The Florida Project

MARY POPPINS GIBT ES GAR NICHT

6/10

 

floridaproject© 2017 Thimfilm

 

LAND: USA 2017

REGIE: SEAN BAKER

MIT WILLEM DAFOE, BROOKLYNN PRINCE, BRIA VINAITE, CHRISTOPHER RIVERA U. A.

 

Die tropische Halbinsel im Süden der Vereinigten Staaten ist das Paradies wohlhabender Pensionisten, Abenteurer und Panzerechsen-Dompteure, Individualurlauber und Vergnügungssüchtige. Florida hat was. Zumindest habe ich selbst, als ich dort war, ein bisschen den Eindruck gewonnen, was dieser Bundesstaat für Vibes verteilt. Wie sehr massentaugliche Attraktionen reizverwöhntes Publikum um den Finger zu wickeln weiß. Befindet man sich vor den Toren Disneyworlds, kleben wie zuckersüße Geschwüre diverse Motels und Absteigen mit vielversprechenden Namen aus der Märchenwelt an der isolierenden Barrikade, die Mickey Mouse und Co im Schulterschluss rund um Disneys Märchenschloss bilden. Wenn noch nicht mittendrin, dann zumindest nur dabei. Und dann aber quietschbunt, exorbitant penetrant und das gefakte Schlaraffenland der unbegrenzten Möglichkeiten allen und jeden verkaufend, die hier durchziehen, Halt machen oder auch mal vorgekaute Träume schnuppern möchten. Dieses Disneyworld kann man lieben oder hassen. Dazwischen gibt’s womöglich kaum eine Grauzone. Mir reicht schon der Wiener Prater, da ist ein Wochenende zwischen Pappburgen, Junkfood und Erlebniswelten sicher die Gehirnwäsche pur.

Andere können sich davon nicht mal den Dreck unter Mickeys Fingernägel leisten. Sieht man etwas genauer hinter die schweinchenrosa Kulissen, findet man die am Rande der Existenz Gestrandeten in direkter Nachbarschaft zum Konsum- und Erlebnisrausch. Regisseur Sean Baker, der mit Tangerine L.A. 2015 erstmals einen Kinofilm ausschließlich mit dem Smartphone gedreht hat, erzählt die Geschichte eines sozialen Scheiterns aus der Sicht des Mädchens Moonie in Form eines scheinbar lose skizzierten Filmtagebuchs. Da fehlt nicht viel zur Reality-Doku, so unmittelbar und berührungsfreudig nähert sich Baker seinen dahinexistierenden Personen, die noch dazu allesamt von Laiendarstellern verkörpert werden. Mit Ausnahme von Hausverwalter Willem Dafoe, der als guter Geist mit sozialer Ader wie ein Erzähler aus dem Off versucht, Harmonie zu bewahren und es allen recht zu machen. Sternstunde des Schauspiels ist das keine, aber mit Engagement bei der Sache. Das sind auch die vielen Kinderdarsteller, die wiedermal ob ihres Könnens so ziemlich verblüffen. Dass die Emotionen der vagabundierenden Tafelklassler-Gang allesamt echt sind, vor allem die Tränen der kleinen Moonie, erfährt man spätestens gegen Ende des Filmes. Kinder können vor der Kamera echte Naturtalente sein. Diese Tatsache konnte ich schon bei Jeremy Miliker in Die beste aller Welten beobachten. Der Grundschüler hat in dem bemerkenswerten österreichischen Film alle Gefühlsregister seines Könnens gezogen. Das Salzburger Sozial- und Drogendrama hat überdies mit The Florida Project tatsächlich einiges gemeinsam. Und in einem Aspekt unterscheiden sie sich grundlegend: Beide Stichproben finden eine alleinerziehende Mutter mit ihrem Kind, hadernd mit dem Schicksal und sich mehr schlecht als recht durchs Leben schlagend. Nur – bei Die beste aller Welten hat Verena Altenberger den Willen, etwas Besseres aus ihrem und dem Leben ihres Kindes zu machen. In The Florida Project hat Mutter Haley die Nase voll von diktierten staatlichen Pflichten und denkt nicht mal daran, weder sich selbst noch das Kind aus dem Schlamassel zu ziehen. Mit illegalen Geschäften und Prostitution kratzt Haley die Miete für das Motel zusammen – für mehr reicht es kaum. Und ist es mal mehr, winkt der Kaufrausch. Dazwischen Lausbubenstreiche des unbeschäftigten Nachwuchses, der sich vergeblich nach Input sehnt und um welchen sich im Grunde keiner schert. Straßenkinder des Westens – ein trauriges Bild. Und das aufgrund der Ziellosigkeit, nicht aufgrund der Freiheit, alles sein und tun zu können. Die Grenzen sind die von Disneyworld, nicht die der Erziehung.

Sean Baker meint es unerhört gut. In seiner nüchternen Betrachtung des Alltags und der ungeschminkten Beobachtung erinnert The Florida Project an die Werke Ulrich Seidls. Grimmig ist das Ganze, und zum Verzweifeln nicht nur für Willem Dafoe. Doch irgendwann erreicht Baker einen Punkt, an dem seine Szenencollage redundant wird. Irgendwann ist alles auserzählt, irgendwann wiederholen sich die Tageszeiten, und mir wird klar, dass das tägliche Überleben natürlich längst weder spannend noch auf seine Weise beeindruckend geschweige denn erstrebenswert ist. Ich beginne die Tage zu zählen, an denen wirklich kaum etwas passiert. Die tägliche „Bon jour Tristesse“ wird maximal durch Brandstiftung aus der Monotonie gehoben. Und irgendwann kommt, was kommen muss.

The Florida Project hat im Grunde kaum eine Handlung, was meines Erachtens zu wenig für einen Spielfilm ist. Als experimentelles Projekt durchaus interessant, aber Baker will die Gesichter seiner Jungdarsteller so oft wie möglich zeigen, immer und immer wieder. Und bevor sein Film nicht mehr herzugeben scheint als ein Nachmittag im Hinterhof der Integrationssiedlung Schöpfwerk, setzt es in den letzten Minuten noch gehörig Dramatik, und so etwas Ähnliches wie eine Story kristallisiert sich rückwirkend aus der Improvisationsagenda der Aussichtslosigkeit. Was dann passiert, ist von schonungsloser, zynischer Bitterkeit – und schenkt The Florida Project doch noch das gewisse Etwas, das in Erinnerung bleibt.

The Florida Project

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