Babystar (2025)

DIESES LEBEN ENTHÄLT PRODUKTPLATZIERUNGEN

5/10


Maja Bons als Luca Sommer im Film Babystar
© 2025 Jakob Fliedner / LiseLotte Films


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE: JOSCHA BONGARD

DREHBUCH: NICOLE RÜTHERS, JOSCHA BONGARD

KAMERA: JAKOB SINSEL

CAST: MAJA BONS, BEA BROCKS, LILIOM LEWALD, JOY EWULU, MAXIMILIAN MUNDT, VERENA ALTENBERGER, MATTHIAS MATSCHKE, MARIA MATSCHKE ENGEL, ALEXANDER SCHUSTER, KATHARINA LEY U. A.

LÄNGE: 1 STD 389 MIN



Momentan macht österreichweit die Aktion „handyfrei“ die Runde – gut für die Kids, gut für die Psychohygiene, gut für überhaupt eh alles. Schlecht für’s Geschäft, wenn andere davon leben. Wie zum Beispiel Familie Sommer, bei denen, und das muss ja so sein, immer Sommer ist und die wirklich alles, womöglich sogar ihren Stuhlgang, posten, damit ihre Community weiß, wie gesund sie alle sind: Mutter, Vater und Tochter.

Ins öffentliche Leben hineingeboren

Der einzige Unterschied zwischen den Erwachsenen und dem Nachwuchs ist ein frappanter: Die lieben Eltern haben sich die Zurschaustellung ihres Lebens für die gesamte verdammte und vielleicht auch kaputte Öffentlichkeit ausgesucht – die sechzehnjährige Luca hat das nicht. Die ist in dieses Projekt hineingeboren. Fast schon so, und das fiel mir auch während des Filmes ein, der gute alte Jim Carrey in Peter Weirs Die Truman Show. Gefragt hat beide wohl niemand.

Ein Leben wie ein Wollknäuel

Luca ist zwar nicht im Fernsehen, doch das wäre weniger exhibitioniert als in den Sozialen Medien, wo täglich und stets um dieselben Uhrzeiten Content geliefert werden muss. Lässt man da einmal nach, sinkt auch das Interesse. Letztlich ist das Ganze auch ungefähr so, als würde man eine Katze andauernd mit einem Wollknäuel triggern. Nimmt man ihn aber weg, sucht sich das Tier etwas anderes. Während das Leben dieser Familie von einer Katzenpfote abhängt, die immerwährend gegen das Knäuel schlägt, ist der Katze das Knäuel letztendlich egal.

Werbepause gibt es nicht

Diese Anbiederung an Ruhm und Follower hat Luca also mit der Muttermilch aufgesogen – und tatsächlich ist die Geburt ihrer selbst längst unlöschbares Footage im ganzen großen Kosmos des Internet, mitsamt Nabelschnur und Plazenta. Finanziert wird das Ganze durch Produktplatzierungen, Produktbewerbungen, Empfehlungen – unterm Strich also die ganze mühsame Bandbreite des Daseins einer Influencer-Familie, die in einer selbst gemachten Werbesendung lebt.

Die Truman Show, EdTV, Babystar – was kommt als nächstes? Das will Filmemacher Joscha Bongard derweil noch nicht wissen. Mit der Krux eines im Ausverkauf befindlichen öffentlichen Lebens, in dem Intimität und Privatsphäre mit Persönlichkeitsrechten überhaupt nichts anfangen können, hat er schließlich genug zu tun. Und will, dass Luca dabei endlich aufwacht. Damit sie sieht, dass dieses Leben persönlichen Bedürfnissen weiträumig aus dem Weg geht, und auch nicht so sein muss, nur weil man genetisch dazugehört.

Gesehen, weitergescrollt

Bongard schickt Maja Bons auf einen Coming of Age-Trip. Für den er aber mal ordentlich Luft holen muss. Dieses Luftholen dauert lange. Schließlich will Babystar mal den ganzen kranken Ist-Zustand erst einfangen. Und verfängt sich. Weil es ihn selbst fasziniert. Weil man noch eins und noch eins draufsetzen kann. Nicht jeden interessiert diese Familie, ich als Betrachter im dunklen Kinosaal weiß schon, worauf es hinausläuft – ein Beitrag hier, ein Beitrag da, dann wieder hundert Fotos.

Während sich das Gesamtbild dieser Lebenssituation ohnehin schon in den ersten zehn Minuten erschließt, braucht Bongard noch länger, und vergisst dabei auch ganz auf seinen Vorspann, den er dann irgendwo einstreut. Fasziniert ist Babystar auch sehr von seiner Location – dieses geräumige, architektonische Wunder eines Einfamilienhauses, der letzte Schrei in Inneneinrichtung, Coolness und einer aller Welt vor den Latz geknallten Ausdruck des Establishments.

Nur wenige scharfe Spitzen

Eigentlich ist Babystar von seinem Thema so angetan, das sich die Ambition einer kritischen Betrachtung zwischendurch in einer Selbstverliebtheit verläuft, die den Film um sich kreisen lässt, wie die Familie selbst. In repetitiven Loops festhängend wie an einem Dornbusch, kommt Babystar nicht weiter.

Die statische Zögerlichkeit versucht Bongard dann mit Thriller-Elementen zu kompensieren – die gefühlskalte Architektur des Zuhauses wird zur Scheinbedrohung, das Abendritual zum beklemmenden Sektenritual. Doch die Stimmungsmache scheint nur kolportiert zu sein.

Beizeiten erinnert man sich an Ruben Östlund, seine Sache mit dem Square oder dem Triangle of Sadness – vor allem dann, wenn Luca in einem Nobelrestaurant zum rebellischen Aktionismus tendiert. Doch nur hier mag Bongard so ätzend sein wie sein schwedischer Fachkollege. Später gelingt ihm das nicht mehr.

Babystar (2025)

Gran Turismo (2023)

VOM KINDERZIMMER AUF DIE RENNBAHN

7/10


Archie Madekwe (Finalized)© 2023 CTMG. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2023

REGIE: NEILL BLOMKAMP

DREHBUCH: JASON DEAN HALL, ZACH BAYLIN

CAST: ARCHIE MADEKWE, DAVID HARBOUR, ORLANDO BLOOM, DJIMON HOUNSOU, GERI HALLIWELL, DARREN BARNET, JOSHA STRADOWSKI, MAEVE COURTIER-LILLEY, MAXIMILIAN MUNDT, THOMAS KRETSCHMANN U. A.

LÄNGE: 2 STD 15 MIN


Es gibt diesen von mir als Jugendlicher sehr geschätzten und dutzende Male gesehenen Film aus den Achtzigern: Starfight. Kennt Ihr den? Das Science Fiction-Abenteuer, welches erstmals ganze computeranimierte Passagen für seine Weltraumschlachten verwendet hat, besitzt zumindest anfangs eine vergleichbare Prämisse wie in der eben erst angelaufenen True Story über einen Gamer, der dank seiner exorbitanten Leistungen vor dem Monitor tatsächlich in einen Boliden steigen darf. In Starfight war ein auf Erden aufgestelltes Arcade-Spiel ebenfalls dazu da, um geeignete Kampfpiloten zu finden, die letztlich einen für die Erde kaum relevanten Krieg zwischen zwei Alien-Rassen ausfechten mussten. Alex Rogan war einer von ihnen – und durfte ins All.

Was in der Fiktion vielleicht ein bisschen haarsträubend klingen mag, ist – umgemünzt auf den Rennsport – ähnlich passiert. Spontan würde man diese Methode des Marketings für fahrlässig erachten, denn wie sehr kann ein Stubenhocker, der zwar in der Theorie vieles über Autos weiß, denn wirklich und im echten Leben seine über 300 Sachen fahren, auch wenn er die Rennstrecken dieser Welt so gut wie auswendig kennt? Wer nichts wagt, der nicht gewinnt – doch für diesen PR-Gag akzeptiert der Aufsichtsrat von Nissan dann doch ein gewisses Risiko, dank der charismatischen Überzeugungskraft von Marketing Manager Danny Moore („Legolas“ Orlando Bloom). Natürlich ist die Auswahl des letztlich für den Autohersteller wettreitenden Testimonials kein 6 aus 45, sondern setzt sehr wohl gewaltiges Können voraus. Erstmal auf der Konsole, und dann auf dem Asphalt. Das Rennen macht ein dauerzockender Teenager aus Cardiff, Jann Mardenborough, um als einer von zehn Teilnehmern an der GT Academy unter der Obhut des grimmigen, aber herzensguten Ex-Rennfahrers Jack Salter (David Harbour) zum Bleifuß heranzureifen. In der Welt des Rennsports werden diese sogenannten Sim-Racer wenig willkommen geheißen. Und als während der ersten Rennen an den berüchtigtsten Strecken Europas die Nerven blank liegen, weil es um Leben und Tod geht, stößt sich – was unvermeidbar war –  Jann seine Hörner ab.

Lange schon war Gran Turismo als Verfilmung des gleichnamigen Simulators im Gespräch – für den nun endlich erschienenen Sport-Actioner holten die Geldgeber Science-Fiction-Visionär Neill Blomkamp aus der Versenkung, dessen besten Zeiten mit District 9, Chappie oder Elysium lange zurückliegen. Am Alien-Franchise hätte er herumprobieren sollen, doch daraus wurde nichts. Weg vom Phantastischen hin zu rauchendem Gummi klappt allerdings auch – gepaart mit dem richtigen Timing für das Zwischenmenschliche hinter dem Eifer des Sieges braucht sich Gran Turismo kaum hinter anderen Genrewerken zu verstecken, obwohl sich nicht alles, was wir hier zu sehen bekommen, wirklich so zugetragen hat. Dass David Harbours Figur aus rein dramaturgischen Gründen in die Story eingeflochten wurde und gar nicht wirklich existiert hat; dass Orlando Blooms Charakter auch ganz anders hieß und das 24 Stunden-Rennen statt in Les Mans in Dubai stattgefunden hat – alles Zugeständnisse für eine klassische Sportgeschichte, die von Ehrgeiz, dem Willen zum Sieg und dem Alles ist möglich-Motto erzählen. Es gibt die Freundin, die den Rücken stärkt, der reuevolle Vater, der die Skills des Sohnes nicht richtig zu schätzen wusste und der aufrechte Mentor, der zum Freund wird und Janns Glauben an sich selbst pusht: Alles Versatzstücke, die man gerne bedient – aber auch gerne bedient sieht. Denn Geschichten wie diese, die sind zwar simplifiziert und biedern sich den Wünschen der Geldgeber an, können aber auch ordentlich mitreißen. Wie Gran Turismo eben.

Wenn Mardenborough an den Start geht, wenn am Nürburgring ein spektakulärer Unfall den eingeschlagenen Weg des jungen Idealisten ins Wanken bringt – wenn fiese Wettstreiter wie das Capa-Team vielleicht gar die Oberhand gewinnen: All das ist packend inszeniert und tausendmal spannender als Live-Übertragungen diverser Rennen irgendwo am Planeten, auch wenn sie vielleicht von Heinz Prüller auf sympathische Weise kommentiert worden sind.

Explodieren die Boliden, ist das Publikum zufrieden – so singt es Rainhard Fendrich in seinem Klassiker Es lebe der Sport. Ja, so ist es, da lässt sich nichts schönreden und auch keine Entschuldigung finden. Ein Rennen ist wie das Ziehen in eine Schlacht – wenn dann ein Jungspund den Wagen lenkt, ist das wie Luke Skywalker in seinem X-Wing. Man fiebert mit. Und weiß, dass Rennsportfilme – sowie Sportfilme überhaupt – die bessere Wahl dafür sind, anderen beim Wettstreit um die beste Leistung zuzusehen. Das gilt zumindest für mich.

Gran Turismo (2023)