Low Expectations (2026)

WO IM LEBEN IST DIE PAUSETASTE?

6/10


Marie Ulven aka Girl in Red im Burnout-Drama Low Expectations
© 2026 Stadtkino Filmverleih


ORIGINALTITEL: LAVE FORVENTNINGER

LAND / JAHR: NORWEGEN, DÄNEMARK 2026

REGIE / DREHBUCH: EIVIND LANDSVIK

KAMERA: ANDREAS BJØRSETH

CAST: MARIE ULVEN, TONE MOSTRAUM, ANDERS DANIELSEN LIE, EMBLA BERNTSEN, SNORRE KIND MONSSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 45 MIN



Wie sind die Erwartungen für die kommende Viennale? Ich würde nicht unbedingt behaupten, dass sie niedrig sind, auch wenn der erste Film des Festivals genau diesen Umstand zum Titel hat: Low Expectations. Doch vielleicht sind niedrige Erwartungen ab und an angebracht, um später nicht enttäuscht zu werden?

Ein strapaziertes Modewort

Niedrige Erwartungen sind auch ganz brauchbar, wenn die Luft draußen ist. Wenn bei einem selbst nichts mehr geht, man den Zenit überschritten hat und die geforderte Leistung einfach nicht mehr erbringen kann. Dann rattert man hinunter auf den Nullpunkt, auf die Basis der eigenen Existenz, um dann, mit niedrigen Erwartungen, einen Schritt vor den anderen zu setzen.

So ein Zustand mag gut und gerne als Burnout bezeichnet werden, doch Burnout ist mittlerweile zu einem schnell zur Hand genommenen Modewort verkommen und klingt langsam unfair jenen gegenüber, die mit dieser Diagnose tatsächlich leben müssen.

Finito la Musica

Im Langfilmdebüt des Norwegers Eivind Landsvik wird Burnout daher auch kein einziges Mal erwähnt, obwohl alles danach aussieht, als ob Maja genau das eben durchmacht. Als Musikerin, die, um ihren Ruhm zu steigern, ein omnipräsentes Social Media-Leben geführt hat, ist sie längst in ein tiefes, dunkles Loch gefallen und muss sich nun um sich selbst kümmern, während im World Wide Web gerade mal Funkstille herrscht, was ihre Kunst und ihre Präsenz als Star betrifft.

Die Fans sitzen auf dem Trockenen, sie warten auf ein Lebenszeichen, doch diesmal geht nichts mehr. Maja muss leiser treten, sehr leise, und zwar als Aushilfskraft an einer Schule, an der sie, wie kann es anders sein, auch dort ihren Fans begegnet. In diesen Job setzt Maja keine hohen Erwartungen – mehr als Supplierstunden muss sie nicht bewältigen. Landsvik sieht ihr dabei zu, wie sie das macht. Er sieht ihr dabei zu, wie sie zaghaften Kontakt zu ihren Kollegen knüpft, wie sie alte Freundinnen wiedertrifft und derweil bei Mama unterkommt, denn allein lassen kann man Maja momentan nur schlecht.

Film und Star unter dem Radar

Langsam hocharbeiten ist die Devise. Langsam nachspüren, ob Musikmachen schon geht oder noch nicht. Immer wieder mal probieren. Für diese Rolle des ausgebrannten jungen Shootingstars hat Landsvik tatsächlich einen weltbekannten norwegischen Star verpflichten können: Marie Ulven Ringheim, besser bekannt als Girl in Red, und ich weiß nicht, warum: Ihr Gesicht kommt mir bekannt vor, obwohl ich, das muss ich zugeben, von dieser Künstlerin noch nie etwas gehört hatte.

Ich muss auch zugeben, dass ich Low Expectations gar nicht mal auf meiner Watchlist für die Viennale hatte, sondern im Rahmen einer Sneak Preview überhaupt erst in den Genuss dieses Filmes gekommen bin. Wie gut ist das Drama über Burnout, über die Schritte zurück in ein Leben, das zukünftig wohl nicht mehr aus Reisen, Interviews, Konzerten und jeder Menge Social-Media-Stress besteht?

Die menschelnde Nüchternheit eines Nordic Dramas

Ihn gesehen zu haben, bereue ich nicht. So richtig begeistert bin ich aber auch nicht, was wohl daran liegt, dass sich Landsvik längst nicht so fulminant und versiert am Stil des psychologischen Realismus Nordeuropas bedient wie Dan Johan Haugerud, der mit seiner Oslo-Trilogie intensives Dialogkino zwischen pragmatischer Vernunft und Emotion vervollkommnet hat. Wenn sich schon Menschen mit ihrer Existenz und ihren Sehnsüchten auseinandersetzen und wir ihnen dabei zusehen müssen, dann unbedingt so wie bei Haugerud.

Anders als er und mehr wie bei Mia Hansen-Løve (An einem schönen Morgen), aber nicht mit deren poetischer Verklärung, sucht Landsvik nicht die Auseinandersetzung oder den sozialen Konflikt. Low Expectations beobachtet, begleitet und blickt mitunter zur Seite auf eine Coming-of-Age-Sidestory, wagt aber keinen Diskurs. Bescheidenheit ist so lange leistbar, solange sich Landsvik auf Marie Ulven verlassen kann. Ziemlich riskant, doch es funktioniert.

Die eigene Erfahrung mitgenommen

Mir ihrem authentischen Spiel, da sie schließlich weiß, was ihre Figur erlebt haben muss, und weil Marie Ulven nahe genug an den Problemstoff herankommt, vermeidet sie nordische Psycho-Tristesse, die als Arthouse durchgehen will. In Low Expectations stößt man in so manchen Szenen in sehr Persönliches vor, vielleicht auch von Ulven autobiografisch Mitgebrachtes. Das macht die blasse, verwaschene Nüchternheit, in die Landsvik sein ruhiges Drama taucht, lebendiger und nahbarer als gedacht.

Low Expectations (2026)