High Life

STERNENKIND IM ERSTVERSUCH

7,5/10

 

highlife© 2019 Pandora Film GmbH & Verleih KG

 

LAND: FRANKREICH, DEUTSCHLAND, GROSSBRITANNIEN, POLEN 2018

REGIE: CLAIRE DENIS

CAST: ROBERT PATTINSON, JULIETTE BINOCHE, MIA GOTH, LARS EIDINGER, ANDRÉ BENJAMIN U. A. 

 

In meinem absoluten Lieblingsfilm, nämlich 2001 – Odyssee im Weltraum von Stanley Kubrick, da schwebt das Sternenkind fast schon so wie Major Tom über allen Dingen, scheint ganz plötzlich das Geheimnis hinter seiner Existenz erkannt zu haben, bildet eine Einheit mit dem Universum. Blickt dorthin zurück auf den Moment, in dem die Naturgesetze entstanden sind, und mit den Naturgesetzen auch die Möglichkeit, ein Wesen wie den Menschen zu ermöglichen. Beruhigend, dieses Einheitsdenken. Dass wir nicht verloren sind, sondern Teil des Ganzen. In High Life, einem Science Fiction-Film der vollkommen anderen Art, ist das Bewusstsein, Teil des Universums zu sein, ein verlorenes. Ganz so wie die Charaktere, die sich auf einer einsamen Mission ohne Rückfahrticket befinden, raus aus unserem Sonnensystem in Richtung eines kleinen schwarzen Lochs, dessen Erkundung aber nur die Bonusaufgabe sein soll. Die eigentliche Aufgabe ist die, jenseits von Terra neues Leben auf die Welt zu bringen.

Dabei hat sich zu dieser Aufgabe einzig und allein Wissenschaftlerin Juliette Binoche verpflichtet, genauso eine Straftäterin wie alle anderen auf diesem Schiff, aber zumindest mit genetischem Know-How ausgestattet. Was man von den anderen nicht sagen kann. Also werden die anderen dazu herangezogen, als Versuchskaninchen zu fungieren: als Samenspender und Gebärmutter. Für jene, die es nötig haben, hat dieses Raumschiff so was wie ein Sexzimmer, die so genannte Fuck Box. Dort kann Mann und Frau ihren Gelüsten frönen, ohne unbedingt einen Koitus mit einem Mitinsassen vollziehen zu müssen. Die Besatzung ist schließlich lange unterwegs, so lange wie einst Bruce Dern in Douglas Trumbulls Lautlos im Weltraum, um das bisschen Leben zu retten, was vom Planeten Erde übrig geblieben war. In High Life ist es die Reproduktion des Menschen um jeden Preis. Da ist es egal, wer wen begehrt, welche Sehnsüchte jemand hegt oder welche pathologischen Erscheinungen sonst noch existieren. Claire Denis eigenwilliger Beitrag zur humanphilosophischen Science Fiction reiht sich an die Mindfuck-Meditationen russischer Utopien, hat von Vorbildern wie Solaris oder Arthur C. Clarks Epen gelernt – und doch etwas völlig Eigenständiges entwickelt, einen völlig autarken Beitrag dazu geleistet, wenn es darum geht, die Relevanz des Menschseins im Universum zu betrachten. Dabei ist das Universum im Grunde eine Zigarettenschachtel, ein quaderförmiger Klotz, der im Nichts treibt, und darin spielt sich alles ab, vor allem die Zukunft der menschlichen Rasse und all die Ohnmacht dem eigenen kleinen Schicksal, der eigenen kleinen Reue gegenüber, die man angesichts einer Mission empfindet, die den Horizont erweitern könnte.

High Life ist moderne Kunst, ein photographisches Vexierspiel wie die Filme eines Tom Ford oder Michelangelo Antonioni. Die Odyssee zwischen artifizieller Installation, Avantgardismus und akkuratem Model-Shooting hat etwas Betörendes, vor allem dadurch, weil Denis Dissonanzen ins filmische Tempo bringt. Einmal elegisch, dann durchbrochen von Eruptionen heftiger Gewalt. Dazwischen das Physische, der menschliche Körper als poröses Gefäß, das Spuren hinterlässt, vom Samen bis zur Muttermilch. High Life ist daher auch überhaupt kein gefälliger Film, mitunter durchaus prätentiös und keinesfalls zögerlich in seiner Herausforderung an ein kunstbeflissenes Publikum. In Summe aber hat die Reise ohne Wiederkehr in all seinen Irritationen auch etwas sehr Schönes als Ziel, nach welchem zumindest Robert Pattinsons Charakter zu streben versucht. Er als einziger, der allem entsagt, ein Mönch unter Berserkern. Seine nüchterne, schlichte Figur interpretiert er mit Wohlwollen. Neben ihm machen sowohl Model Mia Goth als eine Art Auserwählte als auch Lars Eidinger (überraschend, ihn hier zu sehen) eine gute Leidensfigur.

Der Mensch ist kein Sternenkind, zumindest nicht jener, der von der Erde kommt, so die Conclusio. Mit Terra haben wir genug zu tun. Trotzdem aber lässt Claire Denis die Möglichkeit, dabei einem Irrtum zu erliegen, zumindest offen.

High Life

Light of my Life

DIE PANIK DES ERLKÖNIGS

6/10

 

lightofmylife© 2019 Universum Film

 

LAND: USA 2019

DREHBUCH UND REGIE: CASEY AFFLECK

CAST: CASEY AFFLECK, ANNA PNIOWSKY, ELISABETH MOSS, TOM BOWER U. A.

 

Ich schätze, wir alle kennen diese Song von James Brown: It´s a Man’s Man’s Man’s World. Aber das ist noch längst nicht alles. It´s a Man’s Man’s Man’s World, schon klar. But It wouldn’t be nothing, nothing without a woman or a Girl. James Browns erschreckende Was wäre wenn-Vision gibt´s im Grunde jetzt auch als Film. Oscar-Preisträger Casey Affleck (tieftraurig in Manchester by the Sea) erzählt in seiner selbst verfassten Dystopie von einer alternativen Gegenwart, in der ein Virus fast die gesamte weibliche Bevölkerung dahingerafft hat. Viel zeit bleibt Homo sapiens jetzt nicht mehr, um auszusterben. Angesichts der aktuellen Corona-Pandemie wirkt Light of my Life umso unbequemer. Bei so einem Worst Case-Szenario scheint Corona das weitaus kleinere Übel zu sein, selbst wenn man die Gefahr potenziert. Eine Spezies, die sich nicht mehr fortpflanzen kann, ist eine gescheiterte Spezies. In Children of Men sterben die Frauen zwar nicht weg, dennoch: Fruchtbarkeit ist gut, aber aus. Ein ähnliches Damoklesschwert lässt Affleck in seinem Film allerdings mehr hinter wolkenverhangenem, grellem Softbox-Himmel kreisen, so richtig wahrhaben will es in seinem Film eigentlich niemand. Dabei unterwegs durch ein tristes, herbstlich kaltes und nasses Szenario aus moosbewachsenen, düsteren Wäldern und leerstehenden Gemäuern: ein Vater mit seinem Kind. Zwei wie aus der Ballade des Erlkönigs, nur nicht zu Pferde, und wohl im Arm hält er nicht den Knaben, sondern ein Mädchen, allerdings schon älter. Eine der letzten ihrer Art – und in höchster Gefahr. Denn die Man´s World, die will um alles in der Welt nicht von der Bildfläche unseres Planeten verschwinden, und sammelt sie ein, die menschlichen Wesen mit den Doppel-X-Chromosomen, in schierer Panik, und mit entmenschlichter Bosheit. Das weiß Papa Casey Affleck, und so tarnt er seine Tochter als Jungen, was meistens auch funktioniert. Manchmal aber auch nicht, denn Tochter Rag ist auffällig jung – zu jung, um nach der Pandemie noch auf die Welt gekommen zu sein.

Der Erlkönig ist also hinter beiden her, durch dichtes Grün und bis hinauf in die verschneite Wildnis. So weit weg von der Zivilisation kann man gar nicht sein, um sich in Sicherheit zu wiegen. Der Mensch ist wieder mal des Menschen Wolf. Affleck allerdings hält sich in seiner Vision nicht mit schockierenden Szenen auf, er lässt bis auf ein paar Ausnahmen die Bedrohung wie Hintergrundszenen aus einem Home-Invasion-Thriller über die beiden Flüchtenden hereinbrechen, die aber Dank des vorausschauenden Dads stets einen Plan B in petto haben. Dieser Dad, der kann auch jede Menge Geschichten erzählen. Was vielleicht manchmal etwas ermüdet. So startet seine Regiearbeit mit einer rund zehnminütigen Gutenachtgeschichte, und einer recht statischen Kamera, die dem Erzählten zuhört. Ein bisschen zu lange, für meinen Geschmack, Und ja, es geht um die Arche Noah, und ja, er interpretiert den Mythos anders, sodass er sich irgendwie mit den tatsächlichen Geschehnissen vereinbaren lässt. Immer wieder hängt Light of my Life etwas durch. Die Balance zwischen Bedrohung, Spannung, Survivaldrama und stillen Szenen scheint manchmal zu kippen. Casey Affleck spielt sehr souverän, auch Töchterchen Anna Pniowsky weiß ihrer Rolle das richtige Quantum an kindlicher Neugier und Sinn für Selbstverantwortung abzugewinnen. Affleck aber sieht sich sehr gerne in der Rolle des philosophierenden und desillusionierenden Endzeit-Poeten, was vielleicht in manchen Szenen über die Stränge schlägt und eine gewisse Langatmigkeit und Redundanz erzeugt. Das Ende wiederum gelingt ihm furios, da geht es wirklich um alles, und dann lohnt es sich auch, die beiden ziellos Umherwandernden auf einem Stückchen ihrer Mission zu begleiten, die da heißt: Überleben, in einer gleichzeitig frauenfeindlichen und nach Frauen gierenden Welt, wo das männliche Geschlecht großteils aus einem zomboiden und charakterlosen Proletariat besteht, das sich ohne Nachwuchs letzten Endes selbst tilgt. Ohne Frauen und Mädchen sind wir nichts, so die Prämisse. Genau das sagt James Brown. Und auch dieser Film.

Light of my Life

I Am Mother

DIE ZUKUNFT MEINT ES GUT

7/10

 

IAmMother© 2019 Concorde Filmverleih

 

LAND: AUSTRALIEN 2019

REGIE: GRANT SPUTORE

CAST: CLARA RUGAARD, HILARY SWANK, LUKE HAWKER, ROSE BYRNE (STIMME) U. A.

 

Was wurde eigentlich aus Neill Blomkamp? Seit Chappie habe ich nichts mehr von ihm gehört, ich weiß nur, dass er mit den Oats Studios so eine Art Talentschmiede betreibt, in der dystopisch-technologische Kurzfilme auf Langfilmtauglichkeit getestet werden. Jetzt gibt es da so einen Film, der bei uns im Gegensatz zu unseren deutschen Nachbarn von den Lichtspielhäusern verschmäht wurde und sich ungefähr so anfühlt, als hätte ihn eben Neill Blomkamp inszeniert oder zumindest produziert. Diese streng komponierte Science Fiction nennt sich I Am Mother, ist aber australischen Ursprungs. Der Android, der da eine wesentliche Rolle spielt, der erinnert schon sehr an diesen Chappie, hat aber eine komplett andere Funktion. Dieser Android hier, der übernimmt die Rolle einer Mutter. Und zwar in Zeiten, die für den Homo sapiens alles andere als rosig sind, in denen Homo sapiens eigentlich gar nicht mehr existiert, weil er sich im Rahmen eines nicht näher beleuchteten Krieges selbst von der Landkarte getilgt hat. Irgendwo in der postapokalyptischen Ödnis gibt es aber sowas ähnliches wie ein Safe House für unzählige menschlicher Embryonen, die quasi als Backup dienen sollen, wenn’s mal wirklich ans humane Reinemachen geht. Entstehen soll mit diesen in Kühlkästen aufbewahrten Menschlingen ein besserer Mensch. Und Mutter, der Roboter, sorgt dafür.

Werbefilmprofi Grant Sputore erwähnt in seinem Regiedebüt jenen Aspekt auf eine technologisierte Zukunft, die das Franchise rund um Skynet und den Terminator nie aufgegriffen hat. In James Camerons finsterer Zukunft sind die Maschinen darauf aus, den Menschen zu unterdrücken. In I Am Mother sind sie darauf aus, dem Menschen ein neues Reset zu verpassen, aber erst, wenn der denkende Organismus perfekt genug ist – aus Sicht der Maschinen. Das weiß aber die namenslose junge Tochter noch längst nicht. Bislang kennt sie nichts anderes, nur die Maschine als ihre Bezugsperson. Für das Graugansküken war Konrad Lorenz schließlich genauso selbstverständlich, und ungefähr so lässt sich das vergleichen. Was den atmosphärischen Thriller dann erst so richtig in Fahrt bringt, ist der Irrtum, dass jenseits dieser trauten Bunker-Wohnung keine Menschenseele mehr existiert. Dem ist natürlich nicht so. Hilary Swank bricht in die idyllische Zweisamkeit aus Lernen, Prüfen und das tägliche Bekenntnis an eine fehlerlose Erziehung mit aggressivem Einfluss auf die pubertierende Tochter, die die Rolle der Mutter und den Sinn des Ganzen dann doch zu hinterfragen beginnt.

Hilary Swank wäre eine souveräne Alternative für die Rolle der Sarah Connor gewesen, zweifelsohne. Sie spielt die nach Überleben ringende Recht- und Gesetzlose mit der fürs Actionkino willkommenen Mischung aus Aufmüpfigkeit und Angst. Mutter, der Roboter, gesprochen von Rose Byrne (!) und bewegt von einem Mann, weckt mit ihrem zyklopenhaften Kameraauge Assoziationen zu Kubricks HAL 2000, wohl auch, weil dem mörderischen Computer mit seiner sanften Diplomatenstimme das Wohl eines höheren Planes näher war als die Zukunft einer technisch-organischen Partnerschaft. Sputore gelingt aber im letzten Drittel ein humanphilosophischer Kniff: er verdreht die wirklichen Ambitionen eines rationalen Computerhirns, wendet vielleicht gar Asimovs Robotergesetze an, spielt sich mit dem Steckbrief generischer Mutterschaft und fragt sich, ob Androiden nicht nur von elektrischen Schafen, sondern auch von einer glücklichen Familie träumen. Die Eckpfeiler des menschlichen Daseins bekommen in I Am Mother Haarrisse im Fundament, letztendlich aber lässt sich ein Mensch durch nichts ersetzen. Oder doch?

I Am Mother

Star Wars Episode IX: Der Aufstieg Skywalkers

WER BIN ICH, UND WENN JA WIE VIELE?

8/10

 

null© 2019 Walt Disney

 

LAND: USA 2019

REGIE: J. J. ABRAMS

CAST: DAISY RIDLEY, JOHN BOYEGA, OSCAR ISAAC, ADAM DRIVER, IAN MCDIARMID, ANTHONY DANIELS, KENNY BAKER, RICHARD E. GRANT, DOMNHALL GLEESON, BILLY DE WILLIAMS, CARRIE FISHER, MARK HAMILL HARRISON FORD U. A. 

 

Abschiednehmen ist prinzipiell keine leichte Sache. Maximal dann, wenn das, was von einem geht, entbehrlich genug ist. Der angekündigte Abschied von etwas, das am Herzen liegt, möchte man so weit wie möglich von sich wegschieben. Dieses Kino- und Serienjahr 2019, das hat uns hinsichtlich diverser Abschiede wirklich nichts erspart, wohl wissend, wie emotional so was werden kann. Erst ist das Endgame der Avengers gespielt, dann hat sich Westeros ihrer Geißeln entledigt. Zwischendurch, wem es noch bei all dem Winken aufgefallen war, hat Sheldon Cooper mit seinem Nobelpreis  ebenfalls das Ende einer Ära gesetzt. Doch wenn man es genau nimmt – keine Ära währte je so lange wie die von Star Wars. Gut, da war jede Menge Leerlauf dazwischen, so sagen wir zwischen Episode VI und I rund 25 Jahre, und dann noch mal mehr als 10 Jahre. Star Wars hat aber schon seit jeher einen langen Atem gehabt, die Luft in diesen ereignislosen Dekaden anzuhalten war für diese Filmsphären tatsächlich kein Problem. Die Sith können das übrigens auch – für lange Zeit verschwinden, um dann wie aus heiterem Himmel aus irgendeinem Eck der Galaxis zuzuschlagen. Das haben sie schon immer getan. Wer die Darth Bane-Trilogie gelesen hat, der weiß, wie diese Taktik lange noch vor den Klonkriegen funktioniert hat. Aber da schweife ich ab, denn da spricht der Star Wars-Nerd aus mir, und ich will meine Rezension auch nicht die ganze Zeit durch den Hyperraum jagen. Ich möchte den diesjährig letzten Abschied von einem phänomenalen Kult auch als Film selbst und nicht nur als sozusagen Heilige Messe für Fans betrachten. Hätte George Lucas damals nicht alles auf eine Karte gesetzt und trotz Unkenrufen von überall her seinen Weltraumfilm nicht auf Schiene gebracht, wäre erstens Star Wars nicht entstanden und zweitens würde der ins neue Jahrtausend hinübergerettete Kult nicht all die Kinder von damals so dermaßen um sich scharen, als wären Pheromone im Spiel. Da muss nur der Name Skywalker oder Darth Vader fallen, schon verschwimmt der Blick. Um mit der neuen Trilogie, egal was sie vorgehabt hat, besser klarzukommen, ist es hilfreich, auch den peripheren Stoff der Comics und Bücher bis hin zu den animierten Serien ebenfalls, wenn auch nur rudimentär, zu kennen. Denn nur dann erschließen sich so richtig all die scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten und Details, die diese weit entfernte Galaxis jenseits des Kinosaals eigentlich noch ausmachen.

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Mit Episode IX: Der Aufstieg Skywalkers bringt es J.J. Abrams nun zu einem vorläufigen Abschluss. So wie bei seinem Einstand zur letzten Trilogie 2015 orientiert sich das SciFi-Mastermind abermals an die Grundsätze von Star Wars, nämlich an der Kerntrilogie, und musste womöglich jede Sekunde daran denken, wie das, was er macht, wohl bei den Jüngern der Franchise ankommt. Das ist ein enormer Druck, den möchte ich nicht haben. Gut, dass Abrams dafür ein Budget ohne Ende zur Verfügung hat, und das so viele Professionisten aus allen künstlerischen Ecken des Filmemachens mit dabei waren. Allein war Abrams nicht. Allein sind seine Helden, die er in Szene setzt, auch nicht. Der Widerstand ist wie eine große Familie, und die neue Ordnung separiert sich intern in unterschiedliche Kulte, so wie der von Ren-Rittern, Leading Man Kylo. Doch abgesehen von religiösen oder politischen Gruppierungen – was bleibt dann noch? Wer ist man wirklich, und wenn ja, wie viele? Und wer gehört zu wem? In Episode IX geht es vor allem darum – um das Suchen nach Identitäten, um das Streben nach dem Ende einer Reise, um ein Nachhausekommen. Selbst das Böse sucht seinen Sinn. Und das ist in seinem eingesponnenen Richard-Wagner-Gigantismus von niemals dagewesener, erschreckend aggressiver Düsternis.

Geheimnisse um die Grundsockel dieser fiktiven Welt, die wollen gelöst werden. Dabei hat sich fast schon ein gordischer Knoten zusammenverheddert, denn schließlich müssen ja 8 Episoden unter einen Nenner gebracht und der Kreis geschlossen werden. Das mag viele zufriedenstellen, so, wie es letzten Endes aussieht. Aber vielleicht auch manche unrund zurücklassen. Ich für meinen Teil konnte mich einer erwartungserfüllenden Genugtuung nicht erwähren. Episode IX gibt dem Fan das, wonach er verlangt. Überrascht ihn manchmal, hetzt ihn vielleicht zwischendurch zu schnell und zu fahrig durch die lieb gewonnene Galaxis, wo es immer noch Planeten gibt, die er nicht kennt. Dasselbe gilt für Kreaturen, Städte und Raumschiffe und was weiß der Jedi sonst noch alles. Eine Leistungsschau wie am 1. Mai. Aber das war Avengers: Endgame auch. Und Game of Thrones. Noch mal alles hochfahren, was da ist -und bitte nichts vergessen! Einen solchen Brocken an Legende zu Ende zu bringen ist kein dankbarer Job. Salopp gesagt eine Dreckarbeit. Die Enden sind fast immer das Schwierigste. Die Mittelteile die besten, weil da noch alle Fäden offen sind und lose umherschwirren. Da geht noch alles, da kann man auch noch ordentlich Zynismus wagen. Das Ende aber muss gefällig sein, darf nicht vor den Kopf stoßen und sich auch nicht zu viel Frechheit erlauben. Muss garantiert noch einmal so richtig überraschen, bevor die Fäden alle gebündelt werden. Das schreit nach einem gestressten Kompromiss, der zur Ruhe finden muss. Auch Episode IX ist ein Kompromiss, ein durchgepeitschtes Finale Grande mit etlichen Cameos und im Grunde ganz viel von allem. Manchmal erinnert das Spektakel an die Atemlosigkeit eines Indiana Jones-Abenteuers, durchwegs aber versteht sich Episode IX: The Rise of Skywalker weniger als epische Superlative, sondern vielmehr als die größte Challenge eines zusammengewürfelten Haufens idealistischer und sinnsuchender Nerds, was sehr stark an die gelungene Animationsserie Star Wars Rebels erinnert. Natürlich aber kommt, was kommen muss. Und der eine kann nicht leben, während der andere überlebt. Kommt euch diese Prophezeiung bekannt vor? Könnte sein. Geschichte wiederholt sich einfach, immer wieder holt sich die Dualität in unserem Universum auf beiden Seiten auf ähnliche Weise ihre blutigen Nasen.

Völlig überrumpelt wird man also nicht sein. Angenehm berührt schon. Und irgendwie ist dieses Ende ein Farewell für Zwischendurch, irgendein Gefühl sagt mir: Das ist es nicht gewesen. Nicht in einer ganzen Galaxis. Und schon gar nicht, wenn Identitäten, die man gesucht hat, erst gefunden werden. Was könnte dann erst noch kommen? Ich sage mal: Warten wir´s ab. Lasst uns noch ein paar Minuten auf den vorläufig letzten Vorhang starren, mit den letzten Klängen von John Williams einzigartiger Musik im Ohr. Ein Seufzen, ein Erheben aus dem Kinosessel, leicht verdattert, aber frei von wehmütigem Fan-Hangover. Die Macht, so denke ich mir, wird letzten Endes immer mit uns sein.

Star Wars Episode IX: Der Aufstieg Skywalkers

Terminator: Dark Fate

EIN FRANCHISE WIDER WILLEN

5,5/10

 

terminatordarkfate© 2019 Twentieth Century Fox Deutschland

 

LAND: USA 2019

REGIE: TIM MILLER

CAST: MACKENZIE DAVIS, NATALIA REYES, LINDA HAMILTON, ARNOLD SCHWARZENEGGER, GABRIEL LUNA U. A. 

 

Alles begann mit einem ultrabrutalen, schnellen Actionthriller, der wie aus der Pumpgun geschossen das Publikum von den Kinostühlen schmiss. So einen Blockbuster will man als Studio natürlich nicht schubladisieren, sondern die Kuh melken, bis sie keine Milch mehr gibt. Für die Fortsetzung des Erstlings aus den Achtzigern hat James Cameron sieben Jahre verstreichen lassen. Es wäre wegen den Effekten gewesen – die dann auch noch die Benchmark der perfekten Illusion neu setzten. Cameron hat die relativ trashige, geradlinige Story in einer ebensolchen geraden Linie (Oscar für das komplexe Drehbuch gibt es keinen) zu einer geschmeidigen Fortsetzung und auch zu einem Ende geführt, welches im Extended Cut noch eines draufsetzt, sodass keiner mehr an dem Terminator-Mythos herumfriemeln kann. Ich war selbst recht verwundert, als ich zur Einstimmung für Terminator: Dark Fate diese Schnittfassung vor den Latz geknallt bekam. Und mit ansehen musste, wie mehrere Dutzend Jahre später Sarah Connor als rüstige Oma ihrem Sohnemann am Rande eines Spielplatzes dabei zusieht, wie er sich mit seinem Nachwuchs vergnügt. Ende der Geschichte. Ein paar sinnige Worte aus dem Off und das Franchise rund um den Terminator hätte mit diesem eher kitschigen Ausklang wirklich ins Archiv aufgenommen werden sollen. Gut, dass womöglich kein geringer Prozentsatz der Zielgruppe nicht weiß, dass es dieses Ende überhaupt gibt. Die Verwirrung wäre groß. Und tatsächlich wurde dieses seltsam kitschige Ende, wie auch aktuell Teil III, IV und V, einfach ignoriert. Womöglich besser so, denn das Terminator-Universum ist gelinde gesagt das beste Beispiel dafür, wie man ein Franchise tüchtig vermurksen kann. Bislang ist das Ganze zu einem Herumgepansche geworden, das für seinen Story-Mix wohl nicht ohne Golden Raspberry den Saal verlässt. Nichts passt mehr irgendwo zusammen, das reinste Patchwork, unvernäht bis in die Deckenfransen. Also Schlussstrich und anknüpfen an Teil 2.

Gesagt getan – entstanden ist im Grunde genommen ein Reboot derselben Geschichte. Wieder fallen zwei kybernetische bzw. teilkybernetische Rivalen in blitzezuckenden Energieblasen vom Himmel. Wieder sind sie nackt, und wieder jagt der eine, während die andere beschützt. Ja, auf der Beschützerseite ist diesmal eine Frau (die Terminatrix aus Teil 3 hatten wir schon, aber die hat es ja nach aktuellem Kanon nie gegeben), gespielt von der faszinierenden Mackenzie Davis, der man von Herzen danken muss dafür, dass Terminator: Dark Fate zumindest schauspielerisch kein totales Verlustgeschäft geworden ist. Ihre Figur der burschikosen Grace hat eine einnehmend gehetzte, verbissene Aura, wandelt von totaler Erschöpfung bis zur Raserei. Alleine dafür ist der offizielle sechste, aber insgeheim dritte Teil durchaus einen Kinogang wert. Was man am wenigsten von Linda Hamilton sagen kann. Aber die in ansehnlicher Würde herangereifte Dame sorgt für einen Effekt, den normalerweise Stargäste bei der Comic Con haben: Ikonen aus vergangenen Jahrzehnten haben den Kult auf ihrer Seite, auch wenn sie ewig nichts mehr gedreht haben. Mit dem Schauspielern tut sie sich rotzdem schwer. Arnold Schwarzenegger auch, aber der hat nur das mimische Soll eines T800 zu erfüllen. Was die beiden in diesem Film eigentlich verloren haben? Eigentlich nichts, denn erzählt wird ein ganz anderes, komplett neues Szenario. Und dieses Aufeinandertreffen der alten und neuen Riege fühlt sich ungefähr so an wie damals, als Jean-LucPicard auf den altehrwürdigen Captain Kirk in Star Trek VII traf. Dabei ist es halt rührend, jene, die uns in Jugendzeiten fasziniert haben, noch mal aufspielen zu sehen. Extended Cameos, würde ich sagen – die Story bringen sie nur bedingt weiter. Die hat Mackenzie Davis im Griff. Und Deadpool-Macher Tim Miller, der natürlich und völlig erwartet eine ordentliche Materialschlacht mit vorwiegend fahrbaren Untersätzen vom Stapel lässt. Fast & The Furious? Mad Max? Ja, ein bisschen. Und mittendrin der altbekannte Killerroboter mit stierem Blick, unzerstörbarer denn je. Dieses Hin und Her einer Hetzjagd ist genau das, was das Terminator-Franchise vorne und hinten abgrenzt. Die Zukunft, die Vergangenheit, irgendeine biographische Storyline von John Connor – will keiner sehen. Weil Terminator das ist, was es ist – ein Killerthriller aus den Achtzigern, der sich nicht ausbauen lässt, und wenn, dann nur mit dem Verblüffungsfaktor von flüssigem Metall.

Letzten Endes aber bekommt ein relativ vorhersehbares Krawallszenario tatsächlich noch soweit die Kurve, indem das Kaputtkriegen des Antagonisten zu einer Kraftanstrengung sondergleichen wird. Selten ist die Zerstörung von etwas geradezu Vollkommenen so eine Mordsdrumm Kraftarbeit – wirklich, das muss man gesehen haben. Aber mehr dann auch wieder nicht. Und es wäre jetzt gerade richtig, mit diesem filmischen Epilog die Sache einfach abzuschließen. Bevor sich wieder jemand die Energiekugel gibt.

Terminator: Dark Fate

Gemini Man

DIE SMITH-IDENTITÄT

5/10

 

null© 2019 Paramount Pictures, Skydance and Jerry Bruckheimer Films

 

LAND: USA 2019

REGIE: ANG LEE

CAST: WILL SMITH, MARY ELIZABETH WINSTEAD, CLIVE OWEN, BENEDICT WONG U. A.

 

Will Smith, der grundsympathische Gutmensch, der niemals auch nur im Traum daran denken würde, die Rolle eines Antagonisten zu übernehmen, weil das sein Fanpublikum einfach nicht sehen will, ist auch schon in die Jahre gekommen. Dass bisschen Grau erkennt man schon im millimeterhohen Haaransatz seiner Stoppelglatze, und dank der Super-HD-Optik von Gemini Man ist der kräuselnde Faltenwurf an den Wangen unübersehbar. Wie gut, dass es längstens die Möglichkeit gibt, sich in der digitalen Welt einem Deepfake zu unterziehen – oder besser Deepface. Was aber auch nicht korrekt wäre, denn Deepface bezeichnet ja die Transplantation ganzer Köpfe auf andere Körper, die dann Dinge machen, die von begehrter Person ja gar nie gemacht wurden. Passender wäre wohl eher Facelifting – oder radikaler Jungbrunnen, wie eben im Falle von Will Smith, der, so wurde mir gesagt, fast schon schockiert war, sein jüngeres Ich so lebendig zu sehen. Ob ich an seiner statt im Zuge einer solchen Begegnung an mich halten könnte, mein unerfahreneres Ich über all meine körperlichen und geistigen Unzulänglichkeiten aufzuklären, um folglich dann Ratschlage vom Stapel zu lassen, auf die mein Gegenüber wohl gerne selbst gekommen wäre? In Gemini Man stellt sich diese Frage, und die Antwort löst sich in versöhnlichem Wohlgefallen auf. Dieses Harmonieren ist dermaßen auf einen allumfassenden, verständnisvollen Weltfrieden fokussiert, dass man meinen könnte, das Klonen von Menschen kann ja gar nicht mal so schlecht sein, wenn diese Fertigkeit nur in den richtigen Händen liegt. Vielleicht eben in jenen von Will Smith, doch der will einfach nur seine Ruhe haben, angeln gehen oder Vorsitzender humaner Ethik werden.

Schön, dass ihm das so gut gelingt. Ja, das tut es wirklich, denn Will Smith ist ein ganz anderer Auftragskiller als es Denzel Washington als Equalizer oder John Wick jemals waren. Smith hat nicht so diese „Hallo, da bin ich“-Attitüde und wirft sich auch nicht so medienwirksam ins Gemetzel. Er wäre auch nicht so ein Stehaufmännchen wie Keanu Reeves, und anstatt sich im Blutdurst an jenen zu rächen, die ihm sein Auto demoliert haben, würde er lieber einen Gesprächstermin mit seiner Versicherung checken. In Gemini Man geht es also um einen Killer, der ganz anders tickt, besonnener ist, mehr ins Kalkül zieht. Und gerne schmerzresistenter wäre als er letztendlich ist. Denn sein eigenes jüngeres Ich, das besorgt´s dem alten Mann, wie er ihn nennt, so richtig ordentlich. Mit Motorrad, Fäusten und wenig therapeutischen Wasserbädern. Das Ganze ließ Ang Lee, seines Zeichens überhaupt kein Verfechter des Actionkinos und eher auf entspanntere Filmstoffe spezialisiert, in 3D und mit einer Bildrate von 120 pro Sekunde verfilmen. Allerdings aber ist Gemini Man für so einen technischen Schnick Schnack der falsche Film. Weil er seine Darsteller gerne in Full Shots und die Action in einer seltsam beengten Halbtotale präsentiert. Einstellungen für einen hemdsärmeligen Actionfilm alter Schule, zu dem lupenreiner Hochglanz einfach nicht passen will. Durch diese Optik erhalten wir einen Bildeffekt, der bereits bei Wiedergaben in Super HD zu bemerken ist – jenen billiger Seifenopern. Das ist ein stilfreier Schuss ins eigene Knie.

Auch sonst strauchelt Gemini Man dabei, sich als denkwürdiges Beispiel des zeitnahen Science-Fiction-Films zu behaupten. Hätte der Plot nicht den Aspekt der Klon-Problematik mit zugegebenermaßen atemberaubendem Facial-Motion-Capture, anhand dessen perfekter Illusion ich wirklich kein einziges Mal bemerkt hätte, dass Will Smith nicht tatsächlich auch als jüngeres Ich existiert, würde nicht viel übrigbleiben als der verdünnte Aufguss eines Jason Bourne– oder Wer ist Hanna?-Szenarios. Kann ja spannend sein – in diesem Fall ist es das aber nicht, denn Ang Lee hatte wohl keine andere Wahl, als sich mit vorliegendem Schnellschuss-Drehbuch zufriedenzugeben, denn Gemini Man war, so vermute ich, für den Altmeister nicht viel mehr als eine Auftragsarbeit, mit all seinen stereotypen Antagonisten-Idealismen, die sich für eine bessere Welt ereifern. Smith steigt gemeinsam mit der smarten Mary Elizabeth Winstead am besten aus dem Szenario aus, ihnen sieht man gerne zu. Und ist froh, wenn sich der ehemalige Prinz von Bel Air irgendwann keine Blessuren mehr holt. Die seit Bruce Willis im Nakatomi-Plaza nur noch selten so glaubhaft verschmerzt wurden.

Gemini Man

Ad Astra – Zu den Sternen

IM STERNBILD DES VATERS

6/10

 

adastra© 2019 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2019

REGIE: JAMES GRAY

CAST: BRAD PITT, TOMMY LEE JONES, DONALD SUTHERLAND, RUTH NEGGA, LIV TYLER U. A.

 

Es gibt Filme wie Stanley Kubricks 2001 – Odyssee im Weltraum oder Damien Chapelles Aufbruch zum Mond. Und es gibt Filme wie Ad Astra – Zu den Sternen. Wo genau liegt da jetzt der Unterschied? Dass sich meiner Meinung nach irgendetwas mit Kubricks Meisterwerk aus dem Jahre 1969 vergleichen lässt, halte ich für ein Gerücht. Filme wie diese, die ihrer Zeit Lichtjahre voraus waren, werden gut und gerne als Messlatte herangezogen, als Ideal, dem andere Filmemacher nacheifern möchten, die es bereits ins zeitlose Pantheon der Filmgeschichte geschafft haben. Das soll natürlich gerne so sein, und es gelingt auch tatsächlich das eine oder andere Mal. James Gray hat ähnliches versucht, und er ließ sich nicht nur von Stanley Kubrick inspirieren, der es wie kein anderer zustande gebracht hat, Spiegelungen auf Hemvisieren sphärisch einzufangen. Gray ließ sich auch von den bedeutungsschweren, verbalisierten Gedanken aus dem Off inspirieren, die Terrence Malick gerne nutzt, um die inneren Gefühlswelten seiner Figuren nicht nur im paraverbalen Spiel, sonder auch im gesprochenen Wort herauszuarbeiten. Das hat, klug eingesetzt, natürlich seine Wirkung. Das hat Malick in Der schmale Grat perfekt hingekriegt. In The New World geriet ihm dieser Stil bereits zu inflationär. Aufpassen, heißt es da. Und James Gray musste das auch. Doch so hypnotisch sich diese Multiplikation aus Weltraum, innerer Psyche und philosophischen Fragen auch anfühlt, so leicht kippt das ganze ins Pathetische. Und genau das ist Ad Astra leider passiert.

Obwohl ich dazusagen möchte, dass Ad Astra kein misslungener Film ist. Aber einer, der sich unter großem Ehrgeiz ereifert, so gut zu sein wie die anderen. Da ist Motivation dahinter, da ist Konsequenz dahinter, das sieht man. Da sind Kameraleute am Werk, die ihre Hausaufgaben gemacht haben, und Set-Designer, die einen befremdlichen interplanetaren Alltag aus dem Mond- und Marsstaub gehoben haben. Womit wir bei der staunenswertesten Feinarbeit des Filmes gelandet sind: der Idee, wie die nahe Zukunft aussehen könnte, die uns für viel Geld und auf relativ einfachem Weg auf benachbarte Himmelskörper bringen kann. Außer Paul Verhoevens Total Recall hat sich kaum noch ein anderer Film an ein Szenario wie dieses gewagt. Gray entlässt uns in einen expandierten Ballungsraum Erde, der am Mond genau so seine Wirtschaft ankurbelt wie am Ursprungsort, der mit der Besiedlung des Mars einen Außenposten geschaffen hat, der ungefähr so wirkt wie die Grenzkontrolle zum Sudan. Dort ist meist alles unterirdisch – was der Mensch da errichtet hat, verkommt schon längst wieder zur leblosen Betonwüste Marke Tiefgarage. Dorthin reist also Brad Pitt als vaterloser „Major Tom“, der die Menschheit vor dem Schlimmsten bewahren muss, das ihr vom Neptun aus in Form von Antimateriewellen um die Ohren fliegt. Grund dafür ist womöglich der vor Jahrzehnten verschollene Papa, angeblich noch unter den Lebenden und zu keinem Funkgespräch bereit. Der eigene Filius soll das Problem lösen, er soll Verbindung aufnehmen. Vielleicht ist hier Blut doch noch dicker als die Sturheit eines psychopathischen Weltraumnerds im Nirgendwo. Dabei fürchtet Brad Pitt nicht die Leere zwischen den Planeten, sondern die Chance, seinen Vater zur Rechenschaft ziehen zu müssen. Und Antworten auf Fragen zu bekommen, die womöglich sein Weltbild erschüttern.

Ad Astra ist in erster Linie ein Psychodrama. Dann eine Vater-Sohn-Geschichte. Ad Astra will dann auch noch Weltraumabenteuer sein mit Mondpiraten und havarierten Geisterschiffen. Und, bevor ich es vergesse, will Ad Astra noch philosophische Fragen beantworten, vor allem Fragen nach dem Wert der Gemeinsamkeit, nach dem Wert von Familie und was Heimat eigentlich bedeutet. Da muss ich mich mal hinsetzen, weil das wirklich eine Menge Content ist. Gebündelt werden die losen Enden in der Wahrnehmung eines Filmstars, der so wie Leonardo Di Caprio auch endlich mal zeigen will, was er so draufhat. Pitt ist zwar immer noch ein Stoiker, einer, der ernst, bedächtig und sinnend in die Runde oder ins Narrenkästchen blickt, der dafür aber gute Gründe hat und der innerhalb seines Stoizismus aber auch ordentlich changiert, von innerer Leere bis zu einer in den Weltraum gegreinte Bitternis, wobei er da sichtbar an seine Grenzen stößt. Dennoch  – der Mann war gefühlt seit Fight Club nicht mehr so gut. Und sein Schwermut wirkt echt. Doch was Ad Astra letzten Endes will und auf welche Singularität er seine Reise durchs Sonnensystem bringen möchte, ist ein Nachgedanke über die zukünftigen Werte des Menschen, fokussiert auf den Wechsel der Generationen und dem Loslassen von Daheim. Die Menschheit, so Gray, nabelt sich ab, wenn sie immer weiter vordringt ins Nichts, vergisst dabei vielleicht, woher sie kommt. Sucht, vielleicht vergeblich, nach Etwas, was nichts anderes ist als das, was man zurückgelassen hat. Demnach ist das ästhetisch bebilderte Planeten-Hopping in all seiner Zerfahrenheit und Unschlüssigkeit, was es sein will, nichts anderes als die verkopfte Suche des Menschen nach einer globalen Identität, für die er aber längst noch nicht reif ist.

Ad Astra – Zu den Sternen