Die Blutgräfin (2026)

WIENER BLUTWÜRSTE ALS TOURISTENKNALLER

2/10


Isabelle Huppert als die Blutgräfin
© 2026 Amour Fou / Petro Domenigg


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, LUXEMBURG, DEUTSCHLAND 2026

REGIE: ULRIKE OTTINGER

DREHBUCH: ULRIKE OTTINGER, ELFRIEDE JELINEK

KAMERA: MARTIN GSCHLACHT

CAST: ISABELLE HUPPERT, BIRGIT MINICHMAYR, THOMAS SCHUBERT, LARS EIDINGER, ANDRÉ JUNG, KARL MARKOVICS, BRANKO SAMAROVSKI, MARESI RIEGNER, TOM NEUWIRTH, BURGHART KLAUSSNER, TANJA RAUNIG, JOHANNES SILBERSCHNEIDER, KARL FISCHER, NOAH SAAVEDRA U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN



Was ist eigentlich Avantgarde?

Vom Feuilleton, von der Kunstkritik und dem fachkundigen Journalismus verliehen, ist Avantgarde der Bruch mit der Konvention. Avantgarde – seiner Zeit voraus – möchte man sein, wenn bestehende ästhetische oder auch narrative Normen ausgehebelt werden sollen.

Die Freiheit der Kunst – zumindest in diesen Breiten – erlaubt es, allerhand Methoden auszuprobieren, mit denen das normenverwöhnte Volk nicht rechnet, die es nicht kommen sieht, über die es aber irgendwann in der Kunstgeschichte nachlesen kann, dass sie Vorreiter von etwas waren, das sich niemals etabliert hat. Avantgarde kann schließlich nur schwer existieren, wenn es nicht vorher gewisse Parameter gegeben hat, die eine Kunst überhaupt erst anwendbar und messbar machen.

Kunst kommt von Können? Zumindest braucht man Talent, Know-how und Inspiration. Ein Architekt zum Beispiel kann sich in Form, Farbe und Größe austoben, muss aber dennoch immer darauf achten, dass sein Gebäude nicht zusammenbricht. Wie er das anstellt, ist seine Sache, doch Zugrundeliegendes muss vorausgesetzt werden. Stürzt dieses völlig irre Konstrukt dann doch noch ein, könnten andere, hustend und zwischen Staubwolken, Schutt und Mauerresten, dennoch behaupten: Was wollt ihr, es ist Avantgarde!

Und wer ist Ulrike Ottinger?

Als Avantgardistin wird und wurde auch Ulrike Ottinger gefeiert – als feministische Avantgardistin wohlgemerkt. Ihre Filme kenne ich nicht, und nach Sichtung ihres Spätwerks Die Blutgräfin habe ich keine große Lust dazu, ihr bisheriges Œuvre auch einer näheren Betrachtung zu unterziehen.

Die deutsche Künstlerin bricht seit jeher radikal mit Traditionen, was die Art des Erzählens anbelangt. Allerdings sollte man wissen, was man mit diesem Bruch anstellen will. Warum eigentlich alles anders sein soll als das normative Erzählen und welchen Mehrwert das Ganze hat. Ist es einzig und allein, um einen funktionierenden Modus operandi zu zerstören? Dann wäre genau dieser Akt des Zerstörens der einzige künstlerische Belang, bleibt doch außer dieser Behauptung sonst nichts übrig.

Alles, was Wien so ausmacht

Auch dieses Bild der Zerstörung ist Avantgarde – oder nur ein Motiv? An solchen aber erfreut sich Ottinger ungemein. Was gibt es da nicht alles? Hawelka-Buchteln (ohne Danzer’s Flitzer) und Riesenrad, Sisi aus Marzipan und die Blutgasse, den Heldenberg und den Wiener Narrenturm. Die Herzerlgruft und sonst solche Dinge, die Wien als morbide Stadt erst prägen. Ist das so?

Für Ottinger wollen sich alle zum Narren machen, die die deutschsprachige Schauspielkunst beherrschen, nur um sich dann selbst nochmal zu synchronisieren, und das nicht unbedingt synchron. Birgit Minichmayr, Lars Eidinger, Karl Markovics, Thomas Schubert – sie alle umringen eine stoische Isabelle Huppert, die mit der historischen Gestalt der Erzsébet Báthory außer dem Namen überhaupt nichts gemein hat. Mit den Mythen über Untote hat sie genauso Probleme wie wir mit Hupperts farblos hingepfuschter Synchronstimme. Bereits zu Beginn des Films gleitet die Filmlegende auf einer üppigen Gondel durch ein unterirdisches Wasserreservoir dahin. Was sie in der goldenen Wienerstadt will? Ein Buch finden, das die Macht hat, Vampiren und anderen untoten Kreaturen das ewige Leben zu nehmen.

Nicht alles, was misslingt, ist Avantgarde

Als Plot reicht das aus, findet Ottinger. Er dient als Setzkasten, in den nun alle möglichen Klischees über Wiens Geschichte als Deko-Elemente verteilt werden – ohne Handlung, ohne Stringenz, ohne Spannung und ohne den sprichwörtlichen Wiener Schmäh. Kannte Ottinger Peter Patzak? Auch ein Avantgardist. Der hatte damals den Wiener Kommissar Kottan ins Leben gerufen, und im Laufe der Episoden immer weniger an die Handlung gedacht, sondern vorwiegend an die Möglichkeit, diesen Wiener Schmäh und das Absurde auch wirklich so absurd scheinen zu lassen, dass es als Gassen-Varieté mit Tendenz zum absurden Theater immerhin einen Rhythmus für sich selbst finden konnte. Die Blutgräfin hat das nicht, weder Rhythmus noch das Verständnis für die Schrägheit des subversiv Witzigen, das Wien so eigen ist. Elfriede Jelinek sollte dieses Witzige eigentlich kennen, doch die Abscheu für all den Kitsch lässt sich nicht verbergen.

Varieté ist was genau?

Bunt, burlesk, akrobatisch, komödiantisch und noch dazu mit Gesang. Stimmt, das alles kommt bei Ottinger vor. Ein Varietéfilm soll die Blutgräfin schließlich auch sein – anachronistisches Unterhaltungstheater zwischen Laternenanzünder und Rolltreppe. Nichts gegen den Anachronismus, doch ist es deshalb gut gemacht?

Tom Neuwirth aka Conchita Wurst darf wie einer spontanen Eingebung der Regisseurin folgend seinen Songcontest-Siegertitel Rise Like a Phoenix schmettern, warum auch immer. Der alte Feldmarschall Radetzky darf sich mit seinen am Heldenberg zur Ruhe gebetteten Kommilitonen aus dem Grab erheben, warum auch immer. Karl Markovics darf den Vintage-Kottan bemühen, nur leider ohne Kapelle. Und wo ist eigentlich Falco?

Pietätlos wird es dann, wenn im Narrenturm besagte „kleine Gräfin“ – das Skelett eines fünfjährigen Mädchens, das an einem Hydrocephalus litt – zu einem Auftritt gezwungen wird und Ottinger jedwede Ethik über Bord wirft. Überhaupt erinnert vieles an einen Jahrmarkt aus Schaubuden, fragwürdig und aus der Zeit gefallen sowie altbacken und hölzern wie die Bretter, auf denen damals heute nicht mehr Denkbares gezeigt wurde.

Das Österreichische Filminstitut weiß, was es tut 

Ganz schön mutig, Arthouse als Mainstream anzubieten und bewusst zu verschweigen, womit man es letztlich zu tun haben wird. Die Blutgräfin lässt diese Raffinesse die ganze Laufzeit hindurch vermissen. Bemüht, konfus und in quälender Langeweile reiht sich ein Souvenir an das nächste – die Figuren sind platt, ausgestattet mit lächerlichen Namen und heillos überfordert damit, einem roten Faden zu folgen, und sei es auch nur der eines experimentellen Konzepts. Man kann auch Sinnloses sinnvoll arrangieren, nur dazu braucht es ein Gespür für die Substanz, mit der man arbeitet.

Schade um das Ensemble, schade um das Fördergeld, doch den Wien-Tourismus freut’s. Und das ist ja schließlich, wenn’s ums Geld geht, das Wichtigste.

Die Blutgräfin (2026)