Firestarter

ZÜNDELN WILL GELERNT SEIN

3,5/10


firestarter© 2022 UNIVERSAL STUDIOS. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: KEITH THOMAS

CAST: ZAC EFRON, RYAN KIERA ARMSTRONG, MICHAEL GREYEYES, KURTWOOD SMITH, JOHN BEASLEY, GLORIA REUBEN, SYDNEY LEMMON U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Wir wissen das noch aus der eigenen Kindheit, oder? – Wenn die Eltern kurz mal außer Haus mussten. Da hieß es doch nebst des obligaten Merk-Reims Messer, Gabel, Scher‘ und Licht… abschließend noch: Nicht zündeln! Vor allem wäre es mir, damals in Elternhausen, ein leichtes gewesen, den Feuerteufel auf Ausgang zu schicken, hatten wir doch einen guten alten Koksofen, der mich zur kalten Jahreszeit allmorgendlich aus dem Schlaf zu reißen wusste. Heute wäre solch eine Selbstversorger-Heizung in Anbetracht obszön steigender Energiekosten wünschenswert. Hat man aber jemanden wie Stephen Kings Firestarter im Haus, sind Warmwasser und Heizkosten kein Thema mehr, solange man Töchterchen Charlie nur ein bisschen ärgert – schon wabert die Luft und das Wasser im Topf schlägt Blasen. Das Problem an der Sache: Charlie kann ihre Special Skills nicht wirklich steuern, gelegentlich nur unterdrücken, mithilfe einer Technik, die ihr Papa Zac Efron beigebracht hat. Je älter man aber wird, umso emotionaler reagiert man auf die Umwelt – und das Feuer brennt überall dort lichterloh, wo es nicht brennen soll. Als das Geheimnis an die Öffentlichkeit kommt, ruft das jene auf den Plan, die ihre Fähigkeiten überhaupt erst ermöglicht hatten – ein dubioses Wissenschaftslabor, dass mit Gen-Experimenten Leute hervorgebracht hat, die wir aus den X-Men-Filmen oder und vor allem auch aus der FSK-18-Serie The Boys kennen.

Das ganze Szenario erinnert stark an den Marvel-Teeniehorror The New Mutants – hilflose Andersbegabte sind einer eigennützigen Organisation ausgeliefert, die letztlich gar nicht so hilflos scheinen, würden sie ihre Fähigkeiten nicht mehr nur random einsetzen, sondern gezielt, um all den Bösen die Rache auch wirklich süß genug schmecken zu lassen. Kalt serviert wird sie hier jedenfalls nicht: Ryan Kiera Armstrong heizt durch die Gänge und verursacht da und dort Brandwunden zweiten und dritten Grades. Wer grundlegend schon mal Angst vor Feuer hat und selbst beim Entfachen eines Feuerzeugs feuchte Hände bekommt, wird bei all den züngelnden Flammen vielleicht Reißaus nehmen, so plötzlich, wie es hier wabert. Und dennoch: Auch wenn Zac Efron als mit hypnotischen Fähigkeiten ausgestatteter Papa-Mutant jedes Mal rezeptpflichtig aus den Augen blutet, wenn er andere gedanklich manipuliert und sich seinen elterlichen Sorgen souverän hingibt, lässt der Fantasythriller so einiges anbrennen. Vielleicht, weil er sich nicht zwischen Horror und Superhelden-Genese entscheiden kann (was man seit Doctor Strange in the Multiverse of Madness eigentlich nicht müsste) oder weil Stephen Kings literarische Vorlage prinzipiell nicht so viel hergibt wie andere. Auch bleibt der kindliche Hauptcharakter relativ flach, und der ganze Unterbau rund um eine Stranger Things-Verschwörung ist von irgendwoher bis zur Grobkörnigkeit abkopiert. Ab einem gewissen Punkt im Film – und das schon sehr früh – verliert die Geschichte seine Zuseher, weil der Plot bewährten Schnittmustern folgt, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in rund 90 Minuten packen will und keine Zeit für seine Figuren hat. 

Will man sich von der Unberechenbarkeit flammender Inferni wirklich die Nackenhaare aufstellen lassen, bleibt immer noch Ron Howards Backdraft ein empfehlenswerter Knüller, so auch der Feuerwehr-Abgesang No Way Out mit Josh Brolin. Und würde unsere Brandstifterin nicht Charlie, sondern Jean Grey heißen, könnte Firestarter zumindest als alternatives Prequel für Dark Phoenix seinen Platz finden. So aber fällt es schwer, mit dieser Blumhouse-Dutzendware warm zu werden.

Firestarter

Rot

EIN KNUDDEL IM ZWINGER

7,5/10


rot© 2021 Disney/Pixar. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2022

BUCH / REGIE: DOMEE SHI

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): ROSALIE CHIANG, SANDRA OH, AVA MORSE, HYEIN PARK, MAITREYI RAMAKRISHNAN, ORION LEE, WAI CHING HO U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Ein Kind soll Kind sein dürfen. In der elterlichen Obhut gibt’s anfangs sowieso wenig ernsthaften Spielraum, um aus der Rolle zu fallen. Der Anbruch des Teenageralters ändert dann aber so einiges. Die Obhut wird lästig, die Erziehungsnormen zum Gähnen – das Entdecken der eigenen Skills, der eigenen Gefühle und der eigenen Vorlieben lässt Erziehungsberechtigte lieber in der Ecke stehen – ein zugewiesenes Plätzchen, das selbige im Grunde wahrnehmen sollten, aus Liebe zum Nachwuchs. Rat und Beistand on demand gibt’s dafür rund um die Uhr. In so manchen Kinderstuben ist so ein Ansatz nicht mal Grund zur Diskussion, wenn Traditionen und Dogmen die Freiheit rauben, ob religiös motiviert oder einfach nur vererbtes Zeremoniell. Disney hat beim Thema Coming of Age – wie das Subgenre rund um heranreifende Teenies in Kultur und Medien genannt wird – momentan einen Narren gefressen. Erst zu Weihnachten sind der mit nonkonformistischen Verhaltensweisen gesegneten Mirabel aus Encanto die vererbten Wunderkräfte alles andere als in den Schoß gelegt worden. Ihre Rolle in der Welt hat sich die Gute erst erarbeiten müssen – singend und tanzend und die klappernde Villa Madrigal erforschend. Vor den Wurzeln aller Probleme – der Erziehung – macht Disney keinen großen Bogen mehr. Konflikte in der Familie gehören ausgetragen. Es ziemt sich nicht mehr, den Psychoschmarrn der Eltern mitzutragen. Neudefinition ist die Devise, ohne hilfesuchend zurückzublicken.

In einer ähnlichen Dysfunktionalität, die nach außen hin perfekten Frohsinn versprüht, bohrt auch der neue Pixar-Streifen Rot herum. Wie in Encanto fungiert auch hier, im Toronto des 21. Jahrhunderts, ein aus der Zeit gefallenes Matriarchat als Hemmschuh für einen befreiten, selbstbestimmten Lebensentwurf. Disney folgt dabei einem streng erdachten und trendeigenen Vokabular aus Minderheiten- und Frauen-Quote, das durch seine Dominanz alles Männliche zur kleinlauten Randfigur schrumpft. Mal sehen, wie lange noch diese Schräglage mit politischer Korrektheit begründet werden kann, doch momentan will der Mauskonzern mehr als nur alles richtig machen.

In diesem Fall ist Mei Lee ein Mädchen mit asiatischem Migrationshintergrund, gut in Mathe und offen für alles, was momentan im Trend liegt. Diese Leidenschaft für K-Pop (BTS lassen grüßen) und Social Media teilt die aufgeweckte Achtklässlerin mit ihren drei Freundinnen, die alles versuchen, um Karten für das anstehende Boyband-Konzert zu ergattern. Wenn der charakterlich liebevoll ausgearbeiteten Mädchenclique im Manga-Stil die kugelrunden Äugleins vor Begeisterung verschwimmen, wird bei Disney das Gefühl für Zeitgeist großgeschrieben. Währenddessen aber ist unser dreizehnjähriger Star des Films ein emotionales Hormonbündel schlechthin, reift langsam zur Frau und entfesselt ob ihres Gefühlschaos einen riesengroßen, knuddeligen roten Panda, der allerdings sie selbst ist. Ein Fluch? Ein Segen? Was soll dieses Wunder der Gestaltwandlung, für welches sich Mei Lee zunehmend schämt und wovon auch bald Helikoptermama Ming Lee Wind bekommt? Was gar nicht gut ist, denn dieser Bär, der überall für Aufsehen sorgt, ist ein jahrhundertealtes Geheimnis, das unterdrückt werden muss.

Das geht in aufgeklärten Zeiten wie diesen eigentlich überhaupt nicht. Für diese Freiheit, flügge zu werden, bricht Pixar gleich mehrere Lanzen und sucht den Konflikt der Generationen ohne Scheu davor, eingerostete Mutterrollen aus der Reserve zu locken. Das gelingt besser als in Encanto, ist dynamisch, launig und melodramatisch. Und überraschend kausal. Statt gemeinsam als Übermutter und Tochter bei der psychosozialen Familienberatung aufzuschlagen, tut’s die Sache mit dem Problembären, der als liebevoll ausgestaltete Symbolik (jeder mag Pandabären, die schwarzen so wie die roten) Dominanz und juvenile Auflehnung an einen Tisch bringt. Pixar gibt sich dabei trotz so einigem märchenhaften Disney-Zauber nicht mit plotbedingten Floskeln zufrieden, sondern führt den Konflikt recht spielerisch und unbelastend zu einem familiären Wendepunkt, der einen Neuanfang verspricht.

Rot

CODA

ZEICHEN SETZEN FÜR DIE ZUKUNFT

8/10


coda© 2021 Apple Studios


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: SIÂN HEDER

CAST: EMILIA JONES, MARLEE MATLIN, TROY KOTSUR, DANIEL DURANT, FERDIA WALSH-PEELO, EUGENIO DERBEZ U. A.

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Verstehen sie die Béliers? Nein, natürlich nicht. Gebärdensprache habe ich nie gelernt – bislang gabs auch noch keine Notwendigkeit dafür. Die Béliers verstehen mich aber  auch nur, wenn sie Lippen lesen können und ich meine gewählten Wörter deutlich ausformuliere. Die Béliers sind allesamt gehörlos – Vater, Mutter, Sohn. Nur die Tochter nicht. Solche Kinder nennt man CODA – was so viel heißt wie Children Of Deaf Adults. Der Prozentsatz tauber Eltern, die hörende Kinder in die Welt setzen, ist erstaunlich hoch. Dem Kinderschutz München zufolge sind dies bis zu 90%, die anderen 10& sind dann Deaf CODAS. So viel also zum Titel des Remakes einer französischen Tragikomödie aus dem Jahr 2014 mit Francois Damiens in der Rolle des gehörlosen Vaters. In diesem Film hier ist die Ausgangslage etwas anders – der folgende Plot allerdings der gleiche. Prinzipiell habe ich mit Remakes so meine Probleme, da ich jene, die auf einem bereits vorzüglich gelungenen Original basieren, nicht mehr für notwendig erachte. CODA hätte ich mir in nächster Zeit womöglich nicht angesehen, wäre der auf Apple+ erschienene Film von Siân Heder (Tallulah – zu sehen auf Netflix) nicht für den Oscar als bester Film nominiert worden. Ich will natürlich nicht, dass Preise oder die Aussicht auf selbige meine Watchlist beeinflussen, aber das tun sie. Sehr sogar. Muss ich mich dagegen wehren? Sollte ich nicht. Denn jene, die nominieren und auszeichnen, wissen auch ganz genau, warum. Das erkennt man dann an den Filmen. An diesen ist meist was dran. Etwas ganz Besonderes, Ungewöhnliches. Manchmal auch nicht, aber da Filme oft subjektiv zu werten sind – was soll‘s. Bei CODA allerdings hat die Jury schon absolut richtig gelegen. Trotz meiner Voreingenommenheit hat mich die US-Version der europäischen Komödie tatsächlich noch mehr überzeugt als das Original. CODA ist ein Film, der alles andere als Trübsal bläst. Der mitreißt und positiv bewegt. Womöglich das beste Feel Good Movie der letzten Zeit, was auch an der Musik liegt.

Statt eines Bauernhofs in Frankreich hat Siân Heder ihre Version des Stoffes autobiografisch gefärbt und die Szenerie ins ostamerikanische Gloucester verlegt. Die durch und durch natürlich agierende Schauspielerin Emilia Jones (u. a. Locke & Key) spielt Ruby Rossi, jüngster und hörender Spross einer Fischerfamilie, die jeden Morgen auf den Atlantik rausfährt, und das nur tun kann, weil Ruby mit von der Partie ist, denn irgendwer muss schließlich den Funk überwachen und auf akustische Signale der Küstenwache reagieren. Doch Ruby schwebt für ihr Leben was ganz anderes vor. Sie will singen. Zum Glück gibt’s an der Schule das Freifach Chor. Gesanglehrer Mr. V ist von Rubys Stimme angetan, schlägt ihr gar die Bewerbung an der Musikschule Berkelee in Boston vor. Die Eltern, vorrangig Mama Marlee Matlin (erster Oscar an eine gehörlose Schauspielerin für Gottes vergessene Kinder), halten nicht viel davon. Einfach, weil sie davon auch nicht viel mitnehmen können. Gesang, Musik – was ist das? Ruby ist jedoch nicht auf der Welt, um das Leben ihrer Eltern zu leben, sondern ihr eigenes. Mit Liebe, Sehnsucht und Leidenschaft. Selbstbestimmung ist das Wort. Das muss auch ihre Familie hinbekommen, ohne dabei andere, die vielleicht etwas anderes wollen, zu vereinnahmen.

Ganz ehrlich – ob Béliers oder CODA – die entworfene Coming of Age-Story über Freiheit, Erwachsenwerden und jugendlicher Verantwortung ist ein großartiges Stück Familiensache. Womöglich lässt sich der Stoff gar ein drittes Mal verfilmen, so viel Potenzial hat der Konflikt zwischen familiärer Abhängigkeit und Flüggewerden. Die Frage nach der Schuldigkeit des Nachwuchses den Eltern gegenüber wird durch das Handicap der Gehörlosigkeit fast schon auf ein metaphorisches Gleichnis gehoben, während die Behinderung selbst gar nicht mal so den inhaltlichen Kern der Geschichte ausmacht. Ungewohnt für Außenstehende ist es aber allemal, einem Alltag wie diesen über die Schulter zu sehen. Wenn Ruby dann versucht, den Song für ihre Bewerbung auch in Zeichensprache zu untertiteln, dann ist das Beweis genug für eine nachhaltige Zuneigung für jene, die schweren Herzens, aber doch, ihren Sonnenschein von Tochter freigeben müssen. Wenn Papa Troy Kotzur (nominiert für den Oscar als bester Nebendarsteller) wiederum versucht, den Gesang seiner Tochter wahrzunehmen, indem er die Vibrationen an ihrem Hals erspürt, ist das die Liebe, die Eltern ihren Kindern – ungeachtet ihrer Wünsche – entgegenbringen sollten.

CODA

The Tender Bar

MEIN COOLER ONKEL CHARLIE

7/10


the-tender-bar© 2021 Amazon Studios


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: GEORGE CLOONEY

CAST: TYE SHERIDAN, BEN AFFLECK, LILY RABE, CHRISTOPHER LLOYD, BRIANNA MIDDLETON U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Es scheint momentan ein Trend des US-Kinos zu sein, lokalen Größen aus Literatur, Bühne und Fernsehen ganze Filme zu widmen. Es sind dies Leute, deren Bekanntheit zumindest aus meiner Sicht vielleicht bis an die Ostküste des nordamerikanischen Kontinents reicht – doch wohl kaum darüber hinaus. Streaming-Giganten wollen das jetzt ändern, allen voran Netflix mit dem Musical Tick,Tick… Boom! über einen Komponisten namens Jonathan Larson – noch nie von ihm gehört. Auf Amazon prime sind gleich zwei Biopics am Start. Erstens: Being the Ricardos über die Stars einer Sitcom namens I love Lucy, die hierzulande auch nicht gerade der Straßenfeger gewesen sein kann.  Und zweitens: The Tender Bar, George Clooneys Verfilmung der Memoiren J. R. Moehringers. Ich kenne Salinger, aber Moehringer? Gut, es ist ja nicht so, dass meine Screentime dem Motto folgt: „Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht.“ Was bei Clooney lockt, ist erstens Clooney – und dann natürlich Ben Affleck hinter dem Tresen, der nebst Hochprozentigem auch Weisheiten für seinen Neffen ausschenkt.

Dieser Neffe – JR – sucht schließlich mit seiner delogierten Mama Unterschlupf bei Opa (Doc Brown Christopher Lloyd), der im Übrigen auch Onkel Charlie einquartiert hat – ein Mann, der sein Leben genießt und die Straße runter in der Dickens-Bar jobbt. An den Wänden des Lokals stapeln sich Bücher, und Charlie schafft es, den Kleinen fürs Lesen zu begeistern. Damit ist schon mal ein Grundstein für die spätere Laufbahn gelegt, die sich anfangs noch am Jurastudium orientiert. JR’s Vater sei noch erwähnt, der ist nämlich ein bekannter Moderator und Taugenichts, versoffen und für den eigenen Nachwuchs zumeist unpässlich. Dafür aber ist Charlie stets da – liebevoll unterstützend zwar, aber nicht betüddelnd. Das ist viel wert. Auch dann, als es Jahre später den ersten Liebeskummer gibt.

Was wir in der nostalgischen Jugendserie Wunderbare Jahre als Bewegtbild-Fotoalbum so genossen haben, bringt George Clooney auch hier, in The Tender Bar, zusammen, und zwar behutsam und entschleunigt. Das, woran sich Moehringer erinnert, haben wir jedoch in vielen anderen Filmen bereits ähnlich oder leicht abgewandelt gesehen. Aber: Clooney gelingt es, im permanenten Farbton eines goldgelben Nachmittags Stimmung zu erzeugen. Mit einem dezent selbstgefälligen Ben Affleck als Fels in der Brandung verwandtschaftlichen Erwachsenwerdens, auf welchen JR alias Tye Sheridan immer wieder zurückkommt, um sich erneut Schwung zu holen für die nächste zu schwimmende Länge an Leben, läuft The Tender Bar eigentlich nie Gefahr, den leisen Zauber eines familiären Zusammenhalts verpuffen zu lassen. Auch wenn Sheridans Figur bald auf eigenen Füßen steht und so seine Erfahrungen im echten Leben macht – die Rückendeckung Familie bleibt omnipräsent und unterstützend, und zwar auf eine gesunde Art, beständig an Ressourcen.

In Summe ergibt das einen schmeichelnden, warmen, angenehmen Film über Selbstlosigkeit, Vaterfiguren und ehrlichen Rückhalt.

The Tender Bar

The Hand of God

MARADONA, STEH‘ UNS BEI!

7,5/10


handofgod© 2021 Netflix


LAND / JAHR: ITALIEN 2021

BUCH / REGIE: PAOLO SORRENTINO

CAST: FILIPPO SCOTTI, TONI SERVILLO, TERESA SAPONANGELO, MARLON JOUBERT, LUISA RANIERI, RENATO CARPENTIERI, CIRO CAPANO, BIRTE BERG U. A. 

LÄNGE: 2 STD 10 MIN


Keine Sportart der Welt gleicht so sehr einer Art Religion wie diese. Fußball kann eine Lebenseinstellung sein, zu der man sich bekennt und wofür man sogar Gewalt anwendet, um die Ehre der innigst angefeuerten Mannschaft zu verteidigen. Manchmal entscheidet Fußball auch über Leben und Tod. Zwar nicht direkt, aber so wie bei vielen Dingen in der Welt, die Leidenschaften entfachen, ist der Einfluss auf die absehbare Zukunft enorm.

Wir haben also den Fußball, und wir haben innerhalb dieses sportphilosophischen Bekenntnisses durchaus auch Heilige, für die man gerne auf die Knie geht. Darunter den wohl besten Fußballer aller Zeiten. Und Kenner wissen: Bei The Hand of God kann es sich nur um Diego Maradona handeln, dem kleinen Argentinier mit dem Torschuss-Gen, der vor etwas mehr als einem Jahr erst verstarb und der 1986 zur WM in Mexiko City mit der Hand einen Ball ins Ziel befördert haben soll. Später erklärt Maradona dies mit der selbigen Gottes, die ihn geleitet haben mochte. Ein Claim, den der Spieler von da an nicht mehr loswird – und in dieser Familienprosa aus dem Neapel der Achtziger sein huldigendes Revival findet. Wir sind dabei, als der siebzehnjährige Fabietto via TV diesem kuriosen Moment der Fußballgeschichte beiwohnt. Wir sind dabei, als klar wird, dass Maradona kurze Zeit später ins neapolitanische Fußballteam wechselt. Die Freude ist groß. Eben so groß, wie sie bei Fußball manchmal sein kann.

Mir selbst gibt das nicht so viel. Und zugegeben: um Verbreitung von Halbwissen zu vermeiden, musste ich an die Recherche ran. Die Wissenslücke ist nun geschlossen, und dennoch bin ich froh darüber, dass Sorrentinos Film nur im weitesten Sinne mit dem Rasenspiel zu tun hat. Der berühmte Argentinier begleitet Fabietto so ganz nebenbei durch eine Zeit des Erwachsenwerdens und des Schicksals, stets vor der Kulisse des Vesuvs und dem malerischen Leuchten der Küstenstadt in der Dämmerung. Fabietto (gespielt von Langfilmdebütant Filippo Scotti, der an Timothée Chalamet erinnert) ist schüchtern, fasziniert von seiner durchgeknallten, freizügigen Tante Patricia und fasziniert von Maradona. Mädchen spielen kaum eine Rolle, und bevor sich der Junge entscheidet, was er mal werden will, folgt die Tragödie auf dem Fuß. Danach ist nichts mehr so wie vorher, und die magische Welt des Filmemachens hält Einzug, motiviert von niemand geringerem als Federico Fellini. Castet der mal nicht für einen Film und weilt lieber in Cinecitta, ist es der Filmemacher Antonio Capuano (der tatsächlich existiert), der dem Jungspund die Leviten des Lebens liest.

Nicht einfach so nimmt Sorrentino Bezug zu einem Altmeister wie Fellini. Ganz klar bekennt sich dieser zu seiner Liebe für den römischen Filmgott. Auch wenn man dabei erwarten würde, dass die sonst so stolze Bildsprache Sorrentinos ein neues Level erreicht, nimmt er sich in dieser Sache dann doch etwas mehr zurück als erwartet. Klar feiert das Auge mit, und ganz klar wäre das italienische Familiendrama nichts ohne die einen oder anderen grotesken Gestalten und blanken Oberweiten, wie sie bereits aus Fellinis Roma Eindruck hinterlassen haben. Zwischen all dieser üppigen Viva Italia hält Sorrentino seinem ziellos umhersteuernden Jüngling die Hand und tätschelt sie, will nur Gutes für dessen Zukunft. In Ewige Jugend hat der wohl prägnanteste italienische Filmemacher neben Matteo Garrone das Alter durch Licht und Schatten spazieren lassen. In seinem nicht weniger beeindruckenden Drama um jugendliche Ideale und der psychosozialen Wucht einer italienischen Familie erzeugen hohe und tiefe Töne ebenfalls ein bewegendes, erfrischend komplementäres Gesamtbild.

The Hand of God

Noche de Fuego

IM SCHATTEN DES KARTELLS

7/10


nochedefuego© 2021 Netflix


LAND / JAHR: MEXIKO, DEUTSCHLAND, BRASILIEN, SCHWEIZ, USA, KATAR 2020

BUCH / REGIE: TATIANA HUEZO

CAST: ANA CRISTINA ORDÓÑEZ GONZALES, MARYA MEMBREÑO, MAYRA BATALLA, NORMA PABLO U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Man muss nur genau hinhören. Darin wird die junge Ana trainiert. Sie hört die Kühe des Nachbarn auf freiem Feld, sie hört das Bellen des Hundes die Straße runter. Sollte sie das Motorengeräusch eines Vierradantriebs hören, muss sie sich verstecken. Denn die Schergen des Kartells sind hinter ihr her. Dabei hat sie die Bösen gar nicht provoziert, ganz im Gegenteil. Zu ihrem eigenen Schutz nimmt der LKW sie frühmorgens gar mit auf die Mohnfelder. Das Kartell ist hinter ihr her, weil sie ein Mädchen ist. Und Mädchen, insbesondere die hübschen, bringen im kranken Wirtschaftsverständnis der Verbrecherwelt Mexikos ordentlich Profit. So einen erschütterten Einblick erhält man mitunter auch im brasilianischen Sozialthriller 7 Gefangene. Da schnürt es einem die Kehle zu, das ist schwer mitanzusehen. Dabei ist das nicht mal notwendig, der Stein liegt schon im Magen, wenn plötzlich eine von Anas Freundinnen verschwindet. Ein Umstand, der schlimmer ist als der Tod. Unter diesem Schatten wächst Ana also auf, mit ihren besten Freundinnen, die untereinander versuchen, ihre Gedanken zu lesen. Ihr Leben sollte das unbekümmerte eines jungen Mädchens aus dem Dorf sein, wäre da nicht diese andauernde Bedrohung, unter der Anas Mutter leidet, da sie das Schutzgeld für ihre Familie nicht bezahlen kann. Der Vater schickt kein Geld mehr. Mohn ist der einzige Garant, doch selbst der bremst die Gier der Bewaffneten nicht, die so plötzlich kommen wie ein Tornado über die nordamerikanischen Ebenen.

Bereits beim diesjährigen Cannes-Festival in der Rubrik Un Certain Regard lobend erwähnt und auf der Viennale 2021 vertreten, ist diese etwas andere Coming-of-Age-Story der salvadorianischen Filmemacherin Tatiana Huezo das sensible, pietätvolle Tagebuch eines Alltags irgendwo im mexikanischen Hochland – in einem Dorf, wo die staatliche Exekutive fast nichts zu sagen hat und jene Kartelle, die sich gerade an die Macht gemeuchelt haben, alles. Noche de Fuego (oder auch A Prayer for the Stolen) lässt seine Protagonistinnen aus freien Stücken das empfinden, was sie wohl für eine gute Freundschaft empfinden würden, dabei gerät die Interaktion der drei zu einem authentischen, bezaubernden Miteinander, das unter ständiger Gefahr gelebt werden kann: Das erste Kokettieren mit einem Jungen, die erste Monatsblutung, der schulische Unterricht und der Twist mit der Mutter, die nicht will, dass Ana zu ihrer Weiblichkeit steht. Schminke ist verboten, das Haar muss kurz geschoren sein. Im Vergleich zur direkten Unterdrückung der Frau in Afghanistan ist diese indirekte Unterdrückung nicht weniger belastend. Da bangt man um jede Szene in Freiheit, da spürt man schon den aufkommenden Schrecken. Da stresst der Moment und macht Angst, wenn Ana in der Grube im Garten hyperventiliert, wenn die Menschenhändler kommen.

Noche de Fuego ist ein ruhiger, sanfter, aber auch ungemein erschreckender Film, der das Unmögliche verortet und mit Fürsorglichkeit und Mitgefühl für seine verletzlichen Figuren den Fokus vom nahen Osten auf Mittelamerika legt, wo das Menschenrecht genauso wenig zählt – weil es nicht eingefordert werden kann.

Noche de Fuego

Zombi Child

DIE KINDER DER TOTEN

6,5/10


zombichild© 2020 Grandfilm


LAND / JAHR: FRANKREICH 2019

BUCH / REGIE: BERTRAND BONELLO

CAST: LOUISE LABEQUE, WISLANDA LOUIMAT, MACKENSON BIJOU, KATIANA MILFORT, ADILÉ DAVID, NINON FRANÇOIS U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


Zombies gibt es wirklich. Zumindest sagt man das, und zwar auf Haiti. Dort, wo Voodoo mehr ist als nur eine Zaubershow. Vielmehr eine Lebenseinstellung, eine Art metaphysische Weltsicht. Als der erste belegte Fall eines Zombies gilt Anfang der 60er Jahre ein Mann namens Clairvius Narcisse. Der brach eines Tages auf der Straße tot zusammen, wurde beerdigt – und kurze Zeit später wieder zum Leben erweckt, um als untote Kreatur ohne eigenen Willen mit anderen Zombies als Sklave auf einer Zuckerrohrplantage zu arbeiten. Irgendwie hat dieser Mann es geschafft, den Willen seiner Herren zu brechen und zu seiner Familie zurückzukehren, wo er bis zu seinem zweiten Tod gelebt hat. Klingt kurios? Ist es auch. Und es ist der erste mir bekannte Zombie-Film, der um genreübliche Versatzstücke wie Kannibalismus, Blutdurst und rasender Impulssteuerung einen großen Bogen macht. Mit dieser Darstellung des Zombie-Mythos bringt Regisseur Bertrand Bonello das medial hochgeschätzte und durch The Walking Dead massentauglich gewordene Thema auf den Boden kulturgeschichtlicher Tatsachen zurück. Dabei teilt Bonello seinen Film in zwei Hälften. Die eine schildert chronologisch die Ereignisse, die damals auf der karibischen Insel angeblich stattgefunden haben. Die andere erzählt die Coming of Age-Story der französischen Schülerin Fanny, die während ihres Aufenthaltes im Internat mit der Abfuhr ihres Freundes zurechtkommen muss. Ihr zur Seite steht eine kleine Gruppe vertrauter Freundinnen, die sich regelmäßig, zur nachtschlafener Zeit, als eingeschworene Schwesternschaft im Kunstsaal der Schule treffen. Dabei wird ein neues Mitglied aufgenommen – ein haitisches Mädchen namens Mélissa, die bei einer Tante lebt, und die man gut und gerne als Voodoo-Priesterin bezeichnen könnte. Fanny ist davon fasziniert – und spielt mit dem Gedanken, ihre Dienste in Sachen Liebeskummer in Anspruch zu nehmen.

Zombi Child fügt sich wunderbar an eine Reihe ähnlich gelagerter, augenscheinlicher Jugendfilme an, wie zum Beispiel When Animals Dream von Jonas Alexander Arnby oder Raw von Cannes-Preisträgerin Julia Ducournau. In allen diesen Filmen dringt das Paranormale in den ganz normalen Alltag junger Mädchen ein, die sich damit abmühen müssen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Bonellos Film kommt allerdings ohne Blut und Todesfälle aus, dafür ist das Überschreiten dieser Grenze hier im Film eine, die nicht weniger Wirkung hat. Statt verwesender Gesichter und bissfester Launen handelt das Voodoo-Drama von Seelenreisen und der Dominanz solcher. Vom Beschwören garstiger Dämonen und dem Bannen selbiger. Der westafrikanische Kult ist nichts, womit man einfach so aus Neugierde herumspielt, meint der Regisseur. Und auch nichts, das sich gerne als reißerisches Horror-Vehikel verbraten lassen will. Zombi Child nimmt die Möglichkeit einer unbekannten Dimension wie dieser durchaus ernst. Vielleicht ein bisschen zu ernst, und vielleicht schmeckt diese Art der Zombie-Interpretation verwöhnten Zombieland-Veteranen nicht wirklich, weil sie mit Schlitzen und Ballern nicht weit kommen. Als beruhigt beunruhigende Exkursion zu den Wurzeln eines Mysteriums allerdings ist Zombi Child Kopfkino für geschmacksorientierte Tellerrand-Balancierer, den Blick in den Abgrund inbegriffen.

Zombi Child

Raw

AUF DEN GESCHMACK GEKOMMEN

6/10


raw© 2016 Wild Bunch


LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2016

BUCH / REGIE: JULIA DUCOURNAU

CAST: GARANCE MARILLIER, ELLA RUMPF, RABAH NAÏT OUFELLA, LAURENT LUCAS, JOANA PREISS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Das diesjährige Filmfest von Cannes stand ganz im Zeichen einer extravaganten Filmemacherin, die mit ihrer – was man so gehört hat – erschreckend infernalischen Kühlerhauben-Liaison Titane die Goldene Palme gewonnen hat. Bevor dieser gesichtet werden kann, musste ich mal abklären, in welche Richtung Julia Ducournau denn so pilgert. Und ob mir ihr Stil prinzipiell gefällt. Dafür eignet sich das 2016 erschienene Coming of Age-Drama Raw, das fälschlicherweise als übelkeiterregendes Unding vermarktet wurde. Das eine oder andere Vorkommnis, bei welchem sensible Mägen so mancher Zuseher in Mitleidenschaft gezogen wurden, trug natürlich dazu bei. Aber Hand aufs rohe Herz: da gibt‘s ganz andere Kaliber, die noch viel ekelhafter sind. Einer Studentin dabei zuzusehen, wie sie voller Genuss einen menschlichen Finger abnagt, ist zwar ein bisschen weltfremd und gegen die eigene Esskultur, jedoch auf so verschmitzte Art dargestellt, das es maximal zum Kuriosum reicht. Denn Ducournau, die hat in ihrem Soft-Horror wirklich nicht im Sinn, frei von Ironie für ihre entdeckerfreudige Protagonistin zu bleiben.

Die von Garance Marillier wirklich einnehmend und mit viel Herz- und anderem Blut verkörperte 16jährige Studentin namens Justine, Zeit ihres Lebens Vegetarierin, muss sich als Studienanfängerin einer einwöchigen Initiation an der Vet-Uni unterziehen, die damit beginnt, dass alle Kandidaten rohe Hasennieren essen müssen. (Gegen Dummheit hilft nicht mal so ein komplexes Studium wie Veterinärmedizin, aber na gut.) Justine muss also mit dem Strom schwimmen, schluckt das Teil runter und fängt sich kurzerhand einen ordentlichen Ausschlag ein, der nur der Anfang für eine impulsive Gier für alles Fleischliche markiert. Das ist in erster Linie wohl eher die Lust am Verzehr roher Bruststücke aus dem Kühlschrank und später dann auch die Lust am Kannibalismus. Justine weiß nicht, wie ihr geschieht, weiß nur, dass sie ohne Fleisch wohl künftig nicht mehr gut leben wird können. Ein Schicksal, dass ihrer älteren Schwester und Mitstudentin Alexia (Ella Rumpf, bekannt aus Marvins Krens Serie Freud) irgendwie bekannt vorkommt.

Raw (im französischen Original Grave, was soviel bedeutet wie brutal) ist wahrlich kein Horrorfilm im klassischen Sinn, sondern sympathisiert viel mehr mit den subtilen Herangehensweisen aus dem hohen Norden. Beispiele dafür: So finster die Nacht oder When Animals Dream. Beides Filme, die sich ebenfalls mit dem Wandel vom Mädchen zur Frau beschäftigen und diesen Umstand in einen fantastischen Mystery-Kontext stellen. Dacournou behandelt das Thema einerseits subtil, andererseits aber symbolisiert sie recht plakativ die unbändige Kraft weiblicher Triebe mit widernatürlichem Verhalten, welches mittelalterliche Frömmigkeit zu unheilvoll heilsamem Exorzismus genötigt hätte. Ist die Weiblichkeit immer noch so ein Rätsel? Natürlich nicht, doch ist die Zeit immer noch eine, die sich mit grotesken Ritualen abgibt und eine schaulustige Partygesellschaft als einziges Publikum zur körperlichen Selbstfindung einlädt.

Ducournaus feministischer Film hat Witz, ist kurzweilig und setzt seine niemals zum Selbstzweck verkommenden, blutigen Momente wohldosiert an die richtigen Stellen. Mit dieser klugen Komposition und einem zweckmäßigen Horror bringt sie die Handlung stets voran, kreist gerne und ausgiebig um ihre beiden Darstellerinnen und setzt dabei eine nicht weniger geschickte Schlusspointe. Man kann vieles in Raw hineininterpretieren, was fast schon beliebig wirkt. Letzten Endes aber ist es nicht mehr und nicht weniger ein Film über Mythen und Mysterien der weiblichen Adoleszenz.

Raw

Luca

DIE FARBEN DES SOMMERS

7,5/10


luca© 2021 The Walt Disney Company / Pixar


LAND / JAHR: USA, ITALIEN 2021

REGIE: ENRICO CASAROSA

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): JACOB TREMBLAY, JACK DYLAN GRAZER, EMMA BERMAN, MAYA RUDOLPH, MARCO BARRICELLI, JIM GAFFIGAN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Mit dem Licht kommen die Farben. Welche das sind, kommt nur auf die Brechung an. Geht die Sonne auf, wird’s so richtig bunt. Wenn der Helium-Wasserstoff-Ball vom fetzblauen Himmel strahlt, und sich nur weit am Horizont harmlose, weiße Wölkchen sammeln, lohnt es sich, ein Hawaiihemd überzuziehen, dazu knallige Badeshorts und grelle Flip-Flops. Es würde aber auch genügen, das brandneue Werk von Pixar zu streamen, das selbst dann für einen Farbenrausch sorgt, wenn sich draußen mal die Wolken ballen. Luca, so nennt sich der neue Saisonknüller, zelebriert nicht nur den Sommer, sondern auch und gerade den Urlaub am Meer. Vorzugsweise im von den Römern so treffend bezeichneten Mare Nostrum. Und welches Land darf wohl – nebst Griechenland – als Inbegriff des zweiwöchigen Familienurlaubs gelten, am Liebsten per Anreise mit dem hauseigenen Vehikel? Natürlich – Italien. Azurblaues Wasser, ein mildes Lüftchen, eine salzige Brise von weit draußen. Sonnenuntergänge und -aufgänge en masse. Vicco Torriani könnte da mit den Capri-Fischern auf den Lippen als animierter Revival-Star um die nächste Ecke biegen und den rustikalen Dorfplatz eines kleinen, beschaulichen Fischerstädtchens überqueren. Das alles fühlt sich nach leichtem Leben an, lockt zum Aussteigen, wie seinerzeit Erwin Steinhauer, Heinz Petters und Co, die mit adrettem Schinakel der Sonne entgegen plätscherten.

In dieser herrlich anmutenden, knallfarbigen Welt darf das Geheimnisvolle aber ebenfalls nicht fehlen. Der Knabe Luca, dessen Abenteuer wir hier sehen, ist schließlich kein gewöhnlicher Junge. Er ist ein Wasserwesen. Auch seine Eltern sind das, und natürlich die Omi. Als Fischhirte auf submarinen Wiesen träumt er allerdings, seiner Neugier nachzugeben und das mysteriöse Land jenseits des Meeresspiegels zu entern. Erlaubnis hat er dafür keine. Aber was soll’s – Kinder sind Entdeckernaturen. Unter dieser intrinsischen Motivation zufolge findet sich Luca plötzlich am Strand wieder – verliert seine fischige Physiognomie und sieht plötzlich aus wie ein ganz normaler Bursche. Dabei lernt er seinen besten Freund kennen – Alberto. Beide wiederum treffen auf Giulia, eine rothaarige Außenseiterin, die alles gibt, um beim diesjährigen lokalen Triathlon so richtig abzuräumen. Der besteht aus Schwimmen, Spaghetti futtern und radeln. Luca und Alberto sind mit dabei – wollen sie sich doch mit dem Preisgeld eine Vespa erstehen.

Enrico Casarosa, kreatives Mastermind hinter Filmen wie Robots, Ice Age oder Oben, verneigt sich bis zu den sandigen Zehenspitzen vor der Blütezeit des italienischen Kinos. Es sind Werke wie jene mit Marcello Mastroianni und Sophia Loren. Es sind die so tragikomischen wie üppigen Märchen eines Federico Fellini. Es ist das melancholische Lebensgefühl eines entschleunigten, analogen 20. Jahrhunderts, mitsamt aufbrausendem Temperament. Dabei sind all die Figuren und das Drumherum wiedermal, wie für Pixar üblich, in ihren Charakterzügen durchdefiniert und bis ins kleinste Detail ausgearbeitet. Die Rolle von Giulias Vater sticht dabei ganz besonders ins Auge – ein brummiger, aber gutherziger, einarmiger Fischer mit den dichtesten Augenbrauen der Filmgeschichte. Nicht zu übersehen auch die Figur des kecken Widersachers Visconti. Vom Scheitel bis zur Sohle, inklusive Gesten, Haltung und Mimik – so karikiert man auf augenzwinkernde Weise überhebliches Nationalgefühl.

Das ist aber längst nicht alles, was Casarosa mit seiner Gezeitenkomödie ausdrücken will. Hinter den „bedrohlichen“ Fremden, die aus dem Wasser kommen, lässt sich unschwer jene sozialpolitische Krise erkennen, die in den letzten Jahren unter anderem eben auch die Küsten und Inseln Italiens betroffen hat. Dabei wird der in Luca aus der Luft gegriffene Umstand der Xenophobie auf volkstümliche Weise hinterfragt und im Sinne eines gewaltfreien Miteinanders auf lässige Weise für nichtig erklärt. Das Andere kann bereichernd sein, verliert aber dadurch, dass es sich anpassen kann, nichts an seiner Identität. Luca entwickelt somit aus dem auch für heiße Kopfwehtage geeigneten, simplen Plot farbenfrohe, lebensbejahende Botschaften.

Luca

Brightburn – Son of Darkness

IN DIE ECKE, SUPERMAN

6/10


brightburn© 2019 Sony Pictures Entertainment


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: DAVID YAROVESKY

CAST: JACKSON A. DUNN, ELIZABETH BANKS, DAVID DENMAN, MATT L. JONES, MEREDITH HAGNER U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Was für ein Jammer. Wir befinden uns hier weder im DC– noch im Marvel-Universum. Weit und breit gibt’s keine Superhelden, keinen Captain America und keinen Batman. Ein ernüchternder Umstand. Und insofern tragisch, da der einzige Knabe mit besonderen Fähigkeiten nichts Gutes im Schilde führt. Es ist, als wäre Superman ein wütender Vandale und als träfe dieser auf keine ernstzunehmenden Widersacher, die sein Potenzial auch nur irgendwie zügeln könnten. Was für Kräfte Clark Kent hat, ist uns allen bekannt. Es sind die einer Gottheit. Nichts kann ihn bremsen, niemand aufhalten. Er könnte alles um ihn herum vernichten. Er könnte ganze Sonnensysteme in sich zusammenfallen, die Erde in die Sonne stürzen lassen. Ich traue Superman sowieso nicht. Batman tat das eine Zeit lang auch nicht – in Dawn of Justice war sein Grummeln in der Magengegend durchaus berechtigt. Später, in Justice League, soll er dann nochmal den finsteren Blick bekommen. So eine Gratwanderung zwischen unbegrenzter Macht und humanitärem Gewissen bedarf einer gewissen Ausdauer. Und das Herz eines guten Wesens.

Der Junge in Brightburn – Son of Darkness scheint anfangs sein nichtmenschliches Herz noch am rechten Fleck zu haben. Mit einer Raumkapsel eines Nachts abgestürzt, war er als brabbelndes Baby geradewegs in die ausgebreiteten Arme eines kinderlosen Ehepaares gefallen. Jetzt, im präpubertären Alter von 12 Jahren, scheinen gewisse Kräfte in ihm zu erwachen. Nicht solche, die in der Kindesentwicklung üblich sind, sondern eben ähnliche wie die von Superman. Mit so viel Macht muss man mal umgehen können. Das kann so gut wie niemand. Mit dieser Kraft erhält der Junge allerdings auch seltsame Befehle von außerhalb. Und die gehen auf Kosten seines sozialen Umfelds.

Was passiert eben, wenn die Nummer 1 aller Superhelden plötzlich böse wird? Und niemand da ist, der ihn aufhalten kann? Das gute Zureden seiner Ziehmutter? Das Läutern seines Gewissens? Die Suche nach so etwas Ähnlichem wie Kryptonit? Der von James Gunn (Guardians of the Galaxy, Super – Shut up, Crime!) produzierte Science-Fiction-Horror macht es sich mit seiner Antwort auf diese Fragen relativ leicht. Und klar – man braucht da gar nicht viel drum rum reden. Die Aussichten sind blutig, hundsgemein, bedrohlich und erschreckend. Mit so einer Gabe bleibt einem Dreikäsehoch wie diesen gar nichts anders übrig, als nur Schaden anzurichten, allein aus einem impulsiven kindlichen Verhalten heraus, angesichts dessen erlernte Erziehungswerte gnadenlos abstinken. Einmal damit angefangen, gibt’s kein Aufhören mehr. Und das ist es, was Brightburn erzählt: ein recht straightes Coming of Age-Grauen, das allerdings stellenweise mehr Familiendrama als Slasher ist, und das so seine Phasen durchmacht – von der dargestellten Bandbreite kreativer Tötungsmethoden bis hin zu den leisen Selbstzweifeln einer nichtmenschlichen und gleichermaßen erschreckend menschlichen Kreatur. Interessant dabei ist die klar erkennbare Metaebene: Brightburn hat ganz offensichtlich vor, die Sorgen und Ängste der Elternschaft ob der Entfremdung und Abnabelung ihres Nachwuchses in einen Worst Case-Alptraum zu konvertieren. Im Gegenzug ist das Entdecken der eigenen Stärken und das Erstarken eines kolossalen Ich-Bewusstseins der posttraumatische Folgetraum. Alles in allem bleibt David Yaroveskys kleiner, kerniger und letzten Endes gnadenloser Reißer die Visualisierung einer aus biologischer Sicht determinierten Ohnmacht.

Brightburn – Son of Darkness