Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein

DIE WAHREN ABENTEUER SIND IM KOPF

7,5/10

 

wieichlernte© 2019 Filmladen

 

LAND: ÖSTERREICH 2019

REGIE: RUPERT HENNING

DREHBUCH: ULI BRÉE, RUPERT HENNING

CAST: VALENTIN HAGG, KARL MARKOVICS, SABINE TIMOTEO, ANDRÉ WILMS, GERTI DRASSL, UDO SAMEL, WERNER FRIEDL, MARIANNE NENTWICH U. A.

 

Das Salto-Rückwärtskind mit Paketperücke – Die Wirklichkeit die Wirklichkeit trägt wirklich ein Forellenkleid. Und überhaupt sind die wahren Abenteuer nur im Kopf – Zeilen aus den Liedern und Texten von André Heller, seines Zeichens schillernder Poet, Phantast und kindlicher Kaiser, der es neben diversen Zaubergärten und Folklore-Projekten sowohl hier als auch jenseits des Mittelmeeres zu stilbildendem Ansehen gebracht hat. Natürlich verhält es sich mit André Heller aber auch so: man mag ihn und seine dekorative Metaphysik, oder man mag ihn eben nicht. Nun, ich muss ganz ehrlich sagen – ich mag ihn. Heller ist ein auffallend kreativer Kopf, er vereint zahlreiche Formen der Kunst auf eine gauklerhaft sichtbare, selbstverliebte Weise, die sich einer unverhohlenen, fast schon jovialen Arroganz nähert. Noch dazu, und das muss ich Heller hoch anrechnen, hat er das klassische Kasperltheater in der Wiener Urania vor dem letzten Vorhang bewahrt. Wer, wenn nicht er, hätte sich der streitbaren Zipfelmütze noch annehmen können? Zu so jemandem wie André Heller muss man aber auch erst mal werden. Womöglich auf eine Art, die in seiner autobiographisch gefärbten Erzählung Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein beschrieben wird. Wieviel davon er selbst erlebt hat, und wieviel davon einfach die Geschichte einer Familie ist, aus der Sicht des Jüngsten, das kann nur Heller selbst beurteilen. Ich darf also interpretieren, und zumindest glauben, was wohl alles dem zwölfjährigen André, der in genannter Erzählung als Alter Ego Paul Silberstein auftritt, wirklich wiederfahren ist. Jedenfalls stimmt es schon, dass Heller einer Süßwarendynastie entstammt. Doch wenn ich jetzt anfange, dessen Biographie zu recherchieren, würde dies am eigentlichen Thema vorbeilaufen, nämlich, Rupert Hennings filmgewordenes Jahrmarktspektakel näher zu bewundern. Denn um André Heller, um den geht es dann doch nur zweitrangig.

Eigentlich, und überhaupt, geht es um die Kraft des eigenen Willens, des noch so seltsamen Ichs und der unwirtlichen Verrücktheit des Lebens. Aus keiner Perspektive lässt sich das besser betrachten als aus der eines Kindes. Mit Ausnahmen, natürlich. In Die fabelhafte Welt der Amelie ist es eine junge Frau, die den Alltag zu etwas Poetischem verklärt. Mitsamt Häschenwolken, sprechenden Nachtischlampen und kauziger Schüchternheit. Aber kindliche Gemüter stecken in allen von uns, manchmal mehr, manchmal weniger. Also ist das Alter der Filmheldin oder des Filmhelden in diesen Belangen gar nicht mal so ausschlaggebend. Bei sich selbst Kind zu sein, das ist etwas, das die Essenz unserer Persönlichkeit zu fassen bekommt, das ist ein loderndes Bündel an Energie, die uns ausmacht und uns das machen lässt, was wir lieben. Das kann uns auch keiner nehmen, das ist eigentlich unkaputtbar und geschützt vor allerlei Widrigkeiten von außen. Dieses „Bei sich selbst Kind zu sein“ ist das, was sich entwickelt und für immer manifestiert, wenn wir noch unter Kuratel der Erwachsenen stehen, uns krümmen oder emporgehoben werden. Dieser Paul Silberstein, der muss sich anfangs krümmen, hat allerlei Ängste und Sorgen und hasst den Internatsalltag in der Klosterschule. Am Schlimmsten jedoch ist neben der verachtenden Diktatur der katholischen Geistlichkeit – für die sich der Film viel Zeit und Wut nimmt – der über allem wie ein Damoklesschwert schwebende Patriarch, der Horror einer Vaterfigur. Die Mutter, die verliert sich in resignativen Tagträumen, der ältere Bruder in der tröstenden Zweidimensionalität seiner Briefmarken.

Rupert Henning, Autor der Brüder-Trilogie und oftmaliger Bühnenpartner von Erwin Steinhauer, hat ein für österreichische Begriffe völlig unübliches und merkwürdiges Stück Leinwandkino entworfen, das dem Wortschatz eines Andre Heller gerecht wird und den funkelnden Hundling einer Coming of Age-Erzählung zwischen den grotesken Märchen eines Jean-Paul Jeunet und den schwelgerischen Eskapaden eines Emir Kusturica oder György Pálfi tänzeln lässt. Die Hermesvilla im Lainzer Tiergarten, die bietet für das Schicksal der Familie Silberstein eine wahrlich barocke Kulisse, so verziert und entrückt wie ein Grimm´sches Hexenhaus, darin die dunkel getäfelten Flure und die hallenartige Leere einer ignoranten Kälte, die vor allem von Vater Karl Markovics ausgeht. Der Schauspieler mutiert in ein bizarres Zerrbild eines vom Krieg traumatisierten Tyrannen, während Sabine Timoteo einen geheimnisvoll stillen Wahnsinn an den Tag legt. Erstaunlich wieder mal: der junge Valentin Hagg als zentrale Figur dieses teils schauerlichen, teils entzückenden Theaters einer Kindheit. Der Zwölfjährige outet sich hier als unbeugsamer, gewinnender Revoluzzer, der die Sympathien auf seiner Seite hat. Dessen Gedanken wir hören und den wir als Einzigen in seinem Handeln verstehen können. Der sich aber nicht in eine irreale Welt zurückzieht wie das Mädchen Ofelia aus Pans Labyrinth, sondern diese Welt herüberholt in die uns allen vertraute und einzige Realität.

Lange dauert dieser Film, aber diese Zeit muss er sich nehmen. Denn zu lernen, bei sich selbst Kind zu sein, geht nicht von heute auf morgen. Das passiert, wenn irgendwann mal alle Stricke reißen, wenn die Not Mutter neuer Gedanken wird. Und mehr noch: ganzer Gedankenkonstrukte, die mit so wegweisenden Prämissen wie Werde nicht wie all die, die du nicht sein möchtest zum Zirkus des Lebens laden. Auf und davon! ist die Devise des kleinen Paul. Diese Selbstfindung ist mitreißend, mitunter abstoßend und bizarr. Und manche Episoden, die wie Seifenblasen lose umherschwirren und kaum was bezwecken, hätten nicht sein müssen. Aber bei all den Abenteuern im Kopf, die für niemanden lesbar im Buche stehen, ist das versponnene Epos so eigenartig betörend und duftend wie der erste nachtschlafende Frühlingstraum bei offenem Fenster, wenn der Winter einer farblosen Disharmonie unter den wärmenden Lichtern einer Heller´schen Akrobatik dahinschmilzt.

Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein

Wo die wilden Menschen jagen

MÄNNER ALLEIN IM WALD

6,5/10

 

wodiewildenmenschenjagen© Sony Pictures 2016

 

LAND: NEUSEELAND 2016

REGIE: TAIKA WAITITI

CAST: JULIAN DENNISON, SAM NEILL, RIMA DE WIATA, RACHEL HOUSE, TAIKA WAITITI U. A.

 

Was macht eigentlich eine WG voller Vampire die liebe lange Nacht? Wer wäscht das Geschirr, wer bringt den Müll raus? Und überhaupt – was passiert, wenn so ein Untoter statt Blut ganz andere Nahrung zu sich nimmt? Über diese Pseudo-Fakten hat uns der Neuseeländer Taika Waititi vor 5 Jahren relativ augenzwinkernd aufgeklärt – obwohl 5 Zimmer Küche Sarg jetzt nicht durchwegs ein geglückter Film ist. Aber zumindest macht er neugierig. Und neugierig hat mich auch das dritte Abenteuer von Thor gemacht. Der Tag der Entscheidung hat dann noch dazu meine Erwartungen erfüllt – denn so ein Genre und so ein Thema verlangen Künstler, die sich selbst, die Kunstrichtung Film und ihre zu erzählenden Geschichten von Grund auf nicht ganz ernst nehmen. Sie lachen gern darüber, schöpfen bei so einem Budget, wie Marvel es hat, aus dem Vollen und modellieren wie mit Fingerfarben und FIMO zum Beispiel ein reueloses Spektakel zwischen Mythen, Märchen und knallbunten Comic-Panels. Ein großer Wurf, dieses Thor-Abenteuer. Man sollte Waititi für ein weiteres Abenteuer aus dem Avengers-Kosmos verpflichten, aber mal sehen, was da kommt. Irgendwo zwischen dem Vampir-Klamauk und dem Blockbuster-Kino verirrte sich noch ein weiterer Film ins letztjährige sommerliche Outdoorkino, der im regulären Programm keinen Platz finden konnte: die skurrile Tragikomödie Wo die wilden Menschen jagen.

Das erinnert mich an das Kinderbuch von Maurice Sendak – Wo die wilden Kerle wohnen – 2009 verfilmt von Spike Jonze. Aber damit hat Waititi´s Film nichts zu tun. Die wilden Menschen sind in diesem Fall ein alter Grantler und ein kugelrunder Teenie. Letzterer ist das widerborstige Waisenkind Ricky Baker, der bei Pflegeeltern auf dem Land unterkommt. Pflegemama Bella weiß, wie dieser zynische Kleinbürger zu nehmen ist. Ihr Ehemann Hec weiß das nicht, denn der ist ein mürrischer Misanthrop, der sich in der Wildnis Neuseelands zwar auskennt, sozial aber überhaupt nichts am Kasten hat. Wie es das Schicksal leider will, segnet die fürsorgliche Ziehmutter unerwartet das Zeitliche – und der längst eingelebte Knabe Ricky Baker soll wieder zurück ins Heim geholt werden. Das geht natürlich gar nicht, dann also lieber in die Wildnis – und Ricky reißt aus. Dessen Flucht zieht einen ganzen Rattenschwanz an Verfolgern nach sich – von Polizei über Medien bis Fürsorge. Allen voran aber den alten Knurrhahn Hec, der sich, wie kann es wohl anders sein, mit seinem Schützling zwischen Farn, Fluss und Lagerfeuer so richtig väterlich anfreundet.

Eine schöne Geschichte – eine eigenwillige Umsetzung. Aber das ist typisch Waititi´s Handschrift. Wer die Vampir-Kommune und Thor´s Gladiatorenkampf mit Hulk kennt, wird auch bei Wo die wilden Menschen jagen bemerken, dass der Neuseeländer einen deutlichen Hang zur ausgelassenen Spielerei hat. Teilweise wirkt seine Waldkomödie wie ein Beitrag aus dem Kinderfernsehen, von Kindern inszeniert. Dann verbindet Waititi stille Momente der Schönheit mit schwarzem Humor. Seine Figuren sind stets positiv motiviert. Sie sind, auch wenn sie trauern – auch wenn sie wütend oder emotional gebeutelt sind – erfrischend mutig, unbeugsam und rotzfrech optimistisch. Am Ende könnte doch alles gut werden, zumindest ahnt Waititi das. Und es ist ihm auch hier ein Anliegen, das zu vermitteln, auch wenn das Versteckspiel in der Botanik immer knapp am Unglück vorbeischrammt. Was der großartig waldschratige Sam Neill und der trotzige Julian Dennison, den wir als Firefist aus Deadpool 2 kennen, verqueren Situationen alles abgewinnen können, bis gar nichts mehr geht, ist von kindlich-naivem Charme. Wie ein Cartoon für Nerds wie Ricky Baker – leicht zu konsumieren, scherzhaft fabulierend und in der Wahl inszenatorischer Extras abwechslungsreich und originell. Zwischendurch fällt es zwar etwas schwer, sich dauerhaft empathisch an die Fersen der beiden impulsiven Eigenbrötler zu heften, doch den beiden eine glückliche Zukunft zu wünschen wird zu einem echten Anliegen. Und dann freut man sich – wie Taika Waititi, der sichtlich Spaß am Filmemachen hat. Und sein Publikum diesen Umstand auch spüren lässt.

Wo die wilden Menschen jagen

Mogli: Legende des Dschungels

DIE FRATZE DER WILDNIS

7/10

 

mogli© 2018 Netflix

 

LAND: USA 2018

REGIE: ANDY SERKIS

CAST: ROHAN CHAND, CHRISTIAN BALE, BENEDICT CUMBERBATCH, CATE BLANCHETT, ANDY SERKIS, NAOMI HARRIS, FREIDA PINTO U. A.

 

„Probier´s mal mit Gemütlichkeit,…“ brummt der freundliche Balu vor sich hin, und jeder, der diese Zeilen liest, wird womöglich an einen altbekannten Ohrwurm erinnert. So gemütlich wie in Disney´s Meisterwerk aus dem Jahre 1967 geht es in Jon Favreau´s Realverfilmung von vor zwei Jahren schon nicht mehr zu. Der unbekümmert abgehobene Musical-Touch von damals ist ganz gewichen, die Tiere des Dschungels sind teilweise mithilfe der Motion Capture-Technik generiert, was aber nicht übermäßig strapaziert wird, um die Wildnis nicht allzu künstlich wirken zu lassen. Inmitten all der Wölfe, Bären und Elefanten: ein Live-Act-Jungschauspieler, der den Bezug zur Natürlichkeit aufrechterhält. The Jungle Book war aus meiner Sicht ein gelungenes Remake, erdiger, düsterer und abenteuerlicher. Und famos in seiner Echtheit der Tierdarstellung. Zwei Jahre später, nach der Planet der Affen-Trilogie, hält auch Motion Capturing-As Andy Serkis die Füße nicht still, wenn es darum geht, Rudyard Kipling´s Legende des Dschungels mal selbst zu interpretieren. Und dabei alles anders machen zu wollen. Oder nur das Drumherum. Vor allem die Beschaffenheit der Tiere. In Mogli: Legende des Dschungels, wie sich die aktuelle Netflix-Produktion nennt, lassen die Macher Favreau´s Animations-Kunststück aussehen wie eine niedliche Urwald-Exkursion und legen in Sachen Düsternis, Blut und Erde nochmal gehörig eines drauf.

Der Wald, der ist zwar immer noch verspielt, bunt erblüht und wie aus dem Studio-Ei gepellt. Balu, Baghira und Co hingegen nicht mehr. Andy Serkis´ Stilwahl der animalischen Charaktere sorgt Anfangs für Irritation. Die Anmut gezeichneter Kreaturen ist einer Freakshow gewichen, in der hinkende, vernarbte und alptraumhaft hässliche Lebewesen wie nach einer nicht näher genannten zellenverändernden Katastrophe um ein entbehrliches Überleben kämpfen und keine Gefangenen machen. Spätestens nach den ersten zehn Minuten wäre es ratsam, dem mitverfolgenden Nachwuchs alles weitere zu ersparen: Mogli ist für Kinder womöglich verstörend, also kein Familienfilm, obwohl er dies gerne sein will, zumindest in den Landschaftsszenen. So schön der Flug über die Wipfel des Dschungels auch sein mag – darunter herrscht natürliche Auslese, balancierend an den Rändern eines finsteren Abgrundes. Balu ist das groteske Abbild eines Horror-Bären mit debil wirkender Hängelippe, die Wölfe wirken seltsam verzerrt, ebenso wie die Affen und ganz besonders die ekelhafte Hyäne. Baghira´s Kopf sieht manchmal aus wie die eines Menschen – Black Panther lässt grüßen, nur das Fell schillert auch des Nächtens. Der sogenannte Uncanny Valley-Effekt, der eigentlich bei computergenerierten, naturalistischen Darstellungen von Menschen eintritt, lässt hier auch Vierbeiner gespenstisch wirken. Wohl würde ich mich als Mogli unter all diesen Monstern wirklich nicht fühlen. Die Flucht zu den Menschen wäre dann nur eine Frage der Zeit.

Und tatsächlich – irgendwann wird der indische Kaspar Hauser mit seinesgleichen in Berührung kommen. Und mit einem ambivalenten Jäger, der dem Maneater Shir Khan das Fell über die Ohren ziehen will. Der irre dreinblickende Antagonist aus der Spezies der Raubkatzen reißt dann bald die Herrschaft über den Dschungel an sich und tötet die Nutztiere der Menschen, die als sichtbar verwesende Kadaver zwischen dem satten Blattgrün blutrot schimmern. Doch obwohl all der Atem der Wildnis irgendwie Fäulnisgeruch verströmt, ist Serkis gewagte Interpretation mit Mut zur Hässlichkeit ein Abenteuerfilm, der eigentlich hauptsächlich aufgrund seines menschlichen Hauptdarstellers fasziniert. Der 14jährige indischstämmige Rohan Chand ist der bislang beste Interpret des Mogli-Charakters – sein Spiel ist von einnehmender Intensität. Die besten Momente sind die, als der Junge von den Menschen eingefangen wird und dieser langsam in die Zivilisation zurückfindet. Der quälende Zweifel ob seiner Zugehörigkeit zu den Tieren oder zu den Menschen ist in seiner Mimik stets präsent. Mogli ist hier ein unglücklicher Charakter, ein Getriebener und Heimatloser. Genauso ein Freak wie alle anderen, nur verstoßener, unangepasster, kein Kind der selektiven Radiation. Rohan Chand lässt die Trick-Komponente des Filmes in den Hintergrund rücken, rettet Mogli vor der Ablehnung durch den Zuschauer und bindet ihn sogar noch emotional an das Schicksal seiner Figur. Dieses kann sich nur durch Gewalt zum Guten wenden. Denn dort, wo der gehetzte Junge herkommt, gilt entweder Leben oder Sterben. Das ist hart, finster und organisch, wie Campen im Dschungel bei Monsun.

Serkis geht es nicht um die Schönheit und das Liebliche. Das Rendezvous mit Tier und Mensch ist hier frei von verklärender Romantik, aber immer noch so viel Legende, damit Tiere sprechen können. Anmutig bleibt einzig das menschliche Wesen, das Gesetz der Evolution ist derweil erbarmungslos auf den eigenen Vorteil bedacht. Das ist zwar wahr, aber nicht unbedingt gefällig. Unter dieser Prämisse ist Mogli: Legende des Dschungels eine zwar verstörende und anders geartete, aber trotz allem nicht weniger sehenswerte Version eines Klassikers, der besungene Gemütlichkeit diesmal mit Pfoten, Klauen und Krallen aus dem Dschungel tritt.

Mogli: Legende des Dschungels

Der Junge muss an die frische Luft

HUMOR IST, WENN MAN TROTZDEM LACHT

6,5/10

 

frischeluft© 2018 Warner Bros. Deutschland

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: CAROLINE LINK

CAST: JULIUS WECKAUF, LUISE HEYER, SÖNKE MÖHRING, HEDI KRIEGESKOTTE, JOACHIM KROL, URSULA WERNER U. A. 

 

Was wurde eigentlich aus Hape Kerkeling? 2014 hat er sich doch anlässlich seines 50ers weitestgehend aus dem Showgeschäft zurückgezogen. Untätig ist er aber dennoch nicht geblieben. Nach dem so vergnüglichen wie besinnlichen Bestseller Ich bin dann mal weg, der 2006 erschien und Hape´s Erfahrungen und Betrachtungen auf dem Jakobsweg zum Thema hatte, könnte die Verarbeitung der eigenen Kindheit in autobiografischer Buchform womöglich auch eine gewisse Bandbreite an Lesern erreichen, bekannt genug ist der Komödiant nicht nur als Horst Schlämmer, und da er seit gut 4 Jahren ohnehin nur noch als Synchronstimme präsent gewesen war (u. a. Die Eiskönigin und Kung Fu Panda), nimmt die interessierte Fangemeinde, was sie kriegen kann. Wenn das noch die eigenen Erinnerungen aus einem Westdeutschland Anfang der Siebziger Jahre sind, und wo es ganz viel um Familie und Schicksal geht, ist ein zweiter Bestseller garantiert. Doch eines sollte man vorweg wissen: das Werk mit dem so treffenden wie augenzwinkernden Titel Der Junge muss an die frische Luft ist weder eine Art Greg´s Tagebuch auf recklinghauserisch, noch ein Michel von Lönneberga – sondern etwas ganz zerbrechlich Zartes, eine wehmütige Erzählung aus einem schicksalhaften Damals, in der eigentlich nichts so lustig war, wie es später in Kerkelings Oeuvre gang und gäbe sein wird. Caroline Link, die mit Nirgendwo in Afrika 2003 den Oscar gewinnen konnte, hat den großen deutschen Entertainer dazu eingeladen, in enger Zusammenarbeit und im steten Dialog das berührende Buch über eine Kindheit voller Lachen und Weinen behutsam zu verfilmen.

Daraus geworden ist zwar nicht etwas ganz anderes, als ich erwartet hätte, aber zumindest ein unerwartet schwermütiger Film, der weitab einer unbekümmerten Kindheit längst nicht so erbaulich ist, wie der Trailer vorab vermuten ließ, obwohl man auch da schon mitbekommt, dass sich das Erzählte um das Schicksal von Hape´s Mutter drehen wird. Der ganze große Film allerdings verspricht, noch tiefer in die Finsternis ohnmächtiger Kindersorgen vorzudringen, wobei szenenweise Erinnerungen an Adrian Goiginger´s eigener autobiografischer Aufarbeitung Die Beste aller Welten wach werden. Auch dort geht es um ein Kind, das versucht, die Unpässlichkeiten der Eltern auszugleichen und sich anzupassen. Drogen und sozialer Missstand sind dort das Thema, während bei Der Junge muss an die frische Luft Mutter Kerkeling aufgrund einer Nebenhöhlenoperation Geruchs- und Geschmackssinn verliert. Damit einhergehend stürzt die junge Frau in eine tiefe Depression. So ein psychisches Leiden ist, wie ich finde, für ein Kind ohnehin noch schwerer nachzuvollziehen als für einen Erwachsenen. Doch der kleine Hans Peter, gesegnet mit einer ordentlichen Portion Sinn für Humor und einem publikumswirksamen Hang zur Parodie diverser Charaktere aus dem eigenen Alltag, weiß seine Mama stets zum Lachen zu bringen. Der spontane Witz in Momenten, die alles andere als eine launige Präsentationsfläche für skurrile Scherze bieten, scheint die Schwermütigkeit des geliebten Menschen zumindest für Minuten zu vertreiben. Humor als die Möglichkeit, der Widrigkeit des Lebens zu trotzen – bis gar nichts mehr geht. Und auch der kleine Hans Peter das größte seiner Talente zu verlieren scheint.

Mit Julius Weckauf hat Caroline Link treffsicheres Gespür bewiesen – so wie mit all dem übrigen Ensemble auch. Der elfjährige Junge ist so wie Jeremy Miliker aus Goiginger´s erwähntem Film ein Naturtalent, wenn es darum geht, die unterschiedlichsten Situationen emotional aufzugreifen. Kann gut sein, dass Kerkeling selber bei Betrachtung von Weckauf´s Schauspiel tatsächlich sich selbst sehen konnte. Umso schmerzlicher womöglich, die schwere Zeit von damals noch dazu in bewegten Bildern zu betrachten, die womöglich sehr genau der eigenen Wahrnehmung von damals entsprechen. Und ja, der Humor macht sogar für das Publikum einiges leichter, denn ohne ihn wäre das teils herzzerreißende Drama schwer zu ertragen. Die Szene, in welcher der trauernde Junge um den leeren Küchenstuhl seiner Mutter tanzt, im Pyjama mitten in der Nacht, und mit dem Licht der Wärmelampe, mit der sich Mama stets zu therapieren versucht hat, ist von bittersüßer Wehmut und spiegelt den Seelenzustand Kerkelings als Gänsehautmoment wieder.

Wenngleich Der Junge muss an die frische Luft es nicht wagt, aus der konventionellen Chronik einer Biographie auszubrechen, und die Szenen einer Kindheit Stück für Stück aneinandergereiht sind, ohne ineinander zu fließen, ist das mit 70er Schlagern unterlegte, tragikomische Drama einer Kindheit voll aufrichtiger Wehmut und blickt mit erhobenem Blick nach vorne. Traurig ist der Film dennoch, aber niemals rührselig. Das Durchatmen mag am Ende des Filmes immer schwerer werden, der Kloß im Hals garantiert, spätestens dann, wenn Hape Kerkeling selbst aus dem Off abschließende Worte sagt. Kurzum: Humor ist also, wenn man trotzdem lacht. Und dabei nicht vergisst, wer man ist. Das hat Deutschlands großer Spaßmacher schon damals verstanden.

Der Junge muss an die frische Luft

Der Grinch

DAS FEST DER DIEBE

8/10

 

dergrinch© 2018 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: YARROW CHENEY, SCOTT MOSIER

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): BENEDICT CUMBERBATCH, RASHIDA JONES, ANGELA LANSBURY, PHARRELL WILLIAMS

STIMME DES GRINCH AUF DEUTSCH: OTTO WAALKES

 

Weihnachtsfilme gibt es viele. Und viele davon sind Klassiker, die sich jedes Jahr ihres Flimmerns über den hauseigenen Bildschirm sicher sein können. Kevin – Allein zu Haus zum Beispiel. Oder natürlich Hilfe, es weihnachtet sehr – alles anderes als ein besinnliches Fest. Demnächst könnte es sein, dass sich der neue und bislang beste Animationsfilm der Illumination Studios als zukünftiger weihnachtlicher Dauerbrenner etablieren könnte. Denn Der Grinch – ein kauziges Märchen nach einer Geschichte von Dr. Seuss – ist nicht nur tricktechnisch, sondern auch erzählerisch und überhaupt charakterlich ein echter Hit.

Jim Carrey war in der Realverfilmung aus dem Jahr 2000 natürlich auch ein Knüller – wem sonst hätte man den expressiven Mimiker im grünen Pelz auch zugetraut? Doch was die kreativen Köpfe Yarrow Cheney (Pets) und Scott Mosier für uns vorfreudige Familien hier vorbereitet haben, ist genau die richtige Mischung aus entrückter Fabelwelt und einer pointierten Charakterstudie, die den Weihnachtshasser als solchen behutsam hinterfragt. Denn der Grinch, der einzige grün gepelzte Who im ganzen sogenannten Land, ist keine bösartige, egozentrische oder schadenfrohe Kreatur, wie es vielleicht auf den ersten Blick scheint. Sondern schlicht und ergreifend ein Außenseiter, dessen prädestiniertes Unglücklichsein auf einer lieblosen Kindheit beruht. Sein gekränkter Stolz lässt ihn einen neiderfüllten Plan schmieden, der den Diebstahl von Weihnachten zur Folge hat. Das klingt nach monströsem Unterfangen, doch der geniale Erfindergeist im grün geärgerten Köpfchen wird es wohl möglich machen. Und ihn letzten Endes mit einer Tatsache konfrontieren, die sein eigenes Denken und Handeln lawinengleich erschüttern lässt. Und vielleicht auch den Weihnachtshandel, der urplötzlich entbehrlich wird.

Allein, wie die Macher des Grinchs die Figur angelegt haben, ist ein Musterbeispiel dafür, wie die Entwicklung eines Charakters gelingen kann. Das gleichzeitig dickliche, birnenförmige, aber auch schlaksige Äußere, der hinterlistige und zugleich sehnsüchtige Blick. Das hämische Grinsen und das beleidigte Schmollen. Dass die Regisseure gleichzeitig Designer sind und hier ordentlich mitreden konnten, ist in jeder Bewegung des Grinchs erkennbar. Hier hinter die Kulissen der Produktion zu blicken und herauszufinden, wie viele Skizzen für jede Mimik wohl notwendig gewesen waren, wäre lohnenswert. Und nicht nur die bildliche Charakterisierung, auch der Ton macht die gute Musik. Im Original verleiht das sonore Organ Benedict Cumberbatchs dem traurigen Dieb seine Stimme – in der deutschen Synchro ist es niemand geringerer als Otto Waalkes, der die sprachlichen Attitüden eines Sid aus Ace Age tunlichst außen vorlässt und für seine Figur einen ganz anderen Tonus findet. Nämlich einen viel weniger blödelnden, sondern nuancierten. Vom gackernden Gekicher – und das nicht zu viel – bis zu seufzender Sanftmut. Sein Hündchen Max, das scheint er ja als einzigen ins viel zu kleine Herz geschlossen zu haben. Und wenn dann das walzenförmige Rentier unter dem Berge einzieht, gelingen dem Film zwerchfellerschütternde Momente köstlicher Situationskomik.

Wie die Kekse zur Weihnachtszeit, so ist auch dieser Weihnachtsfilm mit Liebe gemacht. Und befindet sich auf Augenhöhe mit den dramaturgischen Qualitäten einer Pixar-Produktion. Weder zielt Der Grinch darauf ab, einen Kalauer nach dem anderen wie blinkende Lichterketten auf das altersdurchmischte Publikum loszulassen, noch verliert er sich, wie man es aufgrund von Werken wie Ich- Einfach unverbesserlich vielleicht vermuten würde, in chaotischem Stakkato quirlig-hysterischer Action. Das würde auch zu dieser psychosozialen Erzählung über Nächstenliebe gar nicht passen. Viel schlägt Der Grinch besinnlichere Töne an, nimmt sich manchmal gar zurück. Gezielt überzeichnet, das natürlich. Wobei szenenweise das Gefühl aufkommt, das selbst Tim Burton, inspiriert von Nightmare before Christmas, sein visuell bizarres Händchen mit im Spiel gehabt zu haben scheint. Whoville selbst ist ein Schwibbogen in der dritten Dimension, gemixt mit Lebküchenhäusern zum Quadrat, darunter alle Weihnachtsmärkte dieser Welt, vom Polarkreis bis ans Mittelmeer. Das minutiös möblierte Grinch-Cave mit all seinem fantasievollen Interieur ein geschmackvoll-absurder Antiquitätenladen. Diese knapp 90minütige Komposition aus Charakterkomödie, Bilderbuch und Winterzirkus beschert Kleinkind wie Opa sein eigenes Päckchen an augenzwinkernder Unterhaltung, die stets die Balance hält und einfach ein herzerwärmendes Gleichnis erzählt. Eines, das selbst das eigene Herz zumindest für einen Moment fast unmerklich, aber doch, größer werden lässt.

Der Grinch

Drei Zinnen

MIT PAPA ÜBER´M BERG

7/10

 

dreizinnen© 2017 Rohfilm Productions

 

LAND: DEUTSCHLAND, ITALIEN 2017

REGIE: JAN ZABEIL

MIT ALEXANDER FEHLING, BÉRÉNICE BEJO, ARIAN MONTGOMERY

 

Das muss schon ein gewaltiger Anblick sein, diese Felsformation, wenn man direkt davor steht, den Kopf in den Nacken legt und zu den Spitzen in den manchmal wolkenverhangenen Himmel späht. Diese Drei Zinnen, die sind sowohl Südtirol´s Aushängeschild in Sachen Bergwelten. Eine einmalige Kulisse, selbst für ein Kammerspiel wie dieses, eine deutsch-italienische Ko-Produktion, die sehr viel frische Luft zum Atmen hat, in Sachen Gegend und Ausblick aus dem Vollen schöpft, sich aber dennoch ziemlich einkapselt und isoliert. Da kann der Zerstreuung und Natur tankende Mensch noch so ins Weite blicken. Entfernter noch als das nächste Dorf ist die zweckoptimierte emotionale Bindung zwischen Stiefvater und Sohn unter der teils tadelnden, teils gewährenden Obacht der Mutter, dargestelt von Bérénice Bejo, die Filmkenner bereits aus dem oscarprämierten Retro-Drama The Artist kennen. Der bemüht entspannt wirkende Hipster-Reservepapa: Alexander Fehling, irgendwie relativ wortkarg und farblos, hinter teils unbewusst heuchelndem Verständnis ein aufgestautes Ego, das sich arrangieren muss. Vor allem mit einem omnipräsenten Buben im Grundschulalter, der höchst merkwürdige Verhaltensweisen an den Tag legt. Dieses Gebärden kommt natürlich nicht von Irgendwo, sondern sind Symptome der inneren Zerrissenheit eines Heranwachsenden, der plötzlich zwei Väter hat, beide völlig grundverschieden. Der von mama neu zugelegte bärtige Riese im Holzfäller-Look kann natürlich der leiblichen Leitfigur nicht das Wasser reichen – oder doch? Darf er das, soll er das, und kann der eine den anderen ersetzen? Auch das ein Ding der Unmöglichkeit. Mutters neuer Lover ist ein Fremdkörper, der aber fasziniert. Dessen Nähe gewollt ist, im Gedankenkosmos des Kindes aber ein verbotenes Unterfangen nahe am Verrat darstellt.

Drei Zinnen ist eine Dreieiecksgeschichte ohne Liebelei, dafür entknotet Regisseur Jan Zabeil (Der Fluss war einst ein Mensch, ebenfalls mit Alexander Fehling) das Gewirr familiärer Moral in Sonderfällen wie diesen, bei Weitem kein Einzelfall und oft bis zur Verdrängung kleingeredet, wenn es um Sicherheit, Stabilität und Vertrauen geht, um Liebe und Verlass. Wuchtige Meilensteine im Erwachsenwerden, die durch Trennung, Verlust und Sehnsucht instabil werden. Gar nicht gut, im Mikrokosmos einer Berghütte am Fuße der drei Zinnen natürlich verstärkt als Bühne für ein Gleichnis wie dieses. Die schroffen Felsnadeln als gigantisches Symbol der Dreifaltigkeit einer intakten Familie – Vater, Mutter, Kind. Zabeil´s Film ist ein Bühnenstück in kurzen, teils lakonischen Szenen voller paraverbaler Kommunikation und allerlei Empfindungen, die ihre lebensbedrohliche Konsequenz in einem metaphorischen Survivaldrama findet, welches  weniger die Extremsituation in den nebelverhangenen Bergen an sich schildern will als vielmehr den emotionalen Konflikt zwischen Ersatzvater und fremdem Sohn bildhaft nach außen kehrt.

Wo allzu viele Wortgefechte oftmals zu kopflastig und konstruiert wirken, lässt Drei Zinnen die Situationen jenseits gefälliger Worthülsen für sich sprechen, von Zuständen der Geborgenheit bis hin zum packenden Balanceakt zwischen Tragödie und dem Aufklaren des Nebels. Ein kompakter, so intensiver wie expressiver Berg- und Heimatfilm, dessen genrebedingte nostalgische Verklärung eines Zuhauses das unzerstörbare Gefüge einer Familie ist. Wie auch immer diese sich zusammensetzt und wie sehr sie auch von traditioneller Statik abweichen mag.

Drei Zinnen

Christopher Robin

VON NICHTS UND IRGENDWAS

7/10

 

null© 2018 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2018

REGIE: MARC FORSTER

CAST: EWAN MCGREGOR, HAYLEY ATWELL, TOBY JONES, MARK GATISS, ADRIAN SCARBOROUGH U. A.

 

„Dummer alter Bär“, wird er von seinem Besitzer gerne genannt. Freundlich ist das nicht. Doch Christopher Robin, der Junge in den seltsamen Hosen und Riemenschuhen, darf ihn getrost so nennen. Das macht dem tapsenden Honigbären nichts aus. Denn Winnie Puuh oder nur Puuh, der stellt keine Ansprüche. Erwartet sich nichts. Lebt jeden Tag, als wäre es sein Lieblingstag, denn das ist immer Heute. Doch wenn zum Beispiel Gestern noch dazu Morgen ist, dann wäre das schon zu viel Tag. Was jetzt etwas kompliziert klingt, aber seine Logik hat, obwohl Winnie Puuh alles andere als eine Geistesriese ist. Wenn Hunde sprechen könnten, wäre Winnie Puuh einer dieser unendlich treuen Vierbeiner, die bedingungslose Freundschaft leben und zur Stelle sind, wenn sich Kummer breit macht. Den kleinen Bären mit den herzzerreißend dreinblickenden Knopfaugen und der sanften Stimme umgibt eine Art meditative Aura der inneren Einkehr, der Ruhe und des Rückzugs, wo der umtriebige Mensch, ob Alt oder Jung, sein Denken und Handeln wieder rebooten kann und vielleicht draufkommt, was wirklich wichtig ist im Leben. Winnie Puuh weiß das natürlich auch nicht, andererseits aber irgendwie schon. Und wirkt dadurch manchmal richtig weise, wie Yoda, nur ohne Lichtschwert, stattdessen mit Honig ums Mäulchen.

Erst viele Jahre später nach dem Abschied von Christoper Robin vom 100 Morgen Wald und nach zügig durchblätterten Kapiteln lässt gleichnamiger Film seine Handlung überhaupt erst beginnen. Der Hüter seiner Stofftiere ist jetzt erwachsen und ein Arbeitstier, ohne Zeit für Frau und Kind, und ohne einen verschwendeten Gedanken an seine Spielgefährten von damals, alleine deswegen, weil es an Zeit fehlt. Puuh und Konsorten geraten in Vergessenheit, dementsprechend unwirtlich sieht’s im Wald der Heffalumps und Wusels auch aus. Als der Haussegen der Robins so richtig schief hängt, findet der kleine Honigbär wie durch Zufall den Weg zu seinem Meister – wie ein Wink des Schicksals, der dann auf Umwegen vieles wieder geradebiegt.

Regisseur Marc Forster, der schon mit Dramen aus unterschiedlichsten Genres experimentiert hat, betritt mit Christopher Robin nicht unbedingt Neuland – ein ähnlicher Film über das Schaffen von Peter Pan-Erfinder James Matthew Barry zählt bereits zu seinem Oeuvre. Dennoch ist dieser Film hier irgendwie anders. Einerseits könnte Christopher Robin die Fortsetzung zur ebenfalls in diesem Jahr erschienenen und sehr sehenswerten Biografie Goodbye Christoper Robin sein, andererseits aber auch der allumfassende Epilog zu allen bisher erzählten Zeichentrickabenteuern, die Winnie Puuh und seine Freunde so erlebt haben. Etwas metaphysisch Biographisches, ein phantastischer Film längst nicht nur für Fans jüngeren Semesters. Forster erzählt vom Erwachsensein, vom Verlust der Kindheit und vom Ernst des Lebens, ja sogar ansatzweise vom Krieg. Dinge, mit denen die ganz Kleinen, die Winnie Puuh´s gezeichnete Abenteuer kennen, nicht allzu viel anfangen können. Schulkinder allerdings, die von Pflicht, Eigenverantwortung und einer gewissen Eigendynamik des sozialen Lebens so ihre Ahnung haben, werden Christopher Robin als einen Film genießen, der garantiert nicht unterfordert und neben all dem unbekümmerten Spaß auch melancholische, fast schon traurig tönende Saiten anschlägt.

Denn diese Stofftiere, diese Seelenbären und Seelentiger, mieselsüchtigen Esel und ängstlichen Schweinchen, diese Verkörperungen all der Gefühlswelten eines Kindes im Erwachsenen, sind so dermaßen ansprechend zum Leben erweckt, dass ich es kaum glauben kann. Winnie Puuh als Realfilm – meine Skepsis dazu hat sich im Vorfeld relativ lange gehalten. Nach Sichtung dieses Films weiß ich, wie gewissenhaft und mit wie viel Liebe zum Detail und Respekt zur Vorlage Ikonen des Kinderzimmers aus der zweiten Dimension hervorgeholt werden können – hinein in eine unglaublich reale Welt, erdfarben und von schwindendem Tageslicht. Das regennasse, graue London und der nebelverhangene Märchenwald zaubern eine poetische Tristesse, mittendrin eine zusammengenähte Menagerie, abgenutzt und reif für den Flohmarkt, gleichermaßen aber so unbezahlbar wertvoll wie eine Erinnerung an die Kindheit, die man niemals missen möchte. Da trotten sie dahin, entkitscht bis zum Gehtnichtmehr, maximal das Ferkel strahlt in abgewetztem Altrosa, jedes dieser herzensguten Wesen in seiner eigenen Welt. Forster findet mit seinem begnadeten Kameramann Matthias Koenigswieser atmosphärische Bilder eines entrückten Alltags, dazwischen, wie Sternschnuppen aus dem Augenwinkel, das so Schräge wie Zauberhafte aus alten Spielzeugkisten. Die Kultfiguren aus Milne´s Feder erleben literaturadäquat unaufgeregte Abenteuer voll kauzigem Slapstick und charakterlichen Pointen. Spenden Trost, Zuversicht und eine unerschütterliche Zuflucht vor den Widrigkeiten, die ein Leben so mit sich bringt. Da wäre es ja mehr als angebracht, nach dem Besuch im Kino wieder das eigene alte Stofftier vom Dachboden zu holen, um es wieder mal so richtig durchzuknuddeln.

Christopher Robin