Firestarter

ZÜNDELN WILL GELERNT SEIN

3,5/10


firestarter© 2022 UNIVERSAL STUDIOS. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: KEITH THOMAS

CAST: ZAC EFRON, RYAN KIERA ARMSTRONG, MICHAEL GREYEYES, KURTWOOD SMITH, JOHN BEASLEY, GLORIA REUBEN, SYDNEY LEMMON U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN


Wir wissen das noch aus der eigenen Kindheit, oder? – Wenn die Eltern kurz mal außer Haus mussten. Da hieß es doch nebst des obligaten Merk-Reims Messer, Gabel, Scher‘ und Licht… abschließend noch: Nicht zündeln! Vor allem wäre es mir, damals in Elternhausen, ein leichtes gewesen, den Feuerteufel auf Ausgang zu schicken, hatten wir doch einen guten alten Koksofen, der mich zur kalten Jahreszeit allmorgendlich aus dem Schlaf zu reißen wusste. Heute wäre solch eine Selbstversorger-Heizung in Anbetracht obszön steigender Energiekosten wünschenswert. Hat man aber jemanden wie Stephen Kings Firestarter im Haus, sind Warmwasser und Heizkosten kein Thema mehr, solange man Töchterchen Charlie nur ein bisschen ärgert – schon wabert die Luft und das Wasser im Topf schlägt Blasen. Das Problem an der Sache: Charlie kann ihre Special Skills nicht wirklich steuern, gelegentlich nur unterdrücken, mithilfe einer Technik, die ihr Papa Zac Efron beigebracht hat. Je älter man aber wird, umso emotionaler reagiert man auf die Umwelt – und das Feuer brennt überall dort lichterloh, wo es nicht brennen soll. Als das Geheimnis an die Öffentlichkeit kommt, ruft das jene auf den Plan, die ihre Fähigkeiten überhaupt erst ermöglicht hatten – ein dubioses Wissenschaftslabor, dass mit Gen-Experimenten Leute hervorgebracht hat, die wir aus den X-Men-Filmen oder und vor allem auch aus der FSK-18-Serie The Boys kennen.

Das ganze Szenario erinnert stark an den Marvel-Teeniehorror The New Mutants – hilflose Andersbegabte sind einer eigennützigen Organisation ausgeliefert, die letztlich gar nicht so hilflos scheinen, würden sie ihre Fähigkeiten nicht mehr nur random einsetzen, sondern gezielt, um all den Bösen die Rache auch wirklich süß genug schmecken zu lassen. Kalt serviert wird sie hier jedenfalls nicht: Ryan Kiera Armstrong heizt durch die Gänge und verursacht da und dort Brandwunden zweiten und dritten Grades. Wer grundlegend schon mal Angst vor Feuer hat und selbst beim Entfachen eines Feuerzeugs feuchte Hände bekommt, wird bei all den züngelnden Flammen vielleicht Reißaus nehmen, so plötzlich, wie es hier wabert. Und dennoch: Auch wenn Zac Efron als mit hypnotischen Fähigkeiten ausgestatteter Papa-Mutant jedes Mal rezeptpflichtig aus den Augen blutet, wenn er andere gedanklich manipuliert und sich seinen elterlichen Sorgen souverän hingibt, lässt der Fantasythriller so einiges anbrennen. Vielleicht, weil er sich nicht zwischen Horror und Superhelden-Genese entscheiden kann (was man seit Doctor Strange in the Multiverse of Madness eigentlich nicht müsste) oder weil Stephen Kings literarische Vorlage prinzipiell nicht so viel hergibt wie andere. Auch bleibt der kindliche Hauptcharakter relativ flach, und der ganze Unterbau rund um eine Stranger Things-Verschwörung ist von irgendwoher bis zur Grobkörnigkeit abkopiert. Ab einem gewissen Punkt im Film – und das schon sehr früh – verliert die Geschichte seine Zuseher, weil der Plot bewährten Schnittmustern folgt, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in rund 90 Minuten packen will und keine Zeit für seine Figuren hat. 

Will man sich von der Unberechenbarkeit flammender Inferni wirklich die Nackenhaare aufstellen lassen, bleibt immer noch Ron Howards Backdraft ein empfehlenswerter Knüller, so auch der Feuerwehr-Abgesang No Way Out mit Josh Brolin. Und würde unsere Brandstifterin nicht Charlie, sondern Jean Grey heißen, könnte Firestarter zumindest als alternatives Prequel für Dark Phoenix seinen Platz finden. So aber fällt es schwer, mit dieser Blumhouse-Dutzendware warm zu werden.

Firestarter

Der Anruf

AGENTEN BEIM WEIN

6/10


deranruf© 2022 Amazon Studios


LAND / JAHR: USA 2022

REGIE: JANUS METZ

SCRIPT: OLEN STEINHAUER, NACH SEINEM ROMAN

CAST: CHRIS PINE, THANDIWE NEWTON, LAURENCE FISHBURNE, JONATHAN PRYCE, ORLI SHUKA, COREY JOHNSON, DAVID DAWSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Wenn Chris Pine als Agent Henry Pelham aus dem Fenster seiner Wohnung blickt, dann sieht man die klassizistischen Kuppeln der Wiener Hauptmuseen – wenn man ganz genau schaut, sogar die Minoritenkirche. Da haben die Macher dieses Streifens in Städtekunde aufgepasst, was aber nun auch keinen Eintrag ins Klassenbuch lukriert, denn sonst bleibt die Kapitale Österreichs hinter generischen Gassen und Fassaden gut verborgen. Die Gloriette ist übrigens auch nicht mehr das, was sie mal war. Aber das schert die wenigsten. Mir als Wiener fällt sowas natürlich auf, wie damals schon, bei James Bond: Der Hauch des Todes, als Timothy Dalton im Cellokasten die slowakischen Alpen runterbrettert und sich vor den Toren Wiens einbremst. Das Marchfeld liegt anderswo.

Aber genug der fremdenführerischen Spitzfindigkeiten. Es geht schließlich um Superstar Chris Pine – vormals Captain Kirk und die große Liebe von Wonder Woman – und um Thandiwe Newton, Mission Impossible- und Star Wars-geeicht. Die beiden sind also auf alles vorbereitet und haben vieles gemeinsam durchgemacht – also zumindest in diesem Film, der den prickelnden deutschen Namen Der Anruf trägt, wobei: den Originaltitel All the Old Knives zu verstecken, erscheint fast schon ignorant. Weiß Olen Steinhauer (nicht verwandt mit Erwin) davon? Aber andererseits: er wird froh sein, seinen gerade mal sieben Jahre alten Roman verfilmt zu sehen, noch dazu mit solcher Spitzenbesetzung, da lässt sich ein Anruf schon ignorieren. Steinhauer wird ja praktisch als jemand angesehen, der die Kalte-Krieg-Ära eines John le Carré (der ja tatsächlich im Geheimdienst tätig war) bis in die Gegenwart und darüber hinaus weiterspinnen will. Mit Russland hat vorliegendes Werk also nur peripher zu tun, was sich in Zukunft vielleicht ändern könnte, denn der Kalte Krieg hat sich, wie es scheint, erneut aus dem Grab erhoben. Hier, in Der Anruf, wärmt Steinhauer die globale Angst vor dem islamischen Terror nochmal ordentlich auf, indem er gleich zu Beginn ein Flugzeug der (natürlich fiktiven)Turkish Alliance entführen und auf dem Flughafen von Wien-Schwechat landen lässt. Darin fordern eine Handvoll lebensunlustige Radikale die Freilassung diverser Gefangener. Glück im Unglück: die CIA hat einen ihrer Männer im Flieger, vorzugsweise inkognito – doch dieses Ass im Ärmel fällt für alle sichtbar auf den Boden. Irgendwo gibt es einen Maulwurf – die Rettung der Passagiere misslingt, der Vorfall kommt zu den Akten und Thandiwe Newton als Agentin Celia wirft das Handtuch. Acht Jahre später soll die Sache mit Flug 127 neu aufgerollt werden, Agent Harry soll der Sache nachgehen und alle damals Beteiligten nochmals unter die Lupe nehmen. Darunter auch Celia, ehemals große Liebe und vielleicht verdächtig. Beide treffen sich in Kalifornien in einem noblen Weinlokal, um die alten Zeiten – oder die alten Messer – neu zu wetzen.

Der Anruf unter der Regie von Janus Metz (Borg vs. McEnroe) trägt als Grundgerüst alle Parameter eines dialogreichen, vielleicht gar psychologisch gefinkelten Kammerspiels, in welchem aber jede Menge Rückblenden eingebettet sind, die das Ganze ausweiten zu einem tragischen Spionagedrama quer durch den Osten Europas. Da ist Tschetschenien mit im Spiel und Moskau, vor allem Wien und immer wieder mal fällt der Name Angela Merkels. Die Spurensuche nach dem Sicherheitsleck quer durch die österreichische, deutsche und amerikanische Geheimdienstpolitik gestaltet sich gemächlich, trifft sich in Kaffeehäusern oder schlägt sich den Mantelkragen im regnerisch-kalten London hoch. Dabei gehen Steinhauers Ermittlungen ähnlich wie bei John le Carré, so sehr ins Detail und greifen nach so vielen losen Fäden, dass die Übersicht langsam bröckelt. Wer nun was wo tut und getan hat und warum, mag dem Stoff schon etwas die frische Färbung nehmen. Zusehends wird alles recht grau, und der Modus Operandi muss immer wieder mal in sich gehen, was den Zuseher warten lässt.

Und doch ist Der Anruf ein Film, der die zwischenmenschlichen Emotionen, die im Angesicht globaler Katastrophen außen vorgelassen werden müssten, so sehr ins Spiel bringt wie so manches frühe Nachkriegswerk des schwarzen Spionagefilms. Die individuelle Tragödie stellt die Weltpolitik aufs Abstellgleis, das Zerbrechen des eigenen Lebenstraums läutet die nächtliche Sperrstunde ein. Und Chris Pine, der, graumeliert und mit Dreitagebart, nach George Clooney die männliche Spätromantik neu einläuten könnte, schenkt uns da bei so viel Konflikt überzeugend wehmütige Blicke.

Der Anruf

Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

BODYSWITCH FÜR LITERATEN

7/10


felixkrull© 2021 Warner Bros Pictures Germany


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2021

REGIE: DETLEV BUCK

SCRIPT: DANIEL KEHLMANN, DETLEV BUCK, NACH DEM ROMAN VON THOMAS MANN

CAST: JANNIS NIEWÖHNER, LIV LISA FRIES, DAVID KROSS, MARIA FURTWÄNGLER, NICHOLAS OFCZAREK, JOACHIM KRÓL, CHRISTIAN FRIEDEL U. A.

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Thomas Mann zu lesen ist Arbeit. Seine Kunst bekommt man nicht bequem vor die Füße gelegt, ist also keine Convenience-Lektüre, die runtergeht wie Öl. Für Thomas Mann muss man sich kognitiv ins Zeug legen, da muss man mitdenken. Thomas Mann ist wie das Besteigen eines Gipfels – auch nicht immer einfach. Dafür aber, wenn dieser als erklommen gilt, ist das Gefühl ein erhabenes, vor allem erfülltes, dank präzise ausformulierter Sätze und geistreicher Umschreibungen. Den großen Literaten auch filmisch umzusetzen, gestaltet sich prinzipiell als eine ebensolche Gratwanderung – zum Glück aber fanden und finden sich immer wieder Könner ihres Fachs, die den Geist Thomas Manns einfangen konnten und können. Luchino Visconti zum Beispiel – aus seinem Tod in Venedig sind die nebligen Bilder vom Lido immer noch in guter Erinnerung. Hans W. Geißendörfer, Urvater der Lindenstraße, hat den Zauberberg Anfang der 80er als internationale Produktion mit unter anderem Charles Aznavour und Rod Steiger auf die Leinwand gewuchtet. Der Geist des Literaten war da immer noch da. Heinrich Breloers Buddenbrooks mit Armin Müller-Stahl geriet hingegen zu einer sitzfleischquälenden, elendslangen Familienchronik, die wohl als Miniserie besser geeignet gewesen wäre. Denn dünne Heftchen sind Manns Werke natürlich keine. Und jetzt, jetzt will Detlev Buck es auch nochmal wissen. Wie es denn so ist, Thomas Mann zu inszenieren. Und zwar ein Werk, das gar nicht mal fertiggestellt wurde, ein Fragment eben. Vielleicht liegen Fragmente besser in der Hand des Filmemachers, wenn das Ende gar nicht mal vom Zaun gebrochen werden muss. Denn das ist stets die größte Hürde, um zu erreichen, dass ein Film zur runden Sache wird.

Eines aber vorweg: Detlev Buck bringt den Klassiker zu einem melancholischen Ausklang, indem er diesen zuvor mit einer verbal durchaus gestrengen, aber leichtfüßigen Dramatisierung liebkost hat. Kein Wunder, hinter dem Drehbuch steht jemand, dessen Bücher ich sehr schätze und der mich zuletzt auch in Daniel Brühls Nebenan in Aufbau und Dialog absolut überzeugt hat: Daniel Kehlmann. Bei Kehlmann ist selten ein Wort zu viel, die Szenen sind knackig und nicht über Gebühr aufgebauscht. Detlev Buck gefällt das, und ich bin froh, dass dieser die Finger von seiner sonst fahrigen Fabulierlust lässt. Die braucht es hier nicht. Bei einem Stoff wie Felix Krull braucht es Millimetermaß, und beide, Kehlmann und Buck, geben sich konzentriert. Die richtige Eleganz des Films hält dann schließlich mit dem lustvoll aufspielenden Ensemble Einzug. Statt Horst Buchholz brilliert diesmal der in Film und Fernsehen mittlerweile recht omnipräsente Jannis Niewöhner. Doch alle Achtung: der junge Mann scheint die beste Wahl für einen Hochstapler zu sein, der sich gar nicht mal als solcher verkauft, sondern viel mehr als charmanter Opportunist, der sich durch ein missgünstiges Leben schlängelt und weiß, bei wem und wann er ansetzen muss.

Das wäre nämlich dann Marquis Louis de Venosta, gespielt von David Kross, welchem Felix Krull sein Leben beichtet, im Schanigarten eines Pariser Cafés. Was Kroll in Paris so treibt? Er mogelt sich von Deutschland in die Stadt der Liebe und arbeitet in einem Hotel als Liftboy mit der Möglichkeit, die Karriereleiter hochzusteigen, wobei der eine oder andere weibliche Hotelgast nicht wirklich von ihm lassen kann. Viel wichtiger aber scheint die Liebe zur schönen Zaza (Liv Lisa Fries), für welche Krull wohl den größten Bodyswitch-Coup seines Lebens landen will.

Die meines Wissens nach dritte Verfilmung des Romans gelingt auf vielen Ebenen, ist formschön in ein heruntergebrochenes Script gegossen und geizt nicht mit stimmigen Kulissen, noblen Kostümen und schrägen Nebenfiguren, die das Karussell des improvisierten Lebens gefällig, aber auch süffisant vorführen.

Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull

Tod auf dem Nil (2022)

DER DETEKTIV UND DIE LIEBE

6,5/10


todaufdemnil© 2022 Twentieth Century Studios


LAND / JAHR: USA 2019

REGIE: KENNETH BRANAGH

CAST: KENNETH BRANAGH, GAL GADOT, ARMIE HAMMER, EMMA MACKEY, ANNETTE BENING, TOM BATEMAN, LETITA WRIGHT, SOPHIE OKONEDO, ROSE LESLIE, RUSSEL BRAND U. A.

LÄNGE: 2 STD 8 MIN


Wie wär‘s heuer mal mit Ägypten? Wenn die Covid-Regeln überschaubar bleiben und keiner dort akut den Dschihad probt, dann hätte ich durchaus Lust darauf, Tutanchamuns Grab oder Ramses höchstpersönlich einen Besuch abzustatten. Natürlich einschließlich Pyramiden, Karnak und vielleicht sogar Abu Simbel ganz im Süden. Dorthin fährt nämlich Agatha Christies Vorzeigebelgier Hercule Poirot an Bord eines Luxus-Schaufelraddampfers, um den IQ einer illustren Hochzeitsgesellschaft zu heben. Beim Publikum hebt sich erstmal die Lust aufs Reisen angesichts dieser pittoresken Postkartenmotive. Die Motive für einen Mord sind zwar weniger nobel, aber zahlreich vorhanden. Im Mittelpunkt steht nämlich Wonder Woman Gal Godot (wie immer eine Augenweide) als steinreiches It-Girl Linnet, die ihrer besten Freundin den Mann ausgespannt hat. Sowas tut man nicht, aber andererseits: wo die Liebe hinfällt, wächst keine Moral. Also heiratet die Schöne den schnauzbärtigen Simon und reist mit ihm samt Entourage an den Nil, auf welchem der Tod natürlich schon eingecheckt hat. Weiters mit im Schlepptau: die um ihre rosige Zukunft geprellte Ex, die fröhlich durch die Gegend stalkt. Mit Hercule Poirot, der sich aus ganz anderen Gründen ebenfalls dort aufhält, hat sie allerdings nicht gerechnet, und Linnet bittet den alten Hasen mit den grauen Zellen, die Gesellschaft doch lieber im Blick zu behalten – es könnte ihr Übles widerfahren. Es dauert nicht lang, da fällt schon der erste Schuss. Poirot muss sich anstrengen, denn diesmal ist nicht nur das Kapital anderer, sondern auch ganz viel Liebe mit im Spiel. Sogar die eigene.

Und da hat Kenneth Branagh den eleganten Denker an seiner Achillesferse erwischt. Was John Guillermin in seiner Verfilmung mit Peter Ustinov nicht getan hat. In der ebenfalls sehr edlen Adaption aus den Siebzigern ist der Detektiv eine Ikone des Moments, geradezu eine Art Superheld der Kombinationsgabe. Wie Sherlock Holmes in etwa, vor dem man Ehrfurcht haben kann. Branagh legt seinen Poirot ganz anders an. Und das erkennt man schon in den ersten Szenen des neuen Films, bei welchem mich das Gefühl bemächtigt hat, im falschen Saal zu sitzen. Erster Weltkrieg, Grabenkämpfe in Belgien, Giftgas – und dann der junge Poirot, noch ohne Schnauzer, der seinem Bataillon den Allerwertesten rettet, selbst aber nicht ganz unversehrt bleibt. Was dann passiert, hat viel Einfluss auf den Charakter des Kriminologen, und daher geht Branagh auch entscheidend tiefer in die Psyche der Figur als es Guillermin jemals hätte tun wollen, um dem Idol außer einigen Spleens keine Schwächen zuzugestehen. Branagh hingegen hat keine Angst davor. Poirot ist hier kein zwingend frohsinniger Genießer wie Ustinov, sondern verbittert, aber distinguiert und gut erzogen. Dass einer wie Poirot sentimental werden kann, schien bislang unmöglich – diese Neuentdeckung des detektivischen Charakterzuges ist das Herzstück des Films und überwindet die Distanz zum Zuschauer. Das übrige Ensemble ist weicher gezeichnet, wenngleich mit Annette Bening oder der brillanten Sophie Okonedo gut besetzt. Ein schmissiger Score, der die Klänge des amerikanischen Jazz über den längsten Fluss Afrikas trägt, verleiht dem Setting eine launige Atmosphäre, der Nachbau der 70 Meter langen Sudan und des Abu Simbel-Tempels in den britischen Studios beweist wieder mal, dass man bei großen Filmen wie diesen keine Mühen scheut. Und dennoch bleibt das Gefühl, einen Rückschritt in das Studiokino ganz früherer Zeiten gemacht zu haben. Abgesehen von den Drohnenaufnahmen ist die ganze Reise den Nil entlang nur Stückwerk von überallher, nur nicht aus Nordafrika. Ägypten nachzubauen oder eben dort zu sein, sich ganz auf den Vibe der Location zu verlassen, das sind dann doch zwei Paar Schuhe. In Tod auf dem Nil wird manche Szenen überdeutlich kulissenhaft, womöglich mit dieser Art Projektionstechnik umgesetzt, die schon Jon Favreau für The Mandalorian entwickelt hat. Die Raffinesse gelingt nicht immer, vieles erscheint artifiziell, auch das Licht sitzt oftmals nicht richtig und passt meist nicht zu den Dämmerstunden im landschaftlichen Hintergrund.

Schade, dass Marokko als Drehort dann doch nicht genutzt worden war. So bleibt uns zumindest ein Kammerspiel, dessen kreuz und quer gesponnenes Netzwerk aus Bedürfnissen, Leidenschaften und sinisteren Plänen solide unterhält. Statt des Orient-Express ist es nun ein Schiff. Das Konzept, der Rhythmus – ungefähr gleich. Branagh, den der Doppeljob aus Dreh und Schauspiel nicht überfordert, gelingt ein weiteres Whodunit, dem man trotz der durch Ustinov für viele bereits bekannten Auflösung gerne zusieht. Am Schluss tut der Brite sogar etwas, das undenkbar scheint. Doch andererseits: Poirot ist auch nur ein Mensch.

Tod auf dem Nil (2022)

The Limehouse Golem

EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER

4/10


limehousegolem© 2000-2017 Concorde Filmverleih


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2016

REGIE: JUAN CARLOS MEDINA

CAST: BILL NIGHY, OLIVIA COOKE, DOUGLAS BOOTH, DANIEL MAYS, SAM REID, EDDIE MARSAN, MARIA VALVERDE U. A.

LÄNGE: 1 STD 49 MIN


Dem Briten Bill Nighy, selbst wenn er mal keinen „Kraken-Bart“ trägt, sieht man durchaus gerne zu. Seine aufgeräumte, distinguierte Art ist ein befriedigendes Gegengewicht zum hinterlassenen Chaos eines Serienmörders, der im London des viktorianischen Zeitalters – also womöglich gegen Ende des 19. Jahrhunderts – sein Unwesen treibt. Epizentrum der schändlichen Taten sind die Docklands der Stadt, auch als Gemeinde Limehouse bekannt. Dorthin wird Inspektor Kilday – eben Bill Nighy – zitiert, um sich entsetzlich entstellte Leichen anzusehen, deren Art der Quälerei aber einem gewissen künstlerischen Konzept folgen. Nighys Mimik sei dabei zu beachten, wenn er vor dem Unaussprechlichen steht – gerade mal aus Fassungslosigkeit geweitete Augen sind das Einzige, was vermuten lässt, dass auch diesen hartgesottenen Kriminalbeamten nicht alles kaltlässt.

Bei seinen Ermittlungen macht er alsbald Bekanntschaft mit einer Varietékünstlerin namens Elizabeth Cree, die ihren Ehemann vergiftet haben soll, der wiederum mit den Golem-Morden in Zusammenhang stehen könnte. Weiters findet der findige Inspektor ein Tagebuch, dass die Morde beschreibt – und er muss sich beeilen: Denn es könnte sein, dass die des Mordes beschuldigte junge Dame statt ihrer Hinrichtung Strafmilderung erfahren könnte, wenn bewiesen wird, dass diese das Kapitalverbrechen nur begangen hat, um die Golem-Morde enden zu lassen.

Ein Serienkiller-Thriller, schön und gut. Mit verregneten Londoner Gassen, Kutschen und jede Menge Zylinder. Weiters mit düsteren Zimmern und blutigen Details. Doch mit einer überkonstruierten und langweiligen Story. The Limehouse Golem hätte prinzipiell genug Potenzial, seinen Mystery-Faktor entsprechend zu nutzen, Haken zu schlagen und auch Bill Nighy an seine Grenzen gehen zu lassen. Durch die Dominanz von Olivia Cooke gerät der Film aber zu einem leidlich interessanten Justizdrama, das sich viel zu sehr mit Rückblenden aufhält und eine fiktive Biografie erzählt, auf die der Zuseher eigentlich nicht wartet. Warum Cooke, die ihrer Rolle nicht annähernd so viele Facetten verleiht wie verlangt, so viel Spielzeit erhält, verwundert. Entfernt man die vielen Rückblenden, bleibt wenig über. Kaum ist eine abgedreht, kommt die nächste. Der Fall gerät ins Stocken. Bill Nighy weiß nichts Genaues, probiert seine Theorie mit verschiedenen Verdächtigen, die wir dann auch noch in einer alternativen Realität als Mörder sehen. Zu bemüht zieht sich diese Geschichte dann dahin, als wäre man ein ganzes Wochenende auf einem Mystery-Jahrmarkt mit einigen Geisterbahnen, die man längst durchhat, von dort aber nicht wegkommt und die Zeit totschlägt, bis das unglaubwürdige Finale die letzte Hoffnung auf eine Chance, hier doch noch mal mitgerissen zu werden, ausräumt.

Die Buchvorlage von Peter Ackroyd mag vielleicht besser sein, vielleicht auch, weil die Protagonisten anders angelegt sind. Die Verfilmung jedoch versucht vergebens, den Figuren die richtigen Prioritäten einzuräumen.

The Limehouse Golem

Macbeth (2021)

DIE PARANOIA EINES THRONRÄUBERS

7/10


macbeth© 2021 Apple+ 


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: JOEL COEN

CAST: DENZEL WASHINGTON, FRANCES MCDORMAND, BRENDAN GLEESON, HARRY MELLING, COREY HAWKINS, RALPH INESON, KATHRYN HUNTER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Sind die Werke von William Shakespeare tatsächlich immer noch zeitlos? Oder hat die Bühnensprache aus dem frühen 17. Jahrhundert nicht auch irgendwann ein Ablaufdatum? Wie ist es wohl passiert, dass Shakespeare als das Non plus Ultra rezitierter Textgröße einem witterungsbeständigen Monument gleich allen Jahrhunderten trotzt und ein jeder, der auch nur irgendwas mit Schauspiel oder Theater zu tun hat, sich zumindest einmal an dem Engländer mit der Halskrause ausprobieren will? Jetzt gehört auch noch Joel Coen (und zwar ohne Bruder Ethan) zu denen, die vor den sperrigen Königsdramen einen Hofknicks machen. Und dreimal darf geraten werden, welches Drama wohl zum Zug kommt. Ganz klar, Macbeth – der schottische Königsmörder und der Wahnsinn. Wenn man den mal ordentlich adaptiert, kann man so gut wie alles inszenieren. Sogar Theater.

Dabei ist Macbeth irgendein schottischer König aus dem ganz finsteren 11. Jahrhundert, einer, der sich, angestachelt von seiner Gattin – der berühmt berüchtigten Lady Macbeth – hochgemordet und das Land aber für einige Zeit zumindest gar nicht mal so Caligula-like regiert hat. Es herrschte Frieden und Wohlstand – wer hätte das gedacht? Der Thronerbe des verblichenen Königs Duncan hat da aber außerhalb der Regimentsgrenzen bereits die Messer gewetzt, um sich seinen Anspruch zurückzuholen, war dieser doch wohlweislich vor den Häschern Macbeth’s geflohen. Er wird heimkehren, es wird Krieg gegeben haben – Macbeth wird bald Gespenster gesehen und sich in einen paranoiden Wahn hineingesteigert haben – während getötet wurde, wer ihn auch nur schief angesehen hat.

Es ist klar, wie es ausgehen wird, nicht umsonst ist das Stück eine Tragödie. Die Macbeths werden am Ende ihrer blutigen Karriere wohl nicht mehr atmen. Dabei lässt sich die Handlung ja, wenn man sich genug konzentriert, aus den hochgestochen arrangierten Textbrocken, die so schönmalerisch und in bildhafter Umschreibung Gemütszustände mit allem möglichen vergleichen, dann doch extrahieren. Das bedarf aber – bei Shakespeare eben einmal mehr, einmal weniger – ganz schön viel Aufmerksamkeit, was letzten Endes weniger Genuss als Erarbeitung darstellt. Dem lässt sich allerdings aus dem Weg gehen. Vor allem dann, wenn Macbeth schon aus Theater und Kino zur Genüge bekannt ist. Viel anders als in den letzten 400 Jahren wird’s nicht mehr. Die Verpackung drumherum allerdings schon. Coens Film ist einer, der schließlich visuell funktioniert – der altbekannte Klassiker ist dabei nur der librettoartige Unterbau, um sich an den darstellenden Künsten zu probieren. 

Und so hat Joel Coen das ganze geblümt-schwere Szenario als expressionistisches Schattentheater auf eine grenzenlos scheinende, gleichermaßen aber hermetisch abgeriegelte Bühne gesetzt. Noch mehr von der Realität entfremdet wird das Ganze durch manchmal kontrastreiches, manchmal weichgezeichnetes Schwarzweiß. Nichts, gar nichts dringt von außen, von einer pandemiegequälten Jetztzeit, in die archaische Psychopolitik eines schottischen Wüterichs, der in einer nebelverhangenen Traumwelt sein Schicksal sucht. Wenn die drei Schicksalskrähen auf dem Schlachtfeld erscheinen, erinnert dies frappant an die Werke Ingmar Bergmans (u. a. Das siebente Siegel). Hätte dieser Shakespeare inszeniert, wäre sein Film Coens Interpretation vermutlich recht ähnlich.

Dass hier Reminiszenzen zu finden sind, liegt somit auf der Hand: Die Liebe zum alten, klassischen Studiofilm lässt geometrische Kulissen, wie wir sie aus den Theatern dieser Welt kennen, Licht durch finstere Torbögen gleißen, manches erscheint wie mit Tinte gezeichnet, manches ist selbstbewusstes Retrokino aus der Hochzeit skandinavisch-deutscher Schauer- und Stummfilmdramen, die auch Dave Eggers in Der Leuchtturm freudvoll angehimmelt hat. Auf ähnliche Weise bringt die lettische Mystery November das Metaphysische in eine von Mythen überforderte Welt. Damals allerdings hätte es unter Bergmans Regie wohl kaum einen schwarzen Macbeth gegeben.

Mit dieser Art und Weise des Inszenierens flackert die Erinnerung daran, dass es sowas wie eine Filmhistorie gibt, auch wieder auf. Das symbolistische Bedeutungskino, von der Bühne auf den Screen und wieder zurück, strengt zwar mitunter an, trifft aber mit seinen akkuraten, expressionistischen Bildarrangements durchaus den Schöngeist. 

Macbeth (2021)

The Power of the Dog

DIE EINSAMKEIT DES STARKEN COWBOYS

8/10


thepowerofthedog© 2021 Cr. KIRSTY GRIFFIN/NETFLIX


LAND / JAHR: NEUSEELAND, AUSTRALIEN 2021

BUCH / REGIE: JANE CAMPION, NACH DEM ROMAN VON THOMAS SAVAGE

CAST: BENEDICT CUMBERBATCH, JESSE PLEMONS, KIRSTEN DUNST, KODI SMIT-MCPHEE, THOMASIN MCKENZIE, KEITH CARRADINE, FRANCES CONROY U. A. 

LÄNGE: 2 STD 8 MIN


Wir kennen das vermutlich alle. Die bedrohliche Aura eines unangenehmen Menschen, dessen Präsenz so dominant ist, dass man sich selbst ganz klein vorkommt. Das ist ein Gefühl, als hätte alles, was man selbst zu Wege bringt, den falschen Ansatz. Als wäre man diesem einen Menschen, der dieses beklemmende Vakuum erzeugt, permanent Rechenschaft schuldig. Solche Leute gibt es, und bei diesen Leuten steckt oft etwas ganz anderes dahinter. Womöglich nämlich die Erinnerung an genauso ein Empfinden, das wir selbst in diesem Moment verspüren. So eine unangenehme Persönlichkeit ist der Cowboy Phil, interpretiert von Benedict Cumberbatch, der sich diesmal einen Film ausgesucht hat, der nicht vorrangig nur deswegen produziert wurde, um seinen Hauptdarsteller nach einem Oscar betteln zu lassen. Nein, diesmal ist Cumberbatch Teil eines Räderwerks mysteriöser, aber essenzieller Funktionen.

Phil also, ein unrasierter, ungewaschener, erdiger Typ mit Cowboyhut und ledernen Chaps, dazu Stiefel und stets eine Selbstgedrehte im Mund. Der Mythos schlechthin aus Lucky Luke und John Wayne. Die Arroganz von einem Mann, der alles weiß und alles andere verurteilt. Der kommt eines Tages, gemeinsam mit seinem ganz anders gesinnten, distinguierten Bruder George und einer ganzen Schar anderer Cowboys im Zuge eines Viehtreks an der Gaststätte Red Mill vorbei, in welcher die Witwe Rose gemeinsam mit ihrem Sohn Peter fürs leibliche Wohl der Reisenden sorgt. Schon da versprüht Phil enorme Dosen an Erniedrigungen und Verhöhnungen, vor allem was den schlaksigen Halbwüchsigen Peter betrifft, der in seiner Freizeit lieber Papierblumen bastelt als das Lasso schwingt. Anders George: der verliebt sich in Rose, und ehe man es selbst richtig merkt, sind die beiden verheiratet. Rose zieht in die Ranch, zum Leidwesen von Phil, der ebenfalls dort wohnt und keine Zeit verstreichen lässt, um dieser labilen Frau die Stimmung zu verderben. Da sind wir wieder, bei diesem eingangs erwähnten, beklemmenden Gefühl, dass das Zeug hat, sensible Personen in eine Depression zu stürzen. Doch Phil hat seine Rechnung ohne Peter gemacht, der als Studiosus in den Sommerferien zu Besuch kommt.

Und zwar in eine Gegend, die faszinierender und seltsamer nicht sein kann. Weite Ebenen, grasbewachsene Hügel, im Sonnenlicht gelbbraun und voller Schatten. Auf so einer Ebene ein einsames Bildnis von einer Ranch, wie ein monolithisches Denkmal ragt es aus dem Nichts. Dieser Western, mit dem sich Jane Campion nach langer Schaffenspause wieder zurückmeldet, scheint nicht von dieser Welt. Das sieht man allein an diesen Bildern und an den Einzug einer aufkommenden Industrialisierung in eine mythenbasierte Nostalgie, wie sie Chloé Zhao in The Rider ähnlich beschrieben hat. Nur: The Power of the Dog ist artifizieller, konzentrierter, symbolhafter. Campion erreicht beinahe die Intensität ihres oscarprämierten Klassikers Das Piano. Wobei hier nicht nur die ikonenhafte Darstellung des aus der Zeit gefallenen Cowboys so sehr fasziniert, sondern die mustergültige Fähigkeit und das unfehlbare Gespür für Andeutungen, die mit feiner Klinge formuliert sind und kaum mit Worten so gut wie alles erzählen. In diesem Erahnen der Umstände geben sich Cumberbatch, Kirsten Dunst und Kodi Smit-McPhee (bekannt aus Alpha und X-Men) gegenseitig genug Raum zur Zeichnung ihrer Figuren. Und keine nimmt so sehr Form an wie die des Cowboys Phil. Der Brite schafft das nachvollziehbare Bild eines einsamen, seines Glückes beraubten Mannes, und das mit allen Zwischentönen und Widersprüchlichkeiten.

Widersprüchlich, und daher menschlich und greifbar, sind auch alle anderen Gestalten, die in diesem hermetischen Mikrokosmos eines entfremdeten Montanas (gedreht wurde in Neuseeland) gefangen sind. Stereotypen haben bei Jane Campion nichts verloren, bewährte Formeln ebenso wenig. The Power of the Dog schafft es, ein differenziertes, indirektes, aber freies Spiel unterschiedlicher Kräfte zu erzeugen, die mal wie ein Thriller, ein episches Drama oder queeres Psychogramm funktionieren. Bei letzterem gelingt Campion der Ansatz am besten, und was Ang Lee in Brokeback Mountain spielfilmlang recht ungelenk transportiert hat, weiß dieser Film nur in wenigen Minuten ungleich intensiver und ernsthafter darzustellen.

Obwohl es The Power of the Dog anfänglich nicht leicht macht, in die Geschichte hineinzufinden – letzten Endes ist das Unausgesprochene und zwischen den Zeilen Befindliche verantwortlich dafür, dass mich diese Regiearbeit vom Feinsten in ihren Bann gezogen hat.

The Power of the Dog

Seitenwechsel

FRAUEN, DIE FARBE BEKENNEN

5/10


seitenwechsel© 2021 Netflix


LAND / JAHR: USA 2021

BUCH / REGIE: REBECCA HALL, NACH DEM ROMAN VON NELLA LARSEN

CAST: RUTH NEGGA, TESSA THOMPSON, ALEXANDER SKARSGÅRD, ANDRÉ HOLLAND, BILL CAMP U. A.

LÄNGE: 1 STD 38 MIN


Einen Film, in dem es um Schwarz oder Weiß geht, in Schwarzweiß zu halten, ist eine aufgelegte Sache. Schwarzweiß kommt immer gut, mittlerweile hat dieses Stilmittel nichts mehr Angestaubtes oder Vorgestriges an sich. Die Filmgeschichte schreibt sich auch unbunt weiter, und schon allein dadurch, da es nicht sehr viele Filme sind, die sich der kontrastreichen Bildsprache hingeben, umgibt diese Werke ein intellektuelles Flair und die Note des Künstlerischen, vor allem Fotografischen. Roma, das autobiographische Erzählkino von Alfonso Cuaron, besticht durch hingebungsvolle, lange Einstellungen. Demnächst wird Kenneth Branagh es genauso tun und seine Kindheitserinnerungen in Belfast ebenfalls auf solche Weise nacherzählen. Seitenwechsel, das Regiedebüt von Schauspielerin Rebecca Hall, macht es nicht anders und findet seinen Distributor bei Netflix. Das Drama basiert auf dem gleichnamigen Roman von Nella Larsen aus den späten Zwanzigerjahren, der im Dunstkreis der Harlem Renaissance entstand. Keine leichte Sache, diesen handlungsarmen Stoff in einen bewegten Film zu packen, geht es doch einzig und allein darum, wie sich zwei hellhäutige Afroamerikanerinnen das Leben in einem anderen gesellschaftlichen Kontext ausmalen.

Auf der einen Seite gibt es Irene, gespielt von „Valkyrie“ Tessa Thompson, die als wohlhabende Medizinergattin in Harlem Zeit und Geld genug hat, um Charity-Events zu organisieren. Auf der anderen Seite gibt es die attraktive Clare, die es geschafft hat, mit der Lüge, eine reinrassige Weiße zu sein, ein Leben unter Weißen zu leben. Zufälligerweise treffen sich beide in einem Café in New York. Beide kenne sich aus früheren Tagen. Clare mit ihrer blonden Haarpracht löst mit ihrem leichten afrikanischen Einschlag bei ihrem rassistischen Ehemann keinerlei Skepsis aus, was Irene völlig irritiert, hätte sie doch selbst die Chance gehabt, ihrer Herkunft zu entfliehen und die Seiten zu wechseln. Dieses Hin und Her wiederholt sich, nachdem Clare immer wieder bei Irene in Harlem aufschlägt und ihrem Gatten schöne Augen macht. Vielleicht, weil sie es nicht länger aushalten kann, ihre ethnische Identität zu verleugnen.

Die wirkliche – und einzige – Stärke an diesem Film sind neben der erlesenen Kameraführung von Eduard Grau (u. a. A Single Man, Buried) die völlige Verwirrung in Sachen hautfarbener Nuancen. Ruth Negga wirkt in dieser entsättigten Optik wirklich nicht so, als hätte sie afrikanische Vorfahren. Tessa Thompson schon eher. Doch ich will gar nicht so sehr über anthropologische Besonderheiten nachdenken. Das diesen Äußerlichkeiten eine solche Wichtigkeit beigemessen wird, erzeugt ein seltsames Unwohlsein, und man selbst erkennt, dass soziale Unterschiede niemals an sichtbaren Nuancen klassifizieren werden darf, so falsch fühlt sich dieser Umstand an. Diese Gefühlsregung provoziert Rebecca Hall natürlich ganz bewusst. Durch diese entsättigte Bildsprache ist Schwarz gleich Weiß und Weiß gleich Schwarz – Unterschiede verlieren sich im hart kontrastierten Schatten, der aber ziemlich selten zu sehen ist, da der Grauton vorherrscht und die Kluft zwischen beiden Gesellschaften schließen will, was auch am Ende des Films seinen Höhepunkt erfährt.

Für Seitenwechsel braucht man viel Geduld, denn oft tritt das dialoglastige Zeitbild auf der Stelle. Abgesehen von seiner Metaebene im Visuellen verweilt die narrative Ebene auf dem Niveau nachmittäglicher Smalltalks beim Tee oder eines verbal begleiteten Umtrunks zu gesellschaftlichen Anlässen, wo Reich, Schön und Distinguiert über Politik, Literatur und Kunst philosophiert. Regisseurin Hall verliert sich in den Gesichtern ihrer beiden Darstellerinnen, in ihren Frisuren und schicken Kleidern. In noblen Zimmerfluren und Champagnerperlen. Diese Details sorgen für eine elegante Fadesse, bei der man sich wünschen würde, dass das eigentliche Problem so sehr am Schopf gepackt wird, dass irgendjemand zur Abwechslung laut aufschreit. Die Stimme erhebt aber keiner, und daher ist  Seitenwechsel nur ein Lippenbekenntnis für etwas, das Frau, auch wenn sie sonst schon alles hat, nicht haben kann.

Seitenwechsel

Cry Macho

VOM COWBOY UND DEM SONNENUNTERGANG

3/10


crymacho© 2021 Warner Bros. Entertainment


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: CLINT EASTWOOD

CAST: CLINT EASTWOOD, EDUARDO MINETT, NATALIA TRAVEN, FERNANDA URREJOLA, DWIGHT YOAKAM U. A. 

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Wenn ein Drehbuch lange im Umlauf ist, wird das schon seine Gründe haben. Bereits vor 46 Jahren verfasste der amerikanische Schriftsteller Richard E. Nash ein Script mit dem Titel Macho – und blieb darauf sitzen. Was nun tun mit dieser Idee für einen Film? Am besten einen Roman schreiben, was er auch getan hat. Aus Macho wurde Cry Macho und einige Zeit später wurde der Stoff für eine Verfilmung wieder interessant. Vom Script zum Roman zum Script – kurios, wohin die Wege zum Erfolg letztlich führen. Cry Macho hätte gar mit Roy Scheider oder – haltet auch fest – Arnold Schwarzenegger verfilmt werden sollen, der wiederum hätte Spaß daran gehabt, die Sache selbst zu inszenieren, und zwar mit Robert Mitchum. Was also lange liegt, gerät schlussendlich in die Hände von Regieveteran Clint Eastwood, der sich dann auch gleich selbst besetzt hat, und das mit 91 Jahren. Hut ab vor so viel Tatendrang und Energie. Und Hut ab vor so viel Leidenschaft fürs Filmemachen. Allerdings bleibt einem angesichts eines hohen Alters irgendwann nichts mehr anderes übrig, als sich nach der Decke zu strecken, das Bestmögliche auszuloten und vielleicht den einen oder anderen Kompromiss einzugehen. Schließlich geht’s hier um einen Film, der weltweit vermarktet wird. Und da hätte der gute alte Clint, der eine phänomenale Filmografie aufzuweisen hat, gut daran getan, einfach nur Regie zu führen. Denn als Schauspieler tut sich die Legende mittlerweile so dermaßen schwer, dass Cry Macho dadurch ordentlich ins Stocken gerät.

Wer sich noch an den letzten Auftritt von Maxim-Virtuose Johannes Heesters erinnern kann, wie er in Wetten dass? mit 105 Jahren ans Klavier gelehnt den Gigolo gegeben hat, und wer noch weiß, was er bei dessen Anblick damals wohl empfunden hat, wird ähnliche Gefühle auch bei Clint Eastwood hegen. Es ist eine Mischung aus Mitleid und sympathisierendem Wohlwollen. Ein Umstand, der den Mexiko-Neo-Western auch nicht retten kann. Dabei geht’s hier, in diesem Film, um nichts anderes: um eine Rettungsaktion. Der alternde Rodeo-Veteran und Cowboy Mike Milo wird von seinem Geldgeber angeheuert, dessen Sohn aus Mexiko und weg von seiner Mutter zurück in die Vereinigten Staaten zu holen. Milo steht in der Schuld des anderen, also wird er diese Bitte wohl nicht ausschlagen können. Also brettert dieser in den wüstenhaften mexikanischen Norden und hat bald einen Teenager samt Kampfhahn Macho an der Backe. Verfolgt werden beide von den Schlägertypen der windigen Mutter, und so suchen sie Unterschlupf in einem Kaff irgendwo im Nirgendwo, das einige Überraschungen bereit hält.

Zwischen den inszenatorischen Qualitäten seines vorletzten Films – Der Fall Richard Jewell, den man durchaus als Meisterwerk bezeichnen kann – und diesem trockenen Roadmovie liegen tatsächlich Welten. Durch Clint Eastwoods mittlerweile stocksteifes Spiel und der ratlosen Fahrigkeit von Jung- und Co-Star Eduardo Minett wirkt Cry Macho wie das Freizeitmachwerk eines wenig erfahrenen Amateurs: undynamisch, holprig und die physischen Grenzen eines Altstars ignorierend. Hier stiehlt ein Hahn namens Macho so gut wie allen die Show, und der Vogel ist der einzige, der das richtige Timing hat.

Cry Macho

The Little Stranger

MEIN HAUS IST DEIN HAUS

3/10


the-little-stranger© 2018 Nicolas Dove


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH 2018

REGIE: LENNY ABRAHAMSON

CAST: DOMNHALL GLEESON, RUTH WILSON, CHARLOTTE RAMPLING, WILL POULTER U. A.

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Spukhäuser gibt es genug auf dieser Welt. Sei es in Freizeitparks, in der Literatur oder eben im Medium der bewegten Bilder. Von Bis das Blut gefriert (neuerdings als Hill Hose auf Netflix) über Das Haus auf dem Geisterhügel bis zu Poltergeist. In manchen spukt es einmal mehr, dann wieder einmal weniger. Zum Glück entsprechen diese Häuser mit ihrer teils baufälligen Substanz nicht zwingend dem Energieaufgebot ihrer Filme, in denen sie zum Schauplatz werden. Mit wenigen Ausnahmen. Eine davon ist The Little Stranger, nach einem Roman der britischen Schriftstellerin Sarah Waters. Keine Ahnung, wie sich das Buch so anlässt, womöglich liest es sich so wie einer der Schauerromane von Daphne du Maurier. Die Verfilmung jedenfalls ist so angestaubt, morsch und sperrig wie die knarrenden Treppen und rostigen Türangeln in jenem Herrenhaus, mit dem wir es folglich zu tun haben werden.

Dieser Wohnsitz – Hundreds Hall – scheint von einem Fluch befallen. Die Familie Ayres, bestehend aus der von Charlotte Rampling verkörperten Mutter und ihren beiden erwachsenen Kindern, dämmert in seltsamer Phlegmatik vor sich hin. Da erkrankt das Hausmädchen – und der nicht weniger phlegmatische Hausarzt Dr. Faraday wird an ihr Bett gerufen. Dieser wiederum wuchs einst in diesem Anwesen auf, da dessen Mutter selbst Bedienstete bei den Ayres gewesen war. Irgendwie, so scheint es, hegt Faraday eine gewisse Sehnsucht, was dieses Haus betrifft. Ein nie wirklich gewordener Wunschtraum, einmal darin zu wohnen.

Klingt nach einer Story? Mitnichten. Ach ja, bevor ich‘s vergesse – seltsame Vorkommnisse erregen spät, aber dann doch noch, die Aufmerksamkeit des Ensembles. Bis dahin blühen dem Zuseher knochentrockene und schläfrige Minuten des Wartens, bis endlich auch nur irgend etwas geschieht. Vermarktet wurde The Little Stranger tatsächlich als Horrorfilm, doch selbst als Vintage-Grusler eignet sich das schale Werk nur begrenzt. Dumm nur, dass der Fokus auf der Figur des Dr. Faraday liegt, der von Domnhall Gleeson in einer ferngesteuerten Mischung aus stocksteifen Aristokraten und hölzernen Langeweiler angelegt wird. Mag schon sein, dass ihm solche Charakterbilder gut zu Gesicht stehen, doch verliert man an diesem Gehabe sehr schnell das Interesse.

Für eine gewisse Verblüffung sorgt dennoch die Tatsache, dass hinter dieser kraftlosen Verfilmung eines Mysterydramas voller Andeutungen und vagen Vermutungen ein Regisseur namens Lenny Abrahamson steckt. Der konnte sich zwei Jahre zuvor für das packende Missbrauchsdrama Raum rühmen lassen – Brie Larson gewann dafür den Oscar. Was danach geschah, oder wohin ihn sein Können letztlich geführt hat, bleibt genauso rätselhaft wie das seltsame Ende des Films, das auf redeschwere und handlungsarme Hausbesuche zurückblickt.

The Little Stranger