Ma Rainey´s Black Bottom

WEIT MEHR ALS NUR MUSIK

8/10


blackbottom© 2020 David Lee/NETFLIX

LAND: USA 2020

REGIE: GEORGE C. WOLFE

CAST: VIOLA DAVIS, CHADWICK BOSEMAN, COLMAN DOMINGO, GLYNN TURMAN, MICHAEL POTTS, TAYLOUR PAIGE, JEREMY SHAMOS U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Gut möglich, dass der erschreckend früh verstorbene Chadwick Boseman zu ähnlichen Ehren kommen könnte wie seinerzeit Heath Ledger für seinen Joker. So eine posthume Auszeichnung könnte sein Schaffen gebührend veredeln, und es wäre ja nicht nur eine Anerkennung aus rein respektvollen Gründen. Es wäre auch absolut verdient. Denn Chadwick Boseman, der als Black Panther natürlich schon eine gute Figur gemacht hat, konnte in seiner allerletzten Rolle als Trompetenspieler Levee dann doch noch alle Register seines Könnens ziehen – und eine Performance hinlegen, bei der man, während sie so dynamisch und expressiv abgeht, zweimal hinsehen muss, um den Schauspieler dahinter wiederzuerkennen, obwohl 20er-Jahre-Haircut und Schnauzer eigentlich nicht wirklich viel in die Irre leiten sollten. Nein, es ist ganz einfach sein Spiel, sein knorriges, impulsives, verletzliches Auftreten, dieser naive Idealismus. Eigenschaften, die Bosemans Rolle erfüllen muss und die ihn so anders erscheinen lassen. Der gerade mal 43 Jahre alt gewordene Künstler ist hier nicht allein auf der Bühne – mit donnernden Schritten stakst eine charismatische Erscheinung in dieses kleine Aufnahmestudio, mit schillerndem Kleid, geölter Haut, bis unter den Haaransatz geschminkt – aufgedonnert wie eine stattliche Diva, die keinen Snickers-Riegel abbekommen hat: Viola Davis. Sie verkörpert die authentische Figur der Ma Rainey, die tatsächlich als Mutter des Blues gilt und scheinbar den sentimentalen, aber gleichzeitig aufmüpfigen Rhythmus dieser Musikrichtung in glamourösem Ausmaß interpretiert hat.

Beide zusammen – Boseman und Davis – sind ein Gespann, dass sich nicht ausstehen kann, weil sie beide für einen Ist-Zustand der schwarzen Bevölkerung stehen, allerdings jeweils auf unterschiedlichen Sprossen der Leiter. Bosemans Levee ist – wie schon gesagt – Trompeter im Ensemble der Ma Rainey, die im Süden längst große Erfolge feiert und nun, weiter im Norden, von ihrem Manager dazu genötigt wird, eine Platte aufzunehmen. Die Musiker treffen natürlich vorher ein, sammeln sich im Keller, um sich einzugrooven. Trompeter Levee zeigt allen sofort, dass er was ganz anderes vorhat. Eigene Kompositionen, eigene Interpretationen. Er will sein eigenes Ding drehen. Die anderen Musiker belächeln ihn, lauschen aber seiner Erzählung einer schrecklichen Vergangenheit, währenddessen, von funkelnden Allüren umgeben, die Diva heranrauscht und ihren Neffen, der stottert, mit auf die Platte bringen will. Das ist Nährboden für Zwistigkeiten, elende Wartezeiten, Missverständnissen und Kränkungen, Ego-Trips und Geldgier. In diesen kleinen, engen Räumen nimmt sich Levee, was er bekommt – während Ma Rainey mehr einfordert als möglich scheint.

Ma Rainey´s Black Bottom stammt aus der Feder des Bühnenautors August Wilson, der auch schon die Vorlage für das großartige Familiendrama Fences lieferte. In ihrem Grundton sind beide Filme ähnlich, in beiden Filmen ist die Zukunft einer aufstrebenden Generation Schwarzer trotz immensem Potenzial eine verlorene. In George C. Wolfes Verfilmung des Musik-Kammerspiels ertönt der Blues dazu, das melodische Sprachrohr einer klagenden und gleichsam sich aufraffenden Gesellschaft im Nachteil. Niemand sonst, kein Weißer, kann den Blues so interpretieren. Das weiß Ma Rainey, das weiß Levee, das weiß Wilson und C. Wolfe. In diesem selbstbewussten Kosmos aus Schweiß, Tränen und Blut – und zwischendurch auch kleine rührende Erfolge – entsteht nach anfänglichen, einleitenden Dialogen des ersten Aktes ein dichtes Kräftemessen zwischen Gegenwart und Zukunft. Denzel Washington, der auch in Fences brillierte, wusste, worauf er sich einließ, als er diesen Film hier produzierte. Könnte gut sein, dass er diesmal auf die Liste der Academy kommt, als Beitrag für den besten Film.

Ma Rainey´s Black Bottom

Ich habe meinen Körper verloren

DIE POESIE DES LOSLASSENS

7,5/10


ilostmybody© 2019 Netflix


LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: JÉRÉMY CLAPIN

MIT DEN STIMMEN VON: HAKIM FARIS, VICTOIRE DU BOIS, PATRICK D’ASSUMÇAO, BELLAMINE ABDELMALEK U. A. 

LÄNGE: 1 STD 21 MIN


Wenn man genau recherchiert, lässt sich auf Netflix das eine oder andere cineastische Kleinod entdecken. Filme, die längst nicht so beworben wurden wie preisverdächtige Ensemblefilme aus Hollywood, die aber in der Branche dennoch Aufsehen erregten. Darunter sind auch einige aus der Sparte Animation, und ganz besonders hervorheben möchte ich hierbei den innovativen Trickfilm Ich habe meinen Körper verloren. Klingt ein bisschen nach den Büchern des Neurologen Oliver Sacks? Ist es aber nicht. Dieses Werk hat mit Anomalien aus der Medizin gar nichts zu tun, obwohl, wenn man es genauer nimmt, geht’s doch auch um physische Defizite, die aber rein sinnbildlich zu verstehen sind. Ich habe meinen Körper verloren ist eine märchenhafte Parabel und gleichzeitig eine behutsame Liebesgeschichte, die lose auf dem Roman Happy Hand von Guillaume Laurant beruht und auf eine visuelle Erzählweise setzt, die gleich von der ersten Sekunde an besticht und auch verblüfft.

Denn Regisseur Jérémy Clapin erzählt alles andere als einen konventionellen Film, sein Werk orientiert sich nicht nur am französischen Erzählkino der Gegenwart, sondern teilt noch dazu innerhalb seiner knappen Laufzeit die Geschichte kurzzeitig auf drei, dann auf zwei Erzählebenen auf, spielt sogar noch mit den Zeiten und jongliert sie über- und untereinander, ohne dabei die Orientierung zu verlieren oder seinem Konzept die Luft zum Atmen zu nehmen. Im Zentrum steht ein junger Mann, der – das sieht man in Rückblenden – vor langer Zeit bei einem Autounfall seine Eltern verlor. Gegenwärtig verdingt er sich als Pizzabote, wobei er im Zuge seiner Lieferfahrten durch besondere Zufälle auf das Mädchen Gabrielle trifft. Gleichzeitig aber verfolgen wir die Odyssee einer abgetrennten Hand, die aus einem medizinischen Labor ausbricht und sich auf die Suche nach ihrem Körper macht. Anders als im Buch, in welchem diese eine erzählerische Aufgabe innehat, bleiben die Szenen, in denen die Extremität auf virtuose Art durch Räume, Straßen und Kanäle wandert, ohne Worte und gewinnen dadurch enorm an Intensität. Auch sonst knickt der zarte Film nicht unter der Last ausufernder Gespräche ein – ganz im Gegenteil. Vieles bleibt nonverbal.

Die Poesie des Loslassens handelt vom Schmerz eines Verlustes als Hindernis für ein erfülltes Weiterleben. Es geht um die Akzeptanz irreversibler Defizite und um leere Nischen, die nicht mehr nachbesetzt werden können. Jede andere Art von Film würde damit ganz schön ins Straucheln kommen und selbst vielleicht zu viel Trübsal blasen. Nicht so mit dem stilisierten Vokabular eines Trickfilmes. Ich habe meinen Körper verloren pendelt wohldurchdacht zwischen haarfeinen Tracings, vollen Farben und leicht abstrahierten Fotografien. Die Sicht auf die Dinge des Lebens entdeckt das Kleine wie das Große, schafft Bilder wie aus einer Graphic Novel. Ein zauberhafter, diskreter und verspielter Film über das Grundbedürfnis des Hinwegkommens, zur Recht nominiert für den Oscar und ausgezeichnet in Cannes. Magisches Kino, mal ganz anders.

Ich habe meinen Körper verloren

Horns

DEN TEUFEL AN DEN MANN GEBRACHT

5,5/10


horns© 2015 Universal Pictures Germany


LAND: USA 2013

REGIE: ALEXANDRE AJA

CAST: DANIEL RADCLIFFE, MAX MINGHELLA, JUNO TEMPLE, KATHLEEN QUINLAN, HEATHER GRAHAM, DAVID MORSE U. A. 

LÄNGE: 2 STD


Harry Potter war gestern. Daniel Radcliffe muss mittlerweile eine Freude daran haben, einfach Rollen zu verkörpern, die quer durch alle möglichen Genres zumindest eines gemeinsam haben: dass sie nichts mit Rowlings Held verbindet. Auch sein in aller Hinsicht strauchelnder Antiheld im Fantasythriller Horns ist so eine losgelöste Figur, die allein auf weiter Flur sehen muss, wo sie bleibt. Denn nichts und niemand ist dem augenscheinlichen Loser gewogen. Wie denn auch – er wird des Mordes beschuldigt – des Mordes an seiner Geliebten. Anfangs erfährt der Zuseher so gut wie nichts darüber. Einzig wilde Horden an Reportern belagern das Anwesen des Mittdreißigers, der boulevardstudierte Pöbel wünscht den jungen Mann zur Hölle. Manch ein Schundblatt fragt sich gar, ob nicht der Teufel in Menschengestalt unter ihresgleichen weilt. Nichts, was sich gut anfühlt. Kann ja auch sein, dass, je mehr die breite Masse wettert, umso mehr der Beschuldigte zu dem wird, den diese an die Wand malt: eben zum Teufel.

So passiert es ganz plötzlich, und Daniel Radcliffe wachsen eines Morgens geschwungene Hörnchen aus der Stirn. Mit dieser seltsamen anatomischen Begebenheit ändert sich auch das Verhalten der Leute ihm gegenüber. Abgesehen davon, dass das Wunder des Hornwuchses niemanden sonderlich irritiert, scheint der gebrochene Einzelgänger die dunklen Gedanken eines jeden, der ihm begegnet, hervorzukehren. Nicht selten passiert es, und aus der Theorie wird Praxis.

Alexandre Aja, der letztjährig mit dem eher mittelmäßigen Alligatorenschocker Crawl im Kino für reptilophobe Anwandlungen gesorgt hat, nahm sich vor rund 7 Jahren Joe Hills gleichnamigen Roman zur Brust. Ein komplexes Stück Gesellschaftssatire muss das sein, ein ätzender Spiegel vor den Gesichtern bigotter Bürger. Aja fährt allerdings im Slalom, und so sehr sein Film auch szenenweise auf gerader Strecke auf Turbo stellt, bremst er sich selbst wieder ab, um auch jedem Detail der Vorlage gerecht zu werden. Was er besser nicht hätte tun sollen. Klüger wäre es gewesen, sich zumindest an Hills Vorlage zu orientieren, nicht aber den ganzen Stoff zu illustrieren, was vor allem im letzten Drittel etwas für prätentiöse Konfusion sorgt. Das beste Stück ist der Mittelteil des Films, wenn „Teufel“ Radcliffe das Volk gegeneinander aufhetzt und die Verkommenheit so manchen Individuums für alle sichtbar macht. Das ist zynisch und grotesk, das ist mitunter gar absurdes Theater, vor allem im Aspekt der jener Selbstverständlichkeit, in der Radcliffes Hornwuchs hingenommen wird. Der Mensch, der sich in seinem barschen Egoismus so sehr um sich selbst dreht, bekommt den Wandel gar nicht mit. Das erinnert auch wieder an die Serie Lucifer, in der Tom Ellis ebenfalls die Fähigkeit besitzt, die unzensierten Wünsche des Einzelnen herauszukitzeln.

Interessanterweise spielt der christliche Glauben trotz all der Satire eine konterkarierte fromme Rolle, und so sehr das auch gut gemeint ist, so sehr bringt es den erfrischend radikalen Drive aus dem Rhythmus. Am Ende bleibt von diesem auf- und überladenen Mix aus phantastischem Thriller und durchaus humorbefreiter Love-Story ein recht trivialer Showdown mit Blut und Budenzauber. Verschenkt hat Horns sein Potenzial aber auch nicht zur Gänze. Denn die Sache mit der selbsterfüllenden Prophezeiung durfte sich selten zumindest szenenweise zu ungehemmt austoben wie hier. Der gut gesampelte Soundtrack wirkt da löblich unterstützend.

Horns

Rebecca (2020)

IM DUNSTKREIS EINER TOTEN

5/10


rebecca© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: BEN WHEATLEY

CAST: LILY JAMES, ARMIE HAMMER, KRISTIN SCOTT THOMAS, SAM RILEY, KEELEY HAWES, ANN DOWD, BILL PATERSON U. A.

LÄNGE: 2 STD 2 MIN


Ben Wheatley schafft es einfach nicht, mich zu überzeugen. Eine Tatsache, die Ben Wheatley ziemlich egal sein kann. Der Brite kann sich auf seine Zielgruppe schon verlassen, da bin ich mir sicher. Denn einfach so, aus heiterem Himmel, wäre dieser nicht dafür verpflichtet worden, einen Klassiker neu zu verfilmen, der bereits 1940, zwei Jahre nach Veröffentlichung von Daphne Du Mauriers Roman, vom kultigsten Profil der Filmgeschichte, nämlich Alfred Hitchcock, fürs Kino adaptiert wurde. Star des Mysterydramas, das mehr andeutet, als präzise zu werden, war damals Laurence Olivier, an seiner Seite Joan Fontaine. Klarer Fall von Suspense für Hitchcock. Klarer Fall von gediegener Langeweile für Ben Wheatley.

Dabei gibt es hier im Gegensatz zu Wheatleys eher misslungenen Filmen High Rise oder Free Fire nicht wirklich etwas auszusetzen. Wirklich zu bewundern gibt es aber genauso wenig. Berauschend schön ist jedenfalls die Landschaft an der französischen Mittelmeerküste. Es ist, als befände man sich in einem Krimigemälde von Agatha Christie oder Patricia Highsmith. Jeden Moment könnte der talentierte Mr. Ripley um die Ecke flanieren. Nein, in diesem Fall ist es der geschniegelte und äußerst distinguierte Dandy Armie Hammer. Ein beachtlicher Schauspieler, das hat er in Call Me by Your Name so richtig bewiesen. Gefallen findet dieser edle Herr an der jungen, etwas unbeholfenen, aber liebreizenden Gesellschafterin ohne Namen, die später die Zweitbesetzung der legendären Mrs. De Winter werden soll. Kenner von Hitchcocks Klassiker und der Buchvorlage wissen: Rebecca, Maxime de Winters verstorbene erste Frau, kann durch nichts und niemanden ersetzt werden. Das wiederum findet Haushälterin Mrs. Danvers, die, sobald das frisch getraute Ehepaar im Herrschaftssitz Manderlay ankommt, keine Gelegenheit verstreichen lässt, diese Tatsache der jungen, impulsiven neuen Liebschaft unter die Nase zu reiben. Interessant, dass dieses romantisch-morbide Drama seine titelspendende Hauptfigur maximal in flüchtigen Tagträumen präsentiert. Rebecca ist ein Schatten der Vergangenheit, der über allem liegt. Mal zerstörerische Furie, mal eine vom Schicksal gebeutelte, arme Seele. Lily James bleibt nichts anderes übrig, als inmitten all der Rätsel und unausgesprochenen Begebenheiten neugierige Nase zu spielen. Zum Missfallen manch alteingesessener Belegschaft.

Rebecca, die siebte Verfilmung (einschließlich aller Miniserien) ist Ausstattungskino in schönen Bildern, schenkt der bezaubernden Lily James massenhaft Bühne und steckt Kristin Scott Thomas, stets mit versteinertem Antlitz, in dunkle, eng geschnürte Gewänder. Warum nicht, ist alles sehr ansprechend. Doch das Problem dabei: Rebecca ist, zumindest in adaptierter Drehbuchform (denn das Buch selbst kenne ich nicht), ein müßiges Stück salonfähiger Depression. Düstere Romantik, sturmgepeitschte Küste, mit dunklem Holz getäfelte Räume, schickes Interieur. Wirklich aufregend ist das ganze Szenario aber beileibe nicht. Vielleicht hatte Hitchcock einfach das bessere Händchen, um abstrakte Bedrohungen auch wirkungsvoll im Raum stehen zu lassen. Wheatley erstickt diese zu sehr in akkurater, farbintensiver Edeloptik, gerät dabei sehr glatt und schnörkellos wie ein Straßenmaler, der in gelerntem Manierismus täglich seine Kathedrale aufs Papier pinselt. Immer wieder. So gekonnt generisch ist diese Superreichen-Melancholie dann auch geworden.

Rebecca (2020)

Hexen hexen (2020)

ZEIGT HER EURE FÜSSE!

6/10


hexenhexen© 2020 Warner Bros. Pictures Germany


LAND: USA 2020

REGIE: ROBERT ZEMECKIS

CAST: ANNE HATHAWAY, OCTAVIA SPENCER, STANLEY TUCCI, JAHZIR BRUNO, CODIE LEI-EASTICK, CHRIS ROCK U. A. 

LÄNGE: 1 STD 45 MIN


Wie ekelhaft! Um eine Hexe zu erkennen, braucht es nicht viel. Sie müssen lediglich ihr Schuhwerk ausziehen. Denn Hexen, die haben gar keine Zehen. Wenn überhaupt, dann nur eine, und die ragt wie ein ausgestreckter Mittelfinger aus einem zehenlosen Fußballen hervor. Dieses noble Körperteil bleibt allerdings nur der Oberhexe vorbehalten. Und wer könnte diese sinistere, ekelhafte Matriarchin wohl am Besten spielen? Ann…jelica Huston. Kaum jemand, der Nicholas Roegs Klassiker nicht gesehen hat. Anjelica Huston, die sonst auch Morticia Addams treffend zu farbenfrohem Leben erweckt hat, ist als kinderhassende Antithese auf die nette Dame von nebenan schwer bis gar nicht zu toppen. Langes, schwarzes Haar, ein Charisma, das alle Anwesenden einen oder gar mehrere Schritte zurücktreten lässt. Mit sensenartiger Nase und massivem Kinn, dabei barhäuptig und von Krätze gezeichnet, schwört die Oberhexe all ihr Gefolge im Rahmen einer Konferenz zum Schutz gegen Kindesmisshandlung (wer’s glaubt) zur vollständigen Vernichtung aller Kinder dieser Welt ein. Blöd nur, dass dieses Treffen genau dort stattfindet, wo der namenlose junge Titelheld dieser Geschichte nach Roald Dahl mit seiner Oma Urlaub macht. Gier und Neugier machen allerdings diesem bösartigen Vorhaben einen Strich durch die Rechnung, auch wenn dann so manch einer auf die Maus gekommen sein könnte.

Der Rest von Hexen hexen ist längst Kult. Und Robert Zemeckis, Regielegende, für dessen Zurück in die Zukunft-Trilogie ich dem Mann ewig dankbar bin, weiß das auch. Dementsprechend bemüht sich der Filmemacher auch gar nicht sonderlich, sich von Nicholas Roegs Klassiker weit zu entfernen. Kleine verändernde Kniffe, die gibt´s schon. Zum Beispiel was Schauplatz, Diversität und das Ende der Geschichte betrifft. Diese neuen Extras rollen den Teppich aus für die größte Veränderung in dieser vergnüglichen, wenn auch selbstverständlich vorhersehbaren Fantasykomödie: Anne Hathaway. Ich denke nicht, dass die Gute auch nur eine Sekunde dabei gezögert hat, diese Rolle zu unterschreiben. In den Fußstapfen von Anjelica Huston treten, überhaupt endlich mal etwas ganz anders spielen. Etwas, das nicht gut, nicht schön, nicht politisch korrekt sein muss. Eine Hexe heben. Herrlich, dieser Spaß. Dementsprechend spiellaunig betritt sie als aufgedonnertes Make-Up-Schreckgespenst das Foyer des Hotel Imperial, Stanley Tucci mit John Waters-Gedächtnisschnauzer zeigt, was es heißt, gleichzeitig devot zu sein und die Gastgesellschaft hinter den Mond zu wünschen. Spätestens dann, wenn Hathaway ihre Hüllen, Handschuhe und sonstiges fallen lässt, kommt sogar ein bisschen grotesker Grusel auf, wenn das Grinsen der fiesen Tanten zwischen Joker und rabenschwarzer Nacht bis über beide Ohren geht. Kleine Kinder sollten sich das skurril-hämische Treiben lieber entgehen lassen. Alle anderen werden erschaudern. Wir Älteren klatschen diesem Mut zur Hässlichkeit, den Anne Hathaway an den Tag legt, gerne Beifall. Und staunen, was dieses dargestellte Wesen mit seinen Gelenken alles anstellen kann.

Mit der Oberhexe hat der Film seinen einzigen Trumpf aber längst ausgespielt. Alles andere huldigt mit mittelmäßigem Mäuse-CGI dem Abenteuer aus 1990. Sogar die dahinflitzende Kamera auf Augenhöhe, um sich an den Fersen der hetzenden Nager zu heften, hatte Roeg bereits ausprobiert. Aber immerhin schön, das Ganze nochmal auf großer Kinoleinwand zu sehen. Schön auch, dass Octavia Spencer als liebenswerte Oma das Herz aber sowas von am rechten Fleck hat. Sonst allerdings hat Zemeckis mit dem von Guillermo del Toro (der ursprünglich daraus ein Stop-Motion-Abenteuer machen wollte) und Alfonso Cuáron mitproduziertem Hexeneinmaleins tatsächlich nur solide Routinearbeit abgeliefert, die es nicht unbedingt gebraucht hätte, die als vollständige Animation womöglich besser dran und vielleicht auch etwas origineller gewesen wäre. Aber immerhin: wer zuletzt grinst, grinst am Besten.

Hexen hexen (2020)

Der geheime Garten (2020)

VON DEN KINDERN LERNEN

6,5/10


DerGeheimeGarten© 2020 Studiocanal GmbH


LAND: GROSSBRITANNIEN, FRANKREICH 2020

REGIE: MARC MUNDEN

CAST: DIXIE EGERICKX, COLIN FIRTH, JULIE WALTERS, AMIR WILSON, EDAN HAYHURST, ISIS DAVIS U. A.

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Gebt den Kindern das Kommando, singt Herbert Grönemeyer. Bei diesem geschmetterten Imperativ sollte man darauf achten, nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten. In manchen Bereichen allerdings wäre es durchaus ratsam, den Bestimmerstein an den Nachwuchs weiterzugeben, insbesondere dann, wenn den entzauberten Erwachsenen das Know-How abhandenkommt, Schicksalsschläge zu meistern. Wie im Falle des Schlossbesitzers Archibald Craven, wohl der traurigste Witwer ganz Englands, miesepetrig bis zum Gehtnichtmehr, mit hängenden Schultern, die den Buckel noch verstärken. Colin Firth gibt diesen unrasierten, schlurfenden Schatten seiner selbst mit einer durchaus schadenfrohen Spielfreude, wohl weil er selbst von sich aus sagen würde, die Schwere des Lebens niemals so nehmen zu wollen.

Vom Schicksal gezeichnet ist auch die kleine Mary, wohnhaft im von den Briten kolonisierten Indien. Die hat überhaupt gleich beide Elternteile verloren und muss als Waise zum nächsten Verwandten nach Europa, zu eingangs erwähntem Onkel. Von der tropischen Üppigkeit des Subkontinents in die grauen Marschen und Sümpfe rund um ein herrschaftliches Spukhaus, das wir so oder ein bisschen anders aus den Gothic-Horrorserien rund um Hill House kennen. Fast scheint es ja so, als wäre die Neuverfilmung des Jugendbuchklassikers Der geheime Garten genau das: ein Gruselfilm rund um eine dysfunktionale Familie. Düstere Gänge, karge Räume, Jammern, Flüstern und Schreien zu nachtschlafender Zeit. Das Mädchen Mary hat schon so viel Schlimmes erlebt, da schreckt es das angeblich Paranormale auch nicht mehr. Kenner der Literaturvorlage wissen: Der geheime Garten ist natürlich alles andere als Grusel. Es ist eine Geschichte um Trauer, Bewältigung und Neubeginn. Und zwar mit den Methoden, die Kinder anwenden würden, wenn man sie nur lässt. Da kommt die Kraft der Natur sehr entgegen. In der Natur, da blüht die Seele auf. Der geheime Garten, den Mary dann entdeckt, scheint da magische Kräfte zu besitzen. Nicht nur, um die Schwere im Herzen zu vertreiben, sondern auch körperliche Gebrechen, die manchmal auch psychosomatisch sein können.

Wie Little Women ist auch Der geheime Garten ein Kultbuch, das schon des Öfteren verfilmt wurde, beginnend 1919 mit einem Stummfilm. Der Stoff ist also nichts Neues mehr. Die Frage ist nur, wie man ihn interpretiert. Und zwar so, dass er nicht in sentimentale Läuterungen abgleitet – mit anderen Worten: esoterische Lebenshilfe in immergrünen Kalenderbildern. Regisseur Marc Munden hat allen Verlockungen getrotzt, den Stoff zu versüßlichen. Und es geschafft, einen weitgehend unkitschigen Film zu inszenieren. Wie das geht? Ganz einfach: der viel zitierte üppige Garten, den man natürlich mit zu viel CGI ordentlich hätte aufmöbeln können, ist tatsächlich nur die flirrende Bühne für ein intensiv aufspielendes Jung-Ensemble, auf das sich Munden am Stärksten konzentriert. Allen voran Dixie Egerickx. Der nun 14jährige Teenager legt zwischen Trotz, Sehnsucht und kindlicher Neugier den Schlüsselcharakter einer resoluten Kämpferin vor, die nicht daran denkt, sich ihrem Kummer hinzugeben. „Kopf hoch, tanzen“ ist die Devise. Einen Ausweg gibt’s immer, und sei es der Weg in eben diese sinnbildliche Oase, die die Gemüter widerspiegelt und in wunderbar innovativer Kameraarbeit sowie urwüchsiger Botanik recht authentisch vor sich hin blüht.

Nicht nur Colin Firth wird von Mary lernen, auch all die anderen, die in ihrem Leben gestrauchelt sind oder kurz davor sind, es zu tun. Für alle, die im täglichen Wettbewerb mit dem Schicksal ihr inneres Kind verloren haben, sollten sich an Kindern ein Beispiel nehmen. Oder, falls diese gerade nicht zur Hand sind, dann tut’s auch dieser Film ganz gut.

Der geheime Garten (2020)

Pinocchio (2019)

AUF DEM HOLZWEG DURCHS WUNDERLAND

6,5/10


pinocchio© 2019 capelight pictures


LAND: ITALIEN, FRANKREICH, GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: MATTEO GARRONE

CAST: ROBERTO BENIGNI, FEDERICO IELAPI, MARINE VACTH, ROCCO PAPALEO, MASSIMO CECCHERINI, MARIA PIA TIMO U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


Eine der Serien aus meiner Kindheit, die mir neben Perrine und Nils Holgersson immer noch sehr gut in Erinnerung geblieben sind, ist jener Zeichentrick über die Abenteuer von Carlo Collodis Kinderbuchfigur Pinocchio. Ein spannender Mehrteiler, eigentlich damals schon ideal fürs kindgerechte Bingewatching. Was dem armen Holzjungen da alles passiert war, und andauernd waren der Fuchs und der Kater immer wiederkehrende Quälgeister in dieser Odyssee eines ungehorsamen Nicht-Menschen, dessen Sehnsucht nach dem Menschsein so manches Feenherz schneller schlagen hat lassen. Vor allem auch, weil Pinocchio zugegebenermaßen nicht die hellste Kerze auf der Torte war – wie denn auch: Erfahrungsschatz gleich null, naiv wie der junge Morgen. Entwicklungstechnisch auf dem Holzweg, doch in welche Richtung sich dieses klassische Coming of Age-Märchen entwickelt hat, war prinzipiell packend und nicht wenig dramatisch.

Den Stoffen, aus dem die Märchen sind (obwohl Pinocchio ja eigentlich, nach den Märchen-Parametern zu schließen, keines ist), ist der italienische Filmemacher Matteo Garrone längst schon zugetan. Mit Das Märchen der Märchen hat er barocke Urformen selbiger Gattung aus dem Dornröschenschlaf gehoben und eine wenig zimperliche, ganz eigenwillige Episoden-Fantasy in starker Bildsprache vorgelegt. Mit seinem Macht-Gleichnis Dogman ging er auf meisterliche, aber auch verstörende Art dem Publikum an die Nieren. Mit seiner Interpretation des Pinocchio versucht er es diesmal auf die sanfte Tour und entfesselt einen geradezu venezianischen Maskenball des phantastischen Films, zwischen Akrobaten eines Carlo Goldini-Straßentheaters und Fabelgestalten wie aus einem Werk von Michael Ende. Da schleimt eine riesige Schnecke als Haushaltshilfe das verwaiste Herrenhaus einer guten Fee voll, Doktorvögel und Bestattungshasen buhlen um die Gunst des Holzbuben und ein sprechender Thunfisch mit menschlichem Gesicht rettet Pinocchio und den guten alten Geppetto – einnehmend verkörpert von Oscar-Preisträger Roberto Benigni in einer schrulligen, liebenswerten Altersrolle – das Leben. Verblüffend auch: die täuschend lebendigen Marionetten des Herrn Mangiafuoco sind jeder für sich ein Meisterwerk aus der Kunstkammer der Maskenbildner, so wie all die anderen liebevoll gestalteten Wesen und Unwesen. Da hat Garrone gut daran getan, statt zu viel CGI aufzufahren tief in die analoge Trickkiste zu greifen. Um so greifbarer und geheimnisvoller wirkt das ganze Szenario, dabei taucht er dies stets in fahle, Licht, das durch Fenster fällt und Staubpartikel sichtbar macht, wie Lichtstimmungen in einer Kapelle, einem Museum, in vor vielen Jahrzehnten verlassenen Gemäuern. Ein visueller Reichtum, dieser Film.

Begrüßenswert auch, dass Garrone seine Bilderflut in sanft fließende Kanäle umleitet – der Rhythmus seines Films ist entschleunigt, langsam, geradezu träge. Ein Stil längst vergangener Zeiten des Kinos, als alles noch viel zögerlicher vonstatten ging. Schnelle Schnitte, Tempo, Dynamik sucht man hier vergebens, doch eigentlich will man das auch gar nicht. Eigentlich lässt man sich gerne fallen in dieses dahinstolpernde Abenteuer des kleinen Jungen, der noch so viel lernen muss und keine Ahnung vom Leben hat. Der sich seine Beine wegbrennt, weil er sich am Feuer wärmen will und eine lange Nase bekommt, weil er lügt. Ausgeschlafen an das Werk heranzugehen wäre ratsam, ansonsten könnte der Opern-Effekt eintreten, der zu schweren Augenlidern führt, weil die Ausstattung zwar opulent, der Gesang toll, das Libretto aber entweder bekannt oder dessen Ausgang offensichtlich ist. So ein Film mit Anspruch ist trotz mangelnder relevanter Alltagsproblematik immer noch ein fordernder Brocken eines der gegenwärtig relevantesten italienischen Filmemacher – nicht langweilig, aber mit langem Atem, bewusst anachronistisch und so andersartig wie ein Tingeltangel-Marionettenzirkus auf der ARS Electronica.

Pinocchio (2019)

Ein bisschen bleiben wir noch

NICHT TRENNEN, WAS ZUSAMMENGEHÖRT

5,5/10

 

bisschenbleibenwirnoch© 2020 Filmladen

 

LAND: ÖSTERREICH 2020

REGIE: ARASH T. RIAHI

CAST: ROSA ZANT, LEOPOLD PALLUA, CHRISTINE OSTERMAYER, SIMONE FUITH, RAINER WÖSS, INES MIRO U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN

 

„Stoppt den Asylwahnsinn!“ Den Imperativ so mancher politischer Vereine legt Filmemacher Arash T. Riahi ganz anders aus. Für ihn ist der Asylwahnsinn nichts anderes als die gängige Methode, Flüchtlinge in das Chaos abzuschieben, aus dem sie gekommen sind. Riahi war selbst noch minderjährig, als er in den 80ern aus dem Iran nach Österreich kam. Was er da wohl erleben, und wie sehr er selbst bangen musste, um nicht wieder ausgewiesen zu werden? Dieses Trauma lässt sich in seinem Spielfilm Ein bisschen beiben wir noch recht gut erahnen. Vor allem lässt sich erahnen, dass Riahi dieser Flüchtlingsproblematik extrem emotional gegenübersteht. Am liebsten wäre er ein Kind, dass sich herausnehmen kann, seine Wut in den Himmel zu schreien, das dem Gehorsam nicht zwingend folgen muss, das sich einfach wegträumen kann in eine Alternative, die alles möglich macht. Mit Monika Helfers Roman Oskar & Lilli hat Riahi die richtige literarische Grundlage gefunden, um in kindlich naiver, fast schon polemischer Weise das Versagen diverser Institutionen vorzuführen. Das sind neben der österreichischen Exekutive vor allem auch die Erwachsenen, die sich als Pflegeeltern den heimatlosen Schützlingen annehmen möchten. Die eigene Mutter von Oskar & Lilli hat genauso versagt – sie hat versucht, sich das Leben zu nehmen und landet in der Psychiatrie. Die beiden Geschwister werden getrennt, was alleine schon ein enorm inhumaner Akt ist. Vehementer lässt sich eine Einheit namens Familie nicht aufdröseln. Funktioniert so wirklich der österreichische Asyl-Apparat? Das wäre erschreckend.

Oskar & Lilli bleiben also noch ein bisschen – jeder für sich in einem Haushalt, in den sie nicht hineingehören, in dem sie eigentlich verweilen, weil die anderen sich als Gutmensch einfach besser fühlen. Die beiden Kinder, ein Herz und eine Seele, lassen nichts unversucht, um die Familie wieder zusammenzubringen. Was überraschend einfach fällt, denn: in Riahis Jugenddrama ist die Aufsichtspflicht der Erwachsenen eine unterlassene. Und hier beginnt das Problem, dass Ein bisschen bleiben wir noch im Grunde hat: all die handelnden (erwachsenen) Personen scheinen in ihrem Tun wenig plausibel. Deutlich wird dieser Umstand in der unerklärlichen Autonomie der Kinder, die tagsüber in der Weltgeschichte herumstromern, und niemanden kümmert´s. Befremndlich wird’s, wenn Flüchtlingsjunge Oskar die Verantwortung für ein Kleinkind und eine pflegebedürftige alte Dame übernehmen muss, während die Eltern ihren Hochzeitstag feiern. Gibt es wirklich solche Menschen, die so fahrlässig agieren? Kann sein, dass das adaptierte Drehbuch hier einfach gewaltige Lücken aufweist, was die Darstellung der Charaktere betrifft. Kann aber auch sein, dass überhaupt der ganze Film aus der Sicht der Kinder erzählt ist, wie in den Romanen und Geschichten von Christine Nöstlinger. Die vereinfachte Weltsicht lässt sich so natürlich ausreichend erklären, auch, weil der Film zusehends immer irrealer, märchenhafter zu werden scheint, und so auch seine thematische Schwere etwas aufhebt.

Was Riahi aber in gewisser Vollendung zuwege bringt, das ist die visuelle Komponente. Gemeinsam mit Kameramann Enzo Brandner findet er eine geradezu magische Bildsprache, stellt manchmal Ansichten buchstäblich auf den Kopf, lässt den Blick wild umherschweifen, um ihn dann wieder auf einen Punkt am Himmel zu fokussieren. Aus dieser Sicht ist Ein bisschen bleiben wir noch ein kreativ artikuliertes Neuzeitmärchen, mal rührend, mal aufmüpfig, mal von skurriler kindlicher Logik. Rosa Zant und Leopold Pallua machen ihre Sache ausnehmend gut, die reiferen Darsteller hingegen glauben die Phrasen manchmal selbst nicht, die sie da sagen müssen. Nur Christine Ostermeier als Oma mit Parkinson zaubert ihre eigene Welt, bringt die Thematik aber vom Weg ab, womit der Film dann auch mangels Konzentration und zu viel emotionaler Bindung des Regisseurs etwas den Halt verliert. Wir bleiben noch ein bisschen ist ein Film mit einigen Stärken, inhaltlich jedoch wird das angestrebte Come together durch zu viel Ambition und dem schablonenhaften Verhalten seiner Figuren empfindlich gestört.

Ein bisschen bleiben wir noch

The Boys in the Band

GEMEINSAM EINSAM

7,5/10


boys-in-the-band2© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: JOE MANTELLO

CAST: JIM PARSONS, ZACHARY QUINTO, MATT BOMER, ROBIN DE JESÚS, TUC WATKINS, BRIAN HUTCHISON, MICHAEL BENJAMIN WASHINGTON, ANDREW RANNELLS U. A.

LÄNGE: 2 STD 1 MIN


Derzeit werden wieder die Nobelpreise verliehen. Sheldon Cooper hat seinen schon. Mit diesem wahrgewordenen Traum ging die Ära der Bewohner eines Appartementhauses in Pasadena zu Ende. Was wohl aus all diesen schrägen Charakteren geworden ist? Einen von ihnen kann man bereits auf Netflix wiederentdecken: Jim Parsons. Als theoretischer Physiker mit leichten Ansätzen von Asperger war er das Zugpferd des Fernsehkults The Big Bang Theory.

2018 gab der bekennende und auch verheiratete Homosexuelle die Hauptrolle in einem Bühnenklassiker von Mart Crowley, dessen Ensemble hier nochmal gemeinsam vor die Kamera tritt: The Boys in the Band, ein zu seiner Zeit revolutionäres Theaterstück rund um eine Gruppe schwuler Freunde, die eine Geburtstagsparty für einen ihrer Vertrauten schmeißt. Während des Abends aber, so kann man sich denken, kochen jede Menge Emotionen hoch, und einer nach dem anderen vollführt seinen ganz persönlichen Seelenstriptease. Das Stück entstand 1968, in einer Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche. The Boys in the Band war ein absoluter Hit, einzigartig im offenen Umgang mit Homosexualität, wurde gleichzeitg aber auch von Schwulen scharf kritisiert, da sie sich selbst zu sehr in die Opferrolle gedrängt sahen. Homosexualität also als schöngeredete Bürde, mit der man leben muss?

Damals, vor mehr als 50 Jahren, war Crowleys Stück seiner Zeit voraus. Ein halbes Jahrhundert später sollte sich doch einiges an der LGBT-Front geändert haben und The Boys in the Band wie ein Relikt aus grauer Vorzeit der Intoleranz wirken. Verblüffend – und gar ernüchternd – ist die Tatsache, dass das Kammerspiel immer noch ein Stück weiter voraus ist als die Zeiten es momentan zulassen. Abgesehen von einer gewissen medialen Prüderie, die Filme wie diese erst für Zuseher ab 16 Jahren empfiehlt, ruft die dargestellte, frei ausgelebte Zuneigung unter Männern womöglich immer noch jene Resonanz hervor, welche die heterosexuelle Figur des Freundes Allen im Film inne hat. Der ehemalige Kommilitone von Jim Parsons Filmfigur kreuzt just an jenem Tag der geplanten Geburtstagsfeier auf, um seinem alten Bekannten etwas Dringendes mitzuteilen. Doch dazu wird es nie kommen. Inmitten dieser homosexuellen Gesellschaft wirkt dieser mit seinen intoleranten Ansichten mehr als verloren, während sich im Rahmen eines indiskreten Telefonspiels schmerzliche Wahrheiten an die Oberfläche schummeln. Das Resümee: Alle sind in ihrer Rolle, die sie nicht erwählt haben, und die viel Mut erfordert, gelebt werden zu wollen, gemeinsam einsam. Möglich, dass damals so manchen Schwulen diese wehmütige Sicht auf sexuelle Identitäten irritiert haben könnte.

Generell geht das Stück unter Joe Mantellos edel fotografierter Inszenierung sehr sensibel mit seinen Charakteren um, es stellt sie weder bloß noch bringt es sie in Verlegenheit, gleichsam hütet es sich davor, augenscheinlich schwules Verhalten zu überzeichnen. Im Film wird deutlich, das The Boys in the Band auf die Bühne gehört, doch Martell macht das Beste daraus – und inszeniert feines Stage-Kino mit einer Dialogdichte, die es problemlos mit Werken von David Mamet aufnehmen könnte. Zwischendurch erinnert der Film an Das perfekte Geheimnis mit Karoline Herfurth – doch so viel Spaß wie dort gibt es hier dann doch nicht. Jim Parsons ist auch jenseits von Sheldon Cooper ein absoluter Gewinn, „Spock“ Zachary Quinto herrlich arrogant und gleichzeitig unglaublich verletzlich. Das Ensemble harmoniert und lässt Crowleys Stück ungemein zeitlos wirken. Zumindest noch bis jetzt.

The Boys in the Band

The Devil All the Time

IN EINER KLEINEN STADT

7/10


the-devil-all-the-time© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: ANTÓNIO CAMPOS

CAST: TOM HOLLAND, BILL SKARSGÅRD, HALEY BENNETT, ROBERT PATTINSON, SEBASTIAN STAN, JASON CLARKE, RILEY KEOUGH, HARRY MELLING, MIA WASIKOWSKA, ELIZA SCANLEN U. A.

LÄNGE: 2 STD 18 MIN


Der größte und gemeinste Trick des Teufels ist doch der, all die armen sterblichen Sünder glauben zu lassen, es gäbe ihn überhaupt nicht. Wenn diese Rechnung aufgeht, dann wäre der Antichrist wohl schon sehr zufrieden mit sich und der Welt. Doch es geht noch perfider: was, wenn der arme sterbliche Sünder versucht, zu Gott zu finden, und dabei die Fährte des Teufels gerät? Und gar nicht mitbekommt, dass er sich in seiner Gier nach dem göttlichen Fingerzeig weiter vor der Herrlichkeit wegbewegt als ihm lieb wäre. In Knockemstiff, einem Kaff in Ohio, bewegt sich so ziemlich alles von Gott weg, während es offenkundig auf Knien zu ihm hin rutscht. Und das aus unterschiedlichen Gründen. Einerseits ist es Frömmelei, andererseits Macht, andererseits das Hoffen auf Wunder durch Dauerbeten. Knockemstiff, der Geburtsort von Autor Donald Ray Pollock, muss diesem nicht sonderlich gut in Erinnerung geblieben sein. Heute ist dieses Kaff eine Geisterstadt, damals womöglich war diese von Albträumen geplagt. Fast wie eine Art Twin Peaks, sogar ein bisschen von Stephen Kings Derry geistert da mit. Ein Fass ohne Boden also für Geschichten, die den Fluch aufs Leben beschreibt.

In The Devil All the Time – nach Pollocks Roman Das Handwerk des Teufels – ist die zentrale Figur ein Junge namens Arvin (Tom Holland, gänzlich jenseits von Spiderman), der dem religiösen Extremismus seines Vaters Willard (Bill „Pennywise“Skarsgård) beiwohnen muss, beide Eltern verliert und später bei seiner Großmutter aufwächst, gemeinsam mit einer anderen Vollwaise namens Lenora, die bald zu einer guten Schwester wird, die er um alles in der Welt beschützen will. Doch der Teufel, der ist immer da, die ganze Zeit, und der verzerrende Fanatismus für einen Glauben ist, so könnte man sagen, die Quelle seiner Kraft. Es wird bald klar, dass alles, was hier in diesem Film passiert, den Bach runtergeht.

Viele namhafte Schauspielgrößen, die hier allesamt ihr Können unter Beweis stellen, treiben im wahrsten Sinne des Wortes ihr Unwesen. Und sie alle haben ihren ausgesuchten Platz in diesem kreisenden Perpetuum Mobile abwärts. Pollocks Vorlage für einen Film zu adaptieren, das war sicherlich eine Challenge. Regisseur António Campos war bei dieser Sache aber ganz der Profi und hat weder überhastet noch prätentiös all diese vielen kleinen Szenen in ein Arrangement gepackt, geradezu entknäuelt und so angeordnet, dass man beim Zusehen ein Gefühl dafür bekommt, wie sehr und wo all diese Schicksale miteinander vernetzt sind. Fast scheint es, als wäre The Devil all the Time ein ineinander verkeilter Episodenfilm, vielleicht ist er das ja auch, doch im Endeffekt ist es ein großes Ganzes, ein Bündel an menschlichen Schwächen und gestörten Empfindungen. Wäre The Devil all the Time ein Song, dann hätte diese Ballade womöglich Nick Cave geschrieben. So dunkel, entschleunigt und schwer sickern diese Schicksale durch die Straßen dieser Kleinstadt. Doch statt Nick Caves Songs unterlegt Campos seinen Film mit beschwingten Country-Klassikern und konterkariert den American Way of Life in seiner zynischsten Form.

Zynisch, das ist das richtige Adverb für dieses epische Thrillerdrama, das ein großes Gespür sowohl für seine finsteren als auch für seine verblendeten Charaktere hat, die aber alle unter einem Glassturz stehen, als wären sie Teil eines isolierten Experiments. Man ahnt, wie die Dinge sich entwickeln könnten, meistens tun sie es dann auch genau in diese Richtung, durch diese Vorsehung erhält man als Zuseher eine wissende Distanz. Und der Löffel mit der bitteren Medizin geht zum Glück an einem selbst vorbei.

The Devil All the Time