Nightborn (2026)

WENN MUTTER UND KIND EIN BÄUMCHEN PFLANZEN

6/10

 

Seidi Haarla und Rupert Grint in Nightborn von Hanna Bergholm© 2026 Polyfilm / Crossing Europe

 

ORIGINALTITEL: YÖN LAPSI

LAND / JAHR: FINNLAND, LITAUEN, FRANKREICH, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2026

REGIE: HANNA BERGHOLM

DREHBUCH: ILJA RAUTSI, HANNA BERGHOLM

KAMERA: PIETARI PELTOLA

CAST: SEIDI HAARLA, RUPERT GRINT, PAMELA TOLA, PIRKKO SAISIO, REBECCA LACEY, JOHN THOMSON, SILVIA SALORANTA U. A.

LÄNGE: 1 STD 32 MIN



Väter haben keine Ahnung davon, wie es ist, Mutter zu sein. Umgekehrt wiederum haben Mütter keine Ahnung, wie es ist, Vater zu sein. Dessen Bindung zum Kind ist weniger körperlich, denn Väter tragen ihren Nachwuchs auch nicht 9 Monate in ihrem Leib herum. Väter müssen in dieser Zeit auch nicht ein zweites Leben miternähren, kein Kind aus sich herauspressen und dann auf schmerzhafte Weise erfahren, wie es ist, den eigenen Körper als Nahrungsquelle zur Verfügung zu stellen. An gesunden Schlaf können Väter schon viel früher denken, um untertags wieder arbeiten zu gehen – Papamonat hin oder her.

Kleinkindpädagogik aus dem Wald

Dieses Überschreiten natürlicher Grenzen und das Aufgeben der eigenen Bedürfnisse für ein neues Leben – das hat vor zwei Jahren schon Amy Adams in der mysteriösen Horrorkomödie Nightbitch demonstriert. Auch hier der Vater nur einer, der leicht reden kann und vorne bis hinten nicht versteht, was die Mutterrolle für Entbehrungen verlangt. Hanna Bergholm geht einen ähnlichen Weg, entfernt sich aber von urbanen Gefilden und siedelt ihre wuchernde Reinigung von gesellschaftlichem Regelwerk, obwohl in Litauen gedreht, zumindest storytechnisch im finnischen Forst an.

Wer dort leben will? Mitunter könnte man dort, wo Saga und Jon sich ansiedeln, auf die Dauer mieselsüchtig werden. Auch ist der Wald ringsum kein einladendes Stück Natur, eher ein Gesamtbewusstsein mit seltsamem Eigenleben und knorrigen Bäumen, die so aussehen, als steckten in ihnen Dämonen, die gerne befreit werden wollen. Das Kind, das Saga auf die Welt bringt, würde dorthin ganz gut passen, weist es doch körperliche Anomalien auf, die sich auch noch im Verhalten widerspiegeln.

Der konstruktive Schrecken

Jede Mutter sollte die Möglichkeit, haben, eine für sie eigene, ideale Art der Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen, die sich für beide Seiten richtig anfühlt. Diese Botschaft ist Hanna Bergholm ein Anliegen – und sie weiß: leicht wird es nicht. Der Weg dorthin ist hart, sie schickt Schauspielerin Seidi Haarla (großartig in Abteil Nr. 6) auf einen bizarren Weg, auf dem es keine Umkehr gibt. Die Natur spielt hierbei eine große Rolle, weiters Vermächtnis, Bestimmung und das Eingestehen selbiger.

Was Bergholm dabei gerne macht, ist, den Prozess der Entwicklung als einen Horror darzustellen, vor dem man eigentlich nicht flüchten sollte; der einem letzten Endes nicht schadet, sondern den es anzunehmen gilt, so schauerlich er auch sein mag. Mit ihrem Vorgängerfilm Hatching hat sie ähnliches getan: Das seltsame Ei, dass die junge Tinja im Wald findet, birgt einen zwar bedrohlichen, aber wichtigen Bestandteil auf dem Weg zum Erwachsenwerden. In Nightborn wiederum ist die Annahme und Akzeptanz auch des Rätselhaften im wahrsten Sinne des Wortes ein Stolperpfad über Wurzeln und zwischen Bäume. Es modert und wuchert, der Appetit nach Fleisch und Blut untermauert die Phrase „Mein Fleisch und Blut“ nochmal neu.

Die Mythen gehen Väter nichts an

Rupert Grint als Vater Jon bleibt da der Fremdkörper, als hätte dieser Teil der Familie nichts zu sagen – weil Väter, so die Prämisse, nicht verstehen, worauf es ankommt. In dieser Phase der Bindung sieht Bergholm für diese Rolle etwas ganz anderes vor, eine ganz andere Opferbereitschaft – und vereinigt dies mit nordeuropäischer Mythologie, über deren versteckte Existenz sich schon Ali Abbasi in Border seine Gedanken gemacht hat.

Schon sehr früh wird klar, was es mit diesem Nachtgeborenen auf sich hat, welches Geheimnis hier über allem schwebt wie ein düsteres Omen. Marielle Heller sucht in Nightbitch nach der archaischen Bedeutung von Mutterschaft genauso wie Bergholm. Nur Bergholm hat den Vorteil, die Natur noch viel deutlicher zu einem Verbündeten werden zu lassen, weg von der Zivilisiertheit.

Blutdurst und simple Symbolik

Was ihr dabei aber immer wieder in die Quere kommt, und ihr Vorhaben auch erschwert, ist eine allzu offensichtliche, simpel konnotierte Symbolsprache, die, oftmals aufgewärmt, selten fasziniert. Die unausweichliche Eskalation wäre in diesem Ausmaß entbehrlich gewesen, andererseits aber unterstreicht sie eingangs erwähnte Ambition, die Vaterrolle im Kontext einer kompromisslosen Natur zu hinterfragen.

Nightborn (2026)

In the Land of Saints and Sinners (2023)

DAS VOLKSLIED VOM GUTEN KILLER

5/10


landofsaintsandsinners© 2023 Samuel Goldwyn Films


LAND / JAHR: IRLAND 2023

REGIE: ROBERT LORENZ

DREHBUCH: MARK MICHAEL MCNALLY & TERRY LOANE

CAST: LIAM NEESON, KERRY CONDON, JACK GLEESON, COLM MEANEY, CIARÁN HINDS, SARAH GREENE, DESMOND EASTWOOD, NIAMH CUSACK, CONOR MACNEILL, SEAMUS O’HARA U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN 


Liam Neeson zur Abwechslung mal im Original genießen? Sein Irland-Thriller In the Land of Saints and Sinners, der exklusiv statt im Kino auf Amazon Prime startet, bietet die passende Gelegenheit, auf die originale Tonspur umzustellen, wirkt doch die deutsche Synchronisation so sehr dem dargestellten Szenario, dem Setting und dem Plot entgegengesetzt, dass es kaum aushaltbar scheint, Neeson im gelangweilten, generischen Theaterdeutsch dabei zu begleiten, wie er zum wiederholten Male und diesmal auf heimischem Boden finstere Gesellen auseinandernimmt, um endlich, und das auch zum wiederholten Male, seinen Ruhestand zu genießen. Liam Neeson ist mit seinen über 70 Lenzen vorrangig Action-Opa mit Ermüdungserscheinungen, die seine Filmgegner oft als Schwäche auslegen und damit den Iren mit dem markanten Profil stets unterschätzen. Gerade dieser Drang zur Bequemlichkeit und das Zelebrieren selbiger entfacht in Neeson ungeahnte Aggressivität ohne Kommentarfunktion. Einer wie er muss eben tun, was getan werden muss. Und ein bisschen mehr. Nur nicht so viel, damit Neeson seine Rollenfindung nicht schwieriger gestalten muss als notwendig.

Es ist wie Autofahren: Einsteigen, zünden, losfahren, wenn geht noch mit Automatik. Ungefähr so sind Liam Neesons Rollen angelegt. Und leicht zu stemmen. Zwischendurch gibt es Ausreißer, ganz besondere Rollen, wie jene des Jesuiten in Marton Scorseses Silence – dabei ist der Durchbruch des Schauspielers einer dem derzeitigen Genre-Profil völlig konträr gelegenen Performance zu verdanken – die des Oskar Schindler. Demnächst soll er ja in die Fußstapfen von Leslie Nielsen treten, wenn die Kanone wieder nackt sein darf, und zwar als Frank Drebin. Das könnte gelingen. Und den Mann ins Komödienfach katapultieren, wo er sich selten herumtreibt.

Blacklight, Memory, Marlowe, RetributionIn the Land of Saints and Sinners ist endlich mal ein Filmtitel, der nicht nur mit einem Einzelwort daherkommt. Das lässt sich völlig unreflektiert mit höherem Anspruch konnotieren. Vielleicht auch, weil das übrige Ensemble mit Ciarán Hinds, Colm Meaney und der oscarnominierten Carrie Condon erlesen besetzt ist. Und wenn man genauer hinsieht, lässt sich in einer tragenden Nebenrolle auch Game of Thrones-Ekelkönig Jack Gleeson erkennen, der als zappeliger Killer-Kollege von Neeson durchaus Profil hat.

Etwas weniger davon hat das akzentschwache Thrillerdrama aber selbst, und da kann auch der ganze schillernde Cast nichts dafür, wenn Rollen zu besetzen sind, die wenig Tiefe besitzen. Die aus dem Kontext ihrer Vita herausgerissen scheinen und leider oft nur Schablonen sind, auch wenn sie so tun, als würden sie an ihre Grenzen gehen. Robert Lorenz tut das nicht. Robert Lorenz ist einer, der erst spät ins Regiefach gewechselt und davor all die Filme unter Clint Eastwoods Regie produziert hat. Da Clint Eastwood altersmäßig nur mehr bedingt mitzieht und als Action-Opa bald auch nicht mehr durchgeht, entspricht Liam Neeson noch am ehesten dem Profil des im Spätsommer des Lebens angekommenen, doch immer noch wehrhaften Selbstjuristen. So wurde dieser bereits in Lorenz‘ The Marksman besetzt, als uramerikanischer Hüter der Grenze zu Mexiko. Ein einschläfernder Film übrigens, und man kann von Glück sagen, dass dieser irische Möchtegern-Abgesang auf hemdsärmelige Männer fürs Grobe diesem Dämmerzustand des Vorgängers nicht ganz so folgt.

Zwar liegen diesem bei den letztjährigen Filmfestspielen von Venedig uraufgeführten Werk fremdenverkehrstaugliche Ambitionen zugrunde, die die grüne Insel von ihrer landschaftlich bemerkenswerten Seite zeigen – sonst jedoch wagt In the Land of Saints and Sinners keinerlei Hürden zu nehmen, die es aus einem Einheitsbrei lokalkolorierter Unterwelt-Dramen hervorheben würden. Martin McDonagh, verantwortlich für das bitterbös-schwarzhumorige Freundschaftsdrama The Banshees of Inisherin, hätte deutlichere Kontraste gesetzt als Robert Lorenz. Dieser fürchtet vielleicht, Liam Neeson in seinem Image zu kompromittieren. Von daher fehlt, ziehe ich das Resümee, reichlich Substanz für einen anfangs zwar geschickt konstruierten, im Laufe seiner Handlung aber sich selbst verwässernden, dank der gern gesehenen Gesichter aber ganz netten Irland-Western ohne nennenswerter Spitzen, die wohl den entsprechenden Eindruck hinterlassen hätten.

In the Land of Saints and Sinners (2023)

Cop Secret

KÜSSE VOR DEM SHOOTOUT

5/10


copsecret© 2022 MFA+ Filmdistrubution


LAND / JAHR: ISLAND 2021

BUCH / REGIE: HANNES ÞÓR HALLDÓRSSON

CAST: AUÐUNN BLÖNDAL, EGILL EINARSSON, STEINUNN ÓLINA ÞORSTEINSDÓTTIR, SVERRIR ÞÓR SVERRISSON, BJÖRN HLYNUR HARALDSSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Fußballprofis können auch anders: Sie müssen nicht unbedingt im Selbstmitleid versinken wie der zum Ersatzspieler degradierte Ronaldo oder der fesche Neymar, der gerne eine Schwalbe wäre. Sie müssen auch nicht klein beigeben und während der Weltmeisterschaft in Katar die Regenbogenbinde ablegen. Fußballprofis können auch einfach Filme machen – um auszudrücken, was die Regenbogenbinde nicht durfte. Um auszudrücken, dass männliche und weibliche Stereotypen in einer liberalen Welt nichts zu suchen haben. Einer dieser Fußballer ist Hannes Þór Halldórsson, Torhüter der isländischen Nationalmannschaft. Tja, wer hätte das gedacht: Ein Spitzensportler, der Filme macht – dass bei all dem Training immer noch Zeit bleibt für Drehbuch und Regie, ist womöglich ein klarer Fall von effizientem Zeitmanagement.

Halldórsson hat sich mit Cop Secret dem gerne maskulinen Genre des Action- und Copthrillers angenommen. Eigentlich ganz klassisch und fast so, wie man es von einem Guy Ritchie erwarten würde, der so harte Kerle wie Jason Statham für Radau in der Unterwelt sorgen lässt. In Reykjavik ist es aber nicht Statham, sondern einer, der ihm nicht nur ähnlich sieht, sondern genauso lakonisch und kaltschnäuzig seine Arbeit verrichtet wie dieser: Auðunn Blöndal, im Film als Bússi die härteste Socke unter der Polarsonne, und es wäre fast schon gemeingefährlich, diesem Rauhbein einen Partner zuzuteilen. Doch genau das passiert, in Gestalt von Hörður, einem Schönling sondergleichen – adrett, aufgeräumt und charismatisch. Die beiden passen, wie bei Buddy-Movies üblich, natürlich nicht zusammen – müssen aber bald an einem Strang ziehen.

Islands Hauptstadt Reykjavik präsentiert sich hier auf Augenhöhe mit allen anderen Großstädten dieses Planeten, die längst schon dank actionreicher Verfolgungsjagden das Budget für die Stadtsanierung neu evaluieren mussten. Hoch im Norden schlägt man nun auch besorgt die Hände über den Kopf zusammen, wenn schnittige Karossen in blaustichigen, groben Bildern über frischen Asphalt brettern. Und auch die Unterwelt selbst mitsamt ihren schrägen Rädelsführern hat wohl genug Exkursionen in den vielfach erprobten Westen unternommen, um zu wissen, wie man sich geben muss: Brutal, verrückt und größenwahnsinnig. Nur versprühen diese Vibes relativ wenig von dem, was wir als Liebhaber des skandinavischen oder gar isländischen Kinos so sehr zu schätzen wissen: das Lakonische, Mystische, Skurrile. Cop Secret will von all dieser Mentalität nichts wissen und orientiert sich lieber an gefälligen Vorbildern. Zumindest, was den Plot angeht. Der ist austauschbar und nicht der Rede wert. Ein Thriller von der Stange, dessen Handlung man schnell vergisst.

Weniger in Vergessenheit gerät dabei aber jene Komponente, um die es Regisseur Halldórsson eigentlich geht: Das Konterkarieren des Bildes vom starken Mann, vom maskulinen Berserker, der sich nicht erlauben darf, schwul zu sein. Oder eben doch? Wenn die beiden Vorzeige-Adonisse aus dem Action-Genre langsam bemerken, dass sie einander nicht egal sind, so fühlt sich das zwar ungewohnt an, widerspricht aber in keiner Weise dem Charakter der Protagonisten. Warum auch – weder ist ein Homosexueller weibisch und weich, noch ein Hetero permanent auf Reibung aus. Vorgefertigte Rollenbilder geraten in den Schwitzkasten, und wenn Bússi und sein Partner vor dem nächsten Shootout noch schnell Küsse tauschen, so ist das willkommen anders. Wäre dem so, dass diese erfrischende Sichtweise auch einen ganzen Film tragen könnte, hätten wir hier ein Update zum Genre des neuen Actionfilms. So aber bietet der Thriller nichts neues, und dem sexuellen Statement misst man nicht mehr bei als einer kuriosen Nebensache.

Cop Secret

Troll (2022)

DER BERG KOMMT ZUM PROPHETEN

4,5/10


troll© 2022 Netflix Österreich


LAND / JAHR: NORWEGEN 2022

REGIE: ROAR UTHAUG

BUCH: ROAR UTHAUG, ESPEN AUKAN

CAST: INE MARIE WILMANN, KIM S. FALCK-JØRGENSEN, MADS SJOGARD PETTERSEN, GARD B. EIDSVOLD, ANNEKE VON DER LIPPE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Alle, die mich kennen, wissen womöglich: Ich liebe Monster. Und alles, was sich als phantastisches Wesen deklarieren lässt. Von den Gremlins bis zu Godzilla, von Tinkerbell bis Thanos. Ehrfurchtsvoll verbeuge ich mich vor den mythologischen Wesen der alten Welt, wo es von Orks, Riesen, Zwergen und auch Trollen nur so wimmelt. Apropos Trolle: Der erste, bereits im Sommer in Umlauf gebrachte Trailer von Roar Uthaugs Giganten-Event zündete bei mir die Vorfreude: Ein aus Felsen und Erde geformte Naturgewalt schält sich auch dem norwegischen Fjell. Was für eine Optik. Und endlich wieder Trolle, lange nachdem Der Hobbit-Hype verklungen war und André Øvredals Trollhunter die Filmaufnahmen ihres Lebens – oder Ablebens – gemacht hatten. Nicht zu vergessen: Die metaphysische Mystery Border von Ali Abassi gewann den stampfenden, großnasigen Waldschraten plötzlich ganz andere Blickwinkel ab, wenngleich auch etwas zu eigenwillig, um vollends zu begeistern. Nun allerdings ist die Urform wieder zurück: Mächtiger, lautstärker und brachialer denn je. Wo der Riese hintritt, bleibt kein Grashalm mehr auf dem anderen, und so manches Haus in der Einschicht könnte Pech haben, nach des Wesens Durchmarsch nur mehr zur Hälfte aufzuragen.

Wenn also Paläontologin Nora mit ihrem verpeilten und esoterisch angehauchten Papa staunend in der Landschaft steht und dabei zusieht, wie sich aus dem Nichts ein von wirbelnden Gesteinsbrocken umkreister Hüne sein Haupt aus der niederen Botanik hebt, so ist das eine Szene, für die es sich tatsächlich lohnt, Troll auf dem Schirm zu haben. Nur… das wars dann aber auch. In diese eine Szene hat Uthaug (u. a. Tomb Raider mit Alicia Vikander – oder eben The Wave) all das hineingesteckt, was den Reiz eines Filmes wie diesen ausmachen kann. Dabei ist das Creature Design besonders gelungen, wenn nicht gar ein Meisterstück leidenschaftlicher Monstermacher, die den sympathischen Koloss nahtlos in die unwirtliche Umgebung betten, ohne eine falsche Schattierung zu setzen, das Wesen zu blass wirken zu lassen oder gar ungelenk. Der Troll ist so lebendig wie all die kleinen staunenden Menschleins um ihn herum. Und birgt doch so viel Geschichte aus lang vergangenen Epochen. So ein Schrat, der macht Märchen wahr und schlägt das rationale Denken der Besserwisser ins Koma.

Was dann aber mit diesem Film passiert, wird der grandiosen Kunst der Creature Artists leider nicht gerecht. Oder anders gefragt: Was genau lässt sich am Mythos Troll denn so sehr missverstehen? Es fängt damit an, dass die leisen Töne, dass die geheimnisvolle Existenz solcher Wesen, vorschnell zugunsten routinierter Action verdrängt werden. Den Inhalt dieses Films muss man daher auch nicht sonderlich lang erklären. Monster ist da, bewegt sich auf Hauptstadt zu. Menschen setzen alles ein, um Monster zu töten. Paläontologin Nora weiß es besser, hat aber im Grunde auch keine Ahnung, was der Troll hier soll. Das ist der Plot, und dieser ist so hanebüchen erzählt, dass selbst die krude Story aus Godzilla II: King of Monsters wie eine literarische Vorlage wirkt. Uthaug gibt sich mit einer Geschichte zufrieden, die sich lediglich aus Formeln zusammensetzt, die für dieses Genre üblich sind. Dabei passieren Logikfehler, die der Troll gar nicht alle niedertreten kann. Klassische Bell-Helikopter mit tonnenschweren Glocken durch die Gegend zu schicken ist nur einer davon.

Mit den nordischen Mythen und den Erwartungen zu spielen wie Andre Øvredal es getan hat, mit dem Troll auf Tuchfühlung zu gehen und seine wahren Beweggründe auszukundschaften: Das wäre der Sinn eines Films wie diesen gewesen, zwischen Düsternis, Magie und schlummernden Geheimnissen. So aber verhökert Troll alles, was einen Mehrwert gehabt hätte, vorschnell und unter militärischem Dauerfeuer. Das ist langweilig, und ergibt am Ende auch keinen Sinn mehr.

Doch immerhin: Diese eine eingangs erwähnte Szene, die bleibt im Gedächtnis. Und inspiriert mich auch für mein eigenes gezeichnetes Bestiarium. Man muss nur auf Netflix zu Minute 34 gehen – und die wenigen Sekunden wirklich guten Monsterkinos genießen. Bevor es wieder vorbei ist.

Troll (2022)

Medieval

TRAU, SCHAU WEM, NUR KEINEM BÖHM‘

6/10


medieval© 2022 Netflix Österreich


LAND / JAHR: TSCHECHIEN 2022

BUCH / REGIE: PETR JÁKL

CAST: BEN FOSTER, SOPHIE LOWE, MICHAEL CAINE, TIL SCHWEIGER, MATTHEW GOODE, WILLIAM MOSELEY, ROLAND MØLLER, KAREL RODEN U. A. 

LÄNGE: 2 STD 5 MIN


„Das ist nicht von mir!“, hätte mein Gesichtsprofessor auf der Grafischen durch die Klasse gerufen. Und ja – mit diesem abwertenden Sprichwort „Trau, schau wem…“ lässt sich einfach keine Solidarität leben. Ich rezitiere hier einen bayrischen Zweizeiler, der was weiß ich wann seinen Eingang in die Mundart fand, der sich aber ganz gut anwenden lässt, wenn man die spätmittelalterliche Geschichte rund um einen tschechischen Volkshelden zwischen den Mühlen der Machtgier aufrollen möchte. Dieses Vorhabens hat sich der tschechische Regisseur Petr Jákl (u. a. Ghoul – Die Legende vom Leichenesser) angenommen, um wohl einem der bedeutendsten Heerführer der Hussitenkriege – ach, was sag ich – einem der bedeutendsten Heerführer überhaupt (so steht es am Ende des Films geschrieben) ein Denkmal zu setzen: Jan Žižka, einer wie Götz von Berlichingen oder der gute alte Gottfried von Bouillon. Žižka war ein Söldnerführer. Gegen gutes Geld hätte er für jeden Adeligen die Drecksarbeit verrichtet, und sei es sogar, die Nichte des französischen Königs zu entführen, um vom betuchten Adeligen Heinrich von Rosenberg (Til Schweiger mit angenehm fremder Synchro), der die Dame als seine Verlobte ansah, Geld für eine Fahrt nach Rom zu erpressen, damit König Wenzel nach dem Tod Karls V. rechtmäßig zum Kaiser gesalbt werden könne. Dabei darf man nicht vergessen: Um das Jahr 1400 existierten zwei Päpste unter europäischer Sonne, beide mit Anspruch auf die absolute Macht. Der eine in der ewigen Stadt, der andere fraß sich in Avignon das Bäuchlein voll. Jan Hus, ebenfalls Tscheche, predigte derweil mehr als hundert Jahre vor Martin Luther protestantische Lehren und begründete auch so ganz nebenbei die Glaubensfraktion der Hussiten. Man darf sich vorstellen, wie sehr da die katholische Kirche unter Sodbrennen litt – Glaubenskriege waren die Folge, und im Zuge dessen war auch Jan Žižka ganz vorne mit dabei. Doch bevor es so weit kommen konnte, war da noch die Sache mit Königsnichte Catherine, die wie ein Spielball der Interessen zwischen Žižkas wilder Horde, König Wenzel von Böhmen und dessen despotischem Bruder und Möchtegern-Regent Sigismund (Matthew Goode) hin und hergereicht wurde. Alle wollten ihrer habhaft werden. Und so setzt uns Petr Jákl tief in den böhmischen Forst, hinein in dunkle Burgen und Höhlen oder einfach aufs schnell arrangierte Schlachtfeld, um nicht nur die womöglich teils fiktiven Darstellungen der Geschichte zu betrachten, da von Žižkas Biografie nicht viel überliefert ist, sondern um sich endlich auch mal wieder mehr an blutigen Kämpfen und brachialer Gewalt mit Keule und Schwert zu ergötzen, die beim letzten Ridley Scott-Film, nämlich The Last Duel, fast ein bisschen zu kurz kamen. Wer auch schon alle Vikings-Staffeln hinter sich hat und ebenfalls auf Entzug ist, wenn es heißt, abgetrennte Gliedmaßen, eingeschlagene Schädel und gepfählte Jugendliche in mittelalterlicher Entrücktheit zu bewundern, der kann Medieval durchaus auf die Watchlist setzen. Natürlich geschieht hier alles im Kontext zur politischen Intrige, in welcher Žižka – was geschichtlich bestätigt ist – ein Auge verliert und mehr tot als lebendig seine Queste zu Ende führt. Das ist Mittelalter, wie wir uns das vorstellen, und es ist motivierend genug, diesen Subtext gleich mitzunehmen aufs nächste Burgfest, um die Fantasie spielen zu lassen und sich selbst so zu fühlen wie ein halbwüchsiger Junge, der, das Holzschwert schwingend, auf den abgesicherten Wehrgang hirscht.

Wenn aber Ridley Scott in seinen Historienschinken schon allerlei Stars verpflichten kann, dann kann das Petr Jákl auch. Und siehe da: Als Žižka fungiert Ben Foster, wie immer souverän und bei der Sache. Matthew Goode hatten wir schon erwähnt – wen wir aber noch nicht erwähnt hatten, ist der ehrwürdige Michael Caine, der immer dann noch auftritt, wenn Donald Sutherland verplant zu sein scheint. Und ja – das verleiht Medieval, einem technisch versierten und hemdsärmeligen Stück Blut und Erde-Gemetzel, einen Glanz von schauspielerischem Adel.

Die erzählerische Eleganz anderer Genre-Filme erreicht Medieval aber nicht. Dazu will der Streifen zu sehr gut aussehen und zu sehr alles richtig machen. Da bleibt so manche Szene verkrampft, die Dramaturgie zu formelhaft oder manche Nebenrolle zu manieristisch, um ihr Tiefe zu verleihen. Da hapert’s ein bisschen am Charisma, am detaillierten Strich, wenn man so will. Für einen Happen zwischendurch – am besten mit den Fingern genossen, dazu ein Humpen Bier – eignet sich die ruppige Legendennacherzählung um Jan Žižka aber dennoch, und geschichtliche Details aus dem Nachbarland füllen historische Wissenslücken.

Medieval

Lamb

SCHAFE IM NEBEL

6/10


lamb© 2021 Koch Films


LAND / JAHR: ISLAND, SCHWEDEN, POLEN 2021

BUCH / REGIE: VALDIMAR JÓHANNSSON

CAST: NOOMI RAPACE, HILMIR SNÆR GUÐNASON, BJÖRN HLYNUR HARALDSSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN


Kleiner Tipp: Wenn man mal genug hat vom Einheitsbrei bei vorwiegend US-amerikanischen Filmen, lässt sich mit so einigen europäischen Produktionen auch des letzten Jahres frischen Wind durchs Oberstübchen blasen. Da sind innovative Arbeiten dabei, und falls aber keine Lust dazu besteht, das Filmschaffen akribisch zu durchforsten, braucht man nur übers Meer nach Norden schielen, auf eine bei Touristen sehr beliebten, unwirtlichen und von vulkanischen Aktivitäten überbeanspruchten Insel – nämlich Island. Von dort kommen garantiert und in regelmäßigen Abständen Filme, deren Inhalt und Machart zum Glück und bewusst nicht in Auftrag gegebenen Zuschaueranalysen unterliegen, sondern gegen den Strich und quergebürstet sind. Sie wollen weder gefällig sein noch ihre Geschichten auf Biegen und Brechen auserzählen. Es sind Filme, die über unerschlossenes Terrain querfeldein gehen, um auf andere Dinge zu stoßen. Dafür muss man neugierig genug sein. Und neugierig genug wird man auch bei Lamb, einem rustikalen Mysterydrama, das Mensch und Natur gegeneinander ausspielt.

Viel passiert nicht, hier irgendwo im Nirgendwo der Insel, an den Hängen schroffer Gebirgszüge – dort, wo sich stets der Nebel sammelt und man keine Handbreit weit sehen kann. Dort leben die Schafzüchter Maria und Ingvar in trauter und trostloser Zweisamkeit, gemeinsam mit einer Herde an blökendem Nutztier, denen am Weihnachtsabend Seltsames widerfährt. Eines Tages im Frühling, als das große Werfen beginnt, kommt ein Jungtier zur Welt, dass anders aussieht als alle anderen. Es ist halb Mensch, halb Schaf – ein kniehoher Mini-Minotaurus ohne Hörner und mit viel Schlafbedürfnis. Das Ehepaar sieht in diesem Wunder einen Segen und betrachtet das Wesen fortan als Teil der Familie. Pétur, der Bruder des Ziehvaters, der eines Tages antanzt, traut seinen Augen nicht und interveniert zugunsten der Vernunft.

Letztes Jahr lief Lamb im Rahmen des Slash Filmfestivals in Wien – nun, endlich, ist dieser von mir heiß ersehnte Streifen auch an den regulären Kinos gestartet. Was man erwarten darf, ist höchst lakonisches Kino aus dem Norden. Viel gesprochen wird nicht, dafür umso mehr haben die Schafe und Lämmer das Sagen, während das irritierende Wunderwesen meist nur einzelne Laute von sich gibt. Ein bisschen Eraserhead, ein bisschen Jan Svankmajer schwingt mit – mit Midsommar gibt’s bis auf den Blumenkranz auf Adas Haupt (so der Name des Lamms) keine Gemeinsamkeiten. Noomi Rapace gibt eine zurückhaltende Performance, und irgendwie ist jeder aufgrund der landschaftlichen Einschicht nicht ganz auf der Höhe. Um diese Atmosphäre des Weltfremden, aber Naturverbundenen zu erzeugen, lässt sich Valdimar Jóhannsson jede Menge Zeit. Zumindest Anfangs. Der Plot seiner Geschichte ist im Grunde faszinierend, ambivalent und bizarr. Klar lässt sich da jede Menge rausholen und auf die Metaebene wuchten, die das Verhältnis des Menschen zur Natur grimmig beleuchtet. Das Mischwesen als zerrissener Weltenvermittler wäre eine wunderbare Allegorie auf unser Verständnis für den blauen Planeten – jedoch fällt dem Filmemacher das Potenzial nicht gerade in den Schoß. Er weiß zwar, wohin der rote Faden seiner Fabel führt, folgt ihm aber zeitweise nur ungern, sondern holt sich dramaturgisch erprobte Lückenfüller, welche die Story aber nicht voranbringen, sondern vielmehr aufweichen. Es ist wie das Warten auf den großen Knall, der vielleicht dieses auf folkloristischen Mythen basierende Mysterium lüften kann. Meiner Erfahrung nach braucht man im Kino Islands auf so etwas nicht hinfiebern. Wie in der stilistisch verwandten Netflix-Serie Katla ist das Metaphysische in dieser Welt einfach da und stets plausibel. Mehr muss man nicht wissen. Was man bei Lamb jedenfalls erfährt, ist eine kuriose Situation des Unnatürlichen, die den Besuch im Kino erstmal lohnt, sich aber viel zu lange ziert, auf Konfrontation zu gehen.

Lamb

Helden der Wahrscheinlichkeit

WIE ES DER ZUFALL WILL

7/10


heldenderwahrscheinlichkeit© 2021 Filmladen Filmverleih

LAND / JAHR: DÄNEMARK 2020

BUCH / REGIE: ANDERS THOMAS JENSEN

CAST: MADS MIKKELSEN, NIKOLAJ LIE KAAS, LARS BRYGMANN, NICOLAS BRO, ANDREA HEICK GADEBERG, ROLAND MØLLER, GUSTAV LINDH U. A.

LÄNGE: 1 STD 56 MIN


Was Männer wollen? Beileibe nicht nur Sex. Für Anders Thomas Jensen wäre diese Antwort auch viel zu banal. Männer bewegt schon viel mehr als nur die Libido. Es bewegt sie Wut, Gerechtigkeit, das eigene Ego. Mitunter auch Rache und das impulsgesteuerte Verlangen, Gewalt auszuüben. Wann ist ein Mann ein Mann, hat sich Herbert Grönemeyer schon längste Zeit gefragt. Helden der Wahrscheinlichkeit gibt darauf erfrischende Antworten, die im Zeitalter des Gender-Ausgleichs womöglich wunde Punkte treffen. Das Ziel ist es jedoch, dabei einer Wahrheit ins Gesicht zu sehen, die erklärt, dass Männer seit jeher alles andere als das starke Geschlecht sind. Stark ist ein Mann dann, wenn er seine Defizite nicht mehr hinter Macht, Gewalt und Dominanz verbergen muss.

Anders Thomas Jensen ist, wie er längst bewiesen hat, der Spezialist dafür, Männern und ihren Bedürfnissen auf den Zahn zu fühlen und sie im Rahmen einer nicht klar deklarierten Gruppentherapie miteinander interagieren zu lassen. Männerfreundschaften könnte man dazu sagen, aber jene der zweckmäßigen Sorte, denn in Helden der Wahrscheinlichkeit verbindet ein heftiges Unglück die Schicksale von vier Kerlen, die erstens unterschiedlicher nicht sein könnten, und zweitens in einer gewissen sozialen Isolation ihre Ticks hegen und pflegen. Einer davon, der Statistiker Otto (Nikolaj Lie Kaas, Stammschauspieler Jensens und derzeit in der Serie Britannia als genial schräger Druide zu sehen) weiß, was sich gehört und bietet im Zug einer Frau den Sitzplatz an. Sekunden später geschieht das Undenkbare. Die Hälfte des Waggons detoniert, die Frau stirbt, deren Tochter überlebt. Witwer und Soldat Mads Mikkelsen kommt aus dem Nahen Osten retour, und es dauert auch nicht lange, da kreuzt Otto auf, um den grimmigen Brutalo die Theorie eines geplanten Anschlags zu unterbreiten. Nichts, so meint er, kann hier zufällig gewesen sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei diesem Unfall um einen Anschlag gehandelt hat, sei auffallend hoch. Mit Otto tauchen dann noch zwei andere schräge Vögel auf – der eine ein Computernerd, der andere Ottos neurotischer Arbeitskollege. Gemeinsam wollen sie Rache nehmen.

Wir Menschen setzen das, was geschieht, stets in einen kausalen Zusammenhang. Sei es nun ein Schmetterling, ein Mehlsack oder ein blaues Fahrrad. Zufälle sind uns manchmal zu wenig. Die vier Helden, die dabei ins Feld ziehen, eignen sich bestens dafür, angesichts dieser Verhaltenstheorie die Probe aufs Exempel zu machen. Mit viel Sympathie für seine Figuren entsteht bei Jensen eine bitterkomische Tragikomödie, die diesem Genre seit langem wieder mal frisches Leben einhaucht. Stets begegnet Jensen seinen alles andere als perfekten Gestalten mit Respekt, zieht das Drama niemals ins Lächerliche und verortet Humor genau dort, wo er den Kloß im Hals lösen kann. Manchmal kurvt das skurrile Drama wenig zimperlich um die Ecke, und die Radikalität aus Adams Äpfel bricht durch. Manchmal scheint es auch, als wären die Zufälle in Jensens Film gar welche, die ihn selbst überrascht haben. Als wäre die Geschichte eine, die sich im Laufe des Drehs ihre eigenen unglaublichen Zufälle erst suchen musste.

Helden der Wahrscheinlichkeit

Von Menschen und Pferden

WITH A LITTLE HELP FROM MY HORSE

6/10


vonmenschenundpferden© 2014 Bodega Films


LAND / JAHR: ISLAND, NORWEGEN, DEUTSCHLAND 2013

BUCH / REGIE: BENEDIKT ERLINGSSON

CAST: INGVAR EGGERT SIGURÐSSON, CHARLOTTE BØVING, STEINN ÁRMANN MAGNÚSSON, HELGI BJÖRNSSON, JUAN CAMILLO ROMAN ESTRADA U. A. 

LÄNGE: 1 STD 21 MIN


Ist der Hund für uns Festlandeuropäer der beste Freund des Menschen, sehen die Isländer, wie in so vielen Dingen, die Sachlage etwas anders. Dort ist es das Pferd, und es bringt den Insulaner dort oben nicht nur über rein landschaftlich betrachtet unwegsames Gelände, sondern begleitet diesen auch durch das Dick und Dünn eines Alltags mit Gegenwind. Der kann ganz schön liebestoll sein, jähzornig oder volltrunken. Stets ist das Pferd mit dabei, und stets macht das Pferd das, was es am besten kann: dem Menschen nutzbar sein. Dabei ist die Liebe des Isländers zum hufetragenden Warmblüter eine, die aus einem erfüllten Zweck heraus entsteht. Ist das nicht gegeben, gibt man Pferden ab und an den Gnadenschuss.

Bezugnehmend auf diese oftmals von Schmerzen erlösende Tötungsmethode ist Benedict Erlingssons Episodenfilm Von Menschen und Pferden Liebhabern von letzterem nur bedingt ans Herz zu legen. Kann sein, dass die eine oder andere Szene verstörend auf jene wirken kann, die am liebsten rund um die Uhr ihr Lieblingspferd schniegeln und ihre eigenen vier Wände mit Pferde-Devotionalien aller Art dekoriert haben. Genauso wenig wäre Hundeliebhabern Alejandro Gonzales Innaritus Amores Perros zu empfehlen. In des Oscarpreisträgers mexikanischer Hunde-Anthologie haben die Pfotengänger ebenso wenig das Paradies auf Erden untergejubelt bekommen wie die Pferde in Erlingssons so verschrobenen wie makabren Miniaturen.

Da gibt es einen Mann namens Kolbeinn (Ingvar Eggert Sigurðsson, u. a. in Weißer weißer Tag oder aktuell in der Netflix-Serie Katla zu sehen), welcher eines Tages der Witwe Solveig auf berittene Weise Avancen macht. Da gibt es einen Trunkenbold, welcher der Bezeichnung Seepferd neue Bedeutung verleiht. Oder einen lateinamerikanischen Touristen, dessen bizarres Schicksal Star Wars-Kenner an eine ganz bestimmte Szene aus Das Imperium schlägt zurück erinnern wird. In all diesen Geschichten, die allesamt in einem Tal spielen und wo jeder jeden episodenübergeifend kennt, ist das Verhalten engstirniger Landeier in den großen, glasigen Augen der Pferde ein höchst seltsames. Stumm nehmen die Tiere es hin, wenn sie die Defizite menschlichen Handelns mehr passiv als aktiv ausgleichen müssen. Wobei ich nicht sagen will, dass die Isländer nichts für ihre Pferde empfinden – sie sind einfach da, sie sind Teil ihres Schicksals. Sie würden sie auf untröstliche Weise vermissen, würde man sie aus diesem gesellschaftlichen Mikrokosmos aus Freud und Leid ganz einfach entfernen.

Von Menschen und Pferden

Das Geheimnis von Neapel

NAPOLI, IL MIO DESTINO

6/10


dasgeheimnisvonneapel© 2010-2018 PROKINO Filmverleih GmbH

LAND / JAHR: ITALIEN 2017

REGIE: FERZAN OZPETEK

CAST: GIOVANNA MEZZOGIORNO, ALESSANDRO BORGHI, ANNA BONAIUTO, ISABELLA FERRARI, BIAGIO FORESTIERI U. A.

LÄNGE: 1 STD 53 MIN


Neapel sehen… und von der schönsten Seite erleben. Ganz ohne Müllberge, ganz ohne Mafia, ganz ohne schwelende Hitze oder gar vom nahegelegenen Vesuv ausgehender Vibrationen. Dafür mit viel Kunst, klassisch verklärten Gesichtern auf Marmorbüsten. Engen Gassen und Zimmern mit Aussicht aufs Meer. Da kommt fast schon Urlaubsstimmung auf. Das Mediterrane hat schließlich was. Es ist aber nicht so, dass Neapel nicht auch – wie der Titel des Films schon sagt – seine Geheimnisse birgt. Das tun Rom, Florenz, Ravenna und wie diese Städte alle heißen, genauso. Darüber weiß zum Beispiel Dan Brown ganze Romane zu schreiben. Dieses Mysterydrama hier gräbt zwar nicht nach verschwundenen Artefakten und verborgenen Geheimbünden, dafür aber nach verschütteten Traumata, die verwoben sind in einen urbanen Mikrokosmos, aus welchem es schwer wird, zu entkommen. Denn die Pathologin Adriana liebt, was sie gleichermaßen verabscheut. Ein obskures Dilemma.

Dabei scheint sich alles so zu entwickeln, wie der eine oder andere Erotikhriller aus den Neunzigern, der im Zuge des Basic Instinct-Hypes aus dem Boden geschossen war. Zwei fremde Personen – eine Frau und ein Mann – tauschen Blicke. Die sagen mehr als tausend Worte. Begehren liegt in der Luft. Der geheimnisvolle Mann verplant daraufhin gleich die ganze Nacht – die Frau nimmt dankend an. Heiße Sexszenen, zerwühlte Laken. Es geht ordentlich zur Sache. Bis der Morgen kommt, und Adriana voller Vorfreude ob des nächsten Treffens den Tag gerade mal so hinbiegen kann. Doch Andrea, der geheimnisvolle Fremde, taucht an vereinbartem Ort nicht auf. Tags darauf landet dieser als übel zugerichtete Leiche in der Pathologie. Tragisch, so ein  kurzes Glück. Adriana versinkt in Betroffenheit. Bis sie wiederum Wochen später das Gefühl hat, an Geister glauben zu müssen.

Zwischen Federico Fellini, Polanski und italienischer Soap Opera: Regisseur Ferzan Ozpetek (Hamam – das türkische Bad) lässt unter der Prämisse „Eine Stadt – ein Drama“ den Faktor des Mysteriösen sehr bald von der Leine. Vom zu erwartenden Erotikthriller heißt es sehr bald Abschied nehmen. Gondeln tragen aber auch keine Trauer, denn zum parapsychologischen Reißer lässt sich Das Geheimnis von Neapel auch nicht motivieren. Giovanna Mezzogiorno geistert als pathologische Pathologin durch ein kaum Position beziehendes, vages Melodram, dessen seltsame Wege flankiert sind vom Lifestyle einer italienischen Kunst-Schickeria. Augenhöhe sucht man mit diesen Randfiguren vergebens, allerdings hat man bald eine Ahnung, wohin die Irrungen der aus allen Wolken gefallenen Frau letztendlich führen könnten. Und wieder verlässt Ozpetek das geliehene Genre, kehrt dabei aber zurück an den Anfang. Im Großen und Ganzen scheint da ein Storytwist die geduldsprobende Ratlosigkeit etwas zu tilgen.

Viel schlauer ist man am Ende wiederum auch nicht, doch gerade diese schwelgerische Skepsis gegenüber der Wirklichkeit versetzt dem schicken Psychotrip die lang erwartete spielerische Note.

Das Geheimnis von Neapel

Schwesterlein

SISTER OF MERCY

5,5/10


schwesterlein© 2020 Weltkino


LAND / JAHR: SCHWEIZ 2020

REGIE: STÉPHANIE CHUAT, VÉRONIQUE RAYMOND

CAST: NINA HOSS, LARS EIDINGER, JENS ALBINUS, MARTHE KELLER, THOMAS OSTERMEIER U. A. 

LÄNGE: 1 STD 39 MIN


Hat Lars Eidinger eigentlich auch bei diesem satirischen Online-Flashmob #allesdichtmachen mitgetan? Oder war ihm dieser eitle Aufschrei doch zu banal? Ich weiß nur: Eidinger spielt für sein Leben gern – und was das Zeug hält und hergibt. Ein künstlerischer Feingeist, exaltiert und kumpelhaft. Sicher charismatisch und einnehmend wie ein Burgschauspieler und dann wieder unauffällig und inkognito. Spannend, ihn auch mal in der einen oder anderen internationalen Produktion zu sichten, wie zum Beispiel in High Life oder gar ins Tim Burtons Dumbo in einer kleinen, glücklich ergatterten Mini-Rolle. Spontan fallen mir aber auch gleich drei Charaktere ein, die auffallend unterschiedlich angelegt sind. Da wäre seine Rolle des psychisch labilen Unternehmersohns Nyssen in den kongenialen Gideon Rath-Krimis Babylon Berlin, da wäre seine Darstellung des sprachaffinen Nazis in Persischstunden oder eben – wie hier – die gequälte Seele eines krankheitsbedingt verhinderten Schauspielers, der um alles in der Welt so gerne wieder als Hamlet auf der Bühne stehen möchte.

In der Schweizer Produktion Schwesterlein bleibt dem an Leukämie erkrankten Bühnenstar nichts anderes übrig, als auf seine heiß geliebten Auftritte zu verzichten – stattdessen zieht er zur Mutter, die allerdings versucht, den Zustand ihres Sohnes zu übersehen. Das ist kein angenehmer Zustand – das titelgebende Schwesterlein kann das ebenfalls nicht mitansehen und nimmt ihren Bruder mit zu sich in die Schweiz – in der Hoffnung, im Gebirgsklima, in der Natur und im Kreise ihrer glücklichen Familie wird Sven schleunigst genesen.

Klingt ein bisschen nach der schalen Chronik eines Siechtums? Mitunter ja, doch vorrangig ist hier die Beziehung der beiden Geschwister. Wie Hänsel und Gretel tappen beide einen Pfad des Schicksals entlang, während Lars Eidinger seine Rolle so sehr ernst nimmt, dass es fast schon weh tut. Und ja, es gibt Szenen, die will man in ihrer Intensität lieber nicht ertragen müssen, zum Beispiel wenn der geplagte Künstler vor lauter Schmerzen bitterlich zu weinen anfängt. Wir wissen: Eidinger macht keine halben Sachen. Wenn schon sterbenskrank, dann richtig. Das scheint selbst Nina Hoss kaum auszuhalten. Beide spielen professionell – etwas verbissen vielleicht.

Im Grunde ist das Subgenre des Krankheits- und Sterbedramas nichts, das ich auf meine Watchlist setze. Gereizt hat mich aber daran dieses geschwisterliche Teamwork, diese aufopfernde Nähe zum anderen, dieses völlig unzweifelhafte Vertrauen in eine andere Person. Stéphanie Chuat und Véronique Raymond verleihen diesem sonst eher ächzenden Drama durch ihr Psychogramm einer geschwisterlichen Liebe und dessen literarischer Interpretation etwas mehr an Substanz. Denn nur einen Künstler beim langsamen Sterben zuzusehen, wäre zu wenig. Oder einfach nur die dankbare Basis für einen obsessiven darstellerischen Kraftakt, bei dem es weniger um das emotionale Dilemma mit der Krankheit geht als um den, der dieses darstellt.

Schwesterlein