Vice – Der zweite Mann

DIE STAATEN BIN ICH

8,5/10

 

vice© 2019 Universum

 

LAND: USA 2019

REGIE: ADAM MCKAY

CAST: CHRISTIAN BALE, AMY ADAMS, STEVE CARELL, SAM ROCKWELL, EDDIE MARSAN, JESSE PLEMONS U. A.

 

Fahrenheit 9/11, oder 11/9 – wie auch immer. Mit Adam McKays Rückblick auf die politischen Umstände in den USA von den 90ern bis nach der Jahrtausendwende wird es deutlich wärmer, wenn nicht gar so heiß, dass man sich sämtlicher Scheuklappen, die womöglich erschreckende Zusammenhänge verbergen, entledigen möchte. Vice – Der zweite Mann schlägt gefühlt alle scheinbar so launigen wie persönlich gefärbten Dokusoaps eines Michael Moore um Längen, schon alleine von der Konzeption her, und ist die deutlich bessere Wahl, wenn es darum geht, die Mechanismen politisch motivierter Egomanen zu entbeinen. Vice, das ist nicht unbedingt in erster Linie die dramaturgische Passform für erlesene Schauspielkunst. Das ist es auch, aber nicht vorrangig. Vice, das ist natürlich auch eine Meinung, so wie Michael Moores Filme Meinungen vertreten. Fakten auf eine reine Objektivität herunterzubrechen, damit tut sich das Genre des erhellenden Dokumentarfilms ohnehin schwer, obwohl der Anspruch auf Unbefangenheit ein erfüllter sein will. McKay gelingt es, die Chronik der Ereignisse rund um einen schattenhaften Regierungs-VIP zumindest auf solche Art in die teils frei interpretierte True Story einzustreuen, dass sie einem Modul gleich immer noch bei Bedarf entnehmbar bleibt, wie das Corpus delicti bei einem Prozess. Natürlich kann ich mich der Richtigkeit all der Fakten nicht versichern, dazu fehlt mir die Zeit, das überlasse ich Leuten, die so tun, als wären sie Journalisten vom Kaliber eines Bob Woodward oder Carl Bernstein, und wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich das auch bei Adam McKay glauben. Aber Adam McKay ist ein Komiker, einer, der die erogenen Zonen der Macht ertasten kann und messerscharfe Satiren schreibt, der mit Tina Fey gemeinsam gearbeitet hat, der ähnlich unserer Staatskünstler im ORF reingewaschener Politik das Wilde herunterräumt und dabei fast schon investigativ wirkt. Diese als Semidokumentation getarnte Teilbiographie eines stillen Wüterichs ist keine reine Satire an sich, denn dann hätten wir eine Burleske wie The Death of Stalin. Eine reine Satire aus Vice zu machen wäre aber auch am Ziel vorbei, denn erschreckenderweise braucht McKay in seinem Film kaum wirklich Raum, um dramaturgischen Übertreibungen Luft zu machen. Wie schwer sich Satire tun kann, den unglaublichen Begebenheiten der realen Regierungsgeschichte Nordamerikas den Rang abzulaufen, in diesem Punkt lässt Vice ziemlich tief blicken.

Die Skandale ausgehend vom 11. September und George W. Bushs Machtdemonstration ist uns allen – eben auch spätestens seit Moores polemischem Fahrenheit 9/11 – weitestgehend bekannt. Dass der Irak vorrangig aus wirtschaftlichem Interesse okkupiert wurde und auch der Terrorist az-Zarqāwī erst durch die USA selbst erstarkte, wie zuvor schon Osama Bin Laden (der im Afghanistankrieg von den USA bis an die Zähne bewaffnet wurde), entlockt kaum mehr ein überraschtes Aha.  Dass Adam McKay seine Version des George W. aber keineswegs (wie auch all die anderen Persönlichkeiten) dem Gespött preisgibt und ihm sprichwörtlich die Hosen runterzieht, während er vor dem Volk predigt, kommt dann doch unerwartet. Der von Sam Rockwell erstaunlich gut imitierte Präsidenten-Cowboy bleibt maximal ein Naivling, eine Marionette, die glaubt, autark zu handeln, dabei aber von unsichtbaren Kräften geführt wird, deren Oberhaupt der scheinbar unscheinbare Dick Cheney sein könnte, ein lakonischer Kauz von Politiker, der sich, wäre nicht seine Frau Lynne gewesen, in jungen Jahren womöglich in den Notstand gesoffen hätte. Wir wissen, es ist anders ausgegangen, und Cheney wird sich mit dem harmlos scheinenden Äußeren eines bequemen Onkels an die Spitze der Macht aalen, wie einst und vor vielen hundert Jahren ein gewisser Thomas Cromwell, der König Heinrich VIII regieren hat lassen, allerdings nach seinem Gutdünken, und stets nah am Verrat an seinem Herren über selbigem hinwegentschieden hat, nur um sich dann wieder auf dessen angebliche Entscheidungen zu berufen. Cromwell war der Mann im Hintergrund, und gleichzeitig das Schreckgespenst einer sündenbockenden Henkerspolitik. Wir sehen: Geschichte wiederholt sich, und auch das finstere Erbe mittelalterlicher Machtgier war mit im Gepäck der ersten europäischen Siedler nach Übersee. Die Schemata sind also die gleichen, nur Cromwell wird selber Opfer seiner Politik, während Cheney scheinbar die Absolution von irgendwo oben erhält, um seine Interessen zu wahren. Mit höherer Gerechtigkeit hat das Ganze gar nichts mehr zu tun, die gibt es nicht in McKays sezierendem Drama, das die Absurdität der Tatsachen in galligen Sarkasmus kleidet, nur um nicht überzuschnappen in Anbetracht einer Paranoia auslösenden Willkür von wenigen, die das Land der unbegrenzten Möglichkeiten matt setzen. Bleibt nur noch ein Gott, der Blitze schleudert – aber das tut er nicht. Diese Ohnmacht hat schon Karl Kraus in seinem Opus Magnum Die letzten Tage der Menschheit bis zum Exzess beschrieben – und tatsächlich finden sich in Vice Szenen, die den Visionen des kritischen Denkers entnommen sein könnten. Wenn Cheney mit Rumsfeld, Wolfowitz und Powell fein diniert und das Menü, bestehend aus Angstmache, Folter und der Theorie der einheitlichen Exekutivmacht wählt, dann wähnt man sich in einer der bizarren Szenen von Kraus´ Tragödie in 5 Akten. Wenn Cheney und Ehefrau Lynn im ehelichen Bett plötzlich anfangen, in shakespeare’schen Floskeln zu sprechen, erreicht Vice satirische Spitzen von einprägsamer Wucht und schafft erst durch solche Übertreibungen, die unerhörte, scheinbar willkürliche Niedertracht wie das pochende Herz Dick Cheneys mit beiden Händen zu fassen. Das ist schon bitteres, intelligentes Kino mit Verstand und nagendem Gewissen, dazu noch ohne viel liberaler Gutmenschtümelei des Verfassers.

Was Christian Bale betrifft – der hat zum Glück nicht so viel Makeup benötigt wie letztes Jahr Gary Oldman in Die dunkelste Stunde. Bale ist ja bekannt für seine Bereitschaft zum Jojo-Schauspieler, breiter kann das Spektrum an Rollen kaum sein, wenn wir uns auf der einen Seite mal Filme wie The Machinist oder Rescue Dawn hernehmen, wo der gebürtige Waliser als Schatten seiner selbst dahinvegetiert – und auf der anderen Seite eben Filme wie Vice, wo Bale womöglich mit wenigen Kniffen bis zur Unkenntlichkeit adaptiert und mit Schmerbauch den feisten Polit-Kalifen gibt. Das ist schon eine Sensation, was da geht – und womit eigentlich das ganze Ensemble spielfreudig miteifert, wobei Sam Rockwell und Steve Carell als werteverachtender Rumsfeld Performance-Gigant Bale fast schon die Show stehlen.

Vice ist, obwohl er in der jüngeren Geschichte nach Schuldigen fischt, gerade mit dieser Vergangenheit, aus der wir lernen sollten, ein klug konstruiertes Meisterwerk, dass die Schuppen von den Augen friemelt, dass die eigene rosarote Brille putzt und mit Komplementärverstand die schmeichelnde Farbe der eigenen Verdrängung wegfiltert. Zu Recht für den Oscar als bester Film nominiert, ist dieses großartige Stück Politkino im Gewand einer Art Lebensbeichte ein wichtiger, wenn auch peinlich berührender Knüppel zwischen den Beinen einer „Weltpolizei“, die eigentlich ihr Amt missbraucht hat.

Vice – Der zweite Mann

Green Book – Eine besondere Freundschaft

FAHR´ MA, EUER GNADEN!

9/10

 

greenbook© 2019 eOne Germany

 

LAND: USA 2018

REGIE: PETER FARRELLY

CAST: VIGGO MORTENSEN, MAHERSHALA ALI, LINDA CARDELLINI U. A.

 

Angeblich soll Albert Einstein einmal gesagt haben: „Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit. Aber beim Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“ Dass die menschliche Dummheit wirklich keine Grenzen kennt, das belegt wieder mal die Existenz das in den 60er Jahren unter der schwarzen Bevölkerung Amerikas verbreitete Green Book. In diesem sagen wir mal Heftchen sind alle Etablissements, Hotels und Tankstellen verzeichnet, die Schwarze betreten dürfen. Mit diesem Green Book konnte man damals unter der Präsidentschaft von John F. Kennedy relativ problemlos die vom Rassismus geprägten Südstaaten bereisen, ohne belästigt, beschimpft oder geprügelt zu werden. Das es so etwas wie das Green Book überhaupt geben muss, ist eine Schande. Andererseits kann ein Reiseführer wie dieser Bad Vibrations relativ gut abwenden. Dass man sich damit aber mit der gesellschaftspolitischen Situation von damals eher arrangiert hat als diese zu verändern, war wohl auch klar. Nichtsdestotrotz hat der schwarze Jazzpianist Dr. Don Shirley, ein distinguierter Gentleman, das Druckwerk jedenfalls mit dabei, auf seiner Konzerttournee bis tief in die südlichen Sümpfe der Gesellschaft, um vielleicht doch etwas zu verändern. Zumindest seinen Standpunkt zu vertreten – und ein Exempel zu statuieren. Dazu braucht es Mut. Und einen Fahrer. Der wiederum gehört zum Sicherheitspersonal eines Nachtclubs, und da dieser gerade wegen Umbaus geschlossen hat, wittert der Italoamerikaner Tony Lip das große Geld. Immerhin sind es zwei Monate Support in Belangen nicht nur des Kutschierens von A nach B, sondern auch, Probleme, die Shirleys Auftritten im Weg stehen könnten, aus dem Weg zu räumen.

Unterschiedlicher können die beiden Zeitgenossen nicht sein, wirklich nicht. Tony Lip ist ein Gourmand unter der amerikanischen Sonne, einer der (wett)essen kann, wie der Tag lang ist. Der im Grunde zwar auch keine Schwarzen mag, aber warum eigentlich? Der Tacheles redet, angeblich nie lügt und gerne mal aufbrausend Fäuste unter unliebsame Nasen hält. Und Don Shirley – schon die erste Begegnung der Beiden wirkt wie eine Audienz vor einem afrikanischen Monarchen. Der belesene Snob ist eloquent, leicht affektiert und unlocker vom Scheitel bis zur Sohle. Wen wundert’s, in so unbequemen Zeiten wie diesen, wo du als Schwarzer einfach wissen musst, wer du bist, um nicht unter die Absätze nationalistischer Weiße zu geraten. Somit ist Shirley auch keiner, mit dem man schnell warm wird. Tony Lip aber wird das ändern.

Natürlich gibt es jede Menge Buddy-Movies wie dieses. Zwei, die unterschiedlicher nicht sein können, sind unterwegs von A nach B und raufen sich zusammen. Da hat selbst das Problem-Filmland Österreich einen Klassiker in petto – nämlich Indien. Kabarettkino ja, auf den ersten Blick, tatsächlich aber voller Tiefe und sehr berührend. Green Book hat, den österreichischen Witz mal außer Acht gelassen, ähnliche Szenen zu bieten. Wenn der beharrliche Tony Lip Pianist Doc Shirley unterwegs ein Ohr abkaut oder ihm Kentucky Fried Chicken unter die Nase hält, dann sind das Doppelconferencen erster Güte. Der Film wäre aber längst nicht so ein Bringer, wäre Tony Lip anders besetzt worden als mit Viggo Mortensen. Nichts ist mehr übrig aus seinen Zeiten als Aragorn. Wunderbar, wie wandlungsfähig der Mann ist – und als leicht korpulenter, appetitvoller Türsteher, der nicht gerade zu den Intellektuellen zählt, aber das Herz am rechten Fleck hat, den Film trägt wie kein zweiter. Auch, weil er in seiner straighten, aber unzementierten Weltanschauung fähig ist, seinen eigenen und den Standpunk des intellektuellen Shirley nachhaltig zu hinterfragen. Mahershala Ali als kultivierter Feingeist und Klaviervirtuose ist ein wunderbarer Gegenpart zu Mortensens feixendem, gemütlichem Auftreten. Seine Vorsicht vor den Menschen, sein expliziter Sinn für Anstand und mit der meist auf Verteidigung angelegten Verfechtung seiner Würde ist der einsamen Seele in feinstem Maßanzug auf den Leib geschneidert. Fast schon legendär, wie sich beide ergänzen, wie sie voneinander lernen und wie sie zusammen dieses Roadmovie meistern, scheinbar völlig als Selbstläufer, ohne viel Input von außen. Peter Farrelly, bekannt als Macher zotigen Klamauks jenseits des guten Geschmacks, hat sich hier wohl in die leinerne Rückenlehne seines Regiestuhl lehnen können – die beiden Buddies schaukeln den Film, als wäre es ihr echtes Leben. Das macht Green Book eigentlich auf nahezu vollkommene Weise zu einem der besten Wohlfühlfilme seit langem, zu einem filmischen Grundstein einer lebenslangen Freundschaft, die tatsächlich mit dieser abenteuerlich-erkenntnsireichen Fahrt in den Süden ihren Anfang genommen hat. So eine Freundschaft wünschen wir uns alle, nur allzu selten passiert sowas tatsächlich. Umso schöner ist dann ein Film wie dieser, der zeigt, wie´s gehen kann.

Green Book – Eine besondere Freundschaft

BlacKkKlansman

DER KUCKUCK IM KU-KLUX-KLAN

5/10

 

BlacKkKlansman© 2018 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: SPIKE LEE

CAST: JOHN DAVID WASHINGTON, ADAM DRIVER, LAURA HARRIER, TOPHER GRACE, JASPER PÄÄKKÖNEN, ALEC BALDWIN U. A.

 

Als Ron Stallworth im Polizeikommissariat Colorado Springs, Abteilung Undercover-Ermittlungen, nach einem Blick in die Tageszeitung zum Hörer greift und auf eine plötzliche Eingebung hin die Nummer des Ku-Klux-Klans wählt, unterliegen nicht nur die Kinnladen der Filmkollegen der Schwerkraft. Dieser Ron Stallworth, der ist nämlich ein Afroamerikaner. Einer der wenigen, die zu dieser Zeit überhaupt in staatliche Dienste gestellt werden, noch dazu sichtbar für das latent rassistisch geprägte amerikanische Volk der Weißen, die damit wenig anfangen können und wo verdeckte Ermittlungen grandios funktionieren, weil einfach niemand damit rechnet, das Schwarze im Umfeld potenzieller Gefahrenquellen herumschnüffeln könnten. Diese einmalige Gelegenheit, die lässt Ron Stallworth nicht verstreichen. Und landet schon alleine mit seinem unverschämten Anruf beim lokalen Gruppenleiter der Kapuzen-Rassisten eine schallende Ohrfeige auf den Wangen Reinheitsgebot predigender Herrenkrieger.

Mit diesem Stoff hat sich Kultregisseur Spike Lee etwas ganz Brisantes ausgesucht. Diese True Story, die sich in den 70ern ereignet hat und auf den Erinnerungen des echten Stallworth beruht, ist kaum zu glauben und schreit danach, vor allem in Zeiten wie diesen verfilmt zu werden: Ein Schwarzer infiltriert und unterwandert das superrechte Lager und gibt ale eine Art „Till Eulenspiegel“ mit Afro den kleinkarierten Unfug der Möchtegern-Arier der Lächerlichkeit preis. Dieses Kunststück der Entlarvung wäre wohl nicht gelungen, hätte Ron Stallworth nicht Kollegen an seiner Seite gehabt, die bei diesem präventiven Schildbürgerstreich mitgespielt hätten. Dank des Juden Flip Zimmerman erschaffen die Undercover-Experten eine fiktive Figur echten Namens, die sowohl vor als auch hinter dem Telefon funktioniert und selbst den nationalistischen Abgeordneten und Oberguru David Duke aufs schneeweiße Glatteis führt.

Wie sehr doch Spike Lee die Möglichkeiten dazu gehabt hätte, den rechtsradikalen Ku-Klux-Klan mithilfe des aufblätternden Witz eines Charlie Chaplin als haltloses Ad-Absurdum-Vehikel darzustellen. Doch die Wut und die Furcht des Filmemachers konnten einfach nicht dulden, der erlebenswerten Realsatire ganz allein das Feld zu überlassen. Spike Lee wollte ein politisches Statement verkünden, dass er aber als Understatement ohnehin schon gehabt hätte. Lee macht es letzten Endes wie Michael Moore – er wird populistisch, und stiehlt durch seinen Populismus seiner intelligenten Chronik der Ereignisse voller Länge die Show. Hätte es die Realszenen am Ende des Filmes zu den Ereignissen des August 2017 wirklich gebraucht? Oder Harry Belafonte´s (welche Überraschung, ihn nochmals auf der Leinwand zu sehen) Chronik der Hinrichtung eines geistig behinderten Schwarzen? Meiner Meinung nach nicht. Meiner Meinung nach fühlt es sich so an, als hätte Spike Lee auf den Zündstoff seiner subversiven Beinstellerei letzten Endes nicht mehr vertraut. Und so soll im Nachhinein die Angst vor Trump und den gewalttätigen Rechten jene Wirkung erzielen, die eigentlich Stallworth als Wolf im Schafspelz hätte erzielen sollen. Dieser Semidokumentarismus, der wäre in Filmen wie Detroit von Kathryn Bigelow besser positioniert gewesen. Aber nicht in einem Film wie BlackkKlansman, der ohnehin ein gebildetes, linksorientiertes Publikum zu erwarten hat, das längst weiß, wie sehr das rechte Nationalbewusstsein derzeit neu erstarkt. BlackkKlansman hätte mit all seiner souveränen Hinterfotzigkeit das Problem von einer ganz anderen, überraschenden Seite anpacken können – nämlich aus der Mitte heraus, wie ins Auge des Sturms teleportiert, und nicht frontal und für alle sichtbar von außen.

BlacKkKlansman ereignet sich vor dem Hintergrund der Black Power-Bewegung. Doch von Power ist der Film weiter entfernt als gedacht. Lee erzählt die irren Ereignisse in einem scheinbar contraindizierten Chill-Modus. Das entschleunigte Tempo bewahrt zwar einen lässigen Überblick, findet aber im Gegensatz zu den anklingenden Soulklassikern kaum einen eigenen Rhythmus. Dieser folglich unentschlossenen Ambition für den Film und des streckenweise verhobenen Timings fallen auch Hauptdarsteller John David Washington und Adam Driver zum Opfer, die natürlich als Undercover-Profis alles andere als wütend, dafür aber von einer gewissen entrückten Gelassenheit beseelt sind, die dem Film noch dazu einiges von seiner eigentlich elektrisierenden Wirkung nimmt. Im Gegensatz dazu gebärden sich die radikalen Sektierer des Ku-Klux-Klans in beängstigendem Fanatismus, allen voran Vikings-Darsteller Jasper Pääkkönen. Vielleicht sollen sogar die unterschiedlichen Verhaltensmuster die Kluft zwischen Absurdität und Verstand stark konstrastieren – die motivierende Energie der Aufklärer fällt allerdings seltsam schal aus.

So muss ich trotz der vielen hochlobenden Kritiken, die zu BlacKkKlansman zu lesen waren, eher enttäuscht feststellen, dass Spike Lee seiner sarkastischen Demaskierung eines so kruden wie zerstörerischen Weltbilds selbst nicht ganz vertraut und dort politische Tagungsreden schwingt, wo cleveres Understatement mit ordentlichem Nachhall für sich allein Bände gesprochen hätte.

BlacKkKlansman

Die Frau, die vorausgeht

MALEN FÜR DAS VÖLKERRECHT

5/10

 

WWA_D05_00474.ARW© 2017 Tobis Film

 

ORIGINAL: WOMAN WALKS AHEAD

LAND: USA 2017

REGIE: SUSANNA WHITE

MIT JESSICA CHASTAIN, MICHAEL GREYEYES, SAM ROCKWELL, CIARÁN HINDS, MICHAEL NOURI U. A.

 

Habt ihr jemals etwas von Caroline Weldon gehört? Ich zumindest nicht. Die New Yorker Witwe mit Schweizer Wurzeln war Ende des neunzehnten Jahrhunderts eine einmalige Erscheinung. Eine Künstlerin, um genau zu sein eine Malerin, doch das wäre nicht das Bemerkenswerte an dieser Frau – Caroline Weldon ist in die Wildnis gezogen, weit nach Westen in die Prärie, um den legendären Sioux-Häuptling Sitting Bull zu portraitieren, oder besser gesagt das, was von ihm übrig ist. Tot ist er zu diesem Zeitpunkt noch nicht, die glorreichen Tage allerdings sind lange vorüber. Bei Sitting Bull knüpfe ich mit meiner Geschichtskenntnis wieder an. Das wissen wir – nämlicher Häuptling hatte damals gemeinsam mit Crazy Horse General Custer das Fürchten gelehrt. Die Schlacht am Little Bighorn 1876 war wohl die größte Niederlage der Weißen während der Indianerkriege. Die Folge war die Ermordung aller beteiligten Stammeshäuptlinge – bis auf Sitting Bull. Der hat seine traditionelle Tracht gegen westliche Gewänder getauscht und gräbt lieber nach Kartoffeln als nach den Wurzeln seines Stammesstolzes.

Dass gerade eine Frau hier noch das letzte bisschen Selbstachtung aus dem legendären Krieger hervorholt, ist Grund genug, darüber einen Film zu drehen. Vor allem weil mit dem Damenbesuch im Reservat der Anfang vom Ende der Sioux eingeleitet wurde. Dieses Requiem an die indigene Bevölkerung Nordamerikas, diese schmerzliche Entwurzelung – die hätte allerdings deutlich packender werden können. Regisseurin Susanna White, die schon mit dem Spionagethriller Verräter wie wir eigentlich hauptsächlich aufgrund der schalen Performance Ewan McGregor´s nicht überzeugen konnte, hat sich die toughe Jessica Chastain in die staubige Weite der Lakota-Territorien geholt. Mit ihr und Oscar-Preisträger Sam Rockwell am Start dürfte relativ wenig schiefgehen, zumindest schauspielerisch. Chastain hat allerdings leider nicht das Charisma eines so offenherzig impulsiven Gutmenschen wie Caroline Weldon einer war. Eher ist die rothaarige Intellektuelle für charakterliche Grauzonen geeignet – kühl, berechnend, stets ein As im Ärmel, tief drinnen aber ungemein verletzbar. Die Malerin aus New York gelingt ihr nur bedingt, spitzenbesetzte Kleider und eng geschnürtes Mieder will sich die Damen nach Drehschluss am Liebsten schleunigst vom Leib reissen. Ihr zur Seite die große Sioux-Legende, mit Michael Greyeyes viel zu jung besetzt. Gut. Sitting Bull wurde knapp 60 Jahre alt, dennoch strahlt dieser Häuptling hier in White´s Film wie es scheint keinerlei Erfahrung aus. Fast könnte man meinen, die Malerin und ihr Model sind gleichen Alters, was so wahrscheinlich nicht stimmt.

Da Die Frau, die vorausgeht meist Szenen präsentiert, die Chastain und Greyeyes im Dialog miteinander darstellen, fehlt dem Film vollends die Gewichtung dieser Begegnung, die Erfahrung und Entbehrung dahinter. Die Begegnungen der beiden sind so oberflächlich wildromantisch wie die idealisierten Malereien, die zu dieser Zeit entstanden sind. Sobald die Geschichtsstunde aufs politische Podest gehoben wird, überwiegen die völkerrechtswidrigen Fakten vor traditionellem Wildwest-Charme, dann folgt die Aufklärung und das garstige Bild der weißen Invasoren von damals, die das Desaster am Little Bighorn so vernichtend rächen mussten. Davon zeugt das Massaker an den Lakota-Indianern in der Ortschaft Wounded Knee 1890.

Der Wucht dieses Genozids weiß Susanna White´s Film nichts entgegenzusetzen, weder einzufangen noch zu ertragen. Dagegen wirkt die gut betuchte Volksaktivistin Weldon trotz all ihres Engagements ziemlich neben den Ereignissen stehend, so wie unterm Strich der ganze Film, der lieber in nostalgischer Wehmut schwelgt. Was vielleicht prinzipiell gar kein Fehler ist, in diesem feministischen Polit-Western aber extrem hausbacken daherkommt.

Die Frau, die vorausgeht

No Way Out

HELDEN WIE IKARUS

7,5/10

 

NO WAY OUT - GEGEN DIE FLAMMEN© 2018 Studiocanal

 

ORIGINALTITEL: ONLY THE BRAVE

LAND: USA 2018

REGIE: JOSEPH KOSINSKI

MIT JOSH BROLIN, MILES TELLER, JENNIFER CONNELLY, TAYLOR KITSCH, JEFF BRIDGES, ANDIE MCDOWELL U. A.

 

Grisu liegt mir in den Ohren. „Ich will Feuerwehrmann werden, ich will Feuerwehrmann werden!“ Kann sein, dass der kultige Drache aus dem Kinderprogramm spätestens nach Sichtung des vorliegenden Films seinen Berufswunsch neu evaluiert. Der Faszination für die Missionen eines Flammenbändigers, welcher bevorzugt die ganz Kleinen erliegen, tut das allerdings keinen Abbruch. Die Macht des Feuers lässt sich bequem mit dem bedrohlichen Gigantismus von Dinosauriern gleichsetzen. Bedrohungen also, deren Bezwingung vor allem Jungs in ihren Bann zieht. Der freiwilligen Feuerwehr anzugehören, ist etwas, dass ein bisschen nach stolzem Heldenmut schmeckt. Keine Frage, Feuerwehrmann macht was her. Für ausreichend Aufmerksamkeit in den Kinos schafft es der Reiz der Brandbekämpfung erst so richtig in den 90ern. Ron Howard erklärte uns den Backdraft – die Sogwirkung des Feuers in geschlossenen Räumen mit Zugluft. Durchs Feuer gingen damals die Creme de la creme Hollywoods wie Kurt Russel und William Baldwin. Eine Herzensangelegenheit für den Pyrotechniker in uns. Satt in Szene gesetzt – ein Heldenepos, natürlich verlustbehaftet.

Ähnlich geht es in Joseph Kosinski´s brandneuem Filmdrama zu. Aber bis auf das Feuer, den Rauch und die Gefahr ist in No Way Out – Gegen die Flammen alles ganz anders. Der Regisseur des Science-Fiction-Thrillers Oblivion mit Tom Cruise hat sich einer wahren Geschichte angenommen, die sich in Arizona vor rund 5 Jahren zugetragen hat. Anders als in Backdraft, wo der Feuerteufel in urbanem Gelände wütet, sind in Now Way Out (im original Only the Brave) Trockenheit, Hitze und Wind die todbringenden Eigenschaften, die ganze Landstriche einäschern. Die brennenden Wälder im amerikanischen Westen, vor allem in Kalifornien, haben es sogar in die österreichischen Schlagzeilen geschafft, von den Bränden Portugals mal abgesehen. Wie nun die Brandbekämpfer im offenen Gelände vorgehen, um den tobenden Inferni Herr zu werden, ist etwas, was mich fast dazu bewogen hätte, meinen zwölfjährigen Neffen in den Film mitzunehmen, der selbst bei der freiwilligen Feuerwehr anlernt. Interessiert hätte es ihn allemal. Nur gut, dass ich es letzten Endes nicht getan habe. Denn No Way Out ist alles andere oder weit mehr als ein zumutbares semidokmentarisches Abenteuer, das den Einsatz todesmutiger Männer ehrt oder gar Lust darauf macht, dem feuer die behelmte Stirn zu bieten.

Kosinski´s Film ist einer der traurigsten und bestürzendsten Filme der letzten Zeit. Sofern man die Fakten zu den Geschehnissen rund um die Yarnell Hill Fire nicht im Vorfeld nachliest, kann es gut und gerne passieren, dass No Way Out den Zuschauer bis ins Mark berührt. Jene, die nachgelesen haben, können sich zumindest auf das, was da kommen mag, schon irgendwie einstellen. Dafür haben diese es dann deutlich schwerer, die Vorgeschichte zu ertragen. Egal wie man es angehen würde – die bildgewaltige und hochkarätig besetzte Katastrophe wird ihren Eigenschaften als solche gerecht. Dabei lässt anfangs nichts davon erahnen, wo genau Kosinski und Drehbuchautor Eric Singer (American Hustle) eigentlich hin wollen. Alles spricht vorerst für relativ routiniertes Starkino mit einzelnen biographischen Skizzen, die leicht als dramaturgisches Beiwerk missverstanden werden können. Gediegene Seriendramatik wird spürbar, die Storylines eines Miles Teller oder Josh Brolin, beide schauspielerisch top, fordern die Geduld. Dazwischen die Arbeit der Hot Shots – Gräben ziehen, Feuer mit Feuer bekämpfen, Notfallübungen unter der Rettungsdecke. Interessant, routiniert, vielleicht zu nebensächlich – bis im letzten Kapitel alles seinen verdienten Sinn bekommt – und dem Team der Granite Mountain Hot Shots ein feuerfestes Denkmal gesetzt wird, dass sich ihren Leistungen und Entbehrungen mehr als würdig erweist.

Wer also Flammenaction erwartet, wird größtenteils enttäuscht werden. Wer Schauspielkino sucht, kann sich an jeder Menge Stars erfreuen. Und wer wirklich erfahren will, was die Extreme dieser Welt im Stande sind, einzufordern, wie Verlust sich anfühlt und Neuanfang funktioniert, wird bei No Way Out – Gegen die Flammen emotional überrascht werden.

No Way Out

Empörung

AM KUCKUCKSNEST VORBEI

7,5/10

 

empoerung© X-Verleih 2016

 

ORIGINAL: INDIGNATION

LAND: USA 2016

REGIE: JAMES SCHAMUS

MIT LOGAN LERMAN, SARAH GADON, TRACY LETTS, TIJUANA RICKS U. A.

 

Die Bücher von Philip Roth sollte ich wirklich mal lesen. Derweil kenne ich den wohl bekanntesten amerikanischen Romancier der Gegenwart eigentlich nur aus dem Kino – wo er in erster Linie eigentlich nicht hingehört. Roth sollte gelesen werden, keine Frage. Und spätestens nach Sichtung der jüngsten Verfilmung eines seiner Bücher kann das garantiert kein Fehler sein. Alleine 2016 haben sich gleich zwei Celluloid-Künstler den gesellschaftskritischen Stoffen des Literaten angenommen. Niemand geringerer als Ewan McGregor wollte bei seinem Regiedebüt ohne Umschweife gleich ans Eingemachte gehen. Den Roman Amerikanisches Idyll zu verfilmen ist gleich mal eine schauspielerische wie dramaturgische Herausforderung. Spannende Geschichte, aufwühlend und tiefgründig. Und siehe da – für einen Erstling überraschend stilsicher umgesetzt. Dankenderweise auch aufgrund der empathischen Schauspieler.

Die Blöße, mit etwas Gefälligerem als Philip Roth sein Regiedebüt zu zementieren, wollte sich Filmproduzent James Schamus aber dann auch nicht geben. Wenn schon McGregor sich nach Höherem streckt, wäre es blamabel, hier hinten anzustehen. Also welche Bücher haben wir noch, von Philip Roth? Empörung, Originaltitel Indignation. Wie in den meisten Büchern Roth´s – auch wenn ich sie nicht gelesen habe, aber soviel weiß ich – spielt die Handlung auch hier im amerikanischen Osten, wir haben eine in den 50er Jahren etablierte jüdische Familie, die sich im Schweiße ihres Angesichts alles aus eigener Hand aufgebaut hat. Und wir haben, was Philip Roths Werke so aufwühlend dicht gestaltet – die Auflehnung des Nonkonformismus. Die Schwierigkeit des selbstständigen Denkens in einem gesellschaftlichen System der geordneten Gleichheit und Hörigkeit. Empörung erzählt von einer unorthodoxen Liebesbeziehung an einer konservativen Universität im Ohio der Nachkriegszeit. Eine Zeit, in der Agnostizismus undenkbar, psychosoziale Auffälligkeit untragbar war. Sprichwörtliches Ertrinken war die Folge davon, wenn man gegen den Strom schwimmen wollte. Im Angesicht untergeordneten Ehrgeizes und christlich-konservativer Kuratel sind Querdenker und Individualisten die „Judasse“ einer gleichförmigen Gemeinschaft, sie sich im Gruppenzwang zum Erfolg hindurchaalt, dabei aber das eigene, selbstständig denkende Ich verrät. So ein „Judas“ ist der Student Marcus.

Die eremitische Tendenz des Freigeistes und die Ablehnung der Kirchenpflicht wäre ja schon unbequem genug – die Beziehung zur psychisch labilen Olivia, die ihrem Liebhaber nach Monika Lewinski den wohl folgenschwersten Fellatio Amerikas gönnt, setzt der Empörung wohl die Krone der Verschwörung aufs Haupt. Was anders ist, gehört ausgesondert. Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen. Wobei die Definition von Schlecht wohl im Auge des alleinherrschenden Rektors liegt. Fast möchte man meinen, der verfilmten Prosa eines Ödön von Horvath zu folgen. In seinem Roman Jugend ohne Gott sind es auch die Andersdenker, die dem Widerstand folgen. Die ausbrechen aus der diktierten Gehirnwäsche. Auch Erich Kästner lässt in seinem Ich-Roman Fabian seine Figur gegen den Sturm breschen. Horvath, sowieso ein Pessimist in Reinkultur, kann seine Querdenker niemals gewinnen lassen. Auch Kästner tut das nicht. Und Philip Roth, der mit Empörung einen Roman wie aus einer anderen Epoche vorlegt, ebenso wenig. Wer hätte da gedacht, dass sich „Percy Jackson“ Logan Lerman mit der tragischen Figur des ideologisch und geistig unterjochten Marcus so sehr identifiziert. Lerman verkörpert das strebsame Genie in unnahbarer, ablehnender Intensität. Fast schon sichtbar, wie diese unbequeme, entnervte, widerspenstige Seele in einem Schraubstock unduldsamer Intoleranz steckt. Und sich letztendlich beugen, verbiegen, brechen muss. Der junge Schauspieler ist beeindruckend. Empörung ist aber durchaus auch abgesehen von seinem Spiel und die von Sarah Gadon verkörperte undurchschaubare Olivia in seiner ganzen erzählerischen Dichte und Schwermut nicht minder sehenswert. Alleine das Psychoduell zwischen dem Universitätsdirektor und dem aufbrausenden Marcus ist das Herzstück des Films – vielleicht auch des Buches – und wird zu einem verstörend fesselnden, analytischen Schlachtfeld von vernichtend manipulativer Polemik. Empörung ist großes Erzählkino, ernüchternd, leidenschaftlich und schmerzhaft.

Empörung

Suburbicon

SICH´S RICHTEN ODER GERICHTET WERDEN

6/10

 

suburbicon© 2017 Constantin Film

 

LAND: USA 2017

REGIE: GEORGE CLOONEY

DREHBUCH: JOEL & ETHAN COEN

MIT MATT DAMON, JULIANNE MOORE, NOAH JUPE, OSCAR ISAAC U. A.

 

Der Papa wird’s schon richten – so haben es zumindest mal Bronner und Qualtinger gesungen. Ob der Papa es hier in Suburbicon richten wird, da hat der kleine Nicky so seine Zweifel. Und das völlig zurecht. Der Junge lebt gemeinsam mit seinen Eltern in einer ziemlich langweiligen Einfamilien-Haussiedlung, für welche die Desperate Housewives wohl schwach werden, alle anderen aber großräumig ausweichen würden. Es strotzt hier nur so vor Spießigkeit, ein jeder biedert den anderen an und zumindest die Damen tauschen im züchtig beschürzten Faltenrock Kuchenrezepte aus. Die Männer gehen ordentlich arbeiten, das Heimchen hinter dem Herd wissend. Die 50er Jahre, da hatte alles noch seine Ordnung, denkt der kleinkarierte Chauvinist. In diesem Dunstkreis spielen sich alsbald Dinge ab, die fürchterlich eskalieren. Dabei will doch jeder nur seine Ruhe, und die Frömmsten in Frieden leben. Wobei – fromm ist hier niemand. Diesen Frieden ersehnen auch die Niederträchtigsten. Womit hätten sie das nur verdient? Zuerst alles Geld in den Sand setzen und dann der Mafia die Kohle schuldig bleiben. Geht gar nicht. Also muss der Biedermann Matt Damon mit altväterischer Krankenkassabrille und täuschend rechtschaffener Mimik die Dinge übers Knie brechen. Die Versicherung zum Narren halten. Und nicht nur die – auch den eigenen Sohn. Welcher aber nicht so naiv zu sein scheint wie sein gieriger Vater, der sich gesundgestoßen glaubt, nachdem die Ehefrau bei einem häuslichen Überfall das Zeitliche segnet.

Ganz schön bizarre Verhältnisse, dabei habe ich noch nicht mal die afroamerikanische Familie erzählt, die sich – warum auch immer – an diesem unsäglichen Ort niederlassen hat müssen. In den 50ern war der Rassenhass womöglich noch en vogue, worauf das fortschrittliche Amerika wahnsinnig stolz sein kann. Da gehört es zumindest in Clooneys schwarzer Groteske zum guten Ton, auf die Straße zu gehen und mit dem Kochlöffel auf Pfannen zu klopfen, um böse Geister zu vertreiben. Doch dieser rote Faden gesellt sich nur nebenbei zum eigentlichen Geschehen, damit deutlich bleibt, in welchem gesellschaftlichen Fegefeuer wir uns befinden. Außerdem sind die bigotten Fünfziger eine Zeit, in welcher Joel und Ethan Coen in genüsslicher Verschwendungssucht die Abgründe kleinkarierter Vorteilssucht wie nirgendwo sonst so deutlich karikieren können. Aus ihrer Feder stammt auch, wie kann es anders sein, die Vorlage zu Suburbicon. Und wenn wir nun ehrlich sind – die Wahl des Regisseurs war hier womöglich keine Qual der selbigen, sondern ein sozialergonomischer Freundschaftsdienst, den die beiden Schreiberlinge dem Schönling mit dem Haus am Comer See angedeihen haben lassen. Genauso gut hätte Regisseur XY den Film inszenieren können. Die Handschrift eines George Clooney trägt der Film beim besten Willen nicht. Matt Damon und Julianne Moore muss man auch längst nicht mehr sagen, wie man zu arbeiten hat. Also könnte der Adressat Clooney tatsächlich nur ein netter Promotiongag gewesen sein.

Und doch – das Kaffeekapsel-Testimonial hat solide Arbeit geleistet. Die konsequent augenzwinkernde Vernichtung des Kleinbürgertums mit allerlei Mord- und Totschlag spitzt sich in frappanter Kurzweil einer kleinen Apokalypse entgegen – ohne aber sehr zu überraschen. Denn den Drang, alles haben und Mitwisser dabei aus dem Weg räumen zu wollen, die Sehnsucht nach dem Paradies des Nichtstuns und des Schlendrians – all das hat schon der Gesundheit etlicher Figuren aus dem Coen-Universum geschadet. Die Gier nach Kapitalglück ist ein Hund, auch und gerade erst in Suburbicon. Das Drehbuch variiert gängige Figuren, die aber allesamt kalt lassen, bedient sich aus der eigenen Mottenkiste und schafft mal hier und mal da ganz gewiefte Konstellationen. Sonst aber macht der Film deutlich, dass auch die Kreativität der ganz Kreativen seine Grenzen hat. Das konnte ich erstmals bei Hail, Caesar! erkennen, einem der schwächsten Werke der beiden Brüder. Viel Lärm um nichts, dafür schön ausgestattet. Da wirkt Suburbicon im Vergleich dazu schon straffer, wenn auch einfallsloser. Und die Moral von dieser G´schicht:  Diesmal wird selbst aus dem horrenden Schaden keiner klug. Oder doch? Womöglich der kleine Nicky. Aber der ist dann schon ein Kind der 60er. Des Jahrzehnts des Umbruchs, der da kommen wird.

Suburbicon