Magic Farm (2025)

WIE IST DAS NACHTLEBEN IN DER PAMPA?

6/10


Chloë Sevigny und ihr Team, darunter Alex Wolff, im Film Magic Farm
© 2025 Mubi


LAND / JAHR: USA, ARGENTINIEN 2025

REGIE / DREHBUCH: AMALIA ULMAN

KAMERA: CARLOS RIGO BELLIVER

CAST: CHLOË SEVIGNY, ALEX WOLFF, SIMON REX, JOE APOLLONIO, CAMILA DEL CAMPO, VALERIA LOIS, AMALIA ULMAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN



San Cristobal heisst das Kaff irgendwo in der argentinischen Pampa, in welchem Edna und ihr Team aufschlagen – als gäbe es dort den Jackpot zu holen. Es hat den Anschein, als wären Fuchs und Hase die einzigen, die allabendlich gerne ins Gespräch kommen – doch andererseits soll es in San Cristobal einen Musiker geben, der im Hasenkostüm schmucke Beats schmettert und damit auf Social Media für Furore sorgt. Wo ist nur dieser Kerl?

Zum Aufgeben sind Briefe da

Die Dame, die sie hierher gelotst hat, ist unauffindbar. Zu Beginn des Films erfährt man, was genau sie dazu bewogen hat, abzureisen. Jedenfalls nicht, um die fünf New Yorker ihrem Schicksal zu überlassen. Was man auch wissen sollte: Dieses schräge Team, das in dieser Gegend wohl als Touristengruppe durchgeht, hat sich ebenso schrägem Content verschrieben, welches es filmisch zu dokumentieren gilt.

Eine besondere Begegnung mit dem tanzenden Hasen soll nun hier stattfinden. Doch weder der Musiker ist auffindbar, noch kennt ihn jemand hier. Könnte sein, dass es noch ein anderes San Cristobal gibt? Und was also tun, wenn das ganze zur Nullnummer wird? Improvisieren ist die Devise. Und das Beste daraus machen. Vielleicht auch etwas erfinden? Sowas wie Fake News?

Alles so schön bunt hier

Amalia Ulman, selbst eine der fünf Charaktere, die hier ihr Glück suchen, sieht in Magic Farm eine ungezwungene Experimentierfläche. Schön, wenn einem ein Studio nichts vorschreiben kann. Da gibt es nichts erquickenderes. Ulman hat ihr Ensemble, sie hat einen roten Faden, und rundherum passiert so einiges, vor allem visuell Ungewöhnliches.

Die Welt betrachtet Ulman zu Beginn aus einem Fischauge, im Zentrum der gekrümmten kleinen Welt ein Mopedfahrer. Ein anderes Mal darf die Kamera auf dem Rücken eines Hundes mitreiten. Grelles Licht lässt die Farben neonhell erstrahlen. Ulman will, dass sich auch filmtechnisch einiges bewegt, dass nichts nur aus einer Perspektive betrachtet werden will.

Fake News als Feel Good-Pflaster

Dann aber begegnet sie den Menschen, oder besser gesagt: Das Team begegnet einer Dorfgemeinschaft, die ihre unverwechselbaren Individuen hat. Im Zaubern von Fake News in dieser einem Zirkus ähnlichen Community-Blase hat niemand wirklich Eile, doch was eigentlich wichtig scheint, und auch real existiert, hat gegenüber hippem Culture Clash keine Chance.

Glyphosat ist das böse Wort, und Glyphosat vergiftet hier Geist und Körper. Ulman lässt ihre ach so intellektuellen New Yorker am eigentlichen Thema vorbeihantieren; lässt sie entrückt und der akuten Realität den Rücken kehren – so magisch, und seltsam, und exotisch ist es hier. Da will sich niemand die Laune verderben lassen, doch es reicht lediglich die immer wieder mal eingestreute Erwähnung eines Umweltskandals, um die Dissonanz in der Wahrnehmung sichtbar zu machen.

Ganz dezent, fast schon flüchtig wie eine Erscheinung, lässt Ulman das Gefühl seltsamen Unbehagens an der Türschwelle zurück, ohne die Dunkelheit dabei in ihren Film zu bitten. Da ist sie wieder, dieses zielsichere Konzept in einem fast improvisiert scheinenden Film, der bunt und skurril wirkt und aus der Herkömmlichkeit herausfällt.

Magic Farm (2025)

The Love That Remains (2025)

ALLE SIND EINE INSEL

7,5/10

 

Grímur und Þorgils Hlynsson im Film The Love that Remains von Hlynur Pálmason
© 2025 Hlynur Pálmason

 

ORIGINALTITEL: ÁSTIN SEM EFTIR ER

LAND / JAHR: ISLAND, DÄNEMARK, SCHWEDEN, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: HLYNUR PÁLMASON

KAMERA: HLYNUR PÁLMASON

CAST: SVERRIR GUÐNASON, SAGA GARÐARSDÓTTIR, ÍDA MEKKÍN HLYNSDÓTTIR, GRÍMUR HLYNSSON, ÞORGILS HLYNSSON, INGVAR SIGURDSSON, ANDERS MOSSLING, KATLA M. ÞORGEIRSDÓTTIR U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN



Ganz zu Beginn hat unser Planet ganz anders ausgesehen. Superkontinent Pangäa, dann Gondwana – bis vor die Haustüre der Stadt Wien reichte das Flachmeer, Austernbänke im Nordosten des Landes zeugen heute noch davon, wie es damals war.

Intakte Systeme haben auch mal ein Ende

Vielleicht war alles ganz harmonisch, gemächlich, unter tropischer Sonne dahinplätschernd, dahinlebend. Alles wunderbar. Im Laufe der Jahrmillionen hat sich alles verändert, kein Meer mehr, kein Superkontinent, isolierte Inseln mit isolierten Arten und so weiter und so fort. Nichts ist beständig, alles vergeht, Neues entsteht, und die Welt macht weiter.

Terrence Malick hat in seinem kontemplativen Epos The Tree of Life über nichts anderes sinniert. Sein Film beginnt überhaupt schon mit dem Urknall, mit der Ausdehnung des Universums und landet am Ende bei einer Familie, deren Eltern Jessica Chastain und Brad Pritt sind. Hlynur Pálmason wagt sich an ein ähnliches Gleichnis heran. Er spart sich aber Urknall und Planetenwerdung und die ersten Lebewesen auf diesem Planeten, die aus dem Wasser krochen – obwohl das Wasser stets Bestandteil seiner bruchstückhaften und dann doch wieder stringenten Erzählung bleibt.

Papa im Sog des Meeres

Schließlich ist der Vater dieser Familie ein Fischer – und zieht, wie es der Job verlangt, immer mal wieder über Tage und Wochen aufs Meer hinaus. Er selbst wird zum Fremdkörper im System und entfernt sich, wie die Raumsonde Voyager von unserer Erde, immer weiter von jenen, die ihm viel bedeuten. Dass diese Fliehkraft so stark an der Vaterfigur zieht, liegt natürlich an der Trennung der Eltern.

In der Kinderstube selbst sitzen zwei Söhne und eine Tochter; zwei davon noch nicht mal Teenager oder gerade erst. Sie leben bei Muttern, rein berufsbedingt. Die wiederum versucht sich als Land-Art-Künstlerin, arbeitet mit dem Wetter, mit Rost und Metall. Dazwischen ein zerbrochener Alltag auf Island, mit Momenten der Vollständigkeit, wenn Papa mit auf Ausflug geht. Schön ist das, und dann wieder doch nicht. Nichts ist, wie es mal war, nur die Liebe bleibt, eine ganz gewisse Liebe, die Eltern für ihre Kinder empfinden, und Kinder für ihre Eltern. Das ist The Love That Remains.

Familie bei jeder Witterung

Es wäre ja alles eine recht ernüchternde, besinnliche, mitunter wehmütige kleine Geschichte, wenn Hlynur Pálmason hier nicht Regie geführt und sich diese isländische Miniatur zwischen all den Wetterlagen ausgedacht hätte. Pálmason ist ein Andersdenker, seine Filme sprengen Sehgewohnheiten, erklären sich nicht, bleiben kryptisch, symbolisch und experimentell.

Erkennen kann man Pálmasons Stil an den statischen Betrachtungen von Landschaften und so manchen Dingen. Nichts bewegt sich, nur die Zeit zieht vorüber – die Zeit, der Tag, die Nacht, das Wetter. Jede noch so mögliche Witterung nimmt Einfluss auf das zu Betrachtende – und gerät damit in Bewegung.

Auf die Spitze treibt Palmason seine Zeitpanoramen in Weißer weißer Tag – in seinem bislang besten und stilistisch beeindruckendsten Meisterwerk Godland über die Missionierung Islands lässt er tote Tiere eins werden mit ihrer Natur, während wir dabei zusehen.

Die ganz eigene Insel-Realität

In dieser reduzierten Opulenz, in der die Unwirtlichkeit eines Landes fast schon zum Hauptdarsteller wird, geistert diese vierköpfige Familie zwischen Sehnsucht, Begehren, Streben und Innehalten dahin. The Love That Remains behält trotz all seiner entrückten Experimentierfreude den roten Faden seiner Geschichten in der Hand und lädt sie auf mit märchenhaften Metaphern, die aber stets so wirken, als wäre hier oben im Norden das Metaphysische und Surreale Teil einer anderen, eben dieser Insel-Realität.

Immer wieder kehrt Pálmason zu einem Holzpflock in der Erde zurück, an dem irgendwann die lebensgroße Puppe eines Ritters gebunden wird, mit Helm und Harnisch. Die Kinder schießen Pfeile auf sie ab, immer wieder. Diese Manifestation einer Heldenfigur, die sowohl für den Vater als auch für die Mutter steht, wird irgendwann lebendig – als Opfer einer aufgestauten Aggression und einer Ohnmacht, die ein nicht mehr intaktes Familiengefüge vor allem bei denen, die abhängig sind, mit sich bringt.

Ein nicht planbarer Zugang

Dass Stilbrüche in einem Film zu einem eigenen Stil werden – dafür bedarf es vor allem Konsequenz in der Umsetzung von Visionen, die aus dem Inneren kommen. Vieles in The Love That Remains erklärt sich durch intuitives Wahrnehmen, wie schon bei Mascha Schilinskis In die Sonne schauen. Pálmasons Film ist einer, in den man sich genauso hineinfallen lassen sollte, ohne viel nachzudenken. Dass man dann, genauso wie die Figur des Vaters, weiter so dahintreibt wie auf offener See, weit entfernt die rettende Küste, dann macht das gar nichts. Dann ist The Love That Remains eben nicht steuerbar, wie die Sehnsucht selbst.

The Love That Remains (2025)

A Useful Ghost (2025)

GEISTER DER VERGANGENHEIT SETZEN AUF SAUBERKEIT

5,5/10


Davika Hoorne als Geist im Film A Useful Ghost
© 2025 Polyfilm


LAND / JAHR: THAILAND, FRANKREICH, SINGAPUR, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: RATCHAPOOM BOONBUNCHACHOKE

DREHBUCH: RATCHAPOOM BOONBUNCHACHOKE, GEOFFREY GRISON

KAMERA: PASIT TANDAECHANURAT

CAST: DAVIKA HOORNE, WANLOP RUNGKUMJAD, APASIRI NITIBHON, WISARUT HIMMARAT, WISARUT HOMHUAN, GANDHI WASUVITCHAYAGIT U. A.

LÄNGE: 2 STD 10 MIN



Dabei hatte ich schon Mühe, mir den Namen Apichatpong Weerasethakul zu merken. Jetzt will auch noch Ratchapoom Boonbunchachoke im Gedächtnis bleiben – ein Name, der so klingt wie eine kontrollierte Explosion, wie pyrotechnischer Wahnsinn oder das Platzen einer Gedankenblase. Dreimal lesen, dreimal wiederholen, dann sollte es das sein. Ratchapoom Boonbuchachoke. Wenn das Filmland Thailand weiter im Weltkino mitmischt, kann das die Denkfähigkeit fördern.

So einzigartig wie die Namen der Macher

Schließlich sind nicht nur die Namen der Filmemacher so unvergleichlich und außergewöhnlich, Ihre Werke sind es auch. Dieser Weerasethakul hat bereits die goldene Palme eingeheimst. Sein Geisterfilm Uncle Bonmee erinnert sich an seine früheren Leben ist ein Beweis dafür, dass faszinierendes Kino auch weit jenseits von Hollywood funktionieren kann. Nämlich so, als gäbe es den Westen gar nicht. Entsprechend anders geht man in Südostasien auch mit einem Thema um, das im Westen vorzugsweise mit Horror in Verbindung gebracht wird: Die Parapsychologie.

Geister, raus aus der Geisterbahn!

Im Film mit Uncle Bonmee, und auch in den weiteren Werken von Weerasethakul, sind Geister keine Schreckgespenster, haben keine gruseligen Fratzen und wollen nichts Böses. Sie existieren in einer Dimension, die mit dem Diesseits verzahnt ist. Sie wandeln zwischen den Lebenden, sind meist unsichtbar.

Der Tod ist im thailändischen Mysterykino nicht das Ende, sondern meist eine transzendente Verlagerung. An diese Sehgewohnheit und an dieses Verständnis muss man sich als mit westlichen Paradigmen verwöhnter Seher erst mal gewöhnen. Denn dann lässt sich auch in A Useful Ghost von besagtem Filmemacher mit dem detonierenden Namen viel besser eintauchen. Obwohl: leicht macht er es einem nicht.

Ghost in the Machine

Das liegt jedoch sicher nicht an der Grundidee dieses kuriosen Szenarios: Nat, der Geist einer viel zu früh Verstorbenen, fährt aus Liebe zu ihrem Ehemann in einen Staubsauger, um weiterhin bei ihm sein zu können. Wenn sich dieses Retro-Haushaltsgerät durch die Gegend bewegt und eigentümliche Dinge tut, dann ist das natürlich skurril, wenn nicht gar bizarr. Doch damit lässt sich gut arbeiten.

Starre Gesichter

Die Schwierigkeit, mit A Useful Ghost wirklich warm zu werden, liegt am teilnahmslosen Phlegmatismus seines Ensembles. Gut, das mag ein Stilmittel sein – wirklich nahbar wirkt das nicht. Doch andererseits: Soll doch Boonbuchachoke seine Geschichte erzählen, wie er will. Jedenfalls endet sie nicht dort, wo der Staubsauger beginnt, ein Eigenleben zu entwickeln.

Stöbern im Schwarzbuch der jüngeren Geschichte

Sie geht noch weiter, viel viel weiter, und weiß nicht, wo sie aufhören soll. Bald wird klar: Boonbunchachoke hat mit dem jüngeren politischen Vermächtnis Thailands ganz klar ein oder mehrere Hühnchen zu rupfen. Denn bald wimmelt es von Geistern, die so manches zu erzählen haben.

Von den verheerenden Rothemd-Protesten aus dem Jahre 2010. Und vom sogenannten Massaker an der Thammasat-Universität aus dem Jahre 1976. Dunkle Flecken in der Geschichte des Landes, die, wie es scheint, gerne und bis zur Stunde unter den Tisch gekehrt worden sind.

Verdrängung nennt man so etwas – die fehlende Aufarbeitung einen schweren Fehler. A Useful Ghost wird so zur metaphysischen Polit-Allegorie wider dem Vergessen. Der Film wird zu allem, wozu Thailand sich bekennen sollte; zu allem, was verfolgt, diskriminiert und schöngeredet wird.

Aufgehalste Traumata und queere Ambitionen

Ein ganz schöner Brocken – vor allem deshalb, weil man nicht erwartet, was passiert. Weil sich A Useful Ghost anfühlt wie eine kauzige Geisterkomödie nach südostasiatischen Regeln. Doch alles kommt anders – Umweltsünden, LGBTQ, Konservativismus, und so weiter und so fort. Die Ambitionen des Films sprengen das Format, der findet dadurch lange keinen Rhythmus, versandet aufgrund fehlender Dynamik in angestrengt arrangierten Tableaus und wird dann sogar zum Zombiefilm.

Das Ganze muss man schließlich sickern lassen, wobei dabei einiges übers Ziel hinausschießt, im Vergessen verdunstet und als dissonantes Patchwork nur bruchstückhaft in Erinnerung bleibt. Ein Umstand, den die Geister in diesem Film wohl nicht gewollt hätten.

A Useful Ghost (2025)

Gavagai (2025)

DEM DISKRIMINIERTEN ZUR HAND GEHEN

6/10


Maren Eggert und Jean-Christophe Folly im Film Gavagai
© 2025 Port au Prince Pictures


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: ULRICH KÖHLER

KAMERA: PATRICK ORTH

CAST: JEAN-CHRISTOPHE FOLLY, MAREN EGGERT, NATHALIE RICHARD, ANNA DIAKHERE THIANDOUM, STACY THUNES U. A.

LÄNGE: 1 STD 31 MIN


Hurra, wir drehen einen Film! Und zwar die wasweißichwievielte Neuinterpretation eines klassischen, antiken Stoffes: Medea. Die Dame war ja nicht gerade zimperlich, was ihren Willen zur Durchsetzung eines Racheplans anging, der den Tod ihrer eigenen Nachkommen zur Folge hatte. Sie selbst, ihrer Heimat den Rücken kehrend, fand sich dann auch im Hofstaat von Jason (ja, der mit dem goldenen Vlies und seinen Argonauten) wieder, allerdings wenig akzeptiert und letztlich verraten von ihm und seiner ganzen angeheirateten Sippschaft.

Der verkehrte Medea-Mythos

Einer Autorenfilmerin, die dem Zeitgeist nicht abgeneigt ist, bleibt fast auch nicht mehr anderes übrig, als diesen Stoff in ein aktuelles, gesellschaftspolitisches Korsett zu stopfen. In diesem Fall wäre es die Verlegung des Schauplatzes in den Senegal. Jason und seine Familie, die zweite Heimat Korinth, alles afrikanisch. Medea selbst: Eine Europäerin.

Also wenn da nicht die Wogen hochgehen! Das Thema der Migration einfach umdrehen. Europa zum Flüchtling werden lassen, Afrika zum Neuanfang. Und dann doch dieser Verrat! Auch der lässt sich ändern. Niemand muss sich an Vorlagen halten, Filmkunst ist frei, wir wissen das spätestens seit Tarantinos Verfälschung der NS-Geschichte. Je freier also die Filmkunst fabulieren kann, umso mächtiger erscheint sie sich selbst.

Die Französin Nathalie Richard verkörpert dabei Filmemacherin Caroline Lescot, die voller Ehrgeiz und Inbrunst einen exotischen Monumentalfilm auf die Beine stellen will, im Geiste eines Federico Fellini – anachronistisch, surreal, aus jeglicher Zeit gefallen und einzig und allein die Umkehr der Rollenbilder auswertend, die so viel über Ressentiments, Xenophobie und vielleicht auch Remigration aussagen können.

Der ganz normale Culture-Clash

Im Schauspielensemble findet sich die in sich ruhende Maren Eggert (Der Spatz im Kamin, Ich bin dein Mensch) als Schauspielerin Maja wieder, die ihrem senegalesischen Schauspielkollegen Nourou (Jean-Christophe Folly) näher kommt. Regisseur Ulrich Köhler (u. a. Schlafkrankheit) umrahmt dabei diese zarte, tropische Romanze mit urbanem Lokalkolorit aus Dakar und Stimmungsbildern hektischer Improvisation, wenn jede Szene unter Dach und Fach gebracht werden soll. Es scheint, als wären die Unterschiede zwischen erster und dritter Welt so aufgehoben wie nur möglich, Unterschiede gibt es immer, Verständigungsprobleme auch, doch das ist ein normaler Sachverhalt, der niemanden diskriminiert.

Von Dakar nach Berlin

Im zweiten Kapitel von Köhlers Arbeit wechselt der fernwehmütige Süden einem betonkalten Berlin – unmöglich, dass man freiwillig in diese Stadt immigrieren will, die so generisch wirkt wie selten in einem Film. Maja und Nourou bereiten sich diesmal für ein fiktives Filmfestival vor, um ihr fertiges Werk zu präsentieren. Nun kommt es, dass Nourou auf Vorurteile und Diskriminierung stößt, die im rechtsdralligen Europa gang und gäbe scheint, insbesondere in Deutschland. Heisst das also, Afrika ist im Umgang mit Fremden deutlich weiter? Will sich Europa wirklich diesen Vorwurf gefallen lassen?

Die Diskriminierung beim Binden einer Fliege

Köhler skizziert hier nur vage Problemsituationen, die sich vorrangig um einen Einzelfall drehen, der nicht die Wucht und das Zeug hat, breit gefächerte gesellschaftliche Defizite aufzuzeigen. Folglich handelt Gavagai – ein Begriff, der die Unzulänglichkeit bei der sprachlichen Übersetzung eines Ausdrucks beschreibt – um wenig, streift maximal das eine oder andere Fremdenklischee, und bringt letztendlich eine Person wie Senegalese Nourou an den Rand seines Selbstwerts, an eine Form von geduldeter Diskriminierung, die er als farbige Person gedrängt wird, zuzulassen.

Lieber den Film im Film als den Film

Dieser Erkenntnisgewinn schafft nur über mehrere Ecken eine Verbindung zu Medeas filmischer Neuinterpretation, die, je mehr Szenen man von diesem Film im Film auch sieht, plötzlich deutlich interessanter, emotionaler und faszinierender erscheint als die eigentliche „reale“ Geschichte. Köhlers Meldungen zum Thema Fremdbestimmung von Ausländern sind zwar da, bleiben aber flüchtig und verlieren sich in einem scheinbar intuitiven Drehbuch, das seine Topics nicht zu Ende gedacht hat und dort den Schlusspunkt setzt, wo er sich halbwegs brauchbar anfühlt.

Gavagai (2025)

It’s Never Over, Jeff Buckley (2025)

AUF DEN SPUREN EINES STIMMWUNDERS

7,5/10


Jeff Buckley beim Shooting für sein Albumcover "Grace"
© 2025 Magnolia Pictures


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: AMY BERG

SCHNITT: BRIAN A. KATES, STACY GOLDATE

MIT: JEFF BUCKLEY (ARCHIVAUFNAHMEN), MARY GUIBERT, BEN HARPER, AIMEE MANN, REBECCA MOORE, OAN WASSER, MICH GRONDAHL, PARKER KINDRED, MICHAEL TIGHE, MERRY CYR U. A.

LÄNGE: 1STD 46 MIN



It’s Never Over: Es wird wirklich niemals vorbei sein – nicht, solange es Geräte gibt, die seine Musik spielen. So lange es Menschen gibt, die sich anhören, was Jeff Buckley zu schreiben, zu sagen und zu singen hatte. Sein einziges Werk, das Album Grace, wird immer bleiben, so wie James Dean auf ewig und solange es ein Publikum gibt, dass sich dafür interessiert, in seinen drei Filmen existent sein wird. Wird man deshalb Künstler? Weil man so ewig leben kann?

Wegducken vor dem Ruhm

Diese Eternität war wohl nicht Jeff Buckleys Anspruch und Ziel. Das wird klar, sobald man Amy Bergs biografischer Dokumentation über einen Poeten gewahr wird, der für das große Musikbusiness und überhaupt für Ruhm an sich einfach nicht gemacht war.

So ergeht es Künstlern, die plötzlich, von allen Seiten angestrahlt, im Rampenlicht stehen. Die der helle Schein der Öffentlichkeit blendet und die in dieser plötzlich auftretenden Orientierungslosigkeit auch nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll.

Ordnung ins Vermächtnis bringen

Dieser Jeff Buckley, der war so einer. Ein begnadeter Singer und Songwriter, mit einer Stimme, die viele wohl gerne als Grund angeführt hätten, weshalb sie berühmt wurden. Buckley hatte das allein mit seiner Stimme geschafft. Und mit den Worten in seinem Kopf.

Um hier Ordnung in all diesen künstlerischen Nachlass zu bringen, hat Amy Berg (Deliver us from Evil) auch ordentlich aufgeräumt. Anders lässt sich der Mensch Buckley nicht fassen, wenn man hier nicht bei Null beginnt, den roten Faden eines viel zu kurzen Lebens nicht als Tangente von A bis Z legt, ohne Wirbel, Kurven und Knäuel.

It’s Never Over, Jeff Buckley ist jene Sorte dokumentarischer Biografie, die sich nicht selbst inszenieren und anpreisen will, sondern selbst in den Hintergrund tritt, um eine Person vortreten zu lassen, die, wenn sie von sich selbst berichtet, zumindest die Möglichkeit hat, sich an diesen geordneten und chronologisch fast schon streng geradlinigen Konzept eines Dokumentarfilms festhalten zu können.

Von der Wiege bis ins Grab

Es beginnt mit den Eltern, mit dem drogenabhängigen Jazzmusiker Tim Buckley, der an einer Überdosis starb und seinen Sohn nur einmal gesehen hat. Es geht weiter mit Mary Guibert, seiner Mutter, die hier ebenfalls, in äußerst bewegenden Szenen, zu Wort kommt, sich so gefasst als möglich an ihren Sohn erinnert und am Ende aber und völlig nachvollziehbar diesem Verlustschmerz erliegt, wenn sie die letzten Worte ihres Sohnes auf dem Anrufbeantworter auch das Publikum hören lässt.

Das ist wohl der bewegendste Moment in diesem Film, der Struktur in ein chaotisches, impulsives, depressives und leidenschaftliches Leben bringt, über dessen Ende man nur spekulieren kann. War es Suizid, war es ein Unfall? Wer geht schon vollbekleidet in einen Fluss – nur um sich abzukühlen?

Viel mehr als nur Hallelujah

Jeff Buckley wurde 30 Jahre alt, ein Mann mit absolutem Gehör und einer gottgleichen Stimme. Die Neuinterpretation von Leonard Cohens immersiver Ballade Hallelujah wird, obwohl nicht selbst geschrieben, sein populärster Track werden.

Auch weil es fast unfair scheint seinen anderen Stücken gegenüber, lohnt es sich auf alle Fälle, diese Klasse für sich neu zu entdecken, beginnend mit diesem Film, der aus allerlei visuellem, akustischem und niedergeschriebenen Stückwerk eine in sich stimmige biographische Konstante formt, die diese Vielzahl an hinterlassenen Spuren gekonnt ineinandersteckt.

Die richtige Wahl des Mediums

Als Spielfilm wäre Buckleys Leben wohl nicht annähernd so geglückt wie als Dokumentation. Bei manchen Künstlern braucht es einen Zugang wie diesen, eine klare Linie, kein Firlefanz und kein Nachinterpretieren psychischer Gemütslagen. Es reichen Buckleys Worte, die seiner Freunde, seine Stimme am Telefon. Schon ist der Poet so nah, als würde man ihm selbst, nur kurz, aber doch, irgendwann einmal begegnet sein.

It’s Never Over, Jeff Buckley (2025)

Honey Don’t! (2025)

DAS MODEL ALS SCHNÜFFLER

5/10


Margaret Qualley im Film Honey Don't von Ethan Coen
© 2025 Universal Pictures


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: ETHAN COEN

DREHBUCH: ETHAN COEN, TRICIA COOKE

KAMERA: ARI WEGNER

CAST: MARGARET QUALLEY, CHRIS EVANS, AUBREY PLAZA, CHARLIE DAY, BILLY EICHNER, KRISTEN CONNOLLY, TALIA RYDER, DON SWAYZE U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN



Margaret Qualley, Tochter der uns allen nicht erst seit Vier Hochzeiten und ein Todesfall vertrauten Schauspielerin Andie McDowell, muss mit ihren Kräften nicht haushalten, denn was Leinwandpräsenz und Charisma angeht – davon hat sie mehr als genug. Im Alleingang trägt sie einen Film, der nicht weiß, wohin mit sich, doch ihr scheint das nicht im Geringsten etwas auszumachen.

Nach Drive Away Dolls, dem ersten Teil einer nicht zusammenhängenden Trilogie thematisch verwandter queerer Romanheft-Stories, die sich nicht dafür brüsten, die feine Klinge des Geschichtenerzählens zu wetzen, legt Qualley in Honey Don’t! eine aparte Performance als Schnüfflerin hin, die, um einen Bezug zur 90er-Serie mit Bruce Willis und Cybil Shepherd herzustellen, gleich beide Charaktere in einer Rolle vereint.

Der Mann an sich als Lachnummer

Den maskulinen Tonangeber aus obsoleten Rollenbildzeiten braucht es hier nicht, was klar und deutlich wird, wenn man den Figuren gewahr wird, die hier das ehemals als stark titulierte Geschlecht verkörpern. Weinerliche gehörnte Ehemänner, deren Frauen fremdgehen; Arbeitskollegen bei der Polizei, die jede Begegnung mit Honey O’Donahue, wie sich Qualley hier nennt, mit einer so selbsterniedrigenden wie erfolglosen Anmache beschließen. Und zuletzt, aber nicht der letzte: Chris Evans, ehemaliger Inbegriff des starken Amerika in Gestalt des namentlichen Captains und Zugpferd der Avengers. Statt Verfechter des Guten suhlt er sich hier mit sichtlicher Freude am Ekelpaket als notgeiler Reverend einer christlich angehauchten Sekte, in der er sich selbst zum anbetungswürdigen Subjekt verklären lässt, hinter dem Altar aber über Leichen geht, da er mit der französischen Drogenmafia paktiert.

Was für ein Durcheinander

Einzig und allein hält hier die Frau die Stellung und muss gleich mehrere brodelnde Töpfe am Köcheln halten, bevor sie überkochen. Dahingehend ist Honey Don‘t! aus der Feder von Ethan Coen und Tricia Cooke ein Sammelsurium an Versatzstücken aus dem Genre des klassischen und betont amerikanischen Detektivfilms, der mit den Skurrilitäten eines provinziellen Amerikas setzkastenartig aufwartet, ohne sich dabei aber zu einem inhaltlichen Schwerpunkt zu bekennen.

Coen-Brüder im Alleingang

Wie schon bei Drive Away Dolls grätscht hier zuviel ineinander, wird fahrig und belanglos, zwischendurch ganz nett, doch mehr nicht. Joel Coen wird auch hier händeringend vermisst, während abermals offensichtlich wird, das die kreativen Synergien nur dann entstehen, wenn beide gemeinsam ihre Köpfe zusammenstecken. Entstanden sind dabei runde Leckerbissen des Autorenfilms zwischen morbidem Charme, lakonischer Tristesse und bizarrer Komik, die auch stets ihren Rhythmus fanden. Honey Don’t hat zwar mitunter seine Momente, doch der Rhythmus ist auch hier schwer zu erkennen, dank sich überkreuzender Handlungsfäden, die den Moment genießen, sich jedoch mit Bedauern daran erinnern, an das große Ganze auch noch denken zu müssen. Das fällt hier so grob skizziert aus, als wäre Honey Don‘t die Synopsis ihres eigenen Films.

Was hier einzig bei der Stange hält, ist nicht, worum es geht, sondern, neben Evans schlüpfriger Eskapaden, Qualley höchstselbst als Symbolfigur in einem nichtssagenden Schwank. Fast wäre Aubrey Plaza ein würdiger Counterpart geworden, wäre sie nicht diejenige, die die überhaps geschriebene Krimi-Conclusio mehr schlecht als recht und noch dazu glaubhaft verkaufen muss.

Honey Don’t! (2025)

Father Mother Sister Brother (2025)

WAS MAN VON DEN ELTERN WEISS

6,5/10


© 2025 Vague Notion, photo by Yorick Le Saux


LAND / JAHR: USA, IRLAND, FRANKREICH 2025

REGIE / DREHBUCH: JIM JARMUSCH

KAMERA: FREDERICK ELMES, YORICK LE SAUX

CAST: ADAM DRIVER, MAYIM BIALIK, TOM WAITS, CATE BLANCHETT, VICKY KRIEPS, CHARLOTTE RAMPLING, INDYA MOORE, LUKA SABBAT, SARAH GREENE, FRANÇOISE LEBRUN U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN



Die eigene Schwester, der eigene Bruder – alleine was die Blutsverwandtschaft angeht, gibt es keinen anderen Verwandten, der einem genetisch nähersteht. Gemeinsam aufgewachsen ist viel mehr, als unter einer Obhut aufgewachsen, die sagt, wo es langgeht, und die einem in Kindesjahren oftmals ratlos zurücklässt, was so manche Erziehungsmaßnahme betrifft. Als Geschwisterpaar kann es zwar auch zu Dominanz und Devotismus kommen, doch zumindest hängt man gemeinsam auf Augenhöhe in einer Kinderstube fest, in der man gemeinsame Erfahrungen in Sachen Erziehung durchaus teilen kann. Und dann auch später: Die Eltern werden älter, die Kinder groß – die Brücke zu den Erziehungsberechtigten mag man geschlagen haben, um ihnen ihrer selbst willen näherzukommen, oder eben nicht.

Familie hat man ungefragt

Dieses „Oder eben nicht“ hat der legendäre Independentfilmer Jim Jarmusch nun aufgegriffen. Sein dreiteiliger Episodenfilm trägt zwar den Titel Father Mother Sister Brother, doch Vater und Mutter bleiben das rätselhafte Subjekt, das unbekannte Wesen, das man zwar sieht und spürt und umarmt, aber nicht ergründen kann. Dabei ist es ganz egal, ob diese Eltern, ob Mutter oder Vater, nun anwesend sind oder nicht. In der dritten und alles einschließenden Episode Sister Brother ist nicht mal das vonnöten, da braucht es Mutter und Vater nicht mal, um sich mit ihnen posthum auseinandersetzen zu wollen. Dieses Anschleichen, Annähern, dieses Betrachten der Elternschaft, die man bisher nicht ergründen konnte und es auch niemals wird, denn diese entwickeln sich auch nochmal um einiges weiter und haben sich von jenen Menschen entfernt, die sie waren, als man Kind war – dieses Annähern und Betrachten reicht für Jim Jarmusch allemal, um alltägliche Miniaturen zu skizzieren, die das Fremde in der Familie thematisieren und es anhand unbeholfener Skurrilitäten und stockender Gespräche als einen Umstand dokumentieren, den man oft als etwas beschreibt, das man sich nicht aussuchen kann. Familie, die hat man schließlich ungefragt.

Abwesenheit in Anwesenheit, und umgekehrt

Und so schickt Jarmusch gleich anfangs Adam Driver und Big Bang Theory-Star Mayim Bialik ins winterliche Nirgendwo zu Musiker Tom Waits, der vorgibt, ein verschrobener, etwas hilfloser und mittelloser alter Sack zu sein. Warum tut er das? Um sich der Fürsorge seiner Kinder zu versichern? Könnte sein, jedenfalls scheint bis auf die pflichterfüllende Nächstenliebe nicht sehr viel beide Generationen zu verbinden. In der mittleren Episode sehen wir Cate Blanchett und Vicky Krieps, wie sie einmal im Jahr zur gespreizten Teezeremonie ihrer Mutter antanzen müssen. Hier gibt es noch weniger Wärme, reichlich Floskeln und unergiebigen Small Talk – das gemeinsam Erlebte hat mit dem Ende der Kindheit auch das ihre gefunden. Familie ist selten nachhaltig, bleibt auf verschlossener Distanz, Charlotte Rampling braucht vor dieser Zusammenkunft zumindest eine Therapiesitzung per Telefon.

Am Ende dann Eltern, die durch Abwesenheit präsenter sind als Waits und Rampling – ihr Ableben rückt die Sehnsucht nach der beschützenden, erzieherischen Instanz, nach einem Vorbild in den Mittelpunkt. Beide, Indya Moore und Luka Sabbat, erkennen die Besonderheit der Eltern erst nach ihrem Verschwinden, nach dem Gefühl des Verlustes. Auch sie entfremdete Wesen, zu denen man nicht anders konnte als aufzusehen.

Stilistische Spielereien

Natürlich erkennt man die eine oder andere Situation so oder anders aus dem eigenen Leben wieder. Nichts, was Jarmusch zeigt, ist von weit hergeholt, sondern unvermittelt erlebbar. Father Mother Sister Brother entwirft keine besonderen Welten, keine besonderen Momente – Jarmusch blickt auf den Kern der Begegnung, auf die Art des In-die-Augen-Sehens oder Nichtbetrachtens. Sein Episodenfilm ist von reduktionistischer Studienhaftigkeit, und es wäre nebst dieser familiären Ratlosigkeit kein spezieller Pfiff in ihnen vorhanden, würde der Filmemacher nicht die selbstauferlegte Challenge meistern wollen, einzelne Elemente in seinem Narrativ immer wiederkehren zu lassen. Das mag mitunter ganz witzig sein, wenn es sich um Paralleluniversen handeln würde, die zeitgleich und ineinander existieren – und vielleicht tun sie das ja auch. Vom Wert des Wassers ist die Rede, von einer eigentümlichen Phrase, die da heisst: „Fertig ist die Laube“. Von skateboardende Jungs oder den Fotos von damals, die, am Kaminsims, auf der Kommode oder als Teil des Nachlasses eine Zusammengehörigkeit dokumentieren, die einem längst schon wie weggewischt vorkommt. Letztlich hätte Jarmusch diese Spielerei gar nicht nötig gehabt, hat sie doch nur rein stilistisch einen gewissen dekorativen Wert, fürs inhaltliche Gesamtkonzept jedoch nicht den geringsten.

Father Mother Sister Brother (2025)

No Other Choice (2025)

AM ARBEITSMARKT DA IST WAS LOS

7,5/10


© 2025 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2025

REGIE: PARK CHAN-WOOK

DREHBUCH: PARK CHAN-WOOK, LEE KYOUNG-MI, LEE JA-HYE, DON MCKELLAR, NACH DEM ROMAN VON DONALD WESTLAKE

KAMERA: KIM WOO-HYUNG

CAST: LEE BYUNG-HUN, SON YEJIN, PARK HEE-SOON, LEE SUNG-MIN, YEOM HYE-RAN, CHA SEUNG-WON, YOO YEON-SEOK U. A.

LÄNGE: 2 STD 19 MIN



Warum nur widmet Park Chan-Wook diesen seinen neuen Film, der letztes Jahr schon auf der Viennale lief, einem Regiekapazunder wie Costa-Gavras, der seit den 70ern ausgesuchtes Politkino abliefert (stark in Erinnerung bleiben da Yves Montand in Das Geständnis und Jack Lemmon völlig untypisch als politisch Verfolgter in Vermisst)? Die Antwort: Einen Film wie No Other Choice gibt es bereits. Zumindest irgendwie. Es gibt ihn schon seit 2005 und nennt sich, unter der Regie von Costa-Gavras eben, Die Axt. Beide Filme sind keine Originaldrehbücher, sondern basieren wiederum auf Donald Westlakes schwarzhumorigem Sozialthriller aus der Arbeitswelt – ein Thema, das aktueller nicht sein kann. Und obendrein eine Story, die sich in der Umsetzung wohl so anfühlt, als hätten beide Filme, der von Costa Gavras und der von Park Chan-Wook, sowieso nichts gemeinsam.

Niemand macht’s wie Südkorea

Niemand macht Filme wie Park Chan-Wook. Niemand macht Filme außerhalb Südkoreas wie die Südkoreaner selbst. Hier findet sich ein Filmstil, den man entweder immer schon intus hatte oder den man einfach nicht erlernen kann, so sehr man sich auch anstrengt. Das ist das radikal Schöne, das radikal Interessante an diesen Filmen: Sie überraschen immer wieder und haben keinerlei Ambition, den Erwartungen ihres Publikums zu entsprechen, es sei denn, es gibt keine. Bei No Other Choice wissen wir nur, er handelt von einem Familienvater, wohnhaft in einem rustikal-modernen Anwesen nahe der Natur, dessen Hypothek schwer auf der Geldtasche der arbeitenden Erwachsenen liegt. Dieser Man-su hadert wie wir alle derzeit mit dem Finanziellen, und wie es das Schicksal eben will, reicht der Problemkontent zur Existenzkrise nicht aus: Der mehrere Jahrzehnte in der Papierherstellung arbeitende und erfahrene Kapazunder wird dank Firmenfusion ins Aus befördert. Kein Ding für einen erfahrenen Spezialisten, möchte man meinen. In drei Monaten könnte alles wieder unter Dach und Fach sein. Doch denkste: Der Traumjob offenbart sich nicht, stattdessen wittert Man-su die Chance, beim Konkurrenten neu anzufangen. Das aber nur, wenn die Mitbewerber überschaubar bleiben, im besten Fall gibt es keine. Man müsste nur ein bisschen nachhelfen, auf die unorthodoxe Art. Was Man-su auch tut. Und sich dabei in Turbulenzen verstrickt, die sich genau auf jenem schmalen Grat grotesk entfalten können, auf dem eben nur einer wie Park Chan-Wook seine Ideen balancieren kann.

Stilistisches Freidrehen

Jeder andere wäre da schnell ausgerutscht, abgerutscht, abgestürzt. Dieser Herr hier, dem wir Oldboy und die ganze Vengeance-Trilogie zu verdanken haben, passiert sowas nicht. Obwohl – hat man schon länger kein koreanisches Filmwerk mehr am Radar gehabt, könnte der Einstieg in diesen Arbeitsplatzbeschaffungswahnsinn keine gemähte Wiese mehr sein. Sondern durchaus ein etwas härter zu erarbeitender Brocken an stilistisch völlig undefinierter Kinokunst. Worauf man sich dabei einlässt? Keine Ahnung. Eine gewisse süßlich-kitschige Verklärtheit, die aber nicht als Satire verstanden werden will, so scheint mir, lässt No Other Choice mal ordentlich Atem holen. Die von westlichem Kino Verwöhnten werden dabei keinesfalls an der Hand genommen. Sie schlittern – und so auch ich – in eine stilistisch völlig entmilitarisierte Zone. Wohl eher mühsam, denke ich mir. Da war Park Chan-Wook schon mal besser. Oder doch nicht?

Irgendwann rangeln drei Parteien am staubigen Boden eines fremden Wohnzimmers um Schießeisen und Fassung. Wie Chan-Wook die Skurrilität der Situation einfängt, ist so weltfremd wie packend. Übertrieben expressives Spiel begegnet kriminalkomödiantischem Slapstick. Der weicht irgendwann wieder ernsten Unter- und Obertönen, lässt so völlig nebenbei die eigene Tochter zu einem Mysterium erstarken, während Papierfabrikant Man-su in völliger Verzweiflung zu verstörenden Methoden greift, um sein perfides Werk zu vertuschen. Die Genialität in No Other Choice liegt mitunter auch im steten Aufgreifen narrativer Versatzstücke, die ins Wechselbad völlig konträrer Tonalitäten gelangen. Da ist der neu gepflanzte Baum, da sind die Hunde, da ist das Vorstellungsgespräch im Gegenlicht. Bizarre Lächerlichkeit trifft auf tiefschwarze Melancholie. Und letztlich auf eine traurige Zukunft, die zumindest das familiäre Glück wie ein Beatmungsgerät auf einer Intensivstation am Leben erhält.

Obwohl ich Die Axt nicht kenne, wird No Other Choice garantiert der ganz andere Film sein. Ein ambivalentes, herausforderndes Vergnügen, das keine Probleme damit hat, lieber Konventionen aufzubrechen als alles perfekt zu machen.

No Other Choice (2025)

Blue Moon (2025)

THOSE WERE THE DAYS, MY FRIEND

8,5/10


© 2025 Sony Pictures Classic


LAND / JAHR: USA, IRLAND 2025

REGIE: RICHARD LINKLATER

DREHBUCH: ROBERT KAPLOW

KAMERA: SHANE F. KELLY

CAST: ETHAN HAWKE, MARGARET QUALLEY, BOBBY CANNAVALE, ANDREW SCOTT, PATRICK KENNEDY, JONAH LEES, DIMON DELANEY, JOHN DORAN, CILLIAN SULLIVAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Aus der zweiten Reihe

Es ist der Anfang vom Ende eines glorreichen Höhenflugs, der allerdings schon seit geraumer Zeit mit gröberen Luftlöchern zu kämpfen hat: Die Rede ist vom schwindenden Ruhm eines kreativen Tausendsassas und Naturtalents namens Lorenz Hart, New Yorker Liedermacher und Songwriter, der sich wohl die Hände vors Gesicht schlagen würde, hätte er mitbekommen, dass Richard Linklater sein ihm gewidmetes biografisches Drama mit Blue Moon betitelt – so, als wäre seine ganze Karriere nur das Phänomen eines One Hit Wonders, und nicht einer beflügelten, ruhmreichen Schaffensperiode, die er mit seinem besten Freund und Komponisten Richard Rodgers über mehrere Jahrzehnte halten hat können. Doch dann die Sache mit dem Alkohol – die ließ ihn mehr oder weniger unzuverlässig und unberechenbar erscheinen, Rodgers muss sich letztlich von seinem Buddy abnabeln, muss sich woandershin wenden, und zwar in Richtung Oscar Hammerstein, seines Zeichens ebenfalls Liedermacher und ein Dorn im Auge des kleinen Mannes mit schütterem Haar und überspieltem Kummer, der ihn spätestens dann einholt, als Rodgers mit dem Musical Oklahoma! seinen größten Triumph feiert. Natürlich ohne ihn, ohne Lorenz Hart, der muss aus der zweiten Reihe zusehen, wie er übervorteilt, ausgebootet und letztlich, um es drastisch auszudrücken, verraten wird. Doch was hat er selbst dazu beigetragen, das diese ganze Niederlage so weit hat kommen müssen?

Linklaters Film beginnt mit den aus dem Off eingesprochenen Schlagzeilen über den Tod eines großen Künstlers, der nach einer kurzen Periode der Abstinenz letztlich wieder zur Flasche griff, in der Gosse landete und an einer Lungenentzündung starb, viel zu früh, mit 48 Jahren. Dann der Rückblick – wir sehen den kleinen, sensiblen, verzweifelten und sich selbst alles schönredenden Mann, wie er die Premiere dieses verhassten Singspiels verlässt, um im New Yorker Restaurant Sardi’s auf das Eintreffen des Premierenpublikums zu warten, mitsamt seines Freundes Rodgers und all der Blamage und Selbsterniedrigung, sollte er sich dazu überwinden können, jenen seinen Respekt zu zollen, die ihn links liegen ließen.

Lorenz Hart, der Wunderknabe

So sitzt er nun an der Bar, fast schon therapeutisch betreut von Barkeeper Bobby Cannavale, der, gläserschrubbend, wie es diese Sorte Zuhörer immer schon getan hat und bis in alle Ewigkeit tun wird, dem schwermütigen Vielredner ein offenes Ohr schenkt. Und viel reden, das kann er, dieser Lorenz Hart, und es wäre vielleicht gepflegte Langeweile, einem Mann zuzuhören, den man bislang überhaupt nicht am Schirm hatte und der einem auch gar nicht tangiert, wäre es eben nicht dieser zwar nicht mit den Maßen des Adonis gesegnete, aber mitreißende männliche Charakter gewesen, der, sehnlichst suchend nach Bestätigung, die Klasse von einst, die er hatte, als unaufgefordertes Da Capo wiedergibt. Dieser Lorenz Hart, ein Wunderknabe. Und ein Wunderknabe auch, der sich dazu entschlossen hat, diesem tief gefallenen Genius ein Gesicht, eine Stimme, seinen Manierismus zu geben. Wer hätte gedacht, dass Ethan Hawke diese Figur so meisterlich ins Leben zurückrufen kann, mit all seinem Charisma, seinen Illusionen und seiner eloquenten Erzählkunst? Zeit seines Lebens soll Hart mit seiner homosexuellen Neigung zu kämpfen gehabt haben, letztlich aber lässt ihn Linklater eine ganz bestimmte weibliche Person anschmachten, und zwar vielleicht weniger sexuell als viel mehr so hingebungsvoll, als würde es sich um ein sphärisches, engelsgleiches Kunstwerk handeln. Elizabeth Weiland heisst die bildschöne junge Dame, hinreißend dargeboten von Margaret Qualley, die den kleinen, genialen Lorenz Hart ins Herz geschlossen hat – allerdings auf eine Art, die diesen womöglich nicht erfüllt.

Späte Paraderolle für einen Star

Blue Moon wird zu einer Sternstunde der gegenwärtigen Schauspielkunst. Autor Robert Kaplow hat ein so geschliffenes Sprachstück aus dem Ärmel geschüttelt, ohne Zwang und Krampf und bemühter Virtuosität, dass man völlig die Zeit vergisst. Gesprochen und interpretiert wird dies von Hawke mit einer Leidenschaft und einer Hingabe, dass man gut und gerne auf die Knie fallen würde, fast so wie in der Kirche, schließlich ist diese später auch wieder trinkfreudige Predigt eines Unverbesserlichen die zu Herzen gehendste, die man jemals wohl gehört hat. Zwischen Hoffnung, Aufbruchsstimmung, Abgesang und wehmütigem Rückblick tischt Hawke die inbrünstig gefühlte Rekapitulation eines ganzen Lebens auf, reflektiert durch Menschen an seiner Seite wie den von Andrew Scott so liebevoll und doch distanziert verkörperten Richard Rodgers. Auch hier bricht ich das Gefühl einer enttäuschten Freundschaft Bahn, deren gemeinsamer Lebensabschnitt zwar sehr viel wiegt, die Zeiten aber nichts daran ändern können, das alles, und vorallem in der Kunst und im Showbiz, sein Ende finden muss.

So gehet hin und habt Erfolg

So steht er da, der kleine, gebrochene, aber stolze und niemals im Selbstmitleid versinkende Mann, und unsereins würde ihn umarmen wollen, mit ihm einen trinken gehen, auch wenn man gar nichts trinkt. Ihm Zuhören und seine Lieder spielen, sofern man die Klaviatur eines Tasteninstruments versteht. Man würde sogar anfangen, diese Kunst zu erlernen, nur um diesen Lorenz Hart noch länger reden und vielleicht gar singen zu hören. Währenddessen schrubbt Cannavale die Gläser, geben ihn Gefährten die Ehre, tun so, als wäre alles gut, und holen sich tatsächlich noch Inspiration für das eigene kreative Schaffen. Denn wenn man genau hinhört und hinsieht, ist die Sache mit Stuart, der Maus, eine, die ganz woanders weitere Kreise ziehen wird.

Linklaters Geniestreich eines Kammerspiels schreit nach einer Academy Award Trophäe für einen vielgestaltigen Schauspiel-Kapazunders wie Hawke längst einer ist. Mit dieser Rolle übertrumpft er alles, was er bisher geleistet hat. Und das ist nicht wenig.

Blue Moon (2025)

Alpha (2025)

IM FEGEFEUER DER PHYSIS

3/10


© 2025 Plaion Pictures


LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2025

REGIE / DREHBUCH: JULIA DUCOURNAU

KAMERA: RUBEN IMPENS

CAST: MÉLISSA BOROS, GOLSHIFTEH FARAHANI, TAHAR RAHIM, FINNEGAN OLDFIELD, EMMA MACKEY, CHRISTOPHE PEREZ, JEAN-CHARLES CLICHET, LOUAI EL AMROUSY U. A.

LÄNGE: 2 STD 8 MIN


Mit einer jovialen Leichtigkeit winkt sie ihrem Publikum zu, dass es eine Freude ist: Julia Ducournau beehrte in diesem Jahr die Viennale mit einem Live-Auftritt, und ja, die Dame ist wahnsinnig sympathisch. Gar nicht verkopft, unverkrampft, redselig – als derzeit wohl innovativste Filmemacherin Europas, die mit Themen daherkommt, die vielen anderen wohl zu bizarr und gewagt wären, um sie umzusetzen. Stets beschreibt ihre derweil noch überschaubare Anzahl von Filmen metaphorische Entwicklungsprozesse junger Frauen und Mädchen, stets verbunden mit der eigenen körperlichen Wahrnehmung, dem Begriff von Schönheit und Ästhetik. Der Ausbruch aus dem Gewohnten findet seine Entsprechung im ungefälligen Bodyhorror weit jenseits der Schmerzgrenze, Leben und Tod dabei zynisch betrachtend und den natürlichen Einklang über Bord werfend. Einmal ist Kannibalismus ein stilistisches Bildventil, ein anderes Mal die Unmöglichkeit der Vereinigung von Organischem und toter Materie. Titane gewann vor zwei Jahren die Goldene Palme in Cannes. Kein Wunder: Dieses Werk wirkt in seiner brachialen Intensität und seiner aus der Norm gefallenen Prämisse lange nach.

Im Wirrspiel der Viren

Endlich ist es wieder soweit. Im Vorfeld kann man bereits erahnen, dass Ducournau ihren Vorlieben treu bleiben und mit Alpha wohl wieder im abgründigen Meta-Bewusstsein von Körper und Geist herumanalysieren wird. Diesmal widmet sie sich der mikrobiologischen Geißel der Menschheit, der Seuche, die sich selbstredend pandemisch verhält. Dabei hat sie allerdings nicht Covid, sondern die vor einigen Dekaden omnipräsenten vier Buchstaben im Sinn: AIDS. Wie auch immer – ihr Film weist nicht explizit darauf hin, dass es sich um dieses Virus handelt, genausogut könnte es alle anderen Erreger auch betreffen, schließlich sind die Symptome in Alpha gänzlich andere, wohlgemerkt metaphorische, so wie alles in diesem Film. Der Body Horror tritt hier deutlich kürzer, offenbart sich aber diesmal in geschmackvoller Marmorierung – will heißen: die Infizierten werden zu Stein, genauer gesagt zu Marmor, was womöglich die besten Body Painter der Welt auf den Plan gerufen hat, um authentisch wirkende Körperbepinselungen vorzunehmen, die teilweise wirklich richtig glücken, manchmal aber auch tatsächlich so aussehen, als wäre der Life Ball die nächste Instanz. Etwas dekorativ gerät ihr hier das Unterfangen, die Physis des menschlichen Körpers abermals mit Anorganischem zu kombinieren. Doch das ist nur das geringste Problem, mit dem Alpha notgedrungen zu kämpfen hat. Da sind noch ganz andere Brocken am Start, die, als wäre Ducournaus Filmset ein Steinbruch, von den offen daliegenden klippen abgebrochen werden müssen.

Die grobe Skulptur eines Films

Mit Meißel und Hammer scheint die Visionärin hier zu hantieren. Staublungen haben dabei nicht nur die Darsteller, sondern gleich auch der ganze Film. Aus dem diffusen Dunst umherschwirrender Gesteinspartikel schält sich das titelgebende Mädchen Alpha, das im hysterischen Umfeld besagter Pandemie dennoch gerne auf Partys geht und sich dabei unwissentlich ein Tattoo einfängt – ein kalligraphisches A prangt nun wie ein Brandmal auf des Mädchens Oberarm, sehr zum Leidwesen von Mama, die noch dazu als Ärztin die Pandemie in den Griff bekommen muss und fürchtet, dass ihre Tochter vielleicht auch bald Gesteinsstaub hustet. Bei all der Burnout-nahen Hektik kreuzt auch noch Alphas Onkel auf, gespielt vom radikal abgemagerten Tahar Rahim, der außer Drogen sonst nicht viel im Sinn hat und in der Wohnung seiner Schwester, unter Entzugserscheinungen leidend, Unterschlupf findet – gerade im Kinderzimmer der Tochter, die mit dem Gedanken spielt, mit ihrem Freund zum ersten Mal Sex zu haben.

Ein völlig verhobener Kraftakt

So schafft sich in diesem teilweise apokalyptischen Paranoia-, Drogen- und Breakout-Drama wohl jeder seinen eigenen Kreuzweg – mittendrin eine Vision, von der die ganze Geschichte mitsamt ihrer Figuren gar nichts mehr wissen will. Einiges ist an dieser Arbeit schief gegangen, vieles wirkt gewuchtet, herbeigezogen, heruntergestürzt. Wohin Alpha eigentlich will, erschließt sich nicht mehr. Geht es um die Familie, die Menschheit, um Golshifteh Farahanis Charakter, die Beziehung zu ihrem Bruder, um die neue Stufe einer Existenz, die Endzeit? Vielleicht auch einfach nur ums Erwachsenwerden? Es geht um alles. Alles buttert Ducournau in ihren Film und stülpt eines über das andere, in zeitlichem Durcheinander und so, als müsste sie die krasse Exzentrik von Titane unbedingt noch einmal toppen; als stünde sie unter vehementem Druck, auf einem atemberaubenden Niveau zu bleiben, ganz in ihrer rauen, lauten, brutalen Manier. Durch die Dichte des Films geht dabei auch jegliche Feinheit verloren. Weder entwickelt sich die junge Mélissa Boros so recht in ihrer Rolle noch Farahani. Tahar Rahim hingegen lebt den ausgemergelten Expressionismus wie schon Joaquin Phoenix in Joker – das übersteigert sich noch und wirkt letzten Endes nur noch verkrampft. Womit wir beim eigentlichen Schlagwort wären, der die geröllige Physiognomie des Films als gemeinsamen Nenner unter enormem Kraftaufwand gerade noch trägt: Diesem Krampf erliegt dieses zerfahrene Erlebnis letztlich vollends.

Bei Titane hat sich Ducournau auf ihre Intuition verlassen, Raw war dagegen so angenehm unbekümmert in ihrer Methodik und voller Neugier auf sich selbst. Alpha ist pure Anstrengung aus dem Kopf heraus und vergisst dabei völlig, sich von Intuition und Gefühl leiten zu lassen.

Alpha (2025)