Schwesterlein

SISTER OF MERCY

5,5/10


schwesterlein© 2020 Weltkino


LAND / JAHR: SCHWEIZ 2020

REGIE: STÉPHANIE CHUAT, VÉRONIQUE RAYMOND

CAST: NINA HOSS, LARS EIDINGER, JENS ALBINUS, MARTHE KELLER, THOMAS OSTERMEIER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Hat Lars Eidinger eigentlich auch bei diesem satirischen Online-Flashmob #allesdichtmachen mitgetan? Oder war ihm dieser eitle Aufschrei doch zu banal? Ich weiß nur: Eidinger spielt für sein Leben gern – und was das Zeug hält und hergibt. Ein künstlerischer Feingeist, exaltiert und kumpelhaft. Sicher charismatisch und einnehmend wie ein Burgschauspieler und dann wieder unauffällig und inkognito. Spannend, ihn auch mal in der einen oder anderen internationalen Produktion zu sichten, wie zum Beispiel in High Life oder gar ins Tim Burtons Dumbo in einer kleinen, glücklich ergatterten Mini-Rolle. Spontan fallen mir aber auch gleich drei Charaktere ein, die auffallend unterschiedlich angelegt sind. Da wäre seine Rolle des psychisch labilen Unternehmersohns Nyssen in den kongenialen Gideon Rath-Krimis Babylon Berlin, da wäre seine Darstellung des sprachaffinen Nazis in Persischstunden oder eben – wie hier – die gequälte Seele eines krankheitsbedingt verhinderten Schauspielers, der um alles in der Welt so gerne wieder als Hamlet auf der Bühne stehen möchte.

In der Schweizer Produktion Schwesterlein bleibt dem an Leukämie erkrankten Bühnenstar nichts anderes übrig, als auf seine heiß geliebten Auftritte zu verzichten – stattdessen zieht er zur Mutter, die allerdings versucht, den Zustand ihres Sohnes zu übersehen. Das ist kein angenehmer Zustand – das titelgebende Schwesterlein kann das ebenfalls nicht mitansehen und nimmt ihren Bruder mit zu sich in die Schweiz – in der Hoffnung, im Gebirgsklima, in der Natur und im Kreise ihrer glücklichen Familie wird Sven schleunigst genesen.

Klingt ein bisschen nach der schalen Chronik eines Siechtums? Mitunter ja, doch vorrangig ist hier die Beziehung der beiden Geschwister. Wie Hänsel und Gretel tappen beide einen Pfad des Schicksals entlang, während Lars Eidinger seine Rolle so sehr ernst nimmt, dass es fast schon weh tut. Und ja, es gibt Szenen, die will man in ihrer Intensität lieber nicht ertragen müssen, zum Beispiel wenn der geplagte Künstler vor lauter Schmerzen bitterlich zu weinen anfängt. Wir wissen: Eidinger macht keine halben Sachen. Wenn schon sterbenskrank, dann richtig. Das scheint selbst Nina Hoss kaum auszuhalten. Beide spielen professionell – etwas verbissen vielleicht.

Im Grunde ist das Subgenre des Krankheits- und Sterbedramas nichts, das ich auf meine Watchlist setze. Gereizt hat mich aber daran dieses geschwisterliche Teamwork, diese aufopfernde Nähe zum anderen, dieses völlig unzweifelhafte Vertrauen in eine andere Person. Stéphanie Chuat und Véronique Raymond verleihen diesem sonst eher ächzenden Drama durch ihr Psychogramm einer geschwisterlichen Liebe und dessen literarischer Interpretation etwas mehr an Substanz. Denn nur einen Künstler beim langsamen Sterben zuzusehen, wäre zu wenig. Oder einfach nur die dankbare Basis für einen obsessiven darstellerischen Kraftakt, bei dem es weniger um das emotionale Dilemma mit der Krankheit geht als um den, der dieses darstellt.

Schwesterlein

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