Die Mitchells gegen die Maschinen

ALEXA LÄUFT AMOK

6/10


mitchells© 2021 Netflix / Sony


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: MICHAEL RIANDA, JEFF ROWE

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): DANNY MCBRIDE, MAYA RUDOLPH, ABBI JACOBSON, OLIVIA COLMAN, ERIC ANDRÉ, JOHN LEGEND U. A. 

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Seit geraumer Zeit macht sich ein gewisser Trend bemerkbar. Romantische Cinderella-Geschichten sind mehr und mehr out, komödiantische Hetero-Herzblattshows zumindest im familientauglichen Mainstream-Kino angesichts einer immer liberaleren Beziehungswelt längst nicht mehr der universelle Plot. Da war Die Eiskönigin noch eine Art Relikt, bevor die mutigen Coming-Of-Age Heroen (vorwiegend weiblich) aus Mulan, Raya und der letzte Drache oder Die bunte Seite des Monds nicht um ihre Liebe, sondern um die Familie und überhaupt um den ganzen Erhalt einer harmonisch funktionierenden Gesellschaft kämpfen. Wobei Familie in Hollywood sowieso immer schon wichtig war. Und vor allem auch bei Disney: mal in penetranten Soll-Lettern, und dann wieder auf einer gepflegten Meta-Ebene. Sony findet da auch seinen Weg.

In Die Mitchells gegen die Maschinen ist zumindest keiner der Familienmitglieder – vorzugsweise der Eltern – eines außertürlichen Todes gestorben. Meist ist auch diese Schablone bei Jugendfilmen gern gesehen, um die oder den Protagonisten vom übrigen Co-Cast klarer abzugrenzen. Hier, in der von Sony produzierten und animierten Komödie, die mangels möglicher Kinoauswertung an Netflix verkauft wurde, haben wir es anfangs mit einer Allwerweltsfamilie zu tun, die sich selbst sehr schräg vorkommt – insbesondere Tochter Katie, die ihre Leidenschaft für Filme in selbstgemachten Videos zelebriert und kurz davorsteht, in einer Filmschule neu durchzustarten. Zwischen Vater und Tochter hängt da leider der Haussegen schief, und um die Beziehung wieder in richtige Bahnen zu lenken, entscheidet sich Papa Rick, seine Tochter höchstpersönlich an den neuen Schulort zu geleiten – per Automobil und der ganzen Familie, versteht sich. Das kann ja heiter werden. Und wird es auch, da ziemlich zeitgleich eine künstliche Smartphone-Intelligenz a la Alexa die Weltherrschaft an sich reißen will und dafür ganze Roboterarmeen aussendet, um Homo sapiens einzufangen. Dieser böse Plan geht auch auf – nur hat die K.I. nicht mit der Schlagfertigkeit der letzten freien Familie gerechnet, die ihre Diskrepanzen überwindet, um den Planeten zu retten.

Da ein Szenario wie in H.G. Wells Krieg der Welten wohl fürs Familienpublikum undenkbar wäre, werden wir, die Menschen, kurzerhand einfach nur eingesammelt. Das funktioniert und schafft damit dennoch eine wohlig beklemmende Endzeitstimmung, die auch den jüngst geeigneten Nachwuchs nicht dazu nötigt, bei den Eltern einzuschauen. Abgesehen davon ist diese schrille, vierköpfige Familie samt Hund viel zu situationskomisch, um hier die positiven Vibes nicht abzukriegen. Die Mitchells gegen die Maschinen fühlt sich an wie Pixars Die Unglaublichen – nur ohne Superhelden-Attitüde und statt Baby gibt’s den Mops, der für die meisten Lacher sorgt, nebst des grobschlächtigen Vaters, dessen Charakter am schönsten beschrieben wird. Klar, es gibt jede Mange hyperaktives Chaos, Geplärre und Hektik – das hätte Pixar womöglich um einige Dezibel runtergeschraubt. Allerdings nimmt sich das von Chris Lord und Christopher Miller (Oscar für Spider-Man: A New Universe) produzierte Abenteuer gerade anfangs erstaunlich viel Zeit, um die liebe Familie mit all ihren Eigenheiten und eingebettet in ihren Alltagsrhythmus vorzustellen. So macht man das, bei Endzeit- oder Katastrophenfilmen, auch wenn sie animiert und kindertauglich sind.

Den völlig aus dem Ruder laufenden Overkill hätte es am Ende zwar nicht gebraucht, aber dennoch: dieser Genremix unterhält. Dank der kleinen, originellen Details, die geschickt in die Handlung eingeflochten sind – und diese auch vorantreiben. Denn wer hätte gedacht, dass es mal gut sein kann, einen Vierkant-Schraubenzieher mit rutschfestem Griff dabeizuhaben. Ja, gut, MacGyver vielleicht…

Die Mitchells gegen die Maschinen

Love and Monsters

WENN DIE SCHNECKE SCHATTEN SPENDET

6,5/10


loveandmonsters© 2021 Netflix / Jasin Boland


LAND / JAHR: USA, AUSTRALIEN 2020

REGIE: MICHAEL MATTHEWS

CAST: DYLAN O’BRIEN, JESSICA HENWICK, MICHAEL ROOKER, ARIANA GREENBLATT, DAN EWING U. A. 

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Bevor man mutterseelenallein im postapokalyptischen Regen steht, ist immer irgendwo noch ein Hund aufzutreiben. Das beweist wieder mal: Hunde sind die besten Partner, wenn’s ans Eingemachte geht. In I Am Legend war Will Smith ohne Hund sowieso aufgeschmissen. Und selbst der junge Don Johnson wäre in A Boy and his Dog ohne selbigem nur ein Fressen für die Unterirdischen. Dieser Junge hier, den die Liebe aus den verrammelten Schlupflöchern unter der Erde geholt hat, kann sich ebenfalls bei seinem wild zugelaufenen Vierbeiner bedanken, sonst hätte ihn längst die Sumpfkröte geholt. In Love and Monsters muss man nämlich vor wirbellosen und Amphibien die Beine in die Hand nehmen, denn die sind gigantisch.

Extraterrestrische Invasoren? Mitnichten. Da hat wieder mal der Mensch nicht gewusst, welchen Kollateralschaden er da fabriziert, indem er mit Chemieraketen erfolgreich versucht hat, den herannahenden 2012er-Asteroiden zu verpulvern. Diese Chemie, die regnete dann wieder auf die Erde herab – auf die Köpfe der Insekten und Würmer und auf sonstiges, was das so kreucht und fleucht. Der junge Mittzwanziger Joel hat dabei seine Eltern verloren, wurde von seiner Freundin getrennt – und lebt jetzt als Minestrone-Koch in einem Bunker. Ab und an gibt’s Funkkontakt mit dem Herzblatt, doch irgendwann werden auch diese glücklichen Momente schal, wenn man selbiges nicht in die Arme nehmen kann. Also: das Zeug gepackt, die Armbrust geschultert und auf zur nächsten Kolonie. Sind ja nur 140 Kilometer. Zum Glück gibts Hunde (die nicht mutiert sind) und andere lebensmüde Wanderer, die den Weg kreuzen. Sonst könnte dieser Walk of Duty recht ungesund werden.

Dieses jüngst auf Netflix erschienene Abenteuer hat ja schon alleine durch sein kreatürliches Konzept bereits die eine oder andere Vorschusslorbeere aus meiner Hand empfangen dürfen. Als leidenschaftlicher Monster Fan und Creature Designer (ein eigener Bildband ist in Arbeit) will ich Filme wie diese selbstredend nicht verpassen. Allein der Trailer entzückte schon mit herzhaftem Tentakel-Teasing. Heraus kam letztlich ungefähr das, was zu erwarten war: eine Art Zombieland, nur ohne Zombies. Stattdessen mit Monstern, dessen Welteroberung seltsamerweise nicht durch die gewaltige Militärmaschinerie der Supermächte in den Griff zu bekommen war. Hinterfragen darf man die Entstehung dieses Ist-Zustandes nicht, leicht kann das Szenario wenig plausibel erscheinen. Doch das macht nichts – die sehr adrett in Szene gesetzte Landschaft mit bemoosten Panzern, Flugzeugen und verwachsenenen Windparks könnten aus einem Videospiel-Setting stammen – zwischen all dem Grün kämpft und hofft ein recht unbeholfener „Jungritter“ um und auf die Zweisamkeit, während enorm plastische und bis unters letzte Chitin-Segment ausgearbeitete Urviecher die goldene Wandernadel in weite Ferne rücken lassen. Das sind natürlich Gustostückerl, die auf großer Leinwand noch viel besser gekommen wären: agile Scolopender, gigantische Schnecken – ein Eldorado für den Zoologen von Morgen. Dabei macht es Spaß, Dylan O’Brien gemeinsam mit Michael Rooker fast schon im Stile eines Jules Verne-Abenteuers auf rustikale Art durchs Unterholz stiefeln zu sehen. Love and Monsters ist dann auch zum Großteil wie einer dieser hemdsärmeligen Klassiker guter, alter Survival-Phantastik. Gegen Ende allerdings verliert das Abenteuer seinen gemächlichen Drive und verbiegt sich zugunsten von noch mehr Action und einem recht erzwungen wirkenden Showdown, der gar nicht hätte sein müssen. Selbst darüber lässt sich dank des recht reizend agierenden O’Brien in seinem sympathischen Reifungsprozess zum Monster Hunter hinwegsehen – zu gern sieht einer wie ich den liebevoll ausgearbeiteten Gigantismus in natura wüten.

Dankenswerterweise erspart uns Love and Monsters so gut wie jedweden Beziehungskitsch, bleibt hingegen geradezu ernüchternd realistisch, was Liebe über Zeit und Raum angeht. Umso erfrischender wirkt der kurzweilige Trip mit seiner Prämisse, dass romantische Liebe zwar als Motivator dienen kann, längst aber nicht alles ist.

Love and Monsters

The Midnight Sky

DIE ERDE ALS ERINNERUNG

6,5/10


midnightsky© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: GEORGE CLOONEY

CAST: GEORGE CLOONEY, FELICITY JONES, CAOILINN SPRINGALL, DAVID OYELOWO, KYLE CHANDLER, TIFFANY BOONE, DEMIAN BICHIR U. A. 

LÄNGE: 2 STD 2 MIN


Seit seiner Gesellschaftssatire Suburbicon hat man lange, wirklich lange nichts mehr von George Clooney gehört. Viel eher als sein neuestes Werk verbreitete sich im Vorfeld die Hiobsbotschaft ob seiner Gesundheit, da er für seinen Streifen The Midnight Sky einfach zu viele Kilos auf einmal verlor. Wäre diese Gewichtsreduktion denn notwendig gewesen? Nicht zwingend. Im Film selbst spielt er einen an Krebs erkrankten Wissenschaftler, der als womöglich letzter Mensch auf Gottes Erden irgendwo am Polarkreis sein letztes bisschen Dasein fristet, bevor selbst diese Regionen von einer nicht näher genannten Umweltkatastrophe heimgesucht werden wird. Still und heimlich hat sich hier die Welt von seiner Geißel namens Mensch befreit, entweder sind all diese Milliarden dahingerafft oder unterirdisch irgendwo untergebracht worden. Mehr Szenario gibt es nicht. Die Katastrophe ist eine Variable, wir dürfen uns aussuchen, was wir diesmal falsch gemacht haben. Clooney ist also dieser alte Mann, der, mit Stoppelglatze und Rauschebart, in einem Observatorium ganz alleine dem Ende entgegensieht – stoisch und seiner regelmäßigen Dialyse unterworfen. Keine Lust also irgendwo hinzugehen. Bis er dank seiner durchaus hochgerüsteten technischen Möglichkeiten von einer Weltraumexpedition erfährt, die als letzte aller Weltraumexpeditionen im Jahr 2049 vom neu entdeckten Jupitermond K-23 zur Erde zurückkehrt. Ziel der Mission war es wohl, herauszufinden, ob dieser Mond erdähnliche Verhältnisse aufweist – und wenn ja, gleich eine Kolonie dort zu lassen. Mit diesen neuen Erkenntnissen will die Mission Aether also heimkehren. Clooney allerdings will das verhindern, da die Crew hier nur ihren Tod finden würde. Als ob der Stress nicht schon reichen würde, entdeckt der Mann einen blinden Passagier – ein kleines Mädchen, das er nun an der Backe hat.

Für The Midnight Sky, nach dem Roman Good Morning, Midnight von Lily Brooks-Dalton, hat Clooney nicht nur abgenommen, sondern auch noch Produktion, Regie und klarerweise die Hauptrolle übernommen. Sein Film ist kein Blockbuster und kein Eventkino, sondern etwas sehr stilles, leises, wie eine karge, melancholische Ballade, die in eine ratlose, ungewisse Zukunft blinzelt. Die Weltraumszenen rund um ein sehr formschönes, elegantes NASA-Raumboot erinnern an Gravity oder Interstellar, die narrative Ebene rund um Wissenschaftler Auguste Lofthouse (eben Clooney) an den ebenfalls auf Netflix veröffentlichten Science-Fiction-Endzeitfilm Io. Auch dort ist die Erde längst unbewohnbar, nur ein paar Luftblasen erlauben noch freies Atmen, und auch dort hat Margaret Qualley vor, bis zum Ende auszuharren, käme nicht Anthony Mackie und würde sie zur letztmöglichen Evakuierung bewegen wollen. Auch in Io ist die Katastrophe keine näher genannte. Da wie dort geht es darum, dem Planeten Erde Lebewohl zu sagen. Resignative Erschöpfung macht sich breit, das Überleben der Menschheit verblasst hinter Gaias Abgesang. Clooney verleiht diesem stellvertretenden Individuum, der das ganze Unglück wahrnimmt, eine Bitternis sondergleichen. Die Raumcrew um Felicity Jones ist im Gegensatz dazu mal nicht eine ganze Partie psychologisch versagender Psychopathen im Wandel, sondern pragmatische Experten, was das ganze Szenario durchaus glaubhaft macht. Beide Komponenten mögen manchmal nicht so richtig ineinandergreifen. Das Wechselspiel zwischen den Episoden auf der Erde und im Weltraum findet keinen Rhythmus. Manche Astro-Action wirkt deplaziert. Was aber wirkt, das ist die zwar zu erahnende, aber poetische, runde kleine, später sehr persönliche Abenteuergeschichte zu dem großen Thema eines Umbruchs, die nicht viel erklären, sondern viel öfters nur empfinden will. Das ist fast schon besinnliches Weihnachtskino.

The Midnight Sky

Peninsula

ZOMBIEKEGELN IN SEOUL

5,5/10


peninsula© 2020 Koch Films


LAND: SÜDKOREA 2019

REGIE: YEON SANG-HO 

CAST: DONG-WON GANG, DO-YOON KIM, JUNG-HYUN LEE, KWON HAE-HYO, LEE RE, MIN-JAE KIM U. A.

LÄNGE: 1 STD 56 MIN



Vor vier Jahren zwängten sich blutdürstende Virenträger durch die schmalen Gänge und Abteile eines Zuges nach Busan. In Busan, so hieß es, könnte man als Gesunder vor einer nicht näher bestimmten Epidemie Zuflucht suchen. Dieser spannende und hochdramatische Thriller zählt für mich bis heute zu einem der stärksten Beiträge des Zombie-Genres. Nicht aber, weil es versucht, der bereits sehr abgegriffenen Thematik neue Aspekte abzugewinnen, sondern weil Regisseur Yeon Sang-Ho es gut verstanden hat, das Potenzial eines Katastrophenthrillers punktgenau und mit sehr viel Gefühl für Timing effizient auszunutzen. Die räumliche Enge – wir wissen, so etwas macht die Dramatik noch kerniger – tat ihr Übriges.

Völlig losgelöst vom Horror auf Schiene allerdings hat Sang-Ho an einer Fortsetzung gebastelt – die genauso vier Jahre später einsetzt und die nur so viel mit dem Erstling gemeinsam hat, als dass dieser vernichtende Virus jener ist, den wir schon in Train to Busan hatten. Statt eines Zuges fährt jetzt ein Schiff nach Seoul, und zwar eines mit illegalem Auftrag. Vier Flüchtlinge, die in Hongkong relativ mittellos auf ein Ende der Katastrophe warten, bekommen die Chance, sich ein neues Leben aufzubauen, sofern sie bereit sind, ein waghalsiges Ding zu drehen: Nämlich zurück ins Zentrum des Zombiewahnsinns, um einen Truck, angefüllt mit Millionen von Dollar, aus dem Chaos zu bergen. Auftrag natürlich angenommen, so schwer wird das wohl nicht werden, vor allem wenn die Operation nachts verläuft, da diese Zombies bei Dunkelheit sowieso nichts auf die Reihe kriegen. Untertags aber sind die kranken Horden jedoch schnell, rasend schnell. Und so sehr es auch danach aussieht – sie sind nicht das einzige Problem.

Klingt nicht so wirklich nach Horror? Stimmt – in Peninsula hat es das interessierte Publikum eindeutig mehr mit einer gewissen Art von Endzeit-Action zu tun, die in ihren wildesten Momenten ganz klar seine Inspiration im Mad Max-Universum sucht. Seoul – in ansprechend postapokalyptischen Panoramagemälden für den nächsten Jahreskalender verewigt – ist Rennstrecke und Hindernisparcour zugleich. Quer durchs Gemüse und durch Zombiecluster hindurch brettern aufgepimpte fahrbahre Untersätze, hinterm Steuer Gesetzlose, die anderen Gesetzlosen nachjagen. Natürlich gibt´s auch jene, die im Meistern der Situation ganz vorne mit dabei sind, und die selbstredend zu den Guten gehören, um einen Konflikt austragen zu können, der über den Zombies steht, die in ihrer instinktgesteuerten Aggression oftmals über sich selbst fallen, um dann umgeworfen zu werden wie Kegel, als wäre Seoul eine riesige Bowlingbahn.

Peninsula ist dystopische Action, die nur in seltenen Momenten überrascht, die zeitweise sogar mit so viel Vorhersehbarkeit um die Kurve schert, dass trotz all der quietschenden Reifen Langeweile aufkommt. So etwas passiert, wenn vom Waggon bis zur Stadtgrenze der Aktionsradius expandiert. Ein ähnliches Problem hatte auch damals Stirb langsam – jetzt erst recht. Der Actionfilm erklärte gleich ganz New York zur Bühne. Seoul ist auch nicht gerade ein Dorf, dementsprechend verliert sich der wüste Banditen-Eastern in so manche dramaturgische Sackgasse – und schwächelt dem straffen Original deutlich hinterher.

Wenn schon die südkoreanische Metropole von allen Göttern verlassen scheint – das Pathos hat´s da noch nicht rausgeschafft, ganz besonders aus dem Finale nicht, das alle Register der Theatralik zieht, was auch erst gekonnt werden will, und hier nicht ohne Wirkung bleibt. Klar wird – das Publikum ist manipulierbar, ein bisschen so wie all die Zombies, die nicht anders können als funkelnden Lichtern hinterherzutorkeln.

Peninsula

The Last Man on Earth

ÜBERLEBEN HAT SEINEN PRICE

6,5/10

 

lastmanonearth© 1964

 

LAND: USA, ITALIEN 1964

REGIE: SIDNEY SALKCOW, UBALDO RAGONA

CAST: VINCENT PRICE, FRANCA BETTOIA, EMMA DANIELI, GIACOMO ROSSI-STEWART, UMBERTO RAHO U. A. 

 

„Das Virus ist neu, dessen Verhalten gänzlich unbekannt, aber eines ganz gewiss: extrem ansteckend.“ – „Die Labore der Welt arbeiten fieberhaft an einem Gegenmittel“ – „Jeder Verdachtsfall muss gemeldet werden“. Phrasen, die uns irgendwie bekannt vorkommen? So oder sehr ähnlich lassen sich diese Zeilen aus vorliegendem Filmwerk extrahieren, das da heißt: The Last Man on Earth. Der knallharte Höhepunkt des frühlingshaften Lockdowns rief zwangsläufig pessimistische Worst Case-Visionen auf den Plan, mochten sie auch noch so abstrus sein. Natürlich verliert man sich da manchmal gar im Reich der Fantasie, und kurzerhand weckt so manches in diesem Film vage Erinnerungen daran.  Wie zum Beispiel dieses Virus hier, das es nicht dabei belässt, den Exitus herbeizuführen, nein – es verwandelt die Toten in Vampire. Sind es denn Vampire? Nein, eher Zombies. Oder irgendwas dazwischen. Relativ antriebslose Kreaturen von blaugrauer Hautfarbe und satten Ringen unter den Augen, die in untoter Phlegmatik an die Tür von Horrorikone Vincent Price klopfen. Ja genau, dieser Mann hat als einziger die Apokalypse überlebt. Und sich zugegebenermaßen recht kommod arrangiert. Das Haus ist vampirsicher, und die Pflicht des Tages: Vampire töten. Damit macht er unserer geliebten Buffy wirklich ernsthafte Konkurrenz. Jahrzehnte vor Joss Whedons Kultserie hat schon jemand ganz anderer zum Holzpflock gegriffen, um seinem Tagwerk nachzugehen, und damit meine ich nicht Van Helsing. Räumungsdienst Price ackert im Planquadrat die Straßen ab, und all die schlafenden Ungeheuer, die er zu fassen bekommt, werden gepfählt und entsorgt. So weit so trostlos, hat der ältere Herr doch seine ganze Familie zu Grabe getragen, darüber hinaus seine Frau zweimal beerdigt, weil sie zum Wiedergänger wurde.

Zugegeben, all die Momentaufnahmen aus der postapokalyptischen Urbanität mit all den kreuz und quer herumliegenden Toten hat etwas leicht Verstörendes. Und obwohl The Last Man on Earth als typisches B-Movie daherkommt, hat dieses einen gar nicht mal so trivialen Plot. Filmkenner wissen längst: der italienisch-amerikanische Science-Fiction-Grusel basiert auf dem Roman Ich bin Legende von Richard Matheson und – ganz genau – selbiger war auch Vorlage sowohl für den Omega-Mann mit Charlton Heston als auch für den Will Smith-Streifen I Am Legend. Tatsächlich aber trifft der Titel der Buchvorlage viel eher den Charakter des Vincent Price-Erstlings. Und siehe da, nicht nur was die plausible Legendenbildung des einsamen Ordnungshüters betrifft, liegt The Last Man on Earth in seiner Erklärung weiter vorne, sondern auch in der Prämisse des Filmes überhaupt, den ein ganz anderer Zombiefilm sozusagen weiterspinnt: The Girl with all the Gifts.

Ich bin fast versucht, The Last Man on Earth mit all seiner Technicolor-Optik und dem naiven Raumschiff-Enterprise-60er-Kolorit als Trash-Perle zu bezeichnen, die sowohl all die ratlose Panik vor dem Virus vorwegnimmt als auch in seinen Endzeit-Gedanken überraschend konsequent bleibt.

The Last Man on Earth

Air

ATEMLOS DURCH DEN SCHACHT

5,5/10

 

air© 2015 Sony Pictures International

 

LAND: USA 2015

REGIE: CHRISTIAN CANTAMESSA

CAST: NORMAN REEDUS, DJIMON HOUNSOU, SANDRINE HOLT U. A. 

 

Nein, dieser Film handelt nicht von der französischen Synthie-Pop-Band gleichen Namens. Er handelt – ganz ohne viel Hang zur Fehlinterpretation – tatsächlich von Luft. Die ist knapp bemessen, oder wir könnten auch sagen, es gibt sie gar nicht mehr so, wie wir sie kennen. Ist mir da nicht unlängst so etwas Ähnliches auf Netflix über den Weg gelaufen? Ja natürlich, der Film hieß IO, und auch dort war unserer Atmosphäre nicht mehr wirklich danach, weiterhin atembar zu bleiben. Eine fragwürdige neue Zusammensetzung der Bestandteile führte bei IO also zum großen Exodus – und einem Lockdown der ganzen Erde. Bei IO konnten die Menschen zumindest entkommen – was für ein Glück, technisch gesehen ordentlich was weitergebracht zu haben, sonst wären wir alle gnadenlos erstickt. In Air ist der Worst Case anscheinend passiert. Homo sapiens mit Schnappatmung, danach das Ende. Die Technik: leider in den Erwartungen ganz weit hinten, und nichts innovativ genug, um dem Planeten den Rücken zu kehren. Was tut Mensch also, um nicht komplett aus den terranischen Geschichtsbüchern zu verschwinden? Er versetzt das Wissen der Menschheit in Gestalt renommierter wissenschaftlicher Koryphäen auf ihrem Gebiet in Tiefschlaf – um sie dann wieder daraus hervorzuholen, wenn die menschengemachte Kontamination der Atmosphäre (Auslöser dafür waren womöglich Kriege) wieder neutralisiert ist. Wenn es denn so weit kommt. Bewachen und Warten muss das Ganze natürlich auch irgendwer – zwei sagen wir mal Facility Manager, oder schlicht und ergreifend technisch versierte Hausmeister, die das Standby am Laufen halten. Die dürfen alle 6 Monate ebenfalls erwachen, um nach dem Rechten zu sehen. Und natürlich kommt, wie es kommen muss – die Technik versagt, und scheinbar nirgendwo gibt es Ersatzteile, um das Handwerkerduo wieder in Tiefschlag versetzen zu können. Ein Königreich für einen Baumarkt! Die Zeit drängt, denn nach zwei Stunden schaltet sich die automatische Sauerstoffzufuhr wieder ab.

Es ist ganz offensichtlich, dass die Technik in Air weit davon entfernt ist, mit dem Exodus zu fremden Planeten zu liebäugeln. Wir haben es hier mit Konsolen aus dem Fundus der antiken Enterprise zu tun. Ein Knopfgewusel und Herumgeblinke, selbst für stark Fehlsichtige nicht zu übersehen. Bildschirme aus der Prä-Apple-Klassik-Zeit. Und Videorecorder, um Aufgezeichnetes abzuspielen. In diesem Knöpfe- und Schalterkeller verrichten Walking Dead-Star Norman Reedus und Djimon Hounsou ihre Pflicht, und sie halten es gerade mal miteinander aus, wohlwissend, kurzerhand wieder weiterzuschlummern. Einer von den beiden hat aber ein Geheimnis, und das macht die ganze Szenerie durchaus interessant – wie es eben bei Zwei-Personen-Filmen interessant werden kann. Air ist ein sichtlich niedrigbudgetiertes B-Movie – angesichts des Equipments, das sich selbst für unsereins relativ schnell zusammenstellen lässt, vorausgesetzt, man hat einen Hobbykeller im Eigenheim und das Eingelegte lässt sich hinter Planen gut verbergen. Doch warum nicht – es kommt doch immer nur auf das Wie an. Und eine Idee dahinter, die natürlich zünden muss. Demzufolge hat das Science-Fiction-Kammerspiel nicht wirklich etwas falsch gemacht. Es ist ein kleiner Film, fast schon ein Intermezzo oder sagen wir ein Präludium zu etwas Größerem, zum eigentlichen Hauptfilm, der aber nie kommt. Eine solide Spielerei ist Air geworden, ein Filmchen unter Freunden, durchaus bedrückend, nicht weniger postapokalyptisch wie I am Legend oder der neuseeländische Endzeitthriller Quiet Earth. Zumindest gibts ein Backup im Dornröschenschlaf. Bleibt nur die Frage, welcher Prinz im Blaumann für den Aufwachkuss die Lippen schürzt.

Air

IO

LEBWOHL, ERDE

6,5/10

 

io© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: JONATHAN HELPERT

CAST: MARGARET QUALLEY, ANTHONY MACKIE, DANNY HUSTON, TOM PAYNE

 

Nochmals Danke an die Redaktion der deutschsprachigen Kinomagazins cinema für ihre Filmempfehlungen quer durch gefühlt alle Streamingplattformen, mit Gentle Reminders auf der Liste für längst vergessene Filme, die mit der richtigen Stimmung am Abend vor dem TV-Schirm durchaus vereinbar wären. Wie zum Beispiel der postapokalyptische Streifen IO.

Dabei ist IO alles andere als die wutentbrannte oder völlig mit jedweder Resignation ausgestattete Zukunftsvision einer Bestie Mensch, die sich selbst ihr Grab schaufelt. Nein, das ist IO sicher nicht. Dafür aber ein Abgesang. Nicht auf die Menschheit, denn die scheint es sich mehr recht als schlecht gerichtet zu haben, sondern auf unseren Planeten Erde. Und genau das, dieser Abschied, den man partout nicht nehmen will, der stimmt melancholisch, wehmütig. Das kann doch nicht das Ende dieser Jahrtausende währenden fruchtbaren Beziehung sein? Was genau war denn das Problem?

Nun – keine Luft zum Atmen ist zumindest ein driftiger Grund. Aus was für Gründen auch immer hat sich die Zusammensetzung der Atmosphäre grundlegend verändert. Der Film erklärt aber nicht, wodurch. Doch es ist hier nunmal Fakt, und tendenziell räumt Regisseur Jonathan Helpert sogar ein, dass Mutter Gaia vielleicht so etwas wie ein Bewusstsein hat, und irgendwann scheint sie die Nase voll gehabt zu haben. Luftentzug schien wirksam: der Mensch beginnt also, Raumschiffe zu bauen und die Erde zu verlassen. Als Ziel winkt der Jupitermond IO – eine riesige Raumstation umkreist den Himmelskörper im Orbit. Von dort weg soll ins System Proxima Centauri aufgebrochen werden, um erdähnliche Planeten zu finden. So gut wie fast alle haben den Planeten bereits geräumt. Manche harren aus – und suchen in den windtechnisch günstigen letzten Enklaven mit atembarer Luft nach einem Sinn hinter dem Zerwürfnis. Eine davon ist die Tochter eines Wissenschaftlers, gespielt von Margaret Qualley (das Hippiemädchen aus Tarantinos Once upon a Time… in Hollywood, die Brad Pitt schöne Augen macht), die immer noch Tests an Bienen durchführt. Dann schneit ganz plötzlich „Jules Verne“ Anthony Mackie mit seinem Heliumballon vom Himmel – um den Professor für seinen flammenden, aber letztendlich verpeilten Appell, auf der Erde auszuharren, zur Rechenschaft zu ziehen. Dabei dürfen beide den Start des letzten Shuttles aber nicht verpassen, bevor die Erde endgültig dicht macht.

Nein, bei dem Gedanken, Terra Lebewohl zu sagen, schnürt sich auch bei mir die Kehle zu. Mir geht’s da so wie Margaret Qualley, die eine Chance für einen Neuanfang in all der ganzen Katastrophe sieht, ungefähr so wie das Zombie-Mädchen Matilde aus dem Endzeit-Querdenker The Girl with all the Gifts. Vielleicht steckt ja hinter all dem ein Plan, ein biologisches, selektives Konzept? Sam Walden, so heißt die junge Frau, macht sich so ihre Gedanken, wägt ab was klüger ist – den Planeten zu verlassen oder ihm noch eine Chance zu geben? Gesprochen, überlegt und abgewogen wird hier viel, Spannungskino ist IO keines, hat keine Action und ist weit davon entfernt, Big Drama zu sein. Im Grunde passiert nicht viel, und vielerorts ist man auch nicht unterwegs. Leicht kann es sein, und IO darf sich den Vorwurf eines Langweilers gefallen lassen. Aus meiner Perspektive ist er das nicht. Denn dieser Knackpunkt, dieses Sich-Ausmalens, den Blauen Planeten zu den Akten zu legen, ist alles, was der schwermütige, stille Science-Fiction-Film beim Namen nennen will. Er spinnt daraus die letzte Strophe eines Farewell-Songs, oder anders gesagt fühlt sich IO an wie der letzte hallende Ruf zurück in die leere Wohnung der eigenen Kindheit. Der Mensch scheint erst jetzt, nachdem alles vorüber scheint, erwachsen geworden zu sein.

IO

A Quiet Place

HAST DU TÖNE!

6,5/10

 

null© 2018 Paramount Pictures

 

LAND: USA 2018

DREHBUCH UND REGIE: JOHN KRASINSKI

CAST: EMILY BLUNT, JOHN KRASINSKI, MILLICENT SIMMONDS, NOAH JUPE U. A. 

 

Besser spät als nie: den Überraschungshit von Ehepaar Krasinski/Blunt kann ich nun endlich von meiner Watchlist streichen. Die Kritikerstimmen aus dem Off ließen sich ja damals schwer ausblenden. Von innovativ bis sauspannend war alles zu hören. Ich ging in diesen Film also nicht ohne Vorbehalt und nicht ohne einer aus medialer Beeinflussung resultierender Erwartungshaltung. A Quiet Place also. Horror vom Feinsten? Eigentlich – und zum Glück für mich – weniger.

John Krasinksis Idee ist natürlich genial. Er schafft eine alternative Realität, in der wie mit dem Finger geschnippt (ähnlich wie bei Thanos) eine wenig autochthone Spezies auftaucht, die urplötzlich am Ende der Nahrungskette steht. Ein Bio-Invasor allererster Güte, da können sich Kaninchen, Langschwanzmakaken oder all die Nachtbaumnattern auf Guam einiges abschauen. Aber nicht, dass man sich nun ein Invasionsszenario wie in Independence Day vorzustellen hat, nein. Das ist nicht das Einfallen einer intelligenten Zivilisation, ganz im Gegenteil. Diese Kreaturen sind Tiere niedrigsten Instinkts. Blinde Carnivoren, die nur eines verdammt gut können – na gut zwei Dinge – mindestens so gut hören wie eine Fledermaus und tödliche Ohrfeigen verteilen. Ich denke mal da spürt man fast nichts, denn diese artspezifische Maniküre macht jeden Widerstand zwecklos. Wenn diese Viecher also nichts hören, ist alles gut. Leise sein ist die oberste Devise. Das sind natürlich Einschränkungen, so will keiner leben. Aber es muss, anders geht’s nicht. Musik schallt nur mehr via Ohrstöpsel, und die Gebärdensprache ist das neue Englisch.

Die trauernde Familie Abbott (zu Beginn des Films gibt’s gleich den ersten Schicksalsschlag) hat es sich also fernab urbaner Gefilde recht kommod eingerichtet. Sie bewältigen den Alltag, die Kreaturen sind allgegenwärtig. Größtes Problem allerdings – und darauf hängt Krasinski seinen Spannungsbogen auf – ist die Schwangerschaft von Emily Blunt. Mehr brauche ich dazu nicht sagen: Babys schreien nun mal, wenn sie auf der Welt sind, und die Geburt selbst verläuft vermutlich auch nicht gerade im Flüsterton. Hier tut sich für mich schon das erste große Fragezeichen auf: warum nur wird Frau während dieser konstanten Katastrophe schwanger? Es ist ja nicht so, dass sie vorher schon, bevor das Fingerschnippen eingesetzt hat, schwanger wurde – nein. Sondern während bereits alles im Argen lag. Man muss mit der Krise leben, schon klar, aber ich mach´s mir nicht schwerer als es ohnehin schon ist. Was noch seltsam und gleichzeitig nicht ganz so durchdacht anmutet: der Film gewährt uns einen Einblick rund eineinhalb Jahre nach der – sagen wir mal – Invasion, und der Mensch mit seinem Stand des Wissens und der Technik hat es nicht geschafft, herauszufinden, womit man den Tieren Herr werden kann? Während der Koexistenz von Mensch und Tier haben es erstere ohnehin nicht nur einmal geschafft, ganze Spezies auszurotten. Das Halali zur Jagd überhört Homo sapiens nur ungern, Waffen sind genug gebunkert, das ganze Militär wäre endlich für etwas gut. Bio-Invasoren gehören natürlich verdrängt, um das Ökosystem wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

In A Quiet Place hat die globale Bevölkerung anscheinend keinen Finger gerührt. Sei´s drum, vielleicht sollte man hier nicht allzu viel über plausible Gegebenheiten nachdenken, vielleicht ist unsere Zivilisation schon von etwas ganz anderem vernichtet worden. Einblicke und Erklärungen gibt’s in diesem Film bis auf ein paar Spickzettel im Office des Papas keine. Das ist fast zu wenig. Aber gut. Was zählt ist die Idee, und die kostet Krasinski 90 Minuten lang aus. Wichtig ist ihm hier das Element des Hörens und Gehörtwerdens. Die Toneffekte sind genial, aus der absoluten Stille heraus werden gar leise Knackgeräusche zum explosiven Kick-off aus der Resignation. Weder Blunt noch Krasinksi noch sonst wer sind die Stars des Films, sondern der Sound. Das alleine ist ein Kunststück. Es ist das Duell zwischen einer aphonen Welt und dem Weltreich des Klangs. Das birgt jede Menge faszinierende Szenen, und nicht zuletzt ist auch das Wesen selbst ein dringend zu offenbarendes Ergebnis kreativer Creature-Designer, die ein Hör-Wesen geschaffen haben, das so noch nie zu sehen war. Für mich als Monsterfan eine Augenweide, fast schon so gut wie Gigers Xenomorph. Leise durch die Gegend tapsen werde ich nach diesem Film aber trotzdem nicht. Weil Geräusche können täuschen, traue ihnen nicht 😉

A Quiet Place

The Girl with all the Gifts

ZOMBIE 2.0

7,5/10

 

girlwithallthegifts© 2016 SquareOne Entertainment

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, USA 2016

REGIE: COLM MCCARTHY

CAST: SENNIA NANUA, GLENN CLOSE, GEMMA ARTERTON, PADDY CONSIDINE, FISAYO AKINADE, DOMINIQUE TIPPER U. A. 

 

Was genau ist eigentlich eine Zombie-Apokalypse? Im Grunde genau das, was auch unsere Covid-19-Pandemie sein könnte. Eine natürliche Katastrophe, oder künstlich erschaffen und dann außer Kontrolle geraten. Zombies sind überdies popkulturell gesehen längst nicht mehr Ergebnis eines paranormalen Spuk-Phänomens, das aus der Friedhofserde kriecht (mit Ausnahme von Jim Jarmuschs jüngster George A. Romero-Hommage The Dead Don´t Die), sondern fast zur Gänze das wandelnde Symptom einer destruktiven Mikrobiologie. Mit Horror hat das nur peripher etwas zu tun – viel eher ist das geliebte Genre eine Subkategorie des Katastrophenfilms, das natürlich mehr Schockwirkung hat, weil hier Paradigmen der menschlichen Ethik ausgehebelt werden. Zum Beispiel das Fressen von Menschen. Aber, was sich viele Zombie-Filme nicht stellen, ist die Frage nach dem Danach: geht die Welt gerade wirklich unter? Ist die Menschheit dann wirklich vernichtet? Ist die Bezeichnung Apokalypse gerechtfertigt?

Nicht aus evolutionsbiologischer Sicht. In The Girl with all the Gifts ist die bluttriefende Katastrophe nichts anderes als ein globales Artensterben, und zwar das Sterben einer einzigen Art, der des Homo sapiens. Doch Moment – so kurzsichtig ist die Natur auch wieder nicht. Im Laufe der Erdgeschichte sind zu bestimmten Zeiten massenhaft viele Arten verschwunden, allerdings: freie Nischen werden neu besetzt. Wir sprechen von adaptiver Radiation. Eine Mechanik, die im Kreislauf der Natur nichts verschendet. So präzise hat noch kaum ein Film hinter den reißerischen Bodyhorror eines Zombie-Szenarios geblickt, außer vielleicht World War Z, aber im Vergleich zu Colm McCarthys Vision war dieser doch relativ schwachbrüstig, was das Verständnis der ganzen Situation anbelangt.

The Girl with all the Gifts ist also eines der Kinder, die sozusagen als zweite Generation an Zombies in die Welt gesetzt wurden. Wie es der evolutionäre Zufall eben so will, ist passiert, was sich keiner vorstellen will – und siehe da – die Jungspund-Untoten (was sie ja nicht sind) gieren nicht nur mit schnappendem Gebiss nach Menschenfleisch, sondern können auch eigenständig denken und sind lernfähig, solange der Pilz, der sich um ihre Gehirne gelegt hat (ja, wir haben es hier nicht mit einem Virus zu tun, ein Pilz ist aber auch recht unangenehm) nicht die Oberhand gewinnt und das kognitive Zentrum des Denkapparats lahmlegt. Wissenschaftlerin Glenn Close (sehr tough, sehr hemdsärmelig und pragmatisch) sieht in einem dieser Kids, eben dem Mädchen Melanie, die wandelnde Quelle eines Impfstoffs. Bevor aber der Silberstreifen am Horizont Gestalt annehmen kann, stürmen die Hungries, wie sie genannt werden, den Stützpunkt – und eine Handvoll Überlebender, mit Zombie Melanie im Schlepptau, flüchten nach London.

The Girl with all the Gifts birgt genretechnisch einen wahrhaft klugen Ansatz. Der Horror ist hier lediglich die Begleiterscheinung einer biologischen Neuorientierung. Man erfährt zwar nie, woher diese Pilzart eigentlich kommt, doch auch die Bedeutung des Pilzes ist nur eher zweitrangig. Richtig interessant ist der Zugang zu den Begrifflichkeiten vom Ende aller Tage oder der artenspezifischen Auslöschung. Evolution, selbst beim Menschen, sieht in ihrer Gesamtheit keine Auslöschung vor, sondern lediglich einen Übergang, eine Mutation oder Transformation. Mädchen Melanie, extrem klug und fähig, Beziehungen zu anderen Wesen aufzubauen, weiß das natürlich nicht sofort. Erst allmählich begreift sie alle Zusammenhänge, die ihre Begleiter nicht sehen. Wir als Zuseher ahnen es, hängen an ihren Erkenntnissen, sind fasziniert von diesem Pionier- und Revierverhalten, von dieser hereinbrechenden neuen Ordnung, die in ihrer logischen Konsequenz ausnahmsweise mal und für einen Film eher ungewöhnlich, mutig genug ist, sich selbst zu Ende zu denken. Das Ergebnis mag zwar nicht allen schmecken, und vielleicht ist diese Neuordnung nicht der Natur optimalste Lösung (wäre interessant, das weiter zu beobachten), jedoch für den Moment wird die dem Zombiegenre inhärente Unlogik vom sich todlaufenden Ende der Nahrungskette konterkariert und nicht nur einen, sondern gleich mehrere torkelnde Schritte weitergedacht.

The Girl with all the Gifts

Zombieland: Doppelt hält besser

ALLTAGSWITZE ZUR ENDZEIT

6/10

 

zombieland2© 2019 Sony Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: RUBEN FLEISCHER

CAST: WOODY HARRELSON, JESSE EISENBERG, EMMA STONE, ABIGAIL BRESLIN, ROSARIO DAWSON, LUKE WILSON U. A.

 

Die Welt der Witze. Es gibt Schülerwitze, Beamtenwitze, morbide Witze und Sexwitze. Es gibt für jede Kategorie im Leben ganz spezielle Witze. Es gibt auch für Zombies Witze. Ruben Fleischer, Macher des Venom-Erstlings (Teil 2 soll folgen) hat eine Menge solcher Witze zusammengesammelt, gehortet und einen Film daraus gemacht. Entstanden ist: Zombieland: Doppelt hält besser. Wenn man so will: Band 2 einer Witzeanthologie, dessen Inhalt sich natürlich ausgiebig und herrlich süffisant über das Wesen des Zombieseins mokiert. Und über den Alltag derer, die diese Apokalypse überleben wollen. Dabei hat man in Zombieland, wenn man es richtig anstellt, eigentlich das schönste Leben. Gratis Stromversorgung (dass alle Umspannwerke dieser Welt immer noch in Betrieb sind, ist bemerkenswert), kostenlose und unverderbliche Waren aller Art, und vor allem Munition, denn die ist lebenswichtig. Und natürlich das ganze Weiße Haus für die Familie rund um Tallahassee, seines Zeichens glorreicher Siebter, der Padre unter den versprengten Nerds. Woody Harrelson agiert als väterlicher Sprücheklopfer mit ausreichend kumpelhaftem Sarkasmus und geradezu kindlicher Spielfreude. Endlich mal wieder eine Rolle, die so leicht von der Hand geht, als wäre erlerntes Schauspiel gar nicht gefragt. So geht es Emma Stone, Jesse Eisenberg und Abigail Breslin auch. Zombieland verlangt nämlich nur eines: Sinn für perfiden Humor, Scheißdirnix-Attitüden und die Bereitschaft, jede Albernheit auszuleben.

Dabei ist die teerblutige Witzkiste mehr ein Benutzerhandbuch für das Ausleben postapokalyptischer Freiheiten mit allerlei Regeln und Geboten, die dann in dreidimensionalen Lettern durchs Bild rauschen. Fit bleiben ist eine davon, mit leichtem Gepäck zu reisen eine andere. Rund um diese Spaßfreudigkeit aber bleibt der Plot so trostlos leergeräumt wie die ganze ex-zivilisierte Welt. Die Spannungsschraube ist dem erodierenden Verfall preisgegeben worden, und die gut aufgelegte Baller-Kombo liebäugelt aber eigentlich mit einem ganz anderen Medium: mit dem einer Sitcom. Dafür passt Zombieland so angegossen wie der Schuh von Elvis Presley. Die Alltagskalauer, aufgefädelt und aneinandergereiht wie Perlenketten vor die Untoten, folgen – und der Vergleich ist durchaus krass – dem inhaltlichen Konzept der prähistorischen Abenteuer von Ice Age: ein Road- oder Feetmovie von A nach B, währenddessen lernt man neue Freunde oder Feinde kennen, nimmt sie mit oder lässt sie zurück, und am Ende kommt ein Showdown, der nun mal kommen muss, sonst hätte Zombieland genauso wie Ice Age keinen Höhepunkt, sondern würde nur so vor sich hinplätschern wie zwar zerstreuendes und durchaus angenehmes, aber beiläufiges Kaminfeuer. Keine Frage, Zombieland unterhält. Dem Ensemble zuzusehen macht Spaß, man lacht und wundert sich. Und wendet nicht mal angeekelt den Blick von Blut und Erbrochenem ab, weil all diese Körper- und Magensäfte Teil eines Gesamtcartoons darstellen, der in seiner lustwandlerischen Überhöhung als groteske Sketchparade sein Handwerk versteht.

Hat man Zombieland aber nicht gesehen, ist die Lust nach Zombiewitzen entweder längst gestillt oder Witzetypen sind andere, was durchaus in Ordnung wäre, da ein Versäumnis von Ruben Fleischers Ramba-Zamba-Streifen zwar ein Guilty Pleasure, aber kein Call of Duty ist. Für Zerstreuung und Abstand von einem teils zomboiden realen Alltag ist die spielfilmlange Sitcom durchaus ideal. Cameos und Easter Eggs auf die untote Popkultur sind sowieso immer der Bringer. Sonst aber fühlt sich Zombieland an wie ein launiges Zwischenspiel, eine Etappe – ein Intermezzo von etwas Gewichtigerem, Substanziellerem, was aber nicht da ist, was man aber gerne vermuten würde. So wie ein Ziel in diesem ziellosen Amerika, dass anscheinend nur die Zombies haben.

Zombieland: Doppelt hält besser