Tides

EIN LUFTBEFEUCHTER NAMENS ERDE

7/10


tides© 2020 Constantin Filmverleih GmbH


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, SCHWEIZ 2020

BUCH / REGIE: TIM FEHLBAUM

CAST: NORA ARNEZEDER, IAIN GLEN, BELLA BADING, SARAH-SOFIE BOUSSNINA, JOEL BASMAN, SOPE DIRISU U. A. 

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Nach der großen Dürre folgt die ewige Feuchtigkeit –- zumindest handhabt der vielversprechende Schweizer Filmemacher Tim Fehlbaum den Fortgang der Menschheit für die ferne Zukunft auf diese Weise. 2011 verblüffte er bereits mit Hell, einer nicht gerade staubfreien Vision einer ausgetrockneten Erde, wo jeder auf der Suche nach einem Tröpfchen Wasser gerne auch mal über Leichen geht. Eine verstörende, düstere Sache, dieser Film, trotz ganz viel Sonne. Weniger düster, aber immer noch düster genug, gibt sich das Gegenstück zu diesem Entwurf: Tides, und zwar spielen da selbige tatsächlich eine wesentliche Rolle, denn alles, was von unserem Planeten noch trockenen Fußes überquerbar scheint, das sind die Gezeitenzonen.

Greta Thunbergs Erben haben also der Wahrheit ins Gesicht sehen müssen, als sie diesen unseren geliebten Planeten aufgeben mussten, um irgendwo anders zu siedeln, nämlich ein ganzes Stück weit entfernt auf einem Staubkorn namens Kepler 209. Im Grunde sowas wie der Mars, nur vielleicht wärmer. (Warum dann nicht gleich auf dem Mars siedeln, wenn man sowieso nicht raus kann?) Als eine Expedition nach Hause geschickt wird, um den Zustand von Terra abzuklären, stürzt die Raumkapsel ab – Astronautin Louise überlebt (Ein guter, bekannter, aber immer wieder reizvoller Ausgangspunkt für dystopische Science-Fiction). Klarerweise bleibt Louise nicht allein, denn sie wird von den Muds – einem Menschenstamm, scheinbar aus dem Waterworld-Universum – eingefangen. Die wiederum werden zwar nicht von den Smokern, jedoch von anderen Wattpiraten überfallen, die deren Kinder klauen. Louise schafft es aus ihrem Gezeitengefängnis und nimmt die Verfolgung auf. Dabei trifft sie auf die eine oder andere, alles verändernde Überraschung.

Tides ist ein Augenschmaus. Womit man Denis Villeneuve bereits bildsprachlich assoziiert, das können andere genauso gut, und ganz ohne Abkupfern. Gedreht an Orten wie der deutschen Nordseeküste mit ihrem ewig scheinendem Wattenmeer, findet Tim Fehlbaum mehr als genug postapokalyptische Settings, ohne auch nur an CGI zu denken. Das Wetter ist als proaktiver Stimmungsdesigner ebenfalls mit an Bord, und das ganz ohne Honorar. Wie bei Villeneuve schälen sich auch hier Silhouetten aus Dunst und Nebel, scheinen alte Schiffswracks, die ihr blankes Grundgerüst in den verhangenen Himmel recken, wie abgestürzte Raumschiffe vergangener Äonen. Dieses Szenario, eingefangen mit einer innovativen Kameraführung, die sich nicht scheut davor, nahe an seine Protagonisten und an all diese mit Regenmänteln und grobem Stoff gekleideten Gestalten heranzugehen, birgt das Zeug für episches Visionskino. Nicht zuletzt findet Fehlbaum mit Nora Arnezeder eine Frauenfigur, die gut und gerne Heldinnen wie Sigourney Weaver oder Katherine Waterston aus dem Alien-Kosmos das Wasser reichen kann. Ein tougher Charakter in einer Welt des Überlebens.

Gegen so viel Setting-Performance und Charakter-Brillanz kommt die Story selbst allerdings nicht an. Diese gibt sich zwar nicht moralinsauer und tadelnd, dafür aber nimmt sie das Ende und den Neuanfang der Menschheit hin wie ein vorbeiziehendes Unwetter. So, wie Mutter Erde das machen würde.

Tides

Ich bin dein Mensch

DIE SIMULATION DER ZWEISAMKEIT

7/10


IchBinDeinMensch© 2021 Majestic Filmverleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2021

REGIE: MARIA SCHRADER

CAST: MAREN EGGERT, DAN STEVENS, SANDRA HÜLLER, HANS LÖW, WOLFGANG HÜBSCH, ANNIKA MEIER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 48 MIN


Es ist menschlich, sich was vorzumachen. Mit der eigenen zurechtverdrängte Realität lässt sich doch gut leben. Warum sollte man also da aufhören, wo es vielleicht am schönsten wäre? Bei der Partnerschaft. Manchmal reicht da einfach nur eine Stimme, um sich zu verlieben. Jean Cocteau hatte die Stimme am Telefon. Für Joaquin Phoenix in Spike Jonzes Her war Scarlett Johannsons Organ zu einer nicht körperlichen KI mehr als genug, um sich zu verlieben. Wenn dann aber ein attraktiver Mann mittleren Alters, augenscheinlich aus Fleisch und Blut, jeden Wunsch von den Augen abliest, kann das nur ein Erfolgsmodell werden. Damit nämlich rechnet eine in Berlin ansässige Robotik-Firma und hat bereits Eurozeichen in den Augen, als nur noch eine einzige Hürde überwunden werden muss, bevor die Innovation auf den Markt kommt: die Testung in privatem Haushalt. Für so etwas wird die Archäologin Alma mehr oder weniger zwangsverpflichtet. Sie muss den Partner-Androiden Tom für 3 Wochen mit zu sich nach Hause nehmen und auf die Frage Eignen sich Roboter als Partner-Ersatz? ein so gut es geht objektives Gutachten verfassen. Alma hat wenig Lust dazu, steckt sie doch bis über beide Ohren in einer Studienveröffentlichung zum Thema Keilschriften. Doch da muss sie durch – und nimmt den etwas hölzern wirkenden Charmebolzen mit in die eigenen vier Wände. Dieses Gekünstelte, so meint Tom, gibt sich bald – er muss seinen Algorithmus nur noch perfektionieren. Was aus diesen nächsten Wochen daraus entstehen mag – es ist nicht vorherzusehen. Und das ist schon mal eines der schönen Dinge, die diesen Film als etwas sehr Interessantes klassifizieren.

Ich bin dein Mensch ist ein Science-Fiction-Film, der noch weniger als Her visuellen Futurismus auch nur irgendwie nötig hat. Niemals blickt man in das Innere von Tom, niemals auch nur sind scheinbar schwebende Displays, Kabeln oder Knöpfe jemals relevant. Maria Schrader schlägt mit ihrem durchdachten Beitrag zum Informationszeitalter eine ganz andere Richtung ein. Dabei ist es, im Gegensatz zu ebenfalls recht durchdachten Filmen aus dem Roboter-Genre, auch nicht gerade die Frage der Ethik, die hier im Vordergrund steht. Für sie ist der Umstand, oder die Möglichkeit, alsbald einen Mensch-Ersatz menschlichem Willen zu unterwerfen, ein Umstand, der genauerer Betrachtung bedarf. Ein sozialpsychologisches Problem also. Eine ganz eigene Studie, die Maria Schrader hier betreibt, und für die sie mit Maren Eggert eine ebenso kritische wie leidenschaftliche Verfasserin gefunden hat. Vor ihr der charmante, ein bisschen als eine Mischung aus Anthony Perkins und James Stewart empfundene Gesellschafter – Dan Stevens (u. a. Die Schöne und das Biest, Downton Abbey) schafft als grüblerischer und gutmütiger Android mit britischem Akzent einen brillanten Balanceakt zwischen Star Trek´s Data und einem menschlichen Superhirn wie Sheldon Cooper, dazwischen aber gelingen ihm verblüffend menschliche Züge, bei welchen man als Zuseher fast schon selbst vergisst, dass dieser Tom eigentlich ein Roboter ist. Dabei zählen seine durchaus logisch nachvollziehbaren Handlungen, die enormes komödiantisches Potenzial entfalten, zu den wirklich witzigen Höhepunkten des Films.

Ich bin dein Mensch ist aber nur zum Teil Komödie. Im Grunde ist Schraders Film eine Gewissensfrage – an den Menschen im Zustand erdrückender Isolation und an ein künstliches Wesen, das vorgibt, alles zu verstehen. Die Simulation der Zweisamkeit allerdings kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein, ist sie doch darauf ausgerichtet, die Grundmotivation der Lebenden, nämlich das Streben nach unerfüllten Wünschen, vorwegzunehmen. Doch andererseits… was weiß man.

Diese nachdenkliche, spitzzüngige und enorm pointierte Komödie über ein gesellschaftliches Grundproblem unserer Zeit schlägt zwar klar einen Kurs ein, lässt aber trotzdem alle Fragen offen. Und das in einer Zeit der vermeintlichen Fortschritte und anmaßenden Gewissheiten.

Ich bin dein Mensch

Die wandernde Erde

PING PONG IM WELTRAUM

5/10


wanderndeerde© 2019 Netflix


LAND / JAHR: CHINA 2019

REGIE: FRANT GWO

CAST: JING WU, QU JINGJING, GUANGJIE LI, CHUXIAO QU U. A. 

LÄNGE: 2 STD 5 MIN 


Euch ist doch sicher schon mal beim Schmökern in diversen Buchhandlungen der populärwissenschaftliche Bestseller What if… von Randall Munroe untergekommen. Ein kurioses Buch. Da drin beantwortet der Autor sämtliche physikalische Was wäre wenn-Fragen mit charmantem Humor und akkurater Sachlichkeit. Eine dieser Fragen könnte unter Umständen lauten: Was wäre, wenn wir versuchen würden, auf einer Seite der Erde gigantische Schubdüsen zu installieren, um so unseren Planeten, vorausgesetzt, die Eigenrotation würde abgebremst werden, aus dem Sonnensystem zu manövrieren? Munroe würde sich laut auflachend an den Kopf greifen bei so viel Phantasterei. Oder ist das doch nicht so absurd? Zumindest würde das Autor und Hugo-Preisträger Liu Cixin nicht so empfinden, geht doch das erdachte Szenario eigentlich auf seine Feder. Cixin wird Buchshoppern womöglich ebenso geläufig sein wie Munroe – bekannt ist dieser ja vor allem für seinen Drei-Sonnen-Romanzyklus. Die wandernde Erde ist da nur eine seiner Kurzgeschichten. Stoff genug jedenfalls, um ein Desastermovie im Stile eines Roland Emmerich hinzulegen, findet China.

Ich selbst greife mich aber ebenfalls an den Kopf bei so viel hanebüchener Science-Fiction. Man muss sich das natürlich auf der Zunge zergehen lassen: Unsere Sonne steht kurz davor, sich ums x-fache aufzublasen. Tatsächlich steht uns das allerdings erst in mehreren Milliarden Jahren bevor, hier jedoch ist der Worst Case gerade sehr spruchreif geworden. Also gibt es die Idee, die Erde aus ihrer Umlaufbahn zu bugsieren und nach Alpha Centauri zu schicken, um dort wieder in einem habitablen Orbit anzudocken. Die Erde als Tischtennisball, der im Top Spin über die Spielfläche fegt? Klar doch, und das Service obliegt den Chinesen. Gigantische Brenner werden errichtet – bei so viel Ressourcenverbrauch scheint der Welterschöpfungstag bereits sich selbst zu überholen. Aber gut – nebst diesen Düsen gibt es auch noch Zehntausende unterirdische Städte, und die Rotation muss man auch noch bremsen. Mehr als die Hälfte der Erdbevölkerung stirbt eines schrecklichen Todes, nämlich den des Ertrinkens aufgrund unzähliger Tsunamis. Ein paar Milliarden sind auserwählt – Kollateralschaden ist die neue Menschlichkeit. Die Erde eiert also Richtung interstellaren Raum, und dabei muss diese den Jupiter passieren. Nun nähern wir uns der eigentlichen Story. Klar kommt diese dem Gasriesen zu nahe, und der schlimme Jupiter, der ist schon im Vergleich zu Terra ein gewaltiger Brocken und hat nicht wenig Lust, sich den Mini-Trabanten unter den Nagel zu reißen. Was tun, um dieser fiesen Gravitation zu entkommen? Da rauchen die Hirne, da quälen sich die Helden.

Filmland China hat für diesen kosmischen Irrsinn tief in die Börse gegriffen. Optisch betrachtet haben wir hier den Day After the Day After Tomorrow – das tiefgekühlte Shanghai und die schneestaubigen Fast & Furious-Fahrten mit Hammer-ähnlichen Tranportpanzern sind genauso geschmackvoll in Szene gesetzt wie die Darstellung des gravitativen Einflusses Jupiters auf die Erde. Doch Regisseur Frant Gwo ist nicht Roland Emmerich. Um mit so einem Spektakel auch auf menschlicher Ebene zu überzeugen, dafür braucht es das richtige Timing, um auch das Tempo in den richtigen Momenten herunterzufahren. Die Wandernde Erde hat natürlich auch ihre unfreiwilligen Helden. Doch die spüren sich scheinbar selber nicht. Dasselbe Problem hatte auch der jüngst auf Netflix erschienene Streifen Space Sweepers.

Visuell top, dramaturgisch Flop: chinesische Blockbuster wie dieser wirken manchmal zu fahrig und übertönt, trotzdem aber erreichen diese Filme Längen bis über zwei Stunden. Das erzeugt eine anstrengende Aufgekratztheit auch bei den Zusehern. Hinzu kommt die Erschwernis aufgrund der rasant wechselnden Untertitel. Nichts gegen OmU, ich begrüße das meistens wirklich, besonders bei nicht englischsprachigen Produktionen. Chinesische Science-Fiction aber ist oft schnell wie hitziges Ping Pong, oftmals konfus erzählt und austauschbar besetzt. Emmerich ist Europäer, er kennt das europäische Erzählkino, er weiß, wie viel dramaturgische Unterfütterung so ein Film benötigt. China weiß das nicht oder will es gar nicht wissen. Westliche Blockbuster werden mit Vorsicht genossen. Wer sich daran orientiert, erntet tadelnde Blicke. Kunstkino aus dem Reich der Mitte, finanziell nicht ganz so abhängig, tickt da ganz anders. Doch wo mehr Budget im Spiel ist, dort sollen die Schauwerte alles geben. Ein Kompromiss, mit dem ich kaum warm werden kann – und das liegt nicht an der abnormalen Kälte, die da am Globus herrscht.

Die wandernde Erde

Fast Color

NUR DIE SUMME SEINER TEILE

4/10


fast-color© 2021 Lighthouse Home Entertainment


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: JULIA HART

CAST: GUGU MBATHA-RAW, LORRAINE TOUSSAINT, SANIYYA SIDNEY, DAVID STRATHAIRN, CHRISTOPHER DENHAM U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Erst kürzlich feierte auf amazon prime der Retro-Krimi I’m Your Woman seine „Premiere“. Regie führte in diesem recht ansehnlichen Emanzipationstrip einer Gangsterbraut eine Dame namens Julia Hart. Ich habe dann natürlich nachgegoogelt und bin auf das eben frisch veröffentlichte Mysterydrama Fast Color gestoßen, mit der aparten Gugu Mbatha-Raw in der Hauptrolle (sehr sehenswert übrigens in Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution und nicht nur wegen ihres Aussehens). Der Trailer sah ja recht vielversprechend aus. Doch wie das bei Trailern manchmal so ist – können sie ihre Versprechen letzten Endes nicht halten. Julia Harts bereits 2018 abgedrehter Film ist einer jener Produktionen, bei denen man bereits in der ersten Minute weiß, wie es enden wird. Nimmt das dem Film die entsprechende Spannung? Oh ja, das tut es. Leider Gottes.

Gott hat in diesem Drama allerdings wenig mitzureden. Denn die übersinnlich begabte Mutantin hat’s ganz alleine drauf. Ruth, wie sich Mbatha-Raw nennt, bekommt ab und an Anfälle, bei denen sie zu zittern und zu scheppern beginnt wie ein Kluppensack, muss sich dann aber selbst am Bettgestell (falls eines vorhanden) festbinden, um nicht Schaden zu nehmen, und vergisst auch nicht, allen anderen in Hörweite zurufen: verkriecht euch unter den Tisch oder klemmt euch in den Türstock. Ruth bringt nämlich die Plattentektonik ins Wanken. Das ist mal eine Leistung, die gab’s bei den X-Men noch nicht (Magneto hätte das vielleicht geschafft, mit all dem Eisen im Boden). Dabei ist das nicht Ruths einziges Problem. Julia Hart stößt uns Zuseher nämlich direkt mitten ins Geschehen hinein, wir hängen uns also an den Kühler von Mbatha-Raws Fluchtauto, denn Polizei und Wissenschaft ist hinter ihr her. Wo sie selbst hinwill, wird bald klar: zurück zu ihrer Mum, denn dort lebt auch ihre Tochter. Und ja, bevor ich’s vergesse: Fast Color ist nicht nur ein „Superhelden“-Streifen, wenn man so will (wobei Superhelden stets das Image des anzuhimmelnden Weltenretters mit sich herumtragen), sondern auch eine düstere Zukunftsvision, in der das Grundwasser auf unserem Planeten so gut wie versiegt ist und Wasser so viel kostet wie ein Manhattan-Cocktail.

Na, kommt schon der erste Verdacht auf, wie das Ganze vielleicht enden könnte? Mit Fast Color hat Julia Hart nicht nur aufgrund ihres sehr locker gestrickten Scripts allzu stark durchscheinen lassen, was ihre Ambitionen sind. Auch sonst wirkt das Drama streckenweise sehr behäbig und hat zwischen dieser Behäbigkeit noch allerlei Längen drin, die ein namhafter Nebendarsteller wie David Strathairn (u. a. The Expanse) nur noch verschlimmert, weil dieser sich mehr als Statist genügt. Schön sind vielleicht die eingestreuten CGI-Effekte von Gegenständen, die sich in ihre Einzelteile auflösen, als hätte man sie durch die Kaffeemühle gedreht – das sind by the way die Skills der übrigen Family, denn Mutationen sind schließlich vererbbar.

Fast Color

Archive

ICH BAU‘ MIR MEINE FRAU ZURÜCK

4/10


archive© 2020 capelight pictures


LAND: GROSSBRITANNIEN, UNGARN, USA 2020

REGIE: GAVIN ROTHERY

CAST: THEO JAMES, STACY MARTIN, RHONA MITRA, TOBY JONES, PETER FERDINANDO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Okay, der Titel zu diesem Artikel klingt ja fast so, als hätten wir es hier mit einer Variation des Mythos von Doktor Frankenstein zu tun. Jein, dem ist nicht ganz so. Hier werden keine Leichen exhumiert und Körperteile aus der Anatomie entwendet. Hier baut sich ein Wissenschaftler tatsächlich seine Frau zurück. Wie das geht?

Wir schreiben das Jahr 2038. Der Tod ist für den Menschen nicht mehr das Ende aller Dinge. Es ist nun also möglich, sein Gedächtnis für eine geraume Zeit archivieren zu lassen – daher auch der Titel des Films. Irgendwann aber schließt sich auch dieses Zeitfenster und das Jenseits ruft. Bis dahin aber kann man als Verstorbener noch Dinge regeln, für die zu Lebzeiten keine Zeit mehr war. Abschiede fallen vielleicht leichter, der Übergang ins Ungewisse ist wie das Verklingen eines Orchesters. Robotiker George Almore (Theo James) hat allerdings das gewisse Know-How – zumindest denkt er das – um das noch vorhandene Bewusstsein seiner verstorbenen Frau in einen Androiden zu speisen. Und für die Ewigkeit zu konservieren.

Die Story vom High-Tech-Pygmalion erinnert ein bisschen an den Science-Fictioner Transcendence mit Johnny Depp, der, ebenfalls bereits Anfang des Films verblichen, seinen Geist in eine Maschine speist. Die Idee ist ganz originell variiert. Auch das Set-Design des Films von Gavin Rothery besticht durch klassische, bunkerähnliche Gangschluchten wie jene filmbekannter Raumschiffe und eine formschöne Setzkasten-Roboterfrau. Das Makeup kann sich sehen lassen. Die anderen Blechkameraden, die hier durch die Anlage watscheln, sind in Sachen Mimik etwas eingeschränkter, aber auch sie haben Gefühle. In diese tragische Liebesgeschichte zwischen Kabeln und Transformator fingern allerdings relativ zusammenhanglose halbgare Storylines aus dem dystopischen Umfeld mit hinein, die hochtrabend sein wollen, aber die mit onhaltlicher Relevanz eher geizen als den Plot voranzutreiben. Und dann – ja, dann weiß Rotherys Script nicht weiter. Was macht er? Er lässt sich von Filmemachern inspirieren, die das Geheimniss rund um punktgenau gesetzte Storytwists wirklich beherrschen – und knallt auch hier, bei seiner melancholischen Robotermär, die das Zeug hätte zum philosophischen Diskurs über Persönlichkeit und Künstlichkeit, eine zu sehr gewollte Kehrtwende ans Ende, die den ganzen vorangegangenen, betulich errichteten Storykomplex zum Einsturz bringt. Ein Film also nicht zur Gänze für den Elektroschrott, denn auch hier ließen sich noch einige Elemente recyceln. Es ließe sich vielleicht auch nochmal darüber nachdenken, wie die ganze Geschichte denn noch hätte enden können. Denn so wenig plausibel, wie sich Archive schließlich präsentiert, muss Science-Fiction mit Köpfchen wirklich nicht sein.

Archive

The Bad Batch

ZURÜCK IN DIE KOMFORTZONE?

7,5/10

 

thebadbatch© 2017 Netflix / Darren Michaels, S.M.P.S.P.

 

LAND: USA 2017

REGIE: ANA LILY AMIRPOUR

CAST: SUKI WATERHOUSE, JASON MOMOA, GIOVANNI RIBISI, KEEANU REEVES, JIM CARREY, DIEGO LUNA, YOLONDA ROSS U. A. 

LÄNGE: 2 STD 59 MIN

 

Als absolutes No-Go, also für Homo sapiens, ist der Verzehr seiner eigenen Spezies. Das wird niemals salon- oder gesellschaftsfähig werden, dafür haben Karnivoren genug andere Quellen, um sich zu bedienen. Ausnahmefälle gibt es. Mir fällt hier sofort der 90er-Katastrophenfilm Überleben! von Frank Marshall ein: eine Footballmannschaft stürzt mit dem Flugzeug in den Anden ab. Hätten die im Schnee liegenden Leichen nicht die notwendige Energie geliefert, wären vermutlich alle gestorben. In der amerikanischen Wüste im Süden von Texas kann es neuerdings passieren, dass umherstreunende Menschen zum kulinarischen Freiwild werden. Warum? Weil in Ana Lily Amirpours Vision einer nahen Zukunft Problemfälle der Vereinigten Staaten von Amerika kurzerhand verbannt werden. Da gibt es einen Zaun, und jenseits des Zaunes existiert kein Gesetz mehr. Niemandsland also. Der jungen Arlen passiert genau das. Sie muss sehen, wo sie bleibt, unter sengender Sonne und eben gejagt von Kannibalen. Gut, manche werden jetzt sagen: The Bad Batch ist vermutlich sicher so ein Horrorslasher mit ganz viel Blut, Gore und verstörenden Bildern. Überraschenderweise ist dieser Film, der so klingt wie astreiner Splatter, zwar manchmal leicht verstörend, aber im Großen und Ganzen überhaupt nicht das, wofür man ihn hält. Es kommt immer darauf an, wie ein Tabuthema wie dieses dargestellt wird. Und auch: in welchem Kontext die Schlachtplatte serviert wird, die zum Glück eben keine ist.

Was Amirpour hier entwirft, ist eine Gesellschaft, die sich, auf ihre Werkeinstellung zurückgeworfen, neu zu organisieren versucht. Da bleibt Kannibalismus die bequemste Methode, um an Nahrung zu gelangen, denn in der Wüste wächst und lebt sonst nichts. Da stellt sich die Frage: wirklich nicht? Den Hintern bekommen die Gestrandeten nicht hoch, es ist ihre Bequemlichkeit, die sie zu Monstern macht. Betrachtet man die Fähigkeit des Menschen, aus dem Nichts heraus einen ganzen Planeten beherrscht zu haben, erscheint das Kentern der traurigen Filmfiguren als ein Schatten dieser Erfolgsstory. Die Abwesenheit von proaktivem Überlebenswillen zaubert so manchen Machtnutzer auf die Bühne, das Fußvolk blickt auf, lässt sich bezirzen und beschallen, an einem Ort namens Comfort. Diese Bequemlichkeit birgt das Ende der Selbstbestimmung und öffnet Tür und Tor für Manipulation. Der angestrebte Traum einer besseren Welt ist wie die Dauerberieselung billiger Fernsehshows, selbst die Statue of Liberty geistert durch eine stagnierende Unbeholfenheit. Aber es wäre nicht ein zutiefst menschlicher Film, ein zutiefst wertesuchender ebenso, wenn unsere Heldin nicht mit wütender Kraft und trotz schwerwiegenden körperlichen Handicaps diese verlorengegangenen Skills finden möchte.

The Bad Batch ist überdies ein enorm körperlicher Film. Die brutalen Szenen der „Fleichverwertung“ sind nie explizit zu sehen. Der Verlust der Extremitäten ist der Verlust von Selbstbestimmung. Der Verzehr ebensolcher im Prinzip das gleiche. Amirpours Film ist ein bemerkenswertes Kunstwerk. Sehr lakonisch, mit staubtrockenem Humor verfeinert. Die teils surreale Bildsprache (vor allem der gigantische, leuchtende Ghettoblaster), so manch ungewöhnlicher Auftritt bekannter Stars und ein eingängiger Sampler erzeugen eine rätselhafte Stimmung, die zwischen Pop Art und filzigem Italowestern einen sonderbaren Umweg einschlägt, um das zu erreichen, was als ungenutztes Potenzial ohnehin schon die ganze Zeit da war.

The Bad Batch

In the Shadow of the Moon

KOMMT ZEIT, KOMMT TAT

6/10

 

in-the-shadow-of-the-moon© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: JIM MICKLE

CAST: BOYD HOLBROOK, CLEOPATRA COLEMAN, MICHAEL C. HALL, BOKEEM WOODBINE U. A. 

 

Wer kein Blut sehen kann, sollte die Ermittlungen im vorliegenden Science-Fiction Thriller getrost jemand anderem überlassen. Natürlich ist das noch lange nichts gegen den Hämoglobin-Neuanstrich im Stanley-Hotel bei Shining, aber immerhin – wenn scheinbar x-beliebige Opfer plötzlich nicht nur Nasenbluten haben (dabei könnten sie ja den Kopf in den Nacken legen, ein nasskaltes Tuch auf selbigem, wir wissen das seit der Volksschule) sondern auch aus Ohren, Augen und sonstigen uns unbekannten Öffnungen im Kopfbereich ordentlich auszurinnen beginnen, dann färbt das mitunter auch die Straßen rot. Mit solchen Fällen nämlich hat es Officer Lockhart zu tun – oder auch nicht zu tun, denn der ist nur ein gewöhnlicher Streifenpolizist, der sich aber ins Geschehen drängt, will er doch um Biegen und Brechen ähnlich spannende Ermittlungen durchführen wie sein Schwager, der den Verdacht hegt, es mit einem Serienkiller zu tun zu haben. Neben der Tötungsart ist noch etwas ganz anderes äußerst mysteriös: drei Nadelstiche im Nacken – könnte Akupunktur sein, ist es aber nicht. Zu allem Unglück in dieser besagten Nacht, die noch dazu einen Blutmond zur Folge hat, kommt dazu, dass Lockhart Papa wird, während Mama die Geburt nicht überlebt. Was dieses Schicksal mit dem Fall zu tun hat? Sehr viel, wie sich später herausstellen wird. Und auch ein farbiges Mädchen in blauem Hoodie scheint in dieser Nacht äußerst präsent zu sein.

Das Bemerkenswerteste an dieser Netflix-Produktion ist der enorme Zeitraum des Geschehens. Die obskuren Fälle werden lange nicht aufgeklärt, Officer Lockhart, der irgendwann gar kein Officer mehr ist, sondern nur noch Privatdetektiv, entwickelt fast schon eine dürrenmatt´sche Verbissenheit samt innerer wie äußerer Verwahrlosung bei seinem Versuch, das Rätsel zu lösen. Regisseur Jim Mickle setzt in seinem Spiel mit der Zeit aber längst nicht auf epische Versatzstücke. Wichtig dabei ist lediglich ein ganz bestimmter Tag pro Dekade, der sämtliche Parameter wieder neu ordnet. In the Shadow of the Moon ist ein elegant gefilmter, urbaner Kriminalfilm in polizeilichem Sirenenblau und Halogenlicht, das hat ein bisschen Achtzigerjahre-Style, ein bisschen wie Black Rain oder Glitzernder Asphalt, nur weniger auf cooler Typ, sondern – und das trotz all des vielen Nasenblutens – ungewöhnlich zartbesaitet. Passt das zum übrigen Kontext des Films? Eigentlich schon. In Mickles Zeitreisekrimi geht’s ganz viel um Streben nach dem Gutmensch, auch wenn man das anfangs gar nicht glauben möchte. Es hat was Philosophisches, ungefähr so wie der mittlerweile zum Klassiker avancierte Predestination, der sehr geschickt mir den entropischen Dimensionen spielt. Doch so raffiniert ist In the Shadow of the Moon dann doch nicht geworden. Etwas zu gefühlsduselig, und das Hauptproblem neben dieser Tendenz ist Hauptdarsteller Boyd Holbrook, der mich irgendwie an Jason Segel erinnert hat und diese prinzipiell schwierige Rolle eines weltvergessenen, verschrobenen Ermittlers über eine so lange Zeit hinweg mit etwas deplatzierter unfreiwilliger Komik und sichtlich gefakter Kopf- und Gesichtsbehaarung selten glaubhaft transportieren kann.

Abgesehen davon ist das schwer fassbare Mysterium Zeit ein gern gesehener Studiogast im verschwurbelten Raum-Zeit-Kontinuum der Science-Fiction, Filme wie 12 Monkeys haben da gehörig Biss, komödiantisch gesehen sowieso Zurück in die Zukunft. In the Shadow of the Moon fährt da eher die entspannte Schiene, klaubt sich so manches aus dem Genre zusammen und findet nichtsdestotrotz seine Stimmigkeit, das aber eher das Werk eines fleißigen Schülers als das eines Meisters ist.

In the Shadow of the Moon

IO

LEBWOHL, ERDE

6,5/10

 

io© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: JONATHAN HELPERT

CAST: MARGARET QUALLEY, ANTHONY MACKIE, DANNY HUSTON, TOM PAYNE

 

Nochmals Danke an die Redaktion der deutschsprachigen Kinomagazins cinema für ihre Filmempfehlungen quer durch gefühlt alle Streamingplattformen, mit Gentle Reminders auf der Liste für längst vergessene Filme, die mit der richtigen Stimmung am Abend vor dem TV-Schirm durchaus vereinbar wären. Wie zum Beispiel der postapokalyptische Streifen IO.

Dabei ist IO alles andere als die wutentbrannte oder völlig mit jedweder Resignation ausgestattete Zukunftsvision einer Bestie Mensch, die sich selbst ihr Grab schaufelt. Nein, das ist IO sicher nicht. Dafür aber ein Abgesang. Nicht auf die Menschheit, denn die scheint es sich mehr recht als schlecht gerichtet zu haben, sondern auf unseren Planeten Erde. Und genau das, dieser Abschied, den man partout nicht nehmen will, der stimmt melancholisch, wehmütig. Das kann doch nicht das Ende dieser Jahrtausende währenden fruchtbaren Beziehung sein? Was genau war denn das Problem?

Nun – keine Luft zum Atmen ist zumindest ein driftiger Grund. Aus was für Gründen auch immer hat sich die Zusammensetzung der Atmosphäre grundlegend verändert. Der Film erklärt aber nicht, wodurch. Doch es ist hier nunmal Fakt, und tendenziell räumt Regisseur Jonathan Helpert sogar ein, dass Mutter Gaia vielleicht so etwas wie ein Bewusstsein hat, und irgendwann scheint sie die Nase voll gehabt zu haben. Luftentzug schien wirksam: der Mensch beginnt also, Raumschiffe zu bauen und die Erde zu verlassen. Als Ziel winkt der Jupitermond IO – eine riesige Raumstation umkreist den Himmelskörper im Orbit. Von dort weg soll ins System Proxima Centauri aufgebrochen werden, um erdähnliche Planeten zu finden. So gut wie fast alle haben den Planeten bereits geräumt. Manche harren aus – und suchen in den windtechnisch günstigen letzten Enklaven mit atembarer Luft nach einem Sinn hinter dem Zerwürfnis. Eine davon ist die Tochter eines Wissenschaftlers, gespielt von Margaret Qualley (das Hippiemädchen aus Tarantinos Once upon a Time… in Hollywood, die Brad Pitt schöne Augen macht), die immer noch Tests an Bienen durchführt. Dann schneit ganz plötzlich „Jules Verne“ Anthony Mackie mit seinem Heliumballon vom Himmel – um den Professor für seinen flammenden, aber letztendlich verpeilten Appell, auf der Erde auszuharren, zur Rechenschaft zu ziehen. Dabei dürfen beide den Start des letzten Shuttles aber nicht verpassen, bevor die Erde endgültig dicht macht.

Nein, bei dem Gedanken, Terra Lebewohl zu sagen, schnürt sich auch bei mir die Kehle zu. Mir geht’s da so wie Margaret Qualley, die eine Chance für einen Neuanfang in all der ganzen Katastrophe sieht, ungefähr so wie das Zombie-Mädchen Matilde aus dem Endzeit-Querdenker The Girl with all the Gifts. Vielleicht steckt ja hinter all dem ein Plan, ein biologisches, selektives Konzept? Sam Walden, so heißt die junge Frau, macht sich so ihre Gedanken, wägt ab was klüger ist – den Planeten zu verlassen oder ihm noch eine Chance zu geben? Gesprochen, überlegt und abgewogen wird hier viel, Spannungskino ist IO keines, hat keine Action und ist weit davon entfernt, Big Drama zu sein. Im Grunde passiert nicht viel, und vielerorts ist man auch nicht unterwegs. Leicht kann es sein, und IO darf sich den Vorwurf eines Langweilers gefallen lassen. Aus meiner Perspektive ist er das nicht. Denn dieser Knackpunkt, dieses Sich-Ausmalens, den Blauen Planeten zu den Akten zu legen, ist alles, was der schwermütige, stille Science-Fiction-Film beim Namen nennen will. Er spinnt daraus die letzte Strophe eines Farewell-Songs, oder anders gesagt fühlt sich IO an wie der letzte hallende Ruf zurück in die leere Wohnung der eigenen Kindheit. Der Mensch scheint erst jetzt, nachdem alles vorüber scheint, erwachsen geworden zu sein.

IO

Die Stadt ohne Juden

UTOPIE DES SCHEINBAR UNMÖGLICHEN

7/10

 

stadtohnejuden© 1924 / Foto: FAA/ZDF

 

LAND: ÖSTERREICH 1924

REGIE: HANS KARL BRESLAUER

CAST: JOHANNES RIEMANN, EUGEN NEUFELD, HANS MOSER, FERDINAND MEYERHOFER, ARMIN BERG U. A. 

 

Als hätte er es gewusst, der österreichische Schriftsteller Hugo Bettauer, der seinen Roman Die Stadt ohne Juden 3 Jahre vor seinem Tod aufgeschrieben hat. Als wäre die Prophezeiung eine metaphysische Tugend der Künstler. Nicht nur Bettauer, auch anderen war diese antisemitische Drift ein Dorn im Auge, ein unübersehbares Schwelen aus Missgunst, Niedertracht und faschistoiden Anomalien, das sich da abgezeichnet hat. Die 20er Jahre – ein brodelndes Jahrzehnt, gleichzeitig nach und vor dem Krieg. Das Chaos der Börsen, das Erstarken eines manipulativen Redners für den Nationalismus. All das und noch vieles mehr. In den 20ern, da konnte man gerade noch intellektuellen Widerstand leisten gegen ein zunehmend fanatisiertes Politpublikum. Da konnten Künstler gerade noch sagen, was ihnen im Kopf herumgeht, bevor die Meinungsfreiheit in wenigen Jahren flöten gehen wird. Hans Karl Breslauer hat Die Stadt ohne Juden zwei Jahre später verfilmt – diesen Roman von Übermorgen, diese Was-wäre-wenn-Vision von etwas Unmöglichem, von dem Auseinanderreißen einer Gesellschaft, die nur in ihrer Vielfalt so ergänzend und ausgleichend überleben kann. Utopia heißt auch die Stadt, in der diese politische Absurdität Gestalt annehmen kann. Es wird politisiert, in Gasthäusern philosophiert, die Ablehnung gegen jene Minderheit, die den Wohlstand anscheinend gepachtet hat und im Geiste des Kaufmannes von Venedig die Wirtschaft der Nicht-Juden am Laufen hält, in dem sie wie niemand sonst das Geld vermehren kann, unverhohlen hinausposaunt.

Was für ein Klischee, allerdings viel eher die Überzeichnung eines geduldeten Nischendaseins, in welchem sich das jüdische Volk zum Kenner der Materie aufschwingen konnte. Von diesem Klischee, dieser Abhängigkeit will sich der Ur-Utopia-Wiener befreit wissen. Diese Sache findet im Parlament Gehör, und ehe sich der gottgleiche Bundeskanzler versieht, findet der geplante Erlass positive Zustimmung. Das jüdische Volk hat also bis Weihnachten das Land zu verlassen. Der Exodus beginnt. Und niemand wird für möglich halten, was dann geschieht. Die Folgen werden spürbar sein, und dieses ethnisch gesäuberte Utopia wird sich diese Freiheit wohl ganz anders vorgestellt haben.

Wirklich spannend an Die Stadt ohne Juden ist neben einer prophetischen Grundstimmung vor allem auch die Tatsache, dass dieses Werk lange Zeit als verschollen galt. Die letzte Aufführung des Filmes, die kontrovers diskutiert wurde, fand 1933 statt. Dann: nichts mehr, knapp 60 Jahre lang. Bis 1991 im Filmmuseum der Niederlande eine der letzten Kopien gefunden wurde. Die Qualität ließ zu wünschen übrig. Doch es wird noch besser kommen. Wir schreiben 2015, Paris. Auf einem Flohmarkt findet ein Filmsammler eine weitere Rolle und übergibt sie dem Österreichischen Filmmuseum, das folglich das Budget zusammenkratzen konnte, um eine vollständige Restaurierung zu starten. Entstaubt, gereinigt, neu vertont und in Duplex eingefärbt, wie zuvor schon Fritz Langs Metropolis oder Das Wachsfigurenkabinett, beides Beiträge des expressionistischen Films wie eben Breslauers Werk. Es ist ein klarer, vielleicht zu stark vereinfachter, aber energischer Blick zurück in das mahnende Denken der Liberalen. Man kann auch sagen eine Art Denkmal, vielleicht gar eine Hymne auf das jüdische Volk und eine Predigt gegen das aufkeimende Hitlerdeutschland, dass sich Anfang der 30er längst festgesetzt hat. Wir sehen Szenen auf den Gassen und Straßen Wiens, mitunter klar erkennbar das aufgebrachte Volk direkt vor dem Volksgarten. Die Outdoor-Szenen sind ungewöhnlich dokumentarisch, ihrer Zeit geradezu voraus. In dieses turbulente Geschehen mischt sich ein bekanntes Konterfei: das des jungen Hans Moser, auf seine Art unverkennbar als kauziger, nörgelnde Grantler, der als Antisemit Bernard letzten Endes den Verstand verliert und in einem bizarren Konstrukt seiner Gedanken als verlorenes Häufchen Elend keine Zukunft hat. Kunstvoll auch die Neuvertonung zwischen stark verfremdeten Wienerlied,  Massenlärm und Kletzmermusik, was die irre Vision Bettauers nochmal unterstreicht. Die Realität hat den Film dann längst eingeholt, und zwar um Lichtjahre. Umso erschreckender der Einblick in den Ist-Zustand von damals, der das Unvorstellbare nur in zumutbaren Ansätzen vorwegnehmen konnte.

Die Stadt ohne Juden

Light of my Life

DIE PANIK DES ERLKÖNIGS

6/10

 

lightofmylife© 2019 Universum Film

 

LAND: USA 2019

DREHBUCH UND REGIE: CASEY AFFLECK

CAST: CASEY AFFLECK, ANNA PNIOWSKY, ELISABETH MOSS, TOM BOWER U. A.

 

Ich schätze, wir alle kennen diese Song von James Brown: It´s a Man’s Man’s Man’s World. Aber das ist noch längst nicht alles. It´s a Man’s Man’s Man’s World, schon klar. But It wouldn’t be nothing, nothing without a woman or a Girl. James Browns erschreckende Was wäre wenn-Vision gibt´s im Grunde jetzt auch als Film. Oscar-Preisträger Casey Affleck (tieftraurig in Manchester by the Sea) erzählt in seiner selbst verfassten Dystopie von einer alternativen Gegenwart, in der ein Virus fast die gesamte weibliche Bevölkerung dahingerafft hat. Viel zeit bleibt Homo sapiens jetzt nicht mehr, um auszusterben. Angesichts der aktuellen Corona-Pandemie wirkt Light of my Life umso unbequemer. Bei so einem Worst Case-Szenario scheint Corona das weitaus kleinere Übel zu sein, selbst wenn man die Gefahr potenziert. Eine Spezies, die sich nicht mehr fortpflanzen kann, ist eine gescheiterte Spezies. In Children of Men sterben die Frauen zwar nicht weg, dennoch: Fruchtbarkeit ist gut, aber aus. Ein ähnliches Damoklesschwert lässt Affleck in seinem Film allerdings mehr hinter wolkenverhangenem, grellem Softbox-Himmel kreisen, so richtig wahrhaben will es in seinem Film eigentlich niemand. Dabei unterwegs durch ein tristes, herbstlich kaltes und nasses Szenario aus moosbewachsenen, düsteren Wäldern und leerstehenden Gemäuern: ein Vater mit seinem Kind. Zwei wie aus der Ballade des Erlkönigs, nur nicht zu Pferde, und wohl im Arm hält er nicht den Knaben, sondern ein Mädchen, allerdings schon älter. Eine der letzten ihrer Art – und in höchster Gefahr. Denn die Man´s World, die will um alles in der Welt nicht von der Bildfläche unseres Planeten verschwinden, und sammelt sie ein, die menschlichen Wesen mit den Doppel-X-Chromosomen, in schierer Panik, und mit entmenschlichter Bosheit. Das weiß Papa Casey Affleck, und so tarnt er seine Tochter als Jungen, was meistens auch funktioniert. Manchmal aber auch nicht, denn Tochter Rag ist auffällig jung – zu jung, um nach der Pandemie noch auf die Welt gekommen zu sein.

Der Erlkönig ist also hinter beiden her, durch dichtes Grün und bis hinauf in die verschneite Wildnis. So weit weg von der Zivilisation kann man gar nicht sein, um sich in Sicherheit zu wiegen. Der Mensch ist wieder mal des Menschen Wolf. Affleck allerdings hält sich in seiner Vision nicht mit schockierenden Szenen auf, er lässt bis auf ein paar Ausnahmen die Bedrohung wie Hintergrundszenen aus einem Home-Invasion-Thriller über die beiden Flüchtenden hereinbrechen, die aber Dank des vorausschauenden Dads stets einen Plan B in petto haben. Dieser Dad, der kann auch jede Menge Geschichten erzählen. Was vielleicht manchmal etwas ermüdet. So startet seine Regiearbeit mit einer rund zehnminütigen Gutenachtgeschichte, und einer recht statischen Kamera, die dem Erzählten zuhört. Ein bisschen zu lange, für meinen Geschmack, Und ja, es geht um die Arche Noah, und ja, er interpretiert den Mythos anders, sodass er sich irgendwie mit den tatsächlichen Geschehnissen vereinbaren lässt. Immer wieder hängt Light of my Life etwas durch. Die Balance zwischen Bedrohung, Spannung, Survivaldrama und stillen Szenen scheint manchmal zu kippen. Casey Affleck spielt sehr souverän, auch Töchterchen Anna Pniowsky weiß ihrer Rolle das richtige Quantum an kindlicher Neugier und Sinn für Selbstverantwortung abzugewinnen. Affleck aber sieht sich sehr gerne in der Rolle des philosophierenden und desillusionierenden Endzeit-Poeten, was vielleicht in manchen Szenen über die Stränge schlägt und eine gewisse Langatmigkeit und Redundanz erzeugt. Das Ende wiederum gelingt ihm furios, da geht es wirklich um alles, und dann lohnt es sich auch, die beiden ziellos Umherwandernden auf einem Stückchen ihrer Mission zu begleiten, die da heißt: Überleben, in einer gleichzeitig frauenfeindlichen und nach Frauen gierenden Welt, wo das männliche Geschlecht großteils aus einem zomboiden und charakterlosen Proletariat besteht, das sich ohne Nachwuchs letzten Endes selbst tilgt. Ohne Frauen und Mädchen sind wir nichts, so die Prämisse. Genau das sagt James Brown. Und auch dieser Film.

Light of my Life