It’s Never Over, Jeff Buckley (2025)

AUF DEN SPUREN EINES STIMMWUNDERS

7,5/10


Jeff Buckley beim Shooting für sein Albumcover "Grace"
© 2025 Magnolia Pictures


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: AMY BERG

SCHNITT: BRIAN A. KATES, STACY GOLDATE

MIT: JEFF BUCKLEY (ARCHIVAUFNAHMEN), MARY GUIBERT, BEN HARPER, AIMEE MANN, REBECCA MOORE, OAN WASSER, MICH GRONDAHL, PARKER KINDRED, MICHAEL TIGHE, MERRY CYR U. A.

LÄNGE: 1STD 46 MIN



It’s Never Over: Es wird wirklich niemals vorbei sein – nicht, solange es Geräte gibt, die seine Musik spielen. So lange es Menschen gibt, die sich anhören, was Jeff Buckley zu schreiben, zu sagen und zu singen hatte. Sein einziges Werk, das Album Grace, wird immer bleiben, so wie James Dean auf ewig und solange es ein Publikum gibt, dass sich dafür interessiert, in seinen drei Filmen existent sein wird. Wird man deshalb Künstler? Weil man so ewig leben kann?

Wegducken vor dem Ruhm

Diese Eternität war wohl nicht Jeff Buckleys Anspruch und Ziel. Das wird klar, sobald man Amy Bergs biografischer Dokumentation über einen Poeten gewahr wird, der für das große Musikbusiness und überhaupt für Ruhm an sich einfach nicht gemacht war.

So ergeht es Künstlern, die plötzlich, von allen Seiten angestrahlt, im Rampenlicht stehen. Die der helle Schein der Öffentlichkeit blendet und die in dieser plötzlich auftretenden Orientierungslosigkeit auch nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll.

Ordnung ins Vermächtnis bringen

Dieser Jeff Buckley, der war so einer. Ein begnadeter Singer und Songwriter, mit einer Stimme, die viele wohl gerne als Grund angeführt hätten, weshalb sie berühmt wurden. Buckley hatte das allein mit seiner Stimme geschafft. Und mit den Worten in seinem Kopf.

Um hier Ordnung in all diesen künstlerischen Nachlass zu bringen, hat Amy Berg (Deliver us from Evil) auch ordentlich aufgeräumt. Anders lässt sich der Mensch Buckley nicht fassen, wenn man hier nicht bei Null beginnt, den roten Faden eines viel zu kurzen Lebens nicht als Tangente von A bis Z legt, ohne Wirbel, Kurven und Knäuel.

It’s Never Over, Jeff Buckley ist jene Sorte dokumentarischer Biografie, die sich nicht selbst inszenieren und anpreisen will, sondern selbst in den Hintergrund tritt, um eine Person vortreten zu lassen, die, wenn sie von sich selbst berichtet, zumindest die Möglichkeit hat, sich an diesen geordneten und chronologisch fast schon streng geradlinigen Konzept eines Dokumentarfilms festhalten zu können.

Von der Wiege bis ins Grab

Es beginnt mit den Eltern, mit dem drogenabhängigen Jazzmusiker Tim Buckley, der an einer Überdosis starb und seinen Sohn nur einmal gesehen hat. Es geht weiter mit Mary Guibert, seiner Mutter, die hier ebenfalls, in äußerst bewegenden Szenen, zu Wort kommt, sich so gefasst als möglich an ihren Sohn erinnert und am Ende aber und völlig nachvollziehbar diesem Verlustschmerz erliegt, wenn sie die letzten Worte ihres Sohnes auf dem Anrufbeantworter auch das Publikum hören lässt.

Das ist wohl der bewegendste Moment in diesem Film, der Struktur in ein chaotisches, impulsives, depressives und leidenschaftliches Leben bringt, über dessen Ende man nur spekulieren kann. War es Suizid, war es ein Unfall? Wer geht schon vollbekleidet in einen Fluss – nur um sich abzukühlen?

Viel mehr als nur Hallelujah

Jeff Buckley wurde 30 Jahre alt, ein Mann mit absolutem Gehör und einer gottgleichen Stimme. Die Neuinterpretation von Leonard Cohens immersiver Ballade Hallelujah wird, obwohl nicht selbst geschrieben, sein populärster Track werden.

Auch weil es fast unfair scheint seinen anderen Stücken gegenüber, lohnt es sich auf alle Fälle, diese Klasse für sich neu zu entdecken, beginnend mit diesem Film, der aus allerlei visuellem, akustischem und niedergeschriebenen Stückwerk eine in sich stimmige biographische Konstante formt, die diese Vielzahl an hinterlassenen Spuren gekonnt ineinandersteckt.

Die richtige Wahl des Mediums

Als Spielfilm wäre Buckleys Leben wohl nicht annähernd so geglückt wie als Dokumentation. Bei manchen Künstlern braucht es einen Zugang wie diesen, eine klare Linie, kein Firlefanz und kein Nachinterpretieren psychischer Gemütslagen. Es reichen Buckleys Worte, die seiner Freunde, seine Stimme am Telefon. Schon ist der Poet so nah, als würde man ihm selbst, nur kurz, aber doch, irgendwann einmal begegnet sein.

It’s Never Over, Jeff Buckley (2025)

Like A Complete Unknown (2024)

SPIEL MIR DAS LIED VOM WIND

9/10


© 2025 Searchlight Pictures


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: JAMES MANGOLD

DREHBUCH: JAY COCKS, JAMES MANGOLD, NACH DEM SACHBUCH VON ELIJAH WALD

CAST: TIMOTHÉE CHALAMET, ELLE FANNING, MONICA BARBARO, EDWARD NORTON, BOYD HOLBROOK, DAN FOGLER, NORBERT LEO BUTZ, SCOOT MCNAIRY U. A.

LÄNGE: 2 STD 21 MIN


James Mangold kann Biografien erzählen, die sind so kraftvoll, dynamisch und mitreißend, dass niemand auch nur einmal nach dramaturgischen Innovationen verlangt. Sein Walk the Line über Johnny Cash hat es vorgemacht, das neueste und für acht Oscars nominierte Portrait eines Nonkonformisten, wie er in den Annalen der Musikgeschichte steht, ist von ähnlicher Art, nur noch besser, noch intensiver und entfacht noch viel mehr Sehnsucht nach einer Zeit des Umbruchs, obwohl diese nicht nur gut war. Like A Complete Unknown vermittelt das Gefühl der Wehmut, wenn Timothée Chalamet als Bob Dylan am Ende des Films auf seiner Triumph die Bundesstraße entlangfährt, einer Freiheit entgegen, die nur er bestimmt. Wehmut ist es, die diesem Typen, diesem unbequemen, ungefälligen Egomanen und Virtuosen, nachwinkt. Es ergeht uns wie Dylans Herzensmensch Sylvie Russo (Elle Fanning), die zur Einsicht erlangt, einen wie ihn niemals halten zu können.

Warum wir diese Lust und das Verlangen verspüren, immer mehr und mehr dieser aufbrausenden Musik der Sechziger zu hören? Weil Mangold sein Ensemble dieses Lebensgefühl auch entdecken lässt. Da sind Namen dabei, die kennt ein jeder, der sich auch nur ansatzweise mit der US-amerikanischen Musikgeschichte auskennt. Joan Baez, Pete Seeger, Woodie Guthrie, Johnny Cash. Baez mit ihrer unverkennbaren, engelsgleichen Stimme, die ihre Zuhörer in andere Sphären katapultiert – Monica Barbaro gibt ihr ein Gesicht, gibt ihr Charakter, Charisma, spürt die Leidenschaft und das Engagement. Genauso Edward Norton als Seeger, Mitinitiator des Newport Folk Festivals und Mentor Bob Dylans, zurückhaltend, beflissen, gutherzig. Und natürlich Chalamet als der widerborstige und schwer zu greifende Lockenkopf, der Singer und Songwriter mit dieser atemberaubenden Poesie in seinen Liedern, mit all den kritischen, ironischen, melancholischen Texten über Beziehungen, die Gesellschaft, die Welt an sich und all den Schwierigkeiten, als Mensch auf ihr zu wandeln.

Da ist dieser junge Schauspieler, der mit Call Me By Your Name erstmals für Aufsehen gesorgt hat und in Dune mittlerweile als Monarch über Arrakis herrscht. Es hätte ja sein können, dass Timothée Chalamet in jene Kerbe schlägt, in die hofierte Stars manchmal geraten, wenn ihr Ego größer wird als ihre Rollen, die sie verkörpern. Die Folge: Immer das gleiche, niemals jemand anderer, maximal so tun, als ob. Zuletzt passierte dieser Umstand Angelina Jolie als Maria Callas in Pablo Larraíns Maria. Doch Chalamet weiß davon, sich seinen darzustellenden Figuren unterordnen zu müssen. Es gelingt ihm das Kunststück, trotz seines bekannten Äußeren hinter dem Konterfei eines Bob Dylan zu verschwinden – ganz ohne Make up, Latexmaske, Zahnprothese wie bei Rami Malek oder sonst eines nachhelfenden Charakter-Gadgets – wenn man Sonnenbrille und Wuschelkopf mal weglässt. Durch seine Interpretation dieses Mysteriums namens Bob Dylan wird das obsessive Musikgenie sichtbar. Und ja, man muss zugeben: In der Schauspielerei mag es deutlich einfacher sein, nach charakterlicher Vorlage weltbekannte Persönlichkeiten zu imitieren – sie geben die Richtung vor, markieren das Soll und das Ziel. Und dennoch ist es immer wieder ein Wunder dieser Performance-Kunst, wenn der Kult lebendig wird, wenn Chalamet es gelingt, die Tonlage Dylans zu treffen und von Blowin‘ in the Wind bis Like A Rolling Stone all diese zeitlosen Klassiker selbst zum Besten gibt. Man will dann gar nicht mehr Dylan hören, sondern Chalamet, wie er Dylan singt. Und man vergisst darauf, nur eine Darstellung des Originals zu sehen, denn Chalamet ist einer, auf den man abfährt, der eine geheimnisvolle künstlerische Entität verkörpert. Ob das Geheimnis rund um Dylans Wesen bei Mangold gelüftet wird? Gott behüte, das soll es gar nicht! Ihm nahe zu kommen und gleichzeitig auf Distanz zu bleiben, um auch sein Umfeld betrachten zu können – seine Gefolgschaft, seine Freunde und Gegner – dafür braucht es die richtige Balance. Durch die Interaktion mit einer behutsam erweckten verlorenen Zeit der 60er wird eine Figur wie Dylan erst lebendig. Ist der Fokus zu stark auf nur eine Person, bleibt nur versponnenes Psychokino, das niemanden mitnimmt.

Ob Biopics funktionieren, hängt ganz davon ab, welche Episode man wählt. Bei letzten Lebenswochen wird es manchmal zu resignativ und melancholisch. Mangolds Wahl fiel hingegen auf Bob Dylans stürmische Jahre. Der Um- und Aufbruch des Künstlers ist so voller Verve, dass man immer tiefer in medias res gehen will. Daher gibt der Film seinem Publikum genau das, was es innigst verlangt: Musik, Musik und nochmals Musik, sei es im synergetischen Duett, im stilübergreifenden Austausch oder mit einer Band im Hintergrund, die den Weg der E-Gitarre ebnet – und damit Grenzen sprengt. In diesem Musikfilm wird man schwerlich satt, und das nicht, weil man nichts geboten bekommt, sondern weil das Gebotene so erquickt. Dazwischen will und kann man von Chalamets Figur einfach nicht lassen. Und nicht nur von ihm, von niemandem in diesem auf beste Art klassischen, lange nachhallenden Filetstück biographischer Zeitgeschichte, nach dessen Sichtung die hauseigene Plattensammlung durchstöbert werden muss. Ob nicht doch ein lang verschollener Bob Dylan nur darauf wartet, gefunden und aufgelegt zu werden. Um diesen Zeitgeist neu zu spüren, der Gänsehaut verursacht.

Like A Complete Unknown (2024)