mehr von seiner Seite weicht. Beide beginnen eine Reise ans andere Ende der Insel, im Rücken der schreitende Gigant, der ihnen folgt.

Away – Vom Finden des Glücks ist ein zur Gänze wortloses, mitunter auch seltsam bedrückendes Sinnbild vom – wie soll ich sagen, ohne es zu pauschalisieren? – nun, vom Leben. Allgegenwärtig ist der Tod, das Vergängliche, ein riesengroßes, stummes, beängstigendes Wesen, das sich nicht abschütteln lässt, das immer sichtbar bleibt, auch aus großer Entfernung. Dessen Omnipräsenz man vielleicht nur für kurze Zeit ganz verdrängen kann. Die Kunst der Abkehr von Gedanken über das Vergängliche scheint der Protagonist immer besser zu beherrschen, währenddessen erhalten so wichtige ethische Gebote wie Freundschaft und Nächstenliebe ihre visuelle Interpretation. Zilbalodis bleibt aber konsequent meditativ, untermalt seinen Film mit situationsbedingten Geräuschen aller Art, kann aber seiner Geschichte nichts abringen, was auch nur entfernt mit Glück zu tun hat. Statt eines positiven, sinnerweckenden Weltbildes gönnt sich diese Reise nur einzelne, in sich ruhende Momente, während alles andere nichts anderes ist als die Flucht vor dem Unausweichlichen. Angesichts dieser beabsichtigten Roadmovie-Poesie scheint das ziemlich ernüchternd.

Away – Vom Finden des Glücks

Stunde der Angst

JENSEITS DER EIGENEN VIER WÄNDE

5/10


stundederangst© 2021 Koch Films


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: ALISTAIR BANKS GRIFFIN

CAST: NAOMI WATTS, JENNIFER EHLE, EMORY COHEN, KELVIN HARRISON JR., JEREMY BOBB U. A. 

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Mit Summer of Sam verbinde ich selbst nur den gleichnamigen Film von Spike Lee. Der allerdings auf wahren Begebenheiten beruht. Im August des Jahres 1977 war es an der US-Ostküste nämlich brüllend heiß. Und als ob die Hitze nicht schon hätte reichen müssen, lief da auch noch ein ziemlich unberechenbarer Serienkiller herum, der es auf Frauen abgesehen hat – dieser hieß Son of Sam. Und Naomi Watts, die passt da als Schriftstellerin June perfekt in dessen Beuteschema.

In Stunde der Angst (im Original viel treffender und weniger reißerisch: The Wolf Hour) leidet der Star aus King Kong oder Mulholland Drive an massiven psychischen Problemen. Und befindet sich an diesen eingangs erwähnten unsäglichen Hundstagen allein und verlassen in den vier Wänden ihrer verblichenen Oma, um… nun ja… was macht sie da genau – erstmal depressiv vor sich hinzudämmern, den Ventilator laufen zu lassen und viel zu rauchen. Den Fuß vor die Tür, den setzt sie nicht. Warum? Ein Trauma verfolgt sie, etwas scheint passiert zu sein, das mit ihrer Familiengeschichte zusammenhängt und sie deswegen so sehr lähmt. Besuch allerdings bekommt sie, die ehemalige Ikone der zeitgenössischen Literatur. Doch dieser Besuch ist temporär – kaum da, verschwindet er schon wieder. Und was seltsam und gleichsam erschreckend ist: Unbekannte machen sich den Scherz, die Fernsprechanlage zu quälen. Oder läuten da gar keine Unbekannten? Vielleicht ist es ja Sam?

Mit Naomi Watts in einem Film hat man schon einiges auf der Habenseite. Lässt sich sonst noch was dazu holen? Zumindest nichts, was einen waschechten Psychothriller ausmacht. Denn Stunde der Angst verkauft sich als solcher, ist aber keiner. Eine Mogelpackung der Verleiher, könnte man sagen. Doch wie sonst hätte sich das Werk gut bewerben können? Als Mystery-Drama vielleicht. Das Phantom an der Fernsprechanlage sorgt schon zumindest ansatzweise für ein mulmiges Gefühl. Denn was dieser Film ganz gut hinbekommt, ist Atmosphäre. Doch immer dann, wenn es ganz danach aussieht, dass die Lage eskalieren könnte, wird einem im besten Wortsinn die Tür vor der Nase zugeknallt. Zum Psychothriller kann sich Alistair Banks Griffins Film somit einfach nie hochschaukeln, dazu fehlt ihm die Beschleunigung. Das mag zwar einerseits enttäuschend sein, andererseits lässt sich zwischen all diesen Hitchcock-Versatzstücken (ich sage nur: Fenster zum Hof) ein Selbstfindungsdrama als sortiertes Kammerspiel zwischen staubigem Interieur entdecken. Wem gefällt, dass Naomi Watts sich selbst einem Lockdown unterzieht und wem der eigene reale noch nicht genug ist, kann sich ja filmtechnisch solidarisch zeigen. Sonst bleibt das, was sich aus diesem Prozedere des Aufraffens gewinnen lässt, eher überschaubar bis ernüchternd.

Stunde der Angst

Strange But True – Dunkle Geheimnisse

WIE DIE JUNGFRAU ZUM KIND

4/10

 

strange-but-true© 2019 Tiberius Film

 

LAND: KANADA 2019

REGIE: ROWAN ATHALE

CAST: MARGARET QUALLEY, AMY RYAN, GREG KINNEAR, NICK ROBINSON, BRIAN COX, BLYTHE DANNER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 35 MIN

 

Tarantinos Hippie-Girl aus Once Upon a Time… in Hollywood, Margaret Qualley, hat es auch in dieser Retail-Premiere eines Mysterydramas faustdick hinter den Ohren. Als ehemalige Freundin von Amy Ryans verstorbenem Sohn steht die Gute fünf Jahre nach dessen Tod vor der Türschwelle der trauernden Mutter, um ihr eine völlig absurde, fast schon kränkende Kuriosität unter die Nase zu reiben: das Bäuchlein, das Melissa nämlich vor sich herträgt, soll auf die Kappe des Verunglückten gehen. Wie das? Theoretisch und auch rein praktisch gar nicht möglich, oder? Naja, meint Melissa, dem Jenseits sei auch im Diesseits manchmal Tür und Tor geöffnet. Amy Ryan hört sich das natürlich nicht länger an und jagt das Mädchen aus dem Haus. Aber was in Dreiteufelsnamen ist da dran? Künstliche Befruchtung vielleicht? Mit einer postmortalen Spermaprobe? Mutter Ryan forscht nach. Und stößt, wie der Subtitel des Films schon vermuten lässt, auf dunkle Geheimnisse.

Roman Polanski, wo bist du, wenn man dich mal braucht? Dieses Script wäre doch ein Fall für den mittlerweile geächteten polnischen Filmemacher gewesen. Der hat aber schon mit Rosemaries Baby einen so gruseligen wie obskuren Film rund um eine ähnlich rätselhafte Schwangerschaft vorgelegt, da braucht es nicht noch so ein Werk. Womöglich wäre dieses Werk aber besser geglückt, denn mit Suspense kennt sich Regisseur Rowan Athale nicht ganz so gut aus. Basierend auf dem Roman von John Searles trommelt dieser immerhin einen ganz brauchbaren Cast zusammen, wobei es Richtung Nebenrollen immer austauschbarer wird. Und die Story selbst? Die fängt zwar vielversprechend an, stolpert aber in der zweiten Hälfte durch einen hemdsärmeligen, überkonstruierten Schubladenthriller, der seine anfangs sorgsam gesponnenen Charakterbilder in stereotype Verhaltensschablonen zwängt. Einzige Ausnahme bleibt Margaret Qualley, die lange geheimnisvoll bleibt, die zu Mutmaßungen anregt, die sich natürlich auch etwas an Mia Farrows naiver Figur der Rosemary aus Polanskis Film orientiert.

In Strange But True ist vieles seltsam, aber wahr. Besser wäre der Film aber mit folgendem Titel beraten: Zu seltsam, um wahr zu sein. Searles Roman weiß wahrscheinlich all die dunklen Geheimnisse besser auszuerzählen. Die Verfilmung hingegen scheint mit dem wuchtigen Unterbau der langsam ans Licht kommenden Geheimnisse öfters ziemlich überfordert zu sein.

Strange But True – Dunkle Geheimnisse

After Midnight

DA IST WAS IM BUSCH

6/10


after-midnight© 2019 Drop Out Cinema


 

LAND: USA 2019

DREHBUCH & REGIE: JEREMY GARDNER

CAST: JEREMY GARDNER, BREA GRANT, HENRY ZEBROWKSI, JUSTIN BENSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 23 MIN


Wie geht der Song von Jack Johnson nochmal? Sitting, Waiting, Wishing. Ummünzen lässt sich dieser Titel so ziemlich haargenau auf den phantastisch angehauchten Südstaatenstreifen des Autorenfilmers Jeremy Gardner, der After Midnight sowohl geschrieben, inszeniert und mit sich selbst in der Hauptrolle auch besetzt hat. Filmemacherherz, was willst du mehr! Was dabei herausgekommen ist? Etwas recht Kauziges und durchaus Mysteriöses. Dabei wäre das kleine Filmexperiment nicht mehr und nicht weniger die Beziehungsgeschichte einer Langzeitpartnerschaft, die kurz dafür stünde, in eine zumindest aus weiblicher Sicht lang ersehnte Vermählung überzugehen. Haus- und Barbesitzer Hank, freiheits- und naturliebend und ab und an auch Rotwild jagend, macht keinerlei Anstalten, die Zweisamkeit ins nächste Level zu heben. Ihm geht’s ja gut, er vermisst schließlich nichts. Freundin Abby allerdings schon – und verschwindet von einem auf den anderen Tag. Zumindest ein Post-it hat sie hinterlassen: Auf dass sie bald wiederkommen wird. Nur wann, ist unklar. Und seit Abby weg ist, passieren seltsame Dinge des Nächtens rund ums Haus, in dem Mann sich, weitab von dörflichen Umtrieben, ziemlich einsam vorkommt. Und gefährdet, denn da ist was im Busch, ein monströses Etwas. Und es will ins Haus, schabt an der Tür, jede Nacht. Hank, die Couch vor die Tür geschoben und bewaffnet mit einer Pumpgun, will dem Untier auf die Schliche kommen. Wie sich aber herausstellen wird, ist das monströse Etwas nichts, was in den Tierbüchern steht…

Ein Horrorfilm ist After Midnight keiner, sondern vielmehr ein lakonisches Zusammentreffen zweier Ereignisse, die erstmal, so wie es scheint, überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Denn wie könnte ein Monster schon mit Abbys Abwesenheit in Verbindung stehen? Es beginnt ein nächtliches Mysterienspiel aus Neugier, Gänsehaut und kryptozoologischen Nachforschungen, die kaum Licht in die Sache bringen. Gardner spinnt seinen müßiggängerischen Filmtraum, in dem viel getrunken, an Türen gekratzt und schönen Zeiten nachgehangen wird, zwischen den Bartflechten der Sumpfzypressen bis zu den abblätternden Türzargen eines äußerlich verfallenen Hauses, den Horrorfilmer als Bühne dankbar annehmen würden. Doch interessanterweise will Gardner sein Publikum nicht zwingend gruseln. Er will die Parameter von Liebe und Zweisamkeit in eine raubtierhafte Sommernachts-Allegorie transportieren, indem sich Ist-Zustände, die im Argen liegen, manifestieren müssen, um wahrgenommen zu werden. Kreativ zwar, keine Frage, und garantiert nur etwas für Seher, die vorbehaltlos in einen Film gehen, denn sowohl Fans des phantastischen Kinos als auch Liebhaber diverser Beziehungskisten könnten an diesem Genre-Spagat durchaus so Manches vermissen. Ein bisschen hängt After Midnight daher im Nirgendwo, mag sich nicht fügen und auch nicht erklären, bleibt fast bis zuletzt in lethargischer Ruhe vor einem Sturm, der zu erwarten wäre, jede Minute des Films. Das Unterwandern der Erwartung ist fast schon fies, irgendwie aber auch eine Provokation in einem gewohnten Miteinander aus Film und Filmfan.

After Midnight

Die Weite der Nacht

I WANT TO BELIEVE

7/10

 

vastofnight© 2019 Amazon.com Inc.

 

ORIGINALTITEL: THE VAST OF NIGHT

LAND: USA 2018

REGIE: ANDREW PATTERSON

CAST: SIERRA MCCORMICK, JAKE HOROWITZ, BRUCE DAVIS, GAIL CRONAUER U. A. 

 

Die Wahrheit liegt irgendwo da draußen, da waren sich Scully und Mulder ziemlich sicher. Nur: die Wahrheit lag schon da draußen, da waren die beiden selbst noch Sternenstaub. Selbige fand ihre Spielwiese in New Mexiko, genauer gesagt in Roswell, als dort angeblich ein extraterrestrisches Vehikel samt Insassen geborgen wurde, was aber mittlerweile von vielen Seiten dementiert wird. Verschwörungsgurus wollen das gar nicht hören. Aber he! Langsam wird es Zeit, sich wieder mal anderen Fakten zuzuwenden, weg von entfesselten Virengewalten aus dem Versuchslabor. Weg von Chemtrail und Flat Earth-Ideen. Vielleicht wieder mehr herumstöbern in den UFO-Annalen? Das tut weniger weh, vor allem auch, weil man dort mehr fabulieren kann.

Erst heute morgen habe ich einen Artikel gelesen über die statistische Wahrscheinlichkeit außerirdischer Zivilisationen in unserer Galaxis. Nun, es müssten rund 35 solcher Fälle geben, parallel zu unserem Fall inklusive Schwankungsbreiten von mehreren Milliarden Jahren. Wenn es sie statistisch gäbe, dann wären wir von der nächsten viel zu weit entfernt, um die Post vom anderen Ende noch zu erwarten. Dennoch, und weil sich die im Flüsterton vorgebrachte Idee an geheimnisvollen lauen Sommerabenden bestens eignet – könnten die Fremden schon längst angeklopft haben. Vielleicht in den 50er Jahren, als Radio und Funk der Hochgenuss des Entertainments waren. Wo Tonbandgeräte für Verblüffung sorgten. Und wo Kleinstädte in New Mexiko prädestiniert dafür waren, das Mysteriöse anzuziehen.

The Vast of Night, oder – in der Übersetzung – Die Weite der Nacht (eine Formulierung aus Shakespeares Der Sturm) ist ein seltsam mysteriöses, kleines Phänomen und eine in sich fremdartig grummelnde Hommage an Orson Welles Radioperformance zu H. G. Wells Klassiker Krieg der Welten, womit er 1938 ganz Amerika zum Narren hielt. Regisseur Andrew Patterson hat sich sein Regiedebüt komplett eigenfinanziert. Eine Liebhaberei, das sieht man. Aus so Liebhabereien entstehen Innovationen, entstehen Experimente für neue Ansätze, um filmische Geschichten zu erzählen. Aber zugegeben: Aller Anfang ist nicht leicht. Die Weite der Nacht pflanzt uns Zuseher vor den Eingang einer kleinstädtischen High School (Buffy lässt grüßen) und hängt die ersten 20 Minuten an den Lippen der beiden Protagonisten Everett und Fay. Die quasseln ungebremst über Leute, die wir nicht kennen, über das Triezen anderer Mitschüler und das bevorstehende Basketball-Spiel in der Turnhalle. Später schlendern sie durch die laue Sommernacht und palavern über die Zukunft der Technik, über die absurde Vorstellung, in 50 Jahren vielleicht auf kleinen Hosentaschenbildschirmen mit anderen zu kommunizieren. Oder dass eine Stimme im Auto die Fahrtrichtung vorgibt. Begeisterte Technik-Nerds, das sind sie beide, er ein Moderator im Radio, sie im Nachtdienst an der Telefonvermittlung. Kurze Zeit später aber passiert das Rätselhafte: Seltsame Funkgeräusche werden wahrgenommen, Zeugen melden sich über Telefon, indem sie offenbaren, mehr über diesen Sound zu wissen als ihnen lieb ist. Und schon ist die Stimmung perfekt, der Zuschauer gefesselt, das große, verändernde Ereignis vielleicht kurz davor einzutreten?

Was Spielberg mit seiner Unheimlichen Begegnung der dritten Art mit viel Licht und Bühnenshow formuliert hat, lässt Die Weite der Nacht in einer bedeutungsschweren Spärlichkeit aus Licht und grobkörniger Kamera, ausgewaschenen Postkarten-Kolorit von damals und knackenden Geräuschkulissen eine ganz andere Gestalt annehmen. David Lynch gelang es meist, in der Abwesenheit von etwas oder einfach nur mit der Dunkelheit selbst enormes Unwohlsein zu erzeugen – Patterson gelingt ähnliches, lässt seine entfesselte Kamera auf Kniehöhe über die leeren finsteren Straßen ziehen, dann wieder folgt Schnitt auf Schnitt, dann wieder ein Blackout und die Mysterytour wird zum Hörspiel. Der Score selbst verbucht durch seinen unberechenbaren Mix aus Sound und Instrumenten eine ganze Metaebene für sich, entwickelt aber gemeinsam mit der enorm dialoglastigen Tendenz zum Kammerspiel a la The Guilty eine atmosphärische Erstaunlichkeit, obwohl oder gar weil dem Independent-Streifen einer dieser üblichen, manchmal aber sowieso eher aufgesetzten Story-Twists fehlt. Den schüttelt Die Weite der Nacht nämlich nicht aus dem Ärmel, das kommende Geschehen ist prinzipiell mal einzuschätzen, obwohl ich auf den Richtungswechsel in der Storyline bis zuletzt gewettet hätte. Man sieht aber wieder, dass mit dem semidokumentarischen Kniff eines Pseudo-Reports und dem magischen Retro-Charme einer Twilight-Zone-Episode aus flirrenden Schwarzweiß-Fernsehröhren Erdachtes einnehmend authentisch wirken kann. Man braucht nicht viel zu sehen, nur in seinem Mix alles zu empfinden, was für eine alternative Wahrheit sprechen kann. Und das prickelt, während das rationale Denken zugunsten jugendlicher Fantasien gerne eine Pause macht.

Die Weite der Nacht

Midnight Special

WENN KINDERAUGEN LEUCHTEN

7/10

 

midnightspecial© 2016 Warner Bros GmbH

 

LAND: USA 2016

REGIE: JEFF NICHOLS

CAST: MICHAEL SHANNON, JOEL EDGERTON, KIRSTEN DUNST, JAEDEN MARTELL, ADAM DRIVER, SAM SHEPARD U. A. 

 

Was der Mensch nicht kennt, fürchtet er. Solange unklar bleibt, worum es sich handelt, muss das Fremde eine Bedrohung sein und mit Vorsicht zu genießen. Am Besten im Schutzanzug, wie in Steven Spielbergs E.T.. Sobald bekannt war, dass ein fremdartiger Gnom auf Erden wandelt, waren alle hinter ihm her. Aber es muss nicht mal ein fremdartiger Gnom sein, einer im Watschelgang und mit leuchtenden Fingern, die heilen können. Es reicht auch, wenn das Medium ein auf den ersten Blick ganz normaler Junge ist, der jedoch nicht weniger Lichtspiele auf Lager hat wie der Außerirdische im Fahrradkorb. Dieser achtjährige Alton kann so manches. Und eigentlich zu viel, findet die Staatssicherheit und der gesamte Geheimdienst. Radio- und Funkwellen jedweder Frequenz und jedweder Sprache sind für den Kleinen ein offenes Buch. Und Vorahnung ist sein zweiter Vorname. Was stimmt nur nicht mit diesem Kind, mit diesem Sonderling und Freak, der eine Vorliebe für Heldencomics hat und das Sonnenlicht nicht ertragen kann?

Ein Messias der Neuzeit ist dieser Alton jedenfalls keiner. Auch wenn eine Provinzsekte das gerne behaupten würde. So kann’s gehen, wenn humanphysikalische Anomalien inmitten einer halb aufgeklärten Gesellschaft Wurzeln schlagen. Dann hat man schnell ein gottgleiches Wesen, das viel mehr weiß als der Normalsterbliche. War das mit Jesus von Nazareth ähnlich? Überlegungen dazu verteilt Regisseur Jeff Nichols nur unter der Hand, als gut versteckte Metaebene für Sozialphilosophen mit Hang zu Querverweisen durch die Geschichte menschlicher Irrungen. Was der Mensch also nicht kennt, fürchtet er? Auch das ist die halbe Wahrheit. Oder er betet ihn an. Oder: er will das Unbekannte gefügig machen. Die Gedanken in Midnight Special reichen viel weiter als bei E.T., obwohl der Klassiker aus den 80ern mit den unendlichen Weiten kokettiert. Midnight Special tut das erstmal nicht, obwohl die Vermutung nahe liegt, dass das verwunschene Kind nicht von dieser Welt ist. Jeff Nichols erklärt anfangs überhaupt nicht viel. Er wirft den Zuseher in den Status Quo während einer Flucht – wovor eigentlich? Erst langsam setzen sich die Fragmente zusammen, die ungeklärten Verhältnisse machen das ganze ohnehin düstere Szenario noch mysteriöser. Als würde man Gespräche anderer belauschen, die etwas Traumatisches erlebt haben. Als wäre man lediglich ein zu spät dazugekommener Zeuge eines bizarren Unfalls, der Zeit und Raum außer Kraft gesetzt hat. Wer die amazon-serie Tales from the Loop gesehen hat, wird ungefähr wissen, was ich meine. Die nach Motiven der Bilder von Simon Stålenhag inszenierte Science-Fiction-Meditation kreist genauso um Unerklärliches wie Midnight Special. Weder Gut noch Böse ist am Werk, nur die panische Überforderung von Menschen, die das, was sie erleben, ihrem erlernten Weltbild nicht unterordnen können. Dennoch macht Nichols daraus einen nachttrunkenen Thriller, in den das gleißende Licht einer unheimlichen Begegnung der dritten Art bricht.

Mehr sei darüber nicht zu sagen, der Rest ist Suspense zwischen Beschützerinstinkt und staatlich verordneter Neugier, die den Hang hat, das Rätselhafte zu brechen. Nach einigen Twists und spielberg´scher Sphärenkonjugationen ist Jeff Nichols Essay, die Freiheit für das Rätselhafte in unserer Welt über unsere Bedürfnisse zu stellen, ein unprätentiöses Noir-Vexierspiel mit verspielten, klassisch-futuristischen Ansätzen, sonst aber von einer aufgeräumten, vielleicht zu strengen Ernsthaftigkeit, die einer kindlichen Betrachtung für das Unerklärliche nicht ganz so viel abgewinnen kann – was fast ein bisschen schade ist.

Midnight Special

Lost Girls

IM SUMPF DER TRAUER

6,5/10

 

lostgirls© 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: LIZ GARBUS

CAST: AMY RYAN, THOMASIN MCKENZIE, GABRIEL BYRNE, OONA LAWRENCE, REED BIRNEY, LOLA KIRKE U. A. 

 

Wer von euch kann sich eigentlich noch an Aktenzeichen XY erinnern? Lief immer freitags im Hauptabendprogramm, und immer dann, wenn mal nicht Derrick oder Der Alte ermitteln mussten. Aktenzeichen XY ließ sein Publikum anhand ungelöster Fälle rätseln und zittern – plus gespielter Szenen, die dem realen Schrecken noch eins draufsetzten. Ganz so wie dieses Aktenzeichen XY, wie die Chronik eines ungeklärten Verbrechens, von dem nur bekannt ist, dass die- oder derjenige Opfer krimineller Aktionen wurden – ganz so mutet Lost Girls an. Ein Film über ein Tappen im Dunkeln, über einen Fall, der sich tatsächlich so zugetragen hat. Vorlage dafür war das Sachbuch gleichen Titels von Robert Kolker. Die Spielszenen, bei XY normal nur einige Minuten lang, expandieren hier zu Spielfilmlänge – und zu einem bewölkten, trüben Drama mit schwermütigem November-Blues.

Love and Death in Long Island, könnte man sagen. Nur ohne Love, dafür doppelt so viele Tode. Gesucht wird die Tochter von Mari Gilbert, in resoluter Verbissenheit und mit Hausverstand darf nun Amy Ryan, die man sonst nur in Nebenrollen zu Gesicht bekommt, ganz vorne stehen. Der Nachwuchs – Tochter Shennan – hätte eigentlich beim Rest der Familie aufschlagen sollen, ist aber nie erschienen. Das Gewerbe, dass sie ausübt, nämlich das älteste der Welt, trägt auch nicht dazu bei, die Sicherheit im Job zu gewährleisten. Irgendwas muss passiert sein. Die Polizei wassert nach – mehr schlecht als recht – und Mari Gilbert tritt den laxen Kerlen in den Hintern. Bis noch mehr Mädchen auftauchen, tot natürlich. Und der Verdacht auf einen Serienkiller die Runde macht. Diesen hat es wirklich gegeben. Und gibt es noch. Denn aufgeklärt wurde die Causa eigentlich nie. Die Erkenntnis entfacht Unruhe, hinterlässt gar ein unbequemes Grundgefühl. Verdachtsfälle gab’s genug, einer davon sehr konkret. Aber ein Verdacht ist kein Beweis, also heißt es weiterforschen auf eigene Faust, damit zumindest die Leichen geborgen werden können und all die Mütter ohne Töchter zumindest über Leben und Tod Bescheid wissen können.

Wie lähmend muss das sein, genau diesen Umstand nicht zu wissen. Unweigerlich muss ich an den Fall von Natascha Kampusch denken. Letzten Endes eine Entführung, die das Mädchen überlebt hat. Als vermisst galt sie rund 8 Jahre lang. Ein Horror für die Eltern. Da lässt sich erahnen, wie entlastend das sein muss, zumindest darüber Gewissheit zu erlangen, ob das eigene Kind noch lebt, kein Leid ertragen hat oder beerdigt werden muss. Lost Girls ist eine freitagabendliche Kriminaltristesse, die sich in keinster Weise schönreden lässt. Die Suche nach den Toten ist ein quälendes Umherirren im Morast, quer durch die unwirtlichen Sumpfgebiete der wenig einladenden Ostküste. Das einzig Tröstende ist die Solidarisierung der Hinterbliebenen. Zu den Schwestern der Vermissten zählt auch die talentierte Newcomerin Thomasin McKenzie, die zuletzt in Taika Waititis Jojo Rabbit zu bewundern war. Sie bleibt aber eher im Hintergrund – das Feld führt Amy Ryan an, die sehr praktisch veranlagt – und das vielleicht zum eigenen Schutz – mit dem Schlimmsten rechnen muss.

Liz Garbus (Oscarnominierung für die Doku What happened, Miss Simone?) erster Spielfilm ist eine Netflix-Premiere. Schön, dass der Streamingriese auch Sundance-Beiträgen eine Plattform bietet, so wie dieses sehr ernste, semidokumentarische, nüchterne True-Crime-Szenario, das nur noch Eduard Zimmermann benötigt hätte, um den mysteriösen Fall auf eigene Initiative wieder aufzurollen.

Lost Girls