Desert Warrior – Wüstenkrieger (2025)

VÖLKERBALL MIT KAMELEN

6/10


Aiysha Hart als Prinzessin Hind und Anthony Mackie als Hanzala in Desert Warrior
© 2026 capelight pictures


LAND / JAHR: SAUDI-ARABIEN, USA 2025

REGIE: RUPERT WYATT

DREHBUCH: ERICA BEENEY, GARY ROSS, DAVID SELF, RUPERT WYATT

KAMERA: GUILLERMO GARZA

CAST: ANTHONY MACKIE, AIYSHA HART, SHARLTO COPLEY, GHASSAN MASSOUD, SAMI BOUAJILA, GÉZA RÖHRIG, BEN KINGSLEY, NUMAN ACAR, MILA AL ZAHRANI U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN



Die spinnen, die Mesopotamier. Nichts anderes muss der gute alte Obelix feststellen, als er im 26. Band der Comicreihe mit seinem Freund Asterix zwischen die Fronten eines unklaren und konfusen Krieges gerät, in dem schließlich jedes Volk gegen das andere seine Ressentiments hat. Albert Uderzo hat hier liebevoll die Kriegsgeschichte im Zwischenstromland karikiert und Assyrer, Arkadier, Meder und wie sie alle heißen auftreten lassen, während die beiden Gallier letztlich immer nur den Pfeilen folgen, um ans Ziel zu gelangen.

Die Wüste lebt

Ähnlich bunt und unübersichtlich gestaltet sich die arabische Welt im 7. Jahrhundert nach Christus. Es regiert der unerbittliche und natürlich von Ben Kingsley in einer kleinen, aber markigen Rolle verkörperte König Kisra, der in Ktesiphon am Tigris, der damaligen Hauptstadt des Sassanidenreiches, nebenher noch einen stattlichen Harem betreibt, in dem jede von ihm unterworfene Fürstentochter Einzug halten muss. Tut sie das nicht, gibt‘s die totale Vernichtung aller, die den geforderten Tribut nicht zahlen wollen.

Die Wüste ist aber riesig, die Anzahl der Völker ist es auch, und Rupert Wyatt, Regisseur eines Films, der dem epischen Abenteuerkino eines David Lean nacheifern will, steckt wohl das meiste Geld des saudischen Rundfunkunternehmens MBC in sein Projekt, um all diese kriegerischen Kleinarmeen auf schmucke Weise anzukleiden. Das gelingt ihm, keine Frage. Wie Obelix summt uns der Schädel ob all der Fraktionen, adlernasigen, grimmigen Krieger und ehr- wie wehrhafter Haudraufs, die sich im Laufe der Geschichte – und ja, es ist Geschichte, mehr oder weniger – miteinander verbünden. Überraschend dabei ist, dass Lachmiden-Königstochter Hind das ganze Bündnis anführen wird, und zwar bei der Schlacht von Dhi Qar. Eine Oase, deren Eroberung über den Ausgang des Gemetzels entscheiden wird.

Reserve-Lawrence auf Abruf

Mittendrin in diesem Geschehen ist aber einer, den es nie gegeben hat: Bandit Hanzala.  Wir sehen „Captain America“ Anthony Mackie in schwarzer Kluft und unter schwarzem Turban – das Prachtexemplar eines Wüstenabenteurers, den Karl May wohl nicht besser hätte skizzieren können. Mackie ist nicht Peter O’Toole, hat nie diesen Eifer, diesen Idealismus und letztlich diesen Wahnsinn in den Augen, aber zumindest macht er optisch eine gute Figur. Ihm gegenüber Sharlto Copley (District 9) als ebenfalls in der Geschichte nicht existenter Grobian für alles, er meuchelt im Namen Ben Kingsleys.

Es gibt zahlreiche Figuren in diesem Gemenge, alle im Wüstensand, alle bunt, alle pittoresk und gebettet in eine grob nachskizzierte Entscheidungsschlacht, für die sich dieses an den US-amerikanischen Kinokassen völlig untergegangene Exotik-Abenteuer nicht verstecken braucht.

Fata Morgana auf großer Leinwand

Es wäre kein Fehler gewesen, den bislang teuersten saudi-arabischen Film, der klarerweise Lust machen soll auf eine kostspielige Safari ins Zwischenstromland, denn mit Sicherheit hinkt der Tourismus dort dem Soll hinterher, auf die große Leinwand zu bringen. Es sind die Schauwerte, die hier zählen. Es ist dieses Gefühl, ganz plötzlich in ein rustikal-folkloristisches Straßenfest gedrängt worden zu sein, mit Musik, Tanz und martialischen Performances.

Wie historisch akkurat das Ganze ist – die Mühe, das herauszufinden, braucht man sich genauso wenig machen wie bei den Filmen von Ridley Scott. Desert Warrior – Wüstenkrieger ist ein mit verschwommenen Fakten kokettierender Kamelritt vorzugsweise im flirrenden Licht einer Fata Morgana, den man leicht buchen kann, um ein bisschen zu erfahren, wie es dort so ist, in der großen weiten Welt. Auch wenn nichts davon wirklich ernsthaft die Ambition hegt, ein authentisches Damals zu vermitteln.

Desert Warrior – Wüstenkrieger (2025)

Das Ende der Sterne (2026)

STEREOTYPEN DES NEUEN WILDEN WESTENS

4,5/10


Jacob Elordi als Hig in Ridley Scotts Das Ende der Sterne
© 2026 20th Century Fox


ORIGINALTITEL: THE DOG STARS

REGIE: RIDLEY SCOTT

DREHBUCH: MARK L. SMITH, CHRISTOPHER WILKINSON, NACH DEM ROMAN VON PETER HELLER

KAMERA: ERIK MESSERSCHMIDT

CAST: JACOB ELORDI, JOSH BROLIN, MARGARET QUALLEY, GUY PEARCE, BENEDICT WONG, ALLISON JANNEY U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN



Erst kürzlich ging am Wiener Kunstmuseum Albertina eine Ausstellung über den Konzeptkünstler Richard Prince zu Ende. Der Amerikaner ist Vertreter der sogenannten Appropriation Art, was so viel bedeutet wie: Bereits vorhandene Werke, zu welchem Zweck auch immer, neu zu zitieren und damit umzuinterpretieren. Er refotografierte also in seinem Western-Zyklus klassische Marlboro-Werbungen und hinterfragte damit das stereotype, klischeebeladene Lebensgefühl, das Zigarettenkonsum so salonfähig machte. Starke, konservative Männer in rauer Wildnis, Pferde reitend oder bändigend, nach harter Arbeit in den Sonnenuntergang blickend, fast schon wie ein Lucky Luke des echten Lebens, das Lasso lässig an der Seite. Und das Päckchen Tschick irgendwo.

Eine Kehrtwende hin zu traditionellen Versatzstücken

Diese Kunst muss man wirklich nicht mögen, doch verständlich ist die Aussage dennoch. Mag sein, dass Ridley Scott Ähnliches im Sinn hatte. Mag sein, dass er bereits etablierte Versatzstücke aus längst vergangenen Genre-Stilen des Films wieder aufleben lassen und neu anordnen wollte – längst zur Genüge bediente stereotype Rollenmuster und ein Wertebewusstsein aus noch vor dem Kalten Krieg bis in die Reagan-Ära hinein – das könnte für die Verfilmung eines Bestsellers reichen, den Peter Heller verfasst hat und den Titel Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte trägt, assoziationsauslösend mit John Irvings Garp und wie er die Welt sah.

Diesmal aber ist es nicht Garp, sondern der momentan gut im Geschäft stehende Jacob Elordi, der als Elvis oder Frankensteins Monster gute Figur gemacht hat und der auch hier, im Gras liegend und in den Nachthimmel blickend, sich selbst erkennt, wie er in Sofia Coppolas Priscilla Cailee Spaeny auf die starallürenhaften Laken zitiert. Das Sternbild des King of Rock hängt dort, und das seines Hundes Jasper.

Auf den Hund gekommen

Mit Hunden kennt sich die Postapokalypse schließlich sehr gut aus – sowohl Don Johnson in Der Junge und sein Hund oder Will Smith in I Am Legend: Sie alle hatten ihren Vierbeiner an der Seite, denn welche Freundschaften bleiben einem noch, auf die man setzen kann, in anarchischen Zeiten wie diesen, in denen die Weltbevölkerung in Clans zerbricht und verwilderte, marodierende Banden durchs Unterholz treiben. Ein bisschen erinnert mich dieses Konzept an die von Netflix bedauerlicherweise abgesetzte deutsche Serie Tribes of Europa. Da hätte man etwas draus machen können. Daran hätte sich auch Ridley Scott orientieren können, doch das hat er nicht.

Grenzschutz in der Postapokalypse

Dieser Hig hat nicht nur einen Hund, sondern auch den Ex-Marine Bangley an seiner Seite – ein harter Knochen, der im Laufe der Gespräche in diesem Film unter anderem seine Brille von Anfang an bei Fielmann kaufen hätte sollen. Was die von Josh Brolin verkörperte, republikanisch anmutende Institution von Mann an Grenzverteidigung an den Tag legt, beschert Donald Trump wohl feuchte Augen. Da wird nicht gefragt, da wird nicht Asyl gewährt, da wird geschossen, denn auf Dialog setzen muss man nachher nicht mehr.

Diese Radikalität amerikanischer rechter Werte kokettiert mit der melancholischen Verträumtheit eines Jacob Elordi, der mit Schlafzimmerblick, Lethargie und Muskelkraft zum Fast-Bäume-Ausreißen eben diesen Rollentypus aus den Konzepten von Richard Prince verkörpert, die Zigaretten in Griffweite und mit der Cessna über eine Landschaft brummend, die Amerika keiner nehmen kann.

Die ist nun mal da, und die verspricht Freiheit, Chancen und einen Neuanfang. Hig muss nur Grand Junction finden, von wo aus ein Signal noch ein Rest an Zivilisation verspricht. Unterwegs trifft er auf Verbündete. Und das war’s auch schon mit der Story.

Make Wild West great again!

Am besten, man beginnt hier gleich wieder von vorne und holt das Zeitalter des Wilden Westens aus der Mottenkiste. Man muss dieses Gesellschaftsbild nur in eine dystopische Zukunft setzen, und siehe da – es macht fast keinen Unterschied, ob Elordi, John Wayne oder Clint Eastwood den Ton angeben. Hier werden die weißen Amerikaner zu den neuen Nativen, und die noch weißeren zu den Pionieren, die sich zu kleinen Farmen zusammenfinden, wo zwischen Mennoniten und Mormonen kein Unterschied gemacht wird, Hauptsache der christliche Glaube bringt am Ende Friede, Freude, Eierkuchen.

Immer dieser Retro-Charme

Übersehen darf man in dieser kauzigen kleinen Klischeekiste des neuen Sonnenaufgangs jedenfalls nicht Margaret Qualley und ihren Filmpapa Guy Pearce. Qualley diesmal nicht als eine ihrer Schönheit und erotischen Anziehungskraft bewussten Manipulatorin, sondern pioniergeistig in Latzhose und Kappe – Pearce muss man als brummigen Endzeit-Mundl fast schon gern haben. All diese Personen kippen dann ganz plötzlich in die Welt von Fallout, natürlich fragt man sich: Warum, wieso und was hat Ridley Scott geritten, den elegischen Kevin-Costner-Grundtonus durch eine misslungene Kopie der postatomaren Aftermath-Groteske auf Amazon Prime zu stören. Der Spuk ist aber bald wieder vorbei, rausschneiden kann man diesen Brocken immer noch.

Was bleibt, ist eine abendfüllende Prosa-Werbung über die guten alten Werte eines Staatenbündnisses mit ganz viel Landschaft, in der die Leute einfach nur zu wissen brauchen, wann sie schießen, wann sie in die Sterne gucken und wann sie die kolportageartig zur Schau gestellte Melancholie verlorener Lebenskonzepte empfinden müssen. Hättiwari bringt einen da nicht weiter, MAGA vielleicht schon.

Das Ende der Sterne (2026)

Lebensansichten eines Huhns (2025)

ICH WOLLT‘ ICH WÄR‘ (K)EIN HUHN

7/10


Dieser Vogel erlebt in György Pálfi's Lebensansichten eines Huhns so einige Abenteuer
© 2025 Neue Visionen


ORIGINALTITEL: KOTA

LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, GRIECHENLAND, UNGARN 2025

REGIE / DREHBUCH: GYÖRGY PÁLFI

KAMERA: GIORGOS KAVELAS

CAST: ESZTI, SZANDI, FERI, ENCI, ETI, ENIKÖ, NÓRA, ANETT (ALLES HÜHNER), IOANNIS KOKIASMENOS, MARIA DIAKOPANAGIOTI, ARGYRIS PANTAZARAS, ELENI APOSTOLOPOULOU, MAHMOD BAMERNY U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Das meiner Review den Titel gebende Lied der Comedian Harmonists aus der Frühzeit der Spaß- und Quatschlieder tönt mir in den Ohren, und lieber ein Huhn zu sein, das würden sich wohl so einige der Zweibeiner in dieser bitteren Groteske des Ungarn György Pálfi wünschen. Denn so, wie Homo sapiens sich hier aufführt – das kann nicht der Zivilisation letzter Schluss sein, oder doch?

Denn zum Essen sind sie da

Zumindest wundert sich darüber das namenlose schwarze Schaf innerhalb seiner Spezies Gallus gallus domesticus, kurz: das Haushuhn. Kosmopolit, gezüchtet aus der wilden Urform des fasanartigen Bankaviahuhns und eigentlich nur dazu da, um von Milliarden an Menschen tagtäglich getötet, geröstet, gebraten, gekocht und letztlich verspeist zu werden. Zu diesem Schicksal gesellt sich dann noch die erniedrigende Tatsache des Eierklaus, tagtäglich und immer wieder.

Die schwarzgefiederte, durchaus schmucke Lady mit dem Seitenblick muss mit so einigen Schicksalsschlägen und radikalen Wendungen klarkommen. Mit der Hasswelle übler Gehege-Genossinnen, mit den Übergriffen eines wirklich hässlichen Hahns. Mit dem Kiefer eines Hundes, dem flammenden Inferno, heißem Asphalt und lauernden Füchsen. So ein Tier hat ein hartes Leben, doch wie es aussieht, lässt sich immer noch der Schluss ziehen, dass der von Gott gegebene Umstand, Federn zu tragen, direkt schon als nachhaltiges Glück erscheint.

Irgendwo in Griechenland…

Will Pálfi damit die Ironie auf die Spitze treiben? Natürlich geht es Gallus gallus domesticus schlecht. Und dem Menschen? Ebenso. Denn irgendwo in Griechenland, und zwar dort, wo man meinen könnte, hier lässt es sich sogar Urlaub machen, schwappen humane Tragödien von der anderen Seite des Meeres hinüber, wollen grimmige Gesellen ihre Geschäfte machen, und will ein versoffener alter Patriarch aus seinen Fehlern lernen.

Der hat das schwarze Huhn unter seine Fittiche genommen. Die beiden sind sich ähnlich, zumindest, was das Straucheln und Wiederaufstehen betrifft. Doch bei diesen Lebensansichten, die ein Huhn an den Tag legt, sind wir weit entfernt von George Millers Schweinchen Babe, und sogar noch weit entfernt von Schafen, die kriminelle Fälle lösen. Diese Lebensansichten nähern sich jenen Erfahrungen, die mal ein Esel gesammelt hat – im assoziativen Kunstfilmdrama EO, das aber dem Esel jedoch nicht jene Ehre erweist und ihn zu einem Individuum formt wie György Pálfi es tut.

Vielleicht besser, doch ein Huhn zu sein

Der ungarische Exzentriker hat mit seiner Gesellschaftskritik keine Fabel im Sinn, er entzieht seinem Huhn niemals seine natürliche Bestimmung und den tierischen Aspekt. Er spricht keine gackernden Sätze, aber gackert.

Wie zäh und widerstandsfähig so ein Wesen sein kann, ist einerseits wirklich witzig, andererseits respekteinflößend. Und es wäre nicht Pálfi, wären die Lebensansichten eines Huhns ein lediglich unterhaltsamer Schwank, der einer uns so reichlich ernährenden Tierart alles in die Hand gibt, damit es Freiheit erlangt. Die Aardman Studios hatten mit ihrem Plastilin-Geflügel die Hühnerstall-Version von Gesprengte Ketten fabriziert (Chicken Run) – Palfi will sein Huhn sogar noch mehr herrschen und bestimmen lassen, ganz so, wie es das Schicksal will. Und dieses meint es für Hühner gut, für Menschen nicht.

Antihumanistische Gutenachtgeschichte für Kücken

Palfis bisheriges Filmschaffen ist von eigentümlichem Kolorit. Der fast wortlose Dorfkrimi Hukkle ist nur eines seiner Experimente, im Generationeepos Taxidermia wissen so manche, wie man sich und seine Familie präpariert. Die Lebensansichten eines Huhns sind so eigenwillig und unzuordenbar wie alles Bisherige von Pálfi. Zwischen Düsternis, Hässlichkeit und kauziger Satire bewegt sich dieser von allen Schubladen befreite, beharrliche Selbstverwirklichungstrip eines Vogels auf eine Welt ohne Menschen zu, um tatsächlich sowas wie kitschige Harmonie zu finden. Ein bizarres Abenteuer zwischen Leben, Tod und allen Unannehmlichkeiten dazwischen – für Mensch und Tier gleichermaßen.

Lebensansichten eines Huhns (2025)

Rose (2026)

VON DEN ANFÄNGEN INDIVIDUELLER FREIHEIT
7,5/10


Sandra Hüller im Film Rose von Markus Schleinzer
© 2026 Schubert, ROW Pictures, Walker+Worm Film, Gerald Kerkletz


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, DEUTSCHLAND 2026

REGIE: MARKUS SCHLEINZER

DREHBUCH: MARKUS SCHLEINZER, ALEXANDER BROM

KAMERA: GERALD KERKLETZ

CAST: SANDRA HÜLLER, CARO BRAUN, MARISA GROWALDT (ERZÄHLERIN), GODEHARD GIESE, ROBERT GWISDEK, MARIA DRAGUS, SVEN-ERIC BECHTOLF, RAINER EGGER, AUGUSTINO RENKEN U. A.

LÄNGE: 1 STD 33 MIN



Danke, Toni Erdmann. Seit damals ist die mittlerweile weltbekannte Sandra Hüller trotz ihres damit einhergehenden fulminanten Erfolges und der Möglichkeit, an der Seite von Ryan Gosling bei einem US-Blockbuster (Der Astronaut – Project Hail Mary) mitzumischen, nach wie vor an Bodenständigkeit kaum zu überbieten. Hüller macht nach wie vor das, was sie interessiert, und biedert sich niemandem an.

Sie sieht auch, so kommt mir vor, den „Walk of Fame“ längst nicht als einzig erstrebenswerte Form von Ruhm an. Sie ist Handwerkerin und Virtuosin durch und durch, und dabei lässt sie sich auch gern mal das Gesicht entstellen, so wie jetzt, im bei der Berlinale 2026 reüssierten Historiendrama Rose, inszeniert von Markus Schleinzer, vormals Castingdirektor bei gefühlt allen nennenswerten österreichischen Filmproduktionen, angefangen von Haneke über Seidl bis Ruzowitzky, nun aber konzentrierter Selbermacher mit nur nach wenigen Arbeiten herauskristallisiertem eigenen Stil, der konzentriert, geordnet und dennoch lebendig wirkt.

Die Vorteile des Patriarchats

Hüller durfte heuer für ihre Leistung den silbernen Bären entgegennehmen. Keine Frage, diese Auszeichnung wäre für keine andere Rolle so wohlverdient. Als Rose setzt sie ihre eigene Latte noch etwas höher, und womöglich war ihr die Darstellung einer Frau als Mann gar nicht mal so viel Arbeit, gibt die Figur doch jede Menge an Substanz her, um damit einen Charakter lebendig werden zu lassen, der seiner Zeit weit voraus war, indem er weder eine Agenda verfolgt noch ihm der höhere Sinn für eine gesellschaftspolitische Aufgabe nahegelegen wäre. Das Vergehen dieser Rose, die als vermeintlicher Erbe eines Guts als Herr und Kriegsheld auftaucht, besteht wohl im Gerichtsfall eines Betrugs und der Dreistigkeit, die Rolle eines Mannes einzunehmen, um im Leben weitermachen zu können.

Eine Zeit lang hält der Schein, doch irgendwann braucht es nur eine Kleinigkeit, wie die Erzählerin dieser Geschichte festhält, um die Dinge neu zu ordnen. Und das Schicksal seiner Zeit und seiner Normen zu unterwerfen.

Historische Akkuratesse

Wie ein Film von Andrej Tarkovskij beginnt Schleinzers zarte Erzählung: rauchende Schlachtfelder, düstere Witterung über einem nach dreißig Jahren Krieg ausgezehrten Land – ganz so, wie Daniel Kehlmann die Welt in seinem bewundernswerten Roman Tyll umschreibt. Schleinzer verstärkt diese Stimmung allein dadurch, ihm jede Farbe zu nehmen – als gäbe es Fotos von damals, die diese weit mehr als 300 Jahre zurückliegenden Existenzen eingefangen haben.

Schleinzer hat von allen gelernt, vorrangig von Haneke und auch von Seidls strenger Tableauhaftigkeit. Formal ist Rose ein Meisterstück in Akkuratesse und Authentizität, was sich vor allem auch in der einfachen, lakonischen Sprachfärbung widerspiegelt. Genau so, denkt man sich, haben Menschen damals gesprochen. Der Plural in der Anrede gibt den Ausschlag. Hohe Hüte, wattierte Gambesons, Rüschenkrägen und Leinenhauben. Es ist schwer, sich sattzusehen in diesem erlesenen Bilderbuch, das aber nicht nur abbilden, sondern auch einiges ansprechen möchte, was das damalige Welt- und Rollenbild betrifft, um damit einen Bogen zu spannen in ein Jetzt, Hier und Heute, das mancherorts auf diesem Planeten nach wie vor die selbe Ordnung pflegt.

Feminismus ohne Revolte

Einen Diskurs spart Rose aber aus. Diesen Bogen spannt der Film auch nicht bewusst. Das Denken darüber mag dem Publikum obliegen. Ob es nun Analogien zum Heute zieht oder froh ist, dass diese Zeit vorbei ist: Ambitionen in diese Richtung hat Schleinzer nicht. Und er gönnt seiner selbstbewussten Heldin der individuellen Freiheit auch mit dem Medium Film keinerlei phantastisch anmutenden Lösungsweg. Rose ist nicht so wie The Bride! – Es lebe die BrautThe Housemaid – Wenn sie wüsste oder andere feministische Filme, die am Ende eine Frau setzen wollen, die sich gegen das Patriarchat durchsetzt. So viel Kinorealismus der österreichischen Schule hat Schleinzer intus, um nicht seine eigene, ernüchternde und historisch gefärbte Philosophie zu verraten.

Respekt und Zärtlichkeit statt visuelle Härte

Was er noch intus hat, ist die Kunst des Indirekten, des nur in den Worten oder in den Geräuschen bestehende Grauen. Eine Herangehensweise, die Ruzowitzky mit seinem Oscar-Film Die Fälscher schon gewählt hat. Rose hat vieles an Gewalt, Schmerz und Ungerechtigkeit zu bieten, dass es einen erschüttern kann. Doch Schleinzer schlachtet diese Umstände nicht aus, indem er sich an die Darstellung selbiger aufgeilt. Er macht daraus auch kein sensationslüsternes Betroffenheitskino, keinen Skandalfilm.

Die Wucht der Umschreibung, dass die Männer wieder mal gezeigt haben, „wer hier der Herr ist“, ist in seiner Nüchternheit scharfkantig genug. Die Gewalt an der Frau wird zum erschreckend gleichmütigen Alltag, das Blut und der Tod, nur Vorahnung und Erinnerung. Gerade deshalb lenkt nichts von Hüllers Darstellung der Rose, lenkt nichts von dieser kargen Opulenz eines Realismus ab, der melodischer und empfundener kaum sein kann.

Rose (2026)

DJ Ahmet (2025)

VON WEGEN SCHWARZES SCHAF

7/10



© 2025 Neue Visionen


LAND / JAHR: NORDMAZEDONIEN 2025

REGIE / DREHBUCH: GEORGI M. UNKOVSKI

KAMERA: NAUM DOKSEVSKI

CAST: ARIF JAKUP, DORA AKAN ZLATANOVA, AGUSH AGUSHEV, AKSEL MEHMET, ATILA KLINCE, SELPIN KERIM, METIN IBRAHIM U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN



Nordmazedonien und der Rest der Welt – ja, auch dort lebt man auf dem selben Planeten wie die übrige Menschheit auch, nur etwas provinzieller. Was letztlich kein Grund dafür sein soll, nicht auch die Vorteile des Fortschritts zu genießen. Doch in der Provinz, das wissen wir, haben Traditionen das Vorrecht darauf, alles andere, was da so an Einfluss aus dem Osten oder den Westen herüberschwappt, durchzulassen, damit es sich in einem jahrhundertelang gleichen Alltag integriert, oder abzuschmettern. Beim Abschmettern ist man dort vor allem dann gut, wenn es um die Rechte der Frauen geht. Das mag bei den Alten vielleicht etwas zu spät kommen, denn die scheinen sich mit ihrem Schicksal abgefunden zu haben – nicht aber bei den jungen, die man heutzutage ungern noch als heiratsfähig bezeichnet. Eine dieser jungen Frauen ist Aya. Und die hat die Nase voll vom Patriarchat.

Fremdbestimmt leben

Wie es der Zufall im Film gerne will – und dieser hier mag durchaus mit dem Genre der RomCom liebäugeln, auch wenn der Schauplatz dafür ein gänzlich ungewohnter ist – trifft Aya auf den etwas schusseligen, aber musikverliebten Ahmet. Er und der Rest seiner Familie muss ein tragisches Schicksal verarbeiten, nämlich den Tod der Mutter. Bruder Naim spricht seitdem kein Wort mehr und sucht Schritt auf Tritt die Nähe Ahmets. Der Vater: verdrossen, störrisch und trauernd. Kann man verstehen, muss man aber nicht auf jene übertragen, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben. Vielleicht streben genau die etwas ganz anderes an als am hauseigenen Hof die Schafe zu hüten statt in die Schule zu gehen, um sich der eigenen Peer-Group anzuschließen. Immerhin bleibt Ahmet noch Aya – denn die übt für eine Tanzperformance im Rahmen des kommenden Dorffestes, mit der sie ihrem dominanten Vater in seinen vorgestrigen Ansichten vor den Kopf stoßen will.

Retro-Revolution als RomCom

Wie Ahmet dabei zum DJ wird, ist eine versponnene, launig verfilmte Tragikomödie, die nicht nur von der Energie der beiden jungen Leute lebt, die sich in kleinen Schritten, zaghaft und mit sehr viel Neugier im Gepäck, einander annähern. Dabei strahlt Dora Akan Zlatanova eine Grazie, einen Esprit und eine Persönlichkeit aus, die dieser mitunter turbulenten kleinen Geschichte dMelodie verleiht. Schon die erste Szene ihres Auftretens hat Magie: Man sieht nur Ayas Turnschuhe, wie sie durchs Feld gleiten, dann wandert die Kamera höher, wir sehen ein Mädchen in traditionellem Gewand und mit geschnürtem, gelbem Kopftuch – eine blonde Haarsträhne fällt keck über ihre Stirn. Ihr Blick sagt alles – und findet den von Ahmet. So freudvoll traditionell diese Art und Weise ist, eine Romanze zu beginnen, während sie an die entzückenden Liebesfilme der 50er erinnert, so progressiv mag dann auch die Geisteshaltung sein, welche die beiden Revoluzzer dazu bringt, nicht nur aus den Mechanismen einer obsoleten Gesellschaftsstruktur auszubrechen, sondern auch aus der Enge einer auferlegten Trauer.

Jugend ändert sich überall

Die knarzende Stille der Traditionen vertreibt so mancher Techno-Beat mit Lust an der Aufmüpfigkeit, ohne aber die Geduld dabei zu verlieren, wenn es darum geht, den Traditionen von Verliebtheit und Zuneigung Raum und Zeit zu lassen. Beides passt gut zusammen, nichts davon wirkt aufgesetzt. Progressives Highlight ist zweifelsohne seine für manch konservativen Muslim provokative, für manch Taliban wohl schockierende musikalische Alternative zum Muezzin. Was Autorenfilmer Georgi M. Unkovski aber am allerbesten gelingt, und wofür man ihn regelrecht loben muss, ist, dass er aus seinem erfrischend selbstironischen DJ Ahmet kein kitschiges Märchen macht, sondern auf faire Weise das mögliches Szenario eines zwar nicht in jeder Hinsicht guten, aber auch nicht hoffnungslosen Endes durchspielt. Genau das hätte man dem Film vielleicht gar nicht so zugetraut. Genauso wenig, wie das Durchsetzungsvermögen einer nordmazedonische Next Generation, die den Wind of Change bringt.

DJ Ahmet (2025)

Die progressiven Nostalgiker (2025)

LIEBLING, WIE SPÄT IST ES?

7/10


© 2025 Filmladen Filmverleih


ORIGINALTITEL: C’ÉTAIT MIEUX DEMAIN

LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2025

REGIE: VINCIANE MILLEREAU

DREHBUCH: JULIEN LAMBROSCHINI, VINCIANE MILLEREAU

KAMERA: PHILIPPE GUILBERT

CAST: ELSA ZYLBERSTEIN, DIDIER BOURDON, MATHILDE LE BORGNE, AURORE CLÉMENT, DIDIER FLAMAND, MAXIM FOSTER, ROMAIN COTTARD, BARBARA CHANUT U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN



Dieser Film ist ein Albtraum für alle, die in den Traditionen eine gewisse Notwendigkeit sehen, und in dieser Notwendigkeit beständige Werte, die man nicht überdenken darf. Die progressiven Nostalgiker von Vinciane Millereau (im französischen Original heisst es übersetzt: Morgen war es besser) zeigt eine werbewirksame, urban-europäische Welt aus den Fünfzigern mit Normen, die rechtskonservative Denker gerne zurückhaben wollen. Was das beinhaltet? Weniger Rechte für Frauen, vielleicht auch gar kein Wahlrecht, wer weiß? Selbige hinter dem Herd, während der Mann das Geld beschafft, arbeiten geht, fesch verschnürt mit Anzug und Krawatte. Daheim macht das Heimchen alles, was im Haushalt eben zu tun ist. Von Wäschewaschen über Putzen bis hin zu Kochen, und wenn der Göttergatte dann nachhause kommt, müde von der Büroarbeit, dann stehen die Pantoffel parat, das Essen auf dem Tisch, und bedient wird der Mann dann obendrein. So eine Familie sind die Dupuis, und Ehefrau Hélène fügt sich, weil sie auch nichts anderes kennt. Es fügt sich auch Ehemann Michel, doch worüber sollte er sich schon beschweren?

Waschmaschine statt DeLorean

Plötzlich ist Töchterchen Jeanne schwanger, ohne geheiratet zu haben. Dazu noch vom Nachbarsjungen! Was tun in so einer regressiven, verknöcherten Welt, die uneheliche Kinder nicht duldet? Natürlich, Zwangsheirat! Doch bevor es so weit kommt, spielen eine gewisse gewonnene Waschmaschine und der Stromkreis tragende Rollen. Mit dem nötigen Quäntchen Energie werden Hélène und Michel in eine andere Zeit katapultiert, und zwar mehr als sechzig Jahre in die Zukunft. Und alles ist dort anders. Wie verträgt sich so ein obsoletes Mindset mit den liberalen Errungenschaften einer Menschheit, die sich trotz aller Widerstände weiterentwickelt hat und die individuelle Freiheit feiert? Am meisten leidet Patriarch Michel, während er einen Weg bestreitet, der irgendwann die Nostalgie aus seinem kleinkartierten Weltbild vertreiben soll.

Den Männern bleibt aber auch gar nichts mehr

Als eine Art possierliches Zurück in die Zukunft könnte man diese clevere Boulevardkomödie bezeichnen, nur ohne eines abenteuerlichen Plots, der die eigene Existenz, in diesem Fall jene von Michael J. Fox, gefährdet hätte. In Robert Zemeckis‘ Komödie sind die Rollenbilder von damals weniger Thema, vielleicht auch, weil die Achtziger auch noch nicht reif dafür waren, um den Status Quo zu überdenken. Im Jahre 2025 sieht die Sache schon ganz anders aus, da fährt die Ungleichheit zwischen Mann und Frau wie ein Stellwagen ins Gesicht des Betrachters. Wenn Michel, knautschig-desperat dargeboten von Didier Bourdon, seine unverdienten Privilegien verliert, kann man fast schon Mitleid haben.

Am charmantesten ist die Komödie, wenn das Fünfzigerjahre-Ehepaar mit der neuen Welt konfrontiert wird; wenn sie beide ein Codewort zurechtlegen müssen, das „Wie spät ist es“ lautet, und jedes Mal gesagt wird, wenn beide das Wunder des wandelbaren Fortschritts nicht mehr einfach so hinnehmen können. Vinciane Millereau, die auch am Drehbuch mitschrieb, konzentriert sich bei ihrer Arbeit auf allerlei Details, die zur Sprache gebracht werden müssen. Es sind weniger die technologischen Errungenschaften wie elektrische Zahnbürsten, Eiswürfelautomaten oder Computer, auf die es hier ankommt. Seine aufgelegte Situationskomik verlässt der Film dann, wenn es um den Feminismus geht – um gleichgeschlechtliche Liebe, um Karriere, um den Wechsel vom Bürohengst zum Hausmann. In Die progressiven Nostalgiker scheint es, als wäre man am Zenit, was die Gleichberechtigung betrifft, doch in Wahrheit sind da immer noch Meilen voraus.

Ohne das Dazwischen

Verzweifeln, so meint die Komödie, darf man dabei nicht, wenn man sieht, was da noch vor einem liegt. Denn setzt man das Damals und das Heute ohne das Dazwischen nebeneinander, wie der Film es tut, wird deutlich, welch weite Strecken die Gesellschaft seit damals schon zurückgelegt hat. Das zu erkennen macht Freude. Zu sehen, wie die Selbstverständlichkeit des Patriarchats zerbröselt, weil Perspektiven verändert werden müssen, ist wahrlich progressiv. Die Nostalgie hat dabei nichts mehr zu melden. Es sei denn, man bringt das Heute ins Damals.

Die progressiven Nostalgiker (2025)

Wunderschöner (2025)

DIE TRUGBILDER WEIBLICHER FREIHEIT

7,5/10


© 2025 Warner Bros. Entertainment


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2025

REGIE: KAROLINE HERFURTH

DREHBUCH: KAROLINE HERFURTH, MONIKA FÄSSLER

CAST: KAROLINE HERFURTH, NORA TSCHIRNER, ANNEKE KIM SARNAU, EMILIA SCHÜLE, EMILIA PACKARD, DILARA AYLIN ZIEM, ANJA KLING, GODEHARD GIESE, FRIEDRICH MÜCKE, MALICK BAUER, MAXIMILIAN BRÜCKNER, LEVY RICO ARCOS, SAMUEL SCHNEIDER U. A.

LÄNGE: 2 STD 18 MIN


Wenn sich ein Mann als Frauenversteher deklariert, ist ja das alleine schon ein überheblicher und gleichsam herablassender Begriff – als wären Frauen ein Rätsel, das Mann knacken muss, um von einer Frau das zu bekommen, was diesem vorschwebt ergattern zu müssen. Wenn schon Frauenversteher, dann wären es Frauen selbst, die sich dieses „Prädikat“ aneignen könnten. Und im ganz besonderen Karoline Herfurth. Dabei interessiert sie gleichermaßen, wenn nicht brennender, wie ein Mann vielleicht tickt. Was ihn bewegt, was ihn erregt, was ihn scheitern lässt. Wunderschöner, die Fortsetzung von Wunderschön, lässt sich auch ganz ohne Vorkenntnis des ersten Teils betrachten, schließlich sind es ganz andere Fallbeispiele, die hier erörtert werden. Wunderschöner ist bei Weitem nicht nur ein Frauenfilm, was das Werk in eine Nische drängen würde, wo es gar nicht und vor allem nicht ausschließlich hingehört. Genauso gut will Herfurth alles von Männern wissen und vor allem von dieser Diskrepanz zwischen beiden Geschlechtern, die zu überbrücken proaktive Anstrengungen erfordert – von beiden Seiten, dabei deutlich mehr von Seiten der Frau, denn die ist immer noch die Unterdrückte, Missbrauchte, Diskriminierte, während sich der Mann in seiner Machtposition gefällt.

Während Frauen sich längst schon repositionieren und dabei versuchen, aus ihrem Rollenklischee herauszukommen, haben Männer gehörig viel Aufholbedarf. Das Bequemliche an diesem Patriarchat, dieses Ruhekissen, zieht Herfurth den Männern unter dem Hintern weg. Und veranschaulicht auf schmerzliche, liebenswürdige und tragikomische Weise, und ohne jemals mit dem Finger zu zeigen, dass es in auf- und umbruchsbereiten Zeiten wie diesen keine Selbstverständlichkeiten mehr gibt, dass im Grunde alles, was die geschlechterbezogene Gesellschaft betrifft, obsolet erscheint. Dieses Miteinander wird in Wunderschöner zu einer komplexen Baustelle im Zeitstrahl der sozialen Entwicklung – eine Baustelle, die nicht mal noch als Fundament wahrgenommen werden kann. Was existiert, mag vielleicht ein Team sein. Ein Ensemble aus Schauspielerinnen und Schauspielern, so wie in diesem Fall, um einen Film zu verwirklichen, der die Grenzen dieser Baustelle absteckt. Der zumindest ersichtlich macht, woran gearbeitet werden muss. Um queere Verhältnisse geht es dabei diesmal nicht.

Wunderschöner erzählt in episodenhaften Sequenzen, deren Erzählfäden aber miteinander verflochten sind, von fünf Frauen unterschiedlichen Alters, die selbst erst erkennen müssen, welche Rollen genau sie in diesem System erstens gerade einnehmen und zweitens einnehmen sollten. Sie positionieren sich, erklären sich, behaupten sich – und begreifen erst so richtig, woran es krankt. Fremddefiniert durch den Mann ist der einzige Weg der der Emanzipation, jedoch nicht auf eine kämpferische Art und Weise, die gerne belächelt wird, sondern auf eine ganz natürliche, fast schon geschlechtsunabhängige. Karoline Herfurth als Familienmutter Sonja, die von ihrem Mann getrennt lebt, von welchem sich aber, aus beiderseitigem Interesse, kein Abstand gewinnen lässt, stellt das Zentrum der mannigfaltigen Erzählung. Nora Tschirner als Lehrerin Vicky wartet, bis ihr Partner von einem Selbstfindungstrip endlich heimkehrt. Anneke Kim Sarnau als die wohlsituierte Politikergattin Nadine muss das Fremdgehen ihres Mannes verkraften und setzt sich mit dem Thema Prostitution auseinander. Emilia Schüle als Julie, die gerne beim Fernsehen arbeitet, muss sich einer toxischen Männlichkeit im Betrieb erwehren, die frappant an Weinstein erinnert. Und schließlich Schülerin Lilly, die sich als junge Frau zwar frei fühlt, den Begriff weiblicher Selbstbestimmung aber erst noch überdenken muss. Alle zusammen, und dazu noch einige tragende und wichtige Randfiguren, erschaffen das komplexe und vielschichtige Bild eines Ist-Zustandes, der nicht darauf aus ist, sein Publikum mit neuen Erkenntnissen zu erhellen. Wunderschöner hat keinen Aha-Effekt, allerdings aber, und das ist viel wichtiger, ruft er geduldete Verhältnisse in Erinnerung, die im Argen liegen. Herfurth führt ihr Ensemble mit Sorgfalt, sie weiß im Vorhinein, was und wie sie es sagen will, ohne plattes Betroffenheitskino zu veräußern.

Wunderschöner distanziert sich auch von den aalglatten Tragikomödien eines Schweighöfers oder Schweigers, sogar von den Ensemblestücken eines Simon Verhoeven oder Wortmann. Am ehesten noch erinnert ihre Arbeit an Doris Dörrie zu ihren besten Zeiten, und dennoch ist Herfurths Film noch immersiver, weil sie Emotionen abbildet, die sonst nur innerhalb der vier Wände bleibt. Das ist charmant und aufrichtig, und auch wenn manchmal der Imperativ zur Veränderung fast schon so präsentiert wird wie ein Werbespot für Frauenrechte, so kann es, genauer betrachtet, selbst davon nicht genug geben. Letztlich will auch Herfurth, das alles gut wird, und man fragt sich, ob angesichts dieser offenen Wunden und Problemzonen im Rahmen eines abendfüllenden Spielfilms jemals irgendetwas davon auf heilsame Bahnen gerät. Herfurth gelingt das Kunststück, ihre Ambitionen nicht überzustrapazieren und auch nichts unter Zeitdruck zu überladen. Letztlich staunt man, wie es ihr gelingt, zumindest Hoffnung und Zuversicht zu schöpfen. Und nein, es ist gar nichts gut, das Happy End ist nur ein neuer Status Quo, die Romantik die Vergessenheit eines Moments. Die Probleme bleiben, denn alles andere wäre ein Affront zur Realität.

Wunderschöner (2025)

Like A Complete Unknown (2024)

SPIEL MIR DAS LIED VOM WIND

9/10


© 2025 Searchlight Pictures


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: JAMES MANGOLD

DREHBUCH: JAY COCKS, JAMES MANGOLD, NACH DEM SACHBUCH VON ELIJAH WALD

CAST: TIMOTHÉE CHALAMET, ELLE FANNING, MONICA BARBARO, EDWARD NORTON, BOYD HOLBROOK, DAN FOGLER, NORBERT LEO BUTZ, SCOOT MCNAIRY U. A.

LÄNGE: 2 STD 21 MIN


James Mangold kann Biografien erzählen, die sind so kraftvoll, dynamisch und mitreißend, dass niemand auch nur einmal nach dramaturgischen Innovationen verlangt. Sein Walk the Line über Johnny Cash hat es vorgemacht, das neueste und für acht Oscars nominierte Portrait eines Nonkonformisten, wie er in den Annalen der Musikgeschichte steht, ist von ähnlicher Art, nur noch besser, noch intensiver und entfacht noch viel mehr Sehnsucht nach einer Zeit des Umbruchs, obwohl diese nicht nur gut war. Like A Complete Unknown vermittelt das Gefühl der Wehmut, wenn Timothée Chalamet als Bob Dylan am Ende des Films auf seiner Triumph die Bundesstraße entlangfährt, einer Freiheit entgegen, die nur er bestimmt. Wehmut ist es, die diesem Typen, diesem unbequemen, ungefälligen Egomanen und Virtuosen, nachwinkt. Es ergeht uns wie Dylans Herzensmensch Sylvie Russo (Elle Fanning), die zur Einsicht erlangt, einen wie ihn niemals halten zu können.

Warum wir diese Lust und das Verlangen verspüren, immer mehr und mehr dieser aufbrausenden Musik der Sechziger zu hören? Weil Mangold sein Ensemble dieses Lebensgefühl auch entdecken lässt. Da sind Namen dabei, die kennt ein jeder, der sich auch nur ansatzweise mit der US-amerikanischen Musikgeschichte auskennt. Joan Baez, Pete Seeger, Woodie Guthrie, Johnny Cash. Baez mit ihrer unverkennbaren, engelsgleichen Stimme, die ihre Zuhörer in andere Sphären katapultiert – Monica Barbaro gibt ihr ein Gesicht, gibt ihr Charakter, Charisma, spürt die Leidenschaft und das Engagement. Genauso Edward Norton als Seeger, Mitinitiator des Newport Folk Festivals und Mentor Bob Dylans, zurückhaltend, beflissen, gutherzig. Und natürlich Chalamet als der widerborstige und schwer zu greifende Lockenkopf, der Singer und Songwriter mit dieser atemberaubenden Poesie in seinen Liedern, mit all den kritischen, ironischen, melancholischen Texten über Beziehungen, die Gesellschaft, die Welt an sich und all den Schwierigkeiten, als Mensch auf ihr zu wandeln.

Da ist dieser junge Schauspieler, der mit Call Me By Your Name erstmals für Aufsehen gesorgt hat und in Dune mittlerweile als Monarch über Arrakis herrscht. Es hätte ja sein können, dass Timothée Chalamet in jene Kerbe schlägt, in die hofierte Stars manchmal geraten, wenn ihr Ego größer wird als ihre Rollen, die sie verkörpern. Die Folge: Immer das gleiche, niemals jemand anderer, maximal so tun, als ob. Zuletzt passierte dieser Umstand Angelina Jolie als Maria Callas in Pablo Larraíns Maria. Doch Chalamet weiß davon, sich seinen darzustellenden Figuren unterordnen zu müssen. Es gelingt ihm das Kunststück, trotz seines bekannten Äußeren hinter dem Konterfei eines Bob Dylan zu verschwinden – ganz ohne Make up, Latexmaske, Zahnprothese wie bei Rami Malek oder sonst eines nachhelfenden Charakter-Gadgets – wenn man Sonnenbrille und Wuschelkopf mal weglässt. Durch seine Interpretation dieses Mysteriums namens Bob Dylan wird das obsessive Musikgenie sichtbar. Und ja, man muss zugeben: In der Schauspielerei mag es deutlich einfacher sein, nach charakterlicher Vorlage weltbekannte Persönlichkeiten zu imitieren – sie geben die Richtung vor, markieren das Soll und das Ziel. Und dennoch ist es immer wieder ein Wunder dieser Performance-Kunst, wenn der Kult lebendig wird, wenn Chalamet es gelingt, die Tonlage Dylans zu treffen und von Blowin‘ in the Wind bis Like A Rolling Stone all diese zeitlosen Klassiker selbst zum Besten gibt. Man will dann gar nicht mehr Dylan hören, sondern Chalamet, wie er Dylan singt. Und man vergisst darauf, nur eine Darstellung des Originals zu sehen, denn Chalamet ist einer, auf den man abfährt, der eine geheimnisvolle künstlerische Entität verkörpert. Ob das Geheimnis rund um Dylans Wesen bei Mangold gelüftet wird? Gott behüte, das soll es gar nicht! Ihm nahe zu kommen und gleichzeitig auf Distanz zu bleiben, um auch sein Umfeld betrachten zu können – seine Gefolgschaft, seine Freunde und Gegner – dafür braucht es die richtige Balance. Durch die Interaktion mit einer behutsam erweckten verlorenen Zeit der 60er wird eine Figur wie Dylan erst lebendig. Ist der Fokus zu stark auf nur eine Person, bleibt nur versponnenes Psychokino, das niemanden mitnimmt.

Ob Biopics funktionieren, hängt ganz davon ab, welche Episode man wählt. Bei letzten Lebenswochen wird es manchmal zu resignativ und melancholisch. Mangolds Wahl fiel hingegen auf Bob Dylans stürmische Jahre. Der Um- und Aufbruch des Künstlers ist so voller Verve, dass man immer tiefer in medias res gehen will. Daher gibt der Film seinem Publikum genau das, was es innigst verlangt: Musik, Musik und nochmals Musik, sei es im synergetischen Duett, im stilübergreifenden Austausch oder mit einer Band im Hintergrund, die den Weg der E-Gitarre ebnet – und damit Grenzen sprengt. In diesem Musikfilm wird man schwerlich satt, und das nicht, weil man nichts geboten bekommt, sondern weil das Gebotene so erquickt. Dazwischen will und kann man von Chalamets Figur einfach nicht lassen. Und nicht nur von ihm, von niemandem in diesem auf beste Art klassischen, lange nachhallenden Filetstück biographischer Zeitgeschichte, nach dessen Sichtung die hauseigene Plattensammlung durchstöbert werden muss. Ob nicht doch ein lang verschollener Bob Dylan nur darauf wartet, gefunden und aufgelegt zu werden. Um diesen Zeitgeist neu zu spüren, der Gänsehaut verursacht.

Like A Complete Unknown (2024)

Shahed – The Witness (2024)

PORTRAIT EINER KÄMPFERIN

6,5/10


shahed© 2024 Viennale


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, ÖSTERREICH 2024

REGIE: NADER SAEIVAR

DREHBUCH: JAFAR PANAHI, NADER SAEIVAR

CAST: MARYAM BOUBANI, NADER NADERPOUR, HANA KAMKAR, ABBAS IMANI, GHAZAL SHOJAEI U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Männer im Iran können tun und lassen, was sie wollen. So ein politisches Ungleichgewicht zum Leidwesen aller dort lebenden Frauen nennt man Patriarchat. Es wird angeführt von Würdenträgern, die Staat und Glaube nicht trennen wollen. Frauen müssen gehorchen, kuschen, sich unterwerfen. Das beginnt mit dem Tragen des Hijab und endet vielleicht damit, als Kollateralschaden für männlichen Machtwillen mit dem Leben zu bezahlen. Wie es aussieht, scheint genau das in Shahed – The Witness passiert zu sein. Vor dem Hintergrund gehörverschaffender Demonstrationen gegen das Regime und den darauffolgenden Unruhen in Teheran aufgrund von Todesfällen durch willkürliche Polizeigewalt sieht sich die längst pensionierte Lehrerin Tarlan vor Herausforderungen gestellt, die kaum zu bewältigen sind. Längst erfahren im sozialpolitischen Aktivismus, muss sie diesmal mit ansehen, wie ihre Ziehtochter von ihrem Ehegatten zwangsbestimmt wird. Die Schule für traditionellen Tanz hat sie zu schließen, fördert dieser doch sündigen Ungehorsam. Tarlan bemüht sich, zu intervenieren und zu vermitteln, diese Fähigkeit beherrscht sie schließlich gut. Doch anscheinend hilft das alles nichts: als Tarlan im Haus ihrer Tochter nach dem Rechten sehen will, wird sie Zeugin einer vom Schwiegersohn begangenen Straftat. Ob es sich um den reglosen Körper der Person im Schlafzimmer um die eigene Ehefrau handelt, kann Tarlan nicht genau bestimmen. Doch die Gewissheit folgt auf dem Fuß, als diese tot aufgefunden wird. Der Dreck am Stecken des eitlen Geschäftsmannes ist unübersehbar, da kann die rechtschaffene Seniorin noch so sehr gebeten werden, die Sache auf sich beruhen zu lassen: Wo die Ungerechtigkeit Opfer fordert, lässt sich nicht wegsehen.

Diesem Dorn im Auge einflussreicher Männer gibt Maryam Boubani in dieser deutsch-österreichischen Produktion eine eindrucksvolle Gestalt. Niemals müde, und doch der Erschöpfung nahe, scheint es die Pflicht jener, aufzubegehren, die sich darin noch imstande fühlen. Dass Tarlan dabei das Feld den Jungen überlässt, so zum Beispiel der Tochter der Ermordeten, kommt ihr erstmal gar nicht in den Sinn. Regisseur Nader Saeivar, der mit Jafar Panahi (No Bears) zu diesem Film gemeinsam das Drehbuch verfasst hat, folgt in seinem sozialpolitischen Justizdrama, in welchem es ganz viel um Familie geht, einer bereits etablierten Tradition hellwachen, kritischen Kinodenkens, die Ashgar Farhadi mit seinen neorealistischen Meisterwerken längst anführt. Panahi hat sich dabei mit No Bears ein bisschen zu sehr selbst inszeniert, während Saeivar die Bühne zu Gänze seiner vor Kraft, Einfallsreichtum und Beharrlichkeit strotzenden Protagonistin überlässt. Shahed – The Witness funktioniert daher viel besser als fiktives Portrait einer Kämpferin und weniger als politisches Statement. Ein Einzelschicksal, verflochten mit anderen, tragischen Schicksalen, und gleichermaßen auch ein Aufruf, den Blick zu heben, um zu erkennen, dass Kämpfernaturen nicht allein sein müssen.

Da sich Saeivar sehr auf die Sichtweise einer Frau beschränkt, fällt sein Film als psychologische Miniatur auf; als streng positioniertes, persönliches Hazardspiel, das große Ganze anderen überlassend. So aber wird klar, wieviel Wirkung Einzelne erzielen können. Mit Shahed – The Witness wird das kritische Kino, das den Problemstaat Iran ins Visier nimmt, um eine Facette, einen Blickwinkel erweitert. Mag sein, dass inhaltlich wenig mehr Erhellendes übrig bleibt und nur wiederholt wird, was andere längst gesagt haben. Andererseits tut es gut, das gesprochene Wort nochmal zu unterstreichen. Und dabei die Generation der Älteren in den Fokus zu stellen.

Shahed – The Witness (2024)

No Bears (2022)

WO DÖRFLER IHRE GRENZEN ZIEHEN

5/10


nobears© 2022 Celluloid Dreams


LAND / JAHR: IRAN 2022

REGIE / DREHBUCH / PRODUKTION: JAFAR PANAHI

CAST: JAFAR PANAHI, NASER HASHEMI, VAHID MOBASSERI, BAKHTIYAR PANJEEI, MINA KAVANI, REZA HEYDARI U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Jafar Panahi ( u. a. Taxi Teheran) will eigentlich nur Filme machen. Doch es sind Filme über den Iran, über dessen Werte, dessen politische Willkür, dessen fundamentale Strenge. Das sehen der oberste Führer Ali Chamenei und seine getreuen Hardliner natürlich nicht so gern, wie in jedem Land, in welchem Demokratie abgeschafft und gegen menschenverachtende Repressalien getauscht wurde. Trotz dieses Machtapparats kann sich der Iran – im Gegensatz zu Nordkorea – auf eine lebendige Filmwelt verlassen, auf zahlreiche Künstler, die nicht nur, aber vorallem, das Medium Kino dafür nutzen, um für ihr Land aktiv zu werden. Dieses Kino ist stark und laut, bekommt eine Bühne auf allen nur erdenklichen Filmfestspielen, um Missstände aufzuzeigen, die so nicht mehr tragbar sind. Jafar Panahi war und ist einer von jenen, die Engpässen trotzen, um zu tun, was getan werden muss. Und hatte das Pech, in seinem Land unter „Hausarrest“ gestellt zu werden. Eine Haftstrafe, die 2022 begann, konnte aufgrund eines Hungerstreiks Panahis ausgesetzt werden – auf Kaution. Bevor dies aber geschehen konnte, lief sein Film No Bears vor zwei Jahren auf den Filmfestspielen von Venedig. Und ist endlich, nach langer Verspätung, in den österreichischen Kinos zu sehen.

Was es mit Bären in Panahis Film auf sich hat, ist schnell erklärt. Es ist die Beschwichtigung vor Gefahren, die gar nicht existieren, die aber, um andere kontrollieren zu können, gerne als Warnung kolportiert werden. Diese Gefahren sind unter anderem pelzige Räuber, die sich durch die engen Gassen eines grenznahen Dorfs schieben könnten – es aber schließlich nicht tun, da es dort, an der Grenze zur Türkei, gar keine Bären gibt. Doch es gibt Schmuggler, Schieber, es gibt argwöhnische Polizisten und den Geheimdienst, der penibel darauf achtet, wer hier in der Provinz nicht ins Bild passt. Natürlich ist das Jafar Panahi, der sich selbst spielt, höchstpersönlich. Er will einen Film drehen, doch das Drehen ist für ihn längst verboten. Er tut dies im Geheimen, während sich Cast und Set jenseits der Grenze in der Türkei befinden. Panahi hat sich dafür in einem kleinen Dorf niedergelassen, in welchem jeder jeden kennt und jeder Neue sofort dazu instrumentalisiert wird, etwaige Querelen in der Gemeinschaft auszubaden. Während Reza, Panahis rechte Hand, allnächtlich mit dem nach Anweisungen des Meisters gedrehten Filmmaterial unbemerkt die Grenze passiert, bleibt Panahi nur die Möglichkeit, den Alltag der Menschen zu fotografieren und auf eine gute Internetverbindung zu warten. Da passiert es und Panahi macht das Foto eines Paares, das laut den Dorfdogmen gar nicht existieren darf, da von den Älteren längst bestimmt wird, wer wen zu heiraten hat. Die Community lässt nicht locker und nötigt Pahani zur Herausgabe des Corpus delicti. Der aber stellt sich quer.

Man kann sich denken, wie sehr die Sache eskalieren wird. Doch Panahi bemüht sich nicht, sein Drama hochkochen zu lassen. Es ist der Verzicht auf überschminkte Emotionen – eine Art neue Sachlichkeit im iranischen Kino. Viel stärker als Asghar Farhadi (u. a. The Salesman) bleibt Panahi Purist, akkurater Autorenfilmer eines nackten, aber unprätentiösen Realismus, der sein Konfliktdrama auf mehrere Ebenen auffächert. Natürlich steigert das Ineinanderspinnen dieser Erzählfäden die Ausdrucksstärke und Botschaft: Wie sehr in die staubtrockene Erde hineingerammt vorgestrige Traditionen so manches Leben aufs Spiel setzen, und wie sehr sich dörfliche Grundstrukturen auf die nationale Geißel hochrechnen lassen können, mag klar veranschaulicht sein. Doch bleibt das Drama in seiner kargen Nüchternheit, so sehr die Authentizität auch anzuerkennen ist, eine flüsternde Trauma- und Problembewältigung, die sich mit dem Film im Film im Grunde keinen Gefallen tut, zu flüchtig mag die Liebesgeschichte von zwei Flüchtenden erscheinen, die in der Türkei darauf warten, Pässe zur Weiterreise nach Frankreich zu bekommen.

Kann sich Panahi tatsächlich als sein fiktives autobiographisches Alter Ego Panahi im Film mit einer plakativ tragischen, aber schwülstigen Romanze wie dieser wirklich identifizieren? Sie steht dem eigentlichen Dilemma des Filmemachers konträr gegenüber, und irgendwann verliert man insofern den Überblick, da nicht mehr ganz klar ist, ob das, was als angeblicher Filmdreh passiert, auch wirklich noch Film ist oder begleitende Realität. Was also ist Drama und was Dokumentation? Der Wechsel zwischen diesen beiden Ebenen ist nur anfangs geglückt, wenig später bleibt die schale Story nur Anhang für etwas, das eigentlich auch nichts Neues berichtet. Ob Bären oder nicht: Als sehr persönliche Abrechnung mit der eigenen Unterdrückung holt sich Panahi jede Menge gerechtfertigte Aufmerksamkeit. Künstlerisch ausgefeilt ist sein Drama dabei aber kaum.

No Bears (2022)