Die wandernde Erde

PING PONG IM WELTRAUM

5/10


wanderndeerde© 2019 Netflix


LAND / JAHR: CHINA 2019

REGIE: FRANT GWO

CAST: JING WU, QU JINGJING, GUANGJIE LI, CHUXIAO QU U. A. 

LÄNGE: 2 STD 5 MIN 


Euch ist doch sicher schon mal beim Schmökern in diversen Buchhandlungen der populärwissenschaftliche Bestseller What if… von Randall Munroe untergekommen. Ein kurioses Buch. Da drin beantwortet der Autor sämtliche physikalische Was wäre wenn-Fragen mit charmantem Humor und akkurater Sachlichkeit. Eine dieser Fragen könnte unter Umständen lauten: Was wäre, wenn wir versuchen würden, auf einer Seite der Erde gigantische Schubdüsen zu installieren, um so unseren Planeten, vorausgesetzt, die Eigenrotation würde abgebremst werden, aus dem Sonnensystem zu manövrieren? Munroe würde sich laut auflachend an den Kopf greifen bei so viel Phantasterei. Oder ist das doch nicht so absurd? Zumindest würde das Autor und Hugo-Preisträger Liu Cixin nicht so empfinden, geht doch das erdachte Szenario eigentlich auf seine Feder. Cixin wird Buchshoppern womöglich ebenso geläufig sein wie Munroe – bekannt ist dieser ja vor allem für seinen Drei-Sonnen-Romanzyklus. Die wandernde Erde ist da nur eine seiner Kurzgeschichten. Stoff genug jedenfalls, um ein Desastermovie im Stile eines Roland Emmerich hinzulegen, findet China.

Ich selbst greife mich aber ebenfalls an den Kopf bei so viel hanebüchener Science-Fiction. Man muss sich das natürlich auf der Zunge zergehen lassen: Unsere Sonne steht kurz davor, sich ums x-fache aufzublasen. Tatsächlich steht uns das allerdings erst in mehreren Milliarden Jahren bevor, hier jedoch ist der Worst Case gerade sehr spruchreif geworden. Also gibt es die Idee, die Erde aus ihrer Umlaufbahn zu bugsieren und nach Alpha Centauri zu schicken, um dort wieder in einem habitablen Orbit anzudocken. Die Erde als Tischtennisball, der im Top Spin über die Spielfläche fegt? Klar doch, und das Service obliegt den Chinesen. Gigantische Brenner werden errichtet – bei so viel Ressourcenverbrauch scheint der Welterschöpfungstag bereits sich selbst zu überholen. Aber gut – nebst diesen Düsen gibt es auch noch Zehntausende unterirdische Städte, und die Rotation muss man auch noch bremsen. Mehr als die Hälfte der Erdbevölkerung stirbt eines schrecklichen Todes, nämlich den des Ertrinkens aufgrund unzähliger Tsunamis. Ein paar Milliarden sind auserwählt – Kollateralschaden ist die neue Menschlichkeit. Die Erde eiert also Richtung interstellaren Raum, und dabei muss diese den Jupiter passieren. Nun nähern wir uns der eigentlichen Story. Klar kommt diese dem Gasriesen zu nahe, und der schlimme Jupiter, der ist schon im Vergleich zu Terra ein gewaltiger Brocken und hat nicht wenig Lust, sich den Mini-Trabanten unter den Nagel zu reißen. Was tun, um dieser fiesen Gravitation zu entkommen? Da rauchen die Hirne, da quälen sich die Helden.

Filmland China hat für diesen kosmischen Irrsinn tief in die Börse gegriffen. Optisch betrachtet haben wir hier den Day After the Day After Tomorrow – das tiefgekühlte Shanghai und die schneestaubigen Fast & Furious-Fahrten mit Hammer-ähnlichen Tranportpanzern sind genauso geschmackvoll in Szene gesetzt wie die Darstellung des gravitativen Einflusses Jupiters auf die Erde. Doch Regisseur Frant Gwo ist nicht Roland Emmerich. Um mit so einem Spektakel auch auf menschlicher Ebene zu überzeugen, dafür braucht es das richtige Timing, um auch das Tempo in den richtigen Momenten herunterzufahren. Die Wandernde Erde hat natürlich auch ihre unfreiwilligen Helden. Doch die spüren sich scheinbar selber nicht. Dasselbe Problem hatte auch der jüngst auf Netflix erschienene Streifen Space Sweepers.

Visuell top, dramaturgisch Flop: chinesische Blockbuster wie dieser wirken manchmal zu fahrig und übertönt, trotzdem aber erreichen diese Filme Längen bis über zwei Stunden. Das erzeugt eine anstrengende Aufgekratztheit auch bei den Zusehern. Hinzu kommt die Erschwernis aufgrund der rasant wechselnden Untertitel. Nichts gegen OmU, ich begrüße das meistens wirklich, besonders bei nicht englischsprachigen Produktionen. Chinesische Science-Fiction aber ist oft schnell wie hitziges Ping Pong, oftmals konfus erzählt und austauschbar besetzt. Emmerich ist Europäer, er kennt das europäische Erzählkino, er weiß, wie viel dramaturgische Unterfütterung so ein Film benötigt. China weiß das nicht oder will es gar nicht wissen. Westliche Blockbuster werden mit Vorsicht genossen. Wer sich daran orientiert, erntet tadelnde Blicke. Kunstkino aus dem Reich der Mitte, finanziell nicht ganz so abhängig, tickt da ganz anders. Doch wo mehr Budget im Spiel ist, dort sollen die Schauwerte alles geben. Ein Kompromiss, mit dem ich kaum warm werden kann – und das liegt nicht an der abnormalen Kälte, die da am Globus herrscht.

Die wandernde Erde

Die bunte Seite des Monds

MYTHENJAGD AM ERDTRABANTEN

6,5/10


bunteseitedesmondes© 2020 Netflix, Inc.


LAND / JAHR: USA 2020

REGIE: GLEN KEANE, JOHN KARS

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): CATHY ANG, ROBERT G. CHIU, KEN JEONG, SANDRA OH, KIMIKO GLENN, PHILLIPA SOO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


In China filmtechnisch Fuß zu fassen scheint schon längst das oberste Anliegen sämtlicher Medienkonzerne zu sein, allen voran Disney, das nach Mulan Monate später noch sein wunderschön getrickstes Märchen Raya und der letzte Drache nachgeschossen hat. Beide Filme finden ihre Entfaltung auf den Ebenen zwischen tibetischem Hochland und der Wüste Gobi – der eine ganz konkret, der andere tut zwar so, als wäre die Welt eine phantastische, blättert aber ganz offensichtlich im folkloristischen Ausstattungskatalog des Reichs der Mitte herum. Und es ist nicht leicht, den dortigen Filmmarkt und überdies noch das Publikum für sich zu gewinnen. Es sei denn, man holt sich lokale Partner ins Boot, die den Ehevertrag aus Do´s und Don´ts gleich mitbringen. Am liebsten sind natürlich harmlose Familiengeschichten fern jeglichen scheelen Blickes auf Vater Staat. Historienfilme kommen da auch immer gut an, da geht’s schließlich ums jahrtausendealte Fundament eines nationalen Selbstbewusstseins.

Nicht nur Disney biedert da etwas überdeutlich herum – auch Netflix klopft an die fernöstliche Pforte. Mit seinem selbstredend harmlosen, familientauglichen und überdies knallbunten Singspiel Die bunte Seite des Monds und winkt dabei mit wohlbekannten chinesischen Mythen – nämlich jenen rund um Mondgöttin Chang’e und ihren Jadehasen. Ein Film, der das chinesische Publikum ganz sicher abholen wird. Im Filmbiz wie diesem wird nämlich nichts produziert, nur weil es künstlerischen oder ideellen Wert hätte. Es wird produziert, weil es Profit bringen kann. Die bunte Seite des Mondes ist genauso ein Film. Ein durchgeplanter, nach Formeln funktionierender, marketingtechnisch nichts dem Zufall überlassender Unterhaltungsfilm, der auf global gültige Werte setzt. Wie so meist geht´s um elterlichen Verlust und um die Trauerarbeit eines Kindes, das nicht weiß, wohin mit seiner übriggebliebenen Liebe für seine verstorbene Mutter.

Dieses Mädchen, Fei Fei, findet in den Legenden um Göttin Chang’e eine Schwester im Geiste. Chang’e, durch einen Trank unsterblich, wartet den Erzählungen nach schon eine Ewigkeit auf ihren Mann Houyi, von dem sie, auf den Mond verbannt, getrennt wurde. Eine Liebe also, die sich nirgendwo hin kanalisieren lässt. Frustrierend auch für Fei Fei, dass niemand sonst an die reale Existenz dieses Mythos glauben mag. Also bastelt das gewiefte Mädchen eine Rakete, setzt ihr Kaninchen auf den Beifahrersitz und wie durch ein Wunder schafft sie es tatsächlich auf unseren Trabanten. Hinterm Mond gleich links dann die Stadt Lunaria. Wo Chang’e tatsächlich existiert. Und die Fei Feis Hilfe benötigt, um ihren Gatten endlich wieder in die Arme schließen zu können.

Aufgetischt wird ein üppiges Familienabenteuer mit allen dazugehörigen Versatzstücken, die so ein Film natürlich braucht. Witzige Kerlchen, knuffige Tierchen, elegante Göttinnen und neben leicht verdaulichen Sentimentalitäten auch jede Menge Slapstick. Wirklich berauschend ist dabei die optische Umsetzung und die beeindruckend plastische Physis der Figuren, Welten und astralen Interieurs, die manchmal so viel Mut zur Abstraktion haben wie Pixar. In nichts steht Die bunte Seite des Monds der optischen Raffinesse von Raya und der letzte Drache nach. Überdies ist der Charakter der Fei Fei nicht so sehr von ihrer Mission eingenommen wie manch eine andere junge Heldin. Fei Fei zuzusehen macht Spaß. Die Musik teilweise weniger. Dass Filme wie diese als Musical astrein funktionieren, ist mit Ausnahme eines führenden Ohrwurms, den es auch hier gibt, selten der Fall. Wäre also meiner Meinung nach nicht notwendig gewesen, hier andauernd das Glas zum Klirren zu bringen. Aber wenn das Disney andauernd tut, kann es, wenn es nichts nutzt, auch nicht groß schaden.

Das farbintensive Stelldichein vor der Finsternis des Alls wird  – und das ist der eigentliche Grund, sich diesen Film anzusehen – zum visuellen, gestalterisch durchaus innovativen Genuss, der sich von Miró und Pink Floyd inspirieren ließ und der eigentlich noch mehr überzeugt als Disneys taufrisches Fernost-Abenteuer.

Die bunte Seite des Monds

Animal World

SCHERE, STEIN, PAPIER – DER FILM

5,5/10


animalworld© 2018 Netflix


LAND: CHINA 2018

REGIE: HAN YAN

CAST: LI YIFENG, MICHAEL DOUGLAS, ZHOU DONGYU, JIA CHI, ANLIAN YAO U. A. 

LÄNGE: 2 STD 12 MIN


Was man wohl am allerwenigsten bei einer Produktion wie dieser vermuten würde, wäre der Auftritt einer Hollywoodgröße wie Michael Douglas. Doch ja, der Mann hat sich tatsächlich hier eingefunden, in der verwirrenden Verfilmung eines Manga-Comics mit dem Titel Kaiji, die nichts anderes im Sinn hat außer das simple, aber energische und auch berechenbare Spiel Schere Stein Papier, für das man nichts anderes braucht als seine eigene Hand, zu verfilmen.

In Animal World sind das aber nicht Hände, die zum Spiel zugelassen werden, sondern dreierlei Sets besagter Karten, die das entsprechende Symbol zeigen. Wie es so weit kommt, dass Schere Stein Papier der einzige Ausweg aus einer existenziellen Not sein kann? Nun, im Zentrum des recht kruden Manga-Comic-Geschehens steht ein junger Mann namens Zheng, der seltsamerweise, sobald er in die Enge getrieben wird, zu einer Art Superheld wird. Das kann er aber nicht steuern. Und auch nicht die Wahl des Superhelden. Er wird zum Clown. Das kann aber wiederum nur er wahrnehmen. Gleichzeitig verwandelt sich seine Umwelt in eine Grottenbahn aus Monstern und Kreaturen, die sich ihm in den Weg stellen. Das alleine ist schon eine seltsame Ausgangssituation und erinnert an Szenen aus David Cornenbergs Naked Lunch. Hinzu kommt, dass Zheng einige Schulden zu bezahlen hat – an Michael Douglas eben. Der wiederum ist Besitzer eines obskuren Kreuzfahrtschiffs, an dessen Deck das Spiel Schere Stein Papier auf Leben und Tod gespielt wird. Und zwar von allen Schuldnern, die Douglas so angesammelt hat. Denn: Gewinnen sie dieses Spiel, sind sie schuldenfrei. Zheng bleibt nichts anderes übrig, als mitzumachen. Was seiner Freundin natürlich gar nicht gefällt.

Tricktechnisch und kameratechnisch ist dieses Fantasyabenteuer erste Sahne. Die Farben sind üppig, sie Slow-Motion-Einlagen mit ausgiebiger Huldigung an den zoom-Fokus auf tropfende Flüssigkeiten und fallende Gegenstände ein Augenschmaus sondergleichen, weil eben gut animiert, allerdings auch enorm überladen und überstilisiert. Als Zheng dann die Spielhalle des Todes betritt, ändert der Film seine Geschwindigkeit und auch seinen Rhythmus, dabei konzentriert sich Regisseur Han Yan vorwiegend auf den Mikrokosmos der Gambler, die hier ihr Glück versuchen. Die Karten kaufen und verkaufen und um jeden Preis berechnen wollen, wie man unter Garantie obsiegen kann. Spätestens da führen die rasant erklärten und schwer bis gar nicht nachvollziehbaren Gedankengänge der unglaublich toughen und scheinbar hochintelligenten Spieler einfach dazu, dem ganzen marktschreierischen Börsengezeter rund um Karten und Abzeichen (die sich anstecken lassen, sofern du gewinnst – und mindestens drei musst du am Ende des Spiels haben) außen vor zu lassen. Das macht dann keinen großen Spaß mehr, denn mit dem Unverständnis an der verschwurbelten Logik geht auch die Spannung flöten. Dann lieber doch wieder per Hand.

Animal World

Mulan (2020)

STAND BY YOUR CHI

6/10

 

mulan© 2020 The Walt Disney Company

 

LAND: USA 2020

REGIE: NIKI CARO

CAST: LIU YIFEI, DONNIE YEN, GONG LI, JET LI, JASON SCOTT LEE, TZI MA, RON YUAN U. A.

LÄNGE: 1 STD 55 MIN

 

Die einen retten das Kino, die anderen machen es verzichtbar: Während Christopher Nolan mit seinem Zeitreiseknüller Tenet wieder leere Sitzreihen füllen will, kommt der Mauskonzern auf den Geschmack, seine Blockbuster streamen zu lassen, in der Hoffnung, den Home-Cinema-Erfolg von Trolls World Tour vielleicht zu toppen. Ins Kino trauen sich sowieso nur wenige, in den USA womöglich noch weniger als hierzulande. Also erscheint Mulan exklusiv auf Disney+, zu einem ordentlichen Preis wohlgemerkt – allerdings gilt der Preis für alle, die vor dem Bildschirm sitzen, und so gesehen fällt das Heimkino vermutlich günstiger aus als wenn man sich im Familien-Kontingent aufmacht ins nächstgelegene Multiplex.

Aber wie sieht es denn wirklich aus? Hätte Mulan lieber ins Kino kommen sollen? Oder ist der Release als Stream völlig ausreichend? Nun, wer bereits sämtliche Disney-Realverfilmungen gesehen hat, wird wissen, dass diese High-End-Produkte eindeutig etwas fürs Kino sind. Und er wird auch wissen, dass dort, wo Disney draufsteht, auch Disney drin ist. Kurz gesagt: Mulan hat als Zeichentrickversion womöglich mehr eigene Klasse, während sich die Realverfilmung nahtlos und unauffällig in all die anderen Realverfilmungen einreiht, die es bereits von Disney gibt. Da sticht vielleicht nur noch Der König der Löwen hervor, ansonsten aber haben alle Filme eines gemeinsam: sie folgen einer gewissen Faustformel, folgen durch Chefetagen gereichten Anforderungen und Geboten und hüten sich davor, aus der Reihe zu tanzen. Diese dogmatische Message Control, die Disney fein säuberlich durchdacht hat, sorgt für ein erwartbares und gleichsam konventionelles Filmerlebnis, das aber zweifelsohne und technisch gesehen auf der Höhe seiner Kunst ist, nichts anbrennen lässt und erfahrene Profis an den Regiestuhl lässt. Wie zum Beispiel Niki Caro, bekannt durch ihr wirklich bezauberndes Coming of Age-Mythendrama Whale Rider, die sich sicherlich nicht zweimal hat bitten lassen, für Disney die uralte chinesische Legende aus der zweiten Dimension zu holen.

Die Legende selbst ist nicht sonderlich komplex: im antiken China droht Gefahr von Seiten der Hunnen. Da springt ein burschikoses Mädchen für ihren Papa ein, ein Kriegsveteran, der kaum noch aufrecht gehen kann, der aber nochmals in die Armee hätte eingezogen werden müssen, da sein Nachwuchs nicht männlicher Natur ist. Damals war das so: Frauen bleiben daheim, Männer ziehen in den Krieg. Alles andere: ein bitterer Affront gegen Traditionen. Mulan allerdings macht einen auf Yentl und tarnt sich als Junge mit stark ausgeprägtem Chi, woraufhin bald alle ihre Kommilitonen staunen werden. Und nicht nur die: auch eine Hexe findet Gefallen an Mulans Mut, der folglich natürlich das Kaiserreich retten wird.

Wenn Mulan mit wallendem schwarzem Haar und in roter Gewandung samt Schwert im kargen Hochland Asiens Pirouetten und Salti schlägt, an den Wänden hochläuft und in Pose geht, dann ist das natürlich großes Kino. Auch die Meute der schwarzbekleideten Antagonisten, die zu Pferde allerhand Staub aufwirbeln, ermöglichen Szenen, bei denen nur noch die Kehlgesänge der Huun Huur Tu fehlen. Jede Menge fernöstlichen Glamour versprüht dieser gesangsbefreite Film, schöne Bilder der Kaiserstadt, ganz nette, natürlich unblutige Kampfszenen. Unterm Strich aber ist die Blutleere aus bereits erwähnten Gründen, nämlich, brav den Disney-Traditionen zu folgen, ebenso auf die angepasste Dramaturgie zu übertragen, die einen gewissen kecken Esprit und darüber hinaus auch Humor vermissen lässt und sich kaum mit dem wachen Geist solidarisch zeigt, den Mulan als erste Kriegerin eigentlich hat.

Mulan (2020)

Feuerwerk am helllichten Tage

DER WÄRMENDE MANTEL DES SCHWEIGENS

7,5/10

 

feuerwerk-hellichter-tag© 2014 Weltkino

 

LAND: CHINA, HONGKONG 2014

REGIE: DIAO YINAN

CAST: LIAO FAN, GWEI LUN MEI, XUE-BING WANG, JING-CHUN WANG, AILEI YU U. A. 

LÄNGE: 1 STD 46 MIN

 

Ich weiß nicht genau, was es ist, aber Chinas Filmwelt ist neben historischem Ausstattungspomp unter anderem auch ein Spezialist dafür, melancholische Kriminaldramen zu erzählen. Wie macht es das? Und vor allem: wieso funktioniert das so gut, obwohl die Tempi der Geschichten aufs Notwendigste gedrosselt werden und der Kriminalfall als solcher mehr als ungeöffnete Büchse der Pandora im Hintergrund die Zeiten überdauert, während im Vordergrund menschliche, insbesondere zwischenmenschliche Dramen von Obsession, angeknackster Psyche und autoaggressiver Treue erzählen? Das sind haargenau jene Zutaten, die einen Film Noir erst so richtig sehenswert machen. Der beste seines Genres für mich: Der dritte Mann von Carol Reed, expressionistisch und innovativ, ein Nachkriegsfilm voller ramponierter Seelen und vieler Geheimnisse.

Feuerwerk am helllichten Tage erzeugt eine ähnliche Faszination, allerdings eindeutig rezenter, weniger abstrakter, aber die Zutaten stimmen: Regisseur Dao Yinan erzählt ein tragisches, diffuses Epos mit langem Atem, der sichtbar wird, wenn der Film druch die Wintermonate trägt. Im Zentrum ein Kommissar, der in dürrenmatt´scher Obesssion wie Kommissar Bärlach in Das Versprechen (eines der besten Bücher, die ich je gelesen habe) einem Mordfall auf die Spur kommen will. Anfangs scheint es nämlich so, als könnten die vielen Puzzleteile noch zueinanderfinden. Und das sind sie, im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Leiche, die gefunden wird, ist zerstückelt und per Güterwaggons in alle Himmelsrichtungen der Stadt verteilt worden. Wie es das Schicksal aber will, werden wie durch Zufall all jene mundtot gemacht, die vielleicht etwas wissen könnten. Und da gibt es noch die junge Frau namens Wu, die Witwe des Ermordeten. Die aber nicht nur ihn, sondern auch schon einen anderen Liebhaber auf gewaltsame Weise verloren hat. Eine Männermörderin? Kommissar Zili geht der Sache nach – und kommt nicht mehr los von diesem unlösbaren Mysterium und genauso wenig von der aparten Schönheit, die als Verdächtige gilt.

Die Taiwanesin Kwai Lun-Mei ist eine unnahbare und gerade durch diese Attitüde faszinierende Gestalt. Liao Fan, der bereits in Asche ist reines Weiß seine Männlichkeit und seine Sicht auf die Welt eines mutigen Frauenbildes hinterfragen musste, liefert als grummeliger, obszöner und gleichzeitig leidenschaftlicher Inspektor außer Dienst, der diesen seinen Fall noch unbedingt lösen muss, eine wunderbar ergänzende, intensive Performance ab. In diesem entschleunigten Rhtythmus kann sich eine hochkomplexe, detailverliebte Geschichte wie diese bestens entfalten. Feuerwerk am helllichten Tage (ja, dieser Titel ist nicht nur so daherpoetisiert) erzählt von Mitschuld, Manie und Selbstaufgabe. Die Protagonisten sind, wie für einen Film Noir, allesamt und auf gewisse Weise traumatisiert, ein Opfer ihrer Pflicht und ihres verbissen gelebten Alltags. Identifikationen sind sie keine, dafür aber tastet sich das Genre des Kriminalfilms weg von der Plakativität des Ermittelns und Erhaschens. Hin zu einer balladenhaften Schwermütigkeit ohne eine Spur von Selbstmitleid. Dafür aber mit dem Stolz des verträumten Verlierers.

Feuerwerk am helllichten Tage

Master Cheng in Pohjanjoki

DIE HARMONIE DES NEUANFANGS

6/10

 

mastercheng                    © 2020 MFA+

 

LAND: FINNLAND, CHINA 2020

REGIE: MIKA KAURISMÄKI

CAST: PAK HON CHU, ANNA-MAIJA TUOKKO, LUCAS HSUAN, KARI VÄÄNÄNEN, VESA-MATTI LOIRI U. A. 

 

Wie hoch sind denn eigentlich die Covid19-Fallzahlen in Finnland? In den Städten werden diese sicherlich relevant sein – dazwischen, im Umland, wohl eher weniger. Denn so, wie Finnlands Bevölkerung in den unendlichen Waldgegenden des Landes verteilt ist, wird das Virus wohl sehen, wo es bleibt und in dieser unbesiedelten Weite wohl eher havarieren als andocken. In so einem (virusfreien) Nirgendwo aus Nadelbäumen, sanften Hügeln und Rentierherden, die sich durch die Botanik schieben, strandet ein chinesischer Vater mit seinem Sohn – genauer gesagt: er strandet im Kaff Pohjanjoki, denn anders als ein solches lässt sich die Ansammlung weniger Holzbuden kaum bezeichnen. In Pohjanjoki allerdings gibt es zumindest so eine Art Tankstellen-Diner, das von den Bewohnern des Ortes regelmäßig frequentiert wird. Klar, dass Chinese Cheng zuerst mal hier Wurzeln schlägt. Was er will, ist nicht ganz klar – klar ist nur, er sucht jemanden. Jemanden namens Fongtron. Von dem natürlich niemand je etwas gehört hat. Und bevor Chinese Cheng mit seinem Sohn auf der Straße sitzt, gewährt Kellnerin Sirkka den beiden Unterschlupf. Wie sich herausstellt, ist Chen professioneller Koch, und abgesehen davon, dass es zwischen den beiden – Cheng und der Kellnerin –ordentlich funkt, hat das Diner eine Variation des Speiseplans dringend nötig.

Aki Kaurismäkis Bruder Mika hat mit Master Cheng in Pohjanjoki eine Liebeserklärung an sein Heimatland gedreht. Schrullige Typen voller Lakonie, Landschaft bis zum Abwinken und taghelle Nächte. Stille Seen im Nirgendwo, der Schnaps geht reihum, und die Sauna darf auch nicht fehlen. Alles Dinge, die Cheng erstmal kennenlernen muss – und wir mit ihm, obwohl uns aus Finnland diese Specials reichlich bekannt sind. Was Finnland noch so hat: Gesundes chinesische Essen, dass Cheng den Leuten bald auftischen wird. Und einige davon, vor allem die älteren Semester, merken, wie sie durch richtige Ernährung wieder aufblühen. Es ist ratsam, Master Cheng in Pohjanjoki kulinarisch einzurahmen – vor oder nach dem Filmgenuss, das ist ganz gleich. Appetit macht der Film in jedem Fall, sogar auf einen zweiten Teller, falls man schon gegessen haben sollte.

Allerdings: Kaurismäki lässt seinen Culture Clash bei weitem nicht so skurril ausfallen wie es womöglich sein Bruder getan hätte. Bei weitem auch nicht so lakonisch. Sondern einfach wohltuend freundlich. Klar, solche Geschichten wie diese sind schon des Öfteren erzählt worden, und es ist von Szene zu Szene klar, was passieren oder wie es enden wird. Das Mysterium rund um den großen Unbekannten, den Cheng finden will, hätte fast schon zum legendären McGuffin gereicht, wäre Kaurismäki nicht dem Drang anheimgefallen, diese Sache viel zu schnell aufzulösen. Mitfiebern wird man also nicht, mitschmunzeln allerdings schon, vor allem bei den beiden alten Herren, die sowieso dem ganzen Ensemble die Show stehlen und sich so richtig eingefleischt finnisch geben, mit dem Herzen am rechten Fleck. Es ist die so harmlose wie harmonische Erzählung eines Neuanfangs – völlig unaufgeregt, melancholisch, manchmal gar rührend, zum Beispiel dann, wenn der alte Finne Kari Väänänen in Cheng fast schon ein Wunder sieht, da dieser an dessen Essenskunst zu gesunden scheint.

Wer also noch nie mit Finnland als entschleunigungsförderndes Reiseland geliebäugelt hat, wird das spätestens nach Kaurismäkis Film für die Post-Corona-Zeit vielleicht in Betracht ziehen. Und überdies vermehrt chinesisch essen gehen.

Master Cheng in Pohjanjoki

Asche ist reines Weiß

DIE WAFFE EINER FRAU

7,5/10

 

aschereinesweiss© 2018 Neue Visionen

 

LAND: CHINA 2018

REGIE: JIA ZHANG-KE

CAST: ZHAO TAO, LIAO FAN, XU ZHENG, DIAO YINAN, FENG XIAOGANG U. A.

 

Vermehrt hat man nun von der Besonderheit des südkoreanischen Kinos gehört. Zu Recht natürlich – Parasite war ja in aller Munde, und das Werk ist auch wirklich sehenswert. Die Verknüpfung poetischer Narrative mit bizarren Spitzen ist für dieses Filmland wirklich etwas ganz Eigenes. Und wird auch gerne an anderer Stelle weiter ausgeführt. Denn hier, in dieser Rezension, geht’s ausnahmsweise wieder mal um das Filmland China. Das natürlich auch schon längst einen Ruf zu verlieren hat. Ganz wichtig und prägend natürlich Yang Zhimou, Chen Kaige und Wong Kar Wai, um nur einige zu nennen. Mittlerweile aber sind viele nach Hollywood oder sonst wo ausgewandert – aber auch wieder zurückgekehrt, wie John Woo. Wuxia-Filme dominierten in der letzten Zeit vermehrt das lokale Kino, das chinesische Mittelalter geht immer. Als Mitproduzent größerer US-Produktionen funktioniert China natürlich ebenso. Ist ja schließlich ein riesengroßer Absatzmarkt, manches läuft dort sogar besser als in den USA, das darf man nicht vernachlässigen. Vernachlässigen darf man aber auch nicht die langsame Rückkehr zum chinesischen Erzählkino, das mit der Kinoprosa Asche ist reines Weiß ein ordentliches Lebenszeichen von sich gibt.

China kann genauso gut Filme erzählen wie Südkorea. Jin Zhang-Kes Film ist ein blendendes Beispiel dafür. Sein Liebesepos spannt sich über fast ein Jahrzehnt und nimmt seinen Anfang in der Provinz Shanxi, in der das organisierte lokale Verbrechen so seine Finger überall mit im Spiel hat. Einer dieser Männer fürs Grobe ist Bin, und der hat eine Freundin, Qiao, die nicht von seiner Seite weicht und sich erst im Kontext mit männlicher Macht und Selbstbewusstsein so richtig lebendig fühlt. So eine Unterwelt allerdings existiert nicht ohne Konkurrenz – also wird Bin eines Nachts während der Heimfahrt mit dem Wagen auf offener Straße überfallen. Was für ein Glück, dass Qiao von einer Waffe weiß, die sich im Auto befindet – und so ihrem Freund das Leben retten kann. Dumm nur, dass in China illegaler Waffenbesitz verboten ist, doch um Bin zu schützen, nimmt Qiao die Schuld auf sich.

Diese Waffe allerdings ist wie die Büchse der Pandora in der griechischen Mythologie oder der Ring bei Tolkien das Ding, um das sich alles dreht, und das den Wendepunkt zweier Leben einläutet. Wäre die Waffe nicht, gäbe es keinen Film. Dieses Objekt der Macht, dieser autoritäre Apparat der Selbstbehauptung, wird zur Waffe einer Frau, die sich von nun an und trotz aller Schwierigkeiten emanzipieren wird. In richtigem Tempo und mit sehr viel Empathie für seine Sozialheldin ordnet er geschlechterspezifische Klischees neu um, versieht die Weiblichkeit mit viel mehr Ausdauer und Ehrgefühl, lässt sie nicht in Selbstmitleid versinken wie das Männliche. Dort, im Patriarchat, ist nicht viel mehr zu finden als Scham und verletzter Stolz. Niemals, so scheint es, kann die Frau den Ton angeben, weil das Leiden des Mannes dafür zu groß wäre. Doch warum eigentlich? In welchen hanebüchenen Schraubstöcken steckt das veraltete Rollenbild denn fest?

Schauspielerin Zhao Tao, stets adrett gekleidet und mit westlichen Einflüssen sympathisierend, ist nicht nur ihrer feinen Gesichtszüge wegen faszinierend genug, um einen über zwei Stunden dauernden Film stellenweise sogar im Alleingang zu tragen. Sie schafft es mit strenger innerer Balance, diese Schraubstöcke aufzudrehen. Selbstbehauptung und das Finden einer ganz eigenen Identität sind hier das Crescendo einer eleganten Verliererballade, in klaren Panoramen quer durch das asiatische Land, sehr beobachtend, aber niemals mitleidend. Ein kühler, fast sachlicher Film und dennoch über die Liebe, die einer Neuordnung gesellschaftlicher Standpunkte nicht standhalten kann.

Asche ist reines Weiß

The Farewell

DUMM GESTORBEN IST LÄNGER GELEBT

8/10

 

farewell© 2019 A24_DCM

 

LAND: USA 2019

REGIE: LULU WANG

CAST: AWKWAFINA, TZI MA, DIANA LIN, ZHAO SHUZHEN, LU HONG, JIANG YONGBO U. A. 

 

Wie gut, dass Oma Nai Nai eine Schwester hat. Sonst wäre sie selbst vor vollendeten Tatsachen gestanden – nämlich, dass sie Krebs hat, und zwar im Endstadium. Solche Nachrichten sind erschütternd, fast schon wie der Teaser zur eigenen Hinrichtung. „Sie haben nur noch wenig zu leben, regeln Sie ihre Dinge, bringen Sie alles zu Ende“. Mit so einer ähnlichen Message wurde damals meine Großmutter ins restliche Leben entlassen. Nai Nais Schwester hier in diesem Film hat das abgefangen. Nai Nai weiß von nichts – alle anderen schon. Im Grunde die ganze Familie, und auch Enkelin Billi, die mit ihren Eltern in den USA lebt, erfährt davon. Es tanzen also alle an, mit dem Vorwand, die Hochzeit von Enkel Hao Hao zu feiern, der seine Flamme erst drei Monate kennt. Die Frage, ob das nicht zu früh sei, stellt sich keiner. Viel eher aber jene, wie denn der Oma gutgelaunt gegenübertreten, nach einer Erkenntnis wie dieser für selbige? Anscheinend ist es in China üblich, die letzte Zeit eines Lebens für Schwerkranke insofern zu erleichtern, indem man ihnen vorenthält, was wirklich Sache ist. Natürlich: was ich nicht weiß macht mich nicht heiß – oder traurig. Aber ist das nicht eine Lüge? Ist das nicht moralisch verwerflich, wenn man erst mit der Wahrheit herausrückt, wenn das Unausweichliche selbst für den Betroffenen unübersehbar ist?

Wäre meiner Großmutter diese Nachricht mit anderen Worten oder vielleicht gar nicht übermittelt worden, hätte sie vielleicht länger gelebt. Auch in diesem extrem liebevollen, kuschelwarmen und gänzlich unpathetischen Familienfilm The Farewell ist es, so wird zitiert, vielmehr die Angst im Kopf das, was den Menschen viel eher lähmt und aufgeben lässt als die Krankheit selbst. Wäre das nicht die bessere Form des Umgangs? Den oder die Erkrankte eben nicht vorzeitig geistig sterben zu lassen? Wenn es kommt, dann kommt es ohnehin. Also dann doch lieber dumm als furchtvoll dahingehen. Mit diesen Gedanken meistern die meisten der ganzen großen Familie von Oma das Unterfangen, vorzugeben, so glücklich wie noch nie zu sein. Die Sache klingt absurd? Dennoch ist es eine Geschichte, die auf wahren Begebenheiten beruht, und eine bemerkenswert entspannte Tonart an die vermeintlich letzten Tage legt.

Filme übers Sterben, die sind meist superschweres Betroffenheitskino. Nicht aber The Farewell. Es geht auch anders, beweist dieses Kleinod mit Schauplatz China, Kandidat auf dem Sundance-Festival und Golden Globe-Gewinnerfilm für Hauptdarstellerin Awkwafina. Die Komikerin, Sängerin und Schauspielerin mit dem unaussprechlichen Namen (zuletzt aufgefallen in Jumanji – The Next Level) lässt ihre Filmfigur zwischen lakonischem Humor, Sehnsucht nach der Kindheit und übermannender Traurigkeit einen ganzen Tidenhub an Emotionen verspüren. Dennoch lässt sie ihren eigentlichen authentischen Charakter nicht außen vor, der angenehm natürlich und in seinem Empfinden von Glück und Melancholie ernüchternd trocken daherkommt, fast schon trotzig. Zwischen all diesen Höhen und Tiefen, die bei diesem langen, langen Abschied, der sich über mehrere Tage hinzieht (und Oma einfach nicht checkt, was Sache ist) und fast alle Familienmitglieder heimsucht, wird ganz viel und vor allem entschleunigt gegessen und getrunken. Das erinnert stark an Ang Lees Eat Drink Man Woman. Und so wie das taiwanesische Meisterwerk kostet auch The Farewell von allem möglichen, was Familien so eigen ist und was diese Art der Gemeinschaft erst so richtig ausmacht. Das ist berührend, volksphilosophisch und überraschend zuversichtlich. Warum? Weil Oma die einzige zu sein scheint, die wirklich glücklich ist. Das erzeugt eine gedankliche Wende im Kopf des Betrachters, das lässt ihn anders über das Ende nachdenken, ob es vielleicht doch möglich wäre, andere, vielleicht radikalere Schritte zu setzen, die Abschiede erleichtern und Wehmut zu Energie umwandeln können, wie Billi es am Ende des Films dann auch noch schafft. Mit einem lauten Ha! Wer hätte das gedacht, so aus einem stereotypen Schicksal herauszukommen und neue Paradigmen zu kreieren?

The Farewell

Midway – Für die Freiheit

TOLLKÜHNE MÄNNER IN IHREN FLIEGENDEN KISTEN

5/10

 

midway© 2019 Constantin Film

 

LAND: USA, CHINA 2019

REGIE: ROLAND EMMERICH

CAST: ED SKREIN, LUKE EVANS, NICK JONAS, MANDY MOORE, WOODY HARRELSON, DENNIS QUAID, PATRICK WILSON U. A.

 

Was will man genretechnisch mehr, als vor Sichtung des neuen Emmerich den passendsten aller Trailer vorgesetzt zu bekommen: nämlich jenen von Top Gun: Maverick. Da klingeln die unverkennbaren Takte Harold Faltermeyers in den Ohren, und ein ewig junger Tom Cruise schmeißt sich ins Cockpit – wie in den guten alten Achtzigern. Dann, bevor das Coming Soon auf der Leinwand erscheint, bekommt Maverick noch folgende abgebrühte Weisheit mit auf den Weg: „Die Zeiten für Typen wie dich sind vorbei.! Daraufhin Maverick: „Ja… nur nicht heute.“ Mehr braucht es also nicht, um auch den darauffolgenden Hauptfilm zu charakterisieren. Hier zwängen sich Typen hinter die Konsole, deren Zeit zwar historisch betrachtet vorbei ist, die aber ob ihrer Heldenstatus genauso nüchtern über die Schulter selbiges raunen könnten wie Good Old Tom: Die Rede ist von den Flieger-Assen während der Schlacht um Midway.

Ich hatte mal nebst meiner Junggesellenwohnung einen hochbetagten Nachbarn, der war im Zweiten Weltkrieg in Italien stationiert, rund um Monte Cassino. Unter anderem hatte er dort ob seines künstlerischen Talents Szenen des Krieges nachgemalt, vorwiegend Flugmanöver, die ungefähr so farbenfroh, pittoresk und ikonisch ausgesehen haben wie nahezu jede Einstellung in vorliegendem Kriegsfilm, der so weit entfernt ist von einem Antikriegsfilm wie Emmerichs 10.000 BC von Jean Jacques Annauds Am Anfang war das Feuer. Midway – Für die Freiheit ist vielmehr ein Schlachtenepos, und steht als solches völlig losgelöst von einem Weltkrieg dar, der in all seiner Schrecklichkeit relativ ausgespart wird. Verständlich, einerseits, denn Emmerich will sich nur auf eines konzentrieren: auf eine akkurate Rekonstruktion der Geschehnisse, die zur größten Seeschlacht des 20. Jahrhunderts geführt haben. Schiffe versenken Dreck dagegen – Midway war die Mutter aller Raster- und Kreuzchenspiele, allerdings in natura, und mit Verlusten auf beiden Seiten. All die Gefallenen bleiben natürlich nicht unbedacht, die Helden der Lüfte explodieren entweder in einem Feuerball oder stürzen ins Meer, gehen mit ihren schwimmenden Untersätzen unter oder werden auf grausige Weise mit einem Gewicht an den Füßen im Ozean versenkt. Dieses Gefecht hat Geschichte geschrieben, und jene, die es interessiert, bekommen relativ haarklein und maßstabsgetreu einen Bericht vorgelegt, der in seiner erzählerischen Strenge und gewissenhaften Chronologie die Herzen aller Kriegshistoriker und Hobbystrategen höherschlagen lässt. Ein Militärfilm also erster Güte, im Grunde fast komplett vor Blue Screen gedreht, und das Meer steckt in einer dieser Studiohallen irgendwo auf einem Filmgelände. Eine adrette Illusion, die Emmerich da mit all seinen Experten geschaffen hat.

Geflogen wird jede Menge, die Sturzflüge auf japanische Flugzeugträger präsentiert der Film am liebsten inklusive Sogwirkung, während links und rechts an den Ohren vorbei ratternde Salven ins Leere flitzen. Das ist traditionelles, aber auch distanzloses Gefechtskino, und alles zusammen irgendwie Retro, was aber vielleicht an der ganzen Ausstattung liegt, von der ledernen Sturmhaube bis zur ventillastigen Innenausstattung diverser U-Boote, die szenenweise an Wolfgang Petersens Das Boot erinnern. Midway – Für die Freiheit ist wie eine Sonderausstellung in einem heeresgeschichtlichen Museum. Das kann ganz interessant sein, und ist es auch, wenn man nicht genau weiß, wie der Seekrieg damals ausgegangen ist und Richard Fleischers Version aus den 70ern mit Charlton Heston schon zu weit zurückliegt. Allerdings – Emmerichs Ausflug in die Ära der hemdsärmeligen, tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten will zwar nach eigener Aussage des Regisseurs die Ängste und Sorgen der im Einsatz befindlichen Jungmänner in den Fokus rücken, muss aber diesbezüglich bald W.O. geben. Was Midway da gelingt, sind bestenfalls emotionale Phrasen, die wir in Top Gun eben auch finden, die ohne US-amerikanischer Ehre nichts anzufangen wüssten, und die mitunter geflissentliches Augenrollen fördern. Aber so ist es nun mal bei solchen Filmen, die so pathetisch sind, dass man gerne gewusst hätte, wie es wohl wirklich war, damals, im Krieg. Das zeigt uns Midway – Für die Freiheit nur anhand seiner Fakten, nicht aber anhand eines weniger reingewaschenen, menschelnden Ist-Zustandes. Dabei versucht Emmerich sein bestes, so wenig dick aufzutragen wie möglich, und sticht genreähnliche Vorgänger wie Michael Bays Pearl Harbor in Sachen Kitsch in geschickten Flugmanövern um einige Breitengrade aus. Ein seltsam biederer Heroismus bleibt aber trotzdem, immerhin aber bemüht rechtschaffen und durchaus informativ.

Midway – Für die Freiheit

Skyscraper

ALLES SENKRECHT

7/10

 

skyscraper© 2018 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: RAWSON MARSHALL THURBER

CAST: DWAYNE JOHNSON, NEVE CAMPBELL, PABLO SCHREIBER, ADRIAN HOLMES, ROLAND MØLLER U. A.

 

Vergesst den 138 Stockwerke hohen Wolkenkratzer der Duncan Enterprises aus dem Film Flammendes Inferno, vergesst das Nakatomi-Gebäude aus Stirb Langsam – und überhaupt auch gleich den Burj Khalifa in Dubai, das zurzeit höchste Gebäude der Welt: Jetzt – oder zumindest in vorliegendem Actionfilm Skyscraper gibt es The Pearl, errichtet im Zentrum von Hongkong, senkrechte Science-Fiction aus Glas und Stahl, 240 Etagen hoch, also mehr als 100 Etagen mehr als noch zu Zeiten von Steve McQueen. Ein wahrer Hingucker, vor allem die gigantische Kugel ganz oben, wie die Kirsche auf dem Sahnehäubchen. Allerdings drängt sich in diesem Film nicht nur einmal die Frage auf, ob die wahren Schauwerte auf Kosten des Wolkenkratzers gehen – oder auf Dwayne Johnson. Ein Mann gegen ein Haus, das ist die Quintessenz des Films. Letzterem wird so richtig eingeheizt, die Flammen lodern, und Sicherheitsexperte Sawyer aka The Rock hat alle Muskeln voll zu tun, seine Frau und seine beiden Kinder aus dem eben erst von ihm inspektierten Gebäude herauszuholen, bevor alles zusammenkracht. Geschehen hätte diese Katastrophe gar nicht dürfen, doch ähnlich wie John McClane im Actionklassiker des Jahrhunderst hat es Dwayne Johnson zusätzlich noch mit Handlangerns diverser Syndikate zu tun, die die enorm hohe Nadel im Heuhaufen Hongkongs gerne umgeknickt sehen, aus Wut, Rache oder aufgrund der Gier nach geschäftsschädigenden Informationen. Geht natürlich nicht, da heisst es: kaputtmachen, was kaputtbar ist. Doch etwas, das scheint scheinbar unzerstörbar: wir wissen, es ist der stiernackige Riese mit diesem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit, der liebende Familienvater und Pax-Schrank von einem Mann, so stark wie Obelix und ein Musterbeispiel von einem Gutmenschen, dem man wirklich alles anvertrauen würde, sogar die eigenen Kinder.

Dwayne Johnson ist natürlich nicht dafür bekannt, ein großes Repertoire unterschiedlicher Charakterrollen vorzuweisen. Das muss er aber auch nicht. Seine Rollen in San Andreas, Jumanji und Rampage waren kaum voneinander zu unterscheiden (man könnte auch hier ein Actionhelnden-Franchise aufbauen, wenn man aus all den Rollen ein und dieselbe Person macht), seine Rolle in Skyscraper zeigt aber verdächtig mehr Herzblut, als ich vermutet hätte. Und genauso wenig hätte ich vermutet, dass hinter dem scheinbar banal konzipierten, austauschbaren Sommerkino ein wunderbar geradliniger, grundanständiger Actionkracher verborgen liegt, der wieder Erwarten richtig fetzt. Auch wenn der Ausgang der simplen Story keinem Spoileralarm unterliegt und das Publikum weiß, dass Dwayne Johnson von geradezu halbgottgleicher Unsterblichkeit gesegnet ist, weiß Skyscraper das Spannungslevel in einigen Szenen bis in die oberste Etage zu steuern. Das liegt vor allem an den schwindelerregenden Blicken, die Papa Johnson in den Abgrund wirft, und sich zeitweise einhändig oder mit Prothese an irgendetwas festkrallt, um nicht kilometertief zu fallen. Leute mit Höhenangst sollten lieber nicht die 3D-Aufführung des Filmes besuchen, doch auch ohne Effektoptimierung will man am Liebsten gar nicht hinsehen. Da bleibt Regisseur Rawson Marshall Thurber gemeinsam mit Kameramann Robert Elswit hautnah am Geschehen, blickt dem hängenden Koloss über die Schulter in die Tiefe. Doch wer so stark ist wie Dwayne Johnson, wächst in Extremsituationen, die sich in knackigem Timing zügig abwechseln, noch zusätzlich über sich hinaus – und es gelingen akrobatische Manöver, die wir als weichgespülte Alltagshelden bereits im Ansatz alle versemmelt hätten. Dass die Ressourcen an Energie und Muskelkraft stets die volle Ladung liefern, ist natürlich realistisch betrachtet völlig unmöglich, doch das Gelingen des Selbstmordkommandos ist zu einem guten Zweck, und Johnson sichtlich angestrengt genug, um mit ihm mitzufiebern. Egal, ob unser Held an der Hausmauer baumelt oder in die rotierenden Windenergie-Rotoren springen muss, ob der Sprung vom Kran oder der immense Kraftaufwand als menschliche Hängebrücke – Skyscraper ist virtuoser Actionzirkus mit verblüffenden Stunts und scheinbar ohne doppelten Boden. Das flammende Inferno, das die elegante Architektur des Wolkenkratzers emporzüngelt, in bedrohliche Hochglanzbilder gerahmt.

Der beglückend geradlinige Reißer spart sich peripheres Beiwerk und macht Vieles richtig, was anderen Filmen dieser Machart oftmals misslingt. Natürlich fehlt der rotzfreche Zynismus eines John McClane, doch der einnehmend sympathische Riese ist kein Antiheld im Unterhemd, sondern im Hemd mit Kragen, dass aber am Ende nicht weniger dringend einen Waschgang benötigt wie das Feinripp von Bruce Willis.

Skyscraper