Undine

VERGISS NICHT WER DU BIST

7/10

 

undine© 2020 Piffl Medien

 

LAND: DEUTSCHLAND 2020

REGIE: CHRISTIAN PETZOLD

CAST: PAULA BEER, FRANZ ROGOWSKI, JACOB MATSCHENZ, MARYAM ZAREE U. A. 

 

Berlin, eine Stadt der steten Veränderung. Wenn man Christian Petzolds neuem Film beiwohnt, hat man zusätzlich auch eine Führung in Sachen urbaner Entwicklung gebucht. Interessant, woher der Name Berlin eigentlich kommt. Er bedeutet so viel wie „eine trockene Stelle inmitten eines Sumpfes“. Sonst aber verliert sich der Ursprung Berlins im geschichtlichen Dunkel, mitsamt seinen Mythen. Wim Wenders wusste die europäische Stadt der Engel von geflügelten Elementarwesen bewacht, unsterbliche Kreaturen, die im Himmel über Berlin dem umtriebigen Menschengeschlecht mit aktiver Schadensbegrenzung beizuwohnen hatten. Schutzengel nennen sie manche. Bruno Ganz würde das vielleicht anders sehen, aber egal. Berlin hat noch andere Mythen, laut Christian Petzold. Sein Blick hinter den Vorhang der trockenen Realität fällt auf jene halbgöttlichen Elementarwesen, du gut und gerne als Wassergeister oder Nixen bezeichnet werden. Eine davon nennt sich Undine. Erstmals erwähnt wird diese in einer Sage aus dem Geschlecht der Stauffenberger aus dem 14ten Jahrhundert. Undine könnte unsterblich sein, aber so genau weiß man das nicht. Undine jedenfalls bekommt nur dann eine Seele, wenn sie lieben kann. Soviel zur Legende. Paula Beer ist dieser Legende verwandter als ihr lieb ist. Oder ist alles nur reiner Zufall? Warum aber droht sie ihrem Partner, der gerade drauf und dran ist, bei der gemeinsamen Tasse Kaffee Schluss zu machen, mit dem Tod? Etwas heftig. In Anbetracht dessen, dass ein Wassergeist dem liebenden Verräter gegenübersitzt, durchaus nachvollziehbar. Doch es muss gar nicht viel Zeit verstreichen, da wird Undine neu geboren, im algigen Wasser eines zerborstenen Aquariums, ihr zur Seite Franz Rogowski, der erstmal gar nicht weiß wie ihm geschieht. Und sich Hals über Kopf in Undine verliebt.

Undine ist meine erste Erfahrung mit Christian Petzold. Aus diversen Rezensionen weiß ich aber: der Mann ist kein Freund des Neo-, sondern vielmehr des Magischen Realismus, denn die meisten seiner Filme wandeln an der Grenze zwischen nüchternem Alltag und transzendenter Metaphysik, die sich ungefragt in der uns vertrauten Dimension positioniert. Paula Beer wirkt wie ein an den Strand gespültes Wesen, weniger naiv als Daryl Hannah aus der thematisch verwandten Mythenkomödie Splash, dafür aber umso sehnsüchtiger und verwirrter, weil sie weiß: da war doch was! Undine ist in Petzolds Film in einer klar definierten Realität angekommen, scheint als magische Exilantin ihren Ursprung fast vergessen zu haben. Wie viele davon in Berlins urbanem Kosmos würden sich wohl an ihre eigene Magie erinnern, wenn die Liebe ihr Wissen ob ihrer Herkunft triggert?

Petzold erklärt die Hauptstadt Deutschlands wie Wim Wenders zu einem Erbe des Sagenhaften. Viel davon ist nicht mehr geblieben, alles hat sich verändert. Und doch, blickt man genauer hin, findet das Paranormale seinen Weg durch bauliche Maßnahmen, die diese andere Identität vergessen machen wollen. Rogowski verfällt diesem Zauber, für Paula Beer ist diese Abhängigkeit Bedingung, um unter den Menschen weilen zu können. Undine gelingt diese Interpretation der mittelalterlichen Sage mit entspannter Nüchternheit jenseits folkloristischen Pomps. Seine Figuren sind narrative Gestalten, nur für die Geschichte zum Leben erweckt. Erscheinungen, die nach Ende des Films verschwinden. Und das ist gut so. Ihre Reduktion auf die strikte Gegenwart eines modernen Märchens hat alleine schon etwas Entrücktes. Petzolds Bilder haben niemals einen Selbstzweck, sind nur Module für seine Erzählung. Wenn sich Rogowski beim Tauchen dem König des Sees gegenübersieht oder der Taucher in Undines Hand zur verschenkten Seele wird, ist das verträumte Schwermut ohne Leerlauf. Ein schöner, konzentrierter Film, der vielleicht zu viel Zeit mit Berliner Stadtgeschichte vertrödelt, sonst aber den Mythos in seiner Essenz auf den Punkt bringt.

Undine

Greyhound

SCHACH IM ATLANTIK

5,5/10

 

greyhound© 2020 Sony Pictures Entertainment / Apple +

 

LAND: USA 2020

REGIE: AARON SCHNEIDER

ADAPTIERTES DREHBUCH: TOM HANKS

CAST: TOM HANKS, STEPHEN GRAHAM, ROB MORGAN, JIMI STANTON, ELISABETH SHUE, MANUEL GARCIA-RULFO U. A. 

 

„Es bricht mir das Herz“ soll Schauspieler Tom Hanks gesagt haben, nachdem klar wurde, dass sein neuester Streifen Greyhound anstatt Anfang Mai in die Kinos vom Streaming Anbieter Apple+ online zur Verfügung gestellt wird. Womit er nicht ganz unrecht hat. Denn Greyhound ist ein Film für die große Leinwand, auch wenn der Plot an sich auf ein Smartphone passt. Doch was erzählt wird, passiert vor historischen Tatsachen. Wir schreiben das Jahr 1942 und Commander Ernest Klause (eben Tom Hanks) ist zur kältesten Jahreszeit im sturmgepeitschten Nordatlantik unterwegs, um Versorgungsschiffe der Alliierten nach Europa zu eskortieren. Klar, dass das den Nazis nicht schmeckt – die schicken wiederum ganze „Wolfsrudel“ an U-Booten los, um den Feind unter keinen Umständen passieren zu lassen. Einfach wird das für die submarinen Aggressoren nicht, haben diese doch die meiste Zeit mit feindlicher Luftabwehr zu rechnen – mit Ausnahme eines gewissen Abschnitts inmitten der maritimen Weite, die kein Kampfflugzeug erreichen kann. Die große Grube wird sie genannt, dieses gefahrvolle Niemandsland, das dem freien Spiel der Kräfte unterliegt. Commander Klause muss sich beweisen – es ist seine erste Überfahrt.

Wie Regisseur Aaron Schneider die Wogen des Atlantiks in Szene setzt, und noch dazu im tiefgekühlten Graublau des Winters, ist atemberaubend unwirtlich. Heeresgeschichte hautnah und mit gefühlt gischtfeuchtem Gesicht. An Deck des Schiffes Greyhound: erwartungsvolle, junge Gesichter unter Stahlhelmen, die an den Lippen des Commanders hängen, der wiederum nicht weiß, wo er zuerst ansetzen soll. Hanks Leit-Figur ist das fiktive Ideal eines „Guten Hirten“ in sturmumtosten Zeiten. So betitelt sich auch die literarische Vorlage von C.S. Forester (u. a. African Queen) aus dem Jahre 1955. Hanks hat es sich nicht nehmen lassen, sogleich das Drehbuch zu adaptieren. Und dieses hat jede Menge an militärisch-gehorsamem Pathos. Wobei sich dieses sehr auf den schlaflosen, unermüdlichen, humanistischen Entwurf eines beschützenden Gutmenschen konzentriert, der in strengem Glauben an den christlichen Gott gar nichts anderes tun kann als nur das Richtige. Glücklich ist der Mann nicht, sondern Opfer seiner Pflicht für die gute Sache, die den deutschen Feind so lange entindividualisiert, bis der Einzelne am Ölteppich treibt. Hanks Charakter ist der einzige, der ein Gesicht hat, auch wenn er hochstilisiert wird bis zur umjubelten Apotheose. Zwischen seinen verkniffenen Blicken aus diversen regennassen Bullaugen dominieren Backbord und Steuerbord die Dialoge des Drehbuchs. Soundso viele Meilen da, soundso viele Meilen dort, dann nur noch ein paar Yards. Die Action liegt in den irren Manövern des Flaggschiffs, für Nerds liegt sie vielleicht auch noch im fieberhaften Nachrechnen der nautischen Befehle. Die Bedrohung in den mit greinendem Score begleiteten Auftauchen des Feindes oder in der perfiden Angstmache über Funk. Sonst allerdings bleibt Greyhound ein strategisch-minimalistisches „Schiffe versenken“ unter dem Glassturz des Atlantiks. Das Drumherum scheint kaum zu existieren.

Schneiders Film und Hanks Drehbuch beschränken sich auf das Wesentliche, bleiben so geradlinig wie möglich, filtern eine 90minütige Stahl- und Wassersequenz aus einem ganz anderen, vielleicht dramaturgisch besseren Film, der vielleicht mehr über das Drama an Deck erzählt, wie Wolfgang Petersen das gemacht hat. Hier haben wir die Essenz eines Geleits durch das geteilte rote Meer, während die Unterjochenden gleichauf sind. Ein puristischer, trotz aller Not des Krieges schöngezeichneter und hochpolierter Idealkrieg, der das Heimkino flutet. Bis sich die Gezeiten des frommen Gebets an einen gerechten Gott wieder zurückziehen.

Greyhound

Schwarze Milch

SO WEIT UNSERE FREIHEIT REICHT

8/10

 

schwarzemilch© 2020 Alpenrepublik

 

LAND: MONGOLEI, DEUTSCHLAND 2020

REGIE: UISENMA BORCHU

CAST: UISENMA BORCHU, GUNSMAA TSOGZOL, TERBISH TEMBEREL, BORCHU BAWAA, FRANZ ROGOWSKI U. A.

 

Man muss genau hinsehen, um in Zeiten wie diesen den richtigen Film im richtigen Kino zu finden. Derzeit haben die großen Ketten alle geschlossen – sie warten auf grünes Licht aus den USA. Wenige kleinere Kinos haben geöffnet – und die können jetzt den größten Nutzen daraus ziehen. Indem sie Filme zeigen, die sonst vielleicht nur Nischen bedienen und untergehen würden angesichts großer Konkurrenz. Es ist gut, genau hinzusehen, denn dann fallen Filme ins Auge so wie dieser hier – Schwarze Milch. Ein mongolisch-deutscher Streifen, diesjährig bei der Berlinale erstmals aufgeführt. Und ein Werk, das man eigentlich nicht verpassen sollte.

Dabei ist die Geschichte von Wessi, die nach langjährigem Aufenthalt in Deutschland zu ihrer Schwester in die Wüste Gobi zurückkehrt, recht überschaubar, in ihren Grundzügen geradezu simpel. Was Uisenma Borchu, die sich die Rolle der einen Schwester selbst an den Leib geschrieben hat, aus dieser Erzählung einer familiären Begegnung gemacht hat, wird zu einem intensiven, in seiner archaischen Kraft sich stetig steigernden Wunder eines Lebenswandels. Dabei findet Borchu eine unmittelbare, distanzlose Bildsprache. Die Kamera nähert sich den beiden Frauen auf neugierige, vertrauliche, manchmal gar indiskrete Art. Sie offenbaren ihre Sehnsüchte, ihre Ängste, ihre Diskrepanzen zueinander. Dann wieder die unendlich scheinende Weite der Sanddünen, den Reiter in der Ferne. Das Fehlen von Schutz und Nähe, die Scham kulturell bedingter Blöße. Hier, in den Weiten der Mongolei, scheint alles beim Alten geblieben zu sein. Jurten stehen im Nirgendwo, die Bewohner der Steppe sind immer noch Nomaden, durchaus reich an allem was sie benötigen. Im Tross der Umherziehenden jede Menge Ziegen, Pferde. Gastfreundschaft für jeden und zahlreiche gute Omen. Ganz wichtig: das Patriarchat. Modern ist vielleicht das Motorrad zwischen den Teppichwänden der Zelte, das Klingeln des Mobiltelefons. Sonst aber pfeift der Wind, wird gemolken was die Zitze von Pferd und Ziege hergibt, wird geschlachtet, wenn Nahrung knapp wird. Wessi kann sich an all diese Riten des Tages kaum mehr erinnern. Zu fern ist ihr das alles. Fern ist ihr allerdings auch ihr Leben in Deutschland, nicht weniger dominiert von einem Machtmenschen, der vorgibt, was zu tun ist. Wessi sucht Selbstbestimmung, Hofft, diese in ihren Wurzeln zu finden. Eine neue oder wiedergefundene Identität. Mithilfe ihrer Schwester sollte das machbar sein. Doch die Welt der mongolischen Nomaden ist erstarrt im Willen der Männer. Egal ob diesen der träge Ehemann, der gewaltbereite Eindringling oder der zeremonienbewusste Stiefvater artikulieren. Als Frau ist man alleine zu schwach. Gemeinsam vielleicht aber stark genug.

Schwarze Milch – nach Paul Celans Gedicht Todesfuge bringt sie den Tod. Allerdings ist die Bezeichnung natürlich auch ein Oxymoron, ein sich widersprüchlicher Begriff. Klar zuzuordnen lässt sich die Bedeutung nicht gerade, eventuell hat sie eine eigene lokal verortete Symbolik, die sich mir nicht erschließt. Doch das macht nichts, klar ist, das Schwarze Milch nichts sonderlich Gutes bedeutet. Dass es vielleicht einer Verweigerung als Mutterfigur, einer Auflehnung gleichkommt. Und irgendwann später passiert es tatsächlich, in diesem uralten Kosmos aus Gebräuchen und Aberglauben. Die beiden Frauen werden zu zweifelnden Ikonen, umstürzlerisch und leidensfähig, weil sie brechen, was nicht gebogen werden kann. Borchus Film ist so authentisch wie möglich, in ihm ruht eine originäre Kraft, die gleichsam wunderschön, gleichsam lehrreich, aber auch unerbittlich sein kann. Die in OmU übersetzte Sprache der Mongolen ist eine ganz eigene, fremdklingende Metaebene in Hörbildern. Dem Schlachten der Ziegen lässt sich kaum zusehen, es sind dokumentarische Szenen eines Alltags, die Borchu für ihren Film verwendet und die ihm dieses echte, spürbare Etwas geben. Anfangs mag man nicht so recht wissen, wohin Wessi sich treiben lässt. Was sie möchte, weshalb sie zurückkehrt. Fast lässt sich vermuten, die Filmemachern selbst hat sich in ihrer Arbeit ähnlich treiben lassen, hinein in ein wiederentdecktes Land. Was sich dabei herauskristallisiert, sind überraschend ähnliche Sehnsüchte, sowohl im Westen also auch im Osten. Allen voran die Sehnsucht nach Selbstbestimmung und Freiheit.

Schwarze Milch

Semper Fi

KODEX DER MUSKETIERE

5,5/10

 

3T3A6614.CR2© 2020 Kinostar

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2020

REGIE: HENRY ALEX RUBIN

CAST: JAY COURTNEY, NAT WOLFF, FINN WITTROCK, BEAU KNAPP, ARTURO CASTRO, LEIGHTON MEESTER U. A. 

 

Semper Fi – das klingt wie eine spezielle Akustik bei Audiogeräten. Ist es aber natürlich nicht. Denn Semper Fi ist Latein, die Abkürzung für Semper Fidelis und der Leitspruch der US Marines, der soviel bedeutet wie: für immer treu. Die Jungs, die in diesem Corps also ihren Dienst verrichten, die schenken sich alles, sind auch privat füreinander da. Müssen ausbaden, was ein anderer angerichtet hat. Zumindest scheint das so in vorliegendem Männerfilm, der als Copthriller genauso durchgeht wie als hemdsärmeliges Familiendrama und Flucht-Actioner. Zu viel von allem? Nein, das nicht. Vielleicht aber zu austauschbar.

Worum geht´s? Ex-Suicide Squad– und Terminator Genysis-Haudegen Jay Courtney agiert – durchaus überzeugend – als faustfreundlicher Streifenpolizist und gleichzeitig als Marine-Reservist, der jederzeit eingezogen werden kann, wenn Mütterchen USA ihn gerade benötigt. Um fit zu bleiben, darf an Wochenenden brav trainiert werden. Sein Halbbruder Oyster (Nat Wolff) ist ebenfalls ein Marine, zieht aber privat jede Menge Zores an wie Honig so manche Fliege. Der ältere Bruder, der muss es immer wieder gradebiegen – und wird ab und an ebenfalls rabiat. Wen wundert´s, beide sind unter ziemlich entbehrlichen Verhältnissen aufgewachsen, der gerade Weg ins Licht ist mit so manchen Versuchungen gepflastert, die schon mal hinter schwedische Gardinen bringen können. Eine solche Einweisung steht für Oyster kurz bevor, als beide wieder mal für den Krieg in Nahost eingezogen werden sollen. Der kleine Bruder bleibt daheim, wandert wegen Mordes in den Knast, und was tut die übrige Familie, wenn sie Unrecht sieht? Zu drastischen Mitteln greifen.

Dieses Treue-Ehre-Vaterland-Pathos ist womöglich der soziale Kleber, der diese ganze US-Militärmschinerie auf sozialem Wege zusammenhält. So entstehen Verbindlichkeiten in was für einer Gruppe auch immer, denen man sich nicht mehr so schnell entziehen kann. Das geht weder moralisch noch sonst wie. Um diesen Kodex nicht irgendwann schleifen zu lassen, tätowieren sich manche die Bezeichnung desselbigen irgendwohin – am Besten auf den Unterarm. Das hat Jay Courtneys Filmfigur auch gemacht. Und der appelliert natürlich an seine Brüder, mit ihm an einem Strang zu ziehen und seinen Bruder aus dem Gefängnis zu befreien. Das ist routinierte Thrillerdramatik, die wir so schon sehr oft so gesehen haben. Beim Einblick in die örtliche Besserungsanstalt trifft man auch wieder auf Soziopathen unter der Wärtergilde, die aus Spaß an der Freude den meist Unschuldigen bis aufs Blut schikanieren. Dieses Knastbild ist schon so oft kolportiert worden, wenn da nicht die Sensationslust auf Prinzip des Stanford-Prison-Experiments wäre. Aber die ist nun mal da und so funktioniert auch dieser Film bis zu einem gewissen Punkt, denn unschuldig weggesperrt will das Publikum natürlich keinen sehen. Wenn dann einer wie Courtney die Moral dann noch so verbiegt, damit sie wieder rechtschaffen erscheint, fühlt man sich gleich von allen möglichen Zwängen befreit, die uns der Rechtsstaat aufbürdet. Die Bruderschaft geht nun mal vor, da helfen alle Gesetze nichts. Familie, mit dem Kodex der Marines doppelt gemoppelt, setzt sich darüber hinweg. Schön, füreinander da zu sein. Einer für alle, alle für einen. Und das bringt Durchschnittsmime Courtney diesmal aber durchaus punktgenau zum Ausdruck, wenn auch sonst manches beliebig scheint.

Semper Fi

The Old Guard

WHO WANTS TO LIVE FOREVER?

6/10

 

the-old-guard© 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: GINA PRINCE-BYTHEWOOD

CAST: CHARLIZE THERON, MATTHIAS SCHOENAERTS, KIKI LAYNE, MARWAN KENZARI, ALFREDO TAVARES, CHIWETEL EJIOFOR, HARRY MELLING U. A. 

 

Bei Highlander Connor MacLeod konnte es nur einen geben. Gut, ein Schotte macht noch keinen Sommer. Dieser Tage heizen uns andere Expendables ein, die alles andere als austauschbar sind. Bei The Old Guard sind es gleich mehrere, die auf eine nachhaltige Anomalie ihres Daseins zurückblicken können: sie sind unsterblich. Grand Dame dieser Selbsthilfegruppe unkaputtbarer Individuen ist Andy, oder wie sie eigentlich wirklich heißt: Andromache of Scythia, eine Legende der Antike, die gefühlt mir allen Feldherren der alten Zeit gekämpft hat. Und die auch nach tausenden von Jahren überraschend unverbraucht wirkt, womöglich weil sie sich stets neu erfindet. Die anderen in ihrem Geleit sind sich zumindest bei den Kreuzzügen gegenübergestanden, der eine ein Sarazene, der andere ein Tempelritter. Mittlerweile lieben sie sich – ein sehr sympathisches Detail zur Verbrüderung der Religionen. Alle zusammen kämpfen sie für die gerechte Sache – und sind dort zur Stelle, wo die Menschheit gerade mal jemanden benötigt, um sicherzustellen, dass das Überleben ganz anderer Leute einen globalen Impact gewährleistet. Bei ihrem neuesten Einsatz allerdings werden sie übers Ohr gehauen und fortan vom diabolischen Pharma-CEO Harry Melling (Harry Potter-Fans wissen: das war Dudley Dursley!) gejagt. Während des Katz- und Mausspiels bekommt ihre Truppe unerwartet Zuwachs – eine junge Marine, die im Irak eigentlich hätte draufgehen sollen, erfreut sich akuter Genesung.

Graphic Novels sind die neuen Drehbücher – oder die besten literarischen Vorlagen. Der Grund liegt auf der Hand: mit der Story werden gleich noch die Storyboards mitgeliefert. Seit Sin City und 300 wissen wir: Panels lassen sich geradezu eins zu eins fürs Kino adaptieren. Aber das muss natürlich nicht zwingend sein. Es ist auch voll in Ordnung, wenn die Regie nur den Steckbrief der Protagonisten übernimmt – mitsamt prägnantem Waffen-Arsenal. So schwingt Charlize Theron, die mit Vorliebe ihre Kampfamazonen rauslässt (so gesehen in Atomic Blonde oder als Imperator Furiosa in Mad Max: Fury Road) eine schneidige Axt. Alle anderen haben Schwerter und Schusswaffen. Dieser martialische Werkzeugkasten verleiht dem soliden Reißer etwas anregend Anachronistisches, ganz so wie bei Highlander. Was kann der Film sonst noch? Nun, zumindest ein stringentes Abenteuer rund um Leben, Tod und die Sehnsucht nach Sterblichkeit erzählen. Auf ewig existieren ist nichts, das kann auf die Dauer nicht gut gehen. Also nochmal: Who wants to live forever?

Die Frage nach dem Warum dieser außergewöhnlichen Mutation stellt The Old Guard zwar schon, erhält aber keine Antwort. Vielleicht aber folgt diese im zweiten Teil der Verfilmung, denn angesichts der Post Credit-Szene, die man nicht verpassen sollte, muss das Schicksal des unbezwingbaren Grüppchens natürlich weitererzählt werden. Wobei sich letzten Endes die Frage stellt: Ist The Old Guard der bessere Film, oder die bessere Serie? Betrachtet man die Machart des Streifens, so wird das Medium austauschbar. The Old Guard hat nichts, was ihn definitiv als Kino-Event auszeichnet, sondern viel mehr, um das Werk als Pilotfilm einer qualitätsbewussten High End-Serie an den Start zu bringen. Dafür wäre die blutige Routine-Action mitsamt seinen Zeitraffer-Heilungsprozessen und wandelnden Geschichtsbüchern als Serienkino-Hybrid ein echter Hingucker.

The Old Guard

Da 5 Bloods

VOM KRIEG, DER NICHT IN RENTE GEHT

6/10

 

da5bloods© 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: SPIKE LEE

CAST: DELROY LINDO, CLARKE PETERS, ISIAH WHITLOCK JR., NORM LEWIS, CHADWICK BOSEMAN, JEAN RENO, MÉLANIE THIERRY, PAUL WALTER HAUSER, JASPER PÄÄKKÖNEN U. A. 

 

Da fällt mir doch gleich ein echter Klassiker von Dire Straits ein: Brothers in Arms. Im Vibra-Sound, recht verhalten und in den imaginären Stahlhelm gesungen, erzählt der Song vom Durch- und Zusammenhalten, wenn die Waffen sprechen. Sowas begründet natürlich, sofern man überlebt, niemals endende Freundschaften. Zwangsfreundschaften sozusagen. Innerhalb der schwarzen Bevölkerung ist das gefühlsmäßig etwas anders. Die sind nicht nur im Krieg Brüder – die solidarisieren sich auch so. Vor allem jetzt, wenn Black Lives Matter. Da sind all jene afrikanischen Ursprungs eine ganze große Familie, um gegen den zur us-amerikanischen Tagesordnung gehörenden Rassismus anzurennen. Spike Lee ist da ganz vorne mit dabei. Rassenhass, Gewalt und Politik waren immer sein Thema. Politik ganz besonders. Und all die ganzen zersetzenden Mechanismen einer Gesellschaft, die, egal ob schwarz oder weiß, so leicht in Frieden miteinander leben könnte. Lee sucht aber in seinen Filmen ganz andere Ansätze und verleiht dem Ansinnen auf ethnische Liberalität den Klang von Stereo, lässt seine wild schraffierten Ideen wie aktivistische Transparente nicht nur auf das Kinopublikum los – sondern jetzt auch auf all die User von Netflix, die exklusiv sein neues Werk begutachten können – und sich, sofern sie es gesehen haben, vielleicht an BlacKkKlansman erinnert fühlen.

Diese True Story, fast schon Satire, führt mit Freuden die White Power der USA ad absurdum, lässt Tomaten auf die weißen Gewänder der Kapuzenträger hinabregnen, wenngleich Lees Film trotz seiner ruhelosen Ambitionen weitestgehend handzahm daherkommt. Diese Phlegmatik könnte mit Da 5 Bloods jetzt ein Ende haben – obwohl auch dieser neue, überlange Streifen rund um den Vietnamkrieg und seine Nachwehen relativ viel Zeit benötigt, um wirklich in die Gänge zu kommen. Aber so ist das in den Tropen: einer Akklimatisierungsphase folgt ein Abenteuer Marke Baedeker, wie man es daheim anschließend gern erzählt. Die 4 Bloods – der fünfte im Bunde hatte schon während des Kriegseinsatzes in Fernost das Zeitliche segnen müssen – finden sich nach Jahrzehnten wieder dort ein, wo die „Blutsbrüderschaft“ ihren Anfang nahm: In Saigon, im Süden des Landes. Warum nun sind sie hier, diese vier Rentner? Mitnichten zum Urlauben. Sondern um einen Goldschatz zu heben, der im Hinterland vergraben liegt, mitsamt den Überresten des fünften Blood, den es als Vorwand zu finden gilt, würden doch die vietnamesischen Behörden dieses satte Kapital niemals ausreisen lassen. Vier Knacker sinds also, denen das Leben bereits ganz schon mitgespielt hat. Und die den Krieg nicht überwinden können. Zumindest einer – Delroy Lindo in bemerkenswert intensiver Spiellaune – scheint massiv traumatisiert. Doch wie geplant brechen sie in den Dschungel auf, und je näher sie ihrer gemeinsamen Vergangenheit kommen, umso präsenter wird ein Krieg, der Jahrzehnte vorbei zu sein scheint. Es ist fast wie ein Fluch, der auf denen lastet, die gekämpft haben.

Da 5 Bloods ist trotz einiger Verzettelungen und zäher Konfusion ein kurioses Konstrukt, das auf gewisse Weise nachwirkt. Perfekt ist Lees Film keineswegs. Die erste Stunde lang, wenn nicht länger, sieht man den vier Veteranen beim Quatschen zu, über das Leben und das Damals. Das wirkt fast so wie eine dieser Travel-Soaps, in denen Promis auf Reisen gehen. Irgendwann gibt’s auch noch einen Reiseleiter, der nur die Geschichte des fünften Blood kennt, aber nicht die des vielen Goldes. Lee wechselt das Bildformat wie ein Fotograf sein Objektiv – von 4:3 bis Cinemascope ist alles da. Aus einem Guss ist das nicht. Gewöhnungsbedürftig sind nicht nur die Szenen aus vergangenen Kriegstagen, die wie Super 8-Aufnahmen inszeniert sind, untermalt von pathetischer Orchestermusik wie für einen Chuck Norris-Reißer, und in denen die Bloods, bis auf den einen fünften („Black Panther“ Chadwick Boseman), genauso alt sind wie 5 Jahrzehnte später. Gewöhnungsgbedürftig ist der ganze Film, der manchmal einfach zu viel skandiert, der schockierende Archivaufnahmen aus dem echten Krieg wie Schrapnelle so manche Szene spaltet. Der Power-Point-Files in seinen War-Punch hineinwirft und alles nochmal aufkocht. Lees Senf zu Black Lives Matter wirkt dabei leider wie aufgesetzt, hat auch aus meiner Sicht mit dem Werk nur peripher zu tun. Aber gut, Spike Lee will so viel wie möglich, fällt fast schon in Rage. Dabei kippt das Werk ins Anarchische. Was folgt, ist ein regelrecht bizarres Apokalypse Now-Revival für die R.E.D.-Generation in drastischen Bildern, ein Antikriegsfilm mit nostalgischem Blick zurück ins Desaster, in dessen Folge der Sieg über den Feind auch nichts weiter ist als eine Niederlage der anderen Art.

Da 5 Bloods

The Last Days of American Crime

KEINEN SCHLIMMEN FINGER RÜHREN

5,5/10

 

lastdaysofamericancrime© 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: OLIVIER MEGATON

CAST: ÉDGAR RAMÍREZ, ANNA BREWSTER, MICHAEL PITT, SHARLTO COPLEY, PATRICK BERGIN U. A.  

 

Anno 2025 ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten so ziemlich am Sand. Womöglich hat ein Charakter ähnlich der eines Donald Trump den Staatenbund zugrunde gerichtet, denn wo man auch hinschaut in dieser gottvergessenen Welt regiert das Verbrechen. Einzige Möglichkeit: Das Verbrechen einfach abtöten. Das schlagen zumindest die Autoren der 2009 erschienen Graphic Novel, Rick Remender und Greg Tocchini, vor. Das Ganze soll mit einem ausgesandten Impuls funktionieren, der gewisse Bereiche im Hirn blockiert, die verbrecherische Ambitionen erst möglich machen. Ungefähr vergleichen lässt sich das mit der dem Menschen inhärenten Hemmung, sich selbt Schmerzen zuzufügen. Das geht auch nicht, natürlich, Ausnahmen gibt’s, aber meist ist genau hier die unsichtbare Wand, wonach es nicht mehr weitergeht. Das soll mit kriminellen Handlungen genauso passieren. Die Frage ist nur, wo beginnt diese Hemmung und wo hört sie auf? Fängt das Ausbremsen schon bei der Sonntagszeitung an? Oder wenn man noch schnell bei Gelb über die Kreuzung will? Ist Korruption auch ein Teil davon? Oder nur der Gebrauch von Schusswaffen? Was genau ist das Kriminelle in den Vereinigten Staaten?

Wie es in The Last Days of American Crime aussieht, eigentlich nur das Ausrichten der Knarre auf ein unliebsames Gegenüber und das Ausrauben von Geldinstitutionen. Ganz Amerika ist also aufgebracht, die einen wettern gegen das Beschränken der individuellen Freiheit, die anderen bekommen bereits schon Tage zuvor feuchte Augen, wenn sie daran denken, dass nun die Zeit kommt, wo man auch nachts auf den Straßen flanieren kann, ohne behelligt zu werden. Kurz vor diesem Stichtag also, an welchem das Signal landesweit über den Äther soll, engagiert der ungeliebte Filius eines Finsterlings Bankräuber Graham Bricke (Édgar Ramírez als das neue Aushängeschild von Netflix, wie es scheint), kurz vor der Zeitenwende den Staat nochmal um mehrere Millionen Dollar zu erleichtern. Trotz der stets finsteren Blicke des kernigen Dreitagebart-Machos, der gerne der Härteste auf dieser Welt sein möchte, ist dieser mit von der Partie. Bis es aber so weit kommt, fließt der Atlantikstrom an der Ostküste noch meilenweit vorbei, denn Olivier Megatons angekündigtes Dirty War on Film verzettelt sich im chaotischen Moloch seines selbst geschaffenen, superfinsteren Szenarios zwischen versifftem Toilettensex, kunstblutenden Wunden und Sin City-Kuriositäten.

Die Graphic Novel kenne ich leider nicht – bei Betrachten der Verfilmung lassen sich so manche Panels aber gut nachvollziehen, wie bei 300 oder Watchmen. Megaton (u.a. Colombiana, Taken 2 und 3) dürfte sich mit der Vorlage ausgiebig beschäftigt haben, seine arrangierten Bilder der moralischen Verkommenheit, auf dessen Bühne wirklich niemand herumirrt, dem man Glück wünschen würde (außer vielleicht Anna Brewster als A Dame to kill for), bedienen ausgiebig dystopische Klischees eines medial gehypten, genüsslich ausufernden Sozialschreckens. Das hat schon enorm viel Eitelkeit, und ist in keinster Weise gesellschaftskritisch zu betrachten. The Last Days of American Crime will in erster Linie der coole Gangster-Rap sein, weil all die Miesen, Werteunbewussten, die schaffen es wohl eher durch die finsteren Zeiten und haben schon was Anhimmelbares, und das wissen sie auch selbst, so wie sie sich aufspielen. Ramirez kopiert gnadenlos die Gefühlskälte vergangener mundfauler Ein-Mann-Armeen, Michael Pitt dreht sich exaltiert um seine eigene Achse, und Brewster hat ein bisschen was von Tarantinos Mia Wallace. Das sind sehr oberflächliche Attitüden, in einem zwar reizvoll ausgestatteten und fotografierten, aber schwer atmenden und sehr brutalen Actionkracher, der gern was Gefährliches wäre, dabei aber erprobte Stereotypen bedient. Der Ansatz mit dem Pazifismus-Signal mag ja recht verlockend klingen, durchdacht ist das aber auch nicht so ganz. Wo hört es auf, wo fängt es an, und wer hält sich dran? Das fragt man sich bei diesem Film des Öfteren.

The Last Days of American Crime

Queen & Slim

AM WEG DES GRÖSSTEN WIDERSTANDS

6/10

 

Queen & Slim© 2020 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2020

REGIE: MELINA MATSOUKAS

DREHBUCH: LENA WAITHE

CAST: DANIEL KALUUYA, JODIE TURNER_SMITH, BOOKEM WOODBINE, STURGILL SIMPSON, CHLOË SEVIGNY, INDYA MOORE U. A. 

 

Da haben sie wieder den Salat, diese Amerikaner. Der mutwillige Mord an George Floyd hat abermals die Gemüter erhitzt, Demos auf den Plan und zu Gewalt aufgerufen, vorwiegend gegen die von Weißen dominierte Exekutive. Langsam müsste man vermuten, ob beim Auswahlverfahren für Polizisten nicht generell ein gewisser arger Schlendrian herrscht, denn wie sonst kommt der rassistische Pöbel andauernd in Griffweite einer Polizeimarke? Wie viele davon würden übrigbleiben, die frei vom Hass auf Schwarze sind?

In Queen & Slim, einem Thriller-Roadmovie quer durch die Vereinigten Staaten mit Ziel Florida, wird diesmal allerdings ein Weißer erschossen. Ein Ordnungshüter, der vor farbigen Mitbürgern panische Angst verspürt. Nach einem Tinder-Date geraten Queen & Slim in eine Fahrzeugkontrolle, werden angehalten, müssen aussteigen. Schon da beginnt der Missbrauch von Amtsgewalt. Ein falsches Wort folgt dem nächsten und schon liegt der tote Polizist in der Gosse. Notwehr, klarer Fall. Das sagt auch die Fahrzeugkamera des Streifenwagens. Doch nüchtern betrachtet werden die beiden vor Gericht den Kürzeren ziehen, oder nicht? Also: gemeinsam fliehen, Richtung Süden eben, um mit einem Flieger nach Kuba ins Exil.

Schon klar, das ist der Traum der Revoluzzer. Und von vornherein zum Scheitern verurteilt, das sagt uns das Kino schon längst, nicht erst seit Bonny & Clyde. Das sagt uns das Kino mit Thelma & Louise, Sugarland Express oder Wisdom – alles Roadmovies auf dem Weg ins Wunderland, in die Illusion, in eine bessere, nicht existente Welt, wo alles seine Ordnung hat, und jeder die Wahrheit kennt. Denn würde das jeder tun, wäre sonnenklar, dass Queen & Slim nicht zwingend schuldig sind. Womit der Film einen kleinen Denkfehler hat, der mich rückblickend nicht ganz zufriedenstellen kann. Fakt ist: die Tat wurde gefilmt, und zwar so gut, dass der Tathergang mühelos rekonstruiert werden kann. Warum also so eine Angst vor dem Rechtsstaat? Ist es tatsächlich so, dass die Justiz wirklich immer noch das Recht der Schwarzen sabotiert? Musikvideo-Macherin Melina Matsoukas überhöht den Pessimismus der schwarzen Minderheit so stark, dass das Ausbrechen aus dem Rechtsstaat näherliegt als die ungleich höhere Chance zu nutzen, einen Prozess durchzustehen, der die Korrumpierbarkeit der Justiz nicht ganz so über einen Kamm schert. Nein, das machen sie nicht, die beiden. Dafür sind sie viel zu sehr Black Power, viel zu sehr gegen die Politik eines Donald Trump, die den Grundverdacht der Ablehnung mit sich herumträgt. Queen & Slim kämpfen sich vorwärts und feiern ihren gar nicht so privaten Aufstand. Badl stehen Gleichgesinnte Schulter an Schulter. Matsoukas arbeitet diesen afro-amerikanischen Gemeinschaftssinn extrem hervor. Die beiden Outlaws werden meist umjubelt, werden zu Helden hochstilisiert, zu Vorbildern gar, was natürlich nach hinten losgeht, wie der Film an manchen, aber vielleicht zu wenigen Stellen klar hervorhebt.

Queen & Slim ist die zeitgemäße Antithese zu Green Book, doch der Rassenhass bleibt meist außen vor. Er geistert wie ein Gespenst in den Köpfen der Protagonisten, als hätten beide ihr fixes Vorurteil trotz fehlenden empirischen Wissens, als wäre es rein die Kränkung für ein Unglück, das stellvertretend sein muss für einen ganzen gesellschaftlichen Zustand. Es ist ein Gefühl, dem beide nachgeben, mit Leidenschaft, einem richtigen Gangsterpärchen gleich, doch für das Gute nur. Das Amerika, das an den Fenstern des türkisfarbenen Oldtimers vorbezieht, ist seltsam anachronistisch. Sklaven auf dem Feld, Pferde auf der Ranch, und im Keller schrummt der Blues. Ein reaktionäres Amerika, das Freiheit nur denen gibt die es erkämpfen wollen. Queen & Slim – ein gefälliger Brother- and Sisterhood-Gruß, der längst nicht immer erwidert wird.

Queen & Slim

Die Turteltauben

KRIMINACHT FÜR PAARE

5/10

 

turteltauben© 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: MICHAEL SHOWALTER

CAST: KUMAIL NAJIANI, ISSA RAE, MOSES STORM, PAUL SPARKS, KYLE BORNHEIMER, ANNA CAMP U. A. 

 

Wer wissen will, wie und auf welchen Umwegen sich Standup-Komiker Kumail Nanjiani seine zukünftige Ehefrau Emily geangelt hat, dem sei die tragikomische, durchaus bezaubernde Liebesgeschichte The Big Sick ans Herz gelegt. Wirklich ein außergewöhnlicher Film, und ganz sicher deshalb, weil das oscarnominierte Drehbuch auf wahren Begebenheiten beruht. Nanjiani wurde mir damals erstmals zum Begriff – mit Zoe Kazan als Emily bezirzt und streitet sich ein wunderbares, gleichsam schwieriges Duo durch die Hürden des Lebens. Michael Showalter, ebenfalls Komiker, hat den Film inszeniert. Und jetzt, vormals fürs Kino und dann für Netflix, den Spaßvogel mit pakistanischen Wurzeln für eine weitere Komödie ins Boot geholt – einer quirligen Krimikomödie um zwei Turteltauben – also eigentlich um eine in die Jahre gekommene Partnerschaft, die sich nach dem obligaten Strohfeuer Jahre später langsam auseinanderlebt. Beide haben ihre Projekte, und nur ab und an fährt man zu den gemeinsamen Freunden auf ein Glas Wein.

Auf so einer Fahrt zum Dinner passiert das Unerwartete – ein Fahrradfahrer geigt ihnen vor den Kühler. Zum Glück nichts allzu Schlimmes passiert, der Typ radelt weiter, doch mit diesem Intermezzo war´s das aber noch längst nicht – ein Bulle in Zivil schmeisst sich ins Vehikel und will die Verfolgung aufnehmen – um den Mann vor den Augen der beiden Zeugen nun endgültig zu überfahren. Schockschwerenot – das kann doch kein Bulle sein! Und ehe sich die beiden versehen, sitzen sie bis über beide Ohren in einem Mordfall drin, der es, wie es das Schicksal nun mal so will, kurzerhand in die Medien schafft. Vor niemandem sind die beiden Hauptverdächtigen nun sicher. Einziger Weg: den Fall selber lösen.

Schwierig, schwierig, kann ich nur sagen, wenn es darum geht, im Subgenre der Krimikomödie noch originellen Stoff aufzutreiben. Issa Rae und Kumail Nanjiani sind ja wirklich ganz nett, und man schmunzelt bei ihrem „Was sich liebt das neckt sich“- Geplänkel, aber man schmunzelt auch nicht mehr als bei einer der x-beliebigen Beziehungs-Sitcoms aus dem 20minütigen Appetithappen-Fernsehen im Vorabend. Beide, Rae und Nanjiani, sind völlig von den Socken, müssen sich sammeln, tapsen in Fettnäpfchen oder leisten sich Peinlichkeiten. Amor und sonstige Schutzengel lassen sie aber gottlob auch nicht im Stich. Die Turteltauben orientiert sich an reifen Klassikern wie Kopfüber in die Nacht oder Schlaflos in New York. Erst kürzlich gab’s einen ähnlichen Spaßfilm, der die Nacht zum Tag machte und wo es um einen Spieleabend ging, der aus dem Ruder läuft. Ach ja, Game Night. Da war zumindest das Verwechslungspotenzial zwischen Spiel und Realität ganz reizvoll. Abgesehen davon aber ist es hier wie dort dieselbe Masche. Ich weiß schon jetzt nicht mehr, wovon der Mordfall überhaupt gehandelt hat, mir bleibt nur noch das schrille Einhorn- und Goldketten-Outfit der beiden Käuze zwecks Tarnung in Erinnerung, sonst allerdings sind wir von The Big Sick weit entfernt, weil´s hier auch nicht wirklich um irgendwelche besonderen Werte geht, außer um die einer Partnerschaft mit Durststrecken, die nicht unbedingt als versemmelt gelten muss. Schon gar nicht, wenn die unfreiwillig paartherapeutische nächtliche Katastrophe das Zusammenleben relativieren kann. Es zahlt sich aus, darauf zu warten. Und dabei kann man, nebenbei vielleicht, zur bequemen Berieselung diesen Film ansehen.

Die Turteltauben

The Rhythm Section

WAS DICH NICHT UMBRINGT…

5/10

 

therhythmsection© 2020 Leonine

 

LAND: USA 2020

REGIE: REED MORANO

CAST: BLAKE LIVELY, JUDE LAW, STERLING K. BROWN, MAX CASELLA, RICHARD BRAKE U. A. 

 

Wieder ein Film, der sich der Virus-Diktatur hat beugen müssen: The Rhythm Section mit Blake Lively und Jude Law. Hätte in die Kinos kommen sollen, wurde aber auswaggoniert und fürs Streaming zur Verfügung gestellt. Die Kino-Nerds danken – wie sonst sollen sie up-to-date bleiben, wenn später mal alles Verschobene auf einmal kommen soll und die Lichtspiel-Agenda an Terminen nur so überquillt. Der Film kam natürlich auf die Liste. Und war dann, obwohl Livelys neuer Look zumindest im Trailer stylishes Spannungskino im Stile von Atomic Blonde versprochen hat, doch eher ein verhaltenes Vergnügen. Diese Ernüchterung bezieht sich auf ein gravierendes Plausibilitätsproblem, das eben nicht nur The Rhythm Section hat, sondern auch einige andere themenverwandte Filme im Vorfeld schon hatten.

Eine sagen wir mal normale Bürgerin oder normaler Bürger wird mit einem traumatischen Schicksal konfrontiert: die plötzliche Auslöschung eines geliebten Menschen – oder gleich mehrerer, vielleicht sogar der gesamten Kernfamilie, mit der man unter einem Dach gelebt hat. Das Verschulden eines solchen Unglücks kann unterschiedlich sein, allerdings wird von US-Drehbuchautoren sehr gerne das Motiv des Terroranschlags bemüht, und wenn dieses Motiv schon zu sehr abgegriffen ist: das stinknormale, aber nicht weniger verheerende Verbrechen. Ganz klassisch: Charles Bronson oder später Bruce Willis, die in Death Wish zum reuelosen Racheengel werden. Auch ein Film wie American Assassin lässt einen völlig unauffälligen Studiosus innerhalb kürzester Zeit zum Profi-Agenten mutieren, der im Action-Hero-Modus mit dem fiesesten Dschihadisten konkurrieren kann. Und jetzt Blake Lively. Durch einen Flugzeuganschlag verliert die ebenfalls junge, blitzgescheite und verwöhnte Studentin ihre gesamte Familie. Das ist natürlich eine furchtbare Tragödie. Normalerweise holt man sich da psychologische Hilfe oder wird vom Rest der Familie (den es meist geben muss) aufgefangen. Gibt es den nicht, sind es Freunde, die Blake Livelys Filmcharakter sicherlich gehabt haben muss. Aber nein: in The Rhythm Section gibt es gar nichts, weder Familie noch Freunde, und Lively rutscht ganz tief runter in den Drogenkeller, um sich mit Prostitution das Geld für den nächsten Schuss zu verdienen. Um da wieder rauszukommen braucht es Selbstdisziplin. Was alleine schon Stoff für ein Drama wäre. Aber daraus, so finde ich, kann kein Rachethriller werden, weil es mir einfach nicht plausibel erscheint, dass ein entsprechend wohlerzogener Mensch plötzlich zur gestählten Agentin mutiert, die auf der Vendetta-Schiene fährt. Dieses Schema ist viel zu platt. Das Ganze sieht vielleicht maximal so aus wie im Traumadrama Aftermath mit – aufgepasst – Arnold Schwarzenegger, der ebenfalls Frau und Kind bei einem Flugzeugabsturz verloren hat und auf ganz andere Weise und in all seinem (völlig nachvollziehbaren und solide vorgetragenen) Schmerz den Verantwortlichen für diese Katastrophe zur Rechenschaft ziehen will. Das ist verhaltenspsychologisch tatsächlich plausibel. The Rhythm Section ist es nicht, im Gegensatz wiederum zu Atomic Blonde, deren Figur eine entsprechende Vergangenheit mit sich bringt. Zumindest wird Lively nicht zur  Killerin, denn dann hätten wir eine zweite Nikita, wobei ihr Look sowieso schon an Luc Bessons Kampfamazone erinnert. Sagen wir mal es ist eine Hommage 😉

So viel zu Filmen wie diesem. Auch wenn Blake Lively sich im Gegensatz zum eintönigen Jude Law wirklich ins Zeug legt und herausholt, was man aus so einer Rolle nur herausholen kann: Depression, Drogensucht, Trauer, ein verquollenes Gesicht, tränende Augen und unendliches Selbstmitleid. Das passt inklusive perfektem Makeup alles gut zusammen, und zwar so gut, dass die talentierte Schauspielerin auf alle Fälle einen besseren Film verdient hätte und nicht die Verfilmung eines gefühlt x-beliebigen Belletristik-Thrillers, dessen inhaltliches Konzept, oft verbraten, nur noch wenige Überraschungen birgt. Wenn schon das Thema bürgerlicher Rache aus dem Dunstkreis der genügsamen Mittelklasse, dann Aftermath. Für einen Thriller wie diesen ist The Rhythm Section nämlich viel zu sehr vom Reißbrett.

The Rhythm Section