Die wandernde Erde

PING PONG IM WELTRAUM

5/10


wanderndeerde© 2019 Netflix


LAND / JAHR: CHINA 2019

REGIE: FRANT GWO

CAST: JING WU, QU JINGJING, GUANGJIE LI, CHUXIAO QU U. A. 

LÄNGE: 2 STD 5 MIN 


Euch ist doch sicher schon mal beim Schmökern in diversen Buchhandlungen der populärwissenschaftliche Bestseller What if… von Randall Munroe untergekommen. Ein kurioses Buch. Da drin beantwortet der Autor sämtliche physikalische Was wäre wenn-Fragen mit charmantem Humor und akkurater Sachlichkeit. Eine dieser Fragen könnte unter Umständen lauten: Was wäre, wenn wir versuchen würden, auf einer Seite der Erde gigantische Schubdüsen zu installieren, um so unseren Planeten, vorausgesetzt, die Eigenrotation würde abgebremst werden, aus dem Sonnensystem zu manövrieren? Munroe würde sich laut auflachend an den Kopf greifen bei so viel Phantasterei. Oder ist das doch nicht so absurd? Zumindest würde das Autor und Hugo-Preisträger Liu Cixin nicht so empfinden, geht doch das erdachte Szenario eigentlich auf seine Feder. Cixin wird Buchshoppern womöglich ebenso geläufig sein wie Munroe – bekannt ist dieser ja vor allem für seinen Drei-Sonnen-Romanzyklus. Die wandernde Erde ist da nur eine seiner Kurzgeschichten. Stoff genug jedenfalls, um ein Desastermovie im Stile eines Roland Emmerich hinzulegen, findet China.

Ich selbst greife mich aber ebenfalls an den Kopf bei so viel hanebüchener Science-Fiction. Man muss sich das natürlich auf der Zunge zergehen lassen: Unsere Sonne steht kurz davor, sich ums x-fache aufzublasen. Tatsächlich steht uns das allerdings erst in mehreren Milliarden Jahren bevor, hier jedoch ist der Worst Case gerade sehr spruchreif geworden. Also gibt es die Idee, die Erde aus ihrer Umlaufbahn zu bugsieren und nach Alpha Centauri zu schicken, um dort wieder in einem habitablen Orbit anzudocken. Die Erde als Tischtennisball, der im Top Spin über die Spielfläche fegt? Klar doch, und das Service obliegt den Chinesen. Gigantische Brenner werden errichtet – bei so viel Ressourcenverbrauch scheint der Welterschöpfungstag bereits sich selbst zu überholen. Aber gut – nebst diesen Düsen gibt es auch noch Zehntausende unterirdische Städte, und die Rotation muss man auch noch bremsen. Mehr als die Hälfte der Erdbevölkerung stirbt eines schrecklichen Todes, nämlich den des Ertrinkens aufgrund unzähliger Tsunamis. Ein paar Milliarden sind auserwählt – Kollateralschaden ist die neue Menschlichkeit. Die Erde eiert also Richtung interstellaren Raum, und dabei muss diese den Jupiter passieren. Nun nähern wir uns der eigentlichen Story. Klar kommt diese dem Gasriesen zu nahe, und der schlimme Jupiter, der ist schon im Vergleich zu Terra ein gewaltiger Brocken und hat nicht wenig Lust, sich den Mini-Trabanten unter den Nagel zu reißen. Was tun, um dieser fiesen Gravitation zu entkommen? Da rauchen die Hirne, da quälen sich die Helden.

Filmland China hat für diesen kosmischen Irrsinn tief in die Börse gegriffen. Optisch betrachtet haben wir hier den Day After the Day After Tomorrow – das tiefgekühlte Shanghai und die schneestaubigen Fast & Furious-Fahrten mit Hammer-ähnlichen Tranportpanzern sind genauso geschmackvoll in Szene gesetzt wie die Darstellung des gravitativen Einflusses Jupiters auf die Erde. Doch Regisseur Frant Gwo ist nicht Roland Emmerich. Um mit so einem Spektakel auch auf menschlicher Ebene zu überzeugen, dafür braucht es das richtige Timing, um auch das Tempo in den richtigen Momenten herunterzufahren. Die Wandernde Erde hat natürlich auch ihre unfreiwilligen Helden. Doch die spüren sich scheinbar selber nicht. Dasselbe Problem hatte auch der jüngst auf Netflix erschienene Streifen Space Sweepers.

Visuell top, dramaturgisch Flop: chinesische Blockbuster wie dieser wirken manchmal zu fahrig und übertönt, trotzdem aber erreichen diese Filme Längen bis über zwei Stunden. Das erzeugt eine anstrengende Aufgekratztheit auch bei den Zusehern. Hinzu kommt die Erschwernis aufgrund der rasant wechselnden Untertitel. Nichts gegen OmU, ich begrüße das meistens wirklich, besonders bei nicht englischsprachigen Produktionen. Chinesische Science-Fiction aber ist oft schnell wie hitziges Ping Pong, oftmals konfus erzählt und austauschbar besetzt. Emmerich ist Europäer, er kennt das europäische Erzählkino, er weiß, wie viel dramaturgische Unterfütterung so ein Film benötigt. China weiß das nicht oder will es gar nicht wissen. Westliche Blockbuster werden mit Vorsicht genossen. Wer sich daran orientiert, erntet tadelnde Blicke. Kunstkino aus dem Reich der Mitte, finanziell nicht ganz so abhängig, tickt da ganz anders. Doch wo mehr Budget im Spiel ist, dort sollen die Schauwerte alles geben. Ein Kompromiss, mit dem ich kaum warm werden kann – und das liegt nicht an der abnormalen Kälte, die da am Globus herrscht.

Die wandernde Erde

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