Windfall

ALL WE CAN DO IS SIT AND WAIT

4/10


windfall© 2022 Netflix


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: CHARLIE MCDOWELL

SCRIPT: CHARLIE MCDOWELL, JASON SEGEL, JUSTIN LADER

CAST: JASON SEGEL, LILY COLLINS, JESSE PLEMONS, OMAR LEYVA

LÄNGE: 1 STD 32 MIN


Ein Bungalow wie auf Ibiza. Fehlt nur noch die Nichte des Oligarchen. Und ein paar Blaue. Aber heute gibt’s die nicht. Heute scheint es ein heißer Tag an irgendeinem Wochenende irgendwo in Kalifornien zu sein. Ich muss zugeben: ein adrettes Setting für das, was sich hier gleich abspielen wird. Nämlich Suspense der alten Schule. Das zumindest vermittelt mir das bewusst im Stile der 50er Jahre gehaltene Intro, begleitet durch einen pompösen Score, der scheinbar einen Film Noir verspricht. Vielleicht so etwas, wie es vor kurzem Guillermo del Toro fabriziert hat. Ganz klar scheint sich Windfall (was so viel bedeutet wie Glücksfall oder Fallobst – ich denke, man darf sich das aussuchen) der Versatzstücke eines mysteriösen Kammerspiels zu bedienen, das von Leidenschaften, Intrigen und verschütteten Geheimnissen handelt. Mit dabei: ein illustrer Cast. Ex-HIMYM-Knallcharge Jason Segel als Tagedieb im wahrsten Sinne des Wortes, die zarte Lily Collins und der in welchen Rollen auch immer stets souveräne und undurchschaubare Jesse Plemons. Er und Lily Collins geben ein steinreiches Ehepaar, da Plemons sowas wie den im Geld schwimmenden CEO einer einflussreichen Firma darstellt, die sich mit dem einen oder anderen Patent womöglich gesundgestoßen hat. Aus Lust und Laune und gegen ihre Agenda beschließen beide, eingangs erwähnte Villa aufzusuchen, um mal auszuspannen von dem ganzen Dasein als Kapitalsieger. Die Rosen für die Gattin hat die Dienerschaft allerdings vergessen, was den CEO bereits sauer aufstößt. Noch unangenehmer wird’s, als Collins einen Einbrecher inflagranti erwischt. Der wollte gerade gehen, doch plötzlich haben wir eine waschechte Home-Invasion mit zwei Geiseln, die nichts lieber sehen würden, als dass der lange Lulatsch von dannen zieht, von mir aus auch mit dem Geld aus der Kaffeekassa, was immerhin mehrere tausend Dollar ausmacht. Als Jason Segels Gelegenheitsbandit bereits wieder ins Auto steigt, wird ihm klar, dass er und sein fahrbarer Untersatz die ganze Zeit überwacht wurden. Also wieder zurück durch den Orangenhain, um die reichen Herrschaften dazu zu bringen, die Aufnahmen zu löschen.

Und dann sitzen sie alle drei herum. Der Täter und die Opfer, an einem glutheißen Nachmittag auf der Veranda. Und warten. Auf noch mehr Geld, damit Segel untertauchen kann. Es vergeht der Tag, es wird Nacht, dann wird es wieder Tag. Das Ensemble sitzt, steht und liegt immer noch herum, und was sie von sich geben, hat weder immens viel zu bedeuten noch bringt es die Handlung voran. Regisseur Charlie McDowell lässt den Boliden im Leerlauf tuckern – ein gurgelnder Klang, aber nichts, womit sich demnächst von A nach B kommen lässt. Sehr bald frönt das ironische Krimidrama einem Müßiggang, der, durch das Warten und Harren auf jenen Moment, in der die angespannten Sommertage zu einem Ende kommen, alles andere als erquickend ist. Wir kennen dieses Gefühl – wenn der Flieger sich verspätet oder das Computerprogramm gerade nicht hochfährt. Währenddessen lassen sich auch andere Dinge tun, nämlich Konversation betreiben oder ein Buch lesen. Doch das ist nur zu Überbrückung, weil man ja schließlich etwas ganz anderes machen möchte und alle Ambitionen auf dieses eine Ziel gerichtet sind. Insofern steckt Windfall so lange in einer enervierenden Zwischendimension, bis am Ende die Freiheit wie ein ersehnter Tropfen Wasser auf die trockenen Lippen perlt. Aus diesem Blickwinkel lässt sich der müde Krimi als Gleichnis für eine Potenzierung für etwas sehnlichst Erwünschtes betrachten, das man am Ende doppelt oder dreifach erfüllt haben will. Aber seht selbst. Oder besser: wartet bis zum Schluss.

Windfall

Operation Schwarze Krabbe

VERHANDLUNGEN AUF DÜNNEM EIS

5/10


schwarzekrabbe_2© 2022 Netflix


LAND / JAHR: SCHWEDEN 2022

BUCH / REGIE: ADAM BERG, NACH EINEM ROMAN VON JERKER VIRDBORG

CAST: NOOMI RAPACE, JAKOB OFTEBRO, DAR SALIM, ARDALAN ESMAILI, ERIK ENGE, ALIETTE OPHEIM, DAVID DENCIK, SUSAN TASLIMI U. A.

LÄNGE: 1 STD 50 MIN


Es herrscht Krieg in Europa. Das ist tatsächlich so. Netflix wird in seiner Programmplanung aber sicher nichts davon gewusst haben, also ist es reiner Zufall, dass der Streamingdienst mit seinem fiktiven Weltkriegs-Actioner Operation Schwarze Krabbe in Sachen Timing genau ins Schwarze trifft. So wirken die ersten Szenen des Films unangenehm aktuell, wenn massenhaft Zivilisten in ihren PKWs bewaffneten Aggressoren entkommen wollen. Die Gewalt holt sie allesamt ein, mitunter auch Schauspielerin Noomi Rapace und ihre Filmtochter. Zersplitterndes Glas, Schreie, dann Blackout. So geht’s womöglich nicht weit von hier im Osten zu. Und das sind nicht die einzigen Bilder und Eindrücke, die frappant an die Gegenwart erinnern und an das, was man in den Nachrichten von den letzten in der Ukraine ausharrenden Journalisten zu Gesicht bekommt. Schwarzenegger hatte damals seinen Terror-Thriller Collateral Damage auf Eis gelegt, als 9/11 eintrat. Netflix tut das nicht. Hätte das Sinn gemacht?

Operation Schwarze Krabbe gibt sich anfangs so düster und dreckig wie Alfonso Cuaróns Children of Men. Es herrscht eine nicht näher definierte, militärische Auseinandersetzung, der Einsatz von Atomwaffen hat noch nicht stattgefunden. Es ist auch nicht klar, ob die ganze Welt oder nur Skandinavien von diesem Krieg betroffen ist. Jedenfalls steckt Rapace bis über beide Ohren im Würgeriff eines ebenfalls nicht näher definierten Militärs, dass seine Zivilisten mit Druck dazu zwingt, zu kämpfen. Caroline Edh, so Rapaces Filmfigur, ist daher bangende Mutter einer entführten Tochter, mit der sie womöglich wieder vereint sein könnte, würde sie sich einem Himmelfahrtskommando anschließen, dass wertvolle Fracht von A nach B bringen soll. Klingt wie eine simple Botenfahrt, allerdings hinter feindlichen Linien. In Sam Mendes 1917 war da eine ähnliche Geschichte. Nur dort musste niemand über die zugefrorene See schlittern. Wieso macht das nicht Liam Neeson? Der ist gerade im Norden Kanadas mit dem Truck auf der Ice Road unterwegs. Edh und 5 weitere schnallen sich also die Kufen um und los geht’s, zumeist in der Dunkelheit. Ziel ist eine Forschungsstation. Was es mit der Fracht auf sich hat? Absolute Geheimhaltung.

Neeson hat zumindest gewusst, was er transportiert. Aber zukünftig könnte man sich merken: hat Naomi Rapace mal alle Hände voll zu tun, kann der Action-Opa gerne einspringen. Beruht natürlich auf Gegenseitigkeit. Denn die schwedische Akteurin, groß geworden mit Stieg Larsson, macht ihre Sache ganz gut, wenn auch etwas zu outriert und in manchen emotionalen Szenen heillos dick aufgetragen. Andererseits passt das wiederum zum Film, der auf dem Roman Eis von Jerker Virdborg beruht. Wenn die Stuntdoubles des Ensembles in der Dämmerung übers Eis gleiten, ist das als finstere Antithese zu Holiday on Ice durchaus originell. Die latente Gefahr des Einbrechens erreicht zwar nicht jene Höhen an Spannung, die sich Bahn gebrochen hat, als Yves Montand mit Nitroglyzerin durch den Dschungel eierte, sorgt aber ab und an für zusammengekniffene Augen – weil man ja gar nicht hinsehen kann, wenn’s passiert. Um dieses erlesene Kernstück eines dystopisch-naturalistischen Abenteuers ist das Narrativ einer globalen Notlösung zur Beendigung des Krieges ein äußerst triviales, welches zusätzlich noch von stereotypen militärischen Abziehbildern kolportiert wird. Der Plot folgt bequemer Dutzendware und Noomi Rapace dem Ruf, als weiblicher Haudrauf mit moralischer Intelligenz einem wie Liam Neeson das Wasser zu reichen.

Operation Schwarze Krabbe

The Adam Project

DIE FEHLER AUS DER VERGANGENHEIT

5/10


theadamproject© 2022 Netflix


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: SHAWN LEVY

CAST: RYAN REYNOLDS, WALKER SCOBELL, ZOE SALDANA, JENNIFER GARNER, MARK RUFFALO, CATHERINE KEENER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Marty McFly kann davon ein Liedchen singen, wie es ist, in der Zeit zurückreisen zu müssen, um die Zukunft wieder dorthin zu biegen, wo sie hingehört. Die Avengers werden wohl mit einem großen Fragezeichen auf der Stirn nicht mitreden können, da ihr Zeit-Kontinuum nicht stringent verläuft, sondern parallel zueinander und somit unendlich viele Multiversen erzeugt. Ein Umstand, den Dr. Strange bald näher erläutern wird. Nun ist aber Ryan Reynolds an der Reihe, nochmal alles von vorn zu beginnen, und hebt schon in den ersten Sekunden des neuen Streifens The Adam Project mit einer ähnlichen Lässigkeit den Flieger aus dem Orbit, wie es vielleicht Chris Pratt alias Star Lord machen würde, begleitet vom Sound aus den späten Sechzigern, nämlich Gimme Some Lovin. Alles erinnert an die Guardians of the Galaxy, die zur Freude des Publikums bald nicht mehr wussten, wo ihnen der Kopf stand. Reynolds hat da mehr den Überblick, obwohl er sich auch hier um einige Jahre verkalkuliert: Sein Flieger landet im Jahr 2022, unweit seines Elternhauses, in dem er selbst als zwölfjähriger Lümmel seinen verstorbenen Vater vermisst und mit Mama (Jennifer Garner) den Alltag schmeißen muss, dabei aber nicht sehr viel Kooperationswillen zeigt. Das ändert sich, als dieser junge Adam seinem älteren Ich begegnet. Shawn Levy nimmt sich hier klugerweise viel mehr Zeit als anderswo in seinem Film, um das langsame Sickern der Erkenntnis, sich selbst gegenüberzustehen, mit kleinen, kuriosen Alltäglichkeiten, die längst keine Zufälle mehr sein können, auszuschmücken. Bis dahin lässt das ganze Szenario immer noch so etwas wie Zurück in die Zukunft vermuten. Die Vermutung wird ausgeräumt, als der doppelte Adam versucht, ins Jahr 2018 weiterzureisen, um zu verhindern, dass Zeitreisen überhaupt möglich werden, da das Böse in Gestalt von Katherine Keener (kann überhaupt nichts mit ihrer Rolle anfangen) zukünftig die globale Macht an sich reißen wird. Natürlich bleibt die Antagonistin nicht tatenlos und hetzt durch die Zeit hinterher.  

Shawn Levy hat hier alles, um Science-Fiction-Fans und Zeitparadoxon-Nostalgiker vor dem Bildschirm glücklich zu vereinen. Er hat auch Ryan Reynolds, der für ihn schon letztes Jahr als Free Guy die Komödie unter seine Fittiche genommen hat – das ganze Programm, von verschmitzter Selbstironie bis zur Popkultur-Parodie. Was Levy aber nun fehlt, ist das Bindemittel dazwischen, um Zutaten und schauspielerisches Potenzial entsprechend zu verbinden. The Adam Project lässt den sympathischen Schönling nur zögerlich von der Leine. Der tut das, was er ohnehin schon immer tut, nur sentimentaler. Dieser Methode bemächtigt sich der ganze Film – er tut, was er angesichts seiner Versatzstücke tun muss: Ein routiniertes, womöglich teures Abenteuer mit Publikumslieblingen zu sein, die alle schon mal Erfahrungen im Superhelden-Genre gesammelt haben und somit wissen, was ihre Aufgaben sind. Was Neues fügt Levy dem Thema aber nicht hinzu. Natürlich, es ist ganz nett, Reynolds und seinem jungen Co-Star dabei zuzusehen, wie sie den Fieslingen von der Schippe springen und dabei ihren alten Vater finden wollen, der 2018 noch gelebt hat. Da gesellt sich auch noch Mark Ruffalo hinzu – und auch er schöpft aus dem Charakter, den er als Bruce Banner gut gelernt hat. Weiteres Engagement gilt als vermisst – somit bleiben fast alle Rollen schemenhaft und blass. Bob Gale und Robert Zemeckis hätten wohl den Rat geben können, bei Zeitreisen stets Wert auf das Besondere eines Charakters zu legen.

Doch lieber scheint es Levy, der mit so einem knackigen Drehbuch wie in Free Guy wohl sowieso nicht mehr rechnet, sich und die Crew nicht überanstrengen zu wollen. Der Unterhaltungswert ist da, der Rest ist 08/15. Will heißen: Gesehen und – wie so manches aus der Vergangenheit – bald vergessen.

The Adam Project

Against The Ice

DAS GLÜCK IST EIN GEFÄHRTE

6/10


againsttheice© 2022 Netflix


LAND / JAHR: ISLAND, DÄNEMARK 2022

REGIE: PETER FLINTH

CAST: NIKOLAJ COSTER-WALDAU, JOE COLE, HEIDA REED, ED SPEELERS, CHARLES DANCE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Eben erst auf der Berlinale, und schon auf Netflix im Angebot: Against the Ice, eines dieser Abenteuer aus der umtriebigen Zeit der Polarentdecker und Pioniere, der technisch optimierten Horizonterweiterung und neu verhandelter Weltordnungen. Die Skandinavier haben ein Faible für dieses Genre. Vielleicht auch, weil in entsprechender Epoche so einige aus diesen Breiten in den unwirtlichen Regionen dieser Welt unterwegs gewesen waren. Zu diesem Streben nach draußen hat damals auch die Vermessung und Erforschung Grönlands gehört, auf dessen Territorien nicht nur Dänemark Anspruch erhoben, sondern auch die Vereinigten Staaten ihren Willen zur Einverleibung kundgetan hatten, zumindest Nordgrönlands – sofern dieser Teil der Insel durch einen Kanal von der übrigen Landmasse getrennt gewesen wäre. Das ließ sich damals natürlich nicht so leicht sagen, weil Eis und Schnee dort jedwede Topographie verschleiern.

Wir schreiben also 1909. Um Grönland nicht an die Amerikaner zu verlieren, müssen dänische Expeditionen die Fakten liefern. Dumm nur, dass die letzte des Forschers Mylius-Erichsen insofern schiefging, da die Besatzung der Danmark verschollen bleibt. Der Segler Alabama unter Kapitän Mikkelsen (unterm Bart vergraben: Nikolaj Coster-Waldau) wassert nach und findet Erichsens Tagebuch – mit Angaben, die zu den wertvollen Aufzeichnungen führen sollen. Mikkelsen selbst und der Ingenieur Iver Iversen, der einzige Freiwillige, machen sich auf den Weg – in der Hoffnung, im Sommer des Jahres wieder beim Schiff zu sein, um in die Heimat zu segeln.

Natürlich geht das schief, Grönland fordert seinen Tribut an seelischer Gesundheit und Hundeleben, an Nahrung und Zuversicht. In wahrlich beeindruckenden Landschaftsaufnahmen zwischen niedrigem Sonnenstand, Gletscherspalten und windverblasenen Schneeebenen, die jeder Universum-Dokumentation das Wasser reichen können, rekonstruiert Regisseur Peter Flinth (u. a. Arn – Der Kreuzritter) eine für viele wohl eher unbekannte Episode aus den Annalen europäischer Entdecker. Dabei hat der Däne, der sich Mikkelsens Aufzeichnungen zur Brust genommen hat und somit alle Informationen, die er benötigt, auf einen Schlag zusammentragen konnte, anfangs einige Startschwierigkeiten. Ohne viel Umschweife fällt Flinth mit der Tür ins Haus – eine Einleitung gibt es nicht. So, als hätte man die ersten zwanzig Minuten des Films verpasst, ohne die Chance, Zeit, geographische Lage und die dramatis personae zu sondieren. Da fällt es schwer, ein Gespür für den Film zu bekommen. Da fällt es schwer, anfangs irgendeinen erzählerischen Rhythmus zu erkennen. Schöne Bilder, ja natürlich. Historisch akkurate Ausstattung, pelzige Outfits. Begrüßend kommt hinzu, dass Flinth vor Ort gedreht hat. Man spürt die Kälte, den Wind, die Präsenz des animierten Eisbären, der als Naturgewalt auf vier Beinen todbringend mit den Tatzen rudert. Doch Timing gibt es keines.

Nicht weiter tragisch, man kompensiert das mangelnde Mitgefühl mit den Schauwerten – um dann in der zweiten Hälfte des Films nun doch etwas mehr hineingerissen zu werden in ein banges Ausharren am Ende der Welt, wo Wahn und Hoffnung zur knisternden Schellack-Arie aus dem Koffer-Grammophon ein Tänzchen wagen. Die Zweisamkeit Coster-Waldaus mit Partner Joe Cole erinnert im Kern an die Hobbits Frodo und Sam, die auf dem Weg nach Mordor froh waren, einander gehabt zu haben. Statt Feuer und Asche ist es diesmal Eis und Schnee. Das Glück, den richtigen Gefährten an seiner Seite zu haben, ist allerdings ein und dasselbe.

Against The Ice

The Last Shift

DER FLOH IM OHR

6,5/10


thelastshift© 2020 Sony Pictures


LAND / JAHR: USA 2020

BUCH / REGIE: ANDREW COHN

CAST: RICHARD JENKINS, SHANE PAUL MCGHIE, ED O’NEILL, DA’VINE JOY RANDOLPH, ALLISON TOLMAN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


In Nightmare Alley von Guillermo del Toro wurde Richard Jenkins eben erst übers Ohr gehauen. Und zwar so richtig. Mit Gefühlen spielt man nämlich nicht, das ist unterste Schublade. Man setzt aber auch niemanden einen Floh ins Ohr, vor allem dann nicht, wenn dieser wieder zurückspringt und Konsequenzen Tür und Tor öffnet, die so nicht beabsichtigt waren. So eine Eigendynamik lässt sich in dem auf Netflix veröffentlichten (aber nicht produzierten) Independentstreifen The Last Shift beobachten. Und ja, mit Richard Jenkins, diesmal alles andere als der reiche Krösus wie in eingangs erwähntem Film, sondern als einer, der nach 38 Jahren des beruflichen Alltags in einer mehr oder weniger heruntergekommenen Fastfood-Filiale die Schirmkappe an den Nagel hängen will. Ab nach Florida, mit der pflegebedürftigen Mama. Zuvor jedoch muss Stanley, so Jenkins‘ naiv-redselige Figur, seinen Nachfolger einschulen. Der wiederum ist ein junger Afroamerikaner, vorbestraft wegen Denkmalschändung und aus dem Gefängnis entlassen. Jevon ist Familienvater und Freigeist, werden will er allerdings Schriftsteller. Er sieht, wie Stanley schuftet. Für nichts und wieder nichts. Weiß dabei einiges zu Arbeitsrecht und Ausbeutung zu sagen. Der alte Burger-Profi erkennt sich langsam als missbrauchtes Rädchen einer Geldmaschine, die den Arbeitswillen nicht schätzt. Ein Floh im Ohr, wie schon gesagt.

Und Jenkins schluckt als astreiner Loser und knapp am Sozialfall vorbeischrammender Fachidiot die bittere Pille. Manch einer wird dann zum Amokläufer wie Michael Douglas in Falling Down. Andere versuchen, sich auf andere Weise schadlos zu halten. In beiden Fällen merken die Gelegenheitsrebellen wohl kaum, dass sie andere unfreiwillig mitziehen – auch wenn der Drang nach sozialer Gerechtigkeit absolut nachvollziehbar scheint. Emmy-Preisträger Andrew Cohn hat die Ironie eines alltäglichen Schicksals zwischen Frittierfett, stinkenden Toiletten und gut gemeinten Ratschlägen wohlmeinender Mitbürger platziert – dabei liegt dem Autor kein aufbrausender Rundumschlag im Sinn wie ihn vielleicht Ken Loach austeilen würde, denn der äugt mit seinen Fallstudien stets den dunklen Abgrund hinab. The Last Shift erspäht diesen zwar, lässt seine vom Schicksal unbeschenkten Gestalten zu ihrem fragwürdigen Glück doch erstmal lieber feststecken. Es geht weder vor, noch zurück, es geht aber auch nicht weiter abwärts. Cohn schöpft Vertrauen in seine verirrten Idealisten. Belehrt sie lieber, und weist sie an, ihr Weltbild auf die jeweils mögliche Weise geradezurücken. Klar ist der Prozess ein düsterer, unbequemer. Bei Andrew Cohn aber auch einer, der mit leisem, subversivem Humor die ungesunden Schräglagen gelebten Sozialrechts ausmisst und mitunter auch die Ursachen bei jenen sucht, die übervorteilt wurden.

The Last Shift

The Father Who Moves Mountains

DIE GRENZEN DES MÖGLICHEN

7,5/10


fatherwhomovesmountains© 2021 Netflix


LAND / JAHR: RUMÄNIEN, SCHWEDEN 2021

BUCH / REGIE: DANIEL SANDU

CAST: ADRIAN TITIENI, ELENA PUREA, JUDITH STATE, VALERIU ANDRIUTÃ U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Das menschliche Verhalten ist eine Terra incognita an faszinierenden Eskapaden und bizarren Wendungen, ist beeinflusst durch das soziale Umfeld und vor allem auch durch die Erziehung. Es ist vor allem auch eines: des öfteren absolut unlogisch. So richtig glockenhell und klar werden solche Ausformungen dann, wenn eine wie auch immer geartete Extremsituation in greifbare Nähe rückt. Dann wird zumindest vom schwedischen Regisseur Ruben Östlund seziert, was das Zeug hält. Und aufgedröselt, was als Schmach unter den Teppich gekehrt werden soll. Weil es sich nicht schickt, die eigene Unzulänglichkeit einzugestehen. Höhere Gewalt schildert das Verhalten von Menschen während des Abgangs einer Lawine. The Square geht sogar noch einen Schritt weiter und sucht nach der Motivation für Zivilcourage. Was Östlund auf die Leinwand und somit aufs Tapet bringt, schafft auch der Rumäne Daniel Sandu. In ganz anderem Kontext, in einer ganz anderen Geschichte, doch die Katastrophe ist ähnlich dominant. Hier, im Festivalfilm The Father Who Moves Mountains, lotet ein verzweifelter Vater auf der Suche nach seinem Sohn die Grenzen des Möglichen aus. Das kommt gerade richtig in Zeiten wie diesen, wo Überanstrengung und Burnout die Basis dafür sind, immer besser zu werden. Auch wenn schon das Beste gegeben wird.

Dieser Mann, von dem hier die Rede ist, scheint zu seinen Dienstzeiten im rumänischen Geheimdienst so einige Strippen gezogen zu haben. Entsprechend groß ist auch noch sein Einfluss quer durchs Land. Mircea kennt viele und jeden, weiß alles besser und lässt nicht locker, wenn es darum geht, andere soweit verbal zu zermürben, damit diese das tun, was Mircea für richtig hält. Ein anderes Wort dafür ist grenzenlose Überheblichkeit. Der pensionierte Vater eines Sohnes sieht sich aber bald mit einem unlösbaren Problem konfrontiert: Sein Filius gilt zusammen mit seiner Freundin nach einer winterlichen Bergtour in der montanen Wildnis Rumäniens als verschollen. Sogleich setzt Mircea alle Hebeln in Bewegung, will gar selbst auf den Berg, um auf eigene Faust den Schutzheiligen zu spielen. Das gefällt der örtlichen Bergrettung überhaupt nicht – Zivilisten behindern nur die Suchaktion, was rational betrachtet eigentlich vollkommen klar sein sollte. Doch der Ex-Offizier beharrt auf sein Zutun und lässt ein ganzes Team an Geheimdienstlern anreisen, die ihrerseits dem Berg auf die Pelle rücken.

Der Einfluss eines Einzelnen scheint manchmal grenzenlos. Das Menschenmögliche ist bald erreicht, doch die Schmach vor dem Versagen entbehrt jegliche Vernunft. In einer selbstgefälligen und rechthaberischen Eitelkeit plustert sich Schauspieler Adrian Titieni zu einem Helden auf, der meint,  Berge versetzen zu können. Faszinierend und auch erhellend, was Daniel Sandu aus dem verzweifelten Ringen eines Vaters an Verhaltensparametern ausgraben kann. Am Ort des Geschehens, sowohl am Berg als auch im Tal, entsteht die Oligarchie eines Rettungsstaates, die alle Beteiligten nach der Pfeife eines sturen Patriarchen tanzen lässt, den sein eigener Ehrgeiz wie eine Lawine heimzusuchen droht. So tragisch das Schicksal der verschollene Wanderer auch sein mag, umso mehr gerät der Zweck für diesen aussichtslosen Rundumschlag in den Hintergrund. In diesen Momenten erreicht The Father Who Moves Mountains die garstigen Spitzen eines Ruben Östlund und zeigt auf, wo die Nächstenliebe aufhört und das eigene Ego alles andere verdrängt. Dieses sehenswerte, kluge Charakterstück ist übrigens auf Netflix zu entdecken.

The Father Who Moves Mountains

Bigbug

LOCKDOWN MIT ROBOTERN

4,5/10


bigbug© 2022 Netflix


LAND / JAHR: FRANKREICH 2022

BUCH / REGIE: JEAN-PIERRE JEUNET

CAST: ISABELLE NANTY, ELSA ZYLBERSTEIN, CLAUDE PERRON, STÉPHANE DE GROODT, YOUSSEF HAJDI, ALBAN LENOIR, FRANÇOIS LEVANTAL U. A.

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Schon wieder ein Film, der das Was-wäre-wenn-Szenario einer selbsterkennenden Technik bemüht, die gegen den Homo sapiens zu Felde zieht. Gut, Interpretationsspielraum gibt’s da einigen. Und ja, dieses Thema ist in Zeiten wie diesen eben relevant genug. Eines darf man aber in dieser Sache auch nicht ganz vergessen: Es kommt immer darauf an, wer da gerade welchen Film inszeniert. Und siehe da: Einer, der märchenhafte (Alb)träume in vergilbter Optik wie kaum ein anderer so gut beherrscht hat, ist nach knapp zehnjähriger Abstinenz wieder zurück im Filmbiz: Jean-Pierre Jeunet. Ich gebe zu, ich liebe seine Interpretation des Alien-Mythos, und halte diese Episode für eines der besten Franchise-Prequels überhaupt. Aber das nur so am Rande. Was habe ich den Mann nicht schon vermisst. Eigentlich hätte Jeunet gar eine Episode von Harry Potter inszenieren sollen, hatte aber abgelehnt. An Life of Pi hat der Visionär rund 2 Jahre herumgemurkst – nichts ist daraus geworden, Ang Lee hat übernommen. Einfach dürfte der Franzose nicht gerade sein. Seine Filme sind das nämlich auch nicht. Schon gar nicht seine neueste Eskapade mit dem Titel Bigbug.

Was Bugs sind, wissen wir Bildschirmathleten natürlich alle. Wenn dieser dann noch unüberschaubar groß wird, gibt’s für den im Jahre 2045 von Robotern hinten und vorne bedienten Mittelschichtsbürger kein Entkommen mehr. Zumindest nicht aus der eigenen Wohnung. Denn in dieser reissen vier zweckvariable Haushaltsroboter einschließlich eines Sexroboters aus dem Nachbarhaus das Zepter an sich und blockieren den Ausgang. Ein Lockdown also für alles Organische, während sich außerhalb des akkuraten Reihenhauses eine neue Macht formiert – die der Yonix. Von hinten sehen die Kerle aus wie Robocop, sichtbares Seniorentum ziert allerdings das synthetische Konterfei der gespenstisch grinsenden Altherren-Simulationen, die den Feuerstrahl im Finger haben und gerne via TV ihre Erbauer der Lächerlichkeit preisgeben: als zur völligen Unfähigkeit degenerierte, hechelnde Hündchen, die alles tun, was die Technik sagt. Ein schönes Zerrbild, mittlerweile mehr wahr als übertrieben.

Somit klingt das ganze Szenario ja schon mal grotesk genug, um von Jeunet zu sein. In Sachen Ausstattung scheut dieser keine Mühen, das Reihenhaus erinnert an den technologisierten Tücken-Parcour aus Jacques Tatis Mein Onkel, nur bunter, opulenter und noch detailverliebter. Doch irgendetwas stört. Vielleicht ist es das durch die Bank aufgesetzte Spiel der Protagonisten – von der älteren Nachbarin samt Hündchen über zwei frisch Verliebte bis zum Exmann jener, der das Haus gehört. Alle scheinen neben der Spur, keiner ist geerdet, alle sind so aufgedreht wie in den Filmen von Louis de Funes. Das in hohen Oktaven und gehetzt hervorgebrachte Gebrabbel bleibt leidlich interessant und fällt schnell auf den Wecker. Bigbug ist anstrengend, wenig griffig und recht trivial. Maschinen hin oder her: ihr Wille, den Platz des Menschen einzunehmen, ist ein halbherziges Unterfangen und verliert sich dann auch in viel zu vielen lediglich angerissenen Nebensächlichkeiten, die vor allem mit den Befindlichkeiten der Eingesperrten zu tun haben. Mancher Slapstick gelingt, das Meiste aber ist ermüdend. Schade, dass Jeunet hier nichts Handfesteres entworfen hat. Wenig erinnert noch an seine Klasse, die er mit Filmen wie Die Stadt der verlorenen Kinder oder Die fabelhafte Welt der Amelie unter Beweis gestellt hat. Was bleibt, ist pastellige Hektik mit schrägen Robotern. Wars das jetzt wieder, für die nächsten zehn Jahre?

Bigbug

Mother/Android

BLINDE KUH MIT ROBOTERN

4/10


motherandroid© 2021 Netflix


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: MATTSON TOMLIN

CAST: CHLOË GRACE MORETZ, ALGEE SMITH, RAÚL CASTILLO, TAMARA HICKEY, OWEN BURKE U. A.

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Deswegen, genau deswegen, ist Kyle Reese in Terminator via Zeitreise in das Amerika der 80er Jahre zurückgekehrt: um zu verhindern, was später passieren wird. Aus Liebe zu Sarah Connor ging dann besagter John hervor, der dann die Menschheit gegen die Maschinen anführen wird. Zumindest in der Timeline, die sich gegen James Cameron stellt. Diese Rebellion spezieller Technik findet auch in dem auf Netflix erschienenen dystopischen Science-Fiction-Film Mother/Android seine Anhänger – und zwar sind das eins zu eins dem menschlichen Erscheinungsbild nachempfundene Androiden, die zur Dienerschaft konstruiert worden sind. Was muss so eine Einheit wert sein? Und in welcher Welt lebt Chloë Grace Moretz als schwangere Georgia, in der Reichtum anscheinend die Geißel des Planeten ist, weil es anscheinend keine ärmere Mittelschicht mehr gibt, die sich stromgetriebene Aushilfen wie diese gar nicht leisten kann?

Damit die Welt unter der Bedrohung einer wild gewordenen KI erst so richtig leidet, müssten ungemein viele dieser Roboter im Umlauf gewesen sein. Diese, so wird erwähnt, sind alles andere als wohlfeil, also man muss schon einiges springen lassen, um sich sowas leisten zu können. In dieser Zukunft dürfte ein jeder immens viel Mammon besitzen. Was aber wiederum dazu führt, dass diese Welt, in der Georgia lebt, unter einer gewaltigen Inflation hätte leiden müssen. Irgendwas stimmt hier nicht. Irgendwie passt die Ausgangssituation dieses Films hinten und vorne nicht zusammen. Anders bei Terminator: hier ist ein gewaltiges Computersystem am Werk, das die globale Elektromechanik als Skynet unter seiner Fuchtel hat. In Mother/Android sind es im Grunde wildgewordene Einheiten, die durch den Wald pirschen wie Zombies mit Augen, die in bestimmten Winkeln des einstrahlenden Lichts blau erstrahlen. Das tun sie aber nicht immer. Selbst in der Animationskomödie Die Mitchells gegen die Maschinen, wo es natürlich komödiantischer und familientauglicher einhergeht, ist die narrative Basis der folgenden Abenteuer um einiges plausibler.

Über den Inhalt zu Mother/Android muss man gar nicht viel schreiben – es ist ein „Rennet, rettet, flüchtet“. Mittendrin Moretz im neunten Monat, und man glaub ihr auch gerne, dass sie so ihre physischen Handicaps hat. Als Georgia ist sie gemeinsam mit ihrem Freund und Vater des Kindes Richtung Boston unterwegs, wo es ein Refugium für Familien geben soll, gut geschützt vor der wütenden Techno-Meute. Der Weg dorthin ist mit gängigen Endzeit-Takes gepflastert, und im letzten Drittel schlägt der Krieg zwischen Mensch und Maschine so gewaltige Logiklöcher in die Landschaft, dass das anfängliche Problem, eine nachvollziehbare Grunddystopie zu setzen, geradezu marginal erscheint. Regisseur Mattson Tomlin (Project Power) dürfte um jeden Preis dorthin gelangen wollen, wo er am Ende sein will – bei einem an Children of Men erinnernden, pathetischen Finale, das von Moretz aber dank ihres emotionalen Spiels als der beste Moment des ganzen Films gerettet werden kann.

Mother/Android

The House

DER ALBTRAUM VOM EIGENHEIM

8,5/10


thehouse_02© 2022 Netflix


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2022

REGIE: EMMA DE SWAEF & MARC ROELS, NIKI LINDROTH VON BAHR, PALOMA BAEZA

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): MIA GOTH, CLAUDIE BLAKLEY, MATTHEW GOODE, MARK HEAP, MIRANDA RICHARDSON, STEPHANIE COLE, JARVIS COCKER, HELENA BONHAM CARTER U. A.

LÄNGE: 1 STD 37 MIN


Dieses Jahr ist nicht nur im Kino bereits reichlich beeindruckend. Netflix zieht mit, und hat einen Animationsfilm im Sortiment, der einem die Sprache verschlägt. Der Episodenreigen mit dem schlichten Titel The House feiert die gute alte Methode der Stop-Motion mit Puppen aus Filz und Fell, deren feine Fasern sich bei jeder Bewegung anders positionieren und der ganzen geschmeidigen Animation das gewisse rustikale Etwas aus den frühen Tagen des DDR-Sandmännchens verleihen. Mit The House bekommt Perfektionist Wes Anderson, der mit Isle of Dogs die Akkuratesse einer solchen Methode auf die Spitze getrieben hat, ernsthafte Konkurrenz. Und wenn man glaubt, mit diesem Trickfilm vergnügliche Familienunterhaltung zu verorten, irrt gewaltig. The House ist düster, beängstigend und so surreal wie seit David Lynch’s Traumgespinste selten ein Film. Dabei ist Dreh- und Angelpunkt dieser absurden Szenarien lediglich ein stattliches, neoklassizistisches Gebäude mit einem kleinen Türmchen in der Mitte, das einmal Menschen, einmal Mäuse und dann wieder Katzen beherbergt, die als klassische Tierfabelfiguren mit ihren eigenen vier Wänden in Clinch gehen.

In Geschichte Nummer 1, inszeniert vom belgischen Animationsduo Emma de Swaef & Marc Roels, schaut eine aus ärmlichen Verhältnissen stammende Familie einem geschenkten Gaul sicherlich nicht ins Maul, als sie in besagtes Haus einzieht. Doch besser, sie hätten es angesichts diverser obskurer Begebenheiten lieber doch gemacht. Geschichte Nr. 2, inszeniert vom Schweden Niki Lindroth von Bahr, lässt im selben Haus einen Mäuserich als Grundstücksmakler, der die Immobilie an die Maus bringen will, an seine Grenzen gehen. Denn die, die sich als einzige für dieses von Ungeziefern heimgesuchte Gemäuer interessieren, sind auch nicht das, was sie scheinen. Zu guter Letzt dann die wohl zuversichtlichste Anekdote von Paloma Baeza, die womöglich ihrer Liebe zu Katzen Tribut zollt. Denn da versucht eine miezende Hausherrin inmitten stetig steigenden Hochwassers all ihre Räumlichkeiten zu renovieren, um doch noch Mieter anzulocken. Womöglich vergeblich – oder doch nicht?

Häuser, die ein Eigenleben führen oder ihre Bewohner zur Verzweiflung treiben, gibt es viele in der Filmwelt. Erst kürzlich klapperten Giebel und Fensterläden in Disneys Encanto fröhlich vor sich hin. Doch Gotte behüte, wenn die Villa mal einen schlechten Tag hat wie zum Beispiel in Roman Polanskis Der Mieter. In Hinterholz 8 oder Geschenkt ist noch zu teuer sind Häuser der Granit, an dem sich motivierte Selfmen die Zähne ausbeißen. In diesen Gutenachtgeschichten hier führt es den Bewohner noch tiefer in die metaphysischen Eingeweide seltsam verwunschener Bauten und scheinbar eleganter Räumlichkeiten. In The House findet nichts eine Erklärung, verschwinden Räume und Treppen, krabbeln Käfer aus allen Ritzen, ist das Ende der Sesshaftigkeit nur bedingt ein neuer Anfang. In detailverliebter Ausstattung Marke Puppenküche und mit auf den ersten Blick zwar herzigen, aber letzten Endes befremdlichen Filzköpfen geraten die Gutgläubigen in einen Sog unheilbringender, höherer Mächte und erinnern an die bis zum großen Knall ausgearbeiteten Visionen eines Eugene Ionesco oder Gert Jonke, die die Sehnsucht nach dem bürgerlichen Wohlstand und heimeliger Glückseligkeit hinters Licht führen – dorthin, wo es finster genug ist, um sich auszumalen, was gar nicht sein kann.

Vor allem aufgrund dieser Rätselhaftigkeit der punktgenau ausformulierten Kurzgeschichten ist The House ein zauberhaft unbequemes Faszinosum, das gegen den Strom gefälliger Feelgood-Plots schwimmt und die Begrifflichkeit des Wohnens, gerade zur Zeiten der Pandemie wieder wichtig geworden, in schwarzgezeichnetem Wohlwollen für den Bewohner und seiner Psyche hinterfragt.

The House

München – Im Angesicht des Krieges

WAS DER FÜHRER IM SCHILDE FÜHRT

6/10


muenchen© 2022 Netflix


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2021

REGIE: CHRISTIAN SCHWOCHOW

CAST: GEORGE MACKAY, JANNIS NIEWÖHNER, JEREMY IRONS, ALEX JENNINGS, ROBERT BATHURST, SANDRA HÜLLER, ULRICH MATTHES, AUGUST DIEHL, LIV LISA FRIES U. A.

LÄNGE: 2 STD 11 MIN


Nein, dieser Film hat nichts mit Steven Spielbergs gleichnamigem Terrordrama zu tun. In München haben sich nebst der Olympia-Tragödie noch ganz andere Sachen abgespielt. In München hat stattgefunden, was sich einer wie Adolf Hitler wohl immer erträumt hat: Der Moment, wenn Großmächte wie Frankreich, Italien und Großbritannien höflich vor dem Blender der Massen in die Knie gehen. Das wird für den Mann aus Braunau der Anfang einer langen Reihe diverser Triumphe gewesen sein, und zwar auf dem Rücken der Tschechoslowakei, die zu diesem sogenannten Münchner Abkommen nicht mal eingeladen war. Der Krieg wurde zu diesem Zeitpunkt zumindest mal um ein Jahr nach hintern verschoben, kam aber dann doch – Verträge hin oder her. Die eigneten sich für Nazis maximal zur Verwendung im Sanitärbereich. Macht braucht keine Unterschriften, das wird einer wie Neville Chamberlain in seiner naiven Vorstellung von der Welt auch bald bemerkt haben. 1939 war‘s dann soweit, mit dem Einmarsch in Polen. Bis dahin hat es wohl geheissen: Abwarten und Tee trinken, und zwar nicht nur für die Briten.   

Diesem historischen Gipfeltreffen hat Romanautor Robert Harris (u. a. Enigma oder Intrige – von Polanski großartig verfilmt) eine etwas triviale Spionagegeschichte rund um zwei Kommilitonen aus Oxford angedichtet. Der eine ein Deutscher, der andere waschechter Brite. Beide liegen sich 1932 politisch gesehen in den Haaren und legen ihre Freundschaft auf Eis, sechs Jahre später treffen sie sich wieder, um irgendwie die Welt zu retten, was ein bisschen an die Sache mit den Plänen für den Todesstern erinnert. Der eine ist Sekretär des britischen Premierministers, der andere ein Diplomat unter der Fuchtel Hitlers, der aber ein doppeltes Spiel spielt, da er plant, den Führer zu stürzen. Der Sache kommt er schließlich deutlich näher, als ihm Dokumente zugespielt werden, in welchem die gesamte zukünftige Agenda Hitlers für Europa aufgelistet steht. Ein brisantes Schriftstück, welches den Zweiten Weltkrieg womöglich vereiteln hätte können. Nur: das Schriftstück hat es nie gegeben, es ist Fiktion – das Münchner Abkommen und den daraus resultierten Friedensvertrag allerdings schon. Dabei bleibt fraglich, ob München – Im Angesicht des Krieges nicht wohl eher die Darstellung einer alternativen Realität widerspiegelt als Europas Geschichte.

Es gibt unzählige Romane dieser Art, die alle irgendwann aus den Wühltischen irgendwelcher Buchdiskonter gegraben werden können. Harris Werk scheint da eines von vielen zu sein, die allein aufgrund des Auftretens von Hitler ihren historischen Kontext gesichert wissen. Aber so viel Fairness muss sein: Neville Chamberlain ist auch mit dabei. Und wird durch Charaktermime Jeremy Irons würdig vertreten. Christian Schwochow, der mit der Siegfried Lenz-Verfilmung Deutschstunde einen bemerkenswert stimmigen Beitrag zum deutschen Kino geleistet hat, mit Je Suis Karl aber wiederum weniger, weiß den Briten als politischen Charakterkopf greifbar in Szene zu setzen – Oldmans Churchill-Maskerade aus Die dunkelste Stunde ist da nicht viel besser. Jannis Niewöhner tut sich da sichtlich schwerer, ebenso August Diehl, der schon wieder einen Nazi spielen muss, und zwar sehr stereotyp und in aufsässiger Tarantino-Manier. Und: George MacKay, bekannt aus Sam Mendes Kriegsfilm 1917, darf auch hier wieder Botschaften überbringen und sich in gewisser Weise ebenfalls durch feindliche Linien ducken. Die gehetzte Panik steht ihm gut, und im Gegensatz zu Niewöhner gelingt es ihm zumindest, als Schauspieler hinter seiner Rolle zu verschwinden.

München – Im Angesicht des Krieges scheint als unschlüssiger Hybrid zwischen Fakten und Fiktion gewisse reißerische Geschichts-Plattitüden zu bedienen, die mit Hakenkreuzfahnen und Hitler-Akzent für interessierte Betroffenheit sorgen sollen. Das gelingt, denn der Thriller ist üppig besetzt und unterhält. In Zeiten des Säbelrasselns rund um die Ost-Ukraine erscheint der Film noch dazu wohlgetimt auf Netflix, erreicht aber in Sachen Zeitbild bei weitem nicht die Komplexität, die zum Beispiel in Babylon Berlin zu finden wäre.

München – Im Angesicht des Krieges