Yesterday

MUSIK VON GESTERN FÜR MORGEN

5/10

 

Yesterday© 2019 Universal Pictures Germany

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: DANNY BOYLE

CAST: HIMESH PATEL, LILY JAMES, KATE MCKINNON, ED SHEERAN, ROBERT CARLYLE U. A.

 

Danny Boyle ist vielseitig, zweifelsohne. Vor allem in der Wahl seiner Filmthemen. Die reichen vom Zombiehorror über Drogenkonsum bis hin zum fiktiven Märchen über einen Inder, der die Millionenfrage knackt. Im Vorhinein lässt sich seine nächste Wahl wohl schwer prognostizieren, das muss etwas sein, dass dem Briten einfach in die Hände fällt – und fasziniert. Oder etwas, das ihm während einer künstlerischen Pause in den Sinn kommt. Vielleicht sind es aber auch schlaflose Nächte, in der so Ideen wie zum Beispiel für einen Film wie Yesterday reifen können. Und zugegeben – dieser Einfall ist nicht irgendeiner, der hat schon wirklich seinen Reiz, vor allem die Sache mit dem Weglassen popkultureller Institutionen, ganz einfach von heute auf Morgen. Schuld daran: ein globaler Stromausfall. Zeitgleich damit kommt der Engländer Jack Malick mit seinem Fahrrad einem Bus in die Quere. Seltsame Zufälle, die sich da ereignen, und seltsam auch, dass die Welt von nun an nicht mehr weiß, wer The Beatles sind. Ist das alles? Nein, sie wissen auch sonst so einiges nicht mehr. Was genau, bleibt hier geheim. Lässt sich diese Raum-Zeit-Anomalie aber irgendwie erklären? Nicht wirklich, Drehbuchautor Richard Curtis, der für Filme wie Tatsächlich… Liebe und Alles eine Frage der Zeit (übrigens großartig!) verantwortlich zeichnet, hat das auch nicht vor. Was, wenn sich zwei Universen überlappt haben, so wie in Another Earth oder sogar in Avengers: Endgame, ganz im Sinne der Multiversum-Theorie? Hat Jack Malick die Dimensionen gewechselt? Halt, Stop! Yesterday ist kein Science-Fiction Film, ist keine Fantasy, es geht Danny Boyle um etwas ganz anderes. Dazu dienen nun mal die absurden Fakten, so wie sie sind. Boyle geht es um die Frage: Was, wenn kulturelle Werte verschwinden? Wenn die eine oder andere Musik nicht mehr erklingt? Wenn nicht mal Wikipedia dafür garantiert, das wohlklingende Erbe einer Beat-Boyband zu erhalten? Wenn es nur mehr einen Menschen auf dieser Erde gibt, der weiß, was gestern noch war? Hat er die Pflicht, das Wissen zu teilen? Ein Kassandra-Komplex, nur in die andere Richtung. In ein Yesterday, das es, wie es scheint, eigentlich nie gegeben hat.

Himesh Patel spielt also diesen Jack Malick, der zu seinem eigenen Glück all die Lyrics der Beatles noch im Oberstübchen hat, mit einigen Abstrichen wohlgemerkt. Eleanor Rigby zum Beispiel will ihm einfach nicht in den Sinn kommen. Patel aber tut sich sichtlich schwer, mit seiner Rolle des erfolglosen Musikers warm zu werden. Und so schwer, wie er sich damit tut, tue ich mir auch mit ihm. Lily James hingegen ist so bezaubernd wie immer; gut, dass sie die zweite Hauptrolle hat, denn ohne den Spirit einer Mathelehrerin, die nebenbei ihren besten Freund managt, wäre das Beatles-Sprachrohr in seiner phlegmatischen Resignation dem Leben gegenüber nicht halb so interessant wie Oscar Isaac seinerzeit in der Loser-Komödie Inside Llewyn Davis. Llewyn Davis hatte dazu noch nicht mal die Beatles. Und wer das Œuvre einer der besten Bands aller Zeiten in petto weiß, darf Gott einen guten Mann sein lassen, sofern die Musik der Pilzköpfe die Jahrzehnte überdauert hat und nicht etwa aus der Zeit gefallen klingt. Das tut sie nicht. Die Beatles, das steht fest, sind zeitlos, ihre Musik kann man in 200 Jahren noch hören, ihre Songs lassen sich unterschiedlich interpretieren, weil die Melodien einfach unkaputtbar sind. Da kann drübersingen, wer will. Noch dazu sind es positive Vibes, die sich in Zeiten wie diesen rar machen und umso wertvoller sind, wenn man sie verspürt.

Diese Vibes, die hat Yesterday neben Lily Collins und der komödiantisch hochbegabten Kate McKinnon selbstredend auch in Sachen Soundtrack zu bieten. Wenn Help! oder Here comes the Sun erklingen, ist das natürlich toll, und der Kinosessel wippt vor allem bei Nummern wie A Hard Days Night. Doch funktioniert Yesterday auch ohne all der Noten? Nur bedingt. Was eine augenzwinkernd gesellschaftskritische Parabel auf das popkulturelle Erbe der Menschheit hätte sein können, verspielt seine Chance, etwas wirklich Außergewöhnliches zu erzählen. Etwas, das mit dem Musikbiz abrechnen, das kollektive Gedächtnis hinterfragen und der Bedeutung von Musik als Welterbe nachgehen hätte können. Stattdessen flüchtet sich die joviale Komödie scheinbar ratlos in eine allzu gewollte Romanze, die ich natürlich schon in Ansätzen, aber nicht hauptsächlich sehen will – in einem Film, in dem es eigentlich um etwas ganz anderes gehen sollte. Boyle huldigt natürlich den Beatles auf direkt rührende, um nicht zu sagen transzendente Art, fast wie bei einem Fanfilm. Sonst aber tendiert der überlange Streifen, der zwischendurch ordentlichen Leerlauf hat, zu einem Du-gehörst-zu-mir-Kitsch der redundanten Art, die dem ideenreichen Spirit eines Songwritings, wie ihn McCartney, Lennon und Co hatten, oft nicht gerecht wird. Und Ed Sheeran? Wir können froh sein, dass er Musiker ist. Schauspieler muss – und kann er gottlob nicht auch noch sein, auch wenn er mit diesem Film sein neues Album promotet.

Yesterday

Rocketman

DURCH DIE ROSAROTE BRILLE

7/10

 

null© 2019 Paramount Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: DEXTER FLETCHER

CAST: TARON EGERTON, JAMIE BELL, RICHARD MADDEN, BRYCE DALLAS HOWARD, STEVEN MACKINTOSH U. A.

 

Was haben Freddy Mercury und Elton John eigentlich gemeinsam? Auf den ersten und auch auf den zweiten Blick sehr vieles. Ein unglaubliches, musikalisches Talent, das absolute Gehör und das Zeug zu einer Repräsentanz, die die Dimensionen einer One-Man-Show oft schon mal durchbrochen hat. Beide sind schwul, haben markanten Zahnwuchs und einen Hang zu exzentrischen Outfits, Elton John vorzugsweise Brillen und Mercury hautenge Trikots. Und noch etwas haben sie gemeinsam, man möchte meinen ein gemeinsames Leid, nämlich ihren Manager John Reid. In Bohemian Rhapsody durfte „Kleinfinger“ Aidan Gillen in die Rolle der profitgierigen rechten Hand seiner hörigen Superstars schlüpfen. In Rocketman darf das Richard Madden, ebenfalls aus Westeros übersiedelt, in die Welt der Biopics und der Aufs und Abs legendärer Bühnenkünstler, die sich durch die Schattenseiten des Ruhms nun mal durchwühlen müssen, mit all ihren sirenengleichen Versuchungen, die dann gottlob abendfüllend überwunden werden können.

Der Mensch ist für das permanente Reiten am Wellenkamm grundsätzlich nicht gemacht, das geht an die Substanz, und fordert folglich Substanzen, die das Defizit wettmachen sollen. Hinzu kommt mitunter elterliches Versagen aus der Kindheit wie bei Reginald Dwight der Fall, und fertig ist der Mix aus mangelnder Selbstliebe und die Sehnsucht, geliebt zu werden. Da bei einem Star meist nur die Fassade geliebt wird, ist sowas selten erfüllend. Elton John hat aber, wie man unlängst in Cannes gesehen hat, wirklich die Kurve gekriegt. Schön, sich sowas im Kino anzusehen. Denn das ist die lose Storyline, die quasi als straffes Libretto Dexter Fletchers Musical-Chartshow dramatisches Rückgrat verleiht. Womit wir wieder bei der nächsten Gemeinsamkeit mit Bohemian Rhapsody wären. Fletcher hat auch beim Oscar-geadelten Musikfilm der Queen-Band Hand angelegt, nachdem Bryan Singer aus uns bekannten Gründen gebeten wurde, das Handtuch zu werfen. Fletcher hat es aufgefangen, und die Sache zu einem guten Ende gebracht. Im Zuge dieses Erfolges, und da wohl nur der halbe Film unter seinen Fittichen stand, war etwas Ähnliches in der Art nur das Weiterführen einer gemähten Wiese. Wenn schon gerade warmgelaufen, muss man die Energie auch irgendwie weiter nutzen – für die Schicksalssymphonie eines kaum weniger kultisch verehrten Großmeisters der Pop-Komposition. Und da Dexter Fletcher diesmal von Anfang an dabei war, und die quirlige Leichtigkeit seiner Sportlerdramödie Eddie the Eagle weiteres in der Art verspricht, beginnen deshalb auch hier trotz aller Gemeinsamkeiten zum Queen-Film langsam Differenzen hochzusickern.

Während Bohemian Rhapsody als prosaisches Drama all seine fetzigen Ohrwürmer vom dargestellten Künstlerteam erarbeiten ließ und sie Teil des chronologischen Geschehens waren, baut Rocketman das musikalische Erbe Elton Johns als erzählerisches Mittel ein: Voila, wir haben ein Musical. Und was für eines. Natürlich, Ohrwurm-Bühnenshows sind schnelle Abkassierer, regelrechte Crowdpleaser, die das große Geld garantieren, und das auf sehr einfachem Weg. Da geht’s gar nicht um die Geschichte dahinter, da geht es um den Rhythmus und den Groove, und den schmachtenden Abnicken wohlbekanner Evergreens. Das war so bei Falco, beim We Will Rock You-Musical, bei Mamma Mia oder bei I am from Austria. Zuerst waren da die Songs, und das Drumherum bekommen wir schon hin. Das ist natürlich Instant-Kultur, wie das Aufgießen einer Päckchensuppe – aber den Leuten gefällt’s. Also darf und soll auch Rocketman das Gleiche tun. Nicht leiden, nicht Probleme wälzen, sondern gefällig aufspielen wie beim Crocodile Rock, wo alles, was keine Flügel hat, fliegt.

Fletchers Filmoperette ist eine schillernde Rampensau, und wie hier Drama mit Bühnenshow kombiniert wird, einfach virtuos. Taron Egerton, der seit Fletchers Eddie-Hommage nie mehr wieder so gut war, taumelt in erfolgstrunkenem Zustand vom luxuriösen Wohnzimmer auf die Bühne, vom Krankenhaus an den Flügel, vom Flanieren auf einer Party in seinen nächsten Song. Wie Egerton sie bringt, hat eine ganz eigene Färbung, ist nicht Elton Johns Timbre, aber das macht nichts, ganz im Gegenteil – so lernt man bekannte Melodien plötzlich neu kennen. Keine Szene, die nicht ein paar Takte seiner Stücke anspielt, und seien sie auch noch so unplugged, noch so verborgen zwischen den Textzeilen. Rocketman schippert ganz eindeutig im Erfolgsfahrwasser von Bohemian Rhapsody, legt seine Songs aber ganz anders auf. Sie sind wichtiger als der ganze biographische Rest, doch greifen sie umschmeichelnd auf Stationen eines Lebens zurück, die fast schon generisch sind für das Ruhm-Handling eines Weltstars. Elton John war dafür bestens geeignet.

Rocketman

Bohemian Rhapsody

A ROCKY GLAMOUR PICTURE SHOW

7,5/10

 

bohemianrhapsody© 2018 20th Century Fox GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: BRYAN SINGER

CAST: RAMI MALEK, GWILYM LEE, JOSEPH MAZZELLO, BEN HARDY, LUCY BOYNTON, MIKE MYERS, AIDAN GILLEN U. A.

 

Is this the real life? Is this just Fantasy? Bei diesem kometenhaften Aufstieg einer Band aus vier völlig unterschiedlichen Charakteren lässt sich relativ leicht an ein Märchen glauben. Doch die Wahrheit ist: die musikaffinen Eigenbrötler mit ihrer ganz klaren Vorstellung von Sound und Performance-Kunst haben scheinbar von Anfang an alles richtig gemacht. Queen, wie sie sich nennen, war in der zweiten Hälfte der 70er in den 80er-Jahren wohl an Fans, Ruhm und Plattenverkäufen vielleicht nur noch von Michael Jackson zu toppen. Queen – die waren zu Lebzeiten schon Kult, und so richtig begonnen hat da alles mit dem völlig unorthodoxen Musik-Mysterium Bohemian Rhapsody. Kein Wunder, dass diese zeitlose Weltnummer titelgebend ist für Bryan Singer´s bunt bebilderten Ausflug in die Geschichte des Rock. Mir selbst war in den 80ern die Exaltiertheit eines Michael Jackson gefälliger, doch die einschlägigen Ohrwürmer kannte damals trotzdem jeder. Und tatsächlich – es kann auch gut und gerne sein, dass nach dem Filmgenuss von Bohemian Rhapsody der eine oder andere Gassenhauer zumindest eine Zeit lang nicht mehr aus dem Kopf geht.

Bei Bohemian Rhapsody die Füße stillzuhalten kostet eine geradezu körperliche Überwindung. Viel fehlt nicht und ein von den Stühlen erhobenes und den Beats verfallenes Kinopublikum weiß sich nicht mehr zu beherrschen. Dafür aber, um das zu vermeiden, hat Bryan Singer all die Tracks entsprechend verkürzt – oder sagen wir – kurz angespielt, um gleich wieder von der faszinierenden Trivia diverser Song-Making-Of´s überzuleiten auf Streiflichter aus dem Leben des Sängers Freddie Mercury. Diese sind, unter Rücksicht auf eine halbwegs gut konsumierbare Spielfilmlänge, entsprechend gestrafft. Anders ist so ein Drehbuch gar nicht möglich, und schon gar nicht, wenn die chronologisch erzählte Geschichte von Queen auch noch mit rein muss. Das ist schon alles sehr ambitioniert, und ich frage mich, ob der Fokus auf einen Meilenstein oder einen Aspekt der Biografie nicht viel besser gewesen wäre. Ursprünglich wäre das ja von diversen Schauspielern, allen voran Sacha Baron Cohen, ja auch so gewünscht gewesen – nämlich viel mehr auf das private Beziehungsumfeld Mercury´s einzugehen. Allerdings hätte dieser Ansatz leicht Opfer einer verunglimpfenden wie kolportagehaften Aneinanderreihung reißerischer Eskapaden werden können (warum sonst sollte man das machen wollen?), und davor wollten Gitarrist Brian May mitsamt der übrigen bzw. neuen Queen-Band das Erbe Mercury´s tunlichst bewahren. Da May auch selbst mitproduziert und wie es scheint sehr viel Mitspracherecht gehabt zu haben scheint, wurde aus dem lange erwarteten Musikfilm so etwas wie eine lehrbuchartige Retrospektive eines beeindruckenden Schaffens, dass universell präsentiert werden kann. Ein Film als schillernder Wegbegleiter zum Ruhm – der aber letzten Endes wider Erwarten zu einer relativ ernüchternden Erkenntnis führt.

Dieser Ruhm führt irgendwann zum Stillstand. Ist alles erreicht, die Erfolgswelle am Höhepunkt ihres Auftürmens zur ewigen Plattform all des Gelungenen manifestiert, wird dieser Traum zur schalen Routine. Queen, die hatten erfolgstechnisch wirklich alles. Wobei ich mich frage: ist es der Druck, dieses Level aufrechtzuerhalten, oder der Zenit des Erreichbaren, der Künstler oftmals scheitern lässt? Bands brechen auseinander, weil sie geschafft haben, was sie geplant hatten. Bei Queen wäre fast Ähnliches passiert, dabei ist die Band ohnehin stets eine jener Künstlergruppen gewesen, die mit dem Trend der Zeit gegangen sind, zwar manchmal Trends gesetzt hatten, aber niemals wirklich abgeneigt waren, beim Volk beliebte Stile auszuprobieren und zu variieren. Dennoch – die erfolgsmüden Vier hatten so ihre Krisen, eben weil sie, am Ziel angelangt, nicht wirklich weiterkonnten. So sehr Bohemian Rhapsody also dem artig erprobten Schema eines Biopic folgt – dieser Blick hinter die Bühne gelingt dem Film vorzüglich, und fast noch besser als der Blick auf Freddy Mercury´s Leben selbst.

Dafür bleibt fast zu wenig Zeit, der einnehmenden Person und Kunstfigur des in Sansibar geborenen Farrokh Bulsara, der sich selbst nie als Bandleader sah, wirklich gerecht zu werden. Dort, wo in aller Eile so lebensändernde Wendepunkte wie das Aus der Beziehung zu Mary Austin oder die Erkenntnis, an Aids erkrankt zu sein, zwar filmisch gekonnt, aber doch nur angerissen werden, findet Darsteller Rami Malek mit seiner Interpretation der Legende und mit der Intensität, mit welcher er den unverwechselbar agierenden Mann zum Leben erwecken will, einen fast schon zeitverzögernden Ausgleich. In manchen Szenen scheint vergessen, wer da wirklich vor der Kamera steht. Das geschieht aber erst, nachdem man sich an die Zahnprothese Maleks gewöhnt hat. Die könnten anfangs schon für die eine oder andere Ablenkung von der Geschichte verantwortlich sein. Spätestens aber, wenn Mercury seinen 80er-Schnauzer trägt, ist die Ähnlichkeit frappant – in Kombination mit all seiner balletartigen Performance auf der Bühne wird daraus das atemberaubende Erlebnis eines Lookalike-Triumphes, der den nächstjährigen Oscar-Goldjungen greifbar nahe rücken lässt. Ähnlich überzeugend war bisher eigentlich nur Angela Bassett im Tina Turner-Lebens- und Leidensbericht Tina – What´s love got to do with it, der dramaturgisch sogar um einige Mikrofonlängen gewiefter war. Diesen Lookalike gewinnt aber auch Brian May-Darsteller Gwilym Lee, der ganz so aussieht wie der echte Lockenkopf. Und wer Mike Myers im Film irgendwo widerentdeckt, darf einmal ganz laut Galileo schreien.

Obwohl man Bohemian Rhapsody der Musiknummer entsprechend vielleicht etwas experimenteller oder einfach nicht ganz so geordnet chronologisch hätte angehen können, bleiben letzten Endes die zeitlos genialen Kompositionen in Erinnerung, die da allesamt erklingen – und natürlich der nachgestellte Live-Aid-Mitschnitt, der bislang unentschlossen begeisterte Zuseher des Streifens in den meisten Fällen auch noch abholen wird. Dann gibt es kein Halten mehr, dann ist dieser Freddy Mercury tatsächlich auferstanden, dann tobt die Hütte und Radio Gaga erschallt nachhaltig in den Köpfen nicht nur der Fans. Bryan Singer´s hymnisches, aber keinesfalls verklärendes filmisches Denkmal an diese Koryphäen der Rock- und Popmusik ist eine Tribute-Show in wohlwollendem Rampenlicht und mit vibrierenden Boxen. Mit Karokostüm, Krone und rhythmischem Stampfen. Denn die Show, die muss ja schließlich weitergehen.

Bohemian Rhapsody

A Star is Born

VON RUHM UND RUM

5,5/10

 

astarisborn© 2000-2018 Warner Bros. Pictures Germany

 

LAND: USA 2018

REGIE: BRADLEY COOPER

CAST: LADY GAGA, BRADLEY COOPER, SAM ELLIOT, DAVE CHAPELLE, BONNIE SOMERVILLE U. A.

 

Erstaunlich, was Make-up so alles leisten kann. Personen des öffentlichen Interesses können sich glücklich schätzen, zugekleistert bis zu den Haarspitzen ihr wahres Erscheinungsbild zu verschleiern, um im Alltag unbekümmert einkaufen zu gehen. Die wenigsten würden womöglich Marilyn Manson ohne Spuk-Verputz auf den Wangen als solchen erkennen, Kiss-Frontsänger Gene Simmons ohne Venom-Schlecker und Augenblitze, und auch Lady Gaga nicht, die eigentlich Stefani Germanotta heißt, die mal in Schlabberhose und T-Shirt schnell mal Milch kaufen geht. Für letztere könnte sich aber mit Bradley Cooper´s Regiedebüt einiges ändern. Denn in A Star is Born, da zeigt sich Germanotta, die hier wirklich nicht mehr Lady Gaga ist, von einer verblüffend natürlichen Seite, als wäre sie die eigene Nachbarin, die bei Abwesenheit Paketzustellungen übernimmt. Lady Gaga wird Mensch, behält zwar ihren Künstlernamen, streift aber sonst all das aufgebrezelt unechte und Artifizielle von sich ab, inklusive der künstlichen Augenbrauen, wobei ihr Bradley Cooper hierbei sogar in Echtzeit zur Hand geht.

A Star is Born ist ein sehens- und vor allem hörenswerter Film, der aber einzig und allein aufgrund der Gesangs- und Spielgewalt Lady Gaga´s diesen Status erreicht. Hätten wir den Überraschungseffekt einer abgeschminkten Kunstfigur nicht, und wäre nicht die Neugierde so groß, diesen exaltierten Weltstar so gänzlich auf die niederen Ränge einer Normalsterblichen heruntergebrochen zu begaffen, wäre A Star is Born ein Film, der seine Hauptdarsteller aneinander vorbeispielen lässt und im Grunde außer lähmender Ernüchterung nicht viel Mehrwert für das Kinopublikum besitzt. Bradley Cooper scheint aus seinem Hangover zumindest in diesem Film auch niemals wirklich herauszufinden, da er den Zustand der verkaterten Ernüchterung eigentlich selten erreicht. Diese Überdosis Alkohol durfte er in Todd Philipps dreimaligem Sautanz für große Buben als Lachnummer wieder auskurieren – in seiner Neuinterpretation des bewährten Stoffes von Licht und Finsternis der Showbranche gibt es rein gar nichts mehr zu lachen. Cooper inszeniert sich selbst als bemitleidenswerte, verschwitzt-unrasierte Mischung aus Harald Juhnke in den letzten Jahren und dem Versuch, Kris Kristofferson auf Augenhöhe zu begegnen. Natürlich, schauspielerisch hat Bradley Cooper auf alle Fälle Talent. Den versoffenen Altstar verkörpert er souverän, bis zuletzt ist dieser bis zum Fremdschämen verkorkste Country-Rocker auf den Punkt gebracht. Die zumindest im Original so verraunzte wie belegte tiefe Stimme erzeugt schon eine ordentliche Portion Testosteron, die uns da um die Ohren fliegt – und der auch Lady Gaga erliegt, wobei sie wiederum nicht so genau weiß, ob sie sich das, was sie sich da mit Filmfigur Jackson Maine da zugelegt hat, wirklich auf die Dauer antun soll. Lange braucht es nicht, und das Aufblicken auf den Leit-Promi der Musikszene wechselt bald mit einem Blick ganz tief hinab auf ein eifersüchtiges, psychisch enorm labiles Wrack, das um ihre koketten Fußballerwaden herumkreucht. Da fällt mir ganz plötzlich Nicolas Cage ein, in seiner Oscar-prämierten Rolle des Säufers aus Leaving Las Vegas. Jackson Maine allerdings hat in A Star is Born noch dazu das Trauma einer zerrütteten Kindheit mit sich herumzutragen. Diese Figur, die ist also von Anfang an zum Scheitern verurteilt, und gar nicht so sehr das Opfer einer rücksichtslosen Musikerbranche, die sich eigentlich relativ dankbar zeigt, was die Fans von E-Gitarre und erdigem Männergesang betrifft. Cooper orientiert sich an Jeff Bridges und adaptiert die Rolle des abgewrackten Country-Stars aus Crazy Heart für die traurige Mär von Ruhm, Rum und seidenmatten Glanz, der immer stumpfer wird.

Den Verrat, den begeht eigentlich Lady Gaga an sich selbst. Ihr Weg zum Ruhm ist eine Anbiederung an den Kommerz und ein Ausverkauf ihrer Ideale. Erfolg ist eine Sache, die andere die Essenz des Talents und des Könnens, die einem flüchtigen Platz am Olymp der Stars geopfert wird. Irgendwann beginnt das große Herumhampeln als Popsternchen inmitten einstudierter Tänzer im Glitter, ein austauschbarer und für mich sehr entbehrlicher Event-Stil, mit welchem sich Gesangsgöttin Ally wohl kaum wirklich identifizieren wird. Das Stimmwunder wird zur Marionette, daneben ihre große Liebe und ihr Entdecker: der alkoholkranke Kamikaze-Held, bis auf die Knochen blamiert, und der Absturz geht weiter.

Zu wirklich beeindruckender Größe schafft es A Star is Born in den wenigen Szenen, in denen Cooper und Lady Gaga auf der Bühne ihr Duett zum Besten geben. Shallow ist schon jetzt ein Klassiker unter den Filmsongs, und mich würde es schon sehr wundern, wenn beide, oder zumindest Germanotta, nicht Anfang nächsten Jahres den Goldjungen dafür abstauben würden. Als Konzertfilm würde die Liebesgeschichte im Schatten des Glamours für mich bestens funktionieren und wäre womöglich sogar ein Highlight des Kinojahres geworden, denn Lady Gaga ist eine Entdeckung, ihre Stimme berührend, ihre Auftreten sympathisch, fast schon burschikos und im Glauben an sich selbst so ansteckend zuversichtlich. Klar, Gaga plaudert hier aus dem Nähkästchen, autobiographischen Subtext holt sie sich womöglich unter autodidaktisch angelerntem Method Acting mit Leichtigkeit aus ihrem Erfahrungsschatz. Leider aber gilt zwischen den Acts das große Hollywood-Kino eines La La Land-Musicals als vermisst, und Bradley Cooper bleibt in seinem etwas überlang geratenen und teils auch leerläufigen Epos ernüchternd pessimistisch. Er selbst und sein Co-Star, die wandern irgendwann nach Halbzeit so ziemlich auseinander, das Knistern des Anfangs fällt weg, die eine Figur steigt auf, die andere ab, Berührungspunkte sind rein zweckmäßig. So muss ich A Star is Born als viel zu schwermütigen, teils trägen Versuch betrachten, einen großen Musikfilm auf die Leinwand zu tönen, der zwischen Talenteshow, Lovestory und Suchtdrama zu wählen hätte und sich leider vorwiegend für letzteres entscheidet, sein Kraftpotenzial damit aber nicht ausbalancieren kann. Bei Coopers Regie ist also noch Luft nach oben. Und beim kometenhaften Aufstieg eines Label-Zugpferds namens Lady Gaga sehr bald genügend Luft nach unten, bis in die schattenseitige Hölle des Ruhms.

A Star is Born