KIN

EINEN AN DER WAFFE

7/10

 

KIN© 2918 Concorde Filmverleih GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: JONATHAN & JOSH BAKER

CAST: MYLES TRUITT, JACK REYNOR, JAMES FRANCO, DENNIS QUAID, ZOË KRAVITZ, MICHAEL B. JORDAN U. A.

 

In den Foyers meiner Lieblingskinos waren sie noch hinter schwer übersehbare Leuchtrahmen gespannt: die Filmposter zum Science-Fiction-Thriller KIN, ansprechend beworben und vielleicht auch gar nicht uninteressant. Ein bisschen verwandt mit Ready Player One vielleicht, aber das hätte auch nur eine Täuschung sein können. Dass der Streifen dann letztendlich doch gar nicht bei uns in den Kinos lief, das wusste ich bis heute nicht. Zur Entschuldigung: andere Filme hatten höhere Priorität, und KIN verabschiedete sich in die hintere Peripherie meiner kinematographischen To-Do-Liste. Aber dann war KIN wieder da, zeitgerecht zum eigenen Retail-Start, und die Neugier daran, wie gut ein Film über eine High-Tech-Wumme eigentlich sein kann, wieder geweckt. Allerdings könnte das Herunterbrechen des filmischen Plots auf extraterrestrische Waffengeilheit am eigentlichen Sinn des Filmes vorbeigehen. Rezensierende Onliner aus diversen Filmredaktionen könnten hier falsche Hoffnungen wecken, oder vorprogrammierte Enttäuschungen. Propaganda für die Rüstungsindustrie könnte im Endeffekt auch ganz anders aussehen. Und tut es auch.

KIN gleicht auf den ersten Blick generischer High Quality einheitsbreiiger Netflix-Dystopien. Die technische Rafinesse erfüllt da immer weit mehr als seine Pflicht, hat stets Hand und Fuß. Ausgebremst werden diese Filme dann eher auf der drehbuchtechnischen Seite. Oder dort, wo sich erstarkendes vielversprechendes Schauspiel einem straffen Dreh-Zeitplan geschlagen geben muss. Zum Glück aber ist das nur der erste Blick. Bei längerer Betrachtung könnte die Langfassung des Kurzfilms The Bag Man, geschrieben und inszeniert von den Neulingen Jonathan und Josh Baker, aus dem Teststudio Oats von Neil Blomkamp stammen. Blomkamp, das wissen wir, ist Spezialist für technologische Science-Fiction, für das Mergen organischer mit extraterrestrischen oder künstlichen Organismen, für das Ausloten technisierter Gesellschaftsformen, die herrschen oder beherrscht werden. Dazwischen herrscht das Gesetzlose. In KIN ist die wie ein überdimensionales Zippo-Feuerzeug aussehende Gerätschaft rätselhaftes Objekt allerdings nicht der Begierde, sondern einer Gelegenheit, die Diebe macht. Gestohlen hat die dubiose X-Box mit Leuchtemblem ein Adoptivjunge namens Eli, der in verlassenen Fabrikgebäuden herumstreunt und nach Rohmaterialien sucht, um diese am Schrottplatz zu verscherbeln.

Dieses formschöne Teil mit Joka-Bett-Aufklappmechanismus entpuppt sich relativ schnell als Kriegsspielzeug, als Waffe gegen wen auch immer, allerdings scheint sie nicht von dieser Welt, und all die gesichtslosen Toten, die da an einem Tag noch zwischen versprengten Trümmern herumkugeln und nächsten Tag verschwunden sind, schüren natürlich den Glauben ans Paranormale. Und hätte der Junge nicht andere Probleme, nämlich jene mit seinem älteren Bruder, hätte er sich auch vermutlich länger darüber den Kopf zerbrochen. Dieser Bruder Jimmy, der ist ein Ex-Knacki, und schuldet einem tätowierten, finster dreinblickenden und diabolisch grinsenden James Franco jede Menge Schutzgeld noch aus Zeiten im Knast. Woher nehmen, wenn nicht auch stehlen, und zwar aus der Portokassa von Papa Dennis Quaids Baufirma. Das Hazardspiel endet natürlich mit dem Sensenmann, und Eli ist bald samt Knarre gemeinsam mit dem windigen Bruder unterwegs auf der Flucht. Dass die Waffe im Laufe des spannenden Katz- und Mausspiels ab und an im Spiel der freien Mächte den Ton angeben wird, war zu erwarten. Wobei die Not am Mann erst zu selbiger greifen lässt. Waffennarren sind hier alle keine am Zug, zum gefälligen Amoklauf im Geiste wird diese Vision auch nicht verleiten, zu nüchtern und reuig gibt sich Newcomer Myles Truitt, der als stoischer Teenie-Freak aus seinen Fehlern lernen möchte. So eine Waffe ist da nicht sehr hilfreich, allerdings ist sie wie ein Spielzeug, dass seine Letalität durch das bunte Verpuffen von Materie, ganz so wie beim Niesen eines Regenbogennashorns, gefährlich verharmlost.

Weniger verharmlost sind die stereotypen Finsterlinge, die sich der üblichen Muster bedienen. Wäre die metaphysische Komponente nicht, die wie ein Cyberpunk-Damoklesschwert über dem routinierten, allerdings straffen Thriller hängt, hätte KIN auch keinerlei Besonderheiten zu bieten. Die rätselhaften Daft Punk-Ritter, die auf spielberg´sche Suspense-Art dem Jungen auf der Spur sind, durchbrechen dann aber doch noch die Dimension des prominent besetzten Eindimensionalen und steuern den Streifen auf ein finster-verspieltes High-Tech- & Crime-Drama zu, voller Action und elegant platzierter Effekte zwischen Tron und einem alternativen Prolog für Enders Game.

KIN

Triple Frontier

NEHMEN WAS MAN KRIEGEN KANN

6/10

 

triplefrontier© 2019 Netflix

 

LAND: USA 2019

REGIE: J. C. CHANDOR

CAST: OSCAR ISAAC, BEN AFFLECK, PEDRO PASCAL, CHARLIE HUNNAM, GARRETT HEDLUND U. A.

 

Da gibt es dieses Abenteuer-Brettspiel, es nennt sich Drachenhort. Da ziehst du als mittelalterlicher Krieger durch ein Labyrinth, in dessen Zentrum sich der Hort des Drachens befindet. Ähnlich wie Dungeons & Dragons, habe ich aber noch nie gespielt. Beim Drachenhort, da kannst du, wenn der Drache schläft, Schätze raffen. Und das kannst du immer wieder tun, bis der Drache dann doch erwacht – und du alles verlierst. Die Gier war in diesem Fall ein Hund, beim nächsten Mal wird dein Vorgehen womöglich weiser und leiser sein. Wenn es denn ein nächstes Mal gibt. Beim Brettspiel lässt sich das bewerkstelligen. Im simulierten Leben eines Filmes zwar auch, aber das hängt ganz davon ab, ob wir einen Groundhog Day haben oder es Kohle für ein Reboot gibt. In Triple Frontier steht beides nicht zur Wahl. Da müssen die fünf Söldner, darunter Ben Affleck, Oscar Isaac und Charlie Hunnam, sofort die richtige Entscheidung treffen – und vielleicht ihre Gier zügeln, bevor der schnaufende Riese erwacht. Ich könnte hier jetzt noch andere Sprichwörter bemühen, welche die neue Netflix-Produktion in einer abschließenden Moralpredigt auf einen Einzeiler reduzieren. Aber das würde vielleicht zu viel über den Film verraten. Obwohl sehr bald absehbar wird, wohin der ganze Einsatz führen wird.

Wüsste ich es nicht besser, würde ich zumindest in der ersten Filmstunde darauf warten, endlich das unverwechselbare Botox-Konterfei Sylvester Stallones zu erhaschen. Stattdessen habe ich „Poe Dameron“ vor mir, der seine alte Militärgang zusammentrommelt, um einem Drogenboss im brasilianischen Dschungel das Handwerk zu legen. Darüber hinaus soll der Drachenhort des Bösewichts geplündert werden und in die eigene Tasche wandern. Millionen, die da winken. Jeder kann sie brauchen, vom Piloten bis zum kühlen Kopf der Planung. Alles erinnert unweigerlich an den wilden Haufen der Expendables, nur weniger selbstironisch, ernsthafter und im Stile eines Tom Clancy-Thrillers, der zwar mit Politik nichts am Hut hat, seine Helden aber unter der Flagge trotzigem Es-Steht-mir-zu-Idealismus in die grüne Hölle schickt. Thriller wie diese ohne politischen Bezug gibt es ja kaum mehr, Triple Frontier ist so eine Reminiszenz an die alte Schule der 80er, als Chuck Norris noch Missing in Action war oder Arnold Schwarzenegger als Phantom-Kommando seine Tochter retten musste. Aufgesetzt ernsthaft, plakatives Actionkino pur. Triple Frontier erinnert daran, wird aber durch seine begleitende Parabel über die Gier zu einem fingerzeigenden Haudrauf-Märchen und tauscht den moralinsauren Lerneffekt gegen eine gewisse Schadenfreude. Der Fischer und seine Frau fällt mir da noch ein – oder Hans im Glück. Nur Hans im Glück ist froh, den Klumpen Gold nicht mehr tragen zu müssen, während unsere Robin Hoods den für den karitativen Selbstzweck unter den Nagel gerissenen Reinerlös niemals nicht liegenlassen würden. Niki Lauda hätte gesagt: „Wir haben ja nichts zu verschenken!“ Ein Geizgeständnis, das natürlich Folgen hat. Und die führen quer über die Anden. Zwischen Stoßtrupp Gold und Three Kings wird obendrein also noch ein recht solider Survivaltrip mit Heli, Muli und per pedes.

J.C. Chandor hat sich nach Finanz- und Ein-Mann-Katastrophen (Margin Call, All is Lost) dem Genre des Actionfilms zugewandt. Das beschert landschaftliche Augenweiden, viel Grün und Exotik. Chandor weiß sehr gut, wie er die Umgebung in seinen Film miteinbezieht. Seine Figuren aber bleiben, was sie sind: stereotype Haudegen, Männerrollen wie aus den Bastei Lübbe-Heftchen, unwahrscheinlich fit, selten gesegnet mit Selbsterkenntnis und in naivem Heroismus ehr-geizige Ziele verfolgend. Das ist charakterlich recht obsolet und flach, einen Kreise ziehenden Mehrwert hat das handfeste Rififi keinen. Dafür aber wird bei den Rollenklischees nicht so schwarzweißgemalt wie es bei einem Film wie diesen eigentlich zu erwarten war. Alles in allem also ein Abenteuer in rutschfesten Stiefeln und mit jeder Menge Kleingeld – wie ein Erlebnisurlaub für harte Kerle im Krisengebiet mit niemals sinkender, aber sickernder Moral, die uns klarmacht: Geiz ist nicht immer geil.

Triple Frontier

Wo die wilden Menschen jagen

MÄNNER ALLEIN IM WALD

6,5/10

 

wodiewildenmenschenjagen© Sony Pictures 2016

 

LAND: NEUSEELAND 2016

REGIE: TAIKA WAITITI

CAST: JULIAN DENNISON, SAM NEILL, RIMA DE WIATA, RACHEL HOUSE, TAIKA WAITITI U. A.

 

Was macht eigentlich eine WG voller Vampire die liebe lange Nacht? Wer wäscht das Geschirr, wer bringt den Müll raus? Und überhaupt – was passiert, wenn so ein Untoter statt Blut ganz andere Nahrung zu sich nimmt? Über diese Pseudo-Fakten hat uns der Neuseeländer Taika Waititi vor 5 Jahren relativ augenzwinkernd aufgeklärt – obwohl 5 Zimmer Küche Sarg jetzt nicht durchwegs ein geglückter Film ist. Aber zumindest macht er neugierig. Und neugierig hat mich auch das dritte Abenteuer von Thor gemacht. Der Tag der Entscheidung hat dann noch dazu meine Erwartungen erfüllt – denn so ein Genre und so ein Thema verlangen Künstler, die sich selbst, die Kunstrichtung Film und ihre zu erzählenden Geschichten von Grund auf nicht ganz ernst nehmen. Sie lachen gern darüber, schöpfen bei so einem Budget, wie Marvel es hat, aus dem Vollen und modellieren wie mit Fingerfarben und FIMO zum Beispiel ein reueloses Spektakel zwischen Mythen, Märchen und knallbunten Comic-Panels. Ein großer Wurf, dieses Thor-Abenteuer. Man sollte Waititi für ein weiteres Abenteuer aus dem Avengers-Kosmos verpflichten, aber mal sehen, was da kommt. Irgendwo zwischen dem Vampir-Klamauk und dem Blockbuster-Kino verirrte sich noch ein weiterer Film ins letztjährige sommerliche Outdoorkino, der im regulären Programm keinen Platz finden konnte: die skurrile Tragikomödie Wo die wilden Menschen jagen.

Das erinnert mich an das Kinderbuch von Maurice Sendak – Wo die wilden Kerle wohnen – 2009 verfilmt von Spike Jonze. Aber damit hat Waititi´s Film nichts zu tun. Die wilden Menschen sind in diesem Fall ein alter Grantler und ein kugelrunder Teenie. Letzterer ist das widerborstige Waisenkind Ricky Baker, der bei Pflegeeltern auf dem Land unterkommt. Pflegemama Bella weiß, wie dieser zynische Kleinbürger zu nehmen ist. Ihr Ehemann Hec weiß das nicht, denn der ist ein mürrischer Misanthrop, der sich in der Wildnis Neuseelands zwar auskennt, sozial aber überhaupt nichts am Kasten hat. Wie es das Schicksal leider will, segnet die fürsorgliche Ziehmutter unerwartet das Zeitliche – und der längst eingelebte Knabe Ricky Baker soll wieder zurück ins Heim geholt werden. Das geht natürlich gar nicht, dann also lieber in die Wildnis – und Ricky reißt aus. Dessen Flucht zieht einen ganzen Rattenschwanz an Verfolgern nach sich – von Polizei über Medien bis Fürsorge. Allen voran aber den alten Knurrhahn Hec, der sich, wie kann es wohl anders sein, mit seinem Schützling zwischen Farn, Fluss und Lagerfeuer so richtig väterlich anfreundet.

Eine schöne Geschichte – eine eigenwillige Umsetzung. Aber das ist typisch Waititi´s Handschrift. Wer die Vampir-Kommune und Thor´s Gladiatorenkampf mit Hulk kennt, wird auch bei Wo die wilden Menschen jagen bemerken, dass der Neuseeländer einen deutlichen Hang zur ausgelassenen Spielerei hat. Teilweise wirkt seine Waldkomödie wie ein Beitrag aus dem Kinderfernsehen, von Kindern inszeniert. Dann verbindet Waititi stille Momente der Schönheit mit schwarzem Humor. Seine Figuren sind stets positiv motiviert. Sie sind, auch wenn sie trauern – auch wenn sie wütend oder emotional gebeutelt sind – erfrischend mutig, unbeugsam und rotzfrech optimistisch. Am Ende könnte doch alles gut werden, zumindest ahnt Waititi das. Und es ist ihm auch hier ein Anliegen, das zu vermitteln, auch wenn das Versteckspiel in der Botanik immer knapp am Unglück vorbeischrammt. Was der großartig waldschratige Sam Neill und der trotzige Julian Dennison, den wir als Firefist aus Deadpool 2 kennen, verqueren Situationen alles abgewinnen können, bis gar nichts mehr geht, ist von kindlich-naivem Charme. Wie ein Cartoon für Nerds wie Ricky Baker – leicht zu konsumieren, scherzhaft fabulierend und in der Wahl inszenatorischer Extras abwechslungsreich und originell. Zwischendurch fällt es zwar etwas schwer, sich dauerhaft empathisch an die Fersen der beiden impulsiven Eigenbrötler zu heften, doch den beiden eine glückliche Zukunft zu wünschen wird zu einem echten Anliegen. Und dann freut man sich – wie Taika Waititi, der sichtlich Spaß am Filmemachen hat. Und sein Publikum diesen Umstand auch spüren lässt.

Wo die wilden Menschen jagen

Outlaw King

BLUT UND BODEN

7/10

 

OK_05200.CR2© 2018 Netflix

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: DAVID MACKENZIE

CAST: CHRIS PINE, FLORENCE PUGH, AARON TAYLOR-JOHNSON, STEPHEN DILLANE U. A.

 

William Wallace hat gesiegt. Zumindest posthum, 690 Jahre nach seiner Hinrichtung. Und wiederauferstanden in der virtuellen Welt des Kinos, in der Gestalt eines jungen Mel Gibson, mit teils blau bemaltem Gesicht und zotteliger Mähne. Wütend, einnehmend und letzten Endes bestialisch ermordet. Aber dennoch: 5 Oscars für seine Geschichte, darunter Bester Film. Für die Schotten wäre die mediale Aufarbeitung seiner Taten sowieso nicht notwendig gewesen, sie verehren ihren Nationalhelden unaufgefordert bis heute. Was für uns vielleicht Prinz Eugen von Savoyen, ist für den hohen Inselnorden der Ritter aus Elderslie. Doch warum erzähle ich das? Ganz einfach – das Schicksal des William Wallace ist relativ eng verknüpft mit den Erlebnissen eines gewissen Robert Bruce oder the Bruce, Zeitgenosse der eingangs erwähnten historischen Gestalt und in den letzten zwei Dekaden seines Lebens König von Schottland. Natürlich nicht von heute auf morgen, da ist viel Blut sämtliche Flussläufe Kaledoniens hinabgeflossen, unzählige Gräueltaten vollbracht und Menschen verschleppt worden. Das Mittelalter, das brauche ich niemandem erzählen, war trotz aller wildromantischer Verklärungen in Sagen, Legenden und Fantasy eine fürchterlich brutale Epoche bar jeglicher Menschenrechte. Könige wie Eduard der I., der damals das britische Inselreich mit eherner Faust regierte und nach langem Kampf die Anführer des mühsam niedergerungenen Schottlands zu Kreuze kriechen ließ, waren Ungeheuer der Macht, die mit nichts ihre gottgleiche Gier gezügelt sehen wollten. Unter diesen gebeugten Häuptern war eben auch Robert Bruce, der nach der Einnahme Schottlands nun unter Englands Fuchtel genötigte Disziplin an den Tag legen musste. Ihm zur Zwangsheirat verpflichtet: Elizabeth de Burgh, die Tochter eines Vertrauten des englischen Königs. Schwer, jetzt nochmal aufzubegehren. Aber genauso schwer, das rücksichtslose Rekrutieren der Engländer auf Dauer zu dulden. Die Hinrichtung des Landsmannes Wallace – um hier nun die Brücke zu schlagen – auf dreierlei Grausamkeit, nämlich Hängen, Ausweiden und Vierteilen (die übliche Vorgangsweise bei Verrätern der Krone) und der anschließende Trophäenaushang direkt vor der Nase von Robert brachte das Fass dann allerdings zum Überlaufen.

Was folgt, ist eine entbehrungsreiche Hasenjagd quer übers Hochland und durch die spärlichen Wälder, die es damals noch gab. Ein Mobilisieren des Widerstands, ein Verraten, Verbrüdern und Opfern. Und mit jeder Menge Blut, das den Boden tränkt. David Mackenzie, der bereits schon für seinen Neo-Western Hell or High Water mit „Captain Kirk“ Chris Pine zusammengearbeitet hat, macht nun für das Patschenkinoportal Netflix seinen Star erneut zum Asozialen – diesmal aber mit Kettenhemd, Helm und Schwert, das in abendfüllender Vehemenz nicht zur Ruhe kommen wird. Wer mit dem Faustrecht des Stärkeren in Michael Hirst´s Vikings, bereits in der 5. Staffel angekommen, nach wie vor mitfiebert und auch während den grandios inszenierten Schlachten von Game of Thrones nicht die Hand vor Augen hält, wird in Outlaw King zielgruppengenau unterhalten werden. Mackenzie´s in schottischer Weite schwelgendes, prächtig ausgestattetes Epos aus dem frühen 14. Jahrhundert ist bei Weitem kein gefälliges mittelalterliches Treiben zwischen Minne und intriganten Machenschaften. Outlaw King ist ein Politthriller basierend auf historischen Fakten. Es geht um Rebellen, Unterdrückung und Selbstbestimmung. Das alles in geradezu nüchterner Betrachtung. Zurückhaltend, aber nicht emotionslos. Packend, aber weit entfernt von schwermütigem Kitsch. Pine ist als Robert Bruce ein stiller, fast schon stoischer Denker, ein Pragmatiker unter dem Herrn, der seine Wut zu zügeln weiß – und womöglich deshalb anführen kann. Gut möglich, dass dieser spätere Robert I. tatsächlich so war, ein Grund mehr, Outlaw King als gut recherchiert zu betrachten. So wie die explizite Gewalt, die teilweise über den Bildschirm wütet, sich bis auf einige drastischen Schockmomente aber der spannenden Geschichte zuliebe zügelt. Meist geht das Schlachten in seinen Details im Chaos waffenklirrender Handgemenge unter – ähnlich wie in Mel Gibson´s eingangs erwähntem Meisterwerk, und ähnlich brillant choreographiert.

Outlaw King ist martialisches Mittelalterkino, windumtost, schlammig und karg. Und eigentlich fast als Spinoff-Fortsetzung von Braveheart zu betrachten, da beide Filme chronologisch überlappen. In Anbetracht der Fülle historischer Aufarbeitung, was die Brexit-Insel betrifft, würde ich mir endlich mal ähnliches Eventkino aus dem Herzen Europas wünschen. Andreas Prohaska ist mit seinem Dreiteiler über Maximilian diesem meinem Verlangen schon einige geharnischte Schritte entgegengekommen – aber was ist mit König Ottokar? Oder Rudolf I.? Da gibt es noch jede Menge Stoff. Da muss man gar nicht auf fiktive Welten ausweichen. Für Liebhaber kinematographischer Zeitreisen, die gerne am Boden der Tatsachen bleiben und sich sowieso gerne jenseits von Kino und TV zwischen Burgmauern herumtreiben, führt eigentlich kein Weg an Mackenzie´s biographisch-politischer, aber keinesfalls verklärender Königsgenese vorbei.

Outlaw King

Mile 22

DER FEIND MEINES FEINDES

4/10

 

mile22© 2018 Universum

 

LAND: USA 2018

REGIE: PETER BERG

CAST: MARK WAHLBERG, IKO UWAIS, LAUREN COHAN, RONDA ROUSEY, JOHN MALKOVICH U. A.

 

Der Feind meines Feindes – der ist doch bekanntlich mein Freund, oder nicht? Muss nicht sein, schon gar nicht wenn keiner dem anderen trauen kann. Aber was tun, wenn dieser Freundesfeind alles hat was du brauchst. Nämlich den Zugangscode für eine Festplatte, die brisante Details über illegal gelagertes Cäsium bewahrt und diese Info so lange nicht rausrücken will, bis besagter Überläufer in wohligem Gewahrsam der USA weilt. Das Problem bei der Sache – wir befinden uns in Mile 22 in einem Konsulat inmitten einer fiktiven südostasiatischen Stadt namens Indocarr – bitte keine Vergleiche mit realen Ballungsräumen ziehen, wobei sich Jakarta oder Kuala Lumpur als Vorbilder geradezu aufdrängen. Dieses Indocarr ist politisch betrachtet ziemlich korrupt und hinterfotzig, und diese Hinterfotzigkeit ruft natürlich paramilitärische Gruppen auf den Plan, wie jene, die von Choleriker Mark Wahlberg angeführt wird. Der Lieblingsschauspieler von Peter Berg, welcher hier auch wieder Regie führt, kennt sich ja schon seit The Departed mit Ungustln aus, und auch die Rolle des soziophoben Querkopfs, der auf dem Papier zu den „Guten“ gehört, fällt ihm sichtlich leicht. Der, mit dem er es aber zu tun bekommt, entlockt zumindest bei hartgesottenen Fans des asiatischen Actionkinos ein Jauchzen des Wiedererkennens: Bereits schon legendär als Polizist Rama in den beiden blutigen Actionslashern The Raid und The Raid 2, darf Choreograph Iko Uwais zumindest mal anfangs so tun, als brauche er ganz dringend politisches Asyl. Auf ihn aber haben es alle Bluthunde der Welt scheinbar abgesehen, darunter auch die Russen. Außer Landes bekommt man den ausgebildeten Selbstverteidiger aber nur mit dem Flieger – und dieser liegt besagte 22 Meilen vom Konsulat entfernt.

Der Survival-Trip durch den Großstadtsdschungel ist also Kernstück dieses filmischen Kugelhagels, in dem Menschen sterben wie die Fliegen. Dabei scheint es aber aus meiner Sicht mit der Grundidee für Action wie diese gehörig zu hapern. Wir haben die Botschaft der Vereinigten Staaten auf der einen Seite, und den Flugplatz mit einem Flugzeug, das maximal zehn Minuten auf dem Boden bleiben kann, auf der anderen – das Zeitfenster ist also eng. Dass es wirklich keine andere Möglichkeit gibt als nur mit dem Auto von A nach B zu kommen, kann mir keiner weismachen. Dieses wie so oft betonte Sonderkommando, dessen Profis angeblich wie Geister fungieren, lässt das Parapsychologische aber ziemlich außen vor. Bei so viel Getöse, mit dem diese Superkämpfer, mehr Pfuscher als Professionisten, hier aufmarschieren, weiß die ganze Hemisphäre, dass hier heisse Fracht unterwegs ist. Ein Helikopter wäre ein Stichwort, dass man ins Brainstorming hätte werfen können. Innerhalb von wenigen Minuten wäre der Most Wanted Man in Sicherheit. Taktisch klug wäre auch die Alternative, falsche Fährten zu legen. Und warum wartet Oberboss Malkovich (ähnlich blass, nichtssagend und verheizt wie Gary Oldman in Hunter Killer) ewig auf die Freigabe für den Einsatz der Drohne, die das ganze Unterfangen wie Big Brother aus der Luft beobachtet und jederzeit eingreifen könnte? Der Plot stimmt also hinten und vorne nicht. Möglich aber, sich damit anzufreunden – aber auch dann bleibt ausser viel Getöse nicht viel übrig.

Gut vorstellbar, dass sich Peter Berg mit Raid-Macher Gareth Evans auf einen Kaffee getroffen hat. Der hat ihm dann Iko Uwais empfohlen, damit dieser einen Film produzieren kann, der ungefähr so aussieht wie seine eigene martialische Hochhaus-Invasion aus dem Jahr 2011. Und das tut Mile 22 dann auch. Nämlich ganz so danach auszusehen. Mit der Eleganz eines Ego-Shooters massakriert sich das kugelsichere Häufchen Elend durch eine niemals enden wollende Horde fieser Handlanger, die endlos Munition verballern. Mit dabei eine fahrige Kamera, die von der durchdachten Choreographie des Tötens nicht viel mehr übrig lässt als hektisches Bildwedeln. Dazwischen ein Mark Wahlberg im Verhör, der sich unendlich weise vorkommt, eigentlich aber nur Phasen drischt, die von arrogantem Alpha-Gehabe dominiert wird. Mile 22 ist mehr eine Trittbrett-Hommage an das moderne Asia-Action-Kino als eigenständiges Spannungsvehikel. Was Peter Berg mit Boston so souverän getimt hat, verliert sich hier in zeitvergeudender Hudelei. Selber schuld, wenn all die starken Krieger und Kriegerinnen letztendlich zu spät kommen.

Mile 22

A Girl Walks Home Alone at Night

BLUTDURST UNTERM TSCHADOR

5/10

 

girlwalkhome© 2014 capelight pictures

 

LAND: IRAN 2014

REGIE: ANA LILY AMIRPOUR

CAST: SHEILA VAND, ARASH MARANDI, MARSHALL MANESH, DOMINIC RAINS U. A.

 

Vampirismus unterm Tschador, das ist natürlich etwas, worauf jemand erstmal kommen muss. Die Mythologie der Blutsauger ist im Grunde ein ureuropäisches Schauerthema, dass maximal seinen Weg nach Nordamerika gefunden hat – natürlich mitsamt den Einwanderern, die Dracula und all seine Konsorten mit im Schlepptau hatten – ganz so wie seinerzeit Nosferatu aka Max Schreck im Holzpyjama den Weg übers Meer antreten durfte, zum Leidwesen der Lebenden. Diesmal aber schielt die frei fabulierbare Welt der Untoten, die ihren Ursprung einem Mix aus den biographischen Abscheulichkeiten von Vlad dem Pfähler und Gräfin Bathory zu verdanken hat, nach Osten, bis weit über das Heilige Land hinaus in den Iran.

Die in den USA aufgewachsene Regisseurin Ana Lily Aminpour hat nach etlichen Kurzfilmen 2014 ihr erstes Langfilmdebüt vorgelegt – nicht wirklich eine Verbeugung vor dem Land ihrer Ahnen, viel mehr der richtige Ort, um einer Traumfantasie Bodenhaftung zu verleihen, die so sehr künstlerische Vorbilder wild gestikulierend durchzitiert und trotz allem als geschmackskreativer Genremix einen völlig neuen Stil skizziert – ganz so wie Quentin Tarantino, der aus Elementen des Eastern und des Spaghettiwesterns leidenschaftliche Potpourris großer, bizarrer Dramen auf die Leinwand gewuchtet hat. Aminpour versucht im Grunde Ähnliches – in ihrem Vampirdrama finden sich Anleihen des Italowesterns, des Halbstarkenkinos der 50er Jahre und Murnaus expressionistischen Albträumen, im Grunde des deutschen Kinos aus den 20ern. Verwoben hat sie diese Stilelemente durchaus geschickt, wobei ihre Hauptdarstellerin Ina Vand als namenlose Blutsaugerin einer Ikone des verführerischen Grauens gleich urplötzlich in scheinbar wetterlosen, nächtlichen Landschaften gleich aus dem Boden zu wachsen scheint und das eigentliche, wenn auch einzige Highlight des experimentierfreudigen Kunstfilms darstellt. Denn am Drehbuch selbst, da hätte Aminpour noch ordentlich feilen können.

Bildsprachlich gelingt der Künstlerin in A Girl Walks Home Alone at Night virtuoses Kino in seltsam verfremdeten Schwarzweiß, als wäre die fiktive Stadt Bad City hauptsächlich im Studio entstanden – was fast wieder an Ed Wood´s Vampirgrotesken erinnert, die alle eine gewisse Künstlichkeit an den Tag legen, was bei Aminpour´s Film aber nicht so unbeholfen wirkt wie beim ungekrönten König des Trash. Das Unbeholfene ist der Plot – ziemlich verworren und statisch, wobei ihre erfundenen Figuren, allesamt mal prinzipiell interessant, seltsamen Hemmungen unterworfen sind, die aus der unentfesselten Geschichte herrühren. Es gibt in A Girl Walks Home Alone at Night  nicht wirklich ein Ende, auch nur einen vagen Anfang, es ist wie die Momentaufnahme einer metaphysischen Begebenheit, die für nichts Erklärungen hat und auch nicht ins Detail geht. Die von Drogensucht, Drogenhandel und Blutdurst erzählt. Von gehorsamen Kindern und der undefinierten Sehnsucht einer gezeichneten Untoten, die unfreiwillig übermenschliche Fähigkeiten besitzt und im Grunde nur Mensch sein will. Wobei der Tschador als Sinnbild für eine Geißel steht, die eng mit dem Stigma einer Verfluchten symbolisch verbunden ist. Niemand sonst in Aminpour´s Film trägt diese formschön stilsichere Verhüllung, also kann A Girl Walk Home Alone at Night als Statement für die Rechte der Frau im Iran – und überhaupt der arabischen Welt – zu sehen sein. Das wiederum hängt ganz davon ab, ob einem diese gefällige Auslegung gerade in den Kram passt.

Wie auch immer – alles Weitere verharrt im diffusen Zwielicht sternenloser persischer Nächte und fahl beleuchteter, einsamer Straßenzüge zwischen Industrie und Armenviertel, dazwischen lakonischer Zynismus, der dann doch im Nichts verläuft und das Wohin der flüchtenden Vampirin unbeantwortet lässt. Vielleicht, weil aus sich selbst heraus gar keine Flucht möglich ist.

A Girl Walks Home Alone at Night

On the Milky Road

WENN DER MILCHMANN ZWEIMAL KLINGELT

3/10

 

milkyroad© 2017 Weltkino

 

LAND: MONTENEGRO, SERBIEN 2017

REGIE: EMIR KUSTURICA

MIT EMIR KUSTURICA, MONICA BELUCCI, SLOBODA MICALOVIC U. A.

 

Als sich der bosnische Filmemacher Emir Kusturica 1995 die goldene Palme für seine Antikriegsparabel Underground ans Revers heften konnte, so war das eine gebührende Auszeichnung. Sein bildgewaltiges Panoptikum über und unter Tage ist fraglos ein Meisterwerk, nicht weniger sein auch als Oper vertontes Epos Zeit der Zigeuner. schlägt den schrillen Folklore-Reigen sogar noch um einige Längen. Spätestens Mitte der Neunziger wusste ich – Kusturica ist ein Visionär, seine Filme haben einen völlig eigenen Stil, die Musik ist genial, allerdings besser noch live zu genießen. Mit seinem neuesten Streifen On the Milky Road hat sich der Künstler aber ein relativ mattes Eigentor verpasst. Vor allem auch, weil er diesmal nicht nur hinter, sondern auch vor der Kamera agiert. Das haut, gelinde gesagt, eigentlich wirklich nicht hin.

Dabei ist On the Milky Road nicht der erste Film, die Kusturica im Cast ganz oben anführt. Nur die anderen Filme kenne ich zum Glück nicht – ehrlich gesagt habe ich mit vorliegendem Filmmärchen schon genug um die Ohren – und damit meine ich nicht nur die obligaten Akkordeonklänge und enervierenden Trompetenstöße, die zwar die Mentalität eines Volkes ganz gut intonieren, auf die Dauer aber ziemlich aufreiben. Das würde auch nicht wirklich stören, wenn Emir Kusturica nicht so ein stoischer Schauspieler wäre. Als Milchmann zwischen den Fronten macht der in die Tage gekommene Junggeselle nicht nur Uhrturm-Tochter Milena schöne Augen, sondern verliebt sich auch in die ebenfalls ein bisschen in die Jahre gekommene, aber immer noch extrem anmutige Monica Belucci, die hier im Nirgendwo vor ihrem mordenden Liebhaber Zuflucht sucht. Das dann noch Milena´s Bruder, der aus dem Krieg zurückkehrt, „Schneewittchen“ Belucci heiraten wird und Milchmann Kusturica zwingt, Milena zu heiraten, sind nur Komplikationen in einem Bauerntheater, das mit allerhand burlesken Clownerien aufwartet, den Funken jedoch nicht überspringen lässt. Als Zuschauer mache ich es Kusturica gleich und beobachte relativ leidenschaftslos ein zumindest als leidenschaftlich geplantes Liebesdrama mit komödiantischen Spitzen, das sich sagenhaft in die Länge zieht.

Dazwischen gibt’s Symbolik mit dem Milcheimer, vor allem was holprig animierte Schlangen angeht. Die kreuzen immer wieder auf, oder ist es immer nur dieselbe? Ich denke doch, denn so viele Schlangen, die Milch trinken, gibt es nicht. Da kann man natürlich raten, was die Inkarnation der Versuchung oder das Reptil der Erkenntnis wohl zu bedeuten hat. Meiner Begrifflichkeit nach in einem relativ ungleich austarierten Verhältnis zum Film, der sich in seinen surrealen Momenten immer wieder selbst wiederholt und auf Biegen und Brechen verzaubern will. Da wäre es aber besser gewesen, den Regisseur hinter der Kamera zu lassen, denn so viel, wie er selbst an seinem Film kaputt macht, geht auf keine Schlangenhaut. Das passiert dann, wenn Künstler sich selbst für zu wichtig nehmen. Dann wollen sie überall im Mittelpunkt stehen. Dieses Wollen kommt gegen das Können nicht an – was bleibt, ist ein substanzlos simples Provinzmärchen zwischen Krieg und Frieden, aufreibend hölzern und so stockend wie Milch nach einem Gewitter.

On the Milky Road