Blue Bayou

PAPA KOMMT NICHT WIEDER

5,5/10


bluebayou© 2021 Focus Features


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: JUSTIN CHON

CAST: JUSTIN CHON, ALICIA VIKANDER, SYDNEY KOWALSKE, MARK O’BRIEN, EMORY COHEN, LINH DAN PHAM, VONDIE CURTIS-HALL U. A. 

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


In jeder zweiten (was heißt jeder zweiten: geradezu in jeder) altersübergreifenden Produktion feiern US-Entertainment-Konzerne wie Disney die Einheit, den Zusammenhalt und den Wert der Institution Familie. Wenn Mama, Papa und der Nachwuchs füreinander in die Bresche springen, dann ist das das höchste Gut, keine Frage. Kann ich auch so unterschreiben. Blickt man in den Vereinigten Staaten aber vom Bildschirmrand etwas weiter weg und dahinter, ist es aus mit diesem Wertebewusstsein. Da ist Familie nur noch in einer einzigen Ausgestaltung annähernd so, wie Disney es immer kolportiert: weiß, uramerikanisch und gefühlt seit Jahrtausenden schon dort geboren. Wir wissen, dass dem nicht so ist. Alle Nicht-Natives blicken zurück auf eingewanderte Ahnen, das kann man drehen und wenden wie man will. Die Politik der Integration war damals aber vielleicht nur ein Blatt im Wind, nicht von Bedeutung. Heutzutage ist Integration etwas für den Rechenschieber, ein seelenloses und unmenschliches Regelwerk, dass den hochgelobten Familiensinn mit Füßen tritt. Justin Chon, selbst gebürtiger Südkoreaner und wohnhaft in den USA, hatte wohl Menschen an seiner Seite, die sich rechtzeitig darum gekümmert haben, dass der Bub auch die amerikanische Staatsbürgerschaft erhält. Mittlerweile wird ihm wohl nicht jenes Schicksal widerfahren, dass sein alternatives Ich in Gestalt von Antonio zu spüren bekommt. Wobei mit etwas mehr Besonnenheit im Alltag ein Drama wie dieses wohl nicht entstanden wäre. Oder aber: es wäre sowieso so weit gekommen – wenn nicht früher, dann später.

Dieser Antonio lebt als herzensguter Stiefvater und Partner von Alicia Vikander (selbst Schwedin, hier spielt sie aber eine waschechte Amerikanerin) in New Orleans und verdingt sich für einen müden Gewinn als Tätowierer. In naher Zukunft werden die Einnahmen bald nicht mehr reichen, denn Nachwuchs bahnt sich an. Es wäre schon alles unangenehm und entbehrlich genug, steht der leibliche Vater der kleinen Jessie permanent auf der Matte, was unheimlich nervt. Allerdings ist das sein gutes Recht, und als der Streifenpolizist die Mutter seiner Tochter in einem Supermarkt zur Rede stellen will, eskaliert die Lage. Antonio wird verhaftet – und zum Fall für die Fremdenpolizei.

Gesetze sind eine Sache – sie zu befolgen eine andere. Gesetze sind ein Kind ihrer Zeit und führen sich selbst manchmal ad absurdum, wenn ihr Wechselwirken bis zur letzten Konsequenz exekutiert wird. Gesetze wie dieses, das Einwanderer, die bereits mehrere Dekaden im Land gelebt haben, als ein nicht vollwertiges Mitglied der Gesellschaft ausweisen, schreien aber danach, reflektiert zu werden. Was in einem Land wie diesen aber nicht passiert. Justin Chon lässt sich selbst gegen Windmühlen kämpfen, und darüber hinaus auch noch gegen seinen eigenen Anstand. Dabei verknüpft er die vagen, traumartigen Kindheitserinnerungen des Einzelkämpfers mit einer Sehnsucht nach einem stillen Ort der Geborgenheit inmitten des Louisiana Bayou (langsam fließende Gewässer inmitten einer Sumpflandschaft). Die impressionistischen Bildstile eines Kim Ki Duk oder Tran Anh Hung könnten dafür Pate gestanden haben – sonst aber verlässt sich Chon auf eine unruhige visuelle Erzählweise in grobkörnigen Bildern, die das wehmütig-nachmittägliche Sonnenlicht wie auf verblichenen Polaroidfotos aus den Siebzigern wirken lassen. Weh- und schwermütig ist auch der ganze Film, doch in erster Linie nur für Alicia Vikander (die eine herzzerreißende Version von Roy Orbisons Songklassiker schmettert), der kleinen Jessie und Justin Chon.

Vielleicht liegt es am impulsiven Handeln des Protagonisten, welches dem Unglück, das hier noch folgen wird, einen anderen und besseren Ausweg verbaut. Das Schicksal einer entbehrungsreichen Kindheit ohne Wurzeln gewährt in Blue Bayou unbedachtem Handeln die Legitimation. Seltsamerweise erscheint es aber, als hätte Antonio nur mit halbem Herzen das getan, was notwendig gewesen wäre, um das Debakel eines verqueren Gesetzes auszubügeln. Vielleicht liegt es ja daran, dass Antonio Zeit seines Lebens gar nicht so genau weiß, wohin er schließlich gehört. Und das Schicksal, wie es auch ausfällt, wohl annehmen wird. Ein schmerzlicher Pragmatismus, der aber Distanz zum Film schafft.

Blue Bayou

The Last Shift

DER FLOH IM OHR

6,5/10


thelastshift© 2020 Sony Pictures


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: ANDREW COHN

CAST: RICHARD JENKINS, SHANE PAUL MCGHIE, ED O’NEILL, DA’VINE JOY RANDOLPH, ALLISON TOLMAN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


In Nightmare Alley von Guillermo del Toro wurde Richard Jenkins eben erst übers Ohr gehauen. Und zwar so richtig. Mit Gefühlen spielt man nämlich nicht, das ist unterste Schublade. Man setzt aber auch niemanden einen Floh ins Ohr, vor allem dann nicht, wenn dieser wieder zurückspringt und Konsequenzen Tür und Tor öffnet, die so nicht beabsichtigt waren. So eine Eigendynamik lässt sich in dem auf Netflix veröffentlichten (aber nicht produzierten) Independentstreifen The Last Shift beobachten. Und ja, mit Richard Jenkins, diesmal alles andere als der reiche Krösus wie in eingangs erwähntem Film, sondern als einer, der nach 38 Jahren des beruflichen Alltags in einer mehr oder weniger heruntergekommenen Fastfood-Filiale die Schirmkappe an den Nagel hängen will. Ab nach Florida, mit der pflegebedürftigen Mama. Zuvor jedoch muss Stanley, so Jenkins‘ naiv-redselige Figur, seinen Nachfolger einschulen. Der wiederum ist ein junger Afroamerikaner, vorbestraft wegen Denkmalschändung und aus dem Gefängnis entlassen. Jevon ist Familienvater und Freigeist, werden will er allerdings Schriftsteller. Er sieht, wie Stanley schuftet. Für nichts und wieder nichts. Weiß dabei einiges zu Arbeitsrecht und Ausbeutung zu sagen. Der alte Burger-Profi erkennt sich langsam als missbrauchtes Rädchen einer Geldmaschine, die den Arbeitswillen nicht schätzt. Ein Floh im Ohr, wie schon gesagt.

Und Jenkins schluckt als astreiner Loser und knapp am Sozialfall vorbeischrammender Fachidiot die bittere Pille. Manch einer wird dann zum Amokläufer wie Michael Douglas in Falling Down. Andere versuchen, sich auf andere Weise schadlos zu halten. In beiden Fällen merken die Gelegenheitsrebellen wohl kaum, dass sie andere unfreiwillig mitziehen – auch wenn der Drang nach sozialer Gerechtigkeit absolut nachvollziehbar scheint. Emmy-Preisträger Andrew Cohn hat die Ironie eines alltäglichen Schicksals zwischen Frittierfett, stinkenden Toiletten und gut gemeinten Ratschlägen wohlmeinender Mitbürger platziert – dabei liegt dem Autor kein aufbrausender Rundumschlag im Sinn wie ihn vielleicht Ken Loach austeilen würde, denn der äugt mit seinen Fallstudien stets den dunklen Abgrund hinab. The Last Shift erspäht diesen zwar, lässt seine vom Schicksal unbeschenkten Gestalten zu ihrem fragwürdigen Glück doch erstmal lieber feststecken. Es geht weder vor, noch zurück, es geht aber auch nicht weiter abwärts. Cohn schöpft Vertrauen in seine verirrten Idealisten. Belehrt sie lieber, und weist sie an, ihr Weltbild auf die jeweils mögliche Weise geradezurücken. Klar ist der Prozess ein düsterer, unbequemer. Bei Andrew Cohn aber auch einer, der mit leisem, subversivem Humor die ungesunden Schräglagen gelebten Sozialrechts ausmisst und mitunter auch die Ursachen bei jenen sucht, die übervorteilt wurden.

The Last Shift

The Unforgivable

MORD VERJÄHRT NIE

6/10


theunforgivable© 2021 Netflix


LAND / JAHR: USA, DEUTSCHLAND 2021

REGIE: NORA FINGSCHEIDT

CAST: SANDRA BULLOCK, AISLING FRANCIOSI, VINCENT D’ONOFRIO, VIOLA DAVIS, JON BERNTHAL, ROB MORGAN, RICHARD THOMAS, LINDA EDMOND U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Vor zwei Jahren hat uns die rabiate Helena Zengel im deutschen Sozial- und Erziehungsdrama Systemsprenger die Ohren vollgeschrien. Mittlerweile ist das talentierte Mädchen schon mit Tom Hanks im Wilden Westen gewesen. Bin schon neugierig, wo es sie das nächste Mal hin verschlägt. Und ob auch Rollen abseits der verhaltensauffälligen Minderjährigen interessant wären. Nora Fingscheidt, die Regisseurin hinter Systemsprenger, hat den Schritt nach Übersee ebenfalls gemacht. Um einen Film mit Sandra Bullock zu drehen. Tom Hanks, Sandra Bullock. Könnte sein, dass das ganz große Business die neue Spielwiese wird. Muss es aber nicht, wie man zum Beispiel an Stefan Ruzowitzky sieht. Der dreht wieder lieber in Europa. Auch sehr schön – und ganz sicher auch kreativer.

In The Unforgivable bleibt Nora Fingscheidt allerdings jenem Genre treu, mit welchem sie von sich reden machte: dem Sozialdrama. Das kann sie gut, das merkt man. Doch Fingscheidt war für den Film nur zweite Wahl. Überhaupt hätte Christopher McQuarrie Regie führen sollen, mit Angelina Jolie in der Hauptrolle. Es ist anders gekommen – glücklicherweise. Denn bei Angeline Jolie hätte man nie so genau gewusst, ob sie selbst mit der Tragödie des Films hadert oder ihre Filmfigur. Zuviel Glamour stört leider auch die Authentizität. Bullock kennen wir zwar auch alle, doch die hat ein deutlich variantenreicheres Spektrum zu bieten, was Schauspiel angeht. Und Fingscheidt? Der Sozialfall, der nicht in die Norm passt, ist zwar nicht so systemsprengend und unbezwingbar wie Helena Zengel, hat aber dennoch genauso die Arschkarte gezogen. Der größte Unterschied: Während man sich beim wütenden Mädel die Zähne ausgebissen hat, beißt Sandra Bullock ihre Zähne an ihrer Umwelt aus. Beides nicht schön. Mit anderen Worten: einmal Mörder – immer Mörder.

Damit muss also Sandra Bullock alias Ruth Slater nach 20 Jahren Frauengefängnis klarkommen. Auf ihr Konto geht der Mord an einen Sheriff. Die Sünden sind offiziell zwar abgebüßt, als Copkiller ist man aber generell Persona non Grata. Aber irgendwie muss es ja weitergehen. Und irgendwie muss auch das letzte bisschen Familie wiedergefunden werden – die kleine Schwester Katie, die Ruth mit fünf Jahren zuletzt gesehen hat. Das wäre zwar alles mühsam, aber machbar gewesen, gäbe es nicht noch die Söhne des ermordeten Polizisten, die Rache üben wollen.

Mit The Unforgivable, der Verfilmung einer Fernsehserie namens Unforgiven, lässt Netflix kein Drama ungelebt. Das Tragische und all die Entbehrungen lassen sich außerdem von Sandra Bullocks verlebtem Konterfei wunderbar ablesen. Make Up-Artists haben hier alles Stücke gespielt – und sogar noch mehr: mit verbissener Leidensmine und einem kurz vor der Explosion stehendem Grant, fest verankert im Mimischen, schleppt sich Bullock von einer Entbehrung zur nächsten. Reue, Desillusion, etwas Resignation und schreckhaftes Sozialverhalten ergeben in Summe das, was die Oscarpreisträgerin darstellt. Ein durchaus durchdachtes, vielleicht etwas zu grimmiges Bild in schier endlosen Grautönen. Was ihr aber fulminant gelingt, ist, im Laufe der Geschichte langsam, aber doch, auf plausible Weise aufzutauen. Da erkennt man wieder, was Bullock wirklich kann. Und es sind Momente, die zu ihren besten zählen.

Womit der Film allerdings nicht oder nur schwer zurechtkommt, ist die Rache-Komponente der um ihren Vater geprellten Brüder. Das will dann doch so gar nicht überzeugen, und ist dann auch deutlich zu viel des Guten, obwohl ich zugeben muss, dass dieses Fragment des Dramas als pushender Baustein dem Script ganz nette Wendungen verpasst. Fast möchte man meinen, hier einem Film von Susanne Bier beizuwohnen, so komplex darf es mitunter sein, während all die Figuren im Ausgleich dazu so sang und klanglos davongehen, wie sie gekommen sind. Der Fokus bleibt auf Sandra Bullock und ihrer Schwester (Aisling Franciosi, großartig in The Nightingale) als familiäre Wertekonstanten in einer von austauschbaren Randfiguren bevölkerten Welt.

The Unforgivable

Ein Becken voller Männer

NACH DEM SCHEITERN IST VOR DEM ERFOLG

6,5/10

 

EIN BECKEN VOLLER MƒNNER© 2019 Constantin Film

 

ORIGINAL: LE GRAND BAIN

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: GILLES LELLOUCHE

CAST: MATTHIEU AMALRIC, BENOIT POELVORDE, GUILLAUME CANET, JEAN-HUGHES ANGLADE, VIRGINIE EFIRA U. A.

 

Sport ist die beste Medizin! Vor allem gegen psychische Erkrankungen wie Panikattacken oder Depression. Schwimmen eignet sich dafür am besten, also meiner Meinung nach. Beim Schwimmen taucht man in ein ganz anderes Medium ein, das hilft sehr gut, den Alltag zu relativieren, in dem man manchmal so richtig feststeckt. So geht’s zumindest dem unter schweren Depressionen leidenden Familienvater Bertrand, seit zwei Jahren schon arbeitsunfähig, zum Leidwesen von Frau und Kind. Beim Nachwuchs-Schwimmkurs wird die arme Seele allerdings auf eine Anzeige am schwarzen Brett aufmerksam – eine etwas ungewöhnliche sozusagen, nämlich eine für männliches Synchronschwimmen. Warum nicht, denkt sich Bertrand, und wird kurze Zeit später Teil eines wild zusammengewürfelten Teams aus Männern, die mehr oder weniger ihr Lebensziel verpeilt oder von höheren Mächten in die Schranken gewiesen wurden. Mit anderen Worten: Verlierer, die es verhältnismäßig schwer haben. Die sich im Wasser aber ungleich leichter fühlen. Ihre Trainerin: eine Frau, die selbst so ihre Probleme hat, und nicht anders dran ist als die Handvoll Typen, die mit Badehaube und Waschbärbauch im Laufe ihres Trainings so ziemlich alles umdenken, woran sie bisher gescheitert sind.

Das Scheitern wird in Gille Lellouches liebevoller Tragikomödie zur riesengroßen Chance, einen Neuanfang zu wagen oder sich umzuorientieren. Träume aufzugeben und Alternativen zu suchen. Nicht alle Schwimmer in Ein Becken voller Männer sind Verlierer, natürlich nicht. Einige von ihnen bekommen allerdings keinen biographischen Steckbrief verpasst, im Mittelpunkt stehen eher die Stars des französischen Kinos wie Benoit Poelvoorde, Guillaume Canet oder Mathieu Amalric. Jeder von ihnen scheitert anders, aus Selbstversschulden, Kränkung oder Krankheit. Das, was sie probiert haben, gelingt nicht. Wobei sich die Frage stellt: sollte man weiter an seinen Träumen festhalten oder andere suchen? Beharrlich bleiben oder aufgeben? Ein Becken voller Männer zelebriert den „Plan B“ als eine Erkenntnis, sich fürs eigene Versagen nicht schämen zu müssen. Der Plot des Films erinnert unweigerlich an Peter Cattaneos Striptease-Sozialkomödie Ganz der gar nicht aus dem Jahr 1997, wobei hier Arbeitslosigkeit und finanzielle Bedürftigkeit mehr im Vordergrund steht als die Unfähigkeit, etwas Nachhaltiges zu vollbringen. Da wie dort ist die (vorläufige) Lösung der vordergründigen Probleme etwas, das auf homöopathischem Wege anfangs alles nur noch schlimmer macht, bevor irgendetwas besser wird. Ob Männer-Strip oder maskulines Synchronschwimmen – beides erzeugt gesellschaftliche Irritation, und beschwört ein dem Happy End-Kino inhärentes gruppendynamisches Einsehen herauf. Schön wär’s, wenn es tatsächlich so wäre. Und in Lellouches Realkomödie ist die Welt trotz aller Unzulänglichkeiten und zähneknirschenden Entbehrungen eine letzten Endes heile, die zum Schluss kommt, dass nur präsentierte Leistung etwas ist, worauf man stolz sein kann. Und nicht einfach nur das eigene schräge Ich, das am Mainstream scheitert.

Lellouche bekommt allerdings noch die Kurve – er verbucht die Erfolgsgenese seiner kleinen Helden nur für sie selbst. für niemanden sonst. Und das macht den Film dann doch sehenswert, auf befreiende Art idealistisch und mit sich selbst im Reinen.

Ein Becken voller Männer

Can you ever forgive me?

FAKE IT OUT!

6/10

 

CAN YOU EVER FORGIVE ME© 2018 Twentieth Century Fox Film Corporation All Rights Reserved

 

LAND: USA 2018

REGIE: MARIELLE HELLER

CAST: MELISSA MCCARTHY, RICHARD E. GRANT, MARC EVAN JACKSON, BEN FALCONE U. A.

 

Würde ich Melissa McCarthy treffen, würde ich womöglich erkennen, dass sie gar nicht so viel anders ist als in ihren Komödien. Womöglich spricht sie, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Sagt was sie denkt, lässt sich nicht gängeln, dafür aber gerne provozieren. Und kann sicher auch ordentlich keifen. Filmemacher Ben Falcone, ihr Mann, hat das ideale Händchen für die Dame – ob das, was dabei herauskommt, anderen gefällt, ist ambivalent. In den USA kommt McCarthy ausnehmend gut an. Ihr derbes Auftreten unterhält die breite Masse – hierzulande finden wohl deutlich weniger Leute ihre ulkigen Eskapaden entsprechend witzig. Das liegt aber auch an den Filmen, die ihr an den Leib geschneidert werden. Wie hieß noch gleich diese Krimikomödie, wo sich die mollige Lady eine Einkaufstüte über den Kopf zieht? Tammy – eigentlich ein zweifelhaftes Vergnügen, wie all die anderen flapsigen Komödien unter der Fuchtel ihres Gatten. Und den Muppets-Sexkrimi The Happytime Murders habe ich mir gleich ganz verkniffen, laut den Unkenrufen diverser Rezensenten eine gute Entscheidung.

Nach all diesem Einheitsbrei klamaukiger Eskapaden war es für die von all dieser Routine gelangweilte Wuchtbrumme wohl an der Zeit, sich selbst zu beweisen, dass es auch anders gehen kann. Dass nicht nur schmissige Oneliner und slapstickhafter Overkill die einzigen Skills sind, die McCarthy beherrscht. Da gibt es doch noch die Nische mit den anspruchsvollen Rollen, die, wenn es sich anbietet, sogar noch auf wahren Begebenheiten beruhen. Mal ausprobieren! Was soll schon schiefgehen bei einem Film wie diesen, den das Leben schrieb, das wieder einmal für die kuriosesten Geschichten sorgt, die drehbuchtechnisch überhaupt verfasst werden können.

Can you ever forgive me? ist erstens die Verfilmung eines Bestsellers, und zweitens die Chronik eines meisterhaften Verbrechens. Und damit meine ich nicht das edelmütige Kavaliersvergehen wie der Diebstahl edler Artefakte, das die Oceans-Clique in diversen Hochglanzmovies verharmlost haben. Damit meine ich die Kunst des Fälschens und Feilschens. Wer kommt schon auf die Idee, die Korrespondenz von Marlene Dietrich, Noël Coward oder Dorothy Parker um einige knackig formulierte Statements zu erweitern? Wenn die wüssten, was ihnen in den Mund gelegt wurde. Womöglich hätten sie sich amüsiert gezeigt. Und hätten gestaunt, wie viel Kohle so ein Stück Papier, geschrieben auf diversen alten Schreibmaschinen und auf brüchig getrimmt, in Sammlerkreisen eigentlich machen kann. Rein durch Zufall kommt die erfolglose Biographin Lee Israel, die ihre Miete nicht mehr zahlen kann und eben fristlos entlassen wurde, weil sie eben spricht, wie ihr der Schnabel gewachsen ist, auf diese moralisch fragwürdige Idee, alle Welt hinters Leselicht zu führen. Doch es ist eine Idee, die, wenn es jemand realisieren kann, relativ schnell zu reichem Ertrag führt. Und wo die Gelegenheit Diebe macht, sind manche davon auch Fälscher. Wie Lee Israel eben, aneckende Außenseiterin mit Köpfchen, die gemeinsam mit dem schwulen Lebenskünstler Jack die Sache mit den Fake-Briefen zum flächendeckenden Geschäft werden lässt.

Was Lee Israel während ihrer selbst bezeichneten „schönsten Zeit ihres Lebens“ eigentlich noch nicht wusste, ist, dass diese der Stoff für ihren späteren Durchbruch werden wird. Mit Can you ever forgive me? landete die Journalistin einen Bestseller. Ihre kriminelle Ära hat sich also im Nachhinein nochmal bezahlt gemacht. Marielle Heller (The Diary of a Teenage Girl) hat Melissa McCarthy eine Frisur Marke Vetter It verpasst, die gute Frau in relativ geschmacklose Sackkleidung gesteckt und zwischen resignierendem Trotz und resoluter Improvisation fahrig umherirren lassen. Keine Frage, die bislang genrefixierte Komödiantin macht ihre Sache gut, und in ernsten Rollen wie dieser hat sie eindeutig mehr Charisma als in ihren sonst üblichen kurzlebigen Zerrbildern emanzipierter Aufmüpfigkeit. Zu sehen, mit welcher Hingabe ihre Version der Lee Israel die Tuchent der Moral dehnt, streckt und wendet, und damit aus dem Schatten ihrer eigenen Existenzangst tritt, entbehrt nicht einer gewissen verschwörerischen Sympathie, so misanthropisch die Betrügerin auch sein mag. Ihr bis ins Detail durchdachtes Konzept der Fälschung erinnert an Dr. Fritz Knobel und dessen Hitler-Tagebücher, den Uwe Ochsenknecht in Helmut Dietls Schtonk! so süffisant verkörpert hat. Nur was in Schtonk! noch die Satire einer True Story war, gerät in Can you ever forgive me? zur trottoirschlendernden, relativ schmucklosen Dramödie zwischen Buchhandlung und Zinshaus und kämpft oft mit der Zugkraft seines Plots. Dann ist der in graubraunen Straßenstaub getauchte Film ungefähr so spannend wie das Abstauben antiquarischer Ladenhüter. Dazu stiehlt Schauspielkollege Richard E. Grant McCarthy fast schon die Show – mit seinem windigen, exaltierten Auftreten als drogenvertickender, charmanter Taugenichts zeichnet er den realen Charakter des Jack Hock detailverliebt nach. Da wirkt unsere – so wie Grant – für den Oscar nominierte Hauptdarstellerin zwischendurch manchmal von der Ambition, ihrer Rolle gerecht zu werden, sichtlich überfordert. Möglich aber, dass das Lügen und Betrügen so sehr an den Neven zerrt, dass alle Beteiligten am Ende froh sind, wenn alles ans Licht kommt. Dass die gefälschten Briefe aber irgendwann mal mindestens genauso viel wert sein werden wie die Originale der Künstler, wage ich vorsichtig zu prophezeien. Und damit meine ich ganz besonders Dorothy Parkers Brief aus dem Jenseits.

Can you ever forgive me?

The Equalizer 2

EIN STURM ZIEHT AUF

6/10

 

Equalizer 2© 2018 Sony Pictures Entertainment GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: ANTOINE FUQUA

CAST: DENZEL WASHINGTON, PEDRO PASCAL, BILL PULLMAN, MELISSA LEO U. A.

 

Er kocht, sinniert, liest Marcel Proust und hilft jugendlichen Sozialfällen auf den richtigen Weg. Fährt als diskreter Chauffeur betagte jüdische Immigranten durch die Gegend und auch sonst alle möglichen Leute, die mit sich selbst zu hadern haben. Er redet nicht viel, und wenn, dann muss es etwas Bedeutsames sein. Alles andere sind Gedanken, und Gedanken sieht man nicht, genauso wenig wie den eigenbrötlerischen Mann im dunklen Hemd und Mütze, der gar nicht auffallen will. Denn wenn er auffällt, ist es für die, die ihn zu spät bemerken, das letzte, was sie sehen.

Denzel Washington schlüpft zum zweiten Mal in die Rolle des Ex-Eliteagenten Robert McCall, der es sich besser als Jason Bourne gerichtet hat, indem er gestorben und so aus dem Sucher potenzieller Gegner verschwunden ist. Nur die wenigsten wissen von seiner zweiten Existenz. Die ist aber ein unbefriedigendes Vakuum zwischen Trauer, innerer Einkehr und dem Drang, das ungerechte Böse zu bekämpfen, egal wo es aufschlägt. Robert McCall, der Equalizer, ist brutal, scheinbar unbarmherzig und macht keine Gefangenen. Die blutigen Spuren, die er hinterlässt, sind die eines Todesengels. So wäre womöglich Death Wish der bessere Titel für Antoine Fuqua´s Kino-Adaption der gleichnamigen TV-Serie gewesen. An dem schon längst bewährten Duo Washington/Fuqua hätte sich Eli Roth für seine Neuauflage des Mannes, der rot sieht, einiges abschauen können. Hat er aber nicht – entsprechend misslungen ist sein Film geworden. Das lag mitunter am lustlosen Spiel von Bruce Willis, aber auch an der unschlüssigen Psychologie seiner Filmfigur. Da braucht es eben Leute wie Denzel Washington und eine astreine Zeichnung der Figur, die da meucheln und morden soll, alles für einen gute Sache wohlgemerkt, und für mehr Gerechtigkeit und Frieden in der Welt.

Der zweifache Oscar-Preisträger legt auch in dieses reißerische Thriller-Outfit seiner Figur alles hinein, was er schauspieltechnisch draufhat. Sein Aufenthalt unter den Top 10 meiner bevorzugtesten Schauspieler hat sich nach The Equalizer 2 wieder einmal positiv bestätigt. Washington spielt und changiert seinen Charakter gefährlich unaufgeregt bis an die Grenzen aufrechter Selbstgefälligkeit, das aber so überzeugend, dass ich diesem Robert McCall niemals auch nur im Traum widersprechen würde. Der ritterliche Assassine hat Charisma, ist von einnehmender, gar niederdrückender Dominanz. Eine erhabene Ikone, intellektuell und von einer gnadenlos konsequenten Läuterungsphilosophie belehrt. Wie ein Inquisitor gegen das Verbrechen bleibt die Folter allerdings außen vor, um sofort mit der Hinrichtung zu beginnen. Das mag natürlich einem Rechtsstaat widersprechen, das mag auch das Spektrum überlegter Konfliktlösungsalternativen ziemlich einschränken – die Gewalt selbst aber, die relativ drastisch über das Publikum hereinbricht, verbleibt als Notlösung gegenüber einer dunklen Seite, die den Dialog als Alternative ausschließen wird.

The Equalizer 2 ist ein herbstkalter, brutaler Thriller geworden – regennass, stürmisch und düster. Rauhkehlig wie beim Abgang eines Hochprozentigen, wolkenverhangen und lakonisch wie ein zynischer Independentwestern. Inspiriert von diesem Genre konzentriert sich Regisseur Antoine Fuqua auf das Offensichtliche, ohne das Warum und Wieso seiner Geschichte näher zu erläutern. Es reicht, wenn in Europa Killer ihr Unwesen treiben. Und ehrlich gesagt, wer braucht schon das Konstrukt einer austauschbaren Backgroundstory, angesichts der Tatsache, dass es niemanden wirklich interessiert, geht es doch hier nur um das Lindern sichtbarer Symptome, gemäß einer Aspirintablette an Kopfwehtagen, vor allem wenn ein Sturm aufzieht, da muss so manche Wetterfühligkeit gar nicht erst ausgiebig ergründet werden.

Diesen ausgewachsenen Sturm, und zwar ein wie es scheint tatsächliches Unwetter, nutzt Fuqua geschickt für sein Grande Finale. Zwischen wildgewordenen Wogen und klappernden Lattenzäunen irgendwo im verdammten Nirgendwo nahe Boston geht’s ans blutige Eingemachte. Da erinnert Washington´s Figur an Jean Reno in Leon – der Profi. Wie ein xenomorphes Monster, das nirgendwo und überall zugleich ist. Die beste Szene in einem Film, der sich anfangs etwas schwertut, seine Ansprüche umzusetzen, trotz eines stetig herannahenden Unwetters als schwelende Kulisse des Unbehagens. Das Ganze gerät etwas zu lang, zu zerstückelt der Alltag des rechtschaffenen Killers, zu halbherzig und entbehrlich die Episoden sozialen Bemühens. Auch ist die Figur des Robert McCall zu unerschütterlich, zu unantastbar, und dadurch vielleicht auch auf die Dauer zu langweilig. Zweifel in seinem Tun, die Schwermut in seiner Existenz hätte durchaus mehr Dämonen in seinem Leben vertragen, die den Equalizer vielleicht etwas angreifbarer und lebendiger gemacht hätten, so wie Joaquin Phoenix im vollendeten Thrillerkunstwerk A Beautiful Day. Im Vergleich dazu bleibt The Equalizer 2 zwar knochenhartes und spannendes, aber plakatives Rachekino, dass seinem Hauptdarsteller zu Füßen liegt.

The Equalizer 2

The Florida Project

MARY POPPINS GIBT ES GAR NICHT

6/10

 

floridaproject© 2017 Thimfilm

 

LAND: USA 2017

REGIE: SEAN BAKER

MIT WILLEM DAFOE, BROOKLYNN PRINCE, BRIA VINAITE, CHRISTOPHER RIVERA U. A.

 

Die tropische Halbinsel im Süden der Vereinigten Staaten ist das Paradies wohlhabender Pensionisten, Abenteurer und Panzerechsen-Dompteure, Individualurlauber und Vergnügungssüchtige. Florida hat was. Zumindest habe ich selbst, als ich dort war, ein bisschen den Eindruck gewonnen, was dieser Bundesstaat für Vibes verteilt. Wie sehr massentaugliche Attraktionen reizverwöhntes Publikum um den Finger zu wickeln weiß. Befindet man sich vor den Toren Disneyworlds, kleben wie zuckersüße Geschwüre diverse Motels und Absteigen mit vielversprechenden Namen aus der Märchenwelt an der isolierenden Barrikade, die Mickey Mouse und Co im Schulterschluss rund um Disneys Märchenschloss bilden. Wenn noch nicht mittendrin, dann zumindest nur dabei. Und dann aber quietschbunt, exorbitant penetrant und das gefakte Schlaraffenland der unbegrenzten Möglichkeiten allen und jeden verkaufend, die hier durchziehen, Halt machen oder auch mal vorgekaute Träume schnuppern möchten. Dieses Disneyworld kann man lieben oder hassen. Dazwischen gibt’s womöglich kaum eine Grauzone. Mir reicht schon der Wiener Prater, da ist ein Wochenende zwischen Pappburgen, Junkfood und Erlebniswelten sicher die Gehirnwäsche pur.

Andere können sich davon nicht mal den Dreck unter Mickeys Fingernägel leisten. Sieht man etwas genauer hinter die schweinchenrosa Kulissen, findet man die am Rande der Existenz Gestrandeten in direkter Nachbarschaft zum Konsum- und Erlebnisrausch. Regisseur Sean Baker, der mit Tangerine L.A. 2015 erstmals einen Kinofilm ausschließlich mit dem Smartphone gedreht hat, erzählt die Geschichte eines sozialen Scheiterns aus der Sicht des Mädchens Moonie in Form eines scheinbar lose skizzierten Filmtagebuchs. Da fehlt nicht viel zur Reality-Doku, so unmittelbar und berührungsfreudig nähert sich Baker seinen dahinexistierenden Personen, die noch dazu allesamt von Laiendarstellern verkörpert werden. Mit Ausnahme von Hausverwalter Willem Dafoe, der als guter Geist mit sozialer Ader wie ein Erzähler aus dem Off versucht, Harmonie zu bewahren und es allen recht zu machen. Sternstunde des Schauspiels ist das keine, aber mit Engagement bei der Sache. Das sind auch die vielen Kinderdarsteller, die wiedermal ob ihres Könnens so ziemlich verblüffen. Dass die Emotionen der vagabundierenden Tafelklassler-Gang allesamt echt sind, vor allem die Tränen der kleinen Moonie, erfährt man spätestens gegen Ende des Filmes. Kinder können vor der Kamera echte Naturtalente sein. Diese Tatsache konnte ich schon bei Jeremy Miliker in Die beste aller Welten beobachten. Der Grundschüler hat in dem bemerkenswerten österreichischen Film alle Gefühlsregister seines Könnens gezogen. Das Salzburger Sozial- und Drogendrama hat überdies mit The Florida Project tatsächlich einiges gemeinsam. Und in einem Aspekt unterscheiden sie sich grundlegend: Beide Stichproben finden eine alleinerziehende Mutter mit ihrem Kind, hadernd mit dem Schicksal und sich mehr schlecht als recht durchs Leben schlagend. Nur – bei Die beste aller Welten hat Verena Altenberger den Willen, etwas Besseres aus ihrem und dem Leben ihres Kindes zu machen. In The Florida Project hat Mutter Haley die Nase voll von diktierten staatlichen Pflichten und denkt nicht mal daran, weder sich selbst noch das Kind aus dem Schlamassel zu ziehen. Mit illegalen Geschäften und Prostitution kratzt Haley die Miete für das Motel zusammen – für mehr reicht es kaum. Und ist es mal mehr, winkt der Kaufrausch. Dazwischen Lausbubenstreiche des unbeschäftigten Nachwuchses, der sich vergeblich nach Input sehnt und um welchen sich im Grunde keiner schert. Straßenkinder des Westens – ein trauriges Bild. Und das aufgrund der Ziellosigkeit, nicht aufgrund der Freiheit, alles sein und tun zu können. Die Grenzen sind die von Disneyworld, nicht die der Erziehung.

Sean Baker meint es unerhört gut. In seiner nüchternen Betrachtung des Alltags und der ungeschminkten Beobachtung erinnert The Florida Project an die Werke Ulrich Seidls. Grimmig ist das Ganze, und zum Verzweifeln nicht nur für Willem Dafoe. Doch irgendwann erreicht Baker einen Punkt, an dem seine Szenencollage redundant wird. Irgendwann ist alles auserzählt, irgendwann wiederholen sich die Tageszeiten, und mir wird klar, dass das tägliche Überleben natürlich längst weder spannend noch auf seine Weise beeindruckend geschweige denn erstrebenswert ist. Ich beginne die Tage zu zählen, an denen wirklich kaum etwas passiert. Die tägliche „Bon jour Tristesse“ wird maximal durch Brandstiftung aus der Monotonie gehoben. Und irgendwann kommt, was kommen muss.

The Florida Project hat im Grunde kaum eine Handlung, was meines Erachtens zu wenig für einen Spielfilm ist. Als experimentelles Projekt durchaus interessant, aber Baker will die Gesichter seiner Jungdarsteller so oft wie möglich zeigen, immer und immer wieder. Und bevor sein Film nicht mehr herzugeben scheint als ein Nachmittag im Hinterhof der Integrationssiedlung Schöpfwerk, setzt es in den letzten Minuten noch gehörig Dramatik, und so etwas Ähnliches wie eine Story kristallisiert sich rückwirkend aus der Improvisationsagenda der Aussichtslosigkeit. Was dann passiert, ist von schonungsloser, zynischer Bitterkeit – und schenkt The Florida Project doch noch das gewisse Etwas, das in Erinnerung bleibt.

The Florida Project

Hell or High Water

DIE RÜCKKEHR DES NEW HOLLYWOOD

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hellorhighwater

Es war ungefähr gegen Ende der Sechziger – eine Gruppe junger, aufstrebender Filmkünstler erteilten dem starren Korsett vorangegangener Kinojahrzehnte eine Absage. Angeregt durch die in Frankreich um sich greifende Ära der Nouvelle Vague mit Vorreiter Francois Truffaut, der mit dem urbanen Thriller Außer Atem den Grundstein für einen Paradigmenwechsel gelegt hat, scharten sich die jungen Wilden, wie sie genannt wurden, um den Regiestuhl und gingen darauffolgend mit ihren Werken in die Filmgeschichte ein. Zu diesen jungen Wilden gehörten Steven Spielberg, George Lucas, Stanley Kubrick, Martin Scorsese, Francis Ford Coppola, Sidney Lumet, um nur eine Handvoll zu erwähnen. Natürlich, einige von Ihnen sind mittlerweile im Blockbusterkino gelandet. Andere widmen sich nur mehr sehr persönlichen Themen, die sie ungeachtet irgendeines zu erwartenden Einspielergebnisses selbst produzieren können. Doch damals war aller Anfang neu, ungestüm und unbequem. Und vor allem eines – er zeigte das Bild eines Amerika, wie es im Grunde niemand sehen wollte. Frei von Illusionen, fern vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Das soziale Ungleichgewicht, das Versinken der amerikanischen Mittelschicht in der Armut, die Verzweiflung und die Lust, auszusteigen und dem System den Rücken zu kehren. Es waren Bilder, die ein Land im Niedergang und gleichzeitig aber auch im Umbruch zeigten. Revolutionäre des Films widmeten sich der kleinen Revolution, der aufmüpfigen Anarchie, die imstande war, aufzuzeigen, das irgendetwas verdammt falsch läuft. 

Jetzt, nach der Amtszeit Barack Obamas, der Finanzkrise 2008 und dem schwindenden Licht der neuen Regierungszeit unter Donald Trump kommen wieder Themen auf den Spielplan, die so gar nicht optimistisch in die Zukunft blicken. Der britische Künstler David Mackenzie (Young Adam, Hallam Foe) lässt in seinem sozialkritischen Neo-Western einen alternden Jeff Bridges mit Hang zur Selbstparodie einem kriminellen Brüderpaar hinterherjagen. Mackenzie schafft es sogar, mit seinem Werk in den Olymp der Oscar-Nominierten für den besten Film des Jahres 2017 einzuziehen. Ein Geheimtipp, der das große Rennen womöglich nicht gewinnen wird, sich aber wie ein Zugeständnis für die Rückkehr des New Hollywood anfühlt. So ähnlich, und mit unverhohlener Liebe zum Genre des nihilistischen Spätwestern, dirigiert Mackenzie einen sehr stimmigen Abgesang auf die Ideale aus einer Zeit, in der Revolverhelden und Outlaws zu Antihelden verklärt wurden. Diese kämpfende Klasse aber, reduziert auf ihr kriminelles Tun, hat an Beliebtheit verloren. Obwohl Mackenzie vieles, aber nicht alles so pessimistisch sieht wie seinerzeit Dennis Hopper in Easy Rider.

Chris Pine und Ben Foster spielen zwei Verlierer, die, von Kindheit an traumatisiert, in ihrem Leben die Arschkarte gezogen haben. Der eine ein Vatermörder, der andere pleite und nicht fähig, seine Familie zu ernähren. Der eine hat nichts mehr zu verlieren, der andere versucht verbissen, dem trostlosen Ist-Zustand eine Wendung zu geben. Umgeben vom staubigen Nirgendwo des Bundesstaates Texas suchen beide nach Genugtuung für ihr verpfuschtes Leben, auf ihren Fersen der Texas Ranger. Das Outlawdrama erinnert stark an Clint Eastwoods Meisterwerk Perfect World, nur ohne Geisel und dem Zynismus des 1993 entstandenen Thrillers. Zynismus gibt es übrigens so gut wie gar nicht in Mackenzie´s atmosphärischem Film, außer einigen Spitzen gegen den sozialen Missstand der Vereinigten Staaten – vor allem wenn Pine und Foster in ihrem Fluchtauto über verlassene Straßen brettern, gesäumt von überdimensionalen Werbeschildern, die Spitzenkredite von den Banken versprechen. Spätestens da wird klar – der amerikanische Traum ist ein schlechter Scherz und wird zum Ding der Unmöglichkeit. Was aber statt Zynismus dominiert, ist die gnädige Melancholie des drohenden Untergangs.

Das karge Kino des ausweglosen Aufstands bekommt mit Hell or High Water ein neues Lebenszeichen – allerdings eines, das mehr zur Vernunft zurückfindet als die radikalen Werke der 70er. Und so manches offenlässt. Amerikanisches Anti-Kino oder halbwildes Roadmovie – je nachdem. Jedenfalls ein Film, der sich für das, was er vorgibt zu sein, versöhnlicher zeigt als erwartet. Ein entidealisierrter Western im Gewand der Gegenwart. Die „perfekte Welt“, sie lässt sich kitten. Zumindest ist es ein Versuch wert.

Hell or High Water

Der letzte Tanz

HAROLD & MAUDE IN DER ANSTALT

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letztertanz

Nach Gusti Wolf und Susi Nicoletti wohl die letzte des Grande Dame-Cercles österreichischer Bühnenpräsenz: Erni Mangold. Die eben erst 90 Jahre jung gewordene Charaktermimin ist das beste Beispiel dafür, das eine hohe Anzahl an gelebten Jahren nicht gleichbedeutend ist mit tatenlosem Warten auf das unvermeidliche Lebensende. Ganz im Gegenteil, der Lebensabend birgt Überraschungen, zumindest mal für Kainz-Medaillenträgerin Erni Mangold. Sie darf sich glücklich schätzen, neben Publikumslieblingen wie Josef Hader oder Tobias Moretti die Film-, Fernseh- und Theaterlandschaft Österreichs immer noch mitzubestimmen.

Eine ihrer aussagekräftigsten und mittlerweile berühmtesten Rollen ist jene der Insassin einer geriatrischen Pflegeanstalt. In Der letzte Tanz spielt sie mit unverhohlener Leichtigkeit und Engagement eine vermeintlich demente Patientin hohen Alters, die, verlassen von ihrer Familie, im jungen Zivildiener Karl so etwas Ähnliches wie eine Seelenverwandtschaft entdeckt. Darüber hinaus aber auch jemanden, der ihr das Gefühl einer lange nicht empfundenen, menschlichen Nähe vermittelt. Soweit, so berührend. Doch der iranisch-stämmige Regisseur Houchang Allahyari, der womöglich geplant hat, so etwas Ähnliches wie Harold und Maude im Pflegeheim zu inszenieren, hält sich leider viel zu lange mit erzählerischem Beiwerk auf und vergisst dabei, sich ausreichend dem Kern der Geschichte zu widmen. Anstatt die tabuisierte Beziehung zwischen Alt und Jung zu vertiefen und sich einfach mehr Zeit zu nehmen, die Gefühlswelten der beiden Protagonisten für den Zuseher nachvollziehbar werden zu lassen, opfert Allahyari mindestens ein Drittel der gesamten Laufzeit dem Prozedere von Verhaftung und Inhaftierung des sträflichen Zivildieners, noch dazu in blassem Schwarzweiß. Um zu zeigen, dass dieser eine Straftat begangen hat, wäre eine knappe Einleitung ausreichend gewesen. Dafür hätte man nach der Episode in der Pflegeanstalt durchaus noch einen Prolog über die gerichtlichen Konsequenzen dranhängen können. So bleibt aber für den eigentlichen Film kein Platz mehr. Auch bleibt dadurch der Charakter des Zivildieners Karl ungreifbar und diffus, ja fast schon auf seine eigene Art unsympathisch. Erni Mangold allerdings spielt mit Bravour, kann aber an der Sperrigkeit der eigenwilligen Liebesgeschichte nichts ändern. Dazu lässt sich der Iraner Allahyari letzten Endes dann sogar noch dazu verleiten, den Skandal einer unrechtmäßigen Beziehung zu exhibitionieren.

Unterm Strich erreicht Der letzte Tanz nicht mal ansatzweise die Intensität von Filmen wie Harold und Maude – dazu scheint Daniel Sträßer als der Jungspund an der Seite von Erni Mangold sichtlich zu überfordert. In seiner Rolle und als Schauspieler. Doch das fehlende inszenatorische Timing des Filmes stellt die schauspielerischen Defizite aber sogar noch in den Schatten. Liebe zwischen den Generationen – aus dem Ansatz einer berührenden Beziehungschronik abseits der Norm wird aus dem Film sowohl ein halbherziges Justizdrama als auch ein halbherziges Anstaltsdrama, was so womöglich nie beabsichtigt war.

Der letzte Tanz