Lady Vengeance

UNSER ALLER IST DIE RACHE

8/10


lady-vengeance© 2005 D.R.


LAND / JAHR: SÜDKOREA 2005

REGIE: PARK CHAN-WOOK

CAST: YEONG-AE LEE, MIN-SIK CHOI, SHI-HOO KIM, YAE-YOUNG KWON, SU-HEE GO U. A. 

LÄNGE: 1 STD 55 MIN


Verstörend, grotesk, mitunter lieblich und brutal – wer diese vier Adjektive im Film seiner Wahl nicht unter einen Nenner gebracht haben möchte, sollte Park Chan-Wook eher meiden. Wer Oldboy kennt – und den kennen sicher mehr als eine Handvoll meiner Leser – kann sich ungefähr vorstellen, was ihn erwartet, wenn Lady Vengeance als Abschluss einer lose verknüpften Themen-Trilogie über den Screen flimmert. Chan-Wooks Filme sind nichts für Zwischendurch. Ungefähr so, wie Filme von Peter Greenaway einfach nichts für zwischendurch sind. Sie entspannen nicht, sie bereichern nicht, sie erquicken nicht. Sie fühlen sich auch nicht gut an. Das Kuriose dabei aber ist, dass Filme wie Lady Vengeance auf gewisse Weise die Erzählparameter des Kinos neu definieren und dabei Wege beschreiten, die andere womöglich für unbegehbar halten. Quentin Tarantino hat sich für sein eigenes Œvre von Chan-Wook und Kollegen merkbar inspirieren lassen. Und blieb wohl bis heute auch der einzige, dessen Werke zugleich komisch, melodramatisch und explizit brutal sind. Diese Mixtur ist wie eine selten genutzte, chemische Formel und das Ergebnis dieses Experiments eigentlich erst nach auserzähltem Film erkennbar. Also heisst es: Augen auf und durch. Denn in seinen einzelnen Szenen betrachtet ist auch Lady Vengeance etwas unerhört Bizarres und Abstoßendes. Wäre da nicht diese melancholische Melodie, die darauf folgt, und wäre da nicht dieses bittere Schicksal, das auch das Undenkbare legitimiert.

Mit so einem Schicksal muss die junge Geum-ja leben, die für einen Kindsmord, den sie nie begangen hat, für rund 13 Jahre ins Gefängnis gehen musste. Der Film setzt da ein, als Geum-ja entlassen wird. Nachdem man allerdings glaubt, nun eine geradlinige Geschichte erzählt zu bekommen, zerschnipselt Park Chan-Wook seinen Rachethriller in Rückblenden und Nebengeschichten, die allesamt dazu verleiten, die Orientierung zu verlieren. Doch egal, Chan-Wook fordert sein Publikum heraus und schert sich nicht um Gefälliges. Erzählt aus dem Frauengefängnis, stellt einige Randfiguren vor, die sich alle irgendwie ähnlich sind, und die allesamt bei Geum-ja in der Schuld stehen. Wieder in Freiheit, kennt Geum-ja aber nur ein Ziel. Den wahren Mörder zu finden und ihn für den Knast und der damit verbundenen Zwangsadoption ihrer Tochter leiden zu lassen. Hinter dieser plumpen Rache steht aber ein ausgearbeiteter Plan, der nicht nur ihr selbst Genugtuung bringen soll, sondern auch all jenen, deren Leben durch die grausamen Taten von Bestie Mensch zerstört wurden.

Auch wenn man es kaum für möglich halten könnte – ein bisschen Agatha Christie schwingt hier auch mit, auch ein bisschen was von Fritz Langs M – eine Stadt sucht einen Mörder. Aber das nur peripher. Die Rache wird in diesem höchst faszinierenden Psychotrip zu einer theatralischen, rituellen Zeremonie, wie das letzte Dinner in Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber. Lady Vengeance versucht, diesen irrationalen und impulsiven Umstand auf kuriose Art zu institutionalisieren. 

Wie in Oldboy kennt Park Chan-Wooks Film kein Erbarmen. Nicht mit dem Zuseher, der sich dieses Kuriosum erst erarbeiten muss. Und nicht mit seinen Protagonisten, die Schlimmes oder gar arg Erniedrigendes erleiden müssen. Ich würde Lady Vangeance tatsächlich nur jenen empfehlen, die mit Park Chan-Wooks koreanischem Schaffen (Stoker ist da eher nur noch ein Schatten seiner Radikalität) zumindest ein bisschen vertraut sind. Oder auch jenen, die bereit sind, recht wertfrei Unerwartbares zuzulassen. Am Ende bekommt man ein perfekt geschliffenes Artefakt serviert, dessen Facetten jeweils ein anderes Lichtspektrum brechen. Bei koreanischen Filmen wie diesen hat man das Gefühl, etwas erlebt zu haben, auch wenn es im Grunde den eigenen Geschmack untergräbt. Sowas nenn ich ein Kunststück, das seiner selbst willen entstanden ist.

Lady Vengeance

Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel

DER STAAT BIN ICH

7/10


roseninsel© 2020 Netflix


LAND: ITALIEN 2020

REGIE: SYDNEY SIBILIA

CAST: ELIO GERMANO, MATILDA DE ANGELIS, TOM WLASCHIHA, LEONARDO LIDI, LUCA ZINGARETTI, FRANÇOIS CLUZET U. A. 

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


„Warum haben sie das überhaupt gemacht?“ wird Gorgio Rosa während des Films gefragt? „Genau aus dem Grund“, antwortet der, „warum ein Hund seine Hoden leckt.“ Wie bitte? Na ja, einfach weil’s geht. Sollte das Grund genug sein? Etwas zu tun, nur weil’s machbar ist? Oder juckt es nur in den Fingern, herauszufinden, ob der Traum Realität werden kann? So wie manche Berge deshalb bestiegen wurden, weil sie einfach da sind, lässt sich auch ein Staat gründen, mitten am Meer, weil erstens niemand diese Gegend politisch beanspruchen kann und zweitens der Mensch stetig nach Freiheit strebt. Aber wie frei kann man sein, auf einer Plattform von sagen wir mal der Größe eines weitläufigen Schrebergartens, auf der eigentlich null Infrastruktur existiert und die als Staat ohnehin nicht überleben kann, gäbe es nicht das Mutterland Italien, das diese Insel der Seligen mit allerlei Notwendigem versorgt?

Die Roseninsel (nicht zu verwechseln mit jener im Starnberger See) war das tatsächliche Projekt des „Querdenkers“, Ingenieurs und Erfinders Giorgio Rosa, der in den 60ern für nicht mal ein Jahr dort als Mikronation seine Fahne hissen durfte. Rosa, das muss ein ziemlicher Aussteiger gewesen sein, aber begeisterungsfähig und stets voller Hummeln im Hintern. Einer, der sich eingestand, einfach anders zu sein. Schön, dass es immer wieder solche Menschen gibt. Schön, wenn diese ihr Ding wirklich durchziehen. Dabei mutet bereits die Art und Weise, wie die Roseninsel errichtet wurde, als eine recht unglaubwürdige, weil weit hergeholte und fast schon phantastische Anekdote an. Doch es scheint tatsächlich so gewesen zu sein. Diese Plattform also mit ein paar Häusern drauf war einen Sommer lang die Partyinsel schlechthin und große Konkurrenz zu Riminis Stränden. Ballermann im Kleinformat, mit Musik, Tanz und Barbetrieb – die einzige wirtschaftliche Einnahmequelle einer geographischen Singularität, die bereits eine eigene Währung, Briefmarken und eine Sprache ins Habenfeld verschieben konnte. Anträge für die Staatsbürgerschaft gab’s dann auch noch zuhauf. Doch mehr als aufmüpfiger Aktionismus hätte dieses Projekt, wäre es nicht von Italien im besten Wortsinn „abgeschossen“ worden, ohne Wahrnehmung relevanter gesellschaftlicher Aufgaben sowieso nie sein können. Eine Spielerei, ein Zungenzeig vor einer erbosten italienischen Regierung, die sich auf den Schlips getreten fühlte, und in der Sorge vor Nachahmungstätern dem Ganzen mit Italiens einziger Invasion in der Geschichte ein Ende setzte.

Sidney Sibilia hat dieses ganze obskure Geschehnis in einem erfrischend sommerlichen, aufgeweckten und typisch für italienische Verhältnisse sehr lautstarken Film gepackt, der aufgrund der Fakten alleine schon verblüfft. Die grauen Eminenzen im italienischen Parlament bekommen in süffisanten Karikaturen ihr Fett weg. Das mediterrane Ambiente und die kauzigen Figuren sorgen zusätzlich für gute Laune, auch wenn die Geschichte für alle Beteiligten nicht ganz so ausgeht, wie sie sich das vielleicht erhofft hätten. Netflix hat mit der Unglaublichen Geschichte der Roseninsel eine inspirierende Tragikomödie ins Sortiment aufgenommen, die voller Tatendrang steckt und in detailgenauer Beobachtungsgabe gegen den Strom geschwommene Lebenskonzepte nicht belächelt, sondern wohlwollend abnickt. Trotz Niederlage, aus der immerhin noch abstrakte Dinge wie Hartnäckigkeit, Erfindungsgeist und Leidenschaft zu bergen wären.

Als themenverwandte Ergänzung empfehle ich – entweder vor oder nach diesem Film – die österreichische Doku Empire Me von Paul Poet, der einige solcher Mikrostaaten besucht hat. Und die, gut verborgen, immer noch vor sich hin existieren.

Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel

Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden

NÄCHSTER HALT: IRRENANSTALT

5/10

 

obskur_zugreisender© 2020 Neue Visionen

 

LAND: SPANIEN 2020

REGIE: ARITZ MORENO

CAST: LUIS TOSAR, PILAR CASTRO, ERNESTO ALTERIO, QUIM GUTIÉRREZ, BELÉN CUESTA, MACARENA GARĆIA U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN

 

Vorsicht ist die Mutter der Eintrittskarten für diesen Film. Dessen Titel führt nämlich in die Irre, denn Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden könnten natürlich so etwas sein wie all die verschroben-phantasievollen Begebenheiten, die einer Amelie passiert sind. Oder er erinnert vielleicht an die poetischen Filme eines Veit Helmer, wie zum Beispiel an den Lokführer, der die liebe suchte. Dem Trailer nach ja, dem Trailer nach könnte der Film eine etwas deftigere Version, aber eine Version von so etwas sein, wenn schrullige Anekdoten von der Skurrilität des Lebens erzählen.

Dem ist nicht so. Regisseur Aritz Moreno führt sein Publikum in seinem spanischen Episodenfilm schlichtweg in menschliche Abgründe. Wer da nicht drauf vorbereitet ist, könnte schon in der ersten Episode, die da heißt „Eine trügerische Hochzeit“ (warum, weiß keiner) leicht verstört mit dem Gedanken spielen, das Kino zu verlassen.

Alles beginnt mit einer wie der Titel schon sagt Zugfahrt, während jener ein Psychiater seinem Vis a vis von unglaublichen Geschichten aus den Erinnerungen seiner Patienten berichtet. Die sind entweder schizophren oder paranoid oder haben sonst irgendeine schwerwiegende Psychose. Erzählt wird zum Beispiel von einem Soldaten im Kosovo (voller Spielfreude: Luis Tosar), der kriegsversehrt vom Einsatz heimkehrt, sichtlich gezeichnet, und wiederum von einem dubiosen Handel mit Waisenkindern beichtet, die für Schreckliches missbraucht werden. Das will natürlich niemand sehen, ich jedenfalls nicht, doch sobald einem klar wird, dass es die Treppen abwärts geht in die Finsternis, kommt man irgendwie nicht mehr aus. Zum Glück ist das nicht die einzige Geschichte. Da gibt’s noch die mit dem Hundebesitzer, dessen Freundin immer mehr zum Vierbeiner werden muss. Perverse sexuelle Abgründe? Jawohl – und um nichts bequemer! Und wie ist das mit der Müll-Verschwörung? Zeitgemäßer geht´s kaum. Angesichts dieser Geschichten ist der Mensch selbst die Wurzel allen Übels, dessen Überforderung den Geisteskranken ins Gesicht geschrieben steht.

Angekündigt und kommentiert wurden Die obskuren Geschichten des Zugreisenden damit, den Surrealismus im Kino wiederentdeckt zu haben. Luis Bunuel wurde erwähnt. Allerdings auch nur, weil der Meister des Surrealen selbst das Wort „obskur“ in einem seiner Filme hatte. Sonst ist an Morenos Reigen des Irrsinns nichts surreal, und das ist eigentlich das Erschreckende daran. Dem Menschen wäre all dies zuzutrauen, und tatsächlich passieren womöglich Dinge, die den Film geradezu alt aussehen lassen, obwohl mir das schon reicht. Den Inhalt aus Ulrich Seidls Hundstage wollte ich auch nicht kennenlernen, und tatsächlich haben beide Episodenfilme gewisse ähnliche Eigenschaften. Seidls wie auch Morenos Film schildern auf zynische Weise den Dreck unter den Fingernägeln menschlichen Überschnappens, und beide entwickeln eine Faszination für das Abnormale. Dabei sind Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden immerhin von einer farbsatten, üppigen Ästhetik, wie man es aus Filmen eines Jean-Pierre Jeunet gewohnt war, wie zum Beispiel aus Delicatessen oder Micmacs. Trotz dieser erlesenen Bildsprache ist dieser Film nichts für angenehme Kinostunden. Im Gegenteil: auch bei all dieser überzeichneten Lust am puppentheatralischen Wahnsinn einer Freakshow bleibt ein ganz mieses Gefühl.

Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden

Guns Akimbo

KEINE WAHL DER WAFFEN

4,5/10

 

guns-akimbo© 2020 Leonine Film Distribution

 

LAND: NEUSEELAND 2018

REGIE: JASON LEI HOWDEN

CAST: DANIEL RADCLIFFE, SAMARA WEAVING, NED DENNEHY, NATASHA LIU BORDIZZO U. A. 

 

Harry Potter im Pyjama? Vermutlich nichts Neues, denn in irgendeiner Szene aus dem Magier-Franchise wird er wohl im Nachtgewand durch Hogwarts gewuselt sein. Nun aber ist der Brite um einige Jahre älter geworden, desillusionierter und zynischer. Vor allem was seine Filmwahl betrifft. Er macht´s ungefähr so wie Robert „Glitzervampir“ Patterson, der die Last seines Hypes längst abgelegt hat. Radcliffe nimmt, was er kriegen kann, bürstet sein Image aber nicht zwingend um mehr als 180 Grad, so wie es Elijah Wood manchmal getan hat – vom Hobbit zum fiesen Killer sag ich nur. Ein solcher ist Daniel Radcliffe in Guns Akimbo aber ebenso – allerdings auf völlig unfreiwilliger Basis. Er ist einer, der im Bademantel durch die Gegend hetzt. Nicht zu übersehen: die knuffigen Pfotenpatschen aus Plüsch, die das agile Ego-Shooter-Dasein etwas erschweren. Doch warum tut er das?

Ganz einfach – Daniel Radcliffe spielt den Programmierer Miles, der die Nase voll hat von seinem Job und seinen Frust sehr gerne als anonymer Troll in diversen obskuren Foren auslebt. Darunter auch auf einem recht illegalen Kanal, der seine Kohle damit verdient, zwei Kontrahenten vor der Kamera auf Leben und Tod gegeneinander antreten zu lassen. Der kauzige Troll wird von den Schergen des Spielleiters schnell ausgeforscht. Und ehe sich unser Hanswurst versieht, bekommt er links und rechts zwei Knarren an seine Hände geschraubt – ein Akimbo wider Willen eben. Was das ist? Gamer werden wissen: keine Hand mehr frei, um beim doppelt gemoppelten Ballerspiel zwischenzeitlich in der Nase zu bohren. Schlimmer noch: Radcliffe aka Miles kann nicht mal mehr ordentlich eine Stange Wasser in die Ecke stellen. Im Nacken sitzt ihm Killerin Nix (Samara Weaving aus Ready or Not), die Beste im Darknet und völlig durchgeknallt.

Schön schrilles Brachialkino, ein Guilty Pleasure für Radcliffe- und Shootout-Fans? Leider nur zum Teil. Keine Frage, als völlig aus der Bahn geworfener Nobody hat Radcliffe ins Schwarze getroffen. Diese Duckmäuser-Figuren und schmalschulterigen Nerds stehen ihm ausnehmend gut, siehe die liebenswerte Komödie The F- Word. Ein bisschen vom Big Lebowksy, der die Kontrolle über sein Leben verloren hat, und einem genötigten Michael J. Fox ergeben eine geschmeidige Mischung. Diese lässt Regisseur Jason Lei Howden in der Gosse landen und zeigt sich ziemlich fahrlässig beim Stillen blutender Wunden. Doch hat man sich mal an all diesem persönlichen Chaos sattgesehen, tragen die fix montierten Waffen ihren kollateralen Brutalo-Slapstick längst nicht bis zum Ende des Films. Origineller wird´s kaum mehr, auch wenn die Actiongroteske so manches davon im Vorfeld versprechen will.  Shoot ‚em up hat das besser hinbekommen, da war sogar noch ein Baby mit im Spiel. In Guns Akimbo gibt’s weder krasse Wendungen noch bissfeste Schusswechsel. Der Lebenssaft wirkt wie Fingerfarbe, das Running Man-Konzept unterwirft sich leider immer einer gewissen Vorhersehbarkeit. So ist die Wahl der Waffen nichts zum Aussuchen und Schraubenschlüssel sind gut, aber aus.

Guns Akimbo

Da 5 Bloods

VOM KRIEG, DER NICHT IN RENTE GEHT

6/10

 

da5bloods© 2020 Netflix

 

LAND: USA 2020

REGIE: SPIKE LEE

CAST: DELROY LINDO, CLARKE PETERS, ISIAH WHITLOCK JR., NORM LEWIS, CHADWICK BOSEMAN, JEAN RENO, MÉLANIE THIERRY, PAUL WALTER HAUSER, JASPER PÄÄKKÖNEN U. A. 

 

Da fällt mir doch gleich ein echter Klassiker von Dire Straits ein: Brothers in Arms. Im Vibra-Sound, recht verhalten und in den imaginären Stahlhelm gesungen, erzählt der Song vom Durch- und Zusammenhalten, wenn die Waffen sprechen. Sowas begründet natürlich, sofern man überlebt, niemals endende Freundschaften. Zwangsfreundschaften sozusagen. Innerhalb der schwarzen Bevölkerung ist das gefühlsmäßig etwas anders. Die sind nicht nur im Krieg Brüder – die solidarisieren sich auch so. Vor allem jetzt, wenn Black Lives Matter. Da sind all jene afrikanischen Ursprungs eine ganze große Familie, um gegen den zur us-amerikanischen Tagesordnung gehörenden Rassismus anzurennen. Spike Lee ist da ganz vorne mit dabei. Rassenhass, Gewalt und Politik waren immer sein Thema. Politik ganz besonders. Und all die ganzen zersetzenden Mechanismen einer Gesellschaft, die, egal ob schwarz oder weiß, so leicht in Frieden miteinander leben könnte. Lee sucht aber in seinen Filmen ganz andere Ansätze und verleiht dem Ansinnen auf ethnische Liberalität den Klang von Stereo, lässt seine wild schraffierten Ideen wie aktivistische Transparente nicht nur auf das Kinopublikum los – sondern jetzt auch auf all die User von Netflix, die exklusiv sein neues Werk begutachten können – und sich, sofern sie es gesehen haben, vielleicht an BlacKkKlansman erinnert fühlen.

Diese True Story, fast schon Satire, führt mit Freuden die White Power der USA ad absurdum, lässt Tomaten auf die weißen Gewänder der Kapuzenträger hinabregnen, wenngleich Lees Film trotz seiner ruhelosen Ambitionen weitestgehend handzahm daherkommt. Diese Phlegmatik könnte mit Da 5 Bloods jetzt ein Ende haben – obwohl auch dieser neue, überlange Streifen rund um den Vietnamkrieg und seine Nachwehen relativ viel Zeit benötigt, um wirklich in die Gänge zu kommen. Aber so ist das in den Tropen: einer Akklimatisierungsphase folgt ein Abenteuer Marke Baedeker, wie man es daheim anschließend gern erzählt. Die 4 Bloods – der fünfte im Bunde hatte schon während des Kriegseinsatzes in Fernost das Zeitliche segnen müssen – finden sich nach Jahrzehnten wieder dort ein, wo die „Blutsbrüderschaft“ ihren Anfang nahm: In Saigon, im Süden des Landes. Warum nun sind sie hier, diese vier Rentner? Mitnichten zum Urlauben. Sondern um einen Goldschatz zu heben, der im Hinterland vergraben liegt, mitsamt den Überresten des fünften Blood, den es als Vorwand zu finden gilt, würden doch die vietnamesischen Behörden dieses satte Kapital niemals ausreisen lassen. Vier Knacker sinds also, denen das Leben bereits ganz schon mitgespielt hat. Und die den Krieg nicht überwinden können. Zumindest einer – Delroy Lindo in bemerkenswert intensiver Spiellaune – scheint massiv traumatisiert. Doch wie geplant brechen sie in den Dschungel auf, und je näher sie ihrer gemeinsamen Vergangenheit kommen, umso präsenter wird ein Krieg, der Jahrzehnte vorbei zu sein scheint. Es ist fast wie ein Fluch, der auf denen lastet, die gekämpft haben.

Da 5 Bloods ist trotz einiger Verzettelungen und zäher Konfusion ein kurioses Konstrukt, das auf gewisse Weise nachwirkt. Perfekt ist Lees Film keineswegs. Die erste Stunde lang, wenn nicht länger, sieht man den vier Veteranen beim Quatschen zu, über das Leben und das Damals. Das wirkt fast so wie eine dieser Travel-Soaps, in denen Promis auf Reisen gehen. Irgendwann gibt’s auch noch einen Reiseleiter, der nur die Geschichte des fünften Blood kennt, aber nicht die des vielen Goldes. Lee wechselt das Bildformat wie ein Fotograf sein Objektiv – von 4:3 bis Cinemascope ist alles da. Aus einem Guss ist das nicht. Gewöhnungsbedürftig sind nicht nur die Szenen aus vergangenen Kriegstagen, die wie Super 8-Aufnahmen inszeniert sind, untermalt von pathetischer Orchestermusik wie für einen Chuck Norris-Reißer, und in denen die Bloods, bis auf den einen fünften („Black Panther“ Chadwick Boseman), genauso alt sind wie 5 Jahrzehnte später. Gewöhnungsgbedürftig ist der ganze Film, der manchmal einfach zu viel skandiert, der schockierende Archivaufnahmen aus dem echten Krieg wie Schrapnelle so manche Szene spaltet. Der Power-Point-Files in seinen War-Punch hineinwirft und alles nochmal aufkocht. Lees Senf zu Black Lives Matter wirkt dabei leider wie aufgesetzt, hat auch aus meiner Sicht mit dem Werk nur peripher zu tun. Aber gut, Spike Lee will so viel wie möglich, fällt fast schon in Rage. Dabei kippt das Werk ins Anarchische. Was folgt, ist ein regelrecht bizarres Apokalypse Now-Revival für die R.E.D.-Generation in drastischen Bildern, ein Antikriegsfilm mit nostalgischem Blick zurück ins Desaster, in dessen Folge der Sieg über den Feind auch nichts weiter ist als eine Niederlage der anderen Art.

Da 5 Bloods

Monsieur Killerstyle

DER JACKE ANS LEDER

7/10

 

killerstyle© 2019 Koch Films

 

LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: QUENTIN DUPIEUX

CAST: JEAN DUJARDIN, ADÈLE HAENEL, ALBERT DELPY, CORALIE RUSSIER, MARIE BUNEL U. A.

 

Frei nach dem ersten der zehn Gebote, die von Moses in Empfang genommen wurden: es darf keine andere Jacke geben außer diese. Und zugegeben – die ist wirklich endgeil: selbstredend 100 % echtes Hirschleder, kesse Schnallen, und das Beste: Fransen wohin das Auge auch reicht. Diese Jacke ist der letzte Schrei, zumindest für Loser Georges, der das Partnerkonto plündert (zum Leidwesen der Gattin) und sich das heiße Teil für schlappe 7000 Euro oder mehr unter den Nagel reißt. Was dann beginnt, ist ein ­– sagen wir mal so – neues Leben in den französischen Alpen. In trauter Zweisamkeit mit einem Textil, das bald ein seltsames Eigenleben entwickelt. Georges gibt sich dem hin, gehorcht dem größenwahnsinnigen Wildleder wie Gollum einst dem einen Ring. Und predigt zwischen Found Footage-Filmprojekt und narzisstischen Posen den fundamentalem Mode-Monotheismus.

Hier haben wir ihn, die Serienkiller-Version einer Werbesendung für Echtleder-Outfits, den wütenden Tanz ums goldene Ding, die krasse Anbetung eines Materialismus, der gar nicht mal so absurd erscheint, sind doch Fälle von Suizid bekannt, die aufgrund eines Kratzers im Autolack begangen wurden. Selbst Rainhard Fendrich singt von einer Zweierbeziehung mit einem fahrbaren Untersatz. Tom Hanks war notgedrungen auf einen Volleyball namens Wilson angewiesen. Die Seele des Objekts also, die manche zu spüren glauben, weil sie lieben, was sie besitzen. Im Extremen nennt man das Fetischismus. In Monsieur Killerstyle (oder auch Deerskin, im französischen Original: Le Daim) ist der Fetisch das Maß aller Dinge. Jean Dujardin, der zuletzt als gewissenhafter Ermittler in Roman Polanskis J’accuse brilliert hat, darf nun eine Art Perversion ausleben, um die ihn vielleicht so manche Schauspielkollegen beneiden würden. Und Dujardin ist großartig. Als heuchelnder Lügenbaron und Sklave seines Outfits exekutiert er zuerst trickreich, später aber bar jeder Höflichkeit als eine Ein-Mann-Armee das Anti-Jacken-Pogrom. Blut wird fließen, der kleinkarierte Georges hingegen wird immer mehr zum humanoiden Rotwild jenseits aller ethischen Ordnung. An seiner Seite: Adèle Haenel als Hobby-Cutterin, die in dieser Obsession des graumelierten Eigenbrötlers wahre Kunst erkennt. Oder aber ebenfalls der Macht der Wildlederjacke erliegt, so ganz genau weiß man das nicht.

Quentin Dupieux (am besten bekannt für seinen Autoreifen-Horror Rubber) hat mit dieser kurzen und knackigen, in blassen Winterbildern gehaltenen Psycho-Groteske wohl etwas ungewohnt Originelles geschaffen. Und alles andere als ein dummes Hirngespinst. Sein Anti-Held ganz in Leder ist eine widersprüchliche Figur, ein Wahnsinniger zwischen Aussteigerlust und kapitalistischem Gehorsam. Das ist herrlich surreal, oft nicht wenig verstörend und durchaus auch saukomisch, vor allem dann, wenn Jean Dujardin sein schickes (eigentlich aber unsägliches) Outfit nicht mehr packt. Als satirisches Zerrbild einer Gesellschaft im Werte-Chaos ist Monsieur Killerstyle treffsicher gelungen.

Monsieur Killerstyle

The Lobster

ONLY THE LONELY

4,5/10

 

thelobster© 2015 Yorck Kinogruppe / Park Circus Ltd.

 

LAND: IRLAND, GROSSBRITANNIEN, GRIECHENLAND, FRANKREICH, NIEDERLANDE 2015

REGIE: YÓRGOS LÁNTHIMOS

CAST: COLIN FERRELL, RACHEL WEISZ, BEN WISHAW, JOHN C. REILLY, JESSICA BARDEN, LÉA SEYDOUX, OLIVIA COLMAN U. A. 

 

Bin ich froh, hier aus dem Schneider zu sein. Denn ja, ich lebe in einer Partnerschaft. Ich muss also nicht, würde ich in Yórgos Lánthimos abstruser Welt leben, in einem Nobelhotel die wahrscheinlich letzten Tage meines menschlichen Daseins fristen, bevor ich zu einem Tier verwandelt werde, sollte ich keine Partnerin finden. In der Welt des griechischen Exzentrikers, der unlängst mit dem Queen Anne-Intrigenspiel The Favourite auch oscartechnisch für Aufsehen sorgte, folgen dem Singledasein radikale Konsequenzen. Alleinsein gibt’s nicht. Die Welt will Paare, welchen Geschlechts auch immer, aber zumindest Paare, damit keiner allein sein muss, auch die nicht, die das vielleicht als angenehm empfinden würden. In dieses Hotel also steigt Colin Farrell ab, als verlassener Ex-Ehemann mit Franz Fuchs-Gedächtnisschnauzer und Krankenkassabrille, mit seinem Bruder an der Leine, der leider ein Hund wurde, und mit dem Wunsch, doch in einen Hummer verwandelt zu werden, sollte Amor seine Treffsicherheit nicht unter Beweis stellen können. Das klingt ja schon mal äußerst originell. Wem fallen denn bitte solche absurden Geschichten ein? Warum gerade in ein Tier verwandeln? Und wie genau erkennt man, ob zwei Seelen zusammenpassen?

Tja, das ist die Frage, die Lánthimos sichtlich beschäftigt. Ziehen sich nun Gegensätze an oder müssen beide einen verblüffenden Gleichklang aufweisen, um den Zufall bestimmen zu lassen? Dann könnte man ja gleich würfeln, viel anders ist das nicht. Farrells Filmfigur aber tut sich sichtlich schwer, aus seiner stocksteifen Haltung auszubrechen, er probiert es mit einer Lüge, doch damit scheint er nicht weit zu kommen. Maximal bis zur anderen Seite des Waldes, denn dort leben die, die sich darauf verschworen haben, Single zu bleiben. Die aber letzten Endes um kein Haar besser sind als die Paarfanatiker im Herrensitz.

Die Eingangsszene allein verspricht eine opulente Groteske, die den Parship– und Tinder-Wahn aufs Kreuz legt, auf eine Weise aber, wie es vielleicht nur noch der Theatermagier Peter Greenaway hinbekommen hätte. Colin Farrell habe ich bislang so auch noch nie spielen sehen. Wie ausgewechselt und konträr zu seiner übrigen Werkschau sitzt er seltsam clownesk, wie eine kafkaeske Figur, die gegen eine höhere Ordnung anzukämpfen versucht, zwischen den Beziehungskisten. Neben ihm können auch andere illustre Namen wie Rachel Weisz, Ben Wishaw und Léa Seydoux und auch die oscargekrönte Olivia Colman für Single und Paare zu Felde ziehen.

Yórgos Lánthimos ist in seinen Filmen ein relativ autarker Künstler, an dessen Werken sich natürlich die Geister scheiden sollen, alles andere wäre ihm zu wohlgefällig. Für den Mainstream ist der Mann nicht gemacht. Ein bewusstes Polarisieren wie dieses könnte auch nach hinten losgehen, und tut es auch, zumindest für mich und was The Lobster angeht. Seine visuelle Exzentrik in allen Ehren – gegen Mitte des Filmes macht sich eine geradezu lähmende Zähigkeit breit, die trotz aller Kuriosität unerwartet vorhersehbar erscheint. Seine Idee ist Lanthimos das Wichtigste. Weniger wichtig seine marionettenhaft agierenden Figuren, die in ihren olivgrünen Ponchos im Kunstraum hängen. Noch seltsamer: der Off-Kommentar des ohnehin Offensichtlichen, wie eine akustische Bildbeschreibung für Sehbehinderte. In diesem losgelösten Szenario einer bedrückenden Beziehungsgroteske, die vor dem Andeuten expliziter Gewalt auch nicht zurückschreckt, kann ich mich nur schwer zurechtfinden, alles ist von einer klinischen Kälte und einer pragmatischen Konsequenz, die mich in ihrer artifiziellen Kopflastigkeit gänzlich unberührt lässt.

The Lobster

Glück gehabt

DER PHILOSOPH DES KLEINEREN ÜBELS

6,5/10

 

glueckgehabt© 2019 Luna Filmverleih

 

LAND: ÖSTERREICH 2019

REGIE: PETER PAYER

CAST: PHILIPP HOCHMAIR, JULIA ROY, LARISSA FUCHS, ROBERT STADLOBER, RAIMUND WALLISCH, CLAUDIA KOTTAL U. A.

 

GIS-Gebührenzahler und Flimmit-Abonnenten kennen ihn schon längst, und zwar spätestens seit der ersten Staffel der Vorstadtweiber: Philipp Hochmair. In der Wiener Antwort auf die desperaten Hausfrauen aus der Wisteria Lane gab der Burg- und Thailiatheatermime den arroganten Politiker und Mörder Joachim Schnitzler – herrlich gelackt, lüstern und durchgeknallt. Das der Mann auch anders kann, das zeigt er eben im Kino, in dem wohl nur hierzulande vom Radar erfassten Thrillerkomödie Glück gehabt. Die Figur des Schnitzler, die ist hier sehr weit weg. Hochmair gibt einen zauseligen, allerdings hochtalentierten Comiczeichner, der den lieben langen Tag sehr gerne in Pyjamahose, rauchend und biertrinkend seinen Alltag vorüberziehen lässt, während die Freundin Karriere macht. Sein filziges Erscheinungsbild irgendwo zwischen einem arglosen James Stewart-Lebenskünstler und einer dezenten Ralf König-Comicfigur ist großartig. Früher hätte diese Rolle sogar Alfred Dorfer dankend angenommen, doch der ist das Medium Film wie es scheint ziemlich durch. Hochmair kann zwar schon viel vorweisen, kommt aber im Kino womöglich erst so richtig in Fahrt. Und diesen phlegmatischen Alltagsabenteurer kann man ihm getrost abnehmen. Dabei ist er nicht das, was man unter Glückritter versteht, denn das Glück, das ist bekanntlich „dort, wo sie sind“ – in diesem Fall aber eher dort, wo Filmfigur Artur eben nicht ist. Denn all das, was geschieht, vollzieht sich scheinbar in einem imaginären Nebenraum, als käme unser Antiheld wie die Jungfrau zum Kind, und wo das Kind herkommt, geht Artur nichts an. Oder will ihn scheinbar gar nicht interessieren.

Interessant ist in erster Linie die geheimnsivolle junge Frau namens Alice, die sozusagen direkt aus dem Wunderland in Arturs Welt gestiegen kommt. Das Problem einer Leiche in ihrer Wohnung fordert das Glück dann zusätzlich noch heraus – doch wir wissen: überstrapazieren soll man selbiges nicht, denn sonst geht’s einem wie Polykrates, dem Tyrannen, der wohl zu viel davon wollte. Dabei stellt sich in der Verfilmung von Antonio Fians Roman Das Polykrates-Syndrom die Frage, ob eine Art des Glücks nicht doch nur ein Synonym für ein geringeres Übel ist. Für die Wahl des kleinsten Zwanges und der geradesten Strecke aus einem Schlamassel heraus, in dem sich dann plötzlich alle wiederfinden und Erinnerungen an Adrian Lynes Thrillerklassiker Eine verhängnisvolle Affäre wachrütteln. In Peter Payers Film sind wir aber weit entfernt von hollywood´schen Parametern. Hier in Wien geht es viel gemütlicher zu, und der Film lässt sich trotz seiner knappen 90 Minuten ausreichend Zeit, ein schwarzhumoriges Szenario zu entfalten, das dem verträumten Rhythmus des schlurfigen Philipp Hochmair treuherzig entgegenkommt, während der Zuseher will, dass sich hier manches eher Bahn bricht als es letztendlich der Fall ist. Die Faszination aber, die von der österreichisch-französischen Schauspielerin Julia Roy ausgeht, macht so manche Länge wieder wett und auch von ihr könnte es demnächst mehr im Kino zu sehen geben. Ich könnte es auch so formulieren: Julia Roy ist eine aparte Entdeckung.

Sonst aber gibt es in Glück gehabt bis auf die Umdeutung des Mysteriums Glück nicht viel mehr Neues zu entdecken. Als Psychothriller würde ich das Werk nicht bezeichnen, als Horror schon gar nicht. Ein Stilmix sieht anders aus. Vielmehr ist Payers Film eine durchaus charmante Groteske, die nichts bis zum Exzess treibt, weil Hochmairs Artur dies erstens gar nicht so weit kommen lassen und zweitens lieber nur dabei statt mittendrin sein will. Warum auch nicht? Es ist das bequemere, kleinere Übel.

Glück gehabt

Zombieland: Doppelt hält besser

ALLTAGSWITZE ZUR ENDZEIT

6/10

 

zombieland2© 2019 Sony Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: RUBEN FLEISCHER

CAST: WOODY HARRELSON, JESSE EISENBERG, EMMA STONE, ABIGAIL BRESLIN, ROSARIO DAWSON, LUKE WILSON U. A.

 

Die Welt der Witze. Es gibt Schülerwitze, Beamtenwitze, morbide Witze und Sexwitze. Es gibt für jede Kategorie im Leben ganz spezielle Witze. Es gibt auch für Zombies Witze. Ruben Fleischer, Macher des Venom-Erstlings (Teil 2 soll folgen) hat eine Menge solcher Witze zusammengesammelt, gehortet und einen Film daraus gemacht. Entstanden ist: Zombieland: Doppelt hält besser. Wenn man so will: Band 2 einer Witzeanthologie, dessen Inhalt sich natürlich ausgiebig und herrlich süffisant über das Wesen des Zombieseins mokiert. Und über den Alltag derer, die diese Apokalypse überleben wollen. Dabei hat man in Zombieland, wenn man es richtig anstellt, eigentlich das schönste Leben. Gratis Stromversorgung (dass alle Umspannwerke dieser Welt immer noch in Betrieb sind, ist bemerkenswert), kostenlose und unverderbliche Waren aller Art, und vor allem Munition, denn die ist lebenswichtig. Und natürlich das ganze Weiße Haus für die Familie rund um Tallahassee, seines Zeichens glorreicher Siebter, der Padre unter den versprengten Nerds. Woody Harrelson agiert als väterlicher Sprücheklopfer mit ausreichend kumpelhaftem Sarkasmus und geradezu kindlicher Spielfreude. Endlich mal wieder eine Rolle, die so leicht von der Hand geht, als wäre erlerntes Schauspiel gar nicht gefragt. So geht es Emma Stone, Jesse Eisenberg und Abigail Breslin auch. Zombieland verlangt nämlich nur eines: Sinn für perfiden Humor, Scheißdirnix-Attitüden und die Bereitschaft, jede Albernheit auszuleben.

Dabei ist die teerblutige Witzkiste mehr ein Benutzerhandbuch für das Ausleben postapokalyptischer Freiheiten mit allerlei Regeln und Geboten, die dann in dreidimensionalen Lettern durchs Bild rauschen. Fit bleiben ist eine davon, mit leichtem Gepäck zu reisen eine andere. Rund um diese Spaßfreudigkeit aber bleibt der Plot so trostlos leergeräumt wie die ganze ex-zivilisierte Welt. Die Spannungsschraube ist dem erodierenden Verfall preisgegeben worden, und die gut aufgelegte Baller-Kombo liebäugelt aber eigentlich mit einem ganz anderen Medium: mit dem einer Sitcom. Dafür passt Zombieland so angegossen wie der Schuh von Elvis Presley. Die Alltagskalauer, aufgefädelt und aneinandergereiht wie Perlenketten vor die Untoten, folgen – und der Vergleich ist durchaus krass – dem inhaltlichen Konzept der prähistorischen Abenteuer von Ice Age: ein Road- oder Feetmovie von A nach B, währenddessen lernt man neue Freunde oder Feinde kennen, nimmt sie mit oder lässt sie zurück, und am Ende kommt ein Showdown, der nun mal kommen muss, sonst hätte Zombieland genauso wie Ice Age keinen Höhepunkt, sondern würde nur so vor sich hinplätschern wie zwar zerstreuendes und durchaus angenehmes, aber beiläufiges Kaminfeuer. Keine Frage, Zombieland unterhält. Dem Ensemble zuzusehen macht Spaß, man lacht und wundert sich. Und wendet nicht mal angeekelt den Blick von Blut und Erbrochenem ab, weil all diese Körper- und Magensäfte Teil eines Gesamtcartoons darstellen, der in seiner lustwandlerischen Überhöhung als groteske Sketchparade sein Handwerk versteht.

Hat man Zombieland aber nicht gesehen, ist die Lust nach Zombiewitzen entweder längst gestillt oder Witzetypen sind andere, was durchaus in Ordnung wäre, da ein Versäumnis von Ruben Fleischers Ramba-Zamba-Streifen zwar ein Guilty Pleasure, aber kein Call of Duty ist. Für Zerstreuung und Abstand von einem teils zomboiden realen Alltag ist die spielfilmlange Sitcom durchaus ideal. Cameos und Easter Eggs auf die untote Popkultur sind sowieso immer der Bringer. Sonst aber fühlt sich Zombieland an wie ein launiges Zwischenspiel, eine Etappe – ein Intermezzo von etwas Gewichtigerem, Substanziellerem, was aber nicht da ist, was man aber gerne vermuten würde. So wie ein Ziel in diesem ziellosen Amerika, dass anscheinend nur die Zombies haben.

Zombieland: Doppelt hält besser

Parasite

MIT BESTEN EMPFEHLUNGEN

7/10

 

parasite© 2019 Koch Films

 

LAND: SÜDKOREA 2019

REGIE: BONG JOON-HO

CAST: SONG KANG HO, LEE SUN KYUN, CHO YEO JEONG, CHOI WOO SHIK, PARK SO DAM, LEE JUNG EUN, CHANG HYAE JIN U. A.

 

„Ich kenn da wen, der kennt da wen…“ – diesen Postenschacher der jovial aushelfenden Art, sträflicherweise sowohl in der Politik als auch gern gesehen im Privatbereich, den kennen wir alle. Nichts geht über gute Beziehungen, und keiner braucht mehr die Gelben Seiten, wenn die Freunderlwirtschaft institutionalisiert werden würde. Die neureiche koreanische Familie Kim kann sich entspannt zurücklehnen – wie durch Zauberhand geben sich engelsgleiche Aushilfen in einem piekfeinen, architektonischen Juwel namens Zuhause die Klinke in die Hand – jeder und jede eine Koryphäe auf ihrem Gebiet. Scheint das verdächtig? Nicht für Familie Kim. Die hat andere Sorgen, ist vielbeschäftigt und merkt nicht mal, dass Englischlehrer, Kunsttherapeutin, Chauffeur und Haushaltshilfe letzten Endes alle eine Familie sind, die sich in den exorbitanten Reichtum ihrer eigenen Lottosieger-Spiegelbilder auf raffinierte Weise einschleicht. Home Invasion der kultivierten Art könnte man das nennen. Die andere, die Schleicherfamilie, die wohnt irgendwo in einer muffigen Kellerwohnung, die bei Starkregen schon mal überflutet wird. Aus der existenziellen Not machen die Vier eine Tugend im Eigeninteresse, erlernen ihren bis ins Detail durchkonzipierten, gesellschaftstauglicheren Avatar und suhlen sich bald wie die Made im Speck inmitten einer unglaublich netten, unglaublich arglosen Oberschicht, die alles hat, und vor allem das, was die anderen nicht haben.

Ob das auf die Dauer gut geht, beobachtet Südkoreas erster Palmengewinner auf seine typisch oszillierende, schwer einzuordnenden Art des – sagen wir mal so – komödiantischen Thrillers, der mit Szenen aufwartet, die in unschlagbar boulevardesker Theatralik griechischer Komödien frönt. Wobei Komödie fast schon ein zu sanftes Wort ist. Parasite ist eine Farce über das vermeintlich unverschämte Glück der Reichen, über das Fallen auf die Butterseite des Lebens und den Neid der kreativen Unterschicht, die lieber improvisiert, um ans Ziel zu kommen. Was ihr gelingt, zumindest temporär, was aber an den Skills liegt, die auch jenseits des kalkulierten Betrugs zu einem besseren Leben führen könnte. Diese Diskrepanz zwischen Arm und Reich, diese Klassengesellschaft in harten Gradationskurven, dieses Pyramidenspiel mit der gönnerhaften Attitüde jener Leute, die das Geld haben, um anschaffen zu können bis zu jenen, die als Plebejer die Infiltration proben, ist im Kino des Bong Joon-Ho kein unbekanntes Terrain, ganz im Gegenteil. Bereits in seiner dystopischen Railway-Parabel Snowpiercer durften sich Chris Evans und Co vom Proletariat bis an die Zugspitze des Establishments vorkämpfen. Krasser lassen sich die Tortenschichten der Gemeinschaft wohl kaum darstellen. Parasite erzählt ungefähr dasselbe, doch hier ist die Machtübernahme eine, die im Geheimen abläuft, wenngleich manche Konfrontation in bizarrem Handgemenge rund um Smartphones die Subtilität erstickt.

Bong Joon-Ho so gut aufgelegtes wie teilweise auch finsteres und zwischendurch sogar melancholisches Drama setzt vor allem in den ersten zwei Dritteln voll auf Zug, ist virtuos geschrieben und skizziert seine Figuren, die er nie wirklich lächerlich macht, mit Liebe zur subversiven Exzentrik. Aus manchen Bildern schwappt der gesellschaftskritische Sarkasmus wie das Abwasser aus der Klomuschel, stets aber ist die überzeichnete Bühnentragik inhärent, die sich aber selbst an gruseliger Absurdität, wenn es hinunter in den Keller geht, nicht die Finger verbrennt. Alles passt auf so typisch koreanische Art zusammen. Das sind Kompositionen, das bekommt das westliche Kino niemals hin. Parasite hängt aber gegen Ende etwas durch, weniger was die atemlose Virtuosität betrifft, sondern vielmehr die Erwartung einer radikalen Konsequenz dieser grotesken Geschichte. In unerwarteter Milde lässt Bong Joon-Ho die Moral obsiegen, kratzt die Kurve zu einem Lehrstück, in dem es keine Sieger gibt, sondern nur verloren werden kann, wenn die Missgunst von allen Seiten Gift und Galle spuckt.

Parasite