The Last House (2026)

ICH GEH‘ MAL VOR DIE TÜR

4/10


Wagner Moura kann in The Last House nicht vor die Tür
© 2026 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH, FRANKREICH 2026

REGIE: LOUIS LETERRIER

DREHBUCH: MATTHEW ROBINSON

KAMERA: PÅL ULVIK ROKSETH

CAST: GRETA LEE, WAGNER MOURA, RILEY CHUNG, EMMA HO, NOAH ALEXANDER SOSNOWSKI, GABRIEL BARBOSA, AUDREY ANDERSON, SID EDWARDS U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Die Textzeile „Am Tag, als der Regen kam“ klingelt wohl mitsamt geschmetterter Melodie von Dalida in den Ohren sämtlicher Boomer, allerdings klingelt sie auch bei mir, und ich bin Generation X. Doch keine andere trifft wohl das schicksalhafte Setting im Film The Last House so zielgenau wie diese.

An Familien beißen sich Monster ihre Zähne aus

Denn Netflix hat uns nach langer Durststrecke endlich wieder mal einen exklusiven Blockbuster vor die Tür geworfen, einen mit zwei Shootingstars und angesiedelt in einem Subgenre, das ich gerne als „Familie gegen Monster“ bezeichne. Dazu zählen moderne Klassiker wie A Quiet Place oder auch rustikal Analoges aus den Achtzigern wie Tobe Hoopers Poltergeist. Damit wären wir wohl eher in der paranormalen Ecke, während es in The Last House deutlich diesseitiger zugeht – obwohl man nicht weiß, was zu „diesseitig“ alles zählt. Schließlich peilt in den ersten Sekunden des Films das Zitat von Arthur C Clarke (2001 – Odyssee im Weltraum) schon die richtige Richtung an: „How inappropriate to call this planet Earth when it is clearly Ocean.“

Eins und eins ist zwei: Der Ozean ist nur geringfügig erforscht, keine Ahnung, was da drin noch alles wohnt. Vielleicht gar intelligente Völker, wie in Aquaman? Außerirdische, wie in The Abyss von James Cameron? Wie sieht es bei H. P. Lovecraft aus, an dessen Visionen sich die Filmwelt ja mittlerweile ausgiebigst bedient? Bei ihm wohnen die „Alten“ in den Tiefen der Meere, krakenähnliche Kreaturen, die unsere Menschenwelt dank der Fähigkeit des Gestaltwandelns längst infiltriert haben.

Alternativprogramm bei Regenwetter

Familie also, gegen Monster. Zumindest kämpft diese vierköpfige Gesellschaft nicht gegen Dürre, Trockenheit und vernichtender Hitze – sondern gegen den Regen. Als der nämlich kommt, verändert sich alles. Vor allem aber eins: Der Bewegungsradius. Greta Lee (Past Lives) und Wagner Moura (The Secret Agent) sitzen wie in einem verordneten Lockdown während der Corona-Krise zu Hause fest, ihre beiden Kinder ebenso. Nichts lässt sich öffnen, keine Türen, keine Fenster. Der Regen macht es, dass dieses „Last House“ mehr oder weniger als hermetisch abgeschlossenes Gefängnis funktioniert, die zumindest noch Luft von außen beziehen kann, sonst wäre der Film frühzeitig zu Ende.

So sitzen, liegen und stehen diese Vier langmächtig daheim herum und improvisieren. Machen das Beste draus. Kommen auf wirklich großartige Ideen, denn die Kreativität des Menschen ist womöglich das letzte wirklich nützliche Gut, das wir haben. Ansonsten wären wir sowieso nicht dort, wo wir jetzt sind, wobei uns, zugegeben, die Ideen momentan doch etwas ausgehen.

Wie man im Lockdown auch ohne Bananenbrot den Tag füllt

Im Film von Louis Leterrier allerdings nicht. Zum Glück ist Wagner Moura Ingenieur, er kann basteln und gibt sich als MacGyver. Das alles ist ganz nett anzusehen, doch es zieht sich. Es ziehen sich die Jahre, und dann stellt man sich doch die Frage: Zu mehr hat es nicht gereicht? Wie in einer apokalyptischen Sitcom schauen wir einer Familie beim Überleben zu. Das hat Höhen, aber weitestgehend träge Tiefen. Zwischendurch begeistert das Außen durch rätselhafte Schatten und physikalische Anomalien. Jetzt geht es richtig los, denkt man sich da. Und immer noch nichts.

Anders als in A Quiet Place von John Krasinski, der wusste, welche Tonalität er anschlagen muss, um die Story zu halten, bleibt Leterrier orientierungslos und kann sich mit sich selbst auf kein stringentes Vokabular einigen. Familienabenteuer ist das eine, Suspense-Horror rund um nicht-menschliche Aggressoren das andere. Für einen Familienfilm ist es manchmal zu heftig, für einen Horrorfilm zu lahm. The Last House weiß nicht, was es sein will. Science-Fiction vielleicht? Dazu ist es zu sehr Mystery, vieles bleibt vage – und macht es sich auch viel zu einfach.

Wie man das Ende einer Geschichte herunterbiegt

Wie glücklich das Überleben, wenn, sobald die Fallen aufgestellt sind, so manches wilde Tier schnurstracks darauf zugeht. Lediglich Sekunden verstreichen, bis das Mittagessen gesichert ist. Es nach fünf Jahren nicht geschafft zu haben, das Haus zu verlassen, zeugt nach den gegebenen Parametern von laxem Einsatz. Am Ende biedert sich The Last House, nachdem das Abenteuer nochmal ordentlich den Wasserhahn aufdreht, einer Konklusio an, die man improvisiert, wenn die Gutenachtgeschichte vor dem Einschlafen zu lange dauert. Damit sind wir genauso ratlos wie der zuhörende Filius und die von höheren Mächten schadlos gehaltene Familie, die in psychischer Resilienz und gänzlich ohne Lagerkoller den Biosphären-Elchtest macht. Was für starke Naturen das sind – angesichts einer starken, aber unbeholfen konzeptlosen Natur!

The Last House (2026)

In the Hand of Dante (2025)

BARES FÜR RARES – ODER: DIE GÖTTLICHE KOMÖDIE, LEICHT GEKÜRZT

5/10


Oscar Isaac als Nick Tosches im Film In the Hand of Dante von Julian Schnabel© 2026 ITHOD Productions Ltd.


LAND / JAHR: ITALIEN, USA 2025

REGIE: JULIAN SCHNABEL

DREHBUCH: JULIAN SCHNABEL, LOUISE KUGELBERG, NACH DEM ROMAN VON NICK TOSCHES

KAMERA: ROMAN VASYANOV

CAST: OSCAR ISAAC, GAL GADOT, GERARD BUTLER, JOHN MALKOVICH, MARTIN SCORSESE, AL PACINO, JASON MOMOA, LOUIS CANCELMI, SABRINA IMPACCIATORE, FRANCO NERO, BENJAMIN CLEMENTINE U. A.

LÄNGE: 2 STD 30 MIN



Was genau ist Gonzo-Journalismus?

Jedenfalls nichts aus der Muppet-Show. Es leitet sich auch nicht von Gonzales ab – im Grunde beschreibt es die Abkehr vom Objektivismus bei der Berichterstattung, ist subjektiv, polemisch, leidenschaftlich. Mehr etwas wie ein innerer Bericht, eine Ich-Bekundung zu welchem Thema auch immer.

Hunter S. Thompson zum Beispiel war so jemand. Filmfreunde und Freundinnen wissen: Dieser Mann lieferte die Vorlage zu Terry Gilliams Fear and Loathing in Las Vegaseinem Bericht also, der beschreibt, wie sich mit allerhand Drogen und Alkohol die Realität verzerren lässt.

Die göttliche Komödie ist gar nicht zum Lachen

Wer da auch noch als Pionier für diese Ego-Form der Reportage gilt, ist Nick Tosches. Er schrieb nicht nur Biografien über Künstler wie Jerry Lee Lewis, sondern ersann auch manch Belletristisches, wie zum Beispiel den Fake-Artefakte-Thriller In the Hand of Dante. Dabei ist von Dante Alighieri die Rede, dem italienischen Wunderwuzzi aus dem Mittelalter, dem wir die Göttliche Komödie zu verdanken haben – einer symbolischen Reise durch das Jenseits, gegliedert in 3 Teile: Die Hölle, das Fegefeuer und das Paradies.

Zuerst muss man als Sterblicher durch die Hölle, die wiederum ist in 9 Kreise eingeteilt – dabei lässt sich dieser ganze opulente und einzigartige Text noch weiter auseinanderklamüsern, alleine der 8. Kreis der Hölle gliedert sich abermals in zehn Bögen. Was da alles auf uns zukommt, wenn wir abnippeln – sagenhaft. Selbst Dante musst davon entzückt gewesen sein, oder von seinem eigenen Werk erschlagen.

Julian Schnabel und sein Gaunerstück

Gleich zu Beginn schickt uns der Künstler und Feingeist Julian Schnabel, der schon so manchen Künstler portraitiert hat, darunter Vincent van Gogh und Basquiat, zwar nicht durch das Inferno der Hölle, sondern gemeinsam mit Oscar Isaac in zeitgemäßer Tracht des 13. Jahrhunderts zumindest auf den im Purgatorio aufragenden Läuterungsberg.

Er selbst beschreitet den Weg, Dante Alighieri – denn niemand anderen spielt der Star in diesem ausschweifenden Hybriden aus kostümträchtigen Historienfilm und einem Mafiakrimi, der sehr viele nervöse Finger über sehr viele sensible Abzüge legt. Will heißen: In the Hand of Dante macht kaum Gefangene, was ich bei Julian Schnabel nun wirklich nicht vermutet hätte.

Von diesem schmackhaft mediterranen Ambiente verabschiedet sich der Filmemacher nur kurz, um nahe zur Jahrtausendwende 2000 bei eingangs erwähntem Nick Tosches vorbeizusehen, der sich in seiner literarischen Vorlage auch selbst zum Protagonisten erklärt hat.

Zurück in der Zukunft

Wie sich unschwer im Laufe der Handlung erkennen lässt, sieht der historische Dante diesem Nick Tosches erstaunlich ähnlich. Auch Love Interest Gal Gadot, die sich hier um redliches Schauspiel bemüht, scheint als verführerische Sekretärin mit Flashback an ein früheres Leben auch schon mal existiert zu haben. Und zwar als zumindest historisch gesicherte Gemma Donati, die bessere Hälfte des Poeten.

Wenn man also bislang schon nichts über Dante gewusst hat, so weiß man durch Julian Schnabels Film und vielleicht auch durch meine Review hier schon etwas mehr. So richtig schräg wird es dann, wenn die schwarzweiße Hatz nach diesem einzigen Manuskript, das es von Dante geben soll, losbricht. Der vom Meister bekritzelte Packen Papier: unbezahlbar – doch John Malkovich als Schwarzmarktpate will ihn haben!

Sympathieträger unter Italiens Sonne

Er schickt Nick Tosches gemeinsam mit einem Herren fürs Grobe los, einem Ungustl unter der Sonne, so einen gibt es kaum ein zweites Mal. Und Gerard Butler hat, während er diesen obszönen Killer mimt, sichtlich Freude daran. Oscar Isaac muss da sehen, wo er bleibt – und kompensiert seine Rolle mit allerhand Arroganz.

Sympathisch ist das nicht. Sympathisch ist in Schnabels Film überhaupt niemand so richtig. Und dennoch bleiben diese miniatürlichen Gaunereien, diese Dialogskizzen, die der Film zum charakterlichen Ausbau seiner Charaktere benötigt, nicht ohne Faszination.

Vom Anlocken Schaulustiger

Tatsächlich kann diese zwischen knallhartem Mafiaepos und Dan Brown, der auf einen Drink mit Nicolas Cage aus der Vermächtnis-Abenteuerfilmreihe geht, durchwegs auf eine Weise unterhalten, die hart an Schaulustigkeit grenzt.

Ordentlich im Weg steht ihm dabei der gescheiterte Versuch, den Ursprungs-Dante, und eben nicht seine Reinkarnation, auf den Weg zu bringen. Da reißt es ihn innerlich um, den Dichter, zwischen Selbstmitleid, Lamento und Entrücktheit – ein Geschwafel sondergleichen, bei dem sogar Martin Scorsese, versteckt unter ordentlich Haarwuchs, auch noch mitmischt.

Dante als ungreifbare Figur

Ergiebig sind diese Abstecher ins Mittelalter überhaupt nicht. Als Backpulver für einen Film, der sich sonst wie ein Trivialkrimi aus der Groschenroman-Abteilung anfühlt und Stereotypen schafft, dass es ärger nicht geht, vielleicht auf eine gewisse Weise sinnvoll – doch beides passt schlichtweg nicht zusammen. Wer Dante war? Davon hat man auch am Ende keine Ahnung.

Als Künstler will man Kohle machen

Wenn ein Schriftsteller also mit Abstand von 600 Jahren abermals auf sein Werk blicken würde – würde er all die verborgenen Fehler darin erkennen, die man hätte besser machen können? Schnabel wünscht sich diese Meta-Ebene so sehr, doch ein Gespür dafür, wie er sie hineinbringt, hat er nicht.

Vielleicht liegt es an der selbstgefälligen, viel zu zynischen Spielweise des Oscar Isaac,. Der ja den ganzen Film dominiert und der am Ende scheinbar seinen Charakter verrät, wäre da nicht diese Sache mit der Reinkarnation, die so manches erklärt. Und nebenbei den Wunsch erfüllt sieht, als Künstler reich zu werden.

Was bleibt ist ein unrunder Versuch, einen Egotrip als Egotrip zu inszenieren. Starbesetzt zwar, aber nicht reif fürs Paradies, scheitert In the Hand of Dante am Läuterungsberg immer wieder am Aufstieg.

In the Hand of Dante (2025)

Thrash (2026)

EIN HAI KAM IN DIE KÜCHE

4/10


Phoebe Dynevor schreit um ihr Leben im Film Thrash von Tommy Wirkola
© 2026 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE / DREHBUCH: TOMMY WIRKOLA

KAMERA: MATTHEW WESTON

CAST: PHOEBE DYNEVOR, DJIMON HOUNSOU, WHITNEY PEAK, ALYLA BROWNE, STACY CLAUSEN, DANTE UBALDI, AMY MATHEWS. ELIJAH UNGVARY, JON PRASIDA U. A.

LÄNGE: 1 STD 23 MIN



Sommersaison ist Hurrikan-Saison – zumindest im Süden der Vereinigten Staaten. Während hier im Herzen Europas der Heat Dome wie eine Käseglocke die aus Nordafrika heraufziehende Saunaluft konserviert, bewegen sich die Luftmassen andernorts um so vieles mehr, als würden sie die Trägheit des Wetters jenseits des Atlantiks kompensieren wollen.

Mach die Welle!

Im Survival- und Katastrophenreißer Thrash des Norwegers Tommy Wirkola, den wir ja alle nicht erst seit der Shootout-Variante von Hänsel und Gretel kennen und der eine siebenfache Noomi Rapace als wandelnden Wochenkalender in What Happened to Monday gegen ein dystopisches Geschwisterverbot ankämpfen ließ, schickt nun haushohe Wellen aus dem Atlantik über die Küste bis in jedes Haus, das bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht als Pfahlhütte durchgeht.

Aufgegabelt während des Hurrikans

Die Küstenstadt Annieville ist in Thrash Schauplatz einer Katastrophe, in der Phoebe Dynevor als schwangere junge Dame, die jeden Moment ihr Kind zur Welt bringen kann, nur eine von mehreren Protagonistinnen und Protagonisten darstellt, die auf unterschiedliche Art und Weise mit dem Wasser, der Gefährlichkeit dahintreibender und von der Energie des Wassers herumgeschleuderter Objekte und natürlich gefräßigen Bullenhaien klarkommen müssen. Dynevor jedenfalls steckt in einem Fahrzeug fest – so wie es aussieht, und so wie Wirkola es darstellt, ist ihre Lebenszeit wohl abgelaufen, denn die starre Astgabel, die sie umschlingt, lässt sich wohl nicht brechen.

Katastrophe überall

Falsch gedacht, zumindest bei Thrash. Denn hier geht nichts mit rechten Dingen zu. Gefährlich ist es auch nur dann, wenn die Story in Anbetracht des Ensembles schon längst zwischen entbehrlich und unentbehrlich entschieden hat. Von anderen Filmemachern, die mit diesem Genre vertraut sind wie zum Beispiel Alejandro Aja (z.B. Crawl) oder Jaume Collet-Serra (The Shallows), will Thrash kein bisschen lernen, was sich dadurch erkennen lässt, dass er sich in leidenschaftsloser Episodenhaftigkeit verliert.

Haie als kleine Fische

Wirkola begibt sich zum ersten Mal ins Genre des Katastrophenthrillers, will aber auch am Tierhorror mitnaschen, nur sind seine Haie selten viel mehr als zähnefletschendes Treibgut. Ihnen schenkt er relativ wenig Beachtung, sie sind eben Nutznießer der ganzen Situation und betreiben feuchtfröhliche Home Invasion, um in Küchen und Vorzimmern fremder Häuser ihre Runden zu drehen – mal sehen, ob ein Zweibeiner seine Extremitäten ins Wasser hält.

Im Vergleich dazu setzt Die Wasser der Seine – ebenfalls ein haarsträubender Netflix-Tierhorror ohne exorbitanter Katastrophe, die den Viechern die Show stiehlt – voll auf Fokus, zieht das Ding durch und feiert genau diesen B-Movie-Faktor konsequent bis zum Ende. Thrash hingegen weiß die meiste Zeit nicht, in welcher Tonalität er sich bewegen soll, wie weit er gehen darf und wie viel Übertreibung denn für so eine Katastrophe, die alles andere als parodiert werden will, gestattet sein darf. Wirkola verliert sich in halbgar erzählten Schicksalen, frönt Küchenkredenz-Parcours und schwimmenden Betten, konzentriert sich aber auf nichts richtig und hat schlichtweg das Problem, sich selbst in diesem Szenario nichts zuzutrauen.

Am Ende die Übertreibung

Am Ende macht er dann das, was er von Beginn an schon hätte machen sollen: Die Trash-Karte ausspielen, das überzogene Gedöns, die Natur beim Wasser-Wrestling, die lustvolle Übertreibung. Wirkolas Spaß an der Sache kommt erst spät, letztlich wirkt sein Zugeständnis nur noch aufgesetzt und kaum noch vonnöten, anders als bei den späten Gästen einer Party, die umso schöner werden.

Thrash (2026)

Apex (2026)

AN DIE WAND GESPIELT

7/10


Charlize Theron und Taron Egerton im Netflix-Hit Apex
© 2026 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH, ISLAND 2026

REGIE: BALTASAR KORMÁKUR

DREHBUCH: JEREMY ROBBINS

KAMERA: LAWRENCE SHER

CAST: CHARLIZE THERON, TARON EGERTON, CAITLIN STASEY, BESSIE HOLLAND, MATT WHELAN, AARON PEDERSEN, ZAC GARRED U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN



Was bedeutet Apex überhaupt? Erstmal hat der Begriff nichts mit „Ape“ zu tun, auch wenn die Assoziation anthropologischer Natur sein mag. Mit Apex meinen die im Internet befindlichen Lexika und Wörterbücher eher „Spitze, Scheitel- oder Höhepunkt“. Naheliegend wäre hier der Gipfel, der Wendepunkt nach dem Aufstieg, nach welchem geübte Kletterer endlich wieder mit beiden Beinen aufsetzen können.

Wer schauspielen will, muss leiden

Oder aber ist damit der Jäger an der Spitze gemeint? Der Apex Predator? Das ultimative Raubtier? Irgendwie scheint hier alles zu passen. Sowohl das eine, als auch das andere. Jedenfalls geht’s dabei an die Grenze, und wie wir bereits aus diversen PR-Terminen und Presseberichten längst wissen: Model und Schauspielerin Charlize Theron, die sich niemals dafür zu schade ist, physisch einiges auszuhalten (ich sage nur: Atomic Blonde), hat die Benchmark auf direktem Wege überwunden. Sie selbst, so sagen die Medien, habe hier einige der Kletterszenen selbst ausgeführt. Des weiteren beweist sie im Canyoning beachtenswerte Geradlinigkeit; kann rennen, stürzen, aufstehen, fallen – alles in einer Tour und mit dem notwendigen Quantum an Ermüdungs- und Erschöpfungserscheinungen, denn Theron will sich schließlich nicht nachsagen lassen, sie wäre der nächste weibliche Jason Statham.

Kalenderbilder mit Redneck-Vibes

Natürlich ist der Star erschöpft. Alleine die sagenhafte Natur des Watarrka Nationalparks im Northern Territory Australiens raubt einem schon den Atem. Balthasar Kormákur weiß, wie er diese schwer zugängliche Gegend einfängt. Dank der Drohnentechnologie sehen wir diese Landschaft aus Blickwinkeln, die, wären wir dort, selbst dann nicht zu sehen bekämen. Somit ist völlig nachvollziehbar, dass sich Protagonistin Sasha, die mit der Verarbeitung eines Bergdramas zu kämpfen hat, während diesem ihr Partner Eric Bana der Gravitation auf tödliche Weise erlag, auch nicht davon abhalten lässt, hier Ruhe und Ausgleich zu finden, als toxisch männliche Hinterwäldler ihr auf gefährliche Art den Hof machen.

Einer von denen scheint aber ganz aufgeräumt zu sein: Taron Egerton als der saloppe Ben – hilfsbereit, motiviert, ein „grader Michel“, wie man so schön sagt. Die Anwesenheit dieses Kerls stimmt Sasha zuerst zuversichtlich, kurze Zeit später aber deutlich weniger. Denn bei so viel Verhaltensperfektionismus inmitten einer von allen vergessenen Wildnis hat irgendwo einen Haken – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, wie sich später herausstellt.

Garstig wie ein Kobold

Was folgt, ist eine Hetzjagd durch die Botanik – und letztlich auch die Senkrechte hinauf und hinunter, sodass die vor Abenteuerlust schweißgetränkten eigenen Handflächen nach Magnesium lechzen. Kormákur versteht sein Genre sowieso schon längst, spätestens seit dem kuriosen Survivaldrama rund um den sogenannten „Walross-Mann“: The Deep aus dem Jahr 2012.

Nach Everest, der Chronik einer Tragödie am höchsten Berg der Welt, ist der Stressfaktor gesetzt: Apex wird wohl ähnlich auf Zug inszeniert sein. Und dabei ist der Antagonist nicht das flache Abziehbild eines aus der Versatzstückschublade hervorgeholten generischen Psychopathen, sondern ein mit gespenstischer Infantilität gesegneter hyperaktiver Bosnigl, der als perverser Kobold wie ein mythologischer Waldgeist den Überlebenswillen einer toughen Survivalistin kitzelt.

Zwischen Motivation und Abschreckung

Ein bisschen wie John Boorman, und manchmal auch wie Renny Harlins gewaltiger montaner Stirb Langsam-Reißer Cliffhanger: Kormákur hat die Plausibilität auf seiner Seite, es setzt auf psychologischen Terror und erbarmungslose Natur, die zwischen Gut und Böse einfach nicht unterscheiden will. Dieses exponierte Ausgesetztsein inmitten üppiger kontinentaler Schönheit reizt den Couchpotato genauso wie den Aktivsportler, der es kaum erwarten kann, sich selbst herauszufordern. Für Netflix also die beste Sorte Film für den Frühsommer.

Apex (2026)

Train Dreams (2025)

NICHT ZU WISSEN, WIE DER BAUM FÄLLT

7/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: CLINT BENTLEY

DREHBUCH: CLINT BENTLEY, GREG KWEDAR, NACH DEM ROMAN VON DENIS JOHNSON

KAMERA: ADOLPHO VELOSO

CAST: JOEL EDGERTON, FELICITY JONES, WILLIAM H. MACY, KERRY CONDON, NATHANIEL ARCAND, CLIFTON COLLINS JR., SEAN SAN JOSE, ALFRED HSING, WILL PATTON U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN



Holzfällen mal anders. Und gar nicht so, wie Thomas Bernhard es konzipiert hat, der in seinem kontroversen Portrait, dessen Titel jene mitunter gefährliche und hemdsärmelige Schwerstarbeit beschreibt, eine Wiener Abendgesellschaft mit Wörtern zur Strecke bringt anstatt mit Äxten, Sägen und „Baum fällt!“-Rufen. Die  hört man allerdings, wenn man in die Welt von Robert Grainier eintaucht – einem introvertierten, fast schon phlegmatischen, stets nach Antworten suchenden Typ Mensch, der immer dort steht, wo keine Schienen liegen, wo keine Weichen gestellt und kein Zug jemals halten würde. Kurz gesagt: im Nirgendwo einer Existenz. Hier würde man sagen: Wie bestellt und nicht abgeholt. Für die Flucht nach vorn, um dem Leben eine Ordnung zu geben, will Robert anpacken. Zur Säge greifen, Bäume fällen, die Zivilisation per Schiene noch weiter in den Westen führen oder dorthin, wo es sonst nichts gibt außer Wildnis.

Das Lebensglück wärt zumindest für eine kurze Zeit, als Robert auf Gladys trifft – auf ähnlich vulnerable Weise ergänzt Felicity Jones (Oscarnominierung für The Brutalist) das wortkarge, in sich gekehrte Wesen ihres Geliebten, beide gründen eine Familie, am Fluss steht bald ein Holzhaus. Und als wäre alles viel zu schön, um wahr zu sein, quält den Waldburschen dann doch immer wieder der Abschied, wenn es heisst, für einige Monate abberufen zu werden, um weit weg von Heim und Familie Geld zu verdienen. Irgendwann wird es, wir ahnen es schon, zu einem Abschied auf ewig – als Robert zurückkehrt und Wald und Haus lichterloh in Flammen stehen.

Schauplatzreport als Heimatfilm

Train Dreams von Clint Bentley, der beim Drehbuch für das Gefängnisdrama Sing Sing mitgewirkt hat, ist jene Sorte des uramerikanischen Heimatfilms, den Chloé Zhao mit ihren impressionistischen Arbeiten Songs My Brothers Taught Me und The Rider neu interpretiert und definiert hat. Während Zhao aber mehr oder weniger Geschichten aus der ruralen Gegenwart erzählt, im traditionellem und ganz anders tickenden Kosmos fernab eines urbanen Fortschritts, mit dem der Rest der Welt die Vereinigten Staaten assoziiert, nimmt sich Bentley ein ganzes Leben zur Brust, eine Wegstrecke weg von den Zehnerjahren des 19ten Jahrhunderts bis in die späten Sechzigerjahre hinein. Die Bilder jedoch, die der oscarnominierte Kameramann Adolpho Veloso dafür findet, huldigen einer ähnlich reportagehaften True-Story-Poesie wie es Zhao stets tut, um dabei hingebungsvoll von Wildnis, der Weite und den Wäldern ergriffen zu werden, während die Sonne zu den dramatischsten Tageszeiten auf unkitschige Weise die Szene nuanciert. Dazwischen ungefilterte, kontrastarme Bilder in 4 zu 3, frei von Studiolicht, nur mit dem arbeitend, was der Tag oder die Nacht auch hergibt. Da lässt sich schon eine Nähe spüren, die man in heillos überarbeiteten und mit allerlei Filtern nachgebesserten, ganze Dekaden umspannenden Epen niemals findet.

Der suchende Blick des Genügsamen

Mittendrin ein Joel Edgerton, von dem wir wissen, wie rätselhaft er wirken kann. Und je weniger er preisgibt von seinen darzustellenden Gefühlswelten, umso interessanter und faszinierender wird diese Figur. Umgeben von der Rauheit und Erbarmungslosigkeit eines Holzfällerlebens und vom eigenen verräterischen Schicksal drangsaliert, meistert Edgerton das Portrait eines immerwährend Geprüften. In dieser Beharrlichkeit, die er dabei an den Tag legt, ist dieser Hiob nicht alleine. Bentley schenkt ihm statt Isolation zumindest den Dialog, den Trost von den anderen; so manchen Wert, so manche Weisheit von Menschen, die auf ihre eigene Weise geprüft werden, die letzten Endes ein Gesamtbild dieses teils ungezähmten, unberechenbaren Amerikas ergeben, das wie ein umstürzender Baum nichts preisgeben will, in welche Richtung er fällt.

Train Dreams ist ein elegischer, prosaischer Naturalismus. Unaufgeregt und doch aufregend, bebilderte Literatur wie die eines John Steinbeck, zwischen Arbeiterchronik und dem wildromantischen Horror von Verlust, Loslassen und Neuanfang.

Train Dreams (2025)

The Rip (2026)

ONKEL DAGOBERT BEI DER DROGENFAHNDUNG

5/10

 

© 2026 Netflix Inc.

 

LAND / JAHR: USA 2026

REGIE / DREHBUCH: JOE CARNAHAN

KAMERA: JUAN MIGUEL AZPIROZ

CAST: MATT DAMON, BEN AFFLECK, STEVEN YEUN, TEYANA TAYLOR, SASHA CALLE, CATALINA SANDINO MORENO, SCOTT ADKINS, KYLE CHANDLER, LINA ESCO U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN



Die BFFs Matt Damon und Ben Affleck stehen wiedermal gemeinsam vor der Kamera. Was passt da besser als eine raue Bullen-Pistole unter der Regie von Joe Carnahan, dessen markiger Nachname die raubtierhafte Grundstimmung zwischen Nacht, Nebel und blinkenden Lichtern in der Nachbarschaft bereits vorwegnimmt. The Rip (im Polizeijargon unter anderem das Beschlagnahmen von Drogengeld) nennt sich der neue Buddy-Actioner, eben erst taufrisch auf dem Streamer Netflix erschienen, der sich damit wiedermal unentbehrlich machen will, denn Affleck und Damon sehen viele schließlich gern. Affleck nicht unbedingt als Batman, aber als einer, der gerne im Zwielicht hantiert, den harten Mittfünfziger macht und dabei noch nicht zum alten Eisen gezählt werden will, während Damon, der Charakterkapazunder der beiden, mit dem Feingespür eines Theaterschauspielers in der Interpretation seiner Rolle vieles unbeantwortet lässt – was die Lust natürlich steigert, vor allem Damons Intensionen auf den Grund gehen zu wollen. Beide ergänzen sich prächtig, und das ganze als Bromance zu bezeichnen das einzig vernünftige.

Carnahan steckt sie also in die Berufsmontur polizeilich ermittelnder Drogenfahnder der Spezialeinheit TNT, welche, irgendwie anders als die DEA, womöglich mehr Freiheiten genießt. Was die TNT also stets am Radar haben sollte, ist deponiertes Drogengeld. Ihr Ziel: Den Mammon sicherzustellen, abzuzählen und dem Staat zu übergeben.

Die Exekutive zählt Dollars

Wir haben alle, wirklich alle, aus dem Genre des amerikanischen Polizeifilms gelernt: Den Tango Korrupti tanzen nicht nur Politiker, sondern auch Polizistinnen und Polizisten – meistens dann, wenn sie bei ihrer eigenen Gewerkschaft kein Gehör finden, sich selbst als unterbezahlt betrachten oder einfach der Versuchung erliegen, den nicht erhaltenen Lottogewinn vielleicht im Wegschneiden gefundener Vermögen zu kompensieren, deren Summe bei den Behörden noch nicht durchgesickert ist. Gerne passiert es, und so mancher Bulle ist mit den Drogenkartellen auf du und du. Eben, weil leicht verdientes Geld durchaus schmutzig sein darf. In diesem Dunstkreis möglicher Machenschaften stochern Damon und Affleck sogar noch nach Dienstschluss, weil ohne Fleiß kein Preis, in den vier Wänden eines Hauses herum, dessen Adresse von verlässlichen Informanten als heiß zugespielt wurde. Besser noch ein Nest ausheben als die Beine vor dem Fernseher hochlagern. Und so fallen den Bros und ihrem Team weitaus mehr Kohle in den Schoß als vermutet.

Packend wie ein Kassasturz

Gelegenheit macht Diebe, nur wer lässt sich als solche überführen? Joe Carnahans selbst verfasster Actionkrimi legt falsche Fährten und lädt zum Mitraten ein. Der über weite Strecken des Films eng gefasste Schauplatz unterstreicht dabei das Gefühl, einer Art Whodunit beizuwohnen, bei dem es auf jedes Detail ankommt. Doch der Schein der Taschenlampen, die durchs Dunkel brechen, trügt etwas. The Rip hat rein konzeptionell durchaus eine gewisse Klasse, auch dank der illustren Besetzung, die über Affleck und Damon hinausgeht. Doch obwohl wendungsreich, eiert die Story um sich selbst herum, als läge ihr ein ausgeklügeltes Skript zugrunde. Wenn dem so wäre: wie kommt es dann, dass trotz der durchdachten Handlung zuviel Salz in der Suppe fehlt, um dem Film seine USP zu verpassen? Die mangelnde Würze ist einer gewissen fehlenden Nahbarkeit geschuldet. Die Figuren des Ensembles bleiben flach und austauschbar. Ohne entsprechende Vibes, ohne Zwischentöne bleibt das alles etwas kalt und knurrig. Handwerklich sauber, das muss man zugestehen. Doch dieser Umstand bringt trotz der düsteren, zumindest moralisch nicht ganz astreinen Grundstimmung eine Sterilität zuwege, die The Rip im besseren Mittelfeld belässt, was Streamingfilme angeht, die so tun, als hätten sie ins Kino gehört.

Säße man genau dort, wäre man wohl enttäuscht. So aber ist es nur Streaming, das die Toleranzgrenze für verlorene Lebenszeit deutlich höher setzt. Davon ist man natürlich doch noch ein Stückchen entfernt, aber dennoch: Netflix und Co wissen schon ganz genau, was sie auf die große Leinwand bringen und was nicht.

The Rip (2026)

Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery (2025)

DIE GEMEINDE LÄSST BITTEN

6,5/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE / DREHBUCH: RIAN JOHNSON

KAMERA: STEVE YEDLIN

CAST: DANIEL CRAIG, JOSH O’CONNOR, JOSH BROLIN, GLENN CLOSE, MILA KUNIS, JEREMY RENNER, KERRY WASHINGTON, ANDREW SCOTT, CAILEE SPAENY, DARYL MCCORMACK, THOMAS HADEN CHURCH, JEFFREY WRIGHT,  JAMES FAULKNER U. A.

LÄNGE: 2 STD 20 MIN



Schön ist das, wenn man als Regisseur freie Hand bei einem Franchise hat und sowohl für Skript als auch für die Umsetzung verantwortlich sein darf. Und das, obwohl Star Wars VIII: Die letzten Jedi (für mich aus völlig unerfindlichen Gründen) kaum auf Gegenliebe stieß. Dennoch: Bei Knives Out hat Rian Johnson für beide Seiten alles richtig gemacht. Also lässt er schon zum dritten Mal seinen bunten Haufen an Verdächtigen im Upstate New York zusammenkommen, irgendwo zwischen New York und Long Island, einem tristen Pflaster, wenn man obendrein noch voller Reue im christlichen Glauben die Absolution sucht. In dieser Gegend lassen sich Geheimnisse gut verstecken und Mordfälle nur schwer aufklären. Und wenn dann doch einer passiert, dann vorzugsweise in heiligen Hallen, wenn geht während des Gottesdienstes, und während Monsignor Jefferson Wicks (Josh Brolin mit dichter, grauer Haarpracht) wie üblich seine Gardinenpredigt hält. Der Verdacht fällt auf den strafversetzten Priester Jud (Josh O’Connor, The Mastermind), der mit den Methoden des Gemeindepfarrers überhaupt nicht zurechtkommt. Er nimmt diesem zwar die Beichte ab, doch stellt er selbst Nachforschungen an, um herauszufinden, was es mitunter auf sich hat, dass in der Apsis der Kirche kein Kreuz mehr hängt. Dabei stößt er auf eine zurückliegende, düstere Familientragödie rund um Vermögen, Erbe und einem versteckten Schatz. Als sich der Disput zwischen den Geistlichen zuspitzt, lässt sich der durchaus aggressive Jud zu Morddrohungen hinreissen – die folglich gegen ihn verwendet werden. Und gerade dann, wenn alles aussichtslos und der Mord an Jefferson Wicks unlösbar scheint, tritt Benoit Blanc auf den Plan. Ein Schnüffler in edlem Zwirn und herrlich distinguiert, der frappant an Peter Ustinovs Darstellung des Hercule Poirot erinnert, gemixt mit Dreitagebart und blonder Mähne, die seinem Alter anachronistisch zuwiderläuft und obendrein an Oscar Wilde erinnert. Dieser Benoit Blanc steht ebenfalls auf der Leitung, was den Fall betrifft. Jeder könnte wie üblich verdächtig sein und für jeden gilt es, Indizien zu sammeln. Währenddessen ereignen sich weitere mysteriöse Dinge, sogar eine Auferstehung von den Toten erfüllt den Filmtitel geradezu wortwörtlich.

Der Schnüffler als Nebenrolle

Rian Johnson hat diesmal, nach trautem Familienheim und einsamer Insel, den heiligen Ort der Kirche erwählt – und zugegeben, das Setting ist für einen Whodunit zwar nicht neu, hat aber noch jede Menge Potenzial. Hinzu kommt, dass man mit dem Entdecken bekannter Gesichter fast nicht nachkommt. In Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery sammelt sich wieder mal erlesene Schauspielzunft, um in diesem Ensemblestück etwas oder auch gar nichts im Schilde zu führen oder nur so zu tun, als ob. Die Stimmung, das neogotische Gewölbe, die dunklen Gänge, der labyrinthartige Garten – alles klassische Versatzstücke, die funktionieren. Nur diesmal steht Benoit Blanc vollends im Schatten all der anderen. Die Conclusio lautet gar: Daniel Craig in seiner zweiten Paraderolle nach James Bond – man hätte ihn nicht gebraucht. Denn O’Connor und Brolin, die beiden Joshs, geigen auf, da verkommt der Rest des Ensembles sowieso nur zur Staffage, und auch Benoit Blanc fehlt komplett die Durchsetzungskraft eines charismatischen Privatermittlers.

Schließlich ist es auch so, dass Blanc den Fall gar nicht mal richtig lösen muss. Die Challenge der Beweisführung zeigt überraschend früh Ermüdungserscheinungen, da Rian Johnson in seinem Skript so sehr darauf aus ist, einen unmöglich entschlüsselbaren Tatbestand zu ersinnen, dass die prickelnde Dynamik seines Filmes bis zum großen Paukenschlag an Kraft verliert. Mit anderen Worten: Die Lust an der kriminologischen Genialität steht sich selbst im Weg und hemmt die Ermittlungen. Am Ende öffnet Johnson das einzig mögliche Ventil, um den Kopf freizubekommen.
Was man danach mitnehmen kann, ist das feine Spiel des Ensembles und das ans Paranormale grenzende Mysteriöse – die Mörderjagd selbst ist, statt von Ehrgeiz gekrönt, kein Gipfelstürmer.

Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery (2025)

Jay Kelly (2025)

FILMSTARS SIND AUCH NUR MENSCHEN

6,5/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: NOAH BAUMBACH

DREHBUCH: NOAH BAUMBACH, EMILY MORTIMER

KAMERA: LINUS SANDGREN

CAST: GEORGE CLOONEY, ADAM SANDLER, LAURA DERN, BILLY CRUDUP, RILEY KEOUGH, GRACE EDWARDS, STACY KEACH, JIM BROADBENT, PATRICK WILSON, GRETA GERWIG, ALBA ROHRWACHER, JOSH HAMILTON, EMILY MORTIMER, EVE HEWSON, LARS EIDINGER  U. A.

LÄNGE: 2 STD 12 MIN



Ist der erste Filme des neuen Jahres ein Orakel für die nächsten zwölf Monate? Wenn ja, dann hätte ich es weitaus schlechter treffen können, doch davon ging ich nicht wirklich aus, denn Noah Baumbach, so dachte ich mir, mag schon ein gewisser Garant für qualitative Filmprojekte sein. Obendrein hat der Autorenfilmer ein sehr sensitives Händchen, was zwischenmenschliche Dialoge betrifft. Er weiß, wie Wortwitz, Schlagfertigkeit und Konfliktsprache geht. Er weiß, wie Menschen inter-, re und sonst wie agieren. Was er vielleicht nicht ganz so gut weiß, ist, wie Menschen sich selbst finden sollen. Wie sie mehr oder minder ganz allein an eine Wahrheit gelangen, lediglich angetrieben durch das zum Zwecke der Selbsterkenntnis leicht interpretierbare Verhalten jener, die einen umgeben. In diesem Fall ist dieser Mensch niemand geringerer als Deluxe-Schauspieler und Superstar George Clooney, neuerdings mit französischem Pass unterwegs sein wird.

Clooney wollte wiedermal vor die Kamera, und zwar so richtig. Am liebsten eben mit Noah Baumbach, und warum nicht an seiner Seite einer, der schon längst bewiesen hat, dass er auch das ernste Fach versteht? Somit haben wir Adam Sandler. Vergessen sind die unterirdischen Klamaukkomödien, was haften, bleibt ist zum Beispiel Der schwarze Diamant der Gebrüder Safdie. Wir wissen auch, dass Baumbach Sandler bereits 2017 in The Meyerowitz-Stories (New and Selected) besetzt hat, einem tragikomischen Patchwork-Familiendrama, das sich sowohl inhaltlich als auch in punkto verbalem Schlagabtausch wirklich sehen lassen kann. Ähnliches probiert Baumbach nun auch mit dieser Nummer: Jay Kelly: Glamour-Independent mit Starpower im Arthouse-Fieber. Und lechzend nach europäischer Filmkunst, vorzugsweise jener Italiens.

Es ist nicht leicht, ein Star zu sein

Im Mittelpunkt und über zwei Stunden lang fast durchwegs im Bild spielt George Clooney mehr oder minder sich selbst, und das überzeugend. Er nennt sich Jay Kelly und alle Welt liebt und kennt ihn wie Humphrey Bogart, Marlon Brando oder Robert de Niro. Zumindest zwei davon werden auch namentlich erwähnt, Gesichter wie eines von Marcello Mastroianni oder Sophia Loren kann man erhaschen. Und – Überraschung – sogar Lars Eidinger lässt sich blicken. In seiner Rolle als „Fahrraddieb“, der von Clooneys Figur verfolgt wird, könnte sich gar ein versteckter Rebus verbergen – eine leise Hommage an den Neorealismus eines Vittorio de Sica, an das echte, unverstellte Kino Europas, dem Kelly hinterherjagt.

Nirgendwo kann er mehr hin, ohne erkannt und überrannt zu werden. Ein wortkarger Bodyguard folgt ihm auf Schritt und Tritt. Kelly lebt geschieden und hat zwei Töchter, die ausnahmsweise nicht in die Fußstapfen ihres Star-Papas treten, sondern jenseits des Showbiz ihre Zukunft sehen. Ein inniges Verhältnis hat der große Mann zu seinen Töchtern letztlich keines, weil, wie kann es anders sein, wenn der Ruhm rief, Papa auch selten zuhause war. Nun aber scheint Kelly dort angekommen, wo man normalerweise über das, was man erreicht hat, reflektiert, und das, was noch kommt, im Fokus neu justiert. Nach einer Auseinandersetzung mit einem Freund aus der Studienzeit, die ihn wohl zur Besinnung bringt und erdet, fällt dem älteren Herren nichts anderes ein, als mit dem Privatflieger seiner auf Europatrip befindlichen Tochter nachzureisen, um aufzuholen, was er versäumt hat. Mit dabei die ganze Entourage, auch Assistent Adam Sandler, der seine eigene Familie hintanstellen muss, weil er sein Leben dem des Stars unterordnet.

US-Independent auf Italienisch

Auf Reisen erfährt man natürlich mehr über sich selbst als sonst wo, mit Ausnahme einer Psychotherapie. Die Figur des Jay Kelly ringt also damit, die Rolle, die er als öffentliche Person zu spielen gedenkt, abzulegen. Er will Fehler wieder gutmachen, das Versäumte nachholen. Der Zug mag abgefahren sein, doch Clooney ist im letzten Moment noch aufgesprungen. So denkt er, im Dialog und in der eigenen Erinnerung, über sein Leben nach und dem Dasein als Figur des Ruhmes. Im Laufe des Selbstfindungstrips wird Kelly immer einsamer, Entourage und Familie – darunter Altstar Stacy Keach – bröseln weg, er selbst als Person wird reduziert auf das Wesentliche: Auf sich selbst. Dabei verlässt Noah Baumbach seine gewohnte Spielwiese der interagierenden Verhaltensstudie und sucht die Absolution im europäischen, vorzugsweise italienischen Kino. Passt das zusammen?

Nur bedingt. In der zweiten Hälfte des Films möchte Baumbach auf eine Weise seine Figur ins toskanische Sommerlicht rücken wie Paolo Sorrentino. La Grande Belezza fällt mir dazu ein. Von dieser barocken, metaphysischen Ästhetik, mit welcher der Italiener seine Figuren umgibt, ist Baumbach weit entfernt. Diese Sorgfalt erreicht er nicht, das Sprachliche ist immerhin seine Stärke. Den Übergang ins psychologische Kunstkino mag man honorieren, von Bewunderung ist aber nicht die Rede. Und auch wenn Clooneys Figur seinem unechten, inszenierten Alter Ego als Kelly den Rücken kehren will – letztendlich distanziert sich der Star zu wenig davon, mag die Rückbesinnung auf wahre Werte wie Freundschaft und Familie hinter dem Schauspielschaffen verschwinden. Als Vater und Freund will er sich identifizieren, als er selbst. Die Rolle des Stars lässt sich aber nicht wegrationalisieren, bleibt sie doch Teil des eigenen Ichs.

Jay Kelly (2025)

A House of Dynamite (2025)

19 MINUTEN BIS ZUM ENDE DER HOFFNUNG

8/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: KATHRYN BIGELOW

DREHBUCH: NOAH OPPENHEIM

KAMERA: BARRY ACKROYD

CAST: REBECCA FERGUSON, IDRIS ELBA, GABRIEL BASSO, JARED HARRIS, TRACY LETTS, ANTHONY RAMOS, MOSES INGRAM, JONAH HAUER-KING, GRETA LEE, JASON CLARKE, BRIAN TEE, GBENGA AKINNAGBE, WILLA FITZGERALD, KAITLYN DEVER U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN



Wenn dem Piloten in einem Flugzeug angesichts heftiger Turbulenzen die beschwichtigenden Worte ausgehen, und das Flugpersonal die spaßbefreite Miene aufsetzt, wird auch dem geeichtesten Vielflieger langsam anders. Wenn bei jenen, die an den Hebeln der Welt sitzen, die Kinnlade gen Erdmittelpunkt drängt, und sie alle gemeinsam nicht glauben können, was sich ereignen wird, dann wird der Mensch ungeachtet seiner Karriere und seiner Machtkompetenz, seines Standes, seines Erfolges oder seiner Wichtigkeit zu einem Häufchen fluchtinstinktivem Etwas, das mit Christian Morgensterns Zitat „Weil nicht sein kann, was nicht sein darf“ die Übersprungshandlung zelebriert. Schließlich bahnt sich in A House of Dynamite eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes an, die, sollte man sie nicht verhindern können, wohl die gesamten Vereinigten Staaten und überhaupt die ganze Welt um den Verstand bringen wird.

Nicht danach, sondern davor

Filme, die ein Schreckensszenario sezieren und mit der allgegenwärtigen Bedrohung eines Atomkriegs den Horror tief ins Gemüt der Zusehenden versenken, gibt es nicht erst seit The Day After – Der Tag danach. Das Endzeitdrama von Nicholas Meyer schildert die Nachwirkungen eines verheerenden Atomschlags. Auch der an die Nieren gehende Trickfilm Wenn der Wind weht schildert wie kaum ein anderes Werk die Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht gegenüber einer irreversiblen Zerstörung, welche ein Atomschlag an sich und dessen Folgen auslösen kann. Kathryn Bigelow dreht nun in ihrem neuesten Werk den Spieß um und will dabei nicht auswalzen, was man ohnehin schon kennt. Ihr geht es darum, die Zeit davor zu schildern, nämlich nur 19 Minuten, bevor die Bombe einschlagen wird. Ihr Ziel: Chicago, eine Millionenmetropole. Keine Zeit, um irgendwen zu evakuieren. Kein Grund, Panik zu verbreiten, indem man die Bevölkerung davon unterrichtet, dass diese ausgelöscht werden wird. 19 Minuten – entschieden zu wenig Zeit, damit der Mensch als kognitiv denkendes Wesen das Drama in seiner Gesamtheit fassen kann.

Drehbuchautor Noah Oppenheim macht aus diesem furchtverbreitenden Notstand kurz vor dem Unmöglichen einen Episodenfilm und teilt diesen in drei Akte. So gesehen wäre A House of Dynamite, konzipiert als Dialogfilm an drei Orten, auch dafür geeignet, auf Bühnen zu reüssieren. Akt Eins findet im White House Situation Room statt – hier ringt Rebecca Ferguson um Fassung und versucht, das Richtige zu tun, während sie ihren Ehemann nochmal ans Telefon holen will und zeitgleich mit allen hohen Tieren der Regierung eine Videokonferenz abhält. Akt Zwei findet an einer Air Force Basis in Nebraska statt. Dort versucht man, die Langstreckenrakete unbekannter Herkunft abzufangen, bevor sie einschlägt. Der letzte Akt zeigt den Präsidenten, in diesem Fall, wie schon zuvor in der klamaukigen Actionkomödie Heads of State, Idris Elba, der herausfinden will, welche von den Staaten dieser Welt das Zeug, den Hass und den Willen dazu hat, die Welt aus ihren Angeln zu heben.

Wer es fassen kann, der fasse es

A House of Dynamite mag als weiteres toughes Meisterwerk einer akkuraten und stark auf militärische Themen fokussierten Filmemacherin gelten. Gesellschaft, Krieg, die Grenzen exekutierter Politik und selbige an sich sind Themen, die sie seit 2008, nach ihrem Erfolg mit The Hurt Locker über einen Us-Minenentschärfer im Irak, nicht mehr loslassen, schließlich gibt es aus diesem Dunstkreis eine Menge zu erzählen, und zwar nicht nur über beängstigende Szenarien, sondern vorwiegend über die Psyche jener Menschen, die in solchen Extremsituationen die Kontrolle behalten wollen: Jeremy Renners Figur ebendort, Jessica Chastain in Zero Dark Thirty oder John Boyega in Detroit. Nun aber ist A House of Dynamite ganz deutlich ein Ensemblestück mit vielen verschiedenen Charakteren, die alle Verantwortung tragen und in einem Umstand wie diesen bis zur völligen Überforderung an ihre Grenzen stoßen. Die Bildschirme alleine, die den Raketenflug zeigen; die Uhr, die tickt; der Nervenkrieg, der entsteht, wenn die Abfangraketen versuchen, ihr Ziel zu treffen: Statt reißerischer Action und einem ausladenden Katastrophensetting, das wohl Roland Emmerich gerne gesehen und umgesetzt hätte, ist A House of Dynamite reinste Reduktion, dafür aber so sehr Schauspielkino, dass das unvermeidliche Chaos bereits schon vorab in den Köpfen der Menschen ausbricht.

Bigelows Film ist ein seltener Hybrid zwischen Polit- und Psychothriller, ein beklemmendes Psychogramm der Ausweglosigkeit, der unterdrückten Panik und der Verdrängung des Unvermeidlichen. Ein Film, der mit allen expliziten Bildern der Welt niemals so nahe an die eigene Empfindung herandringen hätte können, als er es tut, indem er nichts zeigt, nur die völlige Fassungslosigkeit aller.

A House of Dynamite (2025)

Frankenstein (2025)

DER WERT GANZ GLEICH WELCHEN LEBENS

8/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: GUILLERMO DEL TORO

DREHBUCH: GUILLERMO DEL TORO, NACH DEM ROMAN VON MARY SHELLEY

KAMERA: DAN LAUSTSEN

CAST: OSCAR ISAAC, JACOB ELORDI, MIA GOTH, CHRISTOPH WALTZ, FELIX KAMMERER, LARS MIKKELSEN, DAVID BRADLEY, CHRISTIAN CONVERY, CHARLES DANCE, NIKOLAJ LIE KAAS, LAUREN COLLINS, RALPH INESON, BURN GORMAN U. A.

LÄNGE: 2 STD 30 MIN



Dass Netflix Guillermo del Toros überbordendes Frankenstein-Drama in Österreich nicht auf die Leinwand brachte, grenzt ja fast schon an Banausentum. Was in Deutschland und anderswo zumindest eine kurze Zeit lang gewährt wurde, hat man hierzulande nicht umgesetzt. Und das, obwohl Frankenstein hinter dem bald erscheinenden dritten Avatar wohl der visuell stärkste Film des Jahres ist. Doch wie die Release-Politik funktioniert, bleibt im Dunst der Unverständlichkeit verborgen. Wirtschaftliche Interessen hin oder her: der Kunst seinen Raum zu geben wäre nur natürlich.

Das Monster als visuelle Variable

So bleibt uns nur der Platz vor dem Fernseher, der zum Glück groß genug ist, um ein bisschen etwas von der Wirkung abzubekommen, die der Film noch hätte entfalten können. Die ist selbst im Kleinformat stark genug, um einen Wow-Effekt zu erzeugen. Denn einer, der Filme wie Hellboy, Pans Labyrinth oder The Shape of Water zustande brachte und der selbst mit der Mystery-Noir-Nummer Nightmare Alley visuell alle Stückchen gespielt hat, darf nun bei Mary Shelleys Schauerroman auffahren, was geht.

Die Latte liegt bei diesem Stoff natürlich hoch – einer wie Boris Karloff in Gestalt von Frankensteins Monster ist so sehr Teil der Filmgeschichte und der Popkultur, das es unmöglich scheint, eine denkwürdige Interpretation entgegenzusetzen, die den Quadratkopf Karloffs auch nur irgendwie verdrängt. Das hat schon Kenneth Branagh probiert. Seine Frankenstein-Verfilmung ist zweifelsohne ein gelungenes Stück Theaterkino, und Robert De Niro als das Monster keine schlechte Wahl, nur blieb der Oscarpreisträger abgesehen von seinem Erscheinungsbild auch als die künstliche Person, die erschaffen wurde, hinter dem möglichen Spektrum an Empfindungen zurück. Bei Dracula selbst liegen die Dinge schon etwas anders, Dracula hat die Variabilität für sich gepachtet, Frankensteins Monster nicht. Doch nun, so viele Jahre später, schlüpft Jacob Elordi in die Kreatur – und schenkt ihm ungeahntes, schmerzliches, mitleiderregendes Leben, wie man es bei Karloff, De Niro und sonstigen Darstellern, die diese Rolle innehatten, vergeblich sucht. Dabei entfernt sich del Toro radikal vom gedrungenen, schweren, unbeholfenen Körper eines denkenden Zombies. Dieser hier ist ein wie aus Lehm geformtes Patchwork-Wesen aus einer anderen Dimension – ein Mann, der vom Himmel fiel. Ein Körper mit dem Geist eines Kindes, das vor den Entdeckungen seines Lebens steht. Die Beschaffenheit der Figur, ihr zusammengeflickter Leib, strotzt vor Anmut, physischer Stärke und verbotener Schrecklichkeit. Kein Wunder, dass Mia Goth als des Wissenschaftlers Schwägerin fasziniert ist von dieser Erschaffung. Denn wir, oder zumindest ich selbst, bin es ebenso.

Über Leichen gehender Ehrgeiz

Ihm gegenüber der Zynismus in Reinkultur – ein vom Ehrgeiz getriebener Möchtegerngott namens Viktor Frankenstein. Überheblich, getrieben, rastlos. Ein Visionär als Metapher für eine vor nichts haltmachenden Wissenschaft, die keine Moral, keine Ethik und kein Mitgefühl kennt, sondern nur sich selbst, den eigenen Ruhm und nicht mal das Wohl aller, welches durch eine Erkenntnis wie diese erlangt werden könnte. So wohlbekannt die Geschichte, so ausstattungsintensiv die Bilder dazu, und zwar von einer farblichen, strahlenden Intensität, dass man es schmecken, riechen und greifen kann. Frankenstein ist ein waschechter del Toro, getunkt in seine Farbpalette aus schwerem Rot, Aquamarin und giftigen Grüntönen. In diesem Bildersturm gelingt aber vor allem genau das, was Filme, die auf Schauwerte setzen, gerne hinter sich lassen: Die Tiefe der Figuren, die Metaebenen der Geschichte. Oscar Isaac kehrt Victor Frankensteins Innerstes nach außen, Jacob Elordi lässt das scheinbar gottlose Wesen als Konsequenz von Diskriminierung und Ablehnung in Rage geraten – als hätte es die Macht, sein eigener Gott zu sein. Frankenstein beginnt und endet im ewigen Eis, in einem Niemandsland ohne Zivilisation. Der richtige Ort, um über das Menschsein zu sinnieren. Dann passiert es, und im Licht der Polarsonne wird das Phantastische zum Welttheater.

Frankenstein (2025)