IO

LEBWOHL, ERDE

6,5/10

 

io© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: JONATHAN HELPERT

CAST: MARGARET QUALLEY, ANTHONY MACKIE, DANNY HUSTON, TOM PAYNE

 

Nochmals Danke an die Redaktion der deutschsprachigen Kinomagazins cinema für ihre Filmempfehlungen quer durch gefühlt alle Streamingplattformen, mit Gentle Reminders auf der Liste für längst vergessene Filme, die mit der richtigen Stimmung am Abend vor dem TV-Schirm durchaus vereinbar wären. Wie zum Beispiel der postapokalyptische Streifen IO.

Dabei ist IO alles andere als die wutentbrannte oder völlig mit jedweder Resignation ausgestattete Zukunftsvision einer Bestie Mensch, die sich selbst ihr Grab schaufelt. Nein, das ist IO sicher nicht. Dafür aber ein Abgesang. Nicht auf die Menschheit, denn die scheint es sich mehr recht als schlecht gerichtet zu haben, sondern auf unseren Planeten Erde. Und genau das, dieser Abschied, den man partout nicht nehmen will, der stimmt melancholisch, wehmütig. Das kann doch nicht das Ende dieser Jahrtausende währenden fruchtbaren Beziehung sein? Was genau war denn das Problem?

Nun – keine Luft zum Atmen ist zumindest ein driftiger Grund. Aus was für Gründen auch immer hat sich die Zusammensetzung der Atmosphäre grundlegend verändert. Der Film erklärt aber nicht, wodurch. Doch es ist hier nunmal Fakt, und tendenziell räumt Regisseur Jonathan Helpert sogar ein, dass Mutter Gaia vielleicht so etwas wie ein Bewusstsein hat, und irgendwann scheint sie die Nase voll gehabt zu haben. Luftentzug schien wirksam: der Mensch beginnt also, Raumschiffe zu bauen und die Erde zu verlassen. Als Ziel winkt der Jupitermond IO – eine riesige Raumstation umkreist den Himmelskörper im Orbit. Von dort weg soll ins System Proxima Centauri aufgebrochen werden, um erdähnliche Planeten zu finden. So gut wie fast alle haben den Planeten bereits geräumt. Manche harren aus – und suchen in den windtechnisch günstigen letzten Enklaven mit atembarer Luft nach einem Sinn hinter dem Zerwürfnis. Eine davon ist die Tochter eines Wissenschaftlers, gespielt von Margaret Qualley (das Hippiemädchen aus Tarantinos Once upon a Time… in Hollywood, die Brad Pitt schöne Augen macht), die immer noch Tests an Bienen durchführt. Dann schneit ganz plötzlich „Jules Verne“ Anthony Mackie mit seinem Heliumballon vom Himmel – um den Professor für seinen flammenden, aber letztendlich verpeilten Appell, auf der Erde auszuharren, zur Rechenschaft zu ziehen. Dabei dürfen beide den Start des letzten Shuttles aber nicht verpassen, bevor die Erde endgültig dicht macht.

Nein, bei dem Gedanken, Terra Lebewohl zu sagen, schnürt sich auch bei mir die Kehle zu. Mir geht’s da so wie Margaret Qualley, die eine Chance für einen Neuanfang in all der ganzen Katastrophe sieht, ungefähr so wie das Zombie-Mädchen Matilde aus dem Endzeit-Querdenker The Girl with all the Gifts. Vielleicht steckt ja hinter all dem ein Plan, ein biologisches, selektives Konzept? Sam Walden, so heißt die junge Frau, macht sich so ihre Gedanken, wägt ab was klüger ist – den Planeten zu verlassen oder ihm noch eine Chance zu geben? Gesprochen, überlegt und abgewogen wird hier viel, Spannungskino ist IO keines, hat keine Action und ist weit davon entfernt, Big Drama zu sein. Im Grunde passiert nicht viel, und vielerorts ist man auch nicht unterwegs. Leicht kann es sein, und IO darf sich den Vorwurf eines Langweilers gefallen lassen. Aus meiner Perspektive ist er das nicht. Denn dieser Knackpunkt, dieses Sich-Ausmalens, den Blauen Planeten zu den Akten zu legen, ist alles, was der schwermütige, stille Science-Fiction-Film beim Namen nennen will. Er spinnt daraus die letzte Strophe eines Farewell-Songs, oder anders gesagt fühlt sich IO an wie der letzte hallende Ruf zurück in die leere Wohnung der eigenen Kindheit. Der Mensch scheint erst jetzt, nachdem alles vorüber scheint, erwachsen geworden zu sein.

IO

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