Die Blutgräfin (2026)

WIENER BLUTWÜRSTE ALS TOURISTENKNALLER

2/10


Isabelle Huppert als die Blutgräfin
© 2026 Amour Fou / Petro Domenigg


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, LUXEMBURG, DEUTSCHLAND 2026

REGIE: ULRIKE OTTINGER

DREHBUCH: ULRIKE OTTINGER, ELFRIEDE JELINEK

KAMERA: MARTIN GSCHLACHT

CAST: ISABELLE HUPPERT, BIRGIT MINICHMAYR, THOMAS SCHUBERT, LARS EIDINGER, ANDRÉ JUNG, KARL MARKOVICS, BRANKO SAMAROVSKI, MARESI RIEGNER, TOM NEUWIRTH, BURGHART KLAUSSNER, TANJA RAUNIG, JOHANNES SILBERSCHNEIDER, KARL FISCHER, NOAH SAAVEDRA U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN



Was ist eigentlich Avantgarde?

Vom Feuilleton, von der Kunstkritik und dem fachkundigen Journalismus verliehen, ist Avantgarde der Bruch mit der Konvention. Avantgarde – seiner Zeit voraus – möchte man sein, wenn bestehende ästhetische oder auch narrative Normen ausgehebelt werden sollen.

Die Freiheit der Kunst – zumindest in diesen Breiten – erlaubt es, allerhand Methoden auszuprobieren, mit denen das normenverwöhnte Volk nicht rechnet, die es nicht kommen sieht, über die es aber irgendwann in der Kunstgeschichte nachlesen kann, dass sie Vorreiter von etwas waren, das sich niemals etabliert hat. Avantgarde kann schließlich nur schwer existieren, wenn es nicht vorher gewisse Parameter gegeben hat, die eine Kunst überhaupt erst anwendbar und messbar machen.

Kunst kommt von Können? Zumindest braucht man Talent, Know-how und Inspiration. Ein Architekt zum Beispiel kann sich in Form, Farbe und Größe austoben, muss aber dennoch immer darauf achten, dass sein Gebäude nicht zusammenbricht. Wie er das anstellt, ist seine Sache, doch Zugrundeliegendes muss vorausgesetzt werden. Stürzt dieses völlig irre Konstrukt dann doch noch ein, könnten andere, hustend und zwischen Staubwolken, Schutt und Mauerresten, dennoch behaupten: Was wollt ihr, es ist Avantgarde!

Und wer ist Ulrike Ottinger?

Als Avantgardistin wird und wurde auch Ulrike Ottinger gefeiert – als feministische Avantgardistin wohlgemerkt. Ihre Filme kenne ich nicht, und nach Sichtung ihres Spätwerks Die Blutgräfin habe ich keine große Lust dazu, ihr bisheriges Œuvre auch einer näheren Betrachtung zu unterziehen.

Die deutsche Künstlerin bricht seit jeher radikal mit Traditionen, was die Art des Erzählens anbelangt. Allerdings sollte man wissen, was man mit diesem Bruch anstellen will. Warum eigentlich alles anders sein soll als das normative Erzählen und welchen Mehrwert das Ganze hat. Ist es einzig und allein, um einen funktionierenden Modus operandi zu zerstören? Dann wäre genau dieser Akt des Zerstörens der einzige künstlerische Belang, bleibt doch außer dieser Behauptung sonst nichts übrig.

Alles, was Wien so ausmacht

Auch dieses Bild der Zerstörung ist Avantgarde – oder nur ein Motiv? An solchen aber erfreut sich Ottinger ungemein. Was gibt es da nicht alles? Hawelka-Buchteln (ohne Danzer’s Flitzer) und Riesenrad, Sisi aus Marzipan und die Blutgasse, den Heldenberg und den Wiener Narrenturm. Die Herzerlgruft und sonst solche Dinge, die Wien als morbide Stadt erst prägen. Ist das so?

Für Ottinger wollen sich alle zum Narren machen, die die deutschsprachige Schauspielkunst beherrschen, nur um sich dann selbst nochmal zu synchronisieren, und das nicht unbedingt synchron. Birgit Minichmayr, Lars Eidinger, Karl Markovics, Thomas Schubert – sie alle umringen eine stoische Isabelle Huppert, die mit der historischen Gestalt der Erzsébet Báthory außer dem Namen überhaupt nichts gemein hat. Mit den Mythen über Untote hat sie genauso Probleme wie wir mit Hupperts farblos hingepfuschter Synchronstimme. Bereits zu Beginn des Films gleitet die Filmlegende auf einer üppigen Gondel durch ein unterirdisches Wasserreservoir dahin. Was sie in der goldenen Wienerstadt will? Ein Buch finden, das die Macht hat, Vampiren und anderen untoten Kreaturen das ewige Leben zu nehmen.

Nicht alles, was misslingt, ist Avantgarde

Als Plot reicht das aus, findet Ottinger. Er dient als Setzkasten, in den nun alle möglichen Klischees über Wiens Geschichte als Deko-Elemente verteilt werden – ohne Handlung, ohne Stringenz, ohne Spannung und ohne den sprichwörtlichen Wiener Schmäh. Kannte Ottinger Peter Patzak? Auch ein Avantgardist. Der hatte damals den Wiener Kommissar Kottan ins Leben gerufen, und im Laufe der Episoden immer weniger an die Handlung gedacht, sondern vorwiegend an die Möglichkeit, diesen Wiener Schmäh und das Absurde auch wirklich so absurd scheinen zu lassen, dass es als Gassen-Varieté mit Tendenz zum absurden Theater immerhin einen Rhythmus für sich selbst finden konnte. Die Blutgräfin hat das nicht, weder Rhythmus noch das Verständnis für die Schrägheit des subversiv Witzigen, das Wien so eigen ist. Elfriede Jelinek sollte dieses Witzige eigentlich kennen, doch die Abscheu für all den Kitsch lässt sich nicht verbergen.

Varieté ist was genau?

Bunt, burlesk, akrobatisch, komödiantisch und noch dazu mit Gesang. Stimmt, das alles kommt bei Ottinger vor. Ein Varietéfilm soll die Blutgräfin schließlich auch sein – anachronistisches Unterhaltungstheater zwischen Laternenanzünder und Rolltreppe. Nichts gegen den Anachronismus, doch ist es deshalb gut gemacht?

Tom Neuwirth aka Conchita Wurst darf wie einer spontanen Eingebung der Regisseurin folgend seinen Songcontest-Siegertitel Rise Like a Phoenix schmettern, warum auch immer. Der alte Feldmarschall Radetzky darf sich mit seinen am Heldenberg zur Ruhe gebetteten Kommilitonen aus dem Grab erheben, warum auch immer. Karl Markovics darf den Vintage-Kottan bemühen, nur leider ohne Kapelle. Und wo ist eigentlich Falco?

Pietätlos wird es dann, wenn im Narrenturm besagte „kleine Gräfin“ – das Skelett eines fünfjährigen Mädchens, das an einem Hydrocephalus litt – zu einem Auftritt gezwungen wird und Ottinger jedwede Ethik über Bord wirft. Überhaupt erinnert vieles an einen Jahrmarkt aus Schaubuden, fragwürdig und aus der Zeit gefallen sowie altbacken und hölzern wie die Bretter, auf denen damals heute nicht mehr Denkbares gezeigt wurde.

Das Österreichische Filminstitut weiß, was es tut 

Ganz schön mutig, Arthouse als Mainstream anzubieten und bewusst zu verschweigen, womit man es letztlich zu tun haben wird. Die Blutgräfin lässt diese Raffinesse die ganze Laufzeit hindurch vermissen. Bemüht, konfus und in quälender Langeweile reiht sich ein Souvenir an das nächste – die Figuren sind platt, ausgestattet mit lächerlichen Namen und heillos überfordert damit, einem roten Faden zu folgen, und sei es auch nur der eines experimentellen Konzepts. Man kann auch Sinnloses sinnvoll arrangieren, nur dazu braucht es ein Gespür für die Substanz, mit der man arbeitet.

Schade um das Ensemble, schade um das Fördergeld, doch den Wien-Tourismus freut’s. Und das ist ja schließlich, wenn’s ums Geld geht, das Wichtigste.

Die Blutgräfin (2026)

No Good Men (2026)

SCHAU MIR IN DIE AUGEN, KLEINER

7,5/10


Anwar Hashimi und Shahrbanoo Sadat im Film No Good Men
© 2026 Polyfilm / Virginie Surdej


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, FRANKREICH, DÄNEMARK, NORWEGEN 2026

REGIE: SHAHRBANOO SADAT

DREHBUCH: SHAHRBANOO SADAT, ANWAR HASHIMI

KAMERA: VIRGINIE SURDEJ

CAST: SHAHRBANOO SADAT, ANWAR HASHIMI, LIAM HUSSAINI, YASIN NEGAH, TORKAN OMARI, FATIMA HASSANI, AHMAD AZIZI, MASIHULLAH TAJZAI U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Wird man als Außenstehender Gewalt gegen Frauen gewahr, sagt es schon der uns allen hoffentlich zugrundeliegende Menschenverstand, dass wir einschreiten sollen. Hat man denn die glückliche Gelegenheit, dem toxisch-männlichen Gewalttäter im Vorteil zu sein, ist dieses Einschreiten noch selbstverständlicher als sonst.

Eine Kosten-Nutzen-Rechnung gegenüber Unrecht

Die Welt aber sieht weg, seit im April 2021 die US-amerikanischen Soldaten aus Afghanistan abgezogen sind und die unsäglichen Taliban wieder die Macht ergriffen haben. Wohlwissend, dass es für Frauen und gebildete Menschen die Fahrkarte in die Hölle bedeuten würde, haben jene, die die Gelegenheit hätten, dem toxisch-männlichen Gewalttäter gegenüber im Vorteil zu sein, dem Unglück den Rücken gekehrt.

Geht uns alle nichts an. Im Gegenteil, gewisse Innenminister suchen den diplomatischen Kontakt zu radikalen Verbrechern. Kann man machen, wurde in der NS-Zeit ja auch getan. Gut ist das nicht. Zivilcourage wird gefordert, doch nur im Privaten. Global gesehen überlässt man das Land am Hindukusch seinem Schicksal. Stattdessen greift man lieber andere Länder an, die zumindest Öl haben. Einen gewissen Eigennutz sollte man dabei schon einfordern dürfen, oder?

Valentinstag in Kabul

Hat diese nicht minder subjektive Stellungnahme zur Lage einer verlorenen Nation irgendetwas mit diesem Film zu tun? Zumindest sind es assoziative Gedanken, die bei No Good Men der Reihe nach hochkommen.

Nicht in Afghanistan (wie denn auch?), sondern vorwiegend in Deutschland gedreht, zeigt der Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale die afghanische Hauptstadt Kabul zumindest vor dem Abzug der US-Truppen und demnach auch vor der Invasion der Taliban als das sehr wohl patriarchale, aber duldsame Konstrukt einer urbanen Gesellschaft – ähnlich den Zuständen in Kairo, vielleicht weniger radikal als in Teheran. Frauen sind aber, wie sonst auch überall in muslimischen Ländern, diejenigen, die die Care-Arbeit leisten, während Männer das Geld heimbringen zu ihrem Eigentum, ihrer Frau und Familie. Der Mann hat das Sagen, und widerspricht man ihm, setzt es Strafen. Von Liebe ist da längst keine Rede mehr. Oder wie sieht das aus, in so einem Land an einem Valentinstag? War jemals irgendwann die Rede von Liebe?

Des Mannes Eigentum

Ernüchternde Erkenntnisse bringt Kamerafrau Naru, die fürs Kabuler Fernsehen arbeitet, von einer aufgebürdeten Straßenbefragung zurück ins Studio. Ich liebe dich ist in dieser Gesellschaft ein Fremdwort, Liebe gleichzusetzen mit Unterwerfung, Ehe ein Arrangement, das Frauen eingehen müssen, um nicht auf der Straße zu stehen. Mit resignativen Minen finden sie zu diesen Statements den bitteren Humor, der die Qual der Wahl, ein anderes Leben zu führen, durch eine andere, ausweglose ersetzt.

Hätte der renommierte Journalist Qodrat sie nicht als Lektion für ihr aufmüpfiges Verhalten auf die Straße gesetzt, wäre es zu diesem Lokalaugenschein gar nicht erst gekommen. Und dieser hätte wohl auch nicht darüber nachgedacht, vielleicht doch falsch gehandelt zu haben. Denn schließlich ist Qodrat ja ein Gentleman, einer von den Guten – obwohl man meinen könnte: Gute Männer gibt es in Afghanistan keine mehr.

Der etwas andere Humphrey Bogart

No Good Men ist nicht gegen die lieben Männer gerichtet. Sondern, so Hauptdarsteller Anwar Hashimi, der den Film auch live im Metrokino in Wien vorgestellt hat, viel eher eine Ode an selbige. Zumindest an die einzelnen, letzten Gentlemen. In diesem Fall eben Qodrat, der Naru auf Augenhöhe begegnet, selbst mit der reservierten Lässigkeit eines Humphrey Bogart die Welt sieht und fast schon als „Frauenheld“ oder „Macho“ betrachtet werden könnte. Doch diese Attitüde führt in die Irre. Zwischen Qodrat und Naru entsteht eine Bindung, eine leise, zärtliche, versteckte Romanze, die lediglich aus dem Respekt und der Achtsamkeit füreinander entsteht. Kaum zu glauben, dass das Ende bald kommen und niemand mehr hinsehen wird. Doch die beiden erleben etwas, was in diesen Breiten fast schon als unmöglich gilt. Sie erleben vielleicht etwas, das sich Liebe nennt.

Ein Blickwinkel ist niemals genug

Shahrbanoo Sadat ist ein verdammt kluger Kopf. Eine Künstlerin, die alles andere sein will, nur nicht militant oder festgefahren in einer einseitigen Agenda. Nicht nur, dass sie selbst Regie geführt hat – sie hat sich noch dazu selbst inszeniert, und das Ganze in Zusammenarbeit mit Anwar Hashimi zu Papier gebracht. Ein Mann und eine Frau arbeiten gleichberechtigt an einer Geschichte und schaffen eine Tragikomödie mit Esprit, Wortgewandtheit und Augenzwinkern. Und mit dem nötigen Quantum an Schmerz, Wehmut und Trauer. Niemals ist No Good Men ein Lamento, sondern setzt Taten, begehrt auf und konfrontiert. Kein Film, der in seiner eigenen Verzweiflung versinkt, denn Grund genug dafür gäbe es. Vielmehr ein kokettierender Tanz auf dem Vulkan oder fast schon eine Art Endzeitkomödie, über die man nur so viel schmunzeln kann, wie es die Figuren des Films auch selbst zulassen. Und nicht nur einmal blickt dabei die Frau auf den Mann herab.

Ein ganz großer Kinomoment

Wenn sich am Ende der Anfang vom Ende anbahnt, weicht die Leichtigkeit einer charmanten Gesellschaftskritik emotionalem, großem Kino und einem bekennenden Moment der Nähe, wie man ihn als Vorbild in Casablanca gesehen hat. Hier werden unter den Füßen all jener, die ihr Heil in der Flucht vor dem Gottesstaat suchen, Rollenbilder zertrampelt und aus dem Weg gestoßen. Hier ist der Good Man nicht der selbstgefällige Selbstlose, sondern der Wertschätzende und Liebende. Eine kleine Welt, die aus ihren Fehlern gelernt hat, inmitten eines Desasters, dessen krankes Frauenbild unbelehrbar bleibt.

No Good Men (2026)

Die andere Seite (2026)

ENDLICH ÜBER DEM BERG SEIN

6/0


Nina Hoss ist im Film Die andere Seite auf der Flucht© 2026 Trimafilm / Florian Strandl / X Verleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, ÖSTERREICH 2026

REGIE / DREHBUCH: MARIKO MINOGUCHI

KAMERA: FELIX PFLIEGER

CAST: NINA HOSS, PRECIOUS MARIAM SANUSI, BARBARA PETRITSCH, MOHAMED ACHOUR, JOHANNES NUSSBAUM, THERESE AFFOLTER, HELMUTH A. HÄUSLER U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN



Einem Kaninchen das Fell abzuziehen ist sicher nicht leicht. Schon gar nicht, wenn es unter Zeitdruck geschieht, denn jeden Moment könnte Hanna (Nina Hoss) entdeckt werden. Mit diesen Bildern beginnt das dystopische Fluchtdrama von Mariko Minoguchi, welche die Schauspielerin herausfordernd distanzlos in Szene setzt. Auf diese Weise einem filmischen Prozess ausgesetzt zu sein, fordert womöglich noch mehr Einsatz und Bereitschaft als archaische Essenszubereitung unter Kälte, Nässe und der Möglichkeit, erwischt zu werden.

Die filmische Belagerung der Intimsphäre

In Großaufnahme blickt Nina Hoss‘ Auge nervös hin und her, durch kein anderes menschliches Organ lassen sich Stress, Angst und Anspannung besser visualisieren als durch dieses empfindliche Konstrukt, das besser als jede Kamera Licht und Farben wahrnehmen kann.

Die Welt selbst aber ist farblos geworden, sie hat mehr schlecht als recht eine Pandemie hinter sich gebracht, die wohl exorbitant mehr Todesopfer eingefordert haben muss als jene, die wir kennengelernt haben: Covid oder Corona, durchwachsene Jahre mit Lockdown, Babyelefanten und dem Damoklesschwert der Triage über unseren Köpfen.

Die nächsten zwei Wochen waren da immer entscheidend – nicht so bei Nina Hoss, die sich schon seit Jahren im deutschen Forst versteckt hält. Klar ist: Die Infizierten müssen in Quarantäne, aufgrund der Menge an Fällen gibt es Camps, die aber, so lässt es der Film durchblicken, mit einem menschenunwürdigen Dasein drohen.

Kein Zusammenbruch des Systems

Minoguchi orientiert sich dabei weniger an einer urbanen Dystopie als vielmehr an einem postapokalyptischen Szenario – alles fühlt sich an, als wäre die Zivilisation zusammengebrochen. Im Allgemeinen ist sie das nicht, sondern nur für die zwar infizierte, aber nicht erkrankte Ex-Ehefrau und -Mutter Hanna. Die Endzeit für das Individuum mag zwar nicht eine solche Wirkung haben wie das globale Pendant, lässt sich aber, weil Minoguchi so nahe an ihre Survivalistin herangeht, deutlich höherschrauben, denn das ganze Drumherum, die Welt um Nina Hoss herum, spart sie mehr oder weniger dann aus, wenn es in die Zivilisation geht.

Wir ahnen nur immer wieder die Infrastruktur nach der Krise, wir bemerken einen intakten Alltag mit FFP2-Masken und militärischer wie fachkundiger Präsenz – wie damals, als Impfzelte das Stadtbild auch bei uns prägten. Wie schlimm es ist, lässt sich bis auf ein paar Fetzen, die den Status quo übermitteln, nur schwer herausfinden.

Alle sind wir letzten Endes auf uns allein gestellt

Diese Ahnung, lediglich dieses Vermuten, lässt mich als Zuseher genauso schwimmen wie Nina Hoss. Irgendwann bricht diese nämlich ihre Zelte ab und wandert in den Süden – dorthin, wo das Virus dank der hohen UV-Strahlung besser einzudämmen ist als in Mitteleuropa. Ihr Weg in die Zuflucht, fernab von hollywoodeskem Parkour à la Greenland, gestaltet sich als entbehrungsreiche Reise, während dieser es der Himmel nicht gut mit ihr meint, die Kälte unter das Gewand kriecht, die Physis nur noch schwer mitmacht.

Minoguchi erspart uns zwar sämtliche Klischees eines virusbedingten Endzeit-Generalverdachts, nutzt aber das Schreckgespenst einer Krankheit lediglich als Variable für den Zustand von Isolation, Verfolgung und Solidarität. Zu wenig plakativ? Zu sehr metaphorisch? Irgendetwas fehlt, vielleicht ist es das, was in anderen themenverwandten Filmen, die dank einer explizit dargestellten Gefahr (Carriers, Contagion) der Bedrohung ein Gesicht geben, für klare Verhältnisse sorgt.

Die Verhältnisse in Die andere Seite bleiben diffus. Lieber One-Woman-Show als Fluchtkammerspiel in und über die Berge. Nina Hoss gibt alles, der Film selbst gibt weniger als das, was wir ansatzweise überwunden haben.

Die andere Seite (2026)

Beware Boiúna (2026)

SCHUPPEN VOR DEN AUGEN

6/10


Kiana Madeira als Lena in Beware Boiúna
© 2026 Constantin Film


LAND / JAHR: USA, DEUTSCHLAND 2026

REGIE: MIKE P. NELSON

DREHBUCH: ALAN B. MCELROY

KAMERA: NICK JUNKERSFELD

CAST: KIANA MADEIRA, JESSICA ROTHE, LOGAN MARSHALL-GREEN, JACKSON BEWS, JUAN PABLO SHUK, WILL CLOSE, VICENTE PEÑA U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN



Manches Mal habe ich schon so eine Vorahnung, was Überraschungsfilme betrifft. Vor zwei Jahren lag ich bei der Viennale goldrichtig, als sie den Daniel Craig-Fiebertraum Queer gezeigt hatten. Diesmal blätterte ich kurz vor Filmbeginn im Fachmagazin cinema und las vom Creature Feature Beware Boiúna. Minuten später flimmerte mir auch schon ein allen Genremustern entsprechendes Dschungelabenteuer entgegen. Wenn das kein Zufall ist, dann zumindest eine mittlere Verschwörung, die auch ganz gut zu diesem Festival passt, wo nichts ist, wie es scheint – außer dieser Film.

Die Angst der Herpetologen vor mehr als elf Metern

Denn der ist brutto für netto genau das: Ein Schlangenhorror, aber nicht ganz im Stile des käsigen 90er-Trash-Klassikers Anaconda mit Jennifer Lopez als blutjungem Final Girl, das dem Kriechtier gezeigt hat, wie man Schlangenhaut weiterverarbeiten kann. Beware Boiúna hat sich den Spaß erlaubt, keinen Spaß zu haben. Da können Jack Black und Paul Rudd gleich ihre Sachen packen und heimgehen oder besser gesagt: mit ihrer Meta-Ware gar nicht erst Schlange stehen.

Schlangenhorror will schließlich ernst genommen werden. Damit ein Thriller wie dieser auch wirklich funktionieren kann, dürfen all die peripheren Parameter auch das tun, was man von ihnen verlangt. Zum Beispiel der Dschungel. Der muss echt sein. Gedreht wurde somit tatsächlich in Kolumbien – dort, wo der ganze Horror in der Geschichte seinen Lauf nimmt. Was wir sehen, ist also weder Studio noch KI noch CGI, sondern die feuchte, kratzige, wunderschöne und tödliche Botanik.

Die lateritrote Erde ist so, wie sie ist, wenn man, tuckernd auf dem Amazonas, dort anlegen will. Werner Herzog weiß, wovon man spricht, wenn man behauptet, im Dschungel gedreht zu haben. Mike P. Nelson hat aber das große Glück, keinen Kahn über irgendeinen Hügel zu zerren. Zwei Boote, ein Sumpf, eine Schlange, die nur zähnefletschend lachen kann über jene Gummidinger, die man damals verwendet hat, um dem Publikum Angst einzujagen.

Wenn der Mythos die Regeln vorgibt

Diese Boiúna ist nicht kurz vor dem Dreh ausgedacht, sondern ein in der brasilianischen Mythologie tief verankertes Meta-Wesen, das seine Natur beschützt, Eindringlinge, die nichts Gutes im Schilde führen, verspeist und jene respektiert, die mutig genug sind, sich ihr entgegenzustellen.

Sehr komplex ist das nicht, doch eine Schlange muss tun, was sie eben tun muss. Dahingleiten, sich im Dickicht verstecken wie der Predator, dann plötzlich zuschlagen. Auf diese Weise dezimiert sich auch das Ensemble erschreckend schnell, und Regisseur Nelson macht das, was so manche Vorbilder wie Steven Spielberg und Ridley Scott schon längst als bewährte Methode etabliert haben: Das Monster erst spät zu zeigen. Somit entsteht der Mythos auch im Film und greift so weit in die Geschichte ein, dass er anfangs nur eine Ahnung von etwas Bedrohlichem ist, ohne die Story rund um einen vertuschten Todesfall für sich zu beanspruchen. Anfangs sind die Monster noch Menschen, doch dann tobt die natürliche Gerechtigkeit.

Das Schema F hält sich klein, Nelson wagt so einige unerwartete Züge, doch im Grunde ist der Survivaltrip, der in einer herrlich beklemmenden Sumpfszene seinen Höhepunkt findet, genauso viel wie die Summe seiner Teile – nichts anderes will man.

Beware Boiúna (2026)

Bloody Tennis (2026)

SUSPIRIA IM FILZBALL-CAMP

3/10


Sandra Guldberg Kampp schwingt das Racket im Film Bloody Tennis
© 2026 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2026

REGIE / DREHBUCH: NIKIAS CHRYSSOS

KAMERA: CONSTANTIN CAMPEAN

CAST: SANDRA GULDBERG KAMPP, ELINA LÖWENSOHN, HELENA ZENGEL, ZLATKO BURIĆ, VINCENT ROMEO, TRACY GOTOAS, LILY TAÏEB, JULIANA VIEIRA-GUERRA, LUCIE ZHANG U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Wenn Zlatko Burić, dem Tom Cruise in Digger szenenweise richtig ähnlich sieht, als grantelnder Tennislehrer die KO-Spiele seines Jungmädchen-Clubs kommentiert, sind das zumindest noch die am besten funktionierenden Szenen in einem eigenwilligen Verschwörungs-Mystery-Sonstwas-Thriller, der sich in unverhohlener Trittbrettfahrerlust an Dario Argento anbiedert – insbesondere an Suspiria.

Wir erinnern uns: Eine Tanzschule in Westberlin zur Zeit der Mauer ist Tarnung einer teuflischen Sekte, die den Leibhaftigen beschwört und die Tänzerinnen dazu benutzt, diesen am Leben zu erhalten. Auch Luca Guadagninos Remake spart nicht mit grell-blutigem Finale – bis es so weit kommt, blüht uns allerlei Suspense. In Bloody Tennis zeigt man zumindest nicht konkret auf den Teufel höchstpersönlich, doch irgendetwas ist auch hier im Gange – und ganz ehrlich: Man will es eigentlich gar nicht so genau wissen.

Man muss doch nicht gleich die Eltern anrufen

Als gute Wahl gilt zumindest die Location in Nikias Chryssos‘ neuem Film. Ein ehemaliges Kloster auf Gran Canaria dient als Kulisse, weitab vom Schuss inmitten der Wüste. Dort soll die Mary Tyrone Tennis Academy untergebracht sein, geleitet von ebenjener, die von Elina Löwensohn verkörpert wird und die ein Gefühl absolutistischer Langeweile vermittelt, da die Dame den ganzen Tag sonst nichts zu tun hat außer die Monitore ihrer Überwachungskameras zu inspizieren. Tut sie das mal nicht, lächelt sie keck und allwissend, wenn mit unlauteren Mitteln der Leistungssport Sieger und Verlierer ermittelt. Blut sehen kann man am Tenniscourt nämlich schon früh, und Blut ist auch Teil des Programms. Egal, ob Reißnägel in den Schuh gestreut wurden oder der Knöchel lautstark knickt. Es wird weitergespielt auf Teufel komm raus.

Den jungen Frauen scheint das alles recht – auch der scheußlich schmeckende morgendliche Umtrunk, der aussieht wie Rote-Rüben-Saft, aber womöglich aus menschlichen Überresten mancher Verliererinnen gebraut ist, wer weiß das schon so genau. Und man will auch das nicht so genau wissen. Denn Bloody Tennis ist vor allem eins: unmotiviert.

Eine Sportart, für die man alles geben sollte

Es liegt, wie wir wissen, nicht an Zlatko Burić, sondern wohl eher an einem Plot, der sich ungehemmt an bereits etablierten Beispielen des Giallo und der Young-Adult-Mystery bedient, aber überhaupt nicht am Sportfilm.

Tennis ist in Bloody Tennis nur eine Behauptung. Chryssos filmt das Ganze so, dass die Matches kaum nachvollziehbar bleiben. Viel eher sind die Verletzungen das, woran man sich ergötzen sollte, und nicht der Tennissport. Von dem Gefühl, eine Leistung erbringen und besser sein zu wollen als die anderen, lässt sich kein einziger Vibe empfinden.

Warum die jungen Mädchen, darunter auch „Systemsprengerin“ Helena Zengel, hier gegeneinander wetteifern, erschließt sich ihnen wohl selbst nicht. Vielleicht ist es einfach nur Frust, weil sie alle einem Ehrgeiz entsprechen müssen, den sie nicht empfinden. Es scheint fast so, als wäre Tennis eine Variable, denn keine hat die Lust, das Spiel auch zu spielen.

Knapp im Out ist leider auch daneben

Will man der Geschichte die Ambition andichten, dass man für Höchstleistungen Opfer bringen muss, nur eben nicht die eigenen, geht die Rechnung nicht auf. Schon viel zu oft sind Hunger, Blut, Kannibalismus und das Sich-Einverleiben der Stärke anderer zitiert worden. Szenen wie diese wirken nur noch pflichtbewusst in Szene gesetzt. Das Netz des mit Katzendarm fein gesponnenen Rackets hängt durch, die Mädels hängen durch, Löwensohn bleibt auf provokante Weise eine unheilverkündende Tachiniererin. Letztlich ist Bloody Tennis genau das: ein Vorbilder imitierendes Low-Budget-Trainingscamp, in dem nichts, was passiert, durch höhere Ziele gerechtfertigt wird.

Bloody Tennis (2026)

Gentle Monster (2026)

DIE WAHRHEIT, DIE NIEMAND VERTRÄGT

7/10


Laurence Rupp und Léa Seydoux in Gentle Monster von Marie Kreutzer
© 2026 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND, FRANKREICH 2026

REGIE / DREHBUCH: MARIE KREUTZER

KAMERA: JUDITH KAUFMANN

CAST: LÉA SEYDOUX, LAURENCE RUPP, JELLA HAASE, CATHERINE DENEUVE, SAMI LORIS, RAINER DOPPLER, SYLVESTER GROTH, KATHARINA LORENZ, REGINA FRITSCH, ANTON RUBTSOV, NILS STRUNK U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN



„Was ist Wahrheit?“, will schon der rebellische Prediger aus Nazareth wissen, nachdem er dem römischen Statthalter vor die Füße fällt. Jede und jeder hat schließlich seine eigene. Am liebsten so zurechtgezimmert, dass sie ein ganz besonderes Soll erfüllt, nämlich die Liebe – wohlwissend, dass der Blick auf den Partner nicht zwingend der ist, der auch dem tatsächlichen Charakter entspricht. Beziehungen fußen also auf einem gewissen Vertrauensvorschuss, der erst verdient werden will oder von welchem man hofft, dass er zurecht gegeben wurde. Vertrauen ist alles, wenn man beschlossen hat, das Leben miteinander zu teilen.

Geheimnisse und Geheimnisse

Vertraut man also erst, wenn man alle Geheimnisse des Partners kennt? Geheimnisse an sich sind schön und gut, die muss und darf es geben. Doch nicht, wenn ein ganzer Lebensentwurf damit steht und fällt, je nachdem, ob dieses Geheimnis ans Licht kommt oder nicht.

Zuletzt hatte sich Kristoffer Borgli einer solchen Situation angenommen. Zendaya und Robert Pattinson sind in Das Drama – Noch einmal auf Anfang ein Paar in der Krise, weil die zukünftige Braut ganz plötzlich damit herausrückt, früher einmal einen Terroranschlag geplant zu haben. Das Licht auf die Geliebte ist plötzlich ein anderes – fahl, flackernd und wenig einladend. Wie damit umgehen? Andererseits geben die dunklen Seiten einer Persönlichkeit dieser erst Profil, Kontrast und Struktur, oder nicht?

Es kommt auf das Ausmaß an. Darauf, ob die dunkle Seite Schaden anrichtet, angerichtet hat oder hätte anrichten können. In Gentle Monster ist es das schwerwiegende Delikt der Pädokriminalität (nicht Pädophilie). Und vor allem noch etwas: Die Lüge.

Als hätte sie es geahnt

Was für ein Zufall, der da mitspielt und der die Österreicherin Marie Kreutzer, die diesjährig mit ihrem neuen Film zum Wettbewerb in Cannes eingeladen wurde, da das, wovon sie erzählt, uns alle angeht und darüber hinaus, dazu bewogen hat, Gentle Monster doch noch umzusetzen.

Wir erinnern uns: In ihrem letzten Film Corsage hatte Schauspieler Florian Teichtmeister seine letzte große Rolle als Kaiser Franz Josef. Wenig später wird er wegen pädokrimineller Aktivitäten und des Besitzes kinderpornografischen Materials angeklagt und bedingt verurteilt. Das Erstaunliche: Kreutzer hatte ihr Drehbuch zu Gentle Monster schon verfasst oder zumindest angedacht, das Thema war da, Teichtmeisters Fall aber noch nicht.

Da beides irgendwie zusammenhängt, und ihr neuer Film da fast schon wie ein Statement zur allgemeinen Situation wirkt, die nun auch noch durch den Fall des Kabarettisten Günther Paal an Brisanz gewinnt, wäre es gar nicht auszudenken, würde es diesen Film doch nicht geben.

Wie man einem unbequemen Thema nicht ausweicht

Gut, dass es ihn gibt. Und gut, dass Kreutzer so ein integres Ensemble vereint hat, das seine Anforderungen in diesem verzwickten Drama mit notwendiger Ernsthaftigkeit auf sich nimmt. Niemandem macht Kreutzer es leicht. Ihrem Publikum nicht, ihr selbst nicht, ihrem Film nicht. Wenn ein Weltbild zusammenbricht, oder das Bild eines Menschen, das man mit Liebe, Vertrauen und Hingabe verbindet, in unmöglich wieder zu kittende Fragmente gesprengt wird – wie soll jemand damit schon umgehen können? Gar nicht.

Die Vernichtung einer Beziehung

Niemand kann das, nicht mal Laurence Rupp selbst, der diesen Charakter spielen muss, diesen pädophilen Verdränger und Schönredner, diesen Geheimniskrämer und aufgrund von Selbstscham in die Defensive gedrängter Phantasten, der mit Wahrheiten überhaupt nicht umgehen kann. Ein Verbrecher mit Profil und Verhaltensmustern, der Außenstehenden eine Ahnung davon vermittelt, wie solche Menschen ticken, die mit der Entsetzlichkeit ihrer Taten umgehen, als hätten sie die Sonntagszeitung gestohlen. Da stimmt so einiges nicht, und wenn dieses grauenvolle Geheimnis in der Lüge gipfelt, ist das sogar der zweite unentschuldbare Faktor in einer Beziehung, deren Fundament völlig weggespült wird.

Der Selbstbetrug als Rettungsanker

Léa Seydoux verliert als energische, leidenschaftliche Musikerin, die von Männern verfasste Lovesongs neu interpretiert, um ihnen ihren Male Gaze zu nehmen, auf intensive Weise völlig die Orientierung und bleibt nachvollziehbar, genauso wie Jella Haase, die den Arm des Gesetzes verkörpert und in Sachen Kindesmissbrauch ermittelt.

Haase deckt zwar auf, allerdings nicht innerhalb der eigenen Familie, in der ihr alter Vater seine Haushälterin sexuell belästigt. Die Wahrheit will auch sie nicht sehen, während Seydoux darum ringt, ihr gegenüberzutreten. Das ist ein Prozess voller Schmerz und Enttäuschungen, und der Angst, dass dem eigenen Sohn Schlimmes widerfahren sein könnte. Viele Emotionen ziehen hier ihre Kreise, Erschütterndes entfaltet seine Wirkung lediglich durch das Sperren eines Schlüssels in der Dunkelheit.

Dezent, pietätvoll, aber auch vollkommen offen setzt Marie Kreutzer diesen Konflikt in Gang, und weiß: Es gibt keine Lösung für all das, es sei denn, jeder stellt sich seiner Wahrheit. In einen Menschen kann man nicht hineinsehen, das stimmt. Doch vielleicht ist es deswegen so, weil sich jeder davor hütet, mehr zu sehen als es dem gemachten Bild des Gegenübers guttut.

Gentle Monster (2026)

Vaterland (2026)

MEPHISTOPHELISCHES NACHGLÜHEN

5/10


Sandra Hüller und Hanns Zischler als Erika und Thomas Mann im Film Vaterland
© 2026 Polyfilm / Agata Grzybowska


LAND / JAHR: POLEN, DEUTSCHLAND, ITALIEN, FRANKREICH 2026

REGIE: PAWEŁ PAWLIKOWSKI

DREHBUCH: PAWEŁ PAWLIKOWSKI, HENK HANDLOEGTEN

KAMERA: ŁUKASZ ŻAL

CAST: HANNS ZISCHLER, SANDRA HÜLLER, AUGUST DIEHL, DEVID STRIESOW, ANNA MADELEY, DAVID MENKIN, JOACHIM MEYERHOFF, ENNO TREBS, THEO TREBS, FRITZI HABERLANDT, MILAN PESCHEL, WALDEMAR KOBUS U. A.

LÄNGE: 1 STD 22 MIN



An dir, liebes Deutschland, ist ein Dichter verloren gegangen. Thomas Mann, einer der größten deutschsprachigen Wortakrobaten des 20. Jahrhunderts, dem wir die Buddenbrooks, den Zauberberg oder den Tod in Venedig zu verdanken haben, hatte 1933 diesem in den Untergang treibenden Vaterland den Rücken gekehrt. Wieder einer weniger von all den Intellektuellen, die rechtzeitig erkannt hatten, dass einer wie Hitler nichts Gutes bringen kann.

Zwischen den politischen Stühlen

17 Jahre später, so viel zumindest sagen die historischen Fakten, ist der Vater der Literatur und Vater von Erika und Klaus Mann, der sich in diesem Jahr auch das Leben nehmen wird, zurückgekehrt. Die Absicht, von West und Ost instrumentalisiert zu werden, hegt er nicht. Die beiden politischen Systeme des Landes – der liberale Westen, der es sich gerichtet hat, und natürlich die kommunistische DDR – wollen diesen klugen Kopf aber für sich beanspruchen.

Hier wie dort soll Thomas Mann mit dem Goethe-Preis ausgezeichnet werden, benannt nach einem weiteren Halbgott der Literatur, der zu Lebzeiten mehrfach durchsickern ließ, nicht allzu viel vom jüdischen Volk zu halten. Doch das scheint eine andere Geschichte zu sein, denn Goethe ist in Paweł Pawlikowskis eng gesetztem Psychogramm das personifizierte Nachglühen einer längst vergangenen Welt.

Woher komme ich, wenn nicht von hier?

Dieses Nicht-Wiedererkennen einer Heimat ist das Kernstück dieser schwarzweißen Beobachtung, Hanns Zischler als Thomas Mann findet keine emotionale Regung für dieses Dilemma und verkriecht sich hinter seinen Satzeskapaden, die er, unverständlich fürs zuhörende Volk, zum Besten gibt. Wie Perlen vor die Säue kommen seine Reden rüber, applaudiert wird, weil man applaudieren muss.

Mit im Buick, der durchs Land fährt, vorbei an ruinenhaften Zeitzeugen des Krieges, sitzt Tochter Erika. Dem nachglühenden, mephistophelischen Faschismus, den das Land wie ein schlummerndes Virus immer noch in sich trägt, stellt sie sich mit verbalem Unmut und einer Ohrfeige, die ganz allein Gustav Gründgens gehört.

In dieser einen Szene, die fast schon als Kernstück von Vaterland anzusehen ist, bündelt Pawlikowski den ganzen Frust derjenigen, die bislang geglaubt haben, Deutschland habe aus seinen Fehlern gelernt. Joachim Meyerhoff liefert hier in dieser Szene das Bild eines Elite-Deutschen, der sich zugunsten des Ruhms gerne auch mit dem Teufel arrangiert hat. Erkannt hat das Klaus Mann schon viel früher, als er Mephisto schrieb und den Charakter Gründgens in sein Werk mit einfließen ließ.

Thomas Mann arrangiert sich auch. Vielleicht aber eher, um einen ganz anderen Frust auszuhalten, nämlich den, der mit einer Verzweiflung einhergeht, das Vaterland vollends verloren zu haben.

Der Blick an der Seele vorbei

Pawlikowski lässt erkennen, welche Gespenster die Familie Mann immer noch heimsuchen – die des vergangenen, des gegenwärtigen und des zukünftigen Deutschland. Das heißt aber nicht, dass er diesen historischen Figuren auch Tiefe gibt. Die fehlt in Vaterland über weite Strecken, sie gehen verloren in der Rekonstruktion überforderter Laudatoren, die dem Rückkehrer zujubeln.

Vaterland hält sich mit einer Agenda auf, die wohl besser dafür genutzt worden wäre, dem Dichter mehr in die Seele zu blicken. Sandra Hüller versucht das Defizit zu kompensieren, und übertüncht wird das dünne Handlungskonstrukt mit einer erlesenen Bildsprache, die beeindruckend authentisch wirkt. Pawlikowski ist wohl mehr ein Meister des visuellen Arrangements als der Dramaturgie, ungeachtet seiner Palme, die ihm dieses Jahr für die beste Regie verliehen wurde.

Geschmackvoll, aber starr

In der reduktiven Sachlichkeit seiner Bilder stecken virtuose Schachzüge. Die Schlüsselszene mit August Diehl zu Beginn des Films ist eine einzige statische Einstellung mit Bedacht aufs Detail. Gesprächspartner bleiben im Off, bevor sie ins Bild gerückt werden oder bleiben, am anderen Ende der Telefonleitung, gesichtslos positioniert. All das ist streng komponiert, völlig durchdacht – und letztlich auch auffallend starr, was die eigentliche Erzählung betrifft.

In diesem Korsett bewegt sie sich kaum, doch vielleicht spiegelt das die Gefühlswelt unfehlbarer Dichter wie Mann oder Goethe wider, die gerne mit ihrem Ego zeitlos erhaben über allem wären. Was sie letztlich nicht sind.

Vaterland (2026)

Lebensansichten eines Huhns (2025)

ICH WOLLT‘ ICH WÄR‘ (K)EIN HUHN

7/10


Dieser Vogel erlebt in György Pálfi's Lebensansichten eines Huhns so einige Abenteuer
© 2025 Neue Visionen


ORIGINALTITEL: KOTA

LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, GRIECHENLAND, UNGARN 2025

REGIE / DREHBUCH: GYÖRGY PÁLFI

KAMERA: GIORGOS KAVELAS

CAST: ESZTI, SZANDI, FERI, ENCI, ETI, ENIKÖ, NÓRA, ANETT (ALLES HÜHNER), IOANNIS KOKIASMENOS, MARIA DIAKOPANAGIOTI, ARGYRIS PANTAZARAS, ELENI APOSTOLOPOULOU, MAHMOD BAMERNY U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Das meiner Review den Titel gebende Lied der Comedian Harmonists aus der Frühzeit der Spaß- und Quatschlieder tönt mir in den Ohren, und lieber ein Huhn zu sein, das würden sich wohl so einige der Zweibeiner in dieser bitteren Groteske des Ungarn György Pálfi wünschen. Denn so, wie Homo sapiens sich hier aufführt – das kann nicht der Zivilisation letzter Schluss sein, oder doch?

Denn zum Essen sind sie da

Zumindest wundert sich darüber das namenlose schwarze Schaf innerhalb seiner Spezies Gallus gallus domesticus, kurz: das Haushuhn. Kosmopolit, gezüchtet aus der wilden Urform des fasanartigen Bankaviahuhns und eigentlich nur dazu da, um von Milliarden an Menschen tagtäglich getötet, geröstet, gebraten, gekocht und letztlich verspeist zu werden. Zu diesem Schicksal gesellt sich dann noch die erniedrigende Tatsache des Eierklaus, tagtäglich und immer wieder.

Die schwarzgefiederte, durchaus schmucke Lady mit dem Seitenblick muss mit so einigen Schicksalsschlägen und radikalen Wendungen klarkommen. Mit der Hasswelle übler Gehege-Genossinnen, mit den Übergriffen eines wirklich hässlichen Hahns. Mit dem Kiefer eines Hundes, dem flammenden Inferno, heißem Asphalt und lauernden Füchsen. So ein Tier hat ein hartes Leben, doch wie es aussieht, lässt sich immer noch der Schluss ziehen, dass der von Gott gegebene Umstand, Federn zu tragen, direkt schon als nachhaltiges Glück erscheint.

Irgendwo in Griechenland…

Will Pálfi damit die Ironie auf die Spitze treiben? Natürlich geht es Gallus gallus domesticus schlecht. Und dem Menschen? Ebenso. Denn irgendwo in Griechenland, und zwar dort, wo man meinen könnte, hier lässt es sich sogar Urlaub machen, schwappen humane Tragödien von der anderen Seite des Meeres hinüber, wollen grimmige Gesellen ihre Geschäfte machen, und will ein versoffener alter Patriarch aus seinen Fehlern lernen.

Der hat das schwarze Huhn unter seine Fittiche genommen. Die beiden sind sich ähnlich, zumindest, was das Straucheln und Wiederaufstehen betrifft. Doch bei diesen Lebensansichten, die ein Huhn an den Tag legt, sind wir weit entfernt von George Millers Schweinchen Babe, und sogar noch weit entfernt von Schafen, die kriminelle Fälle lösen. Diese Lebensansichten nähern sich jenen Erfahrungen, die mal ein Esel gesammelt hat – im assoziativen Kunstfilmdrama EO, das aber dem Esel jedoch nicht jene Ehre erweist und ihn zu einem Individuum formt wie György Pálfi es tut.

Vielleicht besser, doch ein Huhn zu sein

Der ungarische Exzentriker hat mit seiner Gesellschaftskritik keine Fabel im Sinn, er entzieht seinem Huhn niemals seine natürliche Bestimmung und den tierischen Aspekt. Er spricht keine gackernden Sätze, aber gackert.

Wie zäh und widerstandsfähig so ein Wesen sein kann, ist einerseits wirklich witzig, andererseits respekteinflößend. Und es wäre nicht Pálfi, wären die Lebensansichten eines Huhns ein lediglich unterhaltsamer Schwank, der einer uns so reichlich ernährenden Tierart alles in die Hand gibt, damit es Freiheit erlangt. Die Aardman Studios hatten mit ihrem Plastilin-Geflügel die Hühnerstall-Version von Gesprengte Ketten fabriziert (Chicken Run) – Palfi will sein Huhn sogar noch mehr herrschen und bestimmen lassen, ganz so, wie es das Schicksal will. Und dieses meint es für Hühner gut, für Menschen nicht.

Antihumanistische Gutenachtgeschichte für Kücken

Palfis bisheriges Filmschaffen ist von eigentümlichem Kolorit. Der fast wortlose Dorfkrimi Hukkle ist nur eines seiner Experimente, im Generationeepos Taxidermia wissen so manche, wie man sich und seine Familie präpariert. Die Lebensansichten eines Huhns sind so eigenwillig und unzuordenbar wie alles Bisherige von Pálfi. Zwischen Düsternis, Hässlichkeit und kauziger Satire bewegt sich dieser von allen Schubladen befreite, beharrliche Selbstverwirklichungstrip eines Vogels auf eine Welt ohne Menschen zu, um tatsächlich sowas wie kitschige Harmonie zu finden. Ein bizarres Abenteuer zwischen Leben, Tod und allen Unannehmlichkeiten dazwischen – für Mensch und Tier gleichermaßen.

Lebensansichten eines Huhns (2025)

American Sweatshop (2025)

DEM PERVERSEN AUF DEN FERSEN

5/10

 

Lili Reinhart als Content-Moderatorin in American Sweatshop
© 2026 Plaion Pictures / Constantin

 

LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, BELGIEN, USA 2025

REGIE: UTA BRIESEWITZ

DREHBUCH: MATTHEW NEMETH

KAMERA: JÖRG WIDMER

CAST: LILI REINHART, DANIELA MELCHIOR, JOEL FRY, CHRISTIANE PAUL, EREMY ANG JONES U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Die Menschheit, so scheint es, ist nur noch krank. Den Glauben an selbige verliert man schnell, wenn man sich ein bisschen länger im Internet herumtreibt. Da fährt man munter in die Kreise der Hölle hinein, so ungehemmt könnte sie nicht mal Hieronymus Bosch malen, denn alles, was sich ausdenken lässt, ist in der Realität einfach nur noch schlimmer.

Wer sich so etwas ansehen will, um die Allgemeinheit davor zu schützen, der kann als Content-Moderatorin oder Moderator arbeiten. Den ganzen Tag Videos gucken und dabei Geld verdienen? Klingt einfach – ist es aber nicht. Vorallem nicht für die Psyche. Denn dieses Zeug weht geradewegs von der Müllkippe der Zivilisation auf den Bildschirm. Hass, Gewalt, Perversion und alle erdenklichen Gräuel sind es für viel zu viele Menschen auf diesem Planeten wert, veröffentlicht zu werden. Die Menschheit, um es nochmal zu betonen, ist nur noch krank.

Der härteste Schreibtischjob der Welt?

Um so einen Job länger als ein paar Wochen zu halten – dafür braucht es die richtige Herangehensweise, das richtige Gemüt, eine aufgeräumte Seele, um Gottes Willen keine labile Psyche! Lili Reinhart als Daisy Moriarty zum Beispiel, die sich für abgebrüht genug hält, hat sich einen solchen Job geangelt, bis sich etwas Besseres ergibt – und löscht oder genehmigt dabei den ganzen Tag lang verstörendsten Content. Um sie herum bricht der Reihe nach so manche Kollegin, so mancher Kollege weg. Andere wiederum kanalisieren das Grauen auf eine Weise, indem sie einen Wettstreit draus machen – wer länger durchhält.

Doch irgendwann hat auch Daisy genug – spätestens bei einem Video, das einen brutalen Femizid zeigt – und nicht danach aussieht, als wäre er gestellt. Zu sehen ist dabei auch der potenzielle Mörder. Mehr braucht Daisy nicht, um der Sache nachzugehen und den Verantwortlichen für dieses Verbrechen ausfindig zu machen und zur Rechenschaft zu ziehen.

Nur Content löschen ist zu wenig

American Sweatshop – ein Synonym oder ein Begriff für Jobs, die mit physischer und psychischer Ausbeutung zu tun haben – weidet sich zum Glück nicht in grausamen Darstellungen und expliziten Schockmomenten. Da hätte man sonst selbst sehr schnell die Nase voll, schließlich liegt es in der Natur der eigenen angestrebten Psychohygiene, Content dieser Art tunlichst aus dem Weg zu gehen. Interessant wird es dann, wenn man diese Perversionen einfach nicht mehr auf sich beruhen lässt und nicht nur einfach den Delete-Knopf drückt. Interessant wird es, wenn andere beginnen, sich selbst in der Verantwortung zu sehen und proaktiv etwas dagegen unternehmen.

Zögerliche Initiativen

Lili Reinhart tut das auch, gegen die Regeln der Agentur, aber im Sinne der Rechtschaffenheit und der Moral. Wie sehr also auch die Grundidee und die Ausgangssituation von American Sweatshop reizt, so wenig kann Ute Briesewitz im Laufe des Geschehens das Thema aufwühlen – obwohl es danach schreit, aufgewühlt zu werden.

In bescheidenen Schritten bewegt sich der Slow Burner vorwärts, bis zum Ende bleibt der Film eigentlich am Anfang hängen, beobachtet viel, sondiert, schätzt ab – kommt aber nie wirklich in die Gänge. Eine ähnliche Trägheit in der Initiative lässt sich im Film The Assistant von Kitty Green mit Julia Garner in der Hauptrolle entdecken. Auch hier ein Büro- oder Firmensetting, auch hier trägt die Bestandsaufnahme eines prekären Umstandes den ganzen Film und konzentriert sich, noch mehr als in American Sweatshop, lediglich auf die Veränderungen im Mindset der Protagonistin, bevor irgendetwas geschieht. Das hat natürlich Stimmung und Atmosphäre, doch das Thema verlangt mehr.

Auch hier, wenn es um Hassverbrechen und Social Media-Perversionen geht, ist das Problem viel tiefschürfender, komplexer und lauter, um es als kleines Arthousedrama mit Thriller-Elementen zu exportieren. Das Ende ist dann sozusagen der Anfang von etwas, das wir, womöglich um trivialer Genugtuung zu entgehen, niemals erleben werden. Der Griff an die Wurzel des Übels alleine mag Briesewitz genug gewesen sein, für mich fehlt da die entscheidende Konsequenz.

American Sweatshop (2025)

Allegro Pastell (2026)

VIELE OFFENE TÜREN IM WOHLSTANDSEUROPA

6/10


Sylvaine Faligant und Jannis Niewöhner in der Verfilmung von Leif Randts Allegro Pastell© 2026 WalkerWorm Film / Felix Pflieger


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2026

REGIE: ANNA ROLLER

DREHBUCH: LEIF RANDT, NACH SEINEM GLEICHNAMIGEN ROMAN

KAMERA: FELIX PFLIEGER

CAST: JANNIS NIEWÖHNER, SYLVAINE FALIGANT, HALEY LOUISE JONES, LUNA WEDLER, MARTINA GEDECK, WOLFRAM KOCH, VERA FLÜCK, NICO EHRENTEIT, AKOB SCHREIER, KELVIN KILONZO U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Im Jahre 2018 war die Welt noch in Ordnung. Da konnte man sich noch lieben, sich necken, zusammenziehen oder Schluss machen. Da war die zwischenmenschliche Beziehung noch in all ihren Ausformungen Freiheit, Wildnis, Egotrip. Alles in allem, und ohne Committment.

Vom Wert der Zweisamkeit

In Allegro Pastell haben wir es mit Millennials zu tun, die drauf und dran sind, sich selbst zu verwirklichen oder das zu suchen, was sie vielleicht mal in ihrem Selbst ruhen lässt. Noch aber ist alles im Aufbruch und Umbruch, von Covid 19 wussten damals nur die Studierten, doch sicherlich nicht das trendaffine, sozial integre Volk. Zwei Jahre später dann die ersten Maßnahmen, da wird man froh gewesen sein, jemanden an seiner Seite gehabt zu haben, der gemeinsam mit einem selbst diese Ausnahmejahre hat durchstehen wollen. Man muss Partnerschaft und Beziehung nur in die richtige Relation setzen, dazu braucht es etwas Ernstzunehmendes, Übergeordnetes.

Zufriedenheit als Stillstand

2018 war die Welt also noch in Ordnung. Und Jannis Niewöhner als Jerome liegt mit Love Interest Sylvaine Faligant gemeinsam im Bett; während eines pastelligen Morgens, entspannt und irgendwie zufrieden, wobei einem immer wieder das Gefühl beschleicht, das so viel Wohlbefinden bei solchen Mitdreißigern irgendwo einen Haken hat. Dieses Wohlbefinden mag Zufriedenheit hervorrufen, und Zufriedenheit, gleichbedeutend mit Stillstand, ist gar nicht gut bei Menschen, die nach etwas streben, oder immer wieder glauben, nach etwas – und dieses Etwas ist das Mehr – streben zu müssen.

Die Qual der Wahl bei den Privilegierten

Alles scheint zusammenzupassen, und doch bleiben da diese ungenutzten Möglichkeiten. Denn abgesehen davon, dass man vorwärts drängt und noch vor der erschütternden Vierzig sich und der Welt beweisen muss, wer man ist, stehen in der westlichen Welt des Wohlstands einfach so viele Türen offen, dass es fast verschenkt scheint, nicht noch durch eine andere zu treten. Jenseits der Schwelle wartet da vielleicht noch ein anderer Mann oder eine andere Frau. Vielleicht sind diese anderen die vom Schicksal ausersehenen, während man Zeit damit verliert, gemeinsam eine Existenz zu festigen, die von weiteren möglichen Chancen ablenkt.

Niemand will einander gefunden haben

Dabei meint es niemand wirklich böse, niemand will dem anderen wehtun, es ist alles eine Frage der Selbstfürsorge und die Suche nach Gewissheit, sich für das richtige zu entscheiden. Bald wird es diese Auswahlmöglichkeiten nicht mehr geben, zumindest für einige Zeit. Hätte man doch und wäre man doch. Oder eben auch nicht.

Anna Roller portraitiert diese Generation der Unruhigen und Zielsuchenden mit ganz viel Text aus dem Off, die aus Leif Randts Romanvorlage kommen muss. Das gibt Allegro Pastell schon von Anfang an eine intellektuell-literarische Note, die das Beziehungsdrama als intellektuelles Psychogramm gleich mehrerer Personen identifiziert. Im Fokus Faligant und Niewöhner als dieses unentschlossene und doch ganz eindeutig zusammengehörende Liebespaar, das nicht glauben kann, dass es sich gefunden hat.

Französisches Autorenkino

Allegro Pastell zeigt eine Welt des frei wählbaren Luxus – einer Wohlstandsgesellschaft, die um sich kreist und manchmal auch um andere. Die Stimmung, die Roller dabei lukriert, ist so melancholisch, gedankenverloren und tänzerisch, dass man meinen könnte, in einer französischen Studentenromanze gelandet zu sein, jenen aus den Achtzigern und Neunzigern, in denen Dreiecksbeziehungen keine Seltenheit sind und die freie Liebe sowas wie die moderne Familie, nur ohne Kommune, stattdessen im Bungalow der betuchten Eltern, die als Baby Boomer als erste Generation nach dem Krieg den Boden für die nachkommenden Generationen erst aufbereiten musste.

Die Handlung als seufzende Momentaufnahme

Oft schon haben Beziehungsfilme wie Allegro Pastell Wohlstandskinder auf hohem Niveau nicht gerade jammern, aber nach dem Best Case suchen lassen. Neu ist das, was Leif Randts Roman zumindest im Kino erzählt, nicht wirklich. Und so bewegt sich das Leben von Niewöhner und Sylvaine Faligant, ob mit- oder ohneeinander, auch nicht groß weiter. Es tun sich weder Gräben auf noch müssen neu aufgetürmte Topografien überwunden werden. Dabei plätschert Allegro Pastell von heiter bis sentimental wolkig, und hat so seine langen dramaturgischen Seufzer.

Rückblickend bleibt das Ganze recht inhaltsleer, und trotz der Abgehobenheit der Figuren schafft es Roller, die Distanz zum Publikum zu schmälern. Das schafft sie mit Atmosphäre und eleganter, nicht unbedingt selbstgefälliger Bildsprache, da diese schließlich punktgenau illustriert, in welcher Blase sich die Welt am Zenit einer auf ewig zu konservierenden Aufbruchsstimmung befindet.

Allegro Pastell (2026)