Look Back (2026)

PANELS EINER FREUNDSCHAFT

7/10


Natsuki Deguchi und Aju Makita in der Manga-Verfilmung Look Back
© 2026 K2 Pictures


ORIGINALTITEL: RUKKU BAKKU

LAND / JAHR: JAPAN 2026

REGIE: HIROKAZU KORE-EDA

DREHBUCH: HIROKAZU KORE-EDA, NACH DEM MANGA VON TATSUKI FUJIMOTO

KAMERA: SENZO UENO

CAST: NATSUKI DEGUCHI, AJU MAKITA, MASAKI SUDA, KANKURŌ KUDŌ, KAYO NORO, RYŌ IKEDA, MIYU SASAKI, MAHO YAMADA U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Mehr als die Summe aller Panels

Comics – oder kultivierter ausgedrückt: Graphic Novels – müssen sich längst nicht mehr nachsagen lassen, als minderwertige Lektüre für Lesefaule zu gelten, die obendrein nicht mal sinnerfassend lesen können. Comics sind eine Kunstrichtung, denn allein schon eine ganze Geschichte in Panels zu setzen ist aufwändiger als jedes Gemälde, und mindestens so aufwändig wie ein Hunderte Seiten starker Roman.

Dem Zeichnen von Comics muss zumindest mal so etwas wie ein roter Faden vorangehen, das Definieren der Charaktere, des Stils, des Umfelds. Diese Charaktere müssen in allen möglichen Blickwinkeln, Mimiken und Positionen so abgebildet sein, dass man sie auch als diejenigen wiedererkennt. Dann müssen die Panels vor- und mit Tinte nachgezeichnet werden, dann koloriert und am Ende mit Texten befüllt, die in den Sprechblasen landen.

Als man früher noch aller per Hand machte, stand und fiel die aus mehreren Panels bestehenden Seite damit, dass man keinen Fehler machte. Mittlerweile ist man beim digitalen Zeichnen auf der sicheren Seite, da hat man ein Zeichentablet und einen Stift, der alles kann.

Künstlerinnen, die die Schulbank drücken

Am Anfang, da war das Stück Papier. Da waren vier Panels untereinander. Da war ein Mädchen namens Fujino, ein Naturtalent im Zeichnen von Mangas, gerade mal mit der Grundschule fertig und bewundert von ihren Mitschülerinnen und -schülern. Die Schülerzeitung darf sich glücklich schätzen, ihre Werke zu veröffentlichen.

Doch plötzlich passiert das: Die soziophobe Kyomoto, die als Schulverweigerin gilt und aus diesen Gründen daheim lernt, hat ein ähnliches Talent. Ihre Panels sind atemberaubend, anders und vielleicht besser als die von Fujino. Was zu Beginn wie eine Geschichte über Rivalität aussieht, nimmt eine ganz andere Wendung, als sich herausstellt: Fujino gilt in den Augen Kyomotos als Meisterin. Letztere unterwirft sich ihr als Freundin und als Zeichnerin, gemeinsam schaffen sie es, einen ganzen Manga fertigzustellen. Die Synergien führen auch zu einer echten Freundschaft – bis sich nach Jahren die Lebenswege der beiden trennen. Schließlich gesteht sich Kyomoto ein, längst schon andere Ziele vor Augen gehabt zu haben als jene, die Fujino verfolgt.

Von einer Schaffenskraft, die Verbindungen knüpft

Bindungen, Familie, Freundschaft – leichter gesagt als gelebt. Das weiß Hirokazu Kore-eda in seinen Filmen immer wieder darzustellen. Das Konzept der Familie und dessen Neuordnung findet sich in seinen Arbeiten Shoplifters (Goldene Palme von Cannes 2018) und Broker wieder. Die Unschuld stellt erstmals eine freundschaftliche Verbindung in den Fokus, die am Erwachsenensystem fast scheitert. Mit Look Back bleibt Kore-eda an diesem Thema dran und verfilmt einen berühmten Manga, der seine eigene Kunstform als abenteuerlichen, inspirierenden und vor kreativen Impulsen nur so wabernden Workshop darstellt, in dem von Superhelden bis zu den kleinen, feinen Emotionen alles darstellbar sein kann.

Jedes Kritzeln auf dem Papier, jede gezogene Linie – ob mit Lineal oder freihändig – und jedes mimisch überzogene Gesicht eines Charakters zeugen von einer Schöpfungskraft, von der es sein kann, dass sie das eine oder andere Tintentröpfchen ins Auditorium schleudert.

Kore-eda nimmt sich viel Zeit gerade für diese Szenen – und jene, die mit der zeichnerischen Zunft nichts am Hut haben, könnte Look Back vielleicht mehr langweilen als faszinieren.

Manga-Stories lassen sich steuern – das Leben nur bedingt

Es geht aber gar nicht so sehr nur ums Zeichnen und um kreative Synergien, sondern um Unterwürfigkeit, Dominanz und alternative Schicksale. Freundschaft ist erstens schwer zu etablieren und zweitens oft in einer Schräglage, die man oft nicht merkt. Look Back ist daher auch ein Konkurrenzdrama voll tragikomischer Leichtigkeit, das völlig problemlos Reue, Gewissen und tragische Momente in düster-grauen Bildern mit hineinpackt. Womit wir wieder bei einer Eigenheit wären, die asiatische Filme so besonders macht.

Kore-eda meistert dabei ein schwierig zu balancierendes Werk, wobei er sich zu Beginn recht viel Zeit lässt, die Geschichte Fahrt aufnehmen zu lassen – ein Defizit, das den Gesamteindruck am Ende aber nicht trübt. Die quirlige, leichtfüßige Vielfalt in panel-artigen Realbildern, in denen Schwäne aus dem Takt ihrer Jahreszeiten fallen, in dem Lebensentwürfe aufeinanderprallen und Selbstbestimmung Freundschaften unterliegt, sucht und findet ihren Weg und ihren Rhythmus.

Look Back (2026)

Victorian Psycho (2026)

DIE VERNÜNFTIGSTE PERSON ÜBERHAUPT

7/10


Maika Monroe als Winifred Notty in Victorian Psycho
© 2026 Bleecker Street


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: ZACHARY WIGON

DREHBUCH: VIRGINIA FEITO, NACH IHREM ROMAN

KAMERA: NICO AGUILAR

CAST: MAIKA MONROE, JASON ISAACS, RUTH GORDON, THOMASIN MCKENZIE, JACOBI JUPE, AMY DE BHRÚN, PAUL REID U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN



Als Abschlussfilm des großartigen Slash Festivals hat sich Markus Keuschnigg einen besonderen Leckerbissen aufgehoben – einen dieses Jahr in Cannes für den Un Certain Regard nominierten Killerfilm, der selbstredend nicht so banal daherkommt wie vielleicht vermutet, sonst würde man ihm auch nicht „den anderen Blick“ attestieren.

Kein Slasher und kein Metzelfilm, keine Home Invasion oder die Origin-Story gepflegter Bösartigkeit ist das, was andere vielleicht hier erwarten. Zachary Wigon (u. a. Sanctuary mit Margaret Qualley) nimmt sich des Romans der Schriftstellerin Virginia Feito an, die für diesen Film gleich auch das Drehbuch schrieb, kennt sie ihre Figuren doch wohl am besten. Und die sind alles andere als schwarzweiß gezeichnet, hart kontrastiert oder bequem in eine Schublade zu quetschen.

Unwesen im Anwesen

Die Familie in diesem Anwesen mag zwar gesellschaftlichen Normen folgen und nach außen hin alles erfüllen, was es damals zu erfüllen galt, im Inneren aber kocht so manches kurz vor der Oberfläche vor sich hin. Ruth Wilson als auf ihren Nachwuchs fixierte Gattin von Jason Isaacs, der bemüht aufgeräumt und höflich wirkt. Dann sind da noch zwei Kinder, die bereits in viel zu jungen Jahren ihre rebellische Ader entdecken – und Haushälterin Thomasin McKenzie, etwas simpel im Gemüt, gutherzig und mit dem Herzen auf der Zunge, was angesichts einer Person wie Winifred Notty entweder die ideale Methode ist, um ihr näherzukommen – oder das Gegenteil bewirkt. Denn Notty klingt wie Naughty.

Alles nur eine Frage der Sichtweise

Denn Winifred Notty ist Maika Monroe. Und Maika Monroe ist Winifred Notty – eine schräge Persönlichkeit mit dem Zeug zur popkulturellen Ikone. Scheinbar besitzt sie genug Prinzipien, um der fehlenden Kinderstube ausreichend Struktur zu geben. Die Eltern sind anfangs begeistert, und natürlich ahnt niemand etwas von Nottys blutiger Vorgeschichte. Denn die Dame ist eine Psychopathin, seelisch zerrüttet, krank im Gemüt und mordend aus einer Notwendigkeit heraus.

Sie selbst bezeichnet sich als die vernünftigste Person überhaupt. Eine krude Annahme, die ihre Rechtfertigung aus einem ganz bestimmten Blickwinkel bezieht. Die Welt lässt sich schließlich auch mit anderen Augen sehen, mit denen einer im Geiste Verwirrten, die nichts anderes will als die Gunst, die ihr zusteht. Das fordert Opfer, wenngleich nicht unentwegt. Notty will den Worst Case einer Bluttat immer wieder hinauszögern. Das macht sie menschlich, das weckt Sympathien. Sympathien für eine Mörderin?

Sympathy for the Devil

Wie war das noch gleich mit Grenouille aus dem Roman Das Parfum von Patrick Süskind? Ein Werk aus der Sicht eines Menschen, der die Welt und den Wert von Leben anders sieht. Oder was ist mit Bret Easton Ellis‘ elegantem Freizeitmörder Patrick Bateman? Ein Mann, der nichts fühlt, nichts empfindet, das Produkt seiner Welt ist? Auch hat das Kino- und Fernsehpublikum seit jeher Verständnis für die Moral der Selbstjustiz, wenn es denn die „Bösen“ trifft. Ach, wäre die Welt doch so einfach. In Victorian Psycho ist sie es nicht.

Diese Antithese zu Mary Poppins hat dennoch das Herz irgendwie am rechten Fleck, und diese Sympathie für die Dunkelheit irritiert. Vielleicht mag Maika Monroe ihrer Figur als Schutz vor einer gewissen Ächtung das Verhalten eines komödiantischen Charakters angedichtet haben. Ihre praktizierte Etikette, ihre offensichtliche Anständigkeit mögen zu dick aufgetragen sein, um Züge ihres wahren Wesens nicht zu erkennen. Und dennoch tut es niemand. Das manövriert Victorian Psycho mehr ins Eck einer Groteske und nimmt dem zugrunde liegenden Charakterdrama jene Ernsthaftigkeit, die es wohl eher verdient hätte.

Ordentlich abgeliefert

Dennoch ist Monroes Spiel eine Glanzleistung – kennt man sie bereits in anderen Rollen, ist diese hier so erfrischend anders, dass sie damit ihre Bandbreite an schauspielerischen Möglichkeiten zu ihren Gunsten neu absteckt. Victorian Psycho wird dadurch zum letzten Kapitel einer bedauernswerten Lebensgeschichte, die die eigene verquere Wahrheit einfach nicht abschütteln kann.

Victorian Psycho (2026)

Whalefall (2026)

VON WALEN UND VERWANDTSCHAFTEN

5,5/10


Austin Abrams als Jay im Survivalthriller Whalefall
© 2026 Disney / 20th Century Fox


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: BRIAN DUFFIELD

DREHBUCH: BRIAN DUFFIELD, DANIEL KRAUS, NACH SEINEM ROMAN

KAMERA: AARON MORTON

CAST: AUSTIN ABRAMS, JOSH BROLIN, ELISABETH SHUE, JOHN ORTIZ, JANE LEVY, EMILY RUDD U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN



Keine Hand mehr frei

Austin Abrams hat im Kino derzeit zwei Probleme zu bewältigen – oder genauer gesagt drei, denn zwei davon sind in einem Film vereint. Dass er nebenher noch in Resident Evil vor den Untoten Haken schlägt, mag man kaum glauben, wenn man gesehen hat, wie dieser zur selben Zeit von einem Pottwal verschluckt wird, während eigentlich ein wuchtiges Vater-Sohn-Drama die Bühne entern und von Meeressäugern, die mehr frühstücken, als ihnen lieb ist, keinen Meter verdrängt werden will.

Ein Vater, so einschüchternd wie das Meer

Schließlich hat sich Josh Brolin als verwegener Seebär mit Muckis und Tattoos dazu bereit erklärt, seinem eingeschüchterten Filius die Welt und noch mehr zu erklären, und zwar auf eine Weise, die einen zum Duckmäuser werden lässt, es sei denn, man plant die innerfamiliäre Revolution.

Austin Abrams tut das aber nicht. Er hält sich zurück, gibt klein bei, kann auch später nichts mit diesem Unangepassten von Vater anfangen. Letztendlich aber lernt man immer irgendetwas von denen, die einen aufziehen – ungeachtet der Tatsache, ob man sie schätzt oder nicht. Und so hat Jay, wie sich Abrams im Film nennt, zumindest perfekt tauchen gelernt, sodass er selbst ohne Buddy an einem wenig einladenden Tag ins Meer steigt, um die Überreste jenes Papas zu finden, der, schwer erkrankt, an seinem Lieblingstauchspot den Freitod gewählt hat.

Muss man alles einfach runterschlucken?

Und so finden wir uns nach der obligaten Episode des Kennenlernens, um mal ein Gefühl für die Figur und ihr Umfeld zu schaffen, bald schon an einer Abbruchkante im tosenden Pazifik wieder. Abrams blickt über den Rand in die Tiefe, man könnte Nietzsche wieder mal zitieren, aber ich lasse es. Zwischen Kelp, bunten Fischen und reichlich Plankton, das die Sichtweite einschränkt, macht Jay ganz plötzlich die Tierbeobachtung seines Lebens: Ein Architeuthis oder Riesenkalmar! Eines jener Exemplare, die man als Lebendtier lange nicht vor die Linse bekam. Neidisch wird man angesichts dieses einzigartigen Moments in der maritimen Natur. Ach, hätte Jay doch eine Kamera dabei – was für eine verpasste Chance.

Dieser Kalmar ist aber nicht alles. Was dem Kopffüßer hinterherjagt, ist ein Pottwal, ein stattliches Tierchen, das den vielarmigen Pechvogel (einen Schnabel hat er immerhin) verschlingt, und mit ihm rutscht, weil Beilagenesser, auch noch der strampelnde und sich windende Jay mit hinein, will doch der Kalmar anscheinend nicht alleine sterben.

Gastroskopie mal anders

Diese Szene ist wahrlich spektakulär, und man kann schon einen guten Teil dieses anatomischen Bio-Action-Kunststücks während des Trailers miterleben. Im Film ist das Ganze natürlich extended, und wie Austin Abrams ins Innere des Tieres gelangt, ist so atemlos wie komplex und dennoch nicht völlig chaotisch gefilmt.

Es stellt sich die Frage: Wie lässt sich in der Finsternis eines Leibes denn überhaupt die ganze Geschichte darstellen? Mangels einer Taschenlampe dient die Biolumineszenz sämtlicher Mikroorganismen, die für lauschige Lichtstimmungen sorgen – inmitten höhlenwandgleicher, gigantischer Muskeln. Die Panik, die Abrams dabei durchlebt, macht er jede Sekunde glaubhaft, Nichts davon scheint nur so getan, als ob. Alles ist hier auf Flucht ausgerichtet – man fühlt, man bangt, man kämpft hier lange Zeit mit, und vergisst dabei fast, sich zu fragen: Ist so etwas überhaupt möglich?

Wie realistisch ist das Ganze?

Die sensationellen Aufnahmen eines Surfers, der versehentlich von einem Buckelwal geschnappt, aber dann gleich wieder ausgespuckt wird, sind das Höchste der Gefühle tatsächlicher Ereignisse. Unser Held hier erlebt womöglich dann doch höchst unwahrscheinliche Momente, die zwar nicht ganz auszuschließen sind, bei denen aber der Zufall sämtliche absonderlichen Faktoren zusammenbringen muss, um die Geschichte von Jonas und dem Wal nacherzählen zu können. Auch Pinocchio gelangte doch damals in so eine Situation, oder? Da ist Whalefall dann doch noch eine Spur realistischer, denn möbliert ist das Innenleben des Säugers schließlich nicht.

Regisseur Brian Duffield bemüht sich, dem Roman von Daniel Kraus ein reales Setting zu bescheren und Brehms Tierleben nicht gleich ganz zu verbrennen. Weniger beim Verhalten der Tiere wurde die Glaubwürdigkeit strapaziert, sondern mehr bei Abrams Fluchtversuchen. Wenn man will, kann man schon ein, zwei Augen zudrücken, um etwas zu sehen zu bekommen, was man so wohl noch nicht kennt.

Der Wal als Vatersymbol – Echt jetzt?

Whalefall, was eigentlich den in die Tiefe gesunkenen Kadaver eines Wales beschreibt, mag sich zwar wie Trash anhören, will aber mithilfe des Vater-Sohn-Dramas glaubwürdig bleiben. Genau da liegt aber das Problem des Films: Die Familienangelegenheiten lassen sich nur schwer mit dem existenziellen Überlebenskampf vereinen, das Loblied auf die Naturgewalt ringt mit der Atemluft. Es drängt sich sogar auf, den Walhorror metaphorisch zu verstehen, was aber richtig creepy wird, wenn man da weiterspinnt.

Doch irgendwie muss Duffield die Story ja auch genug strecken, um den Abend zu füllen. So kann man Brolin und Abrams zwar zusehen, wie sie sich streiten, vertragen und zwischen den Dimensionen des Tiefenrauschs miteinander reden, während der Wal als Sprachrohr dient – mehr Aufmerksamkeit bekommt das Drama trotzdem nicht, während der Fall mit dem Wal im wahrsten Sinne des Wortes in die Tiefe geht. Dorthin, wo man ohnehin nicht mehr zwischen Realität und Fabulierlust unterscheiden kann.

Whalefall (2026)

The Samurai and the Prisoner (2026)

DIE MATHEMATIK DER HÖHEREN MÄCHTE

7/10


Masahiro Motoki als aufständischer Samurai in The Samurai and the Prisoner
© 2026 Charades


ORIGINALTITEL: KOKURÔJÔ

LAND / JAHR: JAPAN 2026

REGIE: KIYOSHI KUROSAWA

DREHBUCH: KIYOSHI KUROSAWA, NACH DEM ROMAN VON HONOBU YONEZAWA

KAMERA: YASUYUKI SASAKI

CAST: MASAHIRO MOTOKI, MASAKI SUDA, YURIKO YOSHITAKA, MUNETAKA AOKI, TASUKU EMOTO, RYÔTA MIYADATE, JOE ODAGIRI U. A.

LÄNGE: 2 STD 27 MIN



Vorwissen ist Macht

Da war er wieder, der „Erklärbär“. Kein Slash Filmfestival ohne Olaf Möller, Professor für Filmgeschichte und -theorie, ausgeschlafener und eloquenter Experte für überhaupt eh alles, was Film betrifft. Vielleicht, so möchte ich vermuten, ist das asiatische Kino genau seins, denn schließlich lässt er es sich selten nehmen, gerade jene Werke anzukündigen, die in die Geschichte Japans eintauchen. Letztes Mal war das der mit vielen abgeschlagenen Köpfen jonglierende Kriegsschinken Kubi, diesmal ist es The Samurai and the Prisoner, im Original aber eigentlich nur: Die schwarze Festung.

Gut, dass es also Olaf Möller gibt, der wohl Stunden über die historischen Hintergründe des Films hätte rezitieren können. Das nächste Mal, so meine Empfehlung, könnte man durchaus die eine oder andere Lehrstunde in Sachen Filmgeschichte als extraordinäres Highlight ins kommende Festival integrieren, mit ihm als Mann des Wissens.

Lernen’s a bissl Geschichte

Diesmal aber haben selbst nur ein paar Minuten als fachgerechte Einführung in diesen mehr als zweistündigen Film genügt, der genauso wie Kubi oder auch Shōgun in die Epoche der streitenden Reiche fällt – Experten und Kenner nennen es Sengoku-Zeit.

Jeder kämpfte dort gegen jeden, einer fiel besonders auf, das war Oda Nobunaga, der im 16. Jahrhundert mit militärischer Härte das zersplitterte Land unter seine Regentschaft brachte. Gäbe es nicht den „Erklärbären“ Möller, gäbe es immerhin noch meine geschätzte Begleitung, die  – ich weiß nicht, wie und warum – die Geschichte japanischer Feldherren im Gedächtnis trägt wie andere vielleicht eine Ballade von Goethe aus der Schulzeit.

Weiß man, wie man handeln soll?

Auf Basis dieses Fachwissens lässt sich Kiyoshi Kurosawas formal strenger Politkrimi wunderbar in ein Szenario einbetten, das man selten zu sehen bekommt, dafür aber ganz gut vors innere Auge führt. Überall auf dieser Insel wird gekämpft, ab und an rücken Armeen an, doch Kurosawa, der nicht mit dem großen Akira verwandt ist, interessiert sich für etwas ganz anderes: für Idealismus, Pflichterfüllung und höhere Mächte, die dazu angehalten werden, Zeichen zu setzen, um das Handeln der Menschen entsprechend zu bewerten.

Weiß man denn selbst, was richtig und falsch ist? Einer wie Murashige Araki, ein abtrünniger Samurai, hat sich von Feldherr Oda Nobunaga losgesagt und hinter den Mauern der Festung Arioka verschanzt. Dort harrt er den Dingen und hofft auf die Unterstützung anderer Clans, während ein Gesandter Odas, der Stratege Kanbei Kuroda, kurzerhand in den Kerker geworfen wird.

Was will Murashige damit bezwecken? Geht e darum, ihn als Berater zu zwingen, seine Expertise kundzutun? Der Gefangene kommt wie gerufen, als eine Mordserie losbricht, die sich wie ein Logikrätsel anfühlt und so intellektuell und vertrackt daherkommt wie die Morde aus Peter Greenaways barockem Krimipuzzle Der Kontrakt des Zeichners.

Formale Strenge, klare Gedanken

Ähnlich streng handhabt auch Kurosawa seine Literaturverfilmung, indem er auf alles verzichtet, was im Kontext der Geschichte keine Notwendigkeit hat. Rüschen und Schnickschnack adé: Die Geometrie der Architektur von Festung Arioka spiegelt die Geometrie eines indizienreichen Konflikts wider, durch den sich der Samurai hindurchmanövriert, und zwar auf eine Weise, als würde Mission Impossible-Hero Ethan Hunt einen Parcours aus Lichtschranken überwinden.

Vier Kapitel, die jeweils einer Jahreszeit entsprechen, teilen den fein gesponnenen Politkrimi zumindest so auf, dass sich zwischendurch verschnaufen lässt, denn The Samurai and the Prisoner erfordert Aufmerksamkeit. Das Who’s Who ist gewaltig, andauernd fallen Namen, die man stets verwechselt. Hinzu kommen Japans fremdartige Sitten und Gebräuche wie die obsessiv gelebte Teekultur. Eine dafür gebräuchliche, kostbare Urne namens Tora-maru spielt dabei eine große Rolle. Kaum zu glauben, dass dieses Ding einen Kriegsherren zu Tränen rührt.

Männer denken, Frauen lenken

Manches ist seltsam komisch, für manche Werte und Wertvorstellungen braucht es ein Begleitheft. Die Figur des Murashige aber ist ihrer Zeit voraus, Dem Regelkorsett mag er sich entledigt haben, die Rolle der Frau aber nicht hinterfragen, bis sie sich selbst zum Thema macht.

Das ist ordentlich Stoff, da ist man ganz schön gefordert, und dennoch: In dieser sachlichen Schlichtheit, aufgrund des integren Schauspiels und mit einem ganzen Jahresbedarf an politisch-philosophischen Fragen bleibt The Samurai and the Prisoner eine faszinierende Verbeugung vor dem zeitlosen Erzählkino Akira Kurosawas. Fast könnte dieser Film von ihm sein.

The Samurai and the Prisoner (2026)

No Rest for the Wicked (2026)

WIR ALLE SIND INSELN

7,5/10


Pilou Asbæk und Egor Venned in der Literaturverfilmung No Rest for the Wicked
© 2026 Polyfilm / Slash Filmfestival


LAND / JAHR: DÄNEMARK, ISLAND, FÄRÖER 2026

REGIE: KASPER KALLE

DREHBUCH: RASMUS BIRCH, NACH EINER KURZGESCHICHTE VON KARL HEINRICH ULRICHS

KAMERA: JACOB MØLLER

CAST: PILOU ASBÆK, EGOR VENNED, SOFIA NOLSØE, JÓHANNES HAUKUR JÓHANNESSON, KJARTAN HANSEN, BÚI DAM, NICOLAJ FALCK U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN



Wer glaubt, dass der Färöer-Archipel zu Island gehört, irrt genauso wie jene, die glauben, er gehöre zu Schottland oder Norwegen. Nichts da, diese Inselwelt, die aussieht, als wäre sie eine der nordischen Welten, die man erreichen kann, wenn man durch Portale schreitet, die nur gottähnlichen Metawesen zugänglich sind, gehört zu Dänemark, also zumindest zur Krone, verwaltet sich aber, wie Grönland, stets autonom. Anders wäre diese Abgelegenheit gar nicht machbar.

Ein Baum, was ist das?

Wasserfälle und an den dunklen Felswänden entlang mäandernde Rinnsale wirken fast organisch. Tief ins Innere führen kleine, stille Fjorde, außen tobt der Nordatlantik und hat so manchen Kahn schon auf Grund gesetzt. Wie isoliert muss diese Welt erscheinen, wenn man die Zeit zurückdreht, sagen wir ins 19. Jahrhundert, in die Zeit der Romantik und der Schauergeschichten zwischen Mary Shelley, Lord Byron und Bram Stoker. Es ist die Zeit der melancholischen Landschaftsmaler und der Sehnsucht nach einem Leben nach dem Tod. Und eine Zeit, in der niemand die Spielarten von Liebe und Zuneigung überhaupt hinterfragt. Schließlich geht es nur ums Überleben in dieser kalten, baumlosen und vom Wetter dominierten Unwirtlichkeit.

Wir retten uns gegenseitig

In so einer Welt muss der junge Erwachsene Baldur seinen Vater ersetzen und bei Muttern leben, die ein frommes, karges Leben führt und nicht unwesentlich starken Druck auf ihren Sohn ausübt, damit der nicht auf die Idee kommt, sein eigenes Leben zu leben.

Bis er beim Rudern zwischen den Klippen und Felsen auf den Schiffbrüchigen Helge stößt. Der eine rettet den anderen und umgekehrt, und schon sitzt der Däne Pilou Asbæk, den wir alle aus der Kultserie Game of Thrones kennen, in welcher er den garstigen Onkel Euron Greyjoy gegeben hat, am Tisch zwischen Baldur und seiner Mutter, die schon gleich ein Auge auf ihn wirft, nichts ahnend, dass sich Helge dem gleichen Geschlecht zugehörig fühlt. Eine Romanze bahnt sich an, bei welcher von vornherein klar ist, dass die Gesetze der Färöer-Inseln nicht für Liebende gemacht sind.

Dem Zeitgeist verbunden und dennoch vordenken

Diese Wildromantik, die Kasper Kalle hier in seinem zweiten Langfilm das Geschehen dominieren lässt, dient dazu, eine 1884 verfasste Kurzgeschichte des deutschen Schriftstellers Karl Heinrich Ulrichs zu illustrieren, eines Mannes, der als Vorreiter in den Belangen homosexueller Menschen gilt. Klarerweise ist seine melodramatische, düstere Liebesgeschichte von all diesen avantgardistischen Gedanken geprägt – und er verknüpft sie mit vertrauten Tropen aus dem Schauergenre rund um Wiedergänger und Vampire, die damals wohl noch ein und dasselbe waren. Bram Stoker wird seinen berühmten Roman noch schreiben, Mary Shelleys Klassiker liegt schon Jahrzehnte zurück.

Sehnsucht, Bestimmung und Pflicht

Bereits früh im Film ist klar: Zwischen Pilou Asbæks Figur und des vom Färöer Schauspieldebütanten Egor Venned dargestellten Baldur gibt es eine Verbindung, die weit über den Tod und das tragische Schicksal hinausgeht. Ob nun Kasper Kalle dem morbiden Sehnsuchtsgenre Neues abverlangen kann?

Es gelingt insofern, als sich Kalle voll und ganz auf jene Stimmung verlässt, die ihm die Färöer Landschaft vermittelt. Viel tun dafür muss er nicht. Regen, Nebel und dergleichen kommen wie das Amen im Gebet. Das ist klassisch, das ist gut so, um all das, was an Paranormalem passiert, etwas anders zu erzählen.

Das, was vom Mythos erzählt, fällt nicht ganz so klassisch aus. Vielmehr geht es um das Rollenspiel unter den dreien, oder ich will fast sagen vieren, denn der absente, tote Vater, dessen Lücke niemand füllen will, drängt danach, ersetzt zu werden. Es ist ein Reigen der Bestimmungen: Die Mutter sieht Helge als Mann, Helge sieht dieses Heim als Zuflucht, Baldur Helge als seinen Schlüssel zur Freiheit.

Der letzte Wille stirbt nie

Wenn dann der Tod zum Thema wird, weicht die rationale Physik okkulten Gesetzen, die tief in die historische Angst vor Wiedergängern eintaucht und die Ursache des Untoten-Daseins fast schon absichtlich missverstehen, damit Kalle sie entsprechend interpretieren kann. Das geht mit viel Dunkelheit, wenigen Worten, wenig, aber doch mit Blut und gänzlich ohne Maskerade.

Mag sein, dass für die Intensität dieser Liebe zu wenig Platz bleibt. Das, was später folgt, mag sich gar nicht mal auf diese innige Zugehörigkeit rückbesinnen können, da sie fast ausschließlich durch Körperlichkeiten dargestellt wurde, nicht aber durch geistige, charakterliche Verschmelzung.

Woher dann diese Sehnsucht? Weil alle in dieser Welt irgendwo dazugehören wollen, zu jemand anderem, zu einer anderen Welt vielleicht außerhalb dieses eigenen Archipels? Die queere Liebe ist da nur eine Variation einer ganz anderen Selbstbestimmung, die mit postmortalem Recht und Gehörtwerden zu tun hat.

No Rest for the Wicked (2026)

Das Ende der Sterne (2026)

STEREOTYPEN DES NEUEN WILDEN WESTENS

4,5/10


Jacob Elordi als Hig in Ridley Scotts Das Ende der Sterne
© 2026 20th Century Fox


ORIGINALTITEL: THE DOG STARS

REGIE: RIDLEY SCOTT

DREHBUCH: MARK L. SMITH, CHRISTOPHER WILKINSON, NACH DEM ROMAN VON PETER HELLER

KAMERA: ERIK MESSERSCHMIDT

CAST: JACOB ELORDI, JOSH BROLIN, MARGARET QUALLEY, GUY PEARCE, BENEDICT WONG, ALLISON JANNEY U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN



Erst kürzlich ging am Wiener Kunstmuseum Albertina eine Ausstellung über den Konzeptkünstler Richard Prince zu Ende. Der Amerikaner ist Vertreter der sogenannten Appropriation Art, was so viel bedeutet wie: Bereits vorhandene Werke, zu welchem Zweck auch immer, neu zu zitieren und damit umzuinterpretieren. Er refotografierte also in seinem Western-Zyklus klassische Marlboro-Werbungen und hinterfragte damit das stereotype, klischeebeladene Lebensgefühl, das Zigarettenkonsum so salonfähig machte. Starke, konservative Männer in rauer Wildnis, Pferde reitend oder bändigend, nach harter Arbeit in den Sonnenuntergang blickend, fast schon wie ein Lucky Luke des echten Lebens, das Lasso lässig an der Seite. Und das Päckchen Tschick irgendwo.

Eine Kehrtwende hin zu traditionellen Versatzstücken

Diese Kunst muss man wirklich nicht mögen, doch verständlich ist die Aussage dennoch. Mag sein, dass Ridley Scott Ähnliches im Sinn hatte. Mag sein, dass er bereits etablierte Versatzstücke aus längst vergangenen Genre-Stilen des Films wieder aufleben lassen und neu anordnen wollte – längst zur Genüge bediente stereotype Rollenmuster und ein Wertebewusstsein aus noch vor dem Kalten Krieg bis in die Reagan-Ära hinein – das könnte für die Verfilmung eines Bestsellers reichen, den Peter Heller verfasst hat und den Titel Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte trägt, assoziationsauslösend mit John Irvings Garp und wie er die Welt sah.

Diesmal aber ist es nicht Garp, sondern der momentan gut im Geschäft stehende Jacob Elordi, der als Elvis oder Frankensteins Monster gute Figur gemacht hat und der auch hier, im Gras liegend und in den Nachthimmel blickend, sich selbst erkennt, wie er in Sofia Coppolas Priscilla Cailee Spaeny auf die starallürenhaften Laken zitiert. Das Sternbild des King of Rock hängt dort, und das seines Hundes Jasper.

Auf den Hund gekommen

Mit Hunden kennt sich die Postapokalypse schließlich sehr gut aus – sowohl Don Johnson in Der Junge und sein Hund oder Will Smith in I Am Legend: Sie alle hatten ihren Vierbeiner an der Seite, denn welche Freundschaften bleiben einem noch, auf die man setzen kann, in anarchischen Zeiten wie diesen, in denen die Weltbevölkerung in Clans zerbricht und verwilderte, marodierende Banden durchs Unterholz treiben. Ein bisschen erinnert mich dieses Konzept an die von Netflix bedauerlicherweise abgesetzte deutsche Serie Tribes of Europa. Da hätte man etwas draus machen können. Daran hätte sich auch Ridley Scott orientieren können, doch das hat er nicht.

Grenzschutz in der Postapokalypse

Dieser Hig hat nicht nur einen Hund, sondern auch den Ex-Marine Bangley an seiner Seite – ein harter Knochen, der im Laufe der Gespräche in diesem Film unter anderem seine Brille von Anfang an bei Fielmann kaufen hätte sollen. Was die von Josh Brolin verkörperte, republikanisch anmutende Institution von Mann an Grenzverteidigung an den Tag legt, beschert Donald Trump wohl feuchte Augen. Da wird nicht gefragt, da wird nicht Asyl gewährt, da wird geschossen, denn auf Dialog setzen muss man nachher nicht mehr.

Diese Radikalität amerikanischer rechter Werte kokettiert mit der melancholischen Verträumtheit eines Jacob Elordi, der mit Schlafzimmerblick, Lethargie und Muskelkraft zum Fast-Bäume-Ausreißen eben diesen Rollentypus aus den Konzepten von Richard Prince verkörpert, die Zigaretten in Griffweite und mit der Cessna über eine Landschaft brummend, die Amerika keiner nehmen kann.

Die ist nun mal da, und die verspricht Freiheit, Chancen und einen Neuanfang. Hig muss nur Grand Junction finden, von wo aus ein Signal noch ein Rest an Zivilisation verspricht. Unterwegs trifft er auf Verbündete. Und das war’s auch schon mit der Story.

Make Wild West great again!

Am besten, man beginnt hier gleich wieder von vorne und holt das Zeitalter des Wilden Westens aus der Mottenkiste. Man muss dieses Gesellschaftsbild nur in eine dystopische Zukunft setzen, und siehe da – es macht fast keinen Unterschied, ob Elordi, John Wayne oder Clint Eastwood den Ton angeben. Hier werden die weißen Amerikaner zu den neuen Nativen, und die noch weißeren zu den Pionieren, die sich zu kleinen Farmen zusammenfinden, wo zwischen Mennoniten und Mormonen kein Unterschied gemacht wird, Hauptsache der christliche Glaube bringt am Ende Friede, Freude, Eierkuchen.

Immer dieser Retro-Charme

Übersehen darf man in dieser kauzigen kleinen Klischeekiste des neuen Sonnenaufgangs jedenfalls nicht Margaret Qualley und ihren Filmpapa Guy Pearce. Qualley diesmal nicht als eine ihrer Schönheit und erotischen Anziehungskraft bewussten Manipulatorin, sondern pioniergeistig in Latzhose und Kappe – Pearce muss man als brummigen Endzeit-Mundl fast schon gern haben. All diese Personen kippen dann ganz plötzlich in die Welt von Fallout, natürlich fragt man sich: Warum, wieso und was hat Ridley Scott geritten, den elegischen Kevin-Costner-Grundtonus durch eine misslungene Kopie der postatomaren Aftermath-Groteske auf Amazon Prime zu stören. Der Spuk ist aber bald wieder vorbei, rausschneiden kann man diesen Brocken immer noch.

Was bleibt, ist eine abendfüllende Prosa-Werbung über die guten alten Werte eines Staatenbündnisses mit ganz viel Landschaft, in der die Leute einfach nur zu wissen brauchen, wann sie schießen, wann sie in die Sterne gucken und wann sie die kolportageartig zur Schau gestellte Melancholie verlorener Lebenskonzepte empfinden müssen. Hättiwari bringt einen da nicht weiter, MAGA vielleicht schon.

Das Ende der Sterne (2026)

H wie Habicht (2025)

FEDERN VOR DEM LEBEN

6/10


Claire Foy als Helen mit ihrem Habicht Mabel im Film H wie Habicht
© 2026 Panda Lichtspiele


ORIGNALTITEL: H IS FOR HAWK

LAND / JAHR: VEREINIGTES KÖNIGREICH, USA, SINGAPUR 2025

REGIE: PHILIPPA LOWTHORPE

DREHBUCH: PHILIPPA LOWTHORPE, EMMA DONOGHUE, NACH DEM AUTOBIOGRAFISCHEN BUCH VON HELEN MCDONALD

KAMERA: CHARLOTTE BRUUS CHRISTENSEN

CAST: CLAIRE FOY, BRENDAN GLEESON, LINDSAY DUNCAN, DENISE GOUGH, SAM SPRUELL, EMMA CUNNIFFE, JOSH DYLAN, EDEN HAMILTON, ARTY FROUSHAN, ANGUS COOPER U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN



Kommt ein Vöglein geflogen

Dieses Vöglein hat allerdings kein Briefchen im Schnabel, sondern eher ein erlegtes Kaninchen. Doch was will man machen, das ist die Natur der Sache bei einem Habicht, der als Beutegreifer und Raubvogel das Töten anderer Lebewesen sowieso nicht bewerten kann, wo es doch in der Natur selbst kein Gut und Böse gibt, keine Moral und keinen Anstand. Die Natur verlangt den Zweck, sie selektiert, lässt überleben, wer sich geschickter anstellt, und sterben, wer nicht das Zeug dazu hat, die Challenge mit dem Titel „Survival of the Fittest“ zu stemmen.

Tut uns das Kaninchen denn nicht leid?

Der Vorwurf einer gewissen Zuhörerschaft im Film H wie Habicht, den sich Cambridge-Dozentin Helen McDonald gefallen lassen muss, nämlich, dass sie den Tod anderer Tiere in Kauf nimmt, fußt wohl auf einer gewissen Ahnungslosigkeit oder fehlenden Bereitschaft, sich mit Natur, Biologie und Verhaltensforschung jemals auseinandergesetzt zu haben oder auseinandersetzen zu wollen. Am liebsten würde man, sitzend im dunklen Auditorium, diesen woken Besserwisser des Saales verweisen. Während man Helen dabei zusieht, wie sehr sie die Notwendigkeit verteidigen muss, tut sie einem leid. Dass ein Habicht eben sein Habichtverhalten an den Tag legen muss, ist essentiell – sonst wäre er in dieser Welt fehl am Platz.

Ein Todesfall verleiht Flügel

Genauso fehl am Platz fühlt sich Helen McDonald, auf deren Autobiografie dieser Film hier beruht. Sie wird vollends aus ihrem geregelten Leben geworfen, aus ihrem Habitat sozusagen, als ihr über alles geliebter Vater an Herzversagen stirbt. Mit ihm konnte sie schließlich alles teilen: Die Begeisterung für die Welt, das Birdwatching, den Humor – und den steten Drang, immer ganze Berge bewegen zu wollen und nie stillzuhalten. Dieses Stillhalten muss die trauernde Tochter aber lernen, als sie sich im Zuge einer Kurzschlussreaktion oder aber durch Überkompensation ihrer emotionalen Notlage einen Greifvogel anschafft.

Jetzt wohnt dieses freiheitsliebende Tier in ihrer Wohnung, darf anfangs nur diese blickdichte Haube tragen, die Falkner den Tieren so gerne überstülpen, damit sie ruhig bleiben. Dann aber begegnen sich beide von Angesicht zu Angesicht. Und es scheint, als würde Helen plötzlich so sein wollen wie dieser Vogel, der, sofern man ihn lässt, weiß, wie er leben und was er tun muss.

Ein Mensch weiß das nicht, der ist stets Produkt seiner Umwelt und seiner Emotionen, die lange nachhallen und nicht verschwinden wollen. Auch Tiere können depressiv werden, auch Tiere können trauern, doch immer wieder erlangt sich das Überleben die höchste Priorität zurück. Wie soll das also Helen schaffen, die immer mehr sich selbst verliert, oder besser gesagt: in diesem Tier, das plötzlich alles für sie ist. Freiheit, Triumph, Ordnung, Klarheit.

Des widerspenstigen Vogels Zähmung

Die Britin Philippa Lowthorpe, bekannt für ihre Arbeit an Die Misswahl – Der Beginn einer Revolution – muss hier nun trotz einer überschaubaren, recht handlungsarmen Geschichte ein Psychogramm erstellen, in dem es hauptsächlich um Empfindungen geht, die sich zumindest im Verhalten des Vogels widerspiegelt. Daher setzt sie auch unmissverständlich den Fokus auf die Zähmung eines widerspenstigen gefiederten Freundes, der als Metapher dafür steht, wie gut oder wie schlecht man sein innerstes Ich steuern kann.

Von der Recherche im Internet bis zur innigen Freundschaft zwischen Mensch und Tier sehen wir alle Zwischenstufen eines Falkner-Lebens, zwischendurch mutet H wie Habicht wie eine Dokumentation an, während der aber immer wieder die Überlegung aufkommt, ob die Bindung eines freiheitsliebenden Tieres wie ein Greifvogel an einen Menschen nicht doch ein bisschen so etwas wie Tierquälerei sein kann. Kein Lebewesen entzieht sich gerne seinem Sehsinn. Da lässt sich doch nur vermuten, dass sich ein Vogel durch diese Falknerhaube sicherer fühlt – wissen kann man es nicht.

Doch sei es wie es sei – das Tier ist prachtvoll, man wünscht ihm, es könnte entfliehen, und man wünscht Helen die Eingebung, dass sie doch dieses Tier endlich loslassen soll.

Wie habt ihr es mit Falknerei?

Muss man sich für Falknerei also interessieren? Nun, bis zu einem gewissen Grad schon, und tut man es nicht, geht doch einiges verloren. Was man gewonnen hat, ist Claire Foys Schauspiel – sie ist phänomenal, macht es sich niemals einfach, indem sie im Selbstmitleid versinkt, sondern entwickelt ihre Verhaltens-Transformation fast schon beiläufig, sich selbst etwas vormachend, nur langsam reflektierend, was sie hier tut. Dafür ist H wie Habicht wirklich sehenswert, obendrauf gibt es natürlich Brendan Gleeson, den man, obwohl man ihn nie als Vater hatte, wirklich auch zu vermissen beginnt.

Es ist nun mal eine True Story

Lowthorpes Psychodrama ist fasziniert von seinem Habicht, ist fasziniert von Claire Foy, doch führt für meine Begriffe die Lebensgeschichte nicht zu einem konsequenten, vielleicht auch radikalen Ende. Diese Diskrepanz zwischen Wildheit und gesellschaftlicher Norm, die hätte das Zeug gehabt, sich freizukämpfen und weiterzuentwickeln. Sie hätte über ihren narrativen Schatten springen können, das wäre eine Wucht gewesen. So aber muss H wie Habicht der True Story gerecht werden. Manchmal ist das Leben durchaus auch weniger spektakulär als die Fiktion. Reales kann man nicht erfinden? Doch, diese Geschichte schon.

H wie Habicht (2025)

Virginia Woolf’s Night & Day (2026)

EMANZIPIEREN GEHT ÜBER STUDIEREN

5/10

 

Haley Bennett will in Virginia Woolf's Night & Day einfach nur studieren
© 2026 Constantin Film Österreich

 

LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, IRLAND, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: TINA GHARAVI

DREHBUCH: JUSTINE WADDELL, NACH DEM ROMAN VON VIRGINIA WOOLF

KAMERA: SEBASTIAN EDSCHMIED

CAST: HALEY BENNETT, ELYAS M’BAREK, LILY ALLEN, TIMOTHY SPALL, JENNIFER SAUNDERS, JACK WHITEHALL, MISIA BUTLER, SALLY PHILLIPS, SIMON PHILLIPS, CAMILLA BORGHESANI, ERIKA LINDER U. A.

LÄNGE: 1 STD 35 MIN



Wenn ein Trailer den Film erzählt

Es gibt keinen anderen Film, von welchem ich in den letzten drei Monaten im Kino nicht öfters den Trailer ansehen habe müssen als für diesen hier: Virginia Woolf’s Night & Day. Haley Bennett, die, des Nächtens im Wasser schwimmend, zu den Sternen blickt und sich bei diesen Lichtjahre entfernten Himmelskörpern erkundigt, ob diese ihr nicht zublinzeln. Immer und immer wieder, es ist, als hätte man den Film bereits gesehen, da der Gusto machende Zusammenschnitt sogar das zu erwartende Ende vorwegnimmt. Da will ich schließlich auch wissen, ob der Film selbst dann mehr bietet als nur Sterne, Blinzeln, Heiratsanträge und ein griesgrämiger alter Patriarch namens Timothy Spall, der seine Tochter anhält, gefälligst Mutter und Ehefrau zu sein.

Drängende Themen bis heute

Virginia Woolf war da immer schon eine Avantgardistin in Sachen Frauenrecht und Selbstbestimmung. Ihr zweiter, 1919 erschienener Roman Night and Day erzählt von einer resoluten jungen Frau, die nicht daran denkt, sich mit ihrem Sandkastenfreund zu verloben, nachdem der ihr einen mehr oder weniger unbeholfenen Antrag macht. Katharine, so nennt sich Bennetts Figur, will studieren, das Universum erforschen, und ganz im Speziellen herausfinden, was es zu bedeuten hat, wenn manche Gestirne heller scheinen als andere. Dafür büffelt und erforscht sie im Obergeschoss einer Fabrik, die nebenbei noch den Suffragetten als Basislager dient. Mit anderen Worten: Eine Kämpferin wie Katherine können all die Frauenrechtlerinnen (und Frauenrechtler) gut gebrauchen.

Nur nichts ausprobieren!

Was nicht zu erwarten war: Elyas M’Barek, Zugpferd des Deutschen Kinos, darf sich hier im England des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts als immigrierter Lektor versuchen – bei einem unaufgeregten Film wie diesen gelingt ihm das formidabel, und natürlich kann man, was die Professionalität des ganzen Ensembles angeht, nicht wirklich meckern. Doch obwohl Virginia Woolf’s Night & Day naturgemäß für eine gute Sache einsteht, oder besser gesagt: von den Anfängen weiblicher Emanzipation berichtet (worüber man nie zu viel bringen kann), plätschert der ganze Streifen ohne Wendungen recht gediegen und von vornherein schon durch seine thematische Ansage gesättigt vor sich hin – und kann tatsächlich kaum viel mehr beitragen als bereits schon im Trailer veröffentlicht. Dort ist tatsächlich alles schon gesagt, im Film dann vom selben noch viel mehr, was Virginia Woolf’s Night & Day eine Beschaulichkeit angedeihen lässt, die jedwede gesellschaftliche Aufbruchs- und Ausbruchsstimmung einfach nicht empfinden kann.

Was läuft denn zu den Feiertagen?

Tina Gharavis Arbeit hat den Verve eines für die Weihnachtsfeiertage angefertigten BBC-Fernsehfilms, der sich mehr hat kosten lassen als womöglich andere Projekte, der aber in seiner konventionell erzählten Simplifikation der Geschichte jeden fernsehenden Haushalt weitestgehend zufriedenstellen wird. Ist ja nett anzusehen, dieses Drama, es regt nicht auf, es schert nicht aus, es bedient den Glanz der Festtage mit gefällig aufbereiteter Literatur.

Virginia Woolf’s Night & Day (2026)

Rückkehr nach Ithaka (2024)

ZUHAUSE IST ES DOCH AM SCHÖNSTEN

6/10

 

Ralph Fiennes und Juliette Binoche als Odysseus und Penelope in Rückkehr nach Ithaka
© 2024 Piffl Medien

 

ORIGINALTITEL: THE RETURN

LAND / JAHR: USA, FRANKREICH, ITALIEN, VEREINIGTES KÖNIGREICH, GRIECHENLAND 2024

REGIE: UBERTO PASOLINI

DREHBUCH: UBERTO PASOLINI, EDWARD BOND, JOHN COLLEE, NACH MOTIVEN AUS HOMERS EPOS

KAMERA: MARIUS PANDURU

CAST: RALPH FIENNES, JULIETTE BINOCHE, CHARLIE PLUMMER, TOM RHYS HARRIES, MARWAN KENZARI, CLAUDIO SANTAMARIA, AMIR WILSON, ÁNGELA MOLINA U. A.

LÄNGE: 1 STD 56 MIN



Auch hier spielt, wie in Christopher Nolans Blockbuster, Prinzessin Nausikaa von der Phäakeninsel keine Rolle. Auch hier liegt, mehr tot als lebendig, ein von Abenteuern und Entbehrungen geschundener Körper am Strand, der zu niemandem geringerem als dem schon seit zwanzig Jahren abstinenten König von Ithaka gehört. Zu diesem Zeitpunkt weiß das aber noch niemand. Nicht mal Sohnemann Telemachos, der den reumütigen Haudegen nicht mal als seinen Vater erkennen würde, wenn er vor ihm stünde. Auch Penelope weiß nichts davon und webt weiter ihr ewiges Leichentuch für den Großvater, der auch nicht mehr lange zu leben hat.

Vor Nolan war noch ein anderer dran

Bevor nun Christopher Nolan seinen marketingtechnisch klug konzipierten und breit gefächerten IMAX-Kamera-Hype losgetreten und für die Macht des Analogen im wahrsten Sinne des Wortes eine Lanze gebrochen haben wird, hat sich zwei Jahre zuvor ein bescheidener, italienischer Autorenfilmer namens Uberto Pasolini (grandios: Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit) des Homerischen Epos angenommen und dabei jenen Teil verfilmt, der mit Odysseus‘ Heimkehr zu tun hat.

Erkennst du mich denn nicht?

The Return heisst das spartanische Werk, übersetzt: Rückkehr nach Ithaka. Stimmt schon, das Wort Ithaka lockt schon mal Freunde der Antike an. Da wissen die meisten schon: Hier wird der Bogen zwar nicht über-, aber gespannt werden, und zwar nur von einem einzigen, nämlich dem König, gehüllt in Tüchern eines Landstreichers und unkenntlich gemacht durch Bartwuchs und verfilzter Mähne.

Dass ihn Penelope aber trotzdem nicht erkennt, sich an seine Stimme nicht mehr erinnern und die Augen des Geliebten nicht mehr als die seinen identifizieren kann, mag schon in der grundlegenden literarischen Vorlage verwirren. Aber gut, mit dieser Prämisse und diesen Parametern musste auch Nolan klarkommen, der hat immerhin Penelope und Odysseus in einen erweiterten Beichtstuhl gesetzt, während die Gemahlin dem Inkognito-Reisenden die Sünden absolviert.

Das Epos gehört den Liebenden

Pasolini, der nicht mit dem großen Neorealisten Paolo Pasolini verwandt ist, stattdessen aber mit einem anderen, nämlich Luchino Visconti (ebenfalls Realist), konzentriert sich lieber auf die leidende Intensität seiner beiden Hauptfiguren. Mit Juliette Binoche als Penelope und Ralph Fiennes als Odysseus hat der Filmemacher zwei Kapazunder am Start, die in ihrer Rollenfindung aufgehen, und wodurch sich Pasolini auch leisten kann, alles in seinem Film komplett auf die beiden auszurichten.

Puristischer On Location-Anspruch

Was braucht es noch, um kostengünstiger und weniger egomanisch, trotz allem aber nicht weniger visionär ein Alternativprogramm zum Sommerblockbuster zu liefern? Vielleicht schmeckt Pasolini der Anspruch, alles on Location drehen zu wollen, genauso.

Bei ihm gibt es noch weniger Studio als bei Nolan. Er ergänzt seine Gemäuer nicht mit gezimmerten Kulissen, sondern lässt sie, wie sie sind – verfallen, verschimmelt, der Verputz blättert ab. Nichts weist darauf hin, dass es sich hierbei um ein Königreich oder gar um einen ehrwürdigen Palast handelt.

Pasolini macht Pasolini

Binoche, meist mit einem schwarzen Schleier verhüllt, der die Trauer und das Warten symbolisiert, wirkt wie aus einem Bibeldrama entnommen. Als die Version einer katholischen Heiligen geistert sie durch spärlich beleuchtete, dunkle Gewölbe. Wenn man da nicht depressiv wird. Pasolini macht es dabei seinem Namensvetter Pasolini gleich. Dieser hatte mit Das 1. Evangelium: Matthäus, einen expressionistischen und auf allen Schnickschnack verzichtenden Bibelfilm geschaffen, in harten Schwarzweißkontrasten und in einen sozialrealistischen Kontext gesetzt, den der andere Pasolini, nämlich Uberto, zwar nicht unbunt, aber ähnlich, zur Wirkung bringt.

Zu alt für diesen Scheiß

Die dramaturgische Wucht, die bisweilen bei Nolan entfesselt wird, hat Rückkehr nach Ithaka nirgendwo. Hier zählt das kontemplative, innere Ankommen und die Akzeptanz jener, die nach langem Warten gar keine Erfüllung mehr darin finden können, wenn der Ersehnte endlich anlandet. In sich gekehrt und mit nacktem Oberkörper, von der Sonne gegerbt, zerschunden und gezeichnet, probt dieser ersehnte Ralph Fiennes hier schon mal für seinen Auftritt als Knochenmann in den letzten beiden 28 Years Later-Episoden.

Von ihm geht nicht weniger Faszination aus als von Matt Damon. Fiennes ist im Gegensatz zu seinem Schauspielkollegen so richtig „zu alt für jeglichen Scheiß“ – desillusioniert und reif für den Ruhestand, ein bisschen wie Hugh Jackman als Robin Hood, gleichsam ernsthaft und grimmig, dafür aber sehnsüchtiger. Juliette Binoches Penelope ist verhärmt, verschlossen, und unterdrückt ihren Seelenschmerz. Beide also Menschen, die sich vieles zu sagen hätten, es aber nicht mehr können.

Gestelzte Theatralik

Da ist Nolans Altkönigspaar deutlich profaner, immer noch resolut und vielleicht auch kämpferisch, für ein letztes Gefecht. Der Vergleich zahlt sich aus, zumindest im Hinblick seiner Figuren. Allerdings bringt Pasolini einen zähen Rhythmus in sein sparsames Szenario – gestelzte Dialoge und unbeholfenes Auftreten erwecken den Spirit einer schulisch einstudierten Passionsgeschichte, fast wie ein kleines Fernsehspiel, das den Neo-Realismus vielleicht nur anwendet, um mangelnden Ressourcen zu kaschieren.

Die Zärtlichkeit, die Nolan nicht hatte

Das aber ist nur eine gewagte These. Die letzte Episode in Homers Epos auf das Wesentliche zu reduzieren, ist dennoch befreiend übersichtlich. Belohnt wird man am Ende mit dem wundersamen Moment einer späten Liebesgeschichte; mit einem Ehedrama, von dem nur Gesichter, Blicke und ein hölzernes Bett erzählen.

Damit schlägt Pasolini sogar die letzten Momente aus Nolans Odyssee – so eine zarte Annäherung, die in seiner Verletzlichkeit an James Ivorys Was vom Tage übrigblieb oder Eastwoods Die Brücken am Fluss erinnert, hätten auch Anne Hathaway und Matt Damon verdient. Nun, das bleibt Binoche und Fiennes vorbehalten, die sich, hoffnungsvoll und wahrhaftig, auf einen gemeinsamen Lebensabend einstellen, ohne dafür gen Westen segeln zu müssen.

Rückkehr nach Ithaka (2024)

Allegro Pastell (2026)

VIELE OFFENE TÜREN IM WOHLSTANDSEUROPA

6/10


Sylvaine Faligant und Jannis Niewöhner in der Verfilmung von Leif Randts Allegro Pastell© 2026 WalkerWorm Film / Felix Pflieger


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2026

REGIE: ANNA ROLLER

DREHBUCH: LEIF RANDT, NACH SEINEM GLEICHNAMIGEN ROMAN

KAMERA: FELIX PFLIEGER

CAST: JANNIS NIEWÖHNER, SYLVAINE FALIGANT, HALEY LOUISE JONES, LUNA WEDLER, MARTINA GEDECK, WOLFRAM KOCH, VERA FLÜCK, NICO EHRENTEIT, AKOB SCHREIER, KELVIN KILONZO U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN



Im Jahre 2018 war die Welt noch in Ordnung. Da konnte man sich noch lieben, sich necken, zusammenziehen oder Schluss machen. Da war die zwischenmenschliche Beziehung noch in all ihren Ausformungen Freiheit, Wildnis, Egotrip. Alles in allem, und ohne Committment.

Vom Wert der Zweisamkeit

In Allegro Pastell haben wir es mit Millennials zu tun, die drauf und dran sind, sich selbst zu verwirklichen oder das zu suchen, was sie vielleicht mal in ihrem Selbst ruhen lässt. Noch aber ist alles im Aufbruch und Umbruch, von Covid 19 wussten damals nur die Studierten, doch sicherlich nicht das trendaffine, sozial integre Volk. Zwei Jahre später dann die ersten Maßnahmen, da wird man froh gewesen sein, jemanden an seiner Seite gehabt zu haben, der gemeinsam mit einem selbst diese Ausnahmejahre hat durchstehen wollen. Man muss Partnerschaft und Beziehung nur in die richtige Relation setzen, dazu braucht es etwas Ernstzunehmendes, Übergeordnetes.

Zufriedenheit als Stillstand

2018 war die Welt also noch in Ordnung. Und Jannis Niewöhner als Jerome liegt mit Love Interest Sylvaine Faligant gemeinsam im Bett; während eines pastelligen Morgens, entspannt und irgendwie zufrieden, wobei einem immer wieder das Gefühl beschleicht, das so viel Wohlbefinden bei solchen Mitdreißigern irgendwo einen Haken hat. Dieses Wohlbefinden mag Zufriedenheit hervorrufen, und Zufriedenheit, gleichbedeutend mit Stillstand, ist gar nicht gut bei Menschen, die nach etwas streben, oder immer wieder glauben, nach etwas – und dieses Etwas ist das Mehr – streben zu müssen.

Die Qual der Wahl bei den Privilegierten

Alles scheint zusammenzupassen, und doch bleiben da diese ungenutzten Möglichkeiten. Denn abgesehen davon, dass man vorwärts drängt und noch vor der erschütternden Vierzig sich und der Welt beweisen muss, wer man ist, stehen in der westlichen Welt des Wohlstands einfach so viele Türen offen, dass es fast verschenkt scheint, nicht noch durch eine andere zu treten. Jenseits der Schwelle wartet da vielleicht noch ein anderer Mann oder eine andere Frau. Vielleicht sind diese anderen die vom Schicksal ausersehenen, während man Zeit damit verliert, gemeinsam eine Existenz zu festigen, die von weiteren möglichen Chancen ablenkt.

Niemand will einander gefunden haben

Dabei meint es niemand wirklich böse, niemand will dem anderen wehtun, es ist alles eine Frage der Selbstfürsorge und die Suche nach Gewissheit, sich für das richtige zu entscheiden. Bald wird es diese Auswahlmöglichkeiten nicht mehr geben, zumindest für einige Zeit. Hätte man doch und wäre man doch. Oder eben auch nicht.

Anna Roller portraitiert diese Generation der Unruhigen und Zielsuchenden mit ganz viel Text aus dem Off, die aus Leif Randts Romanvorlage kommen muss. Das gibt Allegro Pastell schon von Anfang an eine intellektuell-literarische Note, die das Beziehungsdrama als intellektuelles Psychogramm gleich mehrerer Personen identifiziert. Im Fokus Faligant und Niewöhner als dieses unentschlossene und doch ganz eindeutig zusammengehörende Liebespaar, das nicht glauben kann, dass es sich gefunden hat.

Französisches Autorenkino

Allegro Pastell zeigt eine Welt des frei wählbaren Luxus – einer Wohlstandsgesellschaft, die um sich kreist und manchmal auch um andere. Die Stimmung, die Roller dabei lukriert, ist so melancholisch, gedankenverloren und tänzerisch, dass man meinen könnte, in einer französischen Studentenromanze gelandet zu sein, jenen aus den Achtzigern und Neunzigern, in denen Dreiecksbeziehungen keine Seltenheit sind und die freie Liebe sowas wie die moderne Familie, nur ohne Kommune, stattdessen im Bungalow der betuchten Eltern, die als Baby Boomer als erste Generation nach dem Krieg den Boden für die nachkommenden Generationen erst aufbereiten musste.

Die Handlung als seufzende Momentaufnahme

Oft schon haben Beziehungsfilme wie Allegro Pastell Wohlstandskinder auf hohem Niveau nicht gerade jammern, aber nach dem Best Case suchen lassen. Neu ist das, was Leif Randts Roman zumindest im Kino erzählt, nicht wirklich. Und so bewegt sich das Leben von Niewöhner und Sylvaine Faligant, ob mit- oder ohneeinander, auch nicht groß weiter. Es tun sich weder Gräben auf noch müssen neu aufgetürmte Topografien überwunden werden. Dabei plätschert Allegro Pastell von heiter bis sentimental wolkig, und hat so seine langen dramaturgischen Seufzer.

Rückblickend bleibt das Ganze recht inhaltsleer, und trotz der Abgehobenheit der Figuren schafft es Roller, die Distanz zum Publikum zu schmälern. Das schafft sie mit Atmosphäre und eleganter, nicht unbedingt selbstgefälliger Bildsprache, da diese schließlich punktgenau illustriert, in welcher Blase sich die Welt am Zenit einer auf ewig zu konservierenden Aufbruchsstimmung befindet.

Allegro Pastell (2026)