Capone

AM ENDE DIE DÄMONEN

6/10


capone© 2020 Leonine


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: JOSH TRANK

CAST: TOM HARDY, LINDA CARDELLINI, MATT DILLON, KYLE MACLACHLAN, AL SAPIENZA, NOEL FISHER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


„Was unterscheidet Adolf Hitler von Al Capone?“ wird während des Films mal einfach so in den Raum gestellt. Als saloppe Antwort: „Al Capone lebt noch“. Allerdings fragt sich, ob der Tod nicht wohl auch bei Al Capone die bessere Wahl gewesen wäre. Denn so, wie der ehemalige Gangsterboss und Schwerverbrecher das letzte Jahr seines Lebens fristet, will womöglich niemand seinen Endspurt ins Nirvana gestalten. Man könnte hier ja leicht meinen, der Mann hätte es verdient, vor allem in Anbetracht dessen, dass der Staat dem wohl berühmtesten Gefangenen von Alcatraz maximal Steuerhinterziehung nachweisen konnte. Und es ist somit auch kaum zu glauben, dass ein stattlicher Mann wie er mit 48 Jahren bereits vor sich hinsiecht wie ein steinalter Greis, der aber umringt zu sein scheint von all den Geistern und Dämonen, die er wohl Zeit seines Lebens gerufen hat.

Das letzte Jahr aus Al Capones Leben. Will das eigentlich irgendwer sehen? Gut, das traurige Finale Grande von Oscar Wildes Leben gibt es schon (The Happy Prince), mit Stephen Fry im Delirium, ebenfalls von Geistern umgeben, allerdings nicht von solchen, die Angst einjagen. Über die letzten Tage (Last Days) von Curt Cobain hat sich Gus van Sant auch nicht nehmen lassen zu sinnieren. Man sieht, es gibt schon eine Handvoll solcher letzter Kammerspiele, Gedanken und Monologe. Und letzter Worte, wenn man will. Oder einfach nur Schweigen. Tom Hardy legt seine Figur, die er, so scheint es, prinzipiell abzulehnen scheint, nicht wirklich viele Worte in den Mund. Meistens murrt und brummt er, aufgrund zweier Schlaganfälle ist da gar nicht mehr möglich. Hardy, sowieso ein schweres schauspielerisches Kaliber, zieht diesen ehemaligen Finsterling direkt mokierend ins Groteske, lässt ihn sabbern, stürzen und spucken, in seinen eigenen Exkrementen liegen und sitzen, stets mit Zigarre als letzter Strohhalm vor der totalen Erniedrigung. Hardy ist die Lust an der Clownerie nicht abzuerkennen. Auch nicht die Ambition, vielleicht ein bisschen so sein zu wollen wie Marlon Brando in seiner Paraderolle als Pate Vito Corleone. Doch den hat schlicht und ergreifend der Herzinfarkt ereilt, während Al Capone leiden muss, und das nicht nur, bis der Arzt kommt, sondern noch darüber hinaus.

Nochmal: Will das eigentlich irgendwer sehen? Josh Trank, Regisseur des Independent-Superheldenhits Chronicle und auch verantwortlich für das missglückte Reboot der Fantastic Four, hat sich zum biographischen Ende von Al Capone so seine Gedanken gemacht – und dessen innere Konfusion mal alptraumhaft, mal märchenhaft, mal komödiantisch illustriert. Und dennoch wird man das Gefühl nicht los, eine voyeuristische Freakshow zu sehen, die das Zusammenbrechen eines Menschen auf marktschreierische Weise auf die gebohnerten Dielen eines immer leerer und leerer werdenden Märchenschlosses bringt.

Viel Handlung hat Capone eigentlich nicht. Es ist das Psychogramm eines letztendlich Verfluchten, der im Gegensatz zu einem Ebenezer Scrooge den Bonus der Selbsterkenntnis nicht mehr für sich nutzen kann. Die Geister, die Al Capone heimsuchen, nagen mit Freude am schlechten Gewissen und holen sich ihren Tribut. Vielleicht aber kann ihn sein unehelicher Sohn davon erlösen, der immer mal wieder aus Cleveland anruft, wie der gute Engel aus dem Jenseits, der den kaputten Knacker endlich abholen soll.

Trank verliert sich dabei in assoziativen, manchmal verstörenden Traumsequenzen, die mit der Realität verschwimmen. Und so ist nie ganz klar, was genau von dem, was wir hier sehen, tatsächlich passiert und was nicht. Schmählich geht das Scheusal in seinem ganz eigenen St. Helena zugrunde, wie seinerzeit Napoleon, Kriegsherr und Kaiser.

Capone ist eine bitter-verspielte Groteske einer letzten Schmach, sperrig und seltsam sinnlos. Wie ein gelebtes Leben niemals sein sollte.

Capone

Kill Your Darlings – Junge Wilde

POETEN DER NATION

4/10


kill-your-darlings© 2013 Neue Visionen


LAND / JAHR: USA 2013

REGIE: JOHN KROKIDAS

CAST: DANIEL RADCLIFFE, DANE DEHAAN, BEN FOSTER, JACK HUSTON, MICHAEL C. HALL, JENNIFER JASON LEIGH, ELIZABETH OLSEN, BEN CROSS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 43 MIN


…oder, um es anders auszudrücken: Meet the Beat! Womit eine ganz gewisse Gruppe an literarischen Zeitgenossen gemeint ist, die während und nach des Zweiten Weltkriegs von sich reden machte. Nun, eigentlich eher erst danach, denn währenddessen waren sie allesamt Studenten auf der Columbia High. Was das für Leute waren? Allen Ginsberg, Jack Kerouac und William S. Borroughs. Diese Poeten sind natürlich auch hierzulande ein Begriff, wenn man sich für amerikanische Literatur des 20ten Jahrhunderts interessiert. Gäbe es aber weder David Cronenbergs Naked Lunch oder On the Road von Walter Salles, wären mir diese speziellen Werken dieser ganz speziellen Persönlichkeiten womöglich weniger geläufig. Naked Lunch stammt aus der Feder von William S. Borroughs, der hier, in diesem True Biopic, von Ben Foster verkörpert wird. Jack Kerouac, der On the Road verfasst hat, wird von Jack Houston dargestellt und Daniel Radcliffe nimmt sich den Dichter Allen Ginsberg vor, der ja seit dem kontroversen Gedicht Howl geradezu kultisch verehrt wird. Drei Künstler, in John Krokidas Kill Your Darlings – Junge Wilde völlig neben der Spur, neben dem Leben, und von vorne bis hinten auf Nonkonformismus gebürstet. Junge Wilde eben, so der Subtitel des Films. Auf diese Denk- und Lebensweise muss man sich tatsächlich mal einlassen. Es ist ja nicht so, dass die drei Exzentriker nicht schon sich selbst genügen würden. Da gibt es noch einen Studiosus namens Lucien Carr, der die ganze Gruppe irgendwie zusammenhält. Der allerdings ist außer aus der Rolle gefallen kein großer Könner. Ein Schönling vielleicht, charmant und mit Charisma. Heiß begehrt zumindest von Allen Ginsberg. Der hat aber das Nachsehen, weil Carr (Dane DeHaan) schon jemand anderem gehört. Dieser andere aber (Michael C. Hall) geizt nicht mit Eifersucht und leicht obsessiven Besitzansprüchen, was die Partnerwahl betrifft. Da kann es nicht lange dauern, und diese bizarre Konstellation an Dichtern, Studenten und klugen Oratoren gerät ins Wanken – bis es zur Tragödie kommt.

Schwer, diese historische Momentaufnahme einer Schaffenszündung mehrerer, später berühmter Studierender dramaturgisch auf einen Nenner zu bringen. Da sind so dermaßen viele Egozentriker im Spiel, dass jeder für sich gerne eine eigene Biographie gehabt hätte. Das merkt man auch. Und aus diesem Herumdrängen der biographischen Figuren entsteht für diesen Film das nächste Problem. Abgesehen davon, dass hier sehr viel über Gott und die Welt und über ganz viele nonkonforme Eitelkeiten geschwatzt und kokettiert wird, vorzugsweise in verrauchten Salons, in Wohnzimmern und Bibliotheken – abgesehen davon schwankt das Verhältnis der Wichtigkeit einzelner zentraler und dezentraler Figuren. Im Fokus steht Daniel Radcliffe: Allan Ginsbergs Anfänge, seine Familienverhältnisse, mehr als entbehrlich. Im Grunde aber scheint eher dieser Lucien Carr die zentrale Person zu sein, dessen verbittertem Schicksal der Film auch die meiste Aufmerksamkeit schenkt und alle anderen Protagonisten dabei mitnimmt. Wäre es nicht klüger gewesen, das Drama von vornherein aus der Sicht von eben diesem Lucien Carr zu erzählen? Dann wäre das Werk auf Spur. Koridas zäumt aber das Pferd von hinten auf und schiebt Ginsberg vor, der aber eigentlich am wenigsten zu sagen hat. Aus meiner Sicht stimmen hier die Wertigkeiten ganz und gar nicht. Das macht die Geschichte so nebulös, geschwätzig und bis obenhin angefüllt mit intellektuellem Smalltalk.

Kill Your Darlings (was sich anscheinend auf ein Gebot für einen guten Schriftsteller bezieht – Opfere, was du liebst, so in etwa) mag eine filmische, sehr amerikanische Zeitkapsel für Kenner sein – eine sehr gut durchgeschüttelte Zeitkapsel, dessen Innerstes nicht zur Ruhe kommt. Ein Ist-Zustand, den Ginsberg, Kerouac und Borroughs womöglich genauso empfunden haben, bevor sie sich etablierten.

Kill Your Darlings – Junge Wilde

Tesla

GEGEN DEN STROM GESCHWOMMEN

4/10


tesla© 2020 Leonine


LAND: USA 2020

REGIE: MICHAEL ALMEYREDA

CAST: ETHAN HAWKE, EVE HEWSON, KYLE MACLACHLAN, JIM GAFFIGAN, REBECCA DAYAN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


In dem kurzen Zeitfenster letztes Jahr, in dem Kinobesuche noch möglich waren (wie traurig das klingt) lief ein historisches Drama rund um den sogenannten Stromkrieg zwischen Westinghouse, dem Verfechter von Wechselstrom, und natürlich Edison, dem kolportierten Erfinder der Glühbirne und Verfechter des Gleichstroms. Mit von der Partie war damals auch ein Mann namens Nikola Tesla, der einmal für Edison, und dann wieder für Westinghouse gearbeitet hat, bevor er sein eigenes Ding durchzog, mit vielen Ppatenten, und mehr oder weniger erfolgreich. Seine Erfindungsgabe verhinderte aber nicht, dass Tesla zwar hochbetagt, aber in völliger Armut dahinschied. Über diesen Tesla, den Nicholas Hoult im Film Edison – Ein Leben voller Licht darstellt, hat Regisseur Michael Almeyreda (u. a. Nadja, Experimenter) einen Film sowohl geschrieben als auch inszeniert. Ein Herzensprojekt sozusagen, das fast zeitgleich mit Edison veröffentlicht wurde, dabei aber ungefähr drei Jahre später produziert wurde. Edison verblieb dabei aus organisatorischen Gründen viel länger in der Pipeline. Anders bei Tesla: der hat die Auswertung im Kino bei uns in Österreich nicht mehr erlebt. On demand ist er nun verfügbar. Doch letzten Endes ist Edison – Ein Leben voller Licht der bessere Film.

Und das nicht, weil Edison (oder gar Westinghouse) die interessantere Biographie darstellt. Tesla ist da charakterlich und auch in Sachen Lebenswandel um einige hundert Volt interessanter. Tesla war ein Mastermind, ein sagen wir mal Wunderkind, was technisches Verständnis anbelangt. Soziale Kompetenz war ja nicht so sein Ding, auch beziehunsgtechnisch war’s eher recht ungelenk. Zumindest wird Tesla so darsgestellt und so scheint das nun mal zu sein bei solch heillos versponnenen Nerds wie er einer gewesen sein muss. Ethan Hawke hat sich dieser Figur also angenommen, und so wirklich viel Verständnis für selbige bringt der sympathische Before Sunrise-Quassler allerdings nicht auf. Kann Almeyreda da aushelfend entgegenwirken? Das tut er nicht. Sein Film ist genauso verkopft und sperrig wie die für den Film abstrahierte Figur des Tesla. Was er allerdings ausprobiert, ist, Eve Hewson als Unternehmerstochter Anne Morgan (gemeint ist der rotnasige J. P. Morgan, der größte Privatbankier seiner Zeit) über Tesla in der Jetztzeit referieren zu lassen. Sie bedient sich Laptops und Beamern, um seine Geschichte zu erzählen. Eine nette Idee, mehr aber auch nicht.

Tesla ist eine Anhäufung biographischer Fragmente, durch die Ethan Hawke mehr oder weniger stolpert. Seltsam formelhaft auch Kyle MacLachlan als Edison. Es ist, als wäre dieser Film nichts anderes als ein assoziatives Bühnenstück. Immer wieder agiert der einsame Physiker vor auf Leinwand projizierten Landschaften, was die Kulissenhaftigkeit noch mehr unterstreicht. Eine konsistente Formel dafür gibt es nicht, zumindest kann ich keine erkennen. Aus budgetärem Notstand heraus wird die Wahl der Mittel wohl nicht gewesen sein. Vielleicht war’s einfach nur der Wunsch, einen historischen Stoff mal ganz anders zu adaptieren. Gut, das ist ja ganz ambitioniert, jedoch lässt Tesla jegliche Konsistenz vermissen, kann seine bruchstückhaften Szenen nicht miteinander kombinieren und ist auch wieder schnell aus dem Gedächtnis verschwunden, sobald das Werk seinen Abspann erreicht.

Tesla

Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra

VOM VERRATEN DER VERRÄTER

7/10


iltraditore© 2020 Pandora Filmverleih


LAND: ITALIEN, FRANKREICH, DEUTSCHLAND, BRASILIEN 2019

REGIE: MARCO BELLOCCHIO

CAST: PIERFRANCESCO FAVINO, MARIA FERNANDA CÃNDIDO, FABRIZIO FERRACANE, LUIGI LO CASCIO, FAUSTO RUSSO ALESI U. A. 

LÄNGE: 2 STD 33 MIN


Anfangs scheint es noch so, als wäre die italienische True Story rund um Mafioso Tommaso Buscetta so eine ähnlich tragende, romantisierte Gewaltoper wie Francis Ford Coppolas natürlich meisterliche Trilogie rund um die Familie Corleone. Wir finden uns plötzlich an der sizilianischen Küste wieder, am Tage der heiligen Rosalia am 4. September 1980. Die Familien der Cosa Nostra kommen zusammen, um sich zu verbrüdern, zu plaudern und zu feiern. Beziehungen werden vertieft und neue gesponnen. Es scheint, als wäre die Mafia sowas wie ein gesitteter Adel, dabei war sie zu den damaligen Zeiten längst von einer gewissen Tollwut befallen, die in blinder Machtgier und Raserei ganze Sippen bis auf den letzten Blutstropfen über die gewetzte Klinge springen ließ. Tommaso Buscetta hat sowas schon geahnt – und sich aus dem Staub gemacht Richtung Südamerika. Dorthin, wo regelmäßig allerlei Verbrecher auswandern, in der Hoffnung, unter falschem Namen nicht mehr gefunden zu werden. Dieser Buscetta war noch dazu aus dem Gefängnis von Turin geflohen – also Gründe gibt es mehrere, um zwangsläufig zu privatisieren. Doch der Arm der Justiz ist lang. Er reicht auch bis nach Rio – und macht den Schurken dingfest. Der aber will vor seiner Vergangenheit nicht mehr davonlaufen. Ein Ehrenmann, wie er selbst einer zu sein glaubt, muss für seine Taten gradestehen. Also packt er aus. Als Kronzeuge gegen all die Schurken, die längst nicht mehr dem „noblen“ Codex des mafiösen Geheimbundes Folge leisten.

Bis auf die glamouröse Feier Anfang des zweieinhalbstündigen Films hat die sizilianische Mafia hier nichts mehr vom imperialen Schimmer, den sie in Filmen und Romanen immer wieder gerne aufpoliert bekommt. Die Mafia ist hier ein fast schon zerlumpter Haufen herumballernder Figuren ohne Moral, nicht viel mehr als Meuchelmörder. Irgendwo auf der Spitze dieser von Buscetti erläuterten Pyramide sitzt der Kommandant und hält das Zepter in der Hand. Während der sogenannten Maxi-Prozesse gegen gefühlt alle Mitglieder des Kartells werden viele davon auch verurteilt. Wie und wodurch – das spart Regisseur Marco Bellocchio so ziemlich aus, denn Zeuge Buscetta allein kann es nicht gewesen sein. Verurteilen kann man nur jene, die unter akkuraten Beweisen einknicken. Also muss es noch jede Menge Belastendes gegeben haben. Nur was? Das hätte ich gerne noch gewusst. Aber dann wäre der Film um die doppelte Spielzeit länger geworden. Il Traditore – Als Kornzeuge gegen die Cosa Nostra ist daher in erster Linie kein Film über die Mafiaprozesse, sondern ein biographisches Justizdrama um den Charmebolzen Buscetta, der sich zur Wahrheit durchringt und mit den Sünden seiner Vergangenheit reinen Tisch machen will. Perfrancesco Favino verleiht seiner historischen Figur etwas unnahbar Charismatisches, gleichermaßen aber auch etwas abstoßend Chauvinistisches und Patriarchalisches, wie das Klischee eines Mafioso eben. Zwischen den Rissen dieser errichteten Zitadelle aus Selbstgefälligkeit und Zugeständnis blitzt eine von Furcht und Erschöpfung wie gelähmte Seele, die von Alpträumen geplagt wird.

Il Traditore ist trotz seiner Überlänge ein in seinen Szenen klug selektiertes, straffes Biopic, bei dem man allerdings leicht die vielen Namen, Familien und Beziehungen durcheinanderbringt, was aber den kathartischen Grundton des Films und die zentralen Figuren nicht vernebelt. Die Mafia selbst wird hier trotz ihres weitreichenden Netzes und ihrer scheinbar unerschütterlichen, zeitlosen Struktur zu einem bröckelnden, obsoleten Konstrukt, das angreifbar wird und sich aushebeln lässt. Das kann man als Entrümpelung eines Mythos verstehen, der sich, verfolgt man die Fakten, längst überholt hat. Oder mittlerweile zu etwas ganz anderem geworden ist.

Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra

Mank

MASTERMINDS, MÄCHTIGE UND MONETEN

5/10


mank© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: DAVID FINCHER

CAST: GARY OLDMAN, LILY COLLINS, AMANDA SEYFRIED, CHARLES DANCE, TOM PELPHREY, ARLISS HOWARD, TOM BURKE U. A. 

LÄNGE: 2 STD 12 MIN


Es ist schon eine ganze Weile her, als ich mir Orson Welles Citizen Kane aus cinophilem Pflichtbewusstsein heraus angesehen habe. Und ja, das Werk ist zweifelsohne bemerkenswert, wunderbar gefilmt und erzählerisch, vor allem für die damalige Zeit, recht innovativ. Als besten aller Filme, wie viele Kritiker und Experten behaupten, sehe ich ihn dennoch nicht. Da hat für mich Orson Welles Film Noir Im Zeichen des Bösen deutlich mehr Grip. Aber das nur nebenbei. Was Citizen Kane mit David Finchers neuester Arbeit Mank zu tun hat? Das Drehbuchgenie dahinter. Einem Mastermind, dem des Öfteren der Hochprozentige näher war als der Schreibstift: Herman Mankiewicz. Ein Alkoholiker unter dem Herrn, in klaren Momenten scharfer Denker und mutiger Dramaturg, der für Citizen Kane gar den Oscar erhielt. Dabei war gar nicht mal sicher, ob Citizen Kane überhaupt in den Kinos gezeigt werden dürfe, da sich das Script ganz deutlich das Leben von William Randolph Hearst zur Brust nahm, eines Medien-Tycoons und Zeitungsmogul, der sich in dem Werk diffamiert sah. Zeitgleich gab’s in den dreißiger Jahren politisch gesehen jede Menge ruheloses Blut, da gab’s die Sozialisten und die Kapitalisten, da gab’s einen Schriftsteller namens Upton Sinclair, der in Finchers Film regelmäßig genannt wird. Wer aber all diese politischen Bezüge, Hintergründe und vor allem: wer Citizen Kane nicht mal ansatzweise kennt oder weiß, was das für ein Film ist, der wird, salopp gesagt, mit Finchers sehr speziellem Werk nicht viel anfangen können.

Mank sollte im Doppel- oder gar im Dreierpack präsentiert werden. Als Prolog könnte man vielleicht gleich den ganzen Citizen Kane mit einbeziehen. Zwischendurch vielleicht eine aufschlussreiche Dokumentation über die Zeit von damals, über William Randolph Hearst vielleicht und dessen politischer wie gesellschaftlicher Bedeutung? Diese ach so nostalgischen frühen Jahre Hollywoods, was waren die eigentlich? Ein Völkerballspiel der freien Kräfte, die da waren MGM oder Universal oder Paramount oder Warner. Hinter all diesen Studios saßen die steinreichen Mächtigen mit viel Einfluss, die Stars erschufen oder wieder vernichteten, die eng mit der Politik kokettierten und um Einfluss gierten. Eine schöne Zeit war das keine, eine Zeit der Abhängigkeit viel mehr. Fincher dreht in Schwarzweiß, um zumindest optisch mit Kolorit, Stimmung und Atmosphäre das Damals zu verklären. Zugegeben, seine Bilder sind erlesen, die Kameraarbeit erste Sahne, auch schauspielerisch geben alle ihr Bestes. Ja, auch Gary Oldman, obwohl er die meiste Zeit nur devastiert herumliegt und wenn er nicht herumliegt, besoffen und verschwitzt durch Peinlichkeiten torkelt.

Was das von David Finchers mittlerweile verstorbenem Vater Jake Fincher verfasste Script zu Mank bereithält, ist, um es wohlwollend zu formulieren, nur bedingt interessant und hat obendrein ein massives Prioritätenproblem. Mank ist ein Film, der, hätte Netflix ihn nicht veröffentlicht, wohl nie ins Kino gekommen wäre. Der Film wäre, so wage ich zu prognostizieren, ein Flop geworden. Warum? Weil die Story, die erzählt wird, hauteng zugeschnitten ist auf ein Publikum der Experten, versierten Politkenner und eingelesenen Medienhistoriker. Ein Film für spezielle Nerds, die all diese Namen kennen und zuordnen können, die diesen mehr als zweistündigen Redeschwall auseinanderdividieren und zeitgleich zum Gesehenen all die Fußnoten vor dem geistigen Auge einfügen können. Zugegeben: ich konnte das nicht. Womöglich sind mir viele Bezüge durch die Lappen gegangen, ich kenne Hearst und Mankiewicz maximal dem Namen nach, Orson Welles ist natürlich ein Begriff, Upton Sinclair? Puh…sagt mir was, aber da müsste ich, um ins Detail zu gehen, irgendwo nachschlagen (was ich auch getan habe). Mank macht es Zusehern wie mir nicht leicht, an Bord zu kommen. Politischer Smalltalk, Männer im Anzug noch und nöcher, die sich treffen und die wieder auseinandergehen: ein Fall von geschmackvoller Eintönigkeit. In Sachen Erzählstil versucht Fincher – ähnlich wie Citizen Kane selbst – mit Rückblenden frischen Wind reinzubringen, er lässt Mankiewicz zurückdenken ans Damals der Dreißigerjahre, wo dieser maximal als Zaungast neben den Dingen stand, die da passiert sind. Übrigens: Louis B. Mayer, ja den kenn‘ ich auch noch.

Mank setzt ein Vorwissen voraus, welches das Gezeigte überhaupt erst lebendig macht. Herrscht hier ein Defizit, bleibt vieles unbeweglich, bruchstückhaft, nicht relevant genug, um wirklich zu begeistern. Von seinen historischen Figuren gibt Mank wenig Preis. Er macht sie zu Personen auf Fotografien, die auf ihren Einsatz warten. Von der eigentlich sehr wichtigen Rolle des Zeitungsmagnaten Hearst (Charles Dance) zum Beispiel bleibt wider seiner Notwendigkeit nicht viel mehr als eine zugerufene Schlagzeile. Hat man allerdings dieses Vorwissen zu all den Begebenheiten und Biographien, kann Mank durchaus mitreißend sein – das würde auch das Kritikerlob erklären. Für mich jedenfalls ist David Finchers Liebhaber – und Herzensfilm eine ausgebügelte, aus dem Kontext gerissene Making Of-Anekdote mit angehängtem Stückwerk aus Politik und Gesellschaft, das diese hauchdünne edle Patina an Bildern bemüht ist zu tragen.

Mank

Jean Seberg – Against All Enemies

IST DER RUF ERST RUINIERT…

5/10

 

seberg© 2019 Prokino

 

LAND: USA 2019

REGIE: BENEDICT ANDREWS

CAST: KRISTEN STEWART, JACK O’CONNELL, ANTHONY MACKIE, ZAZIE BEETZ, YVAN ATTAL, MARGARET QUALLEY, VINCE VAUGHN, COLM MEANEY U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN

 

Welcher Filmfan kennt ihn nicht – den Klassiker der Nouvelle Vague: Außer Atem. Neben einem blutjungen Jean Paul Belmondo war damals Jean Seberg mit auf der Flucht. Der Ausgang der Geschichte ist kein Geheimnis. Seit diesem Zeitpunkt war Sebergs aparter Kurzhaarschnitt auch keines mehr. Von Jeanne d ‚Arc also zur Gangsterbraut ohne rosige Zukunft, inklusive Staatsgewalt im Nacken. Die Ironie des Schicksals: rund 10 Jahre später (Francois Truffaut drehte seinen Klassiker bereits 1959) sollte ihr die Staatsgewalt tatsächlich im Nacken sitzen, nämlich in Form des FBI unter J. Edgar Hoover, der mit seiner Abhöreffizienz der ostdeutschen Stasi um nichts nachstand. Mehr noch: potenzielle Unbequeme der Regierung konnten mit dem sogenannten Counterintelligence Program, kurz COINTELPRO, gnadenlos überwacht und letzten Endes auch mit gezielter Verleumdungstaktik „neutralisiert“ werden. In schlimmstem Fall trieb diese Vorgehensweise psychisch labile Personen in den Selbstmord. In dieser umtriebigen Zeit also, zwischen Vietnamkrieg und Black Power-Bewegung, war Jean Seberg als gutgläubige Idealistin mit Geld in der Tasche wie ein argloses Bambi, dass sich an fremden Gemüsegärten labt. Ihre Verbindung mit dem Aktivisten Hakim Jamal alleine war Grund genug, die Schauspielerin ins Fadenkreuz zu nehmen.

Was wie ein grimmiger Spionagethriller klingt, ist vorrangig das gestreckte Psychogramm einer egozentrischen Weltverbesserin, die ihre Bekanntheit nutzt, um Dinge zu bewegen. Prinzipiell mal egal wofür, Hauptsache für eine gute Sache. Jene mit der Black Power-Bewegung scheint ihr passiert zu sein. Ex-Twilight-Bella Kristen Stewart spiegelt diese Attitüde eines sich selbst überschätzenden Stars ganz gut wider. Der Kurzhaarschnitt, der saß schon meilenweit unter dem Meer bei Underwater, und sie trägt ihn immer noch sichtlich mit Stolz, wobei sie noch eins draufsetzt und mit ihrer Franchise-Vergangenheit ebenso brechen will wie Robert Pattinson, in dem sie sogar das eine oder andere Mal die Hüllen fallen lässt. Kristen Stewart will nun mit Seberg gänzlich im Arthouse-Charakterfach angekommen sein. Schauspielerisch bleibt dennoch Luft nach oben – statt Jean Seberg wirklich zu sein, bleibt ihr der sichtbare Eifer haften, die biographische Figur nur sein zu wollen. Doch sie bemüht sich. Und man sieht ihr trotzdem gerne dabei zu.

Zwischendurch allerdings bleibt die prinzipiell durchaus aufreibende True Story im gern zitierten 60er-Zeitkolorit stecken, verlustiert sich in stilvollen Settings und will manchmal so sein wie ein Film von Tom Ford – gemächlich, stilvoll, unterlegt mit zeitgenössischen Musikstücken, oftmals ein Gläschen Hochprozentigen in der Hand. Mit einem Zuviel an diesen durchaus netten Bildern verwässert Regisseur Benedict Andrews sein emotionales Drama zu einem porösen Biopic mit einer leidenschaftslosen FBI-Komponente, die die Routine ihrer Bespitzelungsarbeit auf das Ensemble überträgt – Ulrich Mühe (Das Leben der Anderen) ist Agent Jack O’Connell nämlich wirklich keiner. Viele Nebenrollen bleiben auch wirklich nur Staffage, die sich einer Retro-Optik unterordnen, mit der Jean Seberg – Against All Enemies als Erzähl-Tool alleine klarkommen möchte. Das bleibt dann doch etwas kraftlos.

Jean Seberg – Against All Enemies

Marie Curie – Elemente des Lebens

HIN UND WEG VOM GRÜNEN LEUCHTEN

5,5/10

 

MarieCurie2020© 2020 Studiocanal GmbH / Laurie Sparham

 

LAND: FRANKREICH, GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: MARJANE SATRAPI

CAST: ROSAMUNDE PIKE, SAM RILEY, ANEURIN BARNARD, ANYA TAYLOR-JOY, SIMON RUSSELL BEALE U. A. 

 

Biographien bekannter Persönlichkeiten können unterschiedlicher nicht betrachtet werden. Da gibt es die grundkonventionelle, chronologische Erzählweise von der Kindheit bis zum Tod. Das kann aber auch anhand einer einmaligen Episode aus dem Leben der beschriebenen Person gut funktionieren, meist aus der Sicht eines Außenstehenden (z.B. Life oder My Week with Marylin) und erzielt mit seinem Fokus auf diesen einen Moment einen viel stärkeren Impact. Kein Vergleich zu einer Biopic also, die das ganze Leben auswalzen will. So eine Vita kann aber auch nur assoziativ erzählt werden, aus Erinnerungen und Gefühlen bestehen. Regisseurin Marjane Satrapi versucht, letzteres mit ersterem zu kombinieren – und erliegt dabei einer recht scheuen Erzählweise, die ermüdend beginnt, gegen Ende aber glücklicherweise doch noch etwas an Fahrt aufnimmt.

Dabei liegt es natürlich nicht am nuancierten Spiel von Rosamunde Pike. Sie verleiht ihrer Interpretation der Physikerin und Chemikerin Marie Curie unterschiedliche Gemütsbilder von enthusiastischem Entdeckerdrang bis zur stillen, fast schon zynischen Resignation. Satrapi will sowohl von der wissenschaftshistorischen als auch von der privaten Figur der Marie Curie so gut wie alles wissen. Pike bemüht sich, dem gerecht zu werden. Wird manchmal, was etwas zu prätentiös wirkt, zur engelsgleichen Ikone hochstilisiert, dann wieder sind es die klassischen Elemente einer fast muffigen Halbdokumentation, wenn die gebürtige Polin gemeinsam mit ihrem Lebensmenschen Pierre Curie die beiden Elemente Radium und Polonium entdeckt. Das ist klassisches Schulfernsehen aus dem Archiv, so stellt man sich das natürlich vor. Satrapis Film ist somit gänzlich anders als jener der Französin Marie Noëlle aus dem Jahr 2016, der erst ansetzt, nachdem Ehemann Pierre Curie bei einem Kutschenunfall ums Leben kommt. Die uneheliche Liebschaft mit dem verheirateten Freund Paul Langevin und dem daraus resultierenden Shitstorm aus der Gesellschaft, ganz ohne Social Media, ist das eigentliche Thema ihres Films. Eine ausformulierte Betrachtung, die Curies preiswürdiges Schaffen nicht nochmal durchnimmt, sondern einen ganz anderen Aspekt, vor allem einen, der in Zeiten starken weiblichen Selbstbewusstseins relevant scheint, hervorarbeitet. Noëlles Film (siehe Marie Curie) ist zutiefst feministisch, einfach weil er den Fokus richtig setzt. Dieser Film hier ist fast schon zu allgemein.

Man merkt, Marjane Satrapi kommt aus dem Comic-Fach (Persepolis). Genauso wie Marie Curie fasziniert auch sie das grüne Leuchten des strahlenden Radiums – und Grün ist auch eine immer wiederkehrende Farbe in ihren Bildern. Wenn Comics schon so eine Art gezeichnete Filme sind, umso leichter dürfte ihr das Inszenieren von selbigen fallen, was aber hier nicht den Eindruck erweckt: Marie Curie – Elemente des Lebens (oder im Original einfach nur Radioactive) bleibt geschmackvolle Konvention, die erfrischende Innovationen vermissen lässt. So sehr Marie Curie auch inspiriert worden war durch all das Wirken der Chemie und den verborgenen Elementen – der Film selbst lässt sich davon kaum mitreißen. Leider sehr viel später erst beginnt Satrapi irgendwie aufzutauen, aus sich herauszugehen, liefert Sichtweisen in Bezug auf die Entdeckungen der Curies und verknüpft diese mit den historischen Eckpunkten zur Geschichte der Radioaktivität in Menschenhand – von Hiroshima bis Tschernobyl kann das Publikum in die vergangene Zukunft reisen und Einblick nehmen in ein ambivalentes Vermächtnis, das jeden von uns bereits längst tangiert hat. So wird Marie Curie doch noch zu einer greifbareren Gestalt, die bis in die Gegenwart hindurchwirkt.

Marie Curie – Elemente des Lebens

Edison – Ein Leben voller Licht

HELL IN DER BIRNE

5/10

 

DSC03764.ARW© 2020 Filmladen Filmverleih

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN, RUSSLAND 2017

REGIE: ALFONSO GOMEZ-REJON

CAST: BENEDICT CUMBERBATCH, MICHAEL SHANNON, TOM HOLLAND, NICHOLAS HOULT, KATHERINE WATERSTON, OLIVER POWELL, NANCY CRANE U. A.

 

Koryphäen der Wissenschaft – so könnte man den Trend rund um Geistesriesen des Industriezeitalters bezeichnen, welchen das Kino derzeit mit etwas mehr Nachdruck als sonst verfolgt. Marie Curie – Elemente des Lebens läuft derzeit auch in unseren Lichtspielhäusern, später dann soll noch Tesla mit Ethan Hawke folgen. Und das waren sicher nicht die letzten. Thomas Alva Edison war auch so ein Anstupser des menschlichen Fortschritts, einer mit ordentlich Grips in der Birne und mit ganz viel Licht in selbiger, allerdings auf dem Prinzip des Gleichstroms. Man braucht nicht glauben, dass zur damaligen Zeit nur Edison alleine der Heilsbringer für den technologischen Boom des Menschen war, da gab’s auch noch andere. Der eben erwähnte Futurist Nikola Tesla zum Beispiel, der allerlei Visionen hatte, und der Industrielle George Westinghouse, der das Prinzip der Glühbirne weiterführte, allerdings mit Wechselstrom hantierte und somit auch größere Gebiete der vereinigten Staaten mit Licht von der Leitung versorgen konnte. Edison sieht sich natürlich seiner Ideen beraubt und zieht gegen seinen Konkurrenten zu Felde – allerdings wird ihm das nicht viel bringen. Womit Edison im Eigentlichen zu Weltruhm gelangte, das sei seinem ausgeprägten Sinn für Marketing zu verdanken, und einem Hang zur Volksnähe, den all die anderen nie wirklich entwickeln konnten, am Allerwenigsten Tesla, ein blitzgescheiter, aber nerdiger schräger Kauz, der fast schon als Vorbild für Sheldon Cooper aus der Big Bang Theory gelten kann, zumindest was die Interpretation Nicholas Hoults in Alfonso Gomez-Rejons Film betrifft. Ihm gegenüber: Benedict Cumberbatch als derjenige, der bei Assoziativfragen zur Elektrizität womöglich als erster fällt: Thomas Alva Edison. Strenger Denker, ruheloser Erfinder, Superhirn, Geschäftsmann. Im privaten Schlepptau: zwei Kinder, eine Frau. Um Edison selbst handelt der Spielfilm, der bereits 2017 abgedreht wurde und aufgrund von Studiofusionierungen längere Zeit in der Schublade verschwand, nur peripher. Es ist die Geschichte eines Triumvirats von Amerikas technisch-utopischer Elite, die weder miteinander noch ohneeinander konnte.

Die frei nach geschichtlichen Eckpunkten zusammengetragene Dreifach-Biopic (obwohl Tesla entschieden zu kurz kommt, Westinghouse aber die meiste Spielzeit hat) will prinzipiell mal gar keine Studie über Edison himself sein – im Original trägt der Film den Titel The Current War. Kurz: der Stromkrieg – wofür Gomes-Rejon denn knallroten Teppich für die Creme de la Creme des Ausstattungskino ausrollt. Edison – Ein Leben voller Licht besticht weniger durch die reichlich trockene Angelegenheit von Industriegeschichte, sondern viel mehr durch einen üppigen Bilderreigen an Interieur und Kostümen. Mit krassen Weitwinkel-Takes, die an Terrence Malick oder Stanley Kubrick erinnern, fängt der Geschichtsfilm Popup-Bilder ein, die feines Schauvergnügen versprechen. Ein Who is Who namhafter Stars findet sich ebenfalls ein, um dem Stromkrieg ordentlich Volt zu verpassen. Die Energie allerdings macht sich aber maximal erst auf der quartalsmäßigen Stromrechnung bemerkbar. Das Schlammcatchen dreier Fachgenies fällt erstens viel handzahmer aus als gedacht, da kann man noch so viel dramaturgischen Füllstoff dazu erfinden, und zweitens sind die vielen Treffen fein gekleideter Herren in Fabriken, Salons und tapezierten Waggons irgendwann ermüdend. Cumberbatch variiert seinen Charakter nur selten, auch Michael Shannon bleibt ein geschmackvolles Gemälde inmitten der noblen Atmosphäre eines technischen Museums mit allerlei Dingen, die man zuhause nicht hat und für die man gerne in den öffentlichen Schauraum geht. Die interessanteste und auch relevanteste Anekdote ist wohl die über die Entstehung des elektrischen Stuhls als „humane“ Tötungsmethode. Sonst aber freut man sich im Nachhinein, seine Volkshochschulkenntnisse über Elektrotechnik nochmal aufgefrischt zu haben – viel mehr bleibt allerdings nicht.

Edison – Ein Leben voller Licht

Harriet – Der Weg in die Freiheit

FLUCHT NACH VORNE

5/10

 

HARRIET© 2019 Universal Pictures Germany

 

LAND: USA 2019

REGIE: KASI LEMMONS

CAST: CYNTHIA EVIRO, LESLIE ODOM JR., JOE ALWYN, CLARKE PETERS, JENNIFER NETTLES U. A. 

 

Letztens lief wieder mal Steven Spielbergs vielfach oscarnominiertes Südstaatendrama Die Farbe Lila im Free TV. Whoopie Goldberg war damals die Idealbesetzung, und hätte es damals in den 80ern schon die Idee gegeben, ein Biopic über Harriet Tubman zu produzieren, wäre sie natürlich ebenfalls erste Wahl gewesen. Gegenwärtig übernimmt solche Rollen wohl Cynthia Eviro. Ein breiteres Publikum kennt sie vielleicht aus Black Panther – die resolute Schildmaid aus Vakanda. Ich muss zugeben, diese Schauspielerin ist extrem wandelbar. Mit Harriet werden Eviro vermutlich noch mehr Türen ins Filmbiz geöffnet, da ihre schauspielerische Leistung in vorliegendem Historienfilm der Academy gar eine Oscarnominierung wert war. Sonst ist Harriet in kaum einer Weise preisverdächtig. Und das liegt natürlich nicht an der äußerst spannenden und ungewöhnlichen Episode aus dem Vorabend der Sezessionskriege. Eine Art Rebellion wird hier erzählt, der Sturm vor dem Hurrikan, der ein ganzes Land in den Ausnahmezustand versetzen wird. Eine Art Rogue One der schwarzen, versklavten Minderheit, angeführt von einer stolzen, freiheitsliebenden, patenten jungen Frau, die nicht weniger zu verlieren hätte als ihre wiedergewonnene Freiheit.

Kurze Zeit vor dem Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs: die damals noch nicht als Harriet in die Geschichte eingegangene junge Frau fristet ihr Dasein mitsamt Familie unter der Fuchtel eines strengen Großgrundbesitzers und Überbauern, der seine Sklaven selbstredend als Eigentum betrachtet. Die Möglichkeit einer Vermählung steht im Raum, doch der Sklaventreiber gibt die junge Frau nicht frei. Trotz Zugeständnis des Vorbesitzers gelten nun andere Regeln. Was für eine Schmach, was für eine untragbare Situation. Noch dazu soll Harriet neu verkauft werden, damit sie nicht auf dumme Gedanken kommt. Einziger Weg raus aus dem Schlamassel: die Flucht. Wie durch ein Wunder schafft sie es, sich über Hundert Meilen zu Fuß Richtung Norden durchzukämpfen. Kaum zu glauben, dieses Schicksal. Ob ihr fester Glaube an Gott, mit dem sie tatsächlich immer wieder Zwiesprache hält, geholfen hat? Oder all ihre Visionen? Zumindest sollen diese sie vor Schlimmerem bewahrt haben. Kein Fehler, wenn man diesem Umstand mit Skepsis begegnet. Der Heilsfigur Harriet gelänge hier fast schon eine kleine Apotheose. Doch warum nicht, für kultische Verehrung reichen die Fakten ohnehin schon. Wie viele Sklavinnen und Sklaven Harriet aus der Knechtschaft befreit hat, ist erstaunlich. Nicht umsonst trägt die resolute Dame den Decknamen Moses. Religion spielt also eine wichtige Rolle. Vielleicht ist da wirklich was dran?Jedenfalls hatte Harriet selbst schon eine Ahnung, was den Bürgerkrieg betraf. Dass die Nordstaaten gegen die Yankees siegen würden. Dass die Sklaverei alsbald der Geschichte angehören wird. Genau dieser Aspekt macht Harriet zu einem interessanten Prolog, zu einer wichtigen Vorgeschichte zum oft dokumentierten, dramatisierten und in Prosa gefassten Krieg der beiden Himmelsrichtungen Nord und Süd.

So faszinierend diese Chronik einer Nacht- und Nebel-Rebellion auch sein mag, so konservativ und manchmal uninspiriert lässt sich der Film darüber aus. Vieles erinnert an Twelve Years a Slave, zum Glück allerdings bleiben uns die blutigen Folterszenen aus Steve McQueens zermürbendem Leidensweg erspart. Die übrigen Komponenten haben fast schon etwas Westernhaftes, wenn Harriet mit breitkrempigem Hut und Revolver den gefährlichen Süden aufmischt. Eviro verleiht ihrer Figur sowohl Zerbrechlichkeit als auch eine zutiefst militante Attitüde. Unnahbar bleibt sie trotzdem, gleichsam entrückt und für ganz anderes bestimmt als das übrige Volk. Ein Moses eben, nur ohne Gesetzestafeln.

Im Grunde ist Harriet – Der Weg in die Freiheit ein recht simpel erzählter, fast schon volkstümlicher Film. Ein Umstand, oder gar eine Versuchung, dem Geschichtsfilme wie dieser sehr gerne erliegen, weil sie sich vielleicht zu sehr auf die Attraktivität der Fakten verlassen, ohne aber eine eigene künstlerische Handschrift einzubinden, eine persönliche Sicht der Dinge. Könnte gut sein, dass Geschichte nicht verfremdet werden soll, aber sagt das mal Quentin Tarantino. Harriet wird dadurch vielleicht auch etwas zu spröde, zu trocken. Eine Meinung fehlt, ansonsten bleibt es gespielte Dokumentation. Und das ist mir fürs Kino fast zu wenig.

Harriet – Der Weg in die Freiheit

Geheimnis eines Lebens

PATT FÜR DEN WELTFRIEDEN

4/10

 

geheimniseineslebens© 2019 eOne Germany

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: TREVOR NUNN

CAST: JUDI DENCH, SOPHIE COOKSON, TOM HUGHES, STEPHEN CAMPBELL MOORE U. A.

 

Da jätet man im Vorgarten sein Unkraut, und macht es sich sonst so im betagten Alter bequem, da holt einen plötzlich die Vergangenheit ein – und das mehrere Jahrzehnte später. So passiert bei Judy Dench im Film Geheimnis eines Lebens, oder wie im Original noch treffender: Red Joan. Warum dieses? Warum ist diese Joan eine rote? Rot, das sind die Sozialisten, und Rot ist auch der Kommunismus, und der war ein Dorn im Auge aller anderen Großmächte, nur nicht Russlands. Das, woran sich Joan Stanley erinnert, das ist die finstere Zeit des Wettrüstens, des Entwickelns und Ausbaus der verheerendsten Waffe der Menschheitsgeschichte: Der Atombombe.

Diese Joan Stanley aber, die hat es nie gegeben. Eine Person mit dem Namen Melita Norwood aber schon – und die hat genau das gemacht, was für Judy Dench Jahrzehnte später während eines gemütlichen Tages in der Pension wie ein Damoklesschwert plötzlich niederfährt. Um wegen Spionage ins Zuchthaus zu wandern, dafür ist man nie zu alt. Spione, das sind die Personas Non Grata schlechthin, auch wenn ihr Beweggrund dafür ein redlicher gewesen sein mag – oder einer, der den Weltfrieden gewährleistet hat, zumindest für einige Zeit. Aber Verräter ist Verräter, da geht’s laut Staat irgendwie ums Prinzip. Und die alte Joan Stanley aka Dench, die in einem auffallend devastierten Zustand und mit grabentiefem Faltenwurf da vor dem Verhörkommando sitzt, erzählt ihre Geschichte. Dumm nur, dass Regisseur Trevor Nunn für die junge Spionin Joan die Schauspielerin Sophie Cookson gecastet hat – die nämlich mit der Intensität ihrer Rolle nur sporadisch zurechtkommt. In den Anfangsszenen vielleicht, aber längst nicht mehr dann, wenn das Netzwerk von Spionage, Verrat und Übergabe so richtig ins Rollen kommt. Gut, nicht jeder Spion kann mit Mark Rylance besetzt werden, der in Spielbergs Bridge of Spies der absolut Richtige für diesen Job war. Oder mit Ulrich Mühe aus Das Leben der anderen. Weibliche Spione lassen sich mit Rylance aber leider nicht besetzen, und junge Spioninnen schon gar nicht. Cookson erreicht hier einfach nicht die Tiefe, die für diese Figur wünschenswert gewesen wäre. Und auch die Kompanie der männlichen Nebendarsteller, die sich um Cookson scharen, entwickeln kein Charisma, haben kaum eine Biografie. Das ganze Ensemble bedient sich grundsoliden Stereotypen, die schon hundertmal ihren Auftritt hatten, die aber im Grunde nicht so viel Schaden anrichten, um einen Film so richtig zu vermasseln.

Ganz vermasselt ist Geheimnis eines Lebens demnach eben nicht. Die Story mag schon interessant sein, die Prämisse dahinter, mit einer Pattsituation unter den Großmächten den Frieden zu sichern, indem die Pläne der Atombombe wie ein Wanderpokal an Russland weitergereicht werden, ist so radikal wie mutig und von einer frappanten Logik. Aber dennoch – Trevor Nunns Spielfilm (normalerweise ist der Mann Indendant der Shakespeare Company und im Theater zuhause) ist nicht mehr als ein zögerliches Fernsehfilmereignis als BBC-Bildungsauftrag, der wie ein Postit an jedem Kader des Films hängt. Warum darin Melita Norwood plötzlich anders heisst, kann mir auch keiner erklären, vielleicht hat das etwas mit Namensrechten zu tun, wer weiß. Nachkommen der britischen „Mata Hari“ gibt es ja. Doch das ist das geringste Problem. Ein Fall wie dieser hat filmtechnisch mehr Sorgsamkeit verdient. Und weniger das Prädikat eines uninspirierten Schulfernsehens, schauspielerisch wie inszenatorisch.

Geheimnis eines Lebens