One Night in Miami…

REFLEXIONEN ZUM FEIERABEND

7,5/10


onenightinmiami© 2020 Amazon Studios


LAND: USA 2020

REGIE: REGINA KING

CAST: ELI GOREE, KINGSLEY BEN-ADIR, LESLIE ODOM JR., ALDIS HODGE, BEAU BRIDGES, LANCE REDDICK U. A. 

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Gestern, am 22. Jänner, wäre Soul-Legende Sam Cooke 90 Jahre alt geworden. Doch der Mann, der ist schon lange tot. Er wurde erschossen, angeblich in Notwehr, im Alter von gerade mal 33 Jahren. So einen Tod musste Malcolm X ebenfalls erleiden. Am 25. Februar 1964 allerdings wussten beide noch nichts von ihrem tragischen Schicksal, als sie mit Cassius Clay aka Muhammed Ali und dem Football Star Jim Brown auf den Sieg des berühmten Boxers gegen Sonny Liston anstoßen wollen. In einem Hotel in Miami, irgendwann spätnachts. Dieses Treffen hat allerdings nie wirklich stattgefunden, es ist rein fiktiv. Gekannt haben sich die vier Schwarzen aber schon. Vor allem Malcolm X und Ali waren gute Freunde, und ersterer konnte den Boxer letzten Endes auch zum Islam bekehren. Die vier treffen sich also in einem Hotelzimmer, und nicht an einer Bar, um zu feiern. Warum? Weil Malcolm X jede Sekunde fürchten muss, von Rassisten attackiert oder gar ermordet zu werden (was schließlich auch eintrat – aber nicht durch Rassisten, sondern durch Mitglieder der Nation of Islam. Doch das nur am Rande). In diesem Zimmer treffen vier unterschiedliche Lebenskonzepte und Einstellungen aufeinander, es wird gelacht, es wird aus früheren Zeiten erzählt, es wird gestritten, getrotzt und sich wieder versöhnt. Diese Nacht, die ist fast schon zu ideal, um wahr zu sein. Und dennoch wird sie unter der Regie von Schauspielerin Regina King (Oscar für If Beale Street Could Talk) zu einem vor allem textlich beeindruckenden Come Together.

Sowas passiert auch nur, weil One Night in Miami… ein Theaterstück ist. Dramen für die Bühne sind ausgesucht dialogstark, ausgefeilt bis zum letzten Punkt, die Atempausen akkurat gesetzt. Das war auch schon bei Ma Rainey’s Black Bottom so, ein verbal wuchtiger Film. Oder The Boys in the Band – Jim Parsons Einladung zum Geburtstag. Alles Werke, die mit sicherer Hand und geradezu vorbildlich für das Kino adaptiert wurden. Doch leider nur fürs Streamingkino, denn alle drei Werke wären auch visuell erste Sahne. One Night in Miami… punktet daher mit edler Ausstattung und ordentlich 60er-Kolorit. Was das Dialogdrama aber noch mehr zu einer ganz besonderen Gesprächsrunde werden lässt, ist am wenigsten dessen Plot, denn viel passiert hier nicht. Was diese Nacht bietet, ist ein Innehalten und Reflektieren, ein Abwägen des Status Quo und ein Sinnen über die Zukunft. Was den Film also so besonders werden lässt, dass ist das gemeinsame Agieren von vier recht unbekannten Künstlern, die in ihren inszenierten Alter Egos ihren Meister gefunden haben. Kingsley Ben-Adir entwirft einen sowohl scharfsinnigen als auch provokanten, obsessiven Malcolm X. Eli Goree ist als Cassius Clay der resolute Muskelprotz von nebenan, Aldis Hodge der wohl rationalste der vier und Musicalstar Leslie Odom Jr. setzt als leidenschaftlicher Soulsänger Sam Cooke mit einer detailliert manieristischen Performance dem Schauspielabend die Krone auf. Regina King  hat mit dem durchdachten Theaterstück schon vieles auf der Habenseite – mit dem seit langem wohl am besten aufeinander eingestimmten Ensemble in einem Film ist ihr damit ein wortgewandter, sehr empathischer und auch ernstzunehmend gesellschaftskritischer Wurf gelungen, der, ähnlich wie Ma Rainey’s Black Bottom, Kämpfer, Verbündete und Opportunisten im Kampf der Schwarzen um gleiches Recht sichtet und dabei in eine aufwühlende Vergangenheit blickt.

One Night in Miami…

Nobody Knows I’m Here

MEINE STIMME FÜR MICH

8/10


nobodyknowsimhere© 2020 Netflix


LAND: CHILE 2020

REGIE: GASPAR ANTILLO

CAST: JORGE GARCIA, MILLARAY LOBOS, LUIS GNECCO, NELSON BRODT, ALEJANDRO GOIC U. A. 

LÄNGE: 1 STD 31 MIN


War jemand von euch schon mal auf dem Filmfestival von Tribeca? Gegründet wurde dieses ja 2002 von Robert de Niro und ist mittlerweile genauso populär und talentfördernd wie das von Robert Redford auf den Weg gebrachte Pendant namens Sundance, wenn nicht sogar schon größer und umfangreicher. Ein Paradies für Neuentdeckungen, könnte man sagen. Und eine wichtige Adresse zum Beispiel für Studios und vor allem Streamingriesen, die ihre Kundschafter ausschicken, um, mit Verträgen winkend, die eine oder andere Perle, die sonst kaum die Chance hätte, in den Lichtspielsälen groß rauszukommen, ins eigene Sortiment aufzunehmen. Gern genommen sind da natürlich Filme, die bereits prämiert worden sind. Wie zum Beispiel der Film Nobody Knows I’m here. Und Netflix hat gut daran getan, Perlen wie diese für Filmfreunde wie uns zugänglich zu machen.

Selten hat man es mit Filmen aus Chile zu tun. Dieser hier von Debütant Caspar Antillo ist einer. Allerdings einer, der sich nicht einbildet exotisch sein zu müssen. Das Exotische allein ist die Person des Aussteigers Memo, der gemeinsam mit seinem Onkel auf einer Insel in einem See im Süden des schmalen Landes Schafe züchtet und deren Felle gerbt. Memo, übergewichtig, mürrisch und so scheu wie ein Reh, hat seine guten Gründe, nichts mehr von der Welt wissen zu wollen. Als Kind war er die musikalische Entdeckung des Jahrzehnts – eine Stimme wie ein Engel, doch mit pummeligem Äußeren. Was genau später passiert ist, erfährt man erst bruchstückhaft, aus den Träumen und Erinnerungen des einsamen Mannes. Und dann taucht da plötzlich noch diese Frau auf, die den Brummbären irgendwie faszinierend findet – und die auch, ohne jede Absicht, das Mysterium der Vergangenheit zum Thema in den chilenischen Medien macht.

Was die Isländer können, können die Chilenen anscheinend auch schon lange. Nobody Knows I’m here ist nordisch bis unters Schaffell, durchaus sperrig und nicht unbedingt leicht zugänglich, schon gar nicht anfangs. Als wäre der Film selbst der personifizierte Eremit, der sich gegen die Welt da draußen sträubt und tiefen Gram mit sich herumträgt, der danach schreit, abgelegt zu werden. Ähnlich wie im ebenfalls beim Tribeca festival ausgezeichneten Film Virgin Mountain ist die lakonische Annäherung an einen Außenseiter vor allem eine, bei der es sich lohnt, Zeit zu investieren. Ganz plötzlich nimmt die stille Tristesse eine Wendung, das mit surrealen Momenten versetzte Mysterium wird klarer – und dann ist man mittendrin, in einem völlig ungeplanten Abenteuer zwischen Little Voice, einer Prise Milli Vanilli und einer rauen One-Man-Show, die auf ihre ganz eigene, unprätentiöse und wohlklingende Art unter die Haut geht. Unwirtliche Filmpoesie mit Ecken und Kanten – doch mit genau dem, was Filmfreunde immer wieder neugierig macht.

Nobody Knows I’m Here

Pieces of a Woman

NUR EINE MINUTE MUTTERGLÜCK

7/10


piecesofawoman© 2020 Netflix

LAND: KANADA, UNGARN, USA 2020

REGIE: KORNÉL MANDRUCZÓ

CAST: VANESSA KIRBY, SHIA LABEOUF, ELLEN BURSTYN, MOLLY PARKER, BENNIE SAFDIE, SARAH SNOOK U. A. 

LÄNGE: 2 STD 6 MIN


Es mag wohl das eine oder andere Mal tatsächlich vorkommen, und womöglich ist es das Fürchterlichste, was einer Hebamme bei ihrer Arbeit passieren kann: Ein Kind zur Welt bringen, das kurz darauf stirbt. Woran, lässt sich meist nicht sofort bis gar nicht klären. Wie es dabei der Gebärenden geht? Das brauch ich, denke ich, kaum erläutern. Nur so viel: alle Beteiligten werden wohl traumatisiert und verstört aus dieser Situation hervorgehen. Nichts wird wohl so bleiben, wie es war. Am Allerwenigsten die Beziehung der Eltern untereinander. Wie so etwas entzweien kann, und welche Wege es gibt, um individuell mit so einer Tragödie fertig zu werden, das zeigt der ungarische Filmemacher Kornél Mandruczó (Underdog, Jupiter’s Moon) in einem ausgewogen konzipierten, teils expliziten Filmdrama mit Vanessa Kirby in einer Hauptrolle, auf die sie stolz sein kann – und die ihr auch Tür und Tor öffnen wird für Rollen, die vorher vielleicht nicht in greifbare Nähe gerückt sind.

Kirby fiel mir erstmals in einer Nebenrolle im letzten Teil des Mission Impossible-Franchises positiv auf. Hier allerdings ist sie kein geheimnisvoller Vamp, sondern eine junge Frau, die ihr Mädchen in den eigenen vier Wänden zur Welt bringen will. Als die Fruchtblase platzt und die Wehen einsetzen, schickt die eigentliche Hebamme, die hätte kommen sollen, eine Vertretung, die auf den ersten Blick eigentlich alles richtig macht, Martha (so heißt Kirby im Film) intensiv betreut, sie erstmals in die Wanne schickt und dann aufs Ehebett. Alles läuft nach Plan. Auch die Herztöne des Babys scheinen stark zu sein. Bis plötzlich nichts mehr zu hören ist – und das Kind schleunigst auf die Welt kommen muss. Was die Tragödie noch schwerer zu ertragen lässt: das Baby scheint vorerst zu leben… Was danach folgt, ist die Zeit danach, in denen Martha sich von ihrem Ehemann (Shia LaBeouf als gewohntes hemdsärmeliges Raubein) immer mehr distanziert und den Prozess, der von Gatte und Mutter gegen die Hebamme eingeleitet wird, eigentlich gar nicht will.

Pieces of a Woman ist aber kein Justizdrama, sondern die Chronik einer Rückführung in ein mögliches Leben. Mandruczós Film ist auch kein niederschmetterndes Trauerspiel wie man vielleicht vermuten würde. Drehbuchautorin Kata Wéber bettet die in monatlichen Kapiteln erzählte Geschichte in zugängliche Allegorien, wie die von einer Brücke, die beide Ufer miteinander verbindet, so als würde der Bruch durch ein Leben langsam, aber doch, heilen. Die Sache mit den Äpfeln – ebenfalls eine zärtliche Annäherung an eine tröstende Gedankenwelt, die Martha ausprobiert. Der Film atmet viel vom europäischen Kino, spart sich, was nicht erwähnt werden muss, legt aber großen Wert nicht nur auf den Schlüsselmoment, der eine geplante Zukunft verhindert, sondern konzentriert sich auch auf den familiären Aspekt. Ellen Burstyn als wohlhabende wie energische, aber gutmeinende Mutter gibt hier ebenfalls eine beachtliche Performance.

Ein Ensemblefilm also, sehr detailliert, klarerweise emotional und dazwischen von tröstender Wehmut vereinnahmt. Was in Pieces of a Woman passiert, bleibt ein irreversibles Schicksal. Das aber akzeptiert werden kann. Einfach, um neu anfangen zu können.

Pieces of a Woman

Niemals Selten Manchmal Immer

TEENAGER WERDEN MÜTTER

7/10


niemalsseltenmanchmalimmer© 2020 Universal Pictures International Germany


LAND: USA 2020

BUCH & REGIE: ELIZA HITTMAN

CAST: SIDNEY FLANIGAN, TALIA RYDER, THÈODORE PELLERIN, SHARON VAN ETTEN, AMY TRIBBEY, RYAN EGGOLD U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Nicht nur österreichische Filmemacher haben die Tristesse fürs Kino neu erfunden. Das ist auch den Amis gelungen, vorzüglich im Independent-Bereich, denn mit Tristesse lässt sich logischerweise kaum ein Gewinn lukrieren. War schon das zaghaft beobachtende Bürodrama The Assistant trist, so kann Regisseurin Eliza Hittman noch eins drauflegen. Doch anders gefragt: lässt sich ein Stoff wie dieser denn überhaupt anders verfilmen? Vielleicht wäre das Miranda July gelungen, die mit Kajillionaire auch nicht wirklich rosige Themen in dennoch etwas Rosiges gepackt hat – ein Meisterwerk, meines Erachtens. Niemals Selten Manchmal Immer ist auch nicht schlecht. Wenngleich nichts Erbauliches. Aber vielleicht etwas, das die Zähigkeit und Stärke eines jungen Mädchens zeigt, das um alles in der Welt nicht will, dass ihr junges und bereits mehr als entbehrliches Leben aus der Spur gerät.

Die siebzehnjährige Autumn fristet ihr jugendliches Dasein irgendwo in Pennsylvania zwischen Schule und Supermarkt. Daheim vegetiert ein depressiver Vater vor sich hin, die Mutter tut halt was sie kann (was nicht näher erläutert wird). Zum Glück hat Autumn eine Cousine, gleichzeitig auch eine gute Freundin, die ebenfalls im Supermarkt arbeitet. Wo Frau aber auch hinblickt – das männliche Verhalten stößt sauer auf. Überall lustgeile Psychos. Einer von denen wird’s auch gewesen sein, der Autumn ein Kind angedreht hat – welches sie besser gestern als morgen loswerden will. Also fährt sie nach New York, die Cousine kommt mit. Beide geistern durch einen wenig reizvollen, überfüllten und kalten Big Apple, auf der Suche nach einer Möglichkeit, die Schwangerschaft zu unterbrechen. Das dauert Tage, dabei schlagen sich die beiden die Nächte um die Ohren, denn Geld fürs Hotel gibt’s keins. Beide werden müder und erschöpfter, halten aber durch.

Musikerin Sidney Flanigan gibt als bereits völlig desillusionierter Teen ihr Schauspieldebüt, in einem enorm nüchternen Film von Eliza Hittman, die – womöglich resultierend aus eigener Erfahrung – nicht sehr viel von Männern hält. Die sind wie schon erwähnt eine stete, unberechenbare Bedrohung. Maximal der Bursche Jasper agiert da versöhnlicher, obwohl auch er nur das eine im Sinn hat. Berührungen werden zu Übergriffen, und egal wo Frau sich aufhält: am besten nichts wie raus aus dieser maskulinen Machtwelt. Wir erfahren nie, was Autumn erlebt hat – nur das eine: es wird wohl keine Lappalie gewesen sein. In der wohl intensivsten Szene des Films muss das Mädchen sämtliche persönliche Fragen beantworten, bevor es zur Abtreibung gehen kann, und zwar mit Niemals, Selten, Manchmal und Immer. Während dieser Befragung kommt so manches schemenhaft als Tageslicht, und es wird klar, das vieles im Argen liegt. Könnte das Kind vom eigenen Vater sein? Oder wars doch der frauenverachtende Mitschüler, der unentwegt anzügliche Gesten macht? Wichtig ist nur: Autum will nicht, dass ihr das Leben passiert. Für diesen Umstand nimmt sie Entbehrungen in Kauf, die eben nichts anderes als eine triste Welt zeichnen – die aber besser werden könnte, wenn ein junger Mensch wie dieser, der das Leben noch vor sich hat, sich dazu durchringt, für sich selbst das Richtige zu tun.

Ist Abtreibung also zu befürworten? Ist es Mord? Da maßt sich Hittman nicht an, dies beantworten zu wollen oder gar zu müssen, da sie den Context dieser ganzen Situation bewusst diffus lässt und mit dem Einspruch möglicher Nötigung das Recht auf eigene Lebensplanung unterstützt.

Niemals Selten Manchmal Immer

Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel

DER STAAT BIN ICH

7/10


roseninsel© 2020 Netflix


LAND: ITALIEN 2020

REGIE: SYDNEY SIBILIA

CAST: ELIO GERMANO, MATILDA DE ANGELIS, TOM WLASCHIHA, LEONARDO LIDI, LUCA ZINGARETTI, FRANÇOIS CLUZET U. A. 

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


„Warum haben sie das überhaupt gemacht?“ wird Gorgio Rosa während des Films gefragt? „Genau aus dem Grund“, antwortet der, „warum ein Hund seine Hoden leckt.“ Wie bitte? Na ja, einfach weil’s geht. Sollte das Grund genug sein? Etwas zu tun, nur weil’s machbar ist? Oder juckt es nur in den Fingern, herauszufinden, ob der Traum Realität werden kann? So wie manche Berge deshalb bestiegen wurden, weil sie einfach da sind, lässt sich auch ein Staat gründen, mitten am Meer, weil erstens niemand diese Gegend politisch beanspruchen kann und zweitens der Mensch stetig nach Freiheit strebt. Aber wie frei kann man sein, auf einer Plattform von sagen wir mal der Größe eines weitläufigen Schrebergartens, auf der eigentlich null Infrastruktur existiert und die als Staat ohnehin nicht überleben kann, gäbe es nicht das Mutterland Italien, das diese Insel der Seligen mit allerlei Notwendigem versorgt?

Die Roseninsel (nicht zu verwechseln mit jener im Starnberger See) war das tatsächliche Projekt des „Querdenkers“, Ingenieurs und Erfinders Giorgio Rosa, der in den 60ern für nicht mal ein Jahr dort als Mikronation seine Fahne hissen durfte. Rosa, das muss ein ziemlicher Aussteiger gewesen sein, aber begeisterungsfähig und stets voller Hummeln im Hintern. Einer, der sich eingestand, einfach anders zu sein. Schön, dass es immer wieder solche Menschen gibt. Schön, wenn diese ihr Ding wirklich durchziehen. Dabei mutet bereits die Art und Weise, wie die Roseninsel errichtet wurde, als eine recht unglaubwürdige, weil weit hergeholte und fast schon phantastische Anekdote an. Doch es scheint tatsächlich so gewesen zu sein. Diese Plattform also mit ein paar Häusern drauf war einen Sommer lang die Partyinsel schlechthin und große Konkurrenz zu Riminis Stränden. Ballermann im Kleinformat, mit Musik, Tanz und Barbetrieb – die einzige wirtschaftliche Einnahmequelle einer geographischen Singularität, die bereits eine eigene Währung, Briefmarken und eine Sprache ins Habenfeld verschieben konnte. Anträge für die Staatsbürgerschaft gab’s dann auch noch zuhauf. Doch mehr als aufmüpfiger Aktionismus hätte dieses Projekt, wäre es nicht von Italien im besten Wortsinn „abgeschossen“ worden, ohne Wahrnehmung relevanter gesellschaftlicher Aufgaben sowieso nie sein können. Eine Spielerei, ein Zungenzeig vor einer erbosten italienischen Regierung, die sich auf den Schlips getreten fühlte, und in der Sorge vor Nachahmungstätern dem Ganzen mit Italiens einziger Invasion in der Geschichte ein Ende setzte.

Sidney Sibilia hat dieses ganze obskure Geschehnis in einem erfrischend sommerlichen, aufgeweckten und typisch für italienische Verhältnisse sehr lautstarken Film gepackt, der aufgrund der Fakten alleine schon verblüfft. Die grauen Eminenzen im italienischen Parlament bekommen in süffisanten Karikaturen ihr Fett weg. Das mediterrane Ambiente und die kauzigen Figuren sorgen zusätzlich für gute Laune, auch wenn die Geschichte für alle Beteiligten nicht ganz so ausgeht, wie sie sich das vielleicht erhofft hätten. Netflix hat mit der Unglaublichen Geschichte der Roseninsel eine inspirierende Tragikomödie ins Sortiment aufgenommen, die voller Tatendrang steckt und in detailgenauer Beobachtungsgabe gegen den Strom geschwommene Lebenskonzepte nicht belächelt, sondern wohlwollend abnickt. Trotz Niederlage, aus der immerhin noch abstrakte Dinge wie Hartnäckigkeit, Erfindungsgeist und Leidenschaft zu bergen wären.

Als themenverwandte Ergänzung empfehle ich – entweder vor oder nach diesem Film – die österreichische Doku Empire Me von Paul Poet, der einige solcher Mikrostaaten besucht hat. Und die, gut verborgen, immer noch vor sich hin existieren.

Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel

Tesla

GEGEN DEN STROM GESCHWOMMEN

4/10


tesla© 2020 Leonine


LAND: USA 2020

REGIE: MICHAEL ALMEYREDA

CAST: ETHAN HAWKE, EVE HEWSON, KYLE MACLACHLAN, JIM GAFFIGAN, REBECCA DAYAN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


In dem kurzen Zeitfenster letztes Jahr, in dem Kinobesuche noch möglich waren (wie traurig das klingt) lief ein historisches Drama rund um den sogenannten Stromkrieg zwischen Westinghouse, dem Verfechter von Wechselstrom, und natürlich Edison, dem kolportierten Erfinder der Glühbirne und Verfechter des Gleichstroms. Mit von der Partie war damals auch ein Mann namens Nikola Tesla, der einmal für Edison, und dann wieder für Westinghouse gearbeitet hat, bevor er sein eigenes Ding durchzog, mit vielen Ppatenten, und mehr oder weniger erfolgreich. Seine Erfindungsgabe verhinderte aber nicht, dass Tesla zwar hochbetagt, aber in völliger Armut dahinschied. Über diesen Tesla, den Nicholas Hoult im Film Edison – Ein Leben voller Licht darstellt, hat Regisseur Michael Almeyreda (u. a. Nadja, Experimenter) einen Film sowohl geschrieben als auch inszeniert. Ein Herzensprojekt sozusagen, das fast zeitgleich mit Edison veröffentlicht wurde, dabei aber ungefähr drei Jahre später produziert wurde. Edison verblieb dabei aus organisatorischen Gründen viel länger in der Pipeline. Anders bei Tesla: der hat die Auswertung im Kino bei uns in Österreich nicht mehr erlebt. On demand ist er nun verfügbar. Doch letzten Endes ist Edison – Ein Leben voller Licht der bessere Film.

Und das nicht, weil Edison (oder gar Westinghouse) die interessantere Biographie darstellt. Tesla ist da charakterlich und auch in Sachen Lebenswandel um einige hundert Volt interessanter. Tesla war ein Mastermind, ein sagen wir mal Wunderkind, was technisches Verständnis anbelangt. Soziale Kompetenz war ja nicht so sein Ding, auch beziehunsgtechnisch war’s eher recht ungelenk. Zumindest wird Tesla so darsgestellt und so scheint das nun mal zu sein bei solch heillos versponnenen Nerds wie er einer gewesen sein muss. Ethan Hawke hat sich dieser Figur also angenommen, und so wirklich viel Verständnis für selbige bringt der sympathische Before Sunrise-Quassler allerdings nicht auf. Kann Almeyreda da aushelfend entgegenwirken? Das tut er nicht. Sein Film ist genauso verkopft und sperrig wie die für den Film abstrahierte Figur des Tesla. Was er allerdings ausprobiert, ist, Eve Hewson als Unternehmerstochter Anne Morgan (gemeint ist der rotnasige J. P. Morgan, der größte Privatbankier seiner Zeit) über Tesla in der Jetztzeit referieren zu lassen. Sie bedient sich Laptops und Beamern, um seine Geschichte zu erzählen. Eine nette Idee, mehr aber auch nicht.

Tesla ist eine Anhäufung biographischer Fragmente, durch die Ethan Hawke mehr oder weniger stolpert. Seltsam formelhaft auch Kyle MacLachlan als Edison. Es ist, als wäre dieser Film nichts anderes als ein assoziatives Bühnenstück. Immer wieder agiert der einsame Physiker vor auf Leinwand projizierten Landschaften, was die Kulissenhaftigkeit noch mehr unterstreicht. Eine konsistente Formel dafür gibt es nicht, zumindest kann ich keine erkennen. Aus budgetärem Notstand heraus wird die Wahl der Mittel wohl nicht gewesen sein. Vielleicht war’s einfach nur der Wunsch, einen historischen Stoff mal ganz anders zu adaptieren. Gut, das ist ja ganz ambitioniert, jedoch lässt Tesla jegliche Konsistenz vermissen, kann seine bruchstückhaften Szenen nicht miteinander kombinieren und ist auch wieder schnell aus dem Gedächtnis verschwunden, sobald das Werk seinen Abspann erreicht.

Tesla

I’m Your Woman

DIE FRAU IM HINTERGRUND

6,5/10


imyourwoman© 2020 Amazon Studios

LAND: USA 2020

REGIE: JULIA HART

CAST: RACHEL BROSNAHAN, ARINZÉ KENE, MARSHA STEPHANIE BLAKE, BILL HECK, FRANKIE FASON U. A. 

LÄNGE: 2 STD


Wir kennen ja alle diese urbanen Gangsterdramen, in denen unheilbare Kleinganoven versuchen, auf illegale Weise das große Ding zu drehen und dabei von anderen Leuten, die das nicht gerne sehen, auf gut wienerisch „aufgeblattelt“ werden. Meist verorten wir da eine Bezugsperson in der storytechnischen Peripherie, eine Ehefrau zum Beispiel, wenn geht mit Kind, die ihren Gatten anfleht, endlich mit diesem Unfug aufzuhören. Oder aber ihn dabei unterstützt, weil sie selbst so einen moralfreien Freiheitsdrang in sich verspürt. Die Frau, die ist da aber meist die Figur am Rande, im Hintergrund, wird vielleicht auch entführt und als Druckmittel eingesetzt. Im Mittelpunkt steht aber der männliche Kriminelle mit Sympathiewerten.

Nicht so in Julia Harts Krimidrama. In I’m Your Woman wird das betrachtende Auge auf die andere Seite gelenkt, auf die, die so aussieht, als wäre sie nur die kleine zweite Erzählebene, um das Skript dichter zu machen. Siehe da: man kann auch mit einem Schauplatzwechsel wie diesem das Unwesentliche zum Wesentlichen deklarieren und die daheim ausharrende Ehefrau kurzerhand in ein Auto setzen, um den nachsetzenden Finsterlingen zu entkommen. Das passiert mit Golden Globe-Gewinnerin Rachel Brosnahan, die als Marvelous Mrs. Maisel bereits Fernsehgeschichte geschrieben hat. So marvelous scheint sie in diesem eher sachten und zögerlichen Selbstbehauptungs-Roadmovie vorerst gar nicht zu sein. Denn sie hinterfragt auch nichts, als der kriminelle Ehemann eines Tages ein Baby mit nachhause bringt. Das ist jetzt ihres, sagt dieser, und er hätte alles schon geregelt. Wie erfreulich für Filmgattin Jean, die ja selbst keine solchen bekommen kann, ihren Kinderwunsch nun aber endlich gestillt sieht. Kurze Zeit später verschwindet ihr Mann – sie bleibt als Hausfrau und Mutter zurück. Bis sie und das Baby flüchten müssen, mit einem Unbekannten namens Cal, der ihren Mann aber gut kennt.

Was sich dann anlässt, ist das Psychogramm einer erstarkenden Frau, der letzten Endes nichts anderes übrig bleibt, als die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Die „Supporting Role“ rückt ins Rampenlicht, das Drama rund um den Gatten wird irrelevant. Auch erfahren wir nicht, was es mit den kriminellen Machenschaften auf sich hat. Das liefern, wie eingangs schon erwähnt, bereits zahlreiche andere Filme. Diese Story jedoch variiert den klassischen Aufbau durchwegs neu und verknüpft lakonische Alltagsmomente einer Mutter mit erdigem Gangsterthrill im 70er-Couleur. Die junge Gena Rowlands wäre für diese Rolle prädestiniert gewesen. Brosnahan erfüllt die Ansprüche aber ebenfalls gut, und auch wenn hier zwischendurch ein paar zu elegische Bestandsaufnahmen die Story nur schleppend voranbringen – die Ambition dahinter, den Alltag schmeißende Mütter mit prickelnden kriminalistischen Abenteuern auf einen Nenner zu bringen, bleibt klar erkennbar.

I’m Your Woman

Kajillionaire

MEINE RABENELTERN, IHRE TOCHTER UND ICH

8,5/10


kajillionaire© 2020 Universal Pictures International GmbH Germany

LAND: USA 2020

DREHBUCH & REGIE: MIRANDA JULY

CAST: EVAN RACHEL WOOD, DEBRA WINGER, RICHARD JENKINS, GINA RODRIGUEZ, MARK IVANIR U. A.

LÄNGE: 1 STD 44 MIN


Miranda July ist eine Allroundkünstlerin. Filmemachen ist da nur ein Teilbereich ihrer Tätigkeit. Zugegeben, bislang hatte ich noch kein einziges ihrer Werke gesichtet, obwohl ich natürlich wusste, dass die US-Multimediakünstlerin, die sich in ihren Filmen auch bislang immer selbst besetzt, ziemlich abgehobene, verschrobene Tagträumereien entworfen hat. Wäre längst einen Blick wert gewesen, wie ich finde. Nun – Kaijillionaire, ihre neueste und auch erstmals recht prominent besetzte Arbeit gilt hier endlich mal als Einstand – und ist, ohne zu übertreiben, eine Entdeckung. Und zwar deshalb, weil July so sehr gegen Konventionen und Schablonen inszeniert und kreiert, wie es normalerweise nur das asiatische Kino zuwege bringt.

Für ihre Außenseiterballade hat sie mit Evan Rachel Wood (u. a. Dreizehn, Westworld) wohl einen Volltreffer gelandet. Interessant und gleichsam verblüffend auch, nach langer Zeit und erst nach mehreren Blicken Debra Winger hinter der Fassade einer streunenden Tagediebin hinter wallender grauer Mähne zu entdecken. Gemeinsam mit Richard Jenkins sind die drei eine sagen wir mal obdachlose Familie, die sich in einem leerstehenden Büroraum neben einer Seifenfabrik eingenistet hat und dort so lange bleiben darf, solange sie den dort austretenden Schaum wegputzt. Eine irre Idee zum einen, surreale Bilder zum anderen, wenn die weißrosa Wolken den reizlosen Raum wie durch ein entrücktes Wunder scheinbar aufrüschen. Die Familie also, die wohnt hier, und schlägt sich tagtäglich mit Diebstählen herum – auf der Post, im Supermarkt, eigentlich überall. Tochter Old Dolio, benannt nach einem Obdachlosen, macht da mit, weil sie nichts anderes kennt. Sie kennt aber auch keine Kindheit, keine Zärtlichkeiten, keine liebevollen Worte und keine Identität. Old Dolio, die ist das Werkzeug ihrer Eltern, soziophob, gehemmt und depressiv. Ihren Eltern ist das egal, sie setzen auf Profit, das Töchterchen ist eben mit dabei. Bis bei einer Betrugsnummer am Flughafen die aufgeweckte Melanie, die ihnen zufällig über den Weg läuft, alles ändert. Zumindest fast alles für Old Dolio.

Ich habe selten einen Film über Einsamkeit und Sehnsucht nach Nähe gesehen, der gleichzeitig so sensibel, humorvoll und bezaubernd sein kann. Julys seltsame Figuren kaspern durch ein wirtschaftsorientiertes Amerika aus Industrie, Geld und Shoppingvergnügen und übersehen das Wesentliche. Eine liebevolle Kindheit ist in Zeiten wie diesen aus Ich-AG, Bequemlichkeit und Lebenstraum um jeden Preis nichts Selbstverständliches mehr – und war es auch nie. Wie sehr man als Elternschaft allerdings versagen kann, das hebt July geradezu auf ein neues Level. Die Konsequenz: eine zomboid vor sich hin trottende Evan Rachel Wood, mit Haarvorhang und Grunge-Klamotten. Ihr Weg zur eigenen Identität und zu einem Ja für Zärtlichkeit wird zur erfrischend anderen, urbanen Therapie zwischen sensorischer Integration und Erwachsenwerden. Wood flößt dabei ihrer psychologisch tiefgründigen Figur soviel Wahrhaftigkeit ein, als würde man die Schauspielerin erst neu entdecken. Diese Kunst der Tarnung eines Stars funktioniert ganz ohne Maske, die Performance ist dabei preisverdächtig, auch dank all den anderen recht hingebungsvollen Charakteren, die entweder nicht aus ihrer Haut können oder jemand anderen dazu motivieren, sich selbst zu motivieren. Vielleicht mit einem Tanz. Oder im Zeitraffer-Recap des eigenen Aufwachsens.

Die psychosozialen Parameter einer Familie scheuen sich nicht davor, in Kaijillionaire genau beobachtet zu werden – und die Motivation zur Veränderung wächst in dem, der sie am dringendsten nötig hat. Dieses Conclusio lässt sich in dieser konsistenten und enorm erfreulichen Filmkunst gerne entdecken.

Kajillionaire

Soul

AUF DEN FUNKEN KOMMT ES AN

8,5/10

 

soul© 2020 Disney/Pixar. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2020

REGIE: PETE DOCTER, KEMP POWERS

MIT DEN STIMMEN VON (ORIGINAL): JAMIE FOXX, TINA FEY, RACHEL HOUSE, ALICE BRAGA, PHYLICIA RASHAD, ANGELA BASSETT, WES STUDI U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN

 

Auch wenn sich das Live Act-Kino immer mehr von philosophischen Träumereien entfernt, um nicht als kitschig, banal oder esoterisch belächelt zu werden – der Animationsfilm arbeitet dagegen. Denn Pete Docter, kreatives Mastermind bei Pixar, hat es schon wieder getan: er ist den Essenzen des Menschseins einmal mehr auf den Grund gegangen. In Oben war Altwerden und Einsamkeit das große Thema. Alles steht Kopf, einem Animationsfilm mit noch nie dagewesenem, teils abstraktem Plot, handelt von unseren grundlegenden Empfindungen. Und jetzt? Jetzt dürfen unsere Seelen mal zeigen, was sie können. In Soul gehen wir also mal davon aus, dass der Mensch diese sogenannten 21 Gramm tatsächlich besitzt. Unser Innerstes also. Das, was unsere Persönlichkeit ausmacht.

Im Zentrum des Geschehens steht ein Mittvierziger namens Joe Gardner. Seines Zeichens leidenschaftlicher Jazzpianist. Der fristet sein recht aussichtsloses Dasein als Musiklehrer an einer Mittelschule, die nicht wahnsinnig viele musikalische Talente birgt – bis auf ein paar Ausnahmen. Als er durch Zufall eine berühmte Jazzsaxophonistin von seinem Können überzeugen kann, wird er für einen Gig engagiert. Voller Freude tanzt Gardner über sie Straßen – bis er in einen Gully stürzt – und sein Leben verliert. Von einem Moment auf den anderen befindet sich die Seele von Gardner nun auf dem Fließband ins Jenseits. Aber eigentlich – ja eigentlich sollte er gar nicht hier sein, denn gerade jetzt wird doch das Leben erst richtig lebenswert?

Pete Docters Soul ist fast schon ein humanphilosophiosches Manifest. In keiner anderen Filmgattung wäre es sonst möglich, zugegeben stark simplifizierte, aber für uns unsichtbare und abstrakte Welten so ausgestaltet darzustellen. All die Seelen sind kleine, quallenartige Gespensterchens, manche tragen immer noch, nachdem sie gestorben sind, die Merkmale ihrer Person. Über allem steht die Quantenwelt in Form von zweidimensionalen Figuren, die an Strichzeichnungen von Picasso erinnern. Das Kreativteam von Pixar entdeckt wieder einmal die hohe Kunst der Gestaltung. Mit der liebevoll und bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Persönlichkeit des Jazzmusikers Gardner wäre es an der Zeit, für die Academy mal die Rubrik „Bester animierter Charakter“ ins Leben zu rufen. Wäre doch eine Idee? Nach dem alten Mann aus Oben oder zum Beispiel die Ratte aus Ratatouille wäre der von Jamie Foxx gesprochene Kerl ein garantierter Gewinner. Und auch abgesehen von diesen Raffinessen spielt Soul mit den Gedanken und Emotionen, lobt das Erdendasein und findet stille Momente der Einkehr. Doch es wäre nicht Pixar, würde sich die Ode an die Freude des Lebens in seifigen Sentimentalitäten verlieren. Soul bietet, Hand in Hand mit intellektueller Ernsthaftigkeit, jede Menge Humor, Situationskomik und eine drollige Bodyswitch-Komponente in feinster Ausarbeitung.

Dieses Streaming-Event ist tatsächlich ein Meisterwerk, dessen „Mood“ man gerne und auch unweigerlich mitnimmt. Zwischen Seelenfängern und verlorenen Seelen ist dieses phantastisch-hintergründige Stelldichein eine ausnehmend komplexe, pointenreiche Vision einer optimistischen Welt- und Weitsicht. Die man garantiert öfters sehen muss, um nichts zu verpassen. So wie die kleinen Dinge des Lebens.

Soul

Sputnik – Es wächst in dir

ES ZÄHLEN DIE INNEREN WERTE

5,5/10


sputnik© 2020 capelight pictures


LAND: RUSSLAND 2020

REGIE: EGOR ABRAMENKO

CAST: OKSANA AKINSHINA, PYOTR FYODOROV, FEDOR BONDARCHUK, ANTON VASILEV U. A. 

LÄNGE: 1 STD 54 MIN


Dass die Filmnation Russland in Sachen Effekt- und Eventkino bereits einiges draufhat, und zumindest aus technischer Sicht den IT-Schmieden in Übersee sehr wohl das Wasser reichen kann, das konnte man bereits aus Filmen wie Attraction ganz gut nachvollziehen. Im Science-Fiction-Thriller Sputnik – Es wächst in dir waren die Creature Designer ganz besonders ehrgeizig. Das seltsame Wesen, dass hier auf die Menschheit losgelassen wird, bettet sich dank seiner Struktur, seiner Physis und all der Licht-Schatten-Rafinesse perfekt in das reale Szenario ein, das, angesiedelt in den Achtzigern, vorwiegend in völlig unattraktiven und womöglich asbestverkleideten Räumen seine Spielfläche sucht. Wer kommt schon auf die Idee, ein Wesen wie dieses zwischen den Wandverbaueinrichtungen aus Pressspan inklusive symmetrischer Hochglanzfurnier herumschmnüffeln zu lassen? Entweder Wandverbau oder ich, könnte das Wesen meinen, und hinterlässt logischerweise, wie sich das eben für solche Kreaturen gehört, eine Spur der organischen Verwüstung. Dabei muss man bemerken: die Kreatur in Sputnik hat immerhin so etwas wie eine Verhandlungsbasis zu bieten – der Xenomoprh aus Alien natürlich nicht. Was Regisseur Egor Abramenko da entworfen hat, ist eine deutlich subtilere Version des Parasiten-Mythos für das nächtliche Lagerfeuer. Der Sputnik – was soviel heisst wie Weggefährte, Begleiter – hat für seinen Wirt deutlich mehr Verwendung. Wie er diesen manipuliert, sei an dieser Stelle natürlich nicht gespoilert.

Verraten sei aber so viel: Sputnik erreicht das Level an Suspense im Gegensatz zu Alien oder gar Life nur ansatzweise. Zwischen den spannenden Szenen der Konfrontation mit dem Fremden schielt Abramenkos Film deutlich in Richtung Geheimdienstthriller im Stile eines John Le Carre. Klingt prinzipiell mal interessant, hat aber wortlastige Längen. Die biologische Komponente hingegen hat so ihren Reiz, und in der Biologie, so wissen wir, gibt es kein Gut und Böse, sondern Zweckmäßigkeit in ständiger Adaption. Das gelingt Sputnik sogar noch besser als Alien, denn dort ist das Monster scheinbar vorrangig und vorsätzlich fies. Rückblickend wäre dieser Blickwinkel noch weiter aufzufächern gewesen, hätte der Film gerne auch eine Richtung einschlagen können, wie sie Gareth Edwartds Monsters genommen hat. Lezten Endes ist es doch wieder nur klassisches Genrekino mit der gefälligen Portion Blut. Aber mit einem Monster, das aus Ridley Scotts interstellarer Albtraumnotizen entsprungen sein könnte. Was aber nicht heisst, dass man es nicht auch ein bisschen gern haben kann. Wo es doch so anhänglich ist.

Sputnik – Es wächst in dir