FAMILIE IN DER KLAPS-MÜHLE
4/10

© 2026 Polyfilm
LAND / JAHR: RUMÄNIEN, FRANKREICH, NORWEGEN, SCHWEDEN, DÄNEMARK 2026
REGIE / DREHBUCH: CRISTIAN MUNGIU
KAMERA: TUDOR VLADIMIR PANDURU
CAST: SEBASTIAN STAN, RENATE REINSVE, LISA CARLEHED, ELLEN DORRIT PETERSEN, LISA LOVEN KONGSLI, HENRIKKE LUND-OLSEN, VANESSA CEBAN U. A.
LÄNGE: 2 STD 26 MIN
Was haben Park Chan-wook, Demi Moore, Chloé Zhao oder Stellan Skarsgård gemeinsam? Ja, sie arbeiten alle in der Filmbranche. Aber da gibt es noch etwas, etwas anderes. Sie alle saßen mit einigen anderen auch in der Jury für die Goldene Palme 2026, die heuer in Cannes verliehen wurde.
Die Sache mit den Filmpreisen
Sie alle haben sich auf einen Film geeinigt, fast schon wie die zwölf Geschworenen auf das Schicksal eines Angeklagten, nur diesmal waren es neun. Alle Neune sahen Fjord als den wohl besten des ganzen Festivals an, und beweisen damit aber nur, wie radikal subjektiv das Empfinden über einen Film sein kann.
Park Chan-wook selbst meinte, Cristian Mungius Arbeit wurde deswegen ausgewählt, weil er „Das Verstehen und Respektieren der Vielfalt der Welt auf künstlerisch großartige Weise beleuchtet“. Nun, entweder hat die Jury den Film nicht verstanden, oder das Superlativ „künstlerisch großartig“ wird nun auch als inflationäre Schmeichelei für alles, was Arthousekino sein will, angewandt.
Ein Meisterwerk der subversiven Beeinflussung?
Was soll das überhaupt heißen? Das Verstehen und Respektieren der Vielfalt der Welt? Niemand in Fjord versteht und respektiert den anderen. Alle kochen ihr eigenes Süppchen, alle haben ihre eigene Wahrheit. Niemand kommt in diesem Film zu diesem weisen Schluss, zu dem Park Chan-wook gekommen war.
Trägt Fjord dann auch zu dieser Vielfalt bei, wenn er ausschließlich zeigt, wie es nicht funktioniert und Lösungen gar nicht mal andenken will? Gehen wir weg von dieser Banalität einer grob umrissenen Begründung für einen der größten Preise der Filmwelt hin zu den eigentlichen Beweggründen eines Rumänen wie Cristian Mungiu, der sich womöglich ein bisschen ins Fäustchen lacht, denn eines ist dieser Mann ganz bestimmt: ein Meister der subversiven Beeinflussung. Das schafft er in einem Ausmaß, bei dem selbst einer wie Ruben Östlund (Triangle of Sadness) den Hut zieht, so subversiv wollte der nämlich in seinen Gesellschaftsgrotesken nie sein.
Östlund hat immer gewusst, dass er seine Betrachtungen auch satirisch von einem zugrundeliegenden, reinen Diskurs abheben muss, um sie greifbar zu machen. Mungiu macht das nicht, er hätte sich auch an seinem Landsmann Radu Jude (Bad Luck Banging or Loony Porn) ein Beispiel nehmen können, der in wilder Fabulierlust Kontroversen erzeugt, die wenigstens Spaß machen.
Mungiu macht auch das nicht. Fjord macht schließlich keinen Spaß, und ist auch nicht erfrischend provokant, sondern bemüht sich in besagter subversiver Ernsthaftigkeit, eine versteckte Agenda durchzubringen, die am Ende seltsam sauer aufstößt.
Eine vorbildliche Familie
So kalt, wie es in der Vorweihnachtszeit an einem norwegischen Fjord auch ist – einem nicht nur maritim-geografischen, sondern auch gesellschaftlichen Engpass, den Titel habe ich schon verstanden – so kalt ist auch dieser Film. Konstant auf Distanz betrachtet Mungiu eine konservativ-christliche Familie bei ihrem Neuanfang im Heimatstädtchen der fünffachen Mutter Renate Reinsve (unlängst noch in den Backrooms unterwegs).
Als rumänischer Gatte hat Mihai (kaum zu erkennen und zugegeben grandios: Sebastian Stan) den ganzen Nachwuchs mit einem Punktesystem an Strafen und strengen christlichen Erziehungsmethoden fest in der Hand. Hier herrscht Disziplin und Ordnung, und natürlich auch die Liebe der Eltern, die ganz traditionsbewusst ihren Kindern statt Internet, Social Media und weltlicher Lektüre lieber die Bibel aufs Auge drücken, auf dass sie diese mal irgendwann ganz auswendig rezitieren können.
Hier ein Klaps, da ein Klaps
Man ahnt schon, dass diese strengen Methoden vielleicht auch die eine oder andere ausgerutschte Hand verbergen – im Film wiederholt als Klaps (oder Slap) bezeichnet. Die gesunde Ohrfeige oder der Schlag auf die Pobacke unterstützen lediglich eine liebevolle Erziehungsagenda. Allerdings nimmt man sowas in Norwegen ernster als andernorts, wo Gewalt in der traditionellen Erziehung vielleicht immer einen triftigen Grund hat. Hier in Norwegen – oder zumindest in diesem Norwegen im Film – führen die blauen Flecken am Körper der ältesten Tochter dazu, dass sich eine „Klapsmühle“ in Gang setzt, die in unaufhaltsamer Sturheit und ohne vernünftige Selbstreflexion alles, was Familie auf ihre Art sein will, zwischen ihren Mühlsteinen zermalmt.
Familiengesetze drehen frei
Womit Fjord schon die erste Reibung verursacht, nämlich jene der überspitzten Darstellung einer Jurisdiktion, die wohl so, wie Mungiu sie beschreibt, niemals durchgehen kann. Mungiu lässt aber niemanden wissen, dass er das tut – er verkauft diesen lose auf Tatsachen beruhenden Fall als authentisch.
Das könnte man an der völligen Aussparung der Gedankenwelten der Kinder merken, an der fehlenden Einvernehmung selbiger und an einer wohl nicht haltbaren Vermutung einer Verschwörung, die von den Jungen ausgeht. In diese Zweifel hinein setzt Mungiu noch eins drauf, indem er auf den ersten Blick keinerlei Stellung bezieht, in Wahrheit aber immer und immer wieder und zwar höchst manipulativ die rustikalen Werte einer christlichen Erziehung gegen die moderne, liberale Familie setzt. Na gut, denke ich mir, die christlichen Fanatiker kommen in Fjord wirklich nicht gut weg – stellt er sich denn, womöglich selbst Christ, gegen all diese Werte? Oder verurteilt er deren Radikalität? Nein, tut er nicht, obwohl er so tut als ob.
Eine träge Chronik der Ereignisse
Diese ganze Kette an Ereignissen reiht Mungiu fast schon klinisch und horizontal an, es gibt keine Höhen, keine Tiefen, es gibt nur die Chronik der Ereignisse, die oftmals auf der Stelle treten, die sich winden wie ein Gerichtsprozess, was ja passend wäre, aber in gefühlter Echtzeit will man sie dann auch nicht verfolgen.
Weder handelt Fjord von häuslicher Gewalt noch von Kindesmissbrauch und schon gar nicht oder nur peripher von den Kindern. In subjektiver Langeweile gelingt es dem Film, zu zermürben und hinzuhalten. Es gelingt ihm, Ärger zu verbreiten, Unschlüssiges als schlüssig erscheinen zu lassen, manches für die Story Wichtiges bewusst auszusparen, um noch mehr zu provozieren.
Ein Wunder! Ein Wunder muss her!
Niemand macht hier in Fjord irgendetwas richtig – oder doch? Um das herauszufinden, dient die Ebene darunter, das Hochkochenlassen sämtlicher Töpfe, ohne auf irgendeinen den Deckel zu setzen. Durch all den erzeugten Dampf lassen sich die Orientierung und auch das Interesse verlieren – irgendwann am Ende bemüht Mungiu dann auch noch das christliche Wunder, um die Katze aus dem Sack zu lassen. Und das ist alles andere als das Verstehen und Respektieren der Vielfalt der Welt. Die Vielfalt, die Mungiu meint, ist lediglich der zynisch verteidigte Wert veralteter Tradition.
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