In the Hand of Dante (2025)

BARES FÜR RARES – ODER: DIE GÖTTLICHE KOMÖDIE, LEICHT GEKÜRZT

5/10


Oscar Isaac als Nick Tosches im Film In the Hand of Dante von Julian Schnabel© 2026 ITHOD Productions Ltd.


LAND / JAHR: ITALIEN, USA 2025

REGIE: JULIAN SCHNABEL

DREHBUCH: JULIAN SCHNABEL, LOUISE KUGELBERG, NACH DEM ROMAN VON NICK TOSCHES

KAMERA: ROMAN VASYANOV

CAST: OSCAR ISAAC, GAL GADOT, GERARD BUTLER, JOHN MALKOVICH, MARTIN SCORSESE, AL PACINO, JASON MOMOA, LOUIS CANCELMI, SABRINA IMPACCIATORE, FRANCO NERO, BENJAMIN CLEMENTINE U. A.

LÄNGE: 2 STD 30 MIN



Was genau ist Gonzo-Journalismus?

Jedenfalls nichts aus der Muppet-Show. Es leitet sich auch nicht von Gonzales ab – im Grunde beschreibt es die Abkehr vom Objektivismus bei der Berichterstattung, ist subjektiv, polemisch, leidenschaftlich. Mehr etwas wie ein innerer Bericht, eine Ich-Bekundung zu welchem Thema auch immer.

Hunter S. Thompson zum Beispiel war so jemand. Filmfreunde und Freundinnen wissen: Dieser Mann lieferte die Vorlage zu Terry Gilliams Fear and Loathing in Las Vegaseinem Bericht also, der beschreibt, wie sich mit allerhand Drogen und Alkohol die Realität verzerren lässt.

Die göttliche Komödie ist gar nicht zum Lachen

Wer da auch noch als Pionier für diese Ego-Form der Reportage gilt, ist Nick Tosches. Er schrieb nicht nur Biografien über Künstler wie Jerry Lee Lewis, sondern ersann auch manch Belletristisches, wie zum Beispiel den Fake-Artefakte-Thriller In the Hand of Dante. Dabei ist von Dante Alighieri die Rede, dem italienischen Wunderwuzzi aus dem Mittelalter, dem wir die Göttliche Komödie zu verdanken haben – einer symbolischen Reise durch das Jenseits, gegliedert in 3 Teile: Die Hölle, das Fegefeuer und das Paradies.

Zuerst muss man als Sterblicher durch die Hölle, die wiederum ist in 9 Kreise eingeteilt – dabei lässt sich dieser ganze opulente und einzigartige Text noch weiter auseinanderklamüsern, alleine der 8. Kreis der Hölle gliedert sich abermals in zehn Bögen. Was da alles auf uns zukommt, wenn wir abnippeln – sagenhaft. Selbst Dante musst davon entzückt gewesen sein, oder von seinem eigenen Werk erschlagen.

Julian Schnabel und sein Gaunerstück

Gleich zu Beginn schickt uns der Künstler und Feingeist Julian Schnabel, der schon so manchen Künstler portraitiert hat, darunter Vincent van Gogh und Basquiat, zwar nicht durch das Inferno der Hölle, sondern gemeinsam mit Oscar Isaac in zeitgemäßer Tracht des 13. Jahrhunderts zumindest auf den im Purgatorio aufragenden Läuterungsberg.

Er selbst beschreitet den Weg, Dante Alighieri – denn niemand anderen spielt der Star in diesem ausschweifenden Hybriden aus kostümträchtigen Historienfilm und einem Mafiakrimi, der sehr viele nervöse Finger über sehr viele sensible Abzüge legt. Will heißen: In the Hand of Dante macht kaum Gefangene, was ich bei Julian Schnabel nun wirklich nicht vermutet hätte.

Von diesem schmackhaft mediterranen Ambiente verabschiedet sich der Filmemacher nur kurz, um nahe zur Jahrtausendwende 2000 bei eingangs erwähntem Nick Tosches vorbeizusehen, der sich in seiner literarischen Vorlage auch selbst zum Protagonisten erklärt hat.

Zurück in der Zukunft

Wie sich unschwer im Laufe der Handlung erkennen lässt, sieht der historische Dante diesem Nick Tosches erstaunlich ähnlich. Auch Love Interest Gal Gadot, die sich hier um redliches Schauspiel bemüht, scheint als verführerische Sekretärin mit Flashback an ein früheres Leben auch schon mal existiert zu haben. Und zwar als zumindest historisch gesicherte Gemma Donati, die bessere Hälfte des Poeten.

Wenn man also bislang schon nichts über Dante gewusst hat, so weiß man durch Julian Schnabels Film und vielleicht auch durch meine Review hier schon etwas mehr. So richtig schräg wird es dann, wenn die schwarzweiße Hatz nach diesem einzigen Manuskript, das es von Dante geben soll, losbricht. Der vom Meister bekritzelte Packen Papier: unbezahlbar – doch John Malkovich als Schwarzmarktpate will ihn haben!

Sympathieträger unter Italiens Sonne

Er schickt Nick Tosches gemeinsam mit einem Herren fürs Grobe los, einem Ungustl unter der Sonne, so einen gibt es kaum ein zweites Mal. Und Gerard Butler hat, während er diesen obszönen Killer mimt, sichtlich Freude daran. Oscar Isaac muss da sehen, wo er bleibt – und kompensiert seine Rolle mit allerhand Arroganz.

Sympathisch ist das nicht. Sympathisch ist in Schnabels Film überhaupt niemand so richtig. Und dennoch bleiben diese miniatürlichen Gaunereien, diese Dialogskizzen, die der Film zum charakterlichen Ausbau seiner Charaktere benötigt, nicht ohne Faszination.

Vom Anlocken Schaulustiger

Tatsächlich kann diese zwischen knallhartem Mafiaepos und Dan Brown, der auf einen Drink mit Nicolas Cage aus der Vermächtnis-Abenteuerfilmreihe geht, durchwegs auf eine Weise unterhalten, die hart an Schaulustigkeit grenzt.

Ordentlich im Weg steht ihm dabei der gescheiterte Versuch, den Ursprungs-Dante, und eben nicht seine Reinkarnation, auf den Weg zu bringen. Da reißt es ihn innerlich um, den Dichter, zwischen Selbstmitleid, Lamento und Entrücktheit – ein Geschwafel sondergleichen, bei dem sogar Martin Scorsese, versteckt unter ordentlich Haarwuchs, auch noch mitmischt.

Dante als ungreifbare Figur

Ergiebig sind diese Abstecher ins Mittelalter überhaupt nicht. Als Backpulver für einen Film, der sich sonst wie ein Trivialkrimi aus der Groschenroman-Abteilung anfühlt und Stereotypen schafft, dass es ärger nicht geht, vielleicht auf eine gewisse Weise sinnvoll – doch beides passt schlichtweg nicht zusammen. Wer Dante war? Davon hat man auch am Ende keine Ahnung.

Als Künstler will man Kohle machen

Wenn ein Schriftsteller also mit Abstand von 600 Jahren abermals auf sein Werk blicken würde – würde er all die verborgenen Fehler darin erkennen, die man hätte besser machen können? Schnabel wünscht sich diese Meta-Ebene so sehr, doch ein Gespür dafür, wie er sie hineinbringt, hat er nicht.

Vielleicht liegt es an der selbstgefälligen, viel zu zynischen Spielweise des Oscar Isaac,. Der ja den ganzen Film dominiert und der am Ende scheinbar seinen Charakter verrät, wäre da nicht diese Sache mit der Reinkarnation, die so manches erklärt. Und nebenbei den Wunsch erfüllt sieht, als Künstler reich zu werden.

Was bleibt ist ein unrunder Versuch, einen Egotrip als Egotrip zu inszenieren. Starbesetzt zwar, aber nicht reif fürs Paradies, scheitert In the Hand of Dante am Läuterungsberg immer wieder am Aufstieg.

In the Hand of Dante (2025)

It’s Never Over, Jeff Buckley (2025)

AUF DEN SPUREN EINES STIMMWUNDERS

7,5/10


Jeff Buckley beim Shooting für sein Albumcover "Grace"
© 2025 Magnolia Pictures


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: AMY BERG

SCHNITT: BRIAN A. KATES, STACY GOLDATE

MIT: JEFF BUCKLEY (ARCHIVAUFNAHMEN), MARY GUIBERT, BEN HARPER, AIMEE MANN, REBECCA MOORE, OAN WASSER, MICH GRONDAHL, PARKER KINDRED, MICHAEL TIGHE, MERRY CYR U. A.

LÄNGE: 1STD 46 MIN



It’s Never Over: Es wird wirklich niemals vorbei sein – nicht, solange es Geräte gibt, die seine Musik spielen. So lange es Menschen gibt, die sich anhören, was Jeff Buckley zu schreiben, zu sagen und zu singen hatte. Sein einziges Werk, das Album Grace, wird immer bleiben, so wie James Dean auf ewig und solange es ein Publikum gibt, dass sich dafür interessiert, in seinen drei Filmen existent sein wird. Wird man deshalb Künstler? Weil man so ewig leben kann?

Wegducken vor dem Ruhm

Diese Eternität war wohl nicht Jeff Buckleys Anspruch und Ziel. Das wird klar, sobald man Amy Bergs biografischer Dokumentation über einen Poeten gewahr wird, der für das große Musikbusiness und überhaupt für Ruhm an sich einfach nicht gemacht war.

So ergeht es Künstlern, die plötzlich, von allen Seiten angestrahlt, im Rampenlicht stehen. Die der helle Schein der Öffentlichkeit blendet und die in dieser plötzlich auftretenden Orientierungslosigkeit auch nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll.

Ordnung ins Vermächtnis bringen

Dieser Jeff Buckley, der war so einer. Ein begnadeter Singer und Songwriter, mit einer Stimme, die viele wohl gerne als Grund angeführt hätten, weshalb sie berühmt wurden. Buckley hatte das allein mit seiner Stimme geschafft. Und mit den Worten in seinem Kopf.

Um hier Ordnung in all diesen künstlerischen Nachlass zu bringen, hat Amy Berg (Deliver us from Evil) auch ordentlich aufgeräumt. Anders lässt sich der Mensch Buckley nicht fassen, wenn man hier nicht bei Null beginnt, den roten Faden eines viel zu kurzen Lebens nicht als Tangente von A bis Z legt, ohne Wirbel, Kurven und Knäuel.

It’s Never Over, Jeff Buckley ist jene Sorte dokumentarischer Biografie, die sich nicht selbst inszenieren und anpreisen will, sondern selbst in den Hintergrund tritt, um eine Person vortreten zu lassen, die, wenn sie von sich selbst berichtet, zumindest die Möglichkeit hat, sich an diesen geordneten und chronologisch fast schon streng geradlinigen Konzept eines Dokumentarfilms festhalten zu können.

Von der Wiege bis ins Grab

Es beginnt mit den Eltern, mit dem drogenabhängigen Jazzmusiker Tim Buckley, der an einer Überdosis starb und seinen Sohn nur einmal gesehen hat. Es geht weiter mit Mary Guibert, seiner Mutter, die hier ebenfalls, in äußerst bewegenden Szenen, zu Wort kommt, sich so gefasst als möglich an ihren Sohn erinnert und am Ende aber und völlig nachvollziehbar diesem Verlustschmerz erliegt, wenn sie die letzten Worte ihres Sohnes auf dem Anrufbeantworter auch das Publikum hören lässt.

Das ist wohl der bewegendste Moment in diesem Film, der Struktur in ein chaotisches, impulsives, depressives und leidenschaftliches Leben bringt, über dessen Ende man nur spekulieren kann. War es Suizid, war es ein Unfall? Wer geht schon vollbekleidet in einen Fluss – nur um sich abzukühlen?

Viel mehr als nur Hallelujah

Jeff Buckley wurde 30 Jahre alt, ein Mann mit absolutem Gehör und einer gottgleichen Stimme. Die Neuinterpretation von Leonard Cohens immersiver Ballade Hallelujah wird, obwohl nicht selbst geschrieben, sein populärster Track werden.

Auch weil es fast unfair scheint seinen anderen Stücken gegenüber, lohnt es sich auf alle Fälle, diese Klasse für sich neu zu entdecken, beginnend mit diesem Film, der aus allerlei visuellem, akustischem und niedergeschriebenen Stückwerk eine in sich stimmige biographische Konstante formt, die diese Vielzahl an hinterlassenen Spuren gekonnt ineinandersteckt.

Die richtige Wahl des Mediums

Als Spielfilm wäre Buckleys Leben wohl nicht annähernd so geglückt wie als Dokumentation. Bei manchen Künstlern braucht es einen Zugang wie diesen, eine klare Linie, kein Firlefanz und kein Nachinterpretieren psychischer Gemütslagen. Es reichen Buckleys Worte, die seiner Freunde, seine Stimme am Telefon. Schon ist der Poet so nah, als würde man ihm selbst, nur kurz, aber doch, irgendwann einmal begegnet sein.

It’s Never Over, Jeff Buckley (2025)