Pieces of a Woman

NUR EINE MINUTE MUTTERGLÜCK

7/10


piecesofawoman© 2020 Netflix

LAND: KANADA, UNGARN, USA 2020

REGIE: KORNÉL MANDRUCZÓ

CAST: VANESSA KIRBY, SHIA LABEOUF, ELLEN BURSTYN, MOLLY PARKER, BENNIE SAFDIE, SARAH SNOOK U. A. 

LÄNGE: 2 STD 6 MIN


Es mag wohl das eine oder andere Mal tatsächlich vorkommen, und womöglich ist es das Fürchterlichste, was einer Hebamme bei ihrer Arbeit passieren kann: Ein Kind zur Welt bringen, das kurz darauf stirbt. Woran, lässt sich meist nicht sofort bis gar nicht klären. Wie es dabei der Gebärenden geht? Das brauch ich, denke ich, kaum erläutern. Nur so viel: alle Beteiligten werden wohl traumatisiert und verstört aus dieser Situation hervorgehen. Nichts wird wohl so bleiben, wie es war. Am Allerwenigsten die Beziehung der Eltern untereinander. Wie so etwas entzweien kann, und welche Wege es gibt, um individuell mit so einer Tragödie fertig zu werden, das zeigt der ungarische Filmemacher Kornél Mandruczó (Underdog, Jupiter’s Moon) in einem ausgewogen konzipierten, teils expliziten Filmdrama mit Vanessa Kirby in einer Hauptrolle, auf die sie stolz sein kann – und die ihr auch Tür und Tor öffnen wird für Rollen, die vorher vielleicht nicht in greifbare Nähe gerückt sind.

Kirby fiel mir erstmals in einer Nebenrolle im letzten Teil des Mission Impossible-Franchises positiv auf. Hier allerdings ist sie kein geheimnisvoller Vamp, sondern eine junge Frau, die ihr Mädchen in den eigenen vier Wänden zur Welt bringen will. Als die Fruchtblase platzt und die Wehen einsetzen, schickt die eigentliche Hebamme, die hätte kommen sollen, eine Vertretung, die auf den ersten Blick eigentlich alles richtig macht, Martha (so heißt Kirby im Film) intensiv betreut, sie erstmals in die Wanne schickt und dann aufs Ehebett. Alles läuft nach Plan. Auch die Herztöne des Babys scheinen stark zu sein. Bis plötzlich nichts mehr zu hören ist – und das Kind schleunigst auf die Welt kommen muss. Was die Tragödie noch schwerer zu ertragen lässt: das Baby scheint vorerst zu leben… Was danach folgt, ist die Zeit danach, in denen Martha sich von ihrem Ehemann (Shia LaBeouf als gewohntes hemdsärmeliges Raubein) immer mehr distanziert und den Prozess, der von Gatte und Mutter gegen die Hebamme eingeleitet wird, eigentlich gar nicht will.

Pieces of a Woman ist aber kein Justizdrama, sondern die Chronik einer Rückführung in ein mögliches Leben. Mandruczós Film ist auch kein niederschmetterndes Trauerspiel wie man vielleicht vermuten würde. Drehbuchautorin Kata Wéber bettet die in monatlichen Kapiteln erzählte Geschichte in zugängliche Allegorien, wie die von einer Brücke, die beide Ufer miteinander verbindet, so als würde der Bruch durch ein Leben langsam, aber doch, heilen. Die Sache mit den Äpfeln – ebenfalls eine zärtliche Annäherung an eine tröstende Gedankenwelt, die Martha ausprobiert. Der Film atmet viel vom europäischen Kino, spart sich, was nicht erwähnt werden muss, legt aber großen Wert nicht nur auf den Schlüsselmoment, der eine geplante Zukunft verhindert, sondern konzentriert sich auch auf den familiären Aspekt. Ellen Burstyn als wohlhabende wie energische, aber gutmeinende Mutter gibt hier ebenfalls eine beachtliche Performance.

Ein Ensemblefilm also, sehr detailliert, klarerweise emotional und dazwischen von tröstender Wehmut vereinnahmt. Was in Pieces of a Woman passiert, bleibt ein irreversibles Schicksal. Das aber akzeptiert werden kann. Einfach, um neu anfangen zu können.

Pieces of a Woman

Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel

DER STAAT BIN ICH

7/10


roseninsel© 2020 Netflix


LAND: ITALIEN 2020

REGIE: SYDNEY SIBILIA

CAST: ELIO GERMANO, MATILDA DE ANGELIS, TOM WLASCHIHA, LEONARDO LIDI, LUCA ZINGARETTI, FRANÇOIS CLUZET U. A. 

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


„Warum haben sie das überhaupt gemacht?“ wird Gorgio Rosa während des Films gefragt? „Genau aus dem Grund“, antwortet der, „warum ein Hund seine Hoden leckt.“ Wie bitte? Na ja, einfach weil’s geht. Sollte das Grund genug sein? Etwas zu tun, nur weil’s machbar ist? Oder juckt es nur in den Fingern, herauszufinden, ob der Traum Realität werden kann? So wie manche Berge deshalb bestiegen wurden, weil sie einfach da sind, lässt sich auch ein Staat gründen, mitten am Meer, weil erstens niemand diese Gegend politisch beanspruchen kann und zweitens der Mensch stetig nach Freiheit strebt. Aber wie frei kann man sein, auf einer Plattform von sagen wir mal der Größe eines weitläufigen Schrebergartens, auf der eigentlich null Infrastruktur existiert und die als Staat ohnehin nicht überleben kann, gäbe es nicht das Mutterland Italien, das diese Insel der Seligen mit allerlei Notwendigem versorgt?

Die Roseninsel (nicht zu verwechseln mit jener im Starnberger See) war das tatsächliche Projekt des „Querdenkers“, Ingenieurs und Erfinders Giorgio Rosa, der in den 60ern für nicht mal ein Jahr dort als Mikronation seine Fahne hissen durfte. Rosa, das muss ein ziemlicher Aussteiger gewesen sein, aber begeisterungsfähig und stets voller Hummeln im Hintern. Einer, der sich eingestand, einfach anders zu sein. Schön, dass es immer wieder solche Menschen gibt. Schön, wenn diese ihr Ding wirklich durchziehen. Dabei mutet bereits die Art und Weise, wie die Roseninsel errichtet wurde, als eine recht unglaubwürdige, weil weit hergeholte und fast schon phantastische Anekdote an. Doch es scheint tatsächlich so gewesen zu sein. Diese Plattform also mit ein paar Häusern drauf war einen Sommer lang die Partyinsel schlechthin und große Konkurrenz zu Riminis Stränden. Ballermann im Kleinformat, mit Musik, Tanz und Barbetrieb – die einzige wirtschaftliche Einnahmequelle einer geographischen Singularität, die bereits eine eigene Währung, Briefmarken und eine Sprache ins Habenfeld verschieben konnte. Anträge für die Staatsbürgerschaft gab’s dann auch noch zuhauf. Doch mehr als aufmüpfiger Aktionismus hätte dieses Projekt, wäre es nicht von Italien im besten Wortsinn „abgeschossen“ worden, ohne Wahrnehmung relevanter gesellschaftlicher Aufgaben sowieso nie sein können. Eine Spielerei, ein Zungenzeig vor einer erbosten italienischen Regierung, die sich auf den Schlips getreten fühlte, und in der Sorge vor Nachahmungstätern dem Ganzen mit Italiens einziger Invasion in der Geschichte ein Ende setzte.

Sidney Sibilia hat dieses ganze obskure Geschehnis in einem erfrischend sommerlichen, aufgeweckten und typisch für italienische Verhältnisse sehr lautstarken Film gepackt, der aufgrund der Fakten alleine schon verblüfft. Die grauen Eminenzen im italienischen Parlament bekommen in süffisanten Karikaturen ihr Fett weg. Das mediterrane Ambiente und die kauzigen Figuren sorgen zusätzlich für gute Laune, auch wenn die Geschichte für alle Beteiligten nicht ganz so ausgeht, wie sie sich das vielleicht erhofft hätten. Netflix hat mit der Unglaublichen Geschichte der Roseninsel eine inspirierende Tragikomödie ins Sortiment aufgenommen, die voller Tatendrang steckt und in detailgenauer Beobachtungsgabe gegen den Strom geschwommene Lebenskonzepte nicht belächelt, sondern wohlwollend abnickt. Trotz Niederlage, aus der immerhin noch abstrakte Dinge wie Hartnäckigkeit, Erfindungsgeist und Leidenschaft zu bergen wären.

Als themenverwandte Ergänzung empfehle ich – entweder vor oder nach diesem Film – die österreichische Doku Empire Me von Paul Poet, der einige solcher Mikrostaaten besucht hat. Und die, gut verborgen, immer noch vor sich hin existieren.

Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel

Animal World

SCHERE, STEIN, PAPIER – DER FILM

5,5/10


animalworld© 2018 Netflix


LAND: CHINA 2018

REGIE: HAN YAN

CAST: LI YIFENG, MICHAEL DOUGLAS, ZHOU DONGYU, JIA CHI, ANLIAN YAO U. A. 

LÄNGE: 2 STD 12 MIN


Was man wohl am allerwenigsten bei einer Produktion wie dieser vermuten würde, wäre der Auftritt einer Hollywoodgröße wie Michael Douglas. Doch ja, der Mann hat sich tatsächlich hier eingefunden, in der verwirrenden Verfilmung eines Manga-Comics mit dem Titel Kaiji, die nichts anderes im Sinn hat außer das simple, aber energische und auch berechenbare Spiel Schere Stein Papier, für das man nichts anderes braucht als seine eigene Hand, zu verfilmen.

In Animal World sind das aber nicht Hände, die zum Spiel zugelassen werden, sondern dreierlei Sets besagter Karten, die das entsprechende Symbol zeigen. Wie es so weit kommt, dass Schere Stein Papier der einzige Ausweg aus einer existenziellen Not sein kann? Nun, im Zentrum des recht kruden Manga-Comic-Geschehens steht ein junger Mann namens Zheng, der seltsamerweise, sobald er in die Enge getrieben wird, zu einer Art Superheld wird. Das kann er aber nicht steuern. Und auch nicht die Wahl des Superhelden. Er wird zum Clown. Das kann aber wiederum nur er wahrnehmen. Gleichzeitig verwandelt sich seine Umwelt in eine Grottenbahn aus Monstern und Kreaturen, die sich ihm in den Weg stellen. Das alleine ist schon eine seltsame Ausgangssituation und erinnert an Szenen aus David Cornenbergs Naked Lunch. Hinzu kommt, dass Zheng einige Schulden zu bezahlen hat – an Michael Douglas eben. Der wiederum ist Besitzer eines obskuren Kreuzfahrtschiffs, an dessen Deck das Spiel Schere Stein Papier auf Leben und Tod gespielt wird. Und zwar von allen Schuldnern, die Douglas so angesammelt hat. Denn: Gewinnen sie dieses Spiel, sind sie schuldenfrei. Zheng bleibt nichts anderes übrig, als mitzumachen. Was seiner Freundin natürlich gar nicht gefällt.

Tricktechnisch und kameratechnisch ist dieses Fantasyabenteuer erste Sahne. Die Farben sind üppig, sie Slow-Motion-Einlagen mit ausgiebiger Huldigung an den zoom-Fokus auf tropfende Flüssigkeiten und fallende Gegenstände ein Augenschmaus sondergleichen, weil eben gut animiert, allerdings auch enorm überladen und überstilisiert. Als Zheng dann die Spielhalle des Todes betritt, ändert der Film seine Geschwindigkeit und auch seinen Rhythmus, dabei konzentriert sich Regisseur Han Yan vorwiegend auf den Mikrokosmos der Gambler, die hier ihr Glück versuchen. Die Karten kaufen und verkaufen und um jeden Preis berechnen wollen, wie man unter Garantie obsiegen kann. Spätestens da führen die rasant erklärten und schwer bis gar nicht nachvollziehbaren Gedankengänge der unglaublich toughen und scheinbar hochintelligenten Spieler einfach dazu, dem ganzen marktschreierischen Börsengezeter rund um Karten und Abzeichen (die sich anstecken lassen, sofern du gewinnst – und mindestens drei musst du am Ende des Spiels haben) außen vor zu lassen. Das macht dann keinen großen Spaß mehr, denn mit dem Unverständnis an der verschwurbelten Logik geht auch die Spannung flöten. Dann lieber doch wieder per Hand.

Animal World

The Midnight Sky

DIE ERDE ALS ERINNERUNG

6,5/10


midnightsky© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: GEORGE CLOONEY

CAST: GEORGE CLOONEY, FELICITY JONES, CAOILINN SPRINGALL, DAVID OYELOWO, KYLE CHANDLER, TIFFANY BOONE, DEMIAN BICHIR U. A. 

LÄNGE: 2 STD 2 MIN


Seit seiner Gesellschaftssatire Suburbicon hat man lange, wirklich lange nichts mehr von George Clooney gehört. Viel eher als sein neuestes Werk verbreitete sich im Vorfeld die Hiobsbotschaft ob seiner Gesundheit, da er für seinen Streifen The Midnight Sky einfach zu viele Kilos auf einmal verlor. Wäre diese Gewichtsreduktion denn notwendig gewesen? Nicht zwingend. Im Film selbst spielt er einen an Krebs erkrankten Wissenschaftler, der als womöglich letzter Mensch auf Gottes Erden irgendwo am Polarkreis sein letztes bisschen Dasein fristet, bevor selbst diese Regionen von einer nicht näher genannten Umweltkatastrophe heimgesucht werden wird. Still und heimlich hat sich hier die Welt von seiner Geißel namens Mensch befreit, entweder sind all diese Milliarden dahingerafft oder unterirdisch irgendwo untergebracht worden. Mehr Szenario gibt es nicht. Die Katastrophe ist eine Variable, wir dürfen uns aussuchen, was wir diesmal falsch gemacht haben. Clooney ist also dieser alte Mann, der, mit Stoppelglatze und Rauschebart, in einem Observatorium ganz alleine dem Ende entgegensieht – stoisch und seiner regelmäßigen Dialyse unterworfen. Keine Lust also irgendwo hinzugehen. Bis er dank seiner durchaus hochgerüsteten technischen Möglichkeiten von einer Weltraumexpedition erfährt, die als letzte aller Weltraumexpeditionen im Jahr 2049 vom neu entdeckten Jupitermond K-23 zur Erde zurückkehrt. Ziel der Mission war es wohl, herauszufinden, ob dieser Mond erdähnliche Verhältnisse aufweist – und wenn ja, gleich eine Kolonie dort zu lassen. Mit diesen neuen Erkenntnissen will die Mission Aether also heimkehren. Clooney allerdings will das verhindern, da die Crew hier nur ihren Tod finden würde. Als ob der Stress nicht schon reichen würde, entdeckt der Mann einen blinden Passagier – ein kleines Mädchen, das er nun an der Backe hat.

Für The Midnight Sky, nach dem Roman Good Morning, Midnight von Lily Brooks-Dalton, hat Clooney nicht nur abgenommen, sondern auch noch Produktion, Regie und klarerweise die Hauptrolle übernommen. Sein Film ist kein Blockbuster und kein Eventkino, sondern etwas sehr stilles, leises, wie eine karge, melancholische Ballade, die in eine ratlose, ungewisse Zukunft blinzelt. Die Weltraumszenen rund um ein sehr formschönes, elegantes NASA-Raumboot erinnern an Gravity oder Interstellar, die narrative Ebene rund um Wissenschaftler Auguste Lofthouse (eben Clooney) an den ebenfalls auf Netflix veröffentlichten Science-Fiction-Endzeitfilm Io. Auch dort ist die Erde längst unbewohnbar, nur ein paar Luftblasen erlauben noch freies Atmen, und auch dort hat Margaret Qualley vor, bis zum Ende auszuharren, käme nicht Anthony Mackie und würde sie zur letztmöglichen Evakuierung bewegen wollen. Auch in Io ist die Katastrophe keine näher genannte. Da wie dort geht es darum, dem Planeten Erde Lebewohl zu sagen. Resignative Erschöpfung macht sich breit, das Überleben der Menschheit verblasst hinter Gaias Abgesang. Clooney verleiht diesem stellvertretenden Individuum, der das ganze Unglück wahrnimmt, eine Bitternis sondergleichen. Die Raumcrew um Felicity Jones ist im Gegensatz dazu mal nicht eine ganze Partie psychologisch versagender Psychopathen im Wandel, sondern pragmatische Experten, was das ganze Szenario durchaus glaubhaft macht. Beide Komponenten mögen manchmal nicht so richtig ineinandergreifen. Das Wechselspiel zwischen den Episoden auf der Erde und im Weltraum findet keinen Rhythmus. Manche Astro-Action wirkt deplaziert. Was aber wirkt, das ist die zwar zu erahnende, aber poetische, runde kleine, später sehr persönliche Abenteuergeschichte zu dem großen Thema eines Umbruchs, die nicht viel erklären, sondern viel öfters nur empfinden will. Das ist fast schon besinnliches Weihnachtskino.

The Midnight Sky

Mosul

WOFÜR ES SICH ZU KÄMPFEN LOHNT

6,5/10


mosul© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: MATTHEW MICHAEL CARNAHAN

CAST: SUHAIL DABBACH, ADAM BESSA, WALEED ELGADI, THAER AL-SHAYEI, BEN AFFAN, HAYAT KAMILLE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Ungefähr zweieinhalbtausend Kilometer Luftlinie liegen zwischen Wien und Mosul, der zweitgrößten Stadt im Irak. Nur zweieinhalbtausend Kilometer, mit dem Auto eine Fahrt von 36 Stunden. Das ist gar nicht mal so weit, das geht sich an einem Wochenende gerade mal noch aus, wenn man nonstop durchfährt. Was ich damit sagen will: lediglich so weit müsste man reisen, um in die Hölle auf Erden zu gelangen. Mosul ist mittlerweile keine Reise mehr wert, es sei denn, man hat vor, in absehbarer Zeit das Zeitliche zu segnen. Mosul ist wie das Ende des Humanismus, ist wie die pure Anarchie, ist Mord und Brand zwischen Ruinen und vor verbarrikadierten Straßen. Mittendrin: der auf dem Rückzug befindliche IS, neben Boko Haram wohl das größte Übel dieser Welt. Auch noch mittendrin: ein Haufen verrückter Hunde, quasi eine Suicide Squad in Echt, nämlich das Nineveh SWAT Team, eine zusammengewürfelte Miliz aus Polizisten, Ex-Soldaten und sonstigen wehrfähigen Männern, die wie wütende Rächer durch den Wahnsinn pflügen.

Dabei basiert dieser Kriegsfilm auf wahren Begebenheiten, um genau zu sein auf einem Zeitungsartikel, veröffentlicht im New Yorker. Ist also nichts Erfundenes, nicht vorrangig ein Actionkino für Liebhaber des pfeifenden Projektils, obwohl diese Klientel getrost hier fündig werden kann. Mosul ist ein Drama, kein zart erklingendes wohlgemerkt, sondern ein finsteres Roadmovie über Schicksale in Zugzwang, die ihre Pflichterfüllung im Kampf gegen das Böse sehen. Die bis an die Zähne bewaffnet, verbittert, traumatisiert, aber dennoch stolz und mit sich selbst im Reinen, zwar kein Pferd, aber immerhin den Panzerwagen besteigen, um ins Land der Gesetzlosen zu breschen. Erinnert irgendwie ans Mittelalter? Das tut es – und wenn wir uns nun Bomben und Granaten wegdenken und statt Gewehren scharfe Schwerter und Bögen einsetzen, ist es alles, was wir brauchen, um die von uns fälschlich romantisierten Zeiten wieder aufleben zu lassen, in der man für Familie, Ehre und Vaterland in den Kampf auf freiem Feld gezogen war.

Das freie Feld ist einem Häuser- und Straßenkampf gewichen, bei dem an scheinbar jeder Ecke Scharfschützen sitzen. In einem solchen umkämpften Viertel findet das Nineveh SWAT Team einen in die Bredouille geratenen Polizisten, der allerdings sagenhaft gut mit dem Schießeisen umgehen kann. Kurzerhand wird er rekrutiert und zieht mit, hat aber Probleme damit, Teil der Gruppe zu werden. Währenddessen verfolgen die „Inglourious Basterds“, wenn man so will, ein unbekanntes Ziel. Klar ist nur, sie rücken in ein Gebiet vor, dass noch in festen Händen der Islamisten weilt.

Mosul ist dreckig, staubig und brutal. Eine archaische, explizite Momentaufnahme aus einem Erdteil ohne Zukunft (gedreht wurde natürlich nicht vorort, sondern in Marokko). Was den Film ertragen lässt, sind die Werte, die die „Guten“ durch die Widrigkeiten schleppen. Zwischendurch lässt Matthew Michael Carnahan eine gewisse Liebe zum Detail erkennen, räumt Verschnaufpausen ein und lässt Gruppenführer Jasem aus einem inneren Zwang heraus herumliegenden Müll einsammeln, als würde er den Wiederaufbau seines eigenen Landes vorwegnehmen. Dann geht die Odyssee durchs Heilige Land wieder weiter, streng einem Codex folgend, und freilich nicht ohne Verluste. Als klar wird, worum es eigentlich geht, hat die menschliche Tragödie das kernige Kriegsgetümmel einige eingestürzte Häuserzeilen weit abgehängt.

Mosul

Mank

MASTERMINDS, MÄCHTIGE UND MONETEN

5/10


mank© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: DAVID FINCHER

CAST: GARY OLDMAN, LILY COLLINS, AMANDA SEYFRIED, CHARLES DANCE, TOM PELPHREY, ARLISS HOWARD, TOM BURKE U. A. 

LÄNGE: 2 STD 12 MIN


Es ist schon eine ganze Weile her, als ich mir Orson Welles Citizen Kane aus cinophilem Pflichtbewusstsein heraus angesehen habe. Und ja, das Werk ist zweifelsohne bemerkenswert, wunderbar gefilmt und erzählerisch, vor allem für die damalige Zeit, recht innovativ. Als besten aller Filme, wie viele Kritiker und Experten behaupten, sehe ich ihn dennoch nicht. Da hat für mich Orson Welles Film Noir Im Zeichen des Bösen deutlich mehr Grip. Aber das nur nebenbei. Was Citizen Kane mit David Finchers neuester Arbeit Mank zu tun hat? Das Drehbuchgenie dahinter. Einem Mastermind, dem des Öfteren der Hochprozentige näher war als der Schreibstift: Herman Mankiewicz. Ein Alkoholiker unter dem Herrn, in klaren Momenten scharfer Denker und mutiger Dramaturg, der für Citizen Kane gar den Oscar erhielt. Dabei war gar nicht mal sicher, ob Citizen Kane überhaupt in den Kinos gezeigt werden dürfe, da sich das Script ganz deutlich das Leben von William Randolph Hearst zur Brust nahm, eines Medien-Tycoons und Zeitungsmogul, der sich in dem Werk diffamiert sah. Zeitgleich gab’s in den dreißiger Jahren politisch gesehen jede Menge ruheloses Blut, da gab’s die Sozialisten und die Kapitalisten, da gab’s einen Schriftsteller namens Upton Sinclair, der in Finchers Film regelmäßig genannt wird. Wer aber all diese politischen Bezüge, Hintergründe und vor allem: wer Citizen Kane nicht mal ansatzweise kennt oder weiß, was das für ein Film ist, der wird, salopp gesagt, mit Finchers sehr speziellem Werk nicht viel anfangen können.

Mank sollte im Doppel- oder gar im Dreierpack präsentiert werden. Als Prolog könnte man vielleicht gleich den ganzen Citizen Kane mit einbeziehen. Zwischendurch vielleicht eine aufschlussreiche Dokumentation über die Zeit von damals, über William Randolph Hearst vielleicht und dessen politischer wie gesellschaftlicher Bedeutung? Diese ach so nostalgischen frühen Jahre Hollywoods, was waren die eigentlich? Ein Völkerballspiel der freien Kräfte, die da waren MGM oder Universal oder Paramount oder Warner. Hinter all diesen Studios saßen die steinreichen Mächtigen mit viel Einfluss, die Stars erschufen oder wieder vernichteten, die eng mit der Politik kokettierten und um Einfluss gierten. Eine schöne Zeit war das keine, eine Zeit der Abhängigkeit viel mehr. Fincher dreht in Schwarzweiß, um zumindest optisch mit Kolorit, Stimmung und Atmosphäre das Damals zu verklären. Zugegeben, seine Bilder sind erlesen, die Kameraarbeit erste Sahne, auch schauspielerisch geben alle ihr Bestes. Ja, auch Gary Oldman, obwohl er die meiste Zeit nur devastiert herumliegt und wenn er nicht herumliegt, besoffen und verschwitzt durch Peinlichkeiten torkelt.

Was das von David Finchers mittlerweile verstorbenem Vater Jake Fincher verfasste Script zu Mank bereithält, ist, um es wohlwollend zu formulieren, nur bedingt interessant und hat obendrein ein massives Prioritätenproblem. Mank ist ein Film, der, hätte Netflix ihn nicht veröffentlicht, wohl nie ins Kino gekommen wäre. Der Film wäre, so wage ich zu prognostizieren, ein Flop geworden. Warum? Weil die Story, die erzählt wird, hauteng zugeschnitten ist auf ein Publikum der Experten, versierten Politkenner und eingelesenen Medienhistoriker. Ein Film für spezielle Nerds, die all diese Namen kennen und zuordnen können, die diesen mehr als zweistündigen Redeschwall auseinanderdividieren und zeitgleich zum Gesehenen all die Fußnoten vor dem geistigen Auge einfügen können. Zugegeben: ich konnte das nicht. Womöglich sind mir viele Bezüge durch die Lappen gegangen, ich kenne Hearst und Mankiewicz maximal dem Namen nach, Orson Welles ist natürlich ein Begriff, Upton Sinclair? Puh…sagt mir was, aber da müsste ich, um ins Detail zu gehen, irgendwo nachschlagen (was ich auch getan habe). Mank macht es Zusehern wie mir nicht leicht, an Bord zu kommen. Politischer Smalltalk, Männer im Anzug noch und nöcher, die sich treffen und die wieder auseinandergehen: ein Fall von geschmackvoller Eintönigkeit. In Sachen Erzählstil versucht Fincher – ähnlich wie Citizen Kane selbst – mit Rückblenden frischen Wind reinzubringen, er lässt Mankiewicz zurückdenken ans Damals der Dreißigerjahre, wo dieser maximal als Zaungast neben den Dingen stand, die da passiert sind. Übrigens: Louis B. Mayer, ja den kenn‘ ich auch noch.

Mank setzt ein Vorwissen voraus, welches das Gezeigte überhaupt erst lebendig macht. Herrscht hier ein Defizit, bleibt vieles unbeweglich, bruchstückhaft, nicht relevant genug, um wirklich zu begeistern. Von seinen historischen Figuren gibt Mank wenig Preis. Er macht sie zu Personen auf Fotografien, die auf ihren Einsatz warten. Von der eigentlich sehr wichtigen Rolle des Zeitungsmagnaten Hearst (Charles Dance) zum Beispiel bleibt wider seiner Notwendigkeit nicht viel mehr als eine zugerufene Schlagzeile. Hat man allerdings dieses Vorwissen zu all den Begebenheiten und Biographien, kann Mank durchaus mitreißend sein – das würde auch das Kritikerlob erklären. Für mich jedenfalls ist David Finchers Liebhaber – und Herzensfilm eine ausgebügelte, aus dem Kontext gerissene Making Of-Anekdote mit angehängtem Stückwerk aus Politik und Gesellschaft, das diese hauchdünne edle Patina an Bildern bemüht ist zu tragen.

Mank

Klaus

DER WEIHNACHTSMANN ALS MENSCH

7/10 


klaus© 2019 Netflix


LAND: SPANIEN, USA 2019

REGIE: SERGIO PABLOS

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): JASON SCHWARTZMAN, J. K. SIMMONS, RASHIDA JONES, JOAN CUSACK U. A. 

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


In Tagen wie diesen wird wieder vermehrt Weihnachtliches am Bildschirm konsumiert. In Ermangelung eines gemütlichen Kinobesuchs in der Adventzeit habe ich nun die letztjährig für den Oscar als bester Animationsfilm nominierte Tragikomödie Klaus einer Sichtung unterzogen. Für alle, die allerdings schon die Nase voll haben von Ho Ho Ho und sonstigem Nordpol-Kitsch, der ja in Dosen genossen durchaus anheimelnd wirkt, schnell aber wie ein Unmaß an Süßkram zu Unwohlsein führen kann – für alle also, die da schon die Nase voll haben, bevor es überhaupt so richtig angefangen hat, die könnten mit dieser Interpretation des Santa Clause-Mythos wohl am ehesten warmwerden. Denn die Richtung, die Klaus einschlägt, ist für einen Weihnachtsfilm, wie er normalerweise sein soll, eher auf dem geheimen Schleichweg unterwegs. Klar führt beides ans selbe Ziel, nämlich zum Weihnachtsmann mit all seinen Marotten und Gepflogenheiten, dem fliegenden Schlitten und den Rentieren und dem Kamin und so weiter und so fort. Doch wie sich Regisseur Sergio Pablos dorthin durcharbeitet, ist erstaunlich frei von aufgerüschtem Pathos.

Noch dazu beginnt die Geschichte irgendwo, nur nicht am Nordpol. Jasper ist vom Scheitel bis zur Sohle ein Taugenichts unter der Sonne und einer, der dem stolzen Papa, seines Zeichens Befehlshaber aller auszubildenden Postboten weit und breit, schwer auf der Tasche liegt. Zwecks Läuterung wird dieser kurzerhand an den Allerwertesten der hier bekannten Cartoonwelt verbannt – in das schräge Kaff Zwietrachtingen. Kenner des Asterix-Comics Nr.25 – Der große Graben – werden sich an vergnügliche Lesestunden zurückerinnert fühlen. In diesem Dorf gibt es genau woe dort zwei Parteien, die sich schon Generationen lang bekriegen. Gute Stimmung herrscht hier trotz winterlichem Ambiente keine. Die 6000 Briefe, die Jasper verschicken soll, sind unerreichbare Zukunftsmusik. Wäre da nicht jenseits des Waldes ein alter, griesgrämiger Holzfäller und -Spielzeugschnitzer, der die ganze verfahrene Situation vielleicht doch noch geradebiegen könnte.

Animiert und gezeichnet ist Klaus schlichtweg grandios. Angelehnt an die 2D-Optik klassischer Zeichentrickfilme aus dem Hause Disney, schafft es Pablos durch das Hinzuziehen von Schattierungen eine eigenwillig schimmernde Tiefe zu erzeugen. Das ist keine akkurate 3D-Optik wie bei Pixar. Die Charakterdesigns heben sich angenehm anders vom üblichen Animationsbrei ab, eben auch diese Mixtur aus Tiefe und Skizze verleiht dem Film eine ganz eigene Note, an der man sich lange nicht sattsehen kann, die immer neu erstaunt, die erfrischend bleibt bis zum Abspann. Das Dorf Zwietrachtingen trägt sogar ein bisschen Tim Burton-Kolorit – so liebevoll karikiert sind dessen Bewohner, so überhöht und überspitzt dessen Proportionen. Auch die Story selbst verspricht, mit launigem, keinesfalls infantilem Humor und durchaus auch ernsten Momenten eine Origin-Story rund um den Weihnachtmann auf die Beine zu stellen, die das Menschliche und durchaus nicht immer Perfekte dieser verehrten Figur in seinen Fokus nimmt. Der Weihnachtsmann ist hier längst nicht nur eine dickliche, kekseliebende und vergnüglich brummende Gestalt – sondern ganz einfach ein Individuum mit plausibler Biographie. Da auch Postbote Jesper nicht perfekt ist – und schlichtweg überhaupt niemand in diesem kauzigen Märchen rund um die Eigendynamik guter Taten – fühlt man sich als Zuseher ganz gut aufgehoben in diesem verspielten, bewegten Mikrokosmos eines liebevoll bizarren Werteparcours. Auch wenn die Apotheose von Holzmeister Klaus allzu plötzlich kommt – und gar nicht notwendig gewesen wäre.

Klaus

Du hast das Leben vor dir

LERNEN VON DER DIVA

5/10


lebennochvordir© 2020 Netflix


LAND: ITALIEN 2020

REGIE: EDOARDO PONTI

CAST: SOPHIA LOREN, IBRAHIMA GUEYE, RENATO CARPENTIERI, ABRIL ZAMORA, IOSIF DIEGO PURVU, BABAK KARIMI, MASSIMILIANO ROSSI U. A. 

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Da haben wohl die Wände der Cinecitta-Studios in Rom gewackeltt, wenn Sophia Loren mit ihrem unvergleichlichen Stimmorgan durch die Gegend wetterte. Nach Sandalenfilmen noch und nöcher – darunter auch Quo Vadis – brillierte sie in Filmen von Vittorio de Sica, spielte mit allen nur erdenklichen Größen des Films, war sogar – Celebrity-Kenner aus Österreich wissen – mit Baumeister Lugner am Opernball. Die Loren – das ist schon mehr eine Institution als nur eine Künstlerin. Jetzt, im Alter von stolzen 86 Jahren, ist die resolute Römerin nach fast elfjähriger Kinopause zwar nicht wieder auf der Leinwand zu sehen, dafür aber im Repertoire von Netflix zu finden. Wer, wenn nicht ihr eigener Sohn Edoardo Ponti (Papa ist der große, 2007 verstorbene Produzent Carlo Ponti) konnte die Grande Dame wohl am ehesten davon überzeugen, nochmal vorzutreten. Mit stattlicher, steingrauer Haarpracht, immer noch energisch im Auftreten, immer noch lautstark, aber letzten Endes ein Schatten dessen, was die Loren einmal war. Und es ist immer noch genug geblieben. Als ehemaliges Mädchen von der Straße ist die Monsignorina nun Aufpasserin diverser Bälger noch im Dienst befindlicher Arbeitskolleginnen. Eine Gemeinschaftspflicht, der Madame Rosa, wie sie sich nennt, durchaus nachkommen kann. Zeit und Muße sind ja vorhanden, was hat Frau sonst noch zu tun. Nicht ganz in den Kram passt ihr dann natürlich die Bitte einer ihrer Bekannten, den zwölfjährigen senegalesischen Jungen namens Momo bei sich aufzunehmen. Warum gerade dieser Bengel, hat der doch am Markt ihre Einkaufstasche geklaut? Der Junge entschuldigt sich, mehr dazu gezwungen als einsichtig. Mit Murren nimmt Rosa ihn auf, nichts ahnend, dass dieser noch ein ganz anderes Süppchen am Kochen hat, nämlich das Dealen von Drogen auf der Straße. Aus der Sicht des Jungen bleibt seine Unterkunftgeberin aber auch einige Erklärungen schuldig: Erstens die seltsamen, eintätowierten Zahlen auf ihrem Handgelenk, zweitens ihr immer wiederkehrendes Verschwinden im Keller des Hauses, und drittens ihre gespenstischen Blackouts.

Du hast das Leben vor dir beruht auf dem Roman des Franzosen Romain Gary. Eine erste Verfilmung in den Siebzigerjahren hatte damals gar den Oscar als besten fremdsprachigen Film gewonnen, Simone Signoret erhielt obendrein noch den Cesar. Madame Rosa muss für Sophia Loren eine Traumrolle gewesen sein. Die körperlichen und geistigen Tücken des Alters, kombiniert mit traumatischen Erinnerungen an den Holocaust und das ganze wieder verknüpft mit der aktuellen und akuten Problematik verwaister Flüchtlingskinder – eine Menge Stoff, um sich schauspielerisch ordentlich austoben zu können. Das tut die Loren dann auch. Lässt es teils ironisch derb, teils melancholisch, teils wahrhaftig werden. Edoardo Ponti muss begeistert gewesen sein von seiner immer noch stolzen Mama. So begeistert, dass er den Rest des Films irgendwie nebenher mitgedreht hat. Denn so richtig großes Kino ist sein Film nicht geworden. Immer dann, wenn Sophia Loren mal nicht im Bild ist, ruht der Streifen in konventioneller Problemwälzung, die nicht sonderlich engagiert wirkt. Die eben sein muss, denn sonst gäbe es keine Story rund um die sympathische Diva, die noch einmal zeigen will, was sie kann. Zu oberflächlich überfliegt Ponti seine existenzialistischen Themen, zu wenig verstehen will er das große Politikum zum Thema Immigration. Jungschauspieler Ibrahima Gueye macht auch nicht den Eindruck, irgendetwas an seinem Ist-Zustand verändern zu wollen. Erst ganz am Schluss brodeln lange erwartete Synergien zwischen Jung und Alt an die Oberfläche, ab dann wird’s tatsächlich packend, rührselig vielleicht auch, ja – allerdings nur kurz, weil Ponti sich viel zu viel Zeit gelassen hat, um den Plot voranzubringen, und um dort hinzukommen, wo die Essenz der Geschichte angezapft werden kann. Zu wichtig war ihm die Inszenierung seines ganz persönlichen Stars, um dramaturgische Prioritäten gerne außer Acht zu lassen.

Du hast das Leben vor dir

Hillbilly-Elegie

OMA, BITTE KOMMEN!

7/10


hillbilly-elegy© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: RON HOWARD

CAST: AMY ADAMS, GLENN CLOSE, GABRIEL BASSO, OWEN ASZTALOS, HALEY BENNETT, FREIDA PINTO, BO HOPKINS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Sie raucht wie ein Schlot, trägt Brillen wie Flaschenböden und keift durchaus auch das eine oder andere Mal aerosolintensiv in die Nachbarschaft: Charaktermimin Glenn Close wirft sich als Unterschichts-Golden Girl zwar nicht in Schale, dafür aber so mächtig ins Zeug, dass, so vermute ich mal, die Academy durchaus auf sie aufmerksam werden könnte. Diese bizarre Gestalt eines raubeinigen, aber herzensguten Menschen, der viel Unschönes erlebt hat und nicht zwingend für sich, sondern für jene, die nachkommen, genau das verhindern und vieles besser machen will, ist fast schon eine Art White Trash-Ikone für alles, was sich jenseits der auf der Butterseite des Lebens gefallenen Gesellschaft aus dem Dreck ziehen will. So eine Oma, die einen in den Arsch tritt, wünscht man jeden, der aus dem Kokon seiner angeblichen Vorbestimmtheit nicht ausbrechen kann oder gar will.

Finanzmanager und Bestsellerautor J. D. Vance, der hatte so eine Oma. Der hatte aber auch eine Mutter, die so viele Partner hatte wie Blusen im Schrank und zu cholerischen, durchaus gewalttätigen Ausbrüchen neigte, die normalerweise gestandene männliche Prolet-Patriarchen an den Tag legen, wenn die ohnmächtige Mitfamilie wiedermal zum Dreschen taugt. Kultregisseur Ron Howard (u. a. Apollo 13, A Beautiful Mind) hat sich einer wahren Jugend- und Lebensgeschichte angenommen, die so oder ähnlich wahrscheinlich schon unzählige Male passiert ist und auch stets passieren wird. Das Elternhaus ist logischerweise nicht immer das Sprungbrett für eine rosige Zukunft. Entweder man entscheidet sich dafür, ganz anders zu werden als die fehlenden Vorbilder, oder man wird genauso und grundelt im anonymen Nirgendwo tragischer Hoffnungslosigkeit herum. Was Howard hier erzählt, ist fast schon ein Sozialporno, der sich am schockierenden Ist-Zustand einer Unterschicht nicht sattsehen kann und außer plakativen Eskapaden rein inhaltlich wenig Neues erzählt. Doch wie er es erzählt, und mit welchen Schauspielern er arbeitet – das ergibt ein komprimiertes, uramerikanisches Familiendrama in ausgewogen zergliederten Timelines und relevanten Erinnerungen an ein Damals mit starkem atmosphärischem Kolorit.

Nicht nur Glenn Close, auch Amy Adams war noch nie so durch den Wind. Beide Schauspielerinnen begeben sich in Hillbilly-Elegie auf Augenhöhe, Adams wütet, wettert und suhlt sich in Sarkasmus, gibt das glücklose wie lebensuntaugliche Drogenopfer mit soziophober Schrecklichkeit, bei der man nur noch an Social Distancing denkt. Zwischen diesen beiden Performances stiehlt aber auch noch Jungdarsteller Owen Asztalos einige der Lorbeeren vor den Nasen der beiden Grand Dames weg: der kindliche J. D. Vance bleibt mit seinen glaubwürdigen Emotionen genauso wenig hinerm Berg wie die Erwachsenen. Alles in allem also ein mitreißendes Stück bodenständiges Ensemblekino und schauspielerisch das Beste der letzten Zeit.

Hillbilly-Elegie

Bullet Head

KNURR MIR DAS LIED VOM TOD

5,5/10

 

bullet-head© 2018 Splendid Film

 

LAND: USA, BULGARIEN 2017

BUCH & REGIE: PAUL SOLET

CAST: ADRIEN BRODY, JOHN MALKOVICH, RORY CULKIN, ANTONIO BANDERAS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 33 MIN

 

„Das letzte, was du in deinem Leben sehen wirst, ist ein Hund.“ So oder ähnlich könnte der zwecks Werbewirksamkeit beigefügte Untertitel dieses Films lauten. Das kann man entweder so verstehen, indem der treue Vierbeiner bis zum Lebensende seiner Bezugsperson die Zeitung bringt. Oder man betrachtet es auf eine Weise, in welcher der Vierbeiner auf einen selbst nicht mehr gut zu sprechen ist. So ein Missmut hat Konsequenzen. Hunde lassen nämlich nicht ewig auf ihrer feuchten Schnüffelnase herumtanzen. Irgendwann reißt ihnen der Maulkorb – und dann gibt’s kein Entkommen.

In der ungarischen Hunde-Dystopie Underdog hatten sich unter der Regie von Kornél Mandruzcó mehr oder weniger alle Budapester Vierbeiner zusammengerottet, um Herrchen und Frauchen vom Angesicht der pannonischen Tiefebene zu tilgen. In der bulgarisch-amerikanischen Koproduktion Bullet Head von Paul Solet ist die Meute deutlich kleiner, also genaugenommen nur einer – dafür aber schürt dieser ordentlich die verdrängte Kynophobie, die durch die Einschränkung des Schauplatzes auf eine verlassene Lagerhalle noch verstärkt wird. Dort nämlich suchen nach einem versemmelten Bankraub drei Ganoven Deckung vor der Exekutive. Was sie nicht wissen: genau hier, irgendwo zwischen der veralteten Industrieeinrichtung, treibt ein Kampfhund sein Unwesen -– und zwar einer, der aufgrund massiver Blessuren bereits den Gnadenschuss erhalten hat. Ein „Revenant“ sozusagen, für den der MEnsch natürlich ab sofort ein rotes Tuch ist. Der erste, sein Henker, hat schon mal ins Gras beißen dürfen. Es folgen die anderen drei, die gar nicht wissen, wie ihnen geschieht.

Ohne Hunde-Komponente wäre dieser Film nichts wert. Und das trotz einem kleinen Staraufgebot. Oscar-Preisträger Adrien Brody mit Strickmütze blickt durch verschmierte Fenster, John Malkovich ist souverän wie eh und je und letzten Endes darf auch noch ein stoischer Antonio Banderas seiner späten Redseligkeit zum Opfer fallen. Interessant bei diesem kleinen Thriller ist vor allem, wie Solet die Beziehung Mensch-Hund in seine hemdsärmelige Gaunerballade einflechtet, die eigentlich nur als Grundlage für hündische Anekdoten fungiert. Brody & Co wühlen also in der Vergangenheit, während die titelgebende Bestie alles andere, nur nicht spielen will. Paul Solet hätte den Film vielleicht gar nicht geschrieben, gäbe es nicht vielleicht gar autobiographische Züge in seinem Werk.

Bullet Head ist ein Hundefilm, anders funktioniert er nicht. Mit dieser teils verplauderten, teils grimmigen Liebeserklärung an das haustierliche Subgenre erhält dieses durchaus akzeptablen Zuwachs.

Bullet Head