Der geheime Garten (2020)

VON DEN KINDERN LERNEN

6,5/10


DerGeheimeGarten© 2020 Studiocanal GmbH


LAND: GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH 2020

REGIE: MARC MUNDEN

CAST: DIXIE EGERICKX, COLIN FIRTH, JULIE WALTERS, AMIR WILSON, EDAN HAYHURST, ISIS DAVIS U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Gebt den Kindern das Kommando, singt Herbert Grönemeyer. Bei diesem geschmetterten Imperativ sollte man darauf achten, nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten. In manchen Bereichen allerdings wäre es durchaus ratsam, den Bestimmerstein an den Nachwuchs weiterzugeben, insbesondere dann, wenn den entzauberten Erwachsenen das Know-How abhandenkommt, Schicksalsschläge zu meistern. Wie im Falle des Schlossbesitzers Archibald Craven, wohl der traurigste Witwer ganz Englands, miesepetrig bis zum Gehtnichtmehr, mit hängenden Schultern, die den Buckel noch verstärken. Colin Firth gibt diesen unrasierten, schlurfenden Schatten seiner selbst mit einer durchaus schadenfrohen Spielfreude, wohl weil er selbst von sich aus sagen würde, die Schwere des Lebens niemals so nehmen zu wollen.

Vom Schicksal gezeichnet ist auch die kleine Mary, wohnhaft im von den Briten kolonisierten Indien. Die hat überhaupt gleich beide Elternteile verloren und muss als Waise zum nächsten Verwandten nach Europa, zu eingangs erwähntem Onkel. Von der tropischen Üppigkeit des Subkontinents in die grauen Marschen und Sümpfe rund um ein herrschaftliches Spukhaus, das wir so oder ein bisschen anders aus den Gothic-Horrorserien rund um Hill House kennen. Fast scheint es ja so, als wäre die Neuverfilmung des Jugendbuchklassikers Der geheime Garten genau das: ein Gruselfilm rund um eine dysfunktionale Familie. Düstere Gänge, karge Räume, Jammern, Flüstern und Schreien zu nachtschlafender Zeit. Das Mädchen Mary hat schon so viel Schlimmes erlebt, da schreckt es das angeblich Paranormale auch nicht mehr. Kenner der Literaturvorlage wissen: Der geheime Garten ist natürlich alles andere als Grusel. Es ist eine Geschichte um Trauer, Bewältigung und Neubeginn. Und zwar mit den Methoden, die Kinder anwenden würden, wenn man sie nur lässt. Da kommt die Kraft der Natur sehr entgegen. In der Natur, da blüht die Seele auf. Der geheime Garten, den Mary dann entdeckt, scheint da magische Kräfte zu besitzen. Nicht nur, um die Schwere im Herzen zu vertreiben, sondern auch körperliche Gebrechen, die manchmal auch psychosomatisch sein können.

Wie Little Women ist auch Der geheime Garten ein Kultbuch, das schon des Öfteren verfilmt wurde, beginnend 1919 mit einem Stummfilm. Der Stoff ist also nichts Neues mehr. Die Frage ist nur, wie man ihn interpretiert. Und zwar so, dass er nicht in sentimentale Läuterungen abgleitet – mit anderen Worten: esoterische Lebenshilfe in immergrünen Kalenderbildern. Regisseur Marc Munden hat allen Verlockungen getrotzt, den Stoff zu versüßlichen. Und es geschafft, einen weitgehend unkitschigen Film zu inszenieren. Wie das geht? Ganz einfach: der viel zitierte üppige Garten, den man natürlich mit zu viel CGI ordentlich hätte aufmöbeln können, ist tatsächlich nur die flirrende Bühne für ein intensiv aufspielendes Jung-Ensemble, auf das sich Munden am Stärksten konzentriert. Allen voran Dixie Egerickx. Der nun 14jährige Teenager legt zwischen Trotz, Sehnsucht und kindlicher Neugier den Schlüsselcharakter einer resoluten Kämpferin vor, die nicht daran denkt, sich ihrem Kummer hinzugeben. „Kopf hoch, tanzen“ ist die Devise. Einen Ausweg gibt’s immer, und sei es der Weg in eben diese sinnbildliche Oase, die die Gemüter widerspiegelt und in wunderbar innovativer Kameraarbeit sowie urwüchsiger Botanik recht authentisch vor sich hin blüht.

Nicht nur Colin Firth wird von Mary lernen, auch all die anderen, die in ihrem Leben gestrauchelt sind oder kurz davor sind, es zu tun. Für alle, die im täglichen Wettbewerb mit dem Schicksal ihr inneres Kind verloren haben, sollten sich an Kindern ein Beispiel nehmen. Oder, falls diese gerade nicht zur Hand sind, dann tut’s auch dieser Film ganz gut.

Der geheime Garten (2020)

IO

LEBWOHL, ERDE

6,5/10

 

io© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: JONATHAN HELPERT

CAST: MARGARET QUALLEY, ANTHONY MACKIE, DANNY HUSTON, TOM PAYNE

 

Nochmals Danke an die Redaktion der deutschsprachigen Kinomagazins cinema für ihre Filmempfehlungen quer durch gefühlt alle Streamingplattformen, mit Gentle Reminders auf der Liste für längst vergessene Filme, die mit der richtigen Stimmung am Abend vor dem TV-Schirm durchaus vereinbar wären. Wie zum Beispiel der postapokalyptische Streifen IO.

Dabei ist IO alles andere als die wutentbrannte oder völlig mit jedweder Resignation ausgestattete Zukunftsvision einer Bestie Mensch, die sich selbst ihr Grab schaufelt. Nein, das ist IO sicher nicht. Dafür aber ein Abgesang. Nicht auf die Menschheit, denn die scheint es sich mehr recht als schlecht gerichtet zu haben, sondern auf unseren Planeten Erde. Und genau das, dieser Abschied, den man partout nicht nehmen will, der stimmt melancholisch, wehmütig. Das kann doch nicht das Ende dieser Jahrtausende währenden fruchtbaren Beziehung sein? Was genau war denn das Problem?

Nun – keine Luft zum Atmen ist zumindest ein driftiger Grund. Aus was für Gründen auch immer hat sich die Zusammensetzung der Atmosphäre grundlegend verändert. Der Film erklärt aber nicht, wodurch. Doch es ist hier nunmal Fakt, und tendenziell räumt Regisseur Jonathan Helpert sogar ein, dass Mutter Gaia vielleicht so etwas wie ein Bewusstsein hat, und irgendwann scheint sie die Nase voll gehabt zu haben. Luftentzug schien wirksam: der Mensch beginnt also, Raumschiffe zu bauen und die Erde zu verlassen. Als Ziel winkt der Jupitermond IO – eine riesige Raumstation umkreist den Himmelskörper im Orbit. Von dort weg soll ins System Proxima Centauri aufgebrochen werden, um erdähnliche Planeten zu finden. So gut wie fast alle haben den Planeten bereits geräumt. Manche harren aus – und suchen in den windtechnisch günstigen letzten Enklaven mit atembarer Luft nach einem Sinn hinter dem Zerwürfnis. Eine davon ist die Tochter eines Wissenschaftlers, gespielt von Margaret Qualley (das Hippiemädchen aus Tarantinos Once upon a Time… in Hollywood, die Brad Pitt schöne Augen macht), die immer noch Tests an Bienen durchführt. Dann schneit ganz plötzlich „Jules Verne“ Anthony Mackie mit seinem Heliumballon vom Himmel – um den Professor für seinen flammenden, aber letztendlich verpeilten Appell, auf der Erde auszuharren, zur Rechenschaft zu ziehen. Dabei dürfen beide den Start des letzten Shuttles aber nicht verpassen, bevor die Erde endgültig dicht macht.

Nein, bei dem Gedanken, Terra Lebewohl zu sagen, schnürt sich auch bei mir die Kehle zu. Mir geht’s da so wie Margaret Qualley, die eine Chance für einen Neuanfang in all der ganzen Katastrophe sieht, ungefähr so wie das Zombie-Mädchen Matilde aus dem Endzeit-Querdenker The Girl with all the Gifts. Vielleicht steckt ja hinter all dem ein Plan, ein biologisches, selektives Konzept? Sam Walden, so heißt die junge Frau, macht sich so ihre Gedanken, wägt ab was klüger ist – den Planeten zu verlassen oder ihm noch eine Chance zu geben? Gesprochen, überlegt und abgewogen wird hier viel, Spannungskino ist IO keines, hat keine Action und ist weit davon entfernt, Big Drama zu sein. Im Grunde passiert nicht viel, und vielerorts ist man auch nicht unterwegs. Leicht kann es sein, und IO darf sich den Vorwurf eines Langweilers gefallen lassen. Aus meiner Perspektive ist er das nicht. Denn dieser Knackpunkt, dieses Sich-Ausmalens, den Blauen Planeten zu den Akten zu legen, ist alles, was der schwermütige, stille Science-Fiction-Film beim Namen nennen will. Er spinnt daraus die letzte Strophe eines Farewell-Songs, oder anders gesagt fühlt sich IO an wie der letzte hallende Ruf zurück in die leere Wohnung der eigenen Kindheit. Der Mensch scheint erst jetzt, nachdem alles vorüber scheint, erwachsen geworden zu sein.

IO

Euphoria

STIRB AN EINEM ANDEREN TAG

5/10

 

euphoria© 2018 Wild Bunch

 

LAND: SCHWEDEN, DEUTSCHLAND, GROSSBRITANNIEN 2017

REGIE: LISA LANGSETH

CAST: ALICIA VIKANDER, EVA GREEN, CHARLOTTE RAMPLING, CHARLES DANCE, ADRIAN LESTER U. A.

 

Zum cineastischen Fastenprogramm abseits vom Leben und Sterben Jesu lassen sich natürlich auch Werke zählen, die sich mit Glauben und Kirche auseinandersetzen – und ganz schlicht und ergreifend mit dem Thema Tod, auch wenn der Sensenmann seine eigentlichen Feiertage von Halloween bis Allerseelen hat. Aber macht nichts. Besinnlich darf und kann man diese Woche ja durchaus sein, wenn einem danach verlangt, als Gläubiger oder auch als Agnostiker, das ist ganz gleich. Der Tod ist sowieso konfessionslos und bietet so viel Stoff, da ist für jeden etwas dabei. Wie zum Beispiel ein Film über das sowieso recht brisante und streitbare Thema der Sterbehilfe.

Die gibt’s bei uns nicht, das ist klar. Die gibt’s in der Schweiz, soweit ich weiß. Sterbehilfe ist hierzulande immer noch Mord, egal wie schlecht es dem oder der zu Sterbenden geht. Das eigene Recht auf den Freitod könnte ein Grundrecht sein, könnte Freiheit bis zum Ende bedeuten. Das hat schon Richard Dreyfus in Ist das nicht mein Leben zu Tränen rührend eingefordert. Javier Bardem wollte als vollständig gelähmter Seemann in Das Meer in mir auch nicht mehr weiterleben. Bedürfnisse, die nichts für Zwischendurch sind, und für die man sich erst sammeln muss, um sich das Elementarste im Leben als Fallbeispiel zu Gemüte führen zu wollen. Das schwedisch-britische Sterbedrama Euphoria von Autorenfilmerin Lisa Langseth packt die ganze Thematik in einen abendlichternen Ausflug durchs schwedische Grün eines späten Sommers. Und lässt dabei zwei Schwestern nach langer Abstinenz aufeinander treffen, die sich vieles zu sagen hätten, aber nichts mehr voneinander wissen oder auch wissen wollen. Bis die eine draufkommt, dass die andere todkrank ist – und an einem ominösen Ort der Ruhe inmitten nordischer Wälder nach eigenem Ermessen und nach eigener Bestimmung das Zeitliche segnen will. Wie jetzt? Gerade mal wieder gefunden, schon winkt der Exitus? Alicia Vikander, die eine mäßig erfolgreiche Künstlerin gibt, muss diese vollendeten Tatsachen, vor die sie gestellt wird, erst verdauen. Eva Green, unheilbar an Krebs erkrankt, ist sich ihrer Sache sehr sicher, und versteht die ganze Entrüstung nicht. Erinnerungen von damals poppen auf, das Leid einer Familie von früher wird zur Prüfung beider Seelen, die mit Vorurteilen und Beschuldigungen nur so um sich schmeißen und erst mal lernen müssen, wie gute Kommunikation im Selbsthilfe-Rest einer Familie überhaupt funktioniert.

Der ganze Film erinnert an die existenzialistischen, melancholisch-düsteren Werke, vor allem Spätwerke eines Ingmar Bergmann. Schach mit dem Tod wird hier zwar nicht gespielt, aber das Flanieren im Vorhof zum Paradies wird zur romantischen Akklimatisierung auf das Jenseits. Wenn all die Freitod-Touristen hier durch íhr letztes bisschen Leben schlendern, wenn „Tywin Lennister“ Charles Dance noch einmal groß die Sau rauslässt, ganz im Stile von Klaus Maria Brandauer aus Jedermanns Fest, dann ist die Todessehnsucht keine geringe. Dann wird Euphoria zu einem Märchen für Mieselsüchtige, die ihre letzte Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod verwetten. Oder die letzteres gar nicht brauchen, weil die Stille, die folgt, vielleicht das Erholsamste ist, was man sich vorstellen kann. Charlotte Rampling gibt das Mädchen für alles, was das Klientel der Übergänger noch benötigt. Vom üppigen Frühstück bis zum Glockenläuten, der den nächsten Dead Man Walk für Freiwillige ankündigt.

Euphoria ist trotz seines tröstenden, morbiden Ambientes, trotz seiner Waldesruh in Thomas Mann´scher Manier, in welcher der Tod sein Tässchen Tee trinkt, ein unerquicklich trister Film. Eva Green will partout nicht mehr leiden müssen, und Vikander leidet wegen ihrer Versäumnisse aus frühen Jahren. Das Ganze ist schon sehr viel Kümmernis, sehr viel Selbstmitleid, aber mit kaum Mitleid für die, die sich dem Ende stellen. Letzten Endes werden es nicht alle tun, denn das Leben hat für manche noch die Reboot-Taste parat. Für viele aber ist es der letzte Gang – womit wir wieder bei der Karwoche wären, die Freitags entlang der Via Dolorosa in Richtung Zukunft marschiert. Die Euphorie kommt erst 3 Tage später, wie wir wissen – in Langseths Film eigentlich gar nicht.

Euphoria

Der Stadtneurotiker

DIE KATASTROPHE DER ZWEISAMKEIT

7/10

 

stadtneurotiker© 1977 United Artists

 

ORIGINAL: ANNIE HALL

LAND: USA 1977

REGIE: WOODY ALLEN

CAST: WOODY ALLEN, DIANE KEATON, TONY ROBERTS, CAROL KANE, SHELLEY DUVALL, CHRISTOPHER WALKEN U. A.

 

Anlässlich des neuesten Films von Woody Allen – A Rainy Day in New York – war es mal an der Zeit, einen seiner größten Erfolge unter die Lupe zu nehmen. Seinen Stadtneurotiker, oder im Original Annie Hall, denn den kannte ich bis dato noch nicht. Lücken aus der Filmgeschichte wollen obendrein geschlossen werden, also her mit den Neurosen, die sich der schmächtige Brillenträger so gerne an den Leib schreibt, und die natürlich autobiografisch sind, so wie (fast) alle seine Filme, die er jemals inszeniert hat. Aus seiner Haut kann der mittlerweile 84 Jahre alte Filmer auch nicht, konnte er nie und wird er nie können, also sind seine Alter Egos, seine männlichen Filmfiguren, alle irgendwie er selbst. Sie denken wie er und sie handeln wie er – sie sprechen sogar wie er. Und trotzdem oder gerade deshalb: diese Selbstbetrachtungen, dieses ironisch-selbstironische Herumgezappel, diese Kapitulation vor dem gesellschaftlichen Sumpf aufgedonnerter Egomanen – die sind scheinbar bis in alle Ewigkeit sehens- und hörenswert. Und es wird ordentlich etwas fehlen, wenn Allens Senf, den er der Welt des Films hinzugibt, sich nicht mehr aus der Tube drücken lässt. So richtig angefangen hat nämlich alles mit eben diesem Stadtneurotiker, diesem Alvy Singer, einem Komödianten und Schreiberling (wenig überraschend), der beim Tennis mit einem Freund besagte Annie Hall kennen lernt, gespielt von einer blutjungen Diane Keaton in adrettem Siebziger-Look. Die beiden fühlen sich zueinander hingezogen, auf verkopfte Art, das ist natürlich kein Geheimnis. Und es wäre eine herkömmliche Romanzet, würde der Film genau davon handeln, um dieses Kennen- und Liebenlernen. Dabei ist das hier nur der Anfang. Interessant wird es erst, wenn Alvy Singers Neurosen den Beziehungsalltag dominieren, Annie dabei zwischen den Stühlen sitzt und alsbald ihre eigene Ego-Dominanz ins Feld führt.

Dieses Beziehungs-Auf-und-Ab ist legendär. Mehr ist es nicht, es ist ein Kommen und Gehen, ein Annähern und Entfernen, ein Stolpern über den eigenen Narzissmus, über die eigenen haushohen Bedürfnisse und den eigenen Geltungsdrang. Ein Klassiker, wie er im Drehbuch eines Komikers steht, der über alles und nichts herzieht, alles anzweifelt und im Grunde in feinster intellektueller Manier als zwar berühmter, aber innerlich brotloser Künstler das Lebensglück herbeijammert, um dann wieder in Panik zu geraten. Es ist die Panik vor einem möglichen, ausweglosen Dilemma, das als selbsterfüllende Prophezeiung den kleinen Schreibmaschinenvirtuosen erst dann wieder erden kann, wenn er sich in seinen gefürchteten Katastrophen wieder findet. Beantwortet werden die aber meist mit humorvollen Anekdoten und Witzen, und dieser Humor rettet Woody Allen im übertragenen Sinn fast schon das Leben – nicht aber zwingend die Beziehung. Der Stadtneurotiker ist natürlich auch im Kontext seiner Zeit zu sehen, in den Umbrüchen der Siebziger, dem Veröffentlichen der eigenen dysfunktionalen Zweisamkeit, mit der sich Leute wie Alvy Singer und Annie Hall aber seltsamerweise oder völlig absichtlich wichtig vorkommen wollen. Als etwas Besonderes, weil die Differenzen untereinander das Resultat eines grundehrlichen Umgangs mit den Erwartungen sein kann. Und womöglich auch ist.

Das Hinausposaunen fehlerhafter intimer Harmonie liegt beim Stadtneurotiker im Trend, oder setzt ihn erst, als neue, charmant überhebliche Mode der belesenen Elite. Das macht natürlich Spaß, dem zuzusehen. Doch die Zeit, die hat der Film nicht ganz überdauert. Mittlerweile können Beziehungen im Film schon mal ganz anders sein, sind radikaler und destruktiver. Was Allen noch mit den Handschuhen eines Conferenciers befummelt, landet mittlerweile auf dem Seziertisch. So hat es der New Yorker Klarinettenspieler nicht gewollt, so will er es heute nicht, denn er ist immer noch ein melodiebewusster Erzähler moralischer Boulevardkompositionen, wie ein George Gershwin in Bildern. Und so betrachtet darf Der Stadtneurotiker wie ein Musikstück wahrgenommen werden, als Teil seiner Zeit und als wortgewandte Diagnose eines Beziehungsmusters mit dem vor Alltagspanik wild klopfendem Herzen am rechten Fleck.

Der Stadtneurotiker

Beale Street

AMERIKAS VERKAPPTE APARTHEID

6/10

 

IBSCT_13452_R© 2018 Annapurna Pictures

 

ORIGINALTITEL: IF BEALE STREET COULD TALK

LAND: USA 2018

REGIE: BARRY JENKINS

CAST: STEPHEN JAMES, KIKI LAYNE, REGINA KING, COLMAN DOMINGO, BRIAN TYREE HENRY, DIEGO LUNA, PEDRO PASCAL U. A.

 

„Jeder in Amerika geborene Schwarze ist in der Beale Street geboren. Die Beale Street ist unser Erbe. Dieser Roman handelt von der Unmöglichkeit und von der Möglichkeit, von der absoluten Notwendigkeit, diesem Erbe Ausdruck zu geben. Die Beale Street ist eine laute Straße. Es bleibt dem Leser überlassen, aus dem Schlagen der Trommeln den Sinn herauszuhören.“ Mit diesen Textzeilen beginnt Barry Jenkins neuer Film nach dem Roman des 1987 verstorbenen Romanciers James Baldwin. Und erklärt auch, warum Beale Street, obwohl es die Straße in New Orleans tatsächlich gibt und als Wiege des Jazz gilt, weniger ein tatsächlicher, zu besuchender Ort ist als viel mehr ein Synonym für einen allumfassenden gemeinsamen Nenner, der die schwarze Bevölkerung Nordamerikas vereint. Wenn die Beale Street also reden könnte, so wie der Filmtitel im Original konjunktiviert, so könnte sie einiges erzählen. Über Verschleppung, Sklaverei, Menschenrechtsverletzungen, Diskriminierung, Rassismus. Und über die Ohnmacht gegenüber der Machtwillkür einer Justiz, die eine eigene Form Apartheid schafft, nämlich die der gesetzlichen Versklavung fahrlässig Verurteilter.

Zwischen die Mahlsteine einer solchen Justiz gerät das Liebespaar Tish und Fonny. Der Holzkünstler Fonny nämlich, der wird beschuldigt, eine Puerto-Ricanerin vergewaltigt zu haben. Das Opfer scheint ihn identifiziert zu haben, doch klare Indizien sprechen dagegen. Die will aber keiner hören, und auch das mittlerweile in die Heimat verschwundene Opfer lässt nicht mit sich reden. Es sieht nicht gut aus für die beiden. Zum Glück hat die schwangere Tish einen Engel von Mutter, die alles daransetzt, ihren Schwiegersohn in spe freizubekommen. Diese stolze Matriarchin verkörpert Regina King, die auch prompt für Ihren Auftritt sowohl den Golden Globe als auch den Oscar abstauben konnte. Nun, ich muss sagen: Das sehr wohl zurecht. King stattet ihren Charakter der Sharon Rivers mit jeder Menge kämpferischem Gerechtigkeitssinn aus, wobei sie natürlich immer mal wieder an ihre Grenzen stößt, und so ihre Figur glaubhaft zweifeln, resignieren und erneut an die Sache glauben lässt. Das macht sie mit leisen Tönen, mit der zehrenden Liebe einer Mutter. KiKi Layne und Stephen James sind schauspielerisch aber auch nicht zu verachten, wobei KiKi Layne in erster Linie für die bezauberndsten, schönsten und malerischsten Takes verantwortlich ist, die Beale Street teilweise wie eine akkurat kolorierte Graphic Novel erscheinen lassen. Laynes Blicke sind tief, erzählen von Sehnsucht, innerer Kraft und Ohnmacht gleichermaßen. Ein Gesicht, dass die unruhigen Züge einer (un)beugsamen Gesellschaft trägt. Barry Jenkins, dessen oszillierendes, brillantes Meisterwerk Moonlight den Oscar als besten Film 2017 gewonnen hat, gibt sich auch diesmal wieder einer narrativen Melancholie hin, die wie ein wohlformulierter Roman in erlesenen Bildern zu erfassen ist. Das ist durchwegs wirklich schön anzusehen, mitsamt all der Ausstattung und der vorwiegend in Grüntönen gehaltenen, geschmackvollen Mode der konservativen 70er.

Was aus Beale Street aber letztendlich geworden ist, lässt sich als Lovestory in Rückblenden bezeichnen. Wie James Baldwin seinen Roman angelegt hat, kann ich mangels Lektüre leider nicht beurteilen, allerdings scheint es mir, dass der Justizskandal rund um Fonny dort wohl eher im Vordergrund steht als die Geschichte einer bedingungslosen Beziehung. Im Film ist es genau umgekehrt. Da ist die Liebe alles, sie wird auch des Öfteren bekundet, und zwar so richtig im sentimentalen Weichzeichner-Stil. Da entgleitet Barry Jenkins sein Film ab und an ins Schwülstige, ins schön anzusehende Schwülstige, und vom Justizdrama selbst bleiben die peripheren Bemühungen von Übermama Regina King. Das Thema „Grundlos hinter Gittern“ lässt sich aber auch mit viel mehr Schmerz, mit viel mehr Klage hinausschreien, wie 1994 in Jim Sheridans IRA-Drama Im Namen des Vaters. In Beale Street, der längst nicht so energisch menschliche Grundrechte verfechtet, weicht die Verzweiflung sehr schnell einer hingenommenen Ohnmacht, einer resignierenden Kleinheit, die aber vielleicht deswegen diese Ungerechtigkeit so aushalten kann, weil die Liebe so ungefähr über allem steht. Und auch all die Jahrzehnte hinter Gitter anscheinend aussitzen kann.

Beale Street

Yesterday

MUSIK VON GESTERN FÜR MORGEN

5/10

 

Yesterday© 2019 Universal Pictures Germany

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: DANNY BOYLE

CAST: HIMESH PATEL, LILY JAMES, KATE MCKINNON, ED SHEERAN, ROBERT CARLYLE U. A.

 

Danny Boyle ist vielseitig, zweifelsohne. Vor allem in der Wahl seiner Filmthemen. Die reichen vom Zombiehorror über Drogenkonsum bis hin zum fiktiven Märchen über einen Inder, der die Millionenfrage knackt. Im Vorhinein lässt sich seine nächste Wahl wohl schwer prognostizieren, das muss etwas sein, dass dem Briten einfach in die Hände fällt – und fasziniert. Oder etwas, das ihm während einer künstlerischen Pause in den Sinn kommt. Vielleicht sind es aber auch schlaflose Nächte, in der so Ideen wie zum Beispiel für einen Film wie Yesterday reifen können. Und zugegeben – dieser Einfall ist nicht irgendeiner, der hat schon wirklich seinen Reiz, vor allem die Sache mit dem Weglassen popkultureller Institutionen, ganz einfach von heute auf Morgen. Schuld daran: ein globaler Stromausfall. Zeitgleich damit kommt der Engländer Jack Malick mit seinem Fahrrad einem Bus in die Quere. Seltsame Zufälle, die sich da ereignen, und seltsam auch, dass die Welt von nun an nicht mehr weiß, wer The Beatles sind. Ist das alles? Nein, sie wissen auch sonst so einiges nicht mehr. Was genau, bleibt hier geheim. Lässt sich diese Raum-Zeit-Anomalie aber irgendwie erklären? Nicht wirklich, Drehbuchautor Richard Curtis, der für Filme wie Tatsächlich… Liebe und Alles eine Frage der Zeit (übrigens großartig!) verantwortlich zeichnet, hat das auch nicht vor. Was, wenn sich zwei Universen überlappt haben, so wie in Another Earth oder sogar in Avengers: Endgame, ganz im Sinne der Multiversum-Theorie? Hat Jack Malick die Dimensionen gewechselt? Halt, Stop! Yesterday ist kein Science-Fiction Film, ist keine Fantasy, es geht Danny Boyle um etwas ganz anderes. Dazu dienen nun mal die absurden Fakten, so wie sie sind. Boyle geht es um die Frage: Was, wenn kulturelle Werte verschwinden? Wenn die eine oder andere Musik nicht mehr erklingt? Wenn nicht mal Wikipedia dafür garantiert, das wohlklingende Erbe einer Beat-Boyband zu erhalten? Wenn es nur mehr einen Menschen auf dieser Erde gibt, der weiß, was gestern noch war? Hat er die Pflicht, das Wissen zu teilen? Ein Kassandra-Komplex, nur in die andere Richtung. In ein Yesterday, das es, wie es scheint, eigentlich nie gegeben hat.

Himesh Patel spielt also diesen Jack Malick, der zu seinem eigenen Glück all die Lyrics der Beatles noch im Oberstübchen hat, mit einigen Abstrichen wohlgemerkt. Eleanor Rigby zum Beispiel will ihm einfach nicht in den Sinn kommen. Patel aber tut sich sichtlich schwer, mit seiner Rolle des erfolglosen Musikers warm zu werden. Und so schwer, wie er sich damit tut, tue ich mir auch mit ihm. Lily James hingegen ist so bezaubernd wie immer; gut, dass sie die zweite Hauptrolle hat, denn ohne den Spirit einer Mathelehrerin, die nebenbei ihren besten Freund managt, wäre das Beatles-Sprachrohr in seiner phlegmatischen Resignation dem Leben gegenüber nicht halb so interessant wie Oscar Isaac seinerzeit in der Loser-Komödie Inside Llewyn Davis. Llewyn Davis hatte dazu noch nicht mal die Beatles. Und wer das Œuvre einer der besten Bands aller Zeiten in petto weiß, darf Gott einen guten Mann sein lassen, sofern die Musik der Pilzköpfe die Jahrzehnte überdauert hat und nicht etwa aus der Zeit gefallen klingt. Das tut sie nicht. Die Beatles, das steht fest, sind zeitlos, ihre Musik kann man in 200 Jahren noch hören, ihre Songs lassen sich unterschiedlich interpretieren, weil die Melodien einfach unkaputtbar sind. Da kann drübersingen, wer will. Noch dazu sind es positive Vibes, die sich in Zeiten wie diesen rar machen und umso wertvoller sind, wenn man sie verspürt.

Diese Vibes, die hat Yesterday neben Lily Collins und der komödiantisch hochbegabten Kate McKinnon selbstredend auch in Sachen Soundtrack zu bieten. Wenn Help! oder Here comes the Sun erklingen, ist das natürlich toll, und der Kinosessel wippt vor allem bei Nummern wie A Hard Days Night. Doch funktioniert Yesterday auch ohne all der Noten? Nur bedingt. Was eine augenzwinkernd gesellschaftskritische Parabel auf das popkulturelle Erbe der Menschheit hätte sein können, verspielt seine Chance, etwas wirklich Außergewöhnliches zu erzählen. Etwas, das mit dem Musikbiz abrechnen, das kollektive Gedächtnis hinterfragen und der Bedeutung von Musik als Welterbe nachgehen hätte können. Stattdessen flüchtet sich die joviale Komödie scheinbar ratlos in eine allzu gewollte Romanze, die ich natürlich schon in Ansätzen, aber nicht hauptsächlich sehen will – in einem Film, in dem es eigentlich um etwas ganz anderes gehen sollte. Boyle huldigt natürlich den Beatles auf direkt rührende, um nicht zu sagen transzendente Art, fast wie bei einem Fanfilm. Sonst aber tendiert der überlange Streifen, der zwischendurch ordentlichen Leerlauf hat, zu einem Du-gehörst-zu-mir-Kitsch der redundanten Art, die dem ideenreichen Spirit eines Songwritings, wie ihn McCartney, Lennon und Co hatten, oft nicht gerecht wird. Und Ed Sheeran? Wir können froh sein, dass er Musiker ist. Schauspieler muss – und kann er gottlob nicht auch noch sein, auch wenn er mit diesem Film sein neues Album promotet.

Yesterday

Train to Busan

WEGEN ERKRANKUNG EINES FAHRGASTES …

7,5/10

 

train_to_busan© 2016 Splendid

 

LAND: SÜDKOREA 2016

REGIE: YEON SANG-HO 

MIT GONG YOO, KIM SOO-AN, YUMI JUNG U. A.

 

Wenn Chris Lohner, die Stimme der Österreichischen Bundesbahnen, nur mehr schwer zu verstehen ist, die Schnellbahn an geplanten Stationen nicht mehr hält und Fahrgäste wie vom wilden Affen gebissen gezielt in eine Richtung strömen, dann hat das weniger etwas mit defekten Türen zu tun, sondern vielmehr mit einer Zombie-Epidemie. Meist erklingt dann noch die Meldung, dass den unregelmäßigen Zugsfolgen die Erkrankung eines Fahrgastes zugrunde liegt. Das ist natürlich ein ausschweifender Euphemismus. Was heißt ein Fahrgast – viele! Außerdem: Seuchen wie diese hier im koreanischen Katastrophenhorror breiten sich rasend schnell aus. Da braucht ein Besessener nur mit dem langen Fingernagel zu kratzen – schon verfällt der nächste Mensch dem Wahnsinn. Wobei so ein Szenario im Kino ausgetretenen Pfaden folgt. Zombie-Filme wiederholen sich. Längst sind es keine Friedhofsflüchtlinge mehr, sondern anlässlich biochemischer Experimentierfreudigkeit in den hochfinanzierten Laboren dieser Welt darf der tumbe Untote nun als Opfer nachhaltiger Fehlzündungen fungieren. Die Symptome sind meist dieselben – milchige Augen, dunkle Adern, unstillbare Gier nicht mal nach Blut, sondern viel mehr danach, den Nächstbesten zu beißen. Das zeugt von einem intelligenten, aggressiven Biostoff, der den Menschen als Wirt benutzt, um sich auszubreiten.

Auch nichts Neues, das habe ich unlängst ebenso in dem Netflix-Zombiedrama Cargo gesehen. Da streunt Martin Freeman mit Tochter im Schlepptau durch den Busch. Der Südkoreaner Yeon Sang-ho setzt seine Protagonisten ebenfalls in Bewegung, allerdings setzt er sie in einen Zug von Seoul nach Busan. Kurz vor der Abfahrt aus der Hauptstadt torkelt ein infiziertes Mädchen in eine der Waggons – und das Unglück nimmt seinen Lauf.

Ein Zombie-Szenario in die Enge eines Zuges zu verfrachten – das hat was. Und Sang-ho nimmt sich der Neuordnung des Szenarios in blutdrucksteigerndem Timing dankbar an. Dabei erinnert Train to Busan an Marc Forster´s Film-Pandemie World War Z und könnte sogar zur selben Zeit im selben Universum spielen. Da ich die Vorlage zum Film mit Brad Pitt nicht kenne, kann ich getrost sagen, dass mir die verfilmte Chronik der Apokalypse ziemlich gut gefallen hat. Vor allem deswegen, weil World War Z genauso wie Train to Busan sich nur mehr bedingt auf den plakativen Effekt blutverschmierten Zähnefletschens verlässt. Vielmehr ist der koreanische Film großes, emotionales Kino, gleichzeitig natürlich auch ein Nägelbeißer von einem Thriller, weil sich Papa Seok-woo und Tochter Su-an immer wieder in scheinbar ausweglosen Situationen wiederfinden, gemeinsam mit anderen überlebenswilligen Individuen, die sich notgedrungen zusammenraufen müssen und von einer Sekunde auf die andere neu improvisieren müssen.

Das liebe ich am Kino Südkoreas – das es andere Sichtweisen auf altbekannte Genres zulässt, dass es Stile mixt und sich keinen vorgefertigten Dogmen unterwirft. Train to Busan ist sowohl fesselnd als auch unglaublich traurig. Die Melancholie des Abschieds, die Erkenntnis, gebissen und verdammt worden zu sein, die instinktgesteuerte Leere der verlorenen Kreaturen – all diese Wehmut vor dem Untergang entfesselt ein berührendes, spannendes Drama weit jenseits des nackten Horrors. Als würde der Zug, dem man verzweifelt hinterherläuft, auf ewig der letzte sein.

Train to Busan