Club Kid (2026)

WENN DER NACHWUCHS LANGE AUFBLEIBT

7/10


Jordan Firstman und Reggie Absolom als Vater und Sohn im Film Club Kid
© 2026 Polyfilm


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE / DREHBUCH: JORDAN FIRSTMAN

KAMERA: ADAM NEWPORT-BERRA

CAST: JORDAN FIRSTMAN, REGGIE ABSOLOM, DIEGO CALVA, CARA DELEVIGNE, ELDAR ISGANDAROV, MISS BENNY U. A.

LÄNGE: 2 STD 6 MIN



Sex, Drugs and Rock’n Roll war gestern. Was die Gegenwart von der damaligen Dreifaltigkeit des revolutionären, wilden Gesellschaftslebens der 60er und 70er Jahre unterscheidet, ist der Musikgeschmack, denn Sex und Drugs gibt es nach wie vor zuhauf. Äußerst beliebt ist Koks, dazu das ganze Farbspektrum an aufputschenden Drops, die die Nacht zum Tag werden lassen. Dabei scheint es egal, wenn Orientierungs- und Hörsinn mehrere Stunden am Stück vom Rhythmus der Technobeats und der flackernden Lichter vertilgt werden.

Im Gaumen sitzt der Beelzebub …

Am Morgen werden diese Leute dann ausgespuckt – auch Underground-Partymacher Peter ist nach solchen Nächten nur mehr ein Schatten seiner selbst. Wie lange das die Gesundheit trägt, ist eine andere Frage. Das Leben muss sich schließlich verdrängen lassen. Bis es nicht mehr aufzuhalten ist und mit der Tür ins Haus fällt. Was es mitbringt, ist ein kleiner Junge im gymnasialen Unterstufenalter. Der Lockenkopf, der für Wirbel sorgt, ist vermutlich Peters leiblicher Sohn.

… Vater sein dagegen sehr

Wie jetzt, was jetzt? Peter kann unmöglich den Vater spielen, geschweige denn sein. Wie soll das gehen: Verantwortung für einen Menschen zu übernehmen, dessen Leben erst in die richtige Bahn gelenkt werden muss, um nicht so abzustinken wie das väterliche Vorbild, obwohl dieses doch mit Verantwortung nichts am Hut hat?

Solche Story-Plots gibt es einige in der Filmgeschichte. Wenn Väter wie die Jungfrau zum Kind tatsächlich zu selbigem kommen, ist das immer wieder und auf ähnliche Weise tragikomisch. Oft geht’s dann auch ums Sorgerecht, um das nötige Know-how, um irgendeinen sozialpolitischen Aspekt, der die wachsende Liebe des Elternteils zum Nachwuchs erschwert.

Da gibt es den Klassiker mit Heinz Rühmann: Ich sage nur La Le Lu – Wenn der Vater mit dem Sohne. Egal, ob blutsverwandt oder nicht, diese auf gute Art rührselige Geschichte aus den 50ern bringt Vater-Ziehsohn-Beziehungen auf den Punkt. Omar Sy zum Beispiel bekommt von Clémence Poésy in Plötzlich Papa ein Mädel ausgehändigt, ähnlich in die Jahre gekommen wie dieser kleine Arlo hier, der schon in prekären Verhältnissen aufwuchs, allerdings schon ein beeindruckendes Wissen über moderne Musik mitbringt. Die ist es auch, die das Fundament schafft, auf dem die beiden in Club Kid aufbauen, und zwar weniger konventionell als anderswo in der westlichen Mittelschicht.

Da hat einer begriffen, worum es geht

Club Kid von Jordan Firstman, der auch gleichzeitig die Hauptrolle übernimmt, ist vorhersehbar und erfüllt auch alle dramaturgischen Erwartungshaltungen, die man wohl so hat, wenn es um Vater-Sohn-Beziehungen per Zufall geht. Nichts will Firstman daran ändern. Und man möchte ihn an beiden Händen nehmen, sie schütteln und Danke sagen für diese Ehrlichkeit zu sich selbst, nicht unbedingt den Avantgardisten heraushängen zu lassen, sondern aus der Story genau das zu ziehen, was sie benötigt.

Wendungen gibt es also keine. Muss es auch nicht. Soll es auch keine geben. So eine Geschichte arbeitet mit Herz, Hirn und Gefühl. Mit nichts anderem sonst. Und natürlich mit ganz viel Musik. Eine, die zwar nicht meinen Geschmack trifft, denn Partygedöns war nie meins, die aber zur rechten Zeit zu den richtigen Szenen erklingt.

Ein guter Vater, der die Kids lange aufbleiben lässt

Und da steht dann auch ganz plötzlich der junge Arlo am Pult, spätabends, während er sein Glück nicht fassen kann, hier den Ton anzugeben unter lauten Erwachsenen, die kurz davor sind, mit Drogen den Abend bis in den Morgen zu verlängern. Dieser schmale moralische Grat zwischen Fahrlässigkeit und gerade noch ausübbarer Verantwortung macht die soziale Spannung des Films aus. Dieser Mut, Kind und Erziehung mehr zuzutrauen, als von der Gesellschaft verlangt wird, und gleichzeitig kein Böser sein zu müssen.

So richtig queer darf Club Kid natürlich auch sein, womit Firstman um die beiden Hauptdarsteller ein vogelbuntes Ensemble schart, das an Käfig voller Narren erinnert. Ein bisschen wie Molinaros Klassiker ist dieser Film dann auch: bemüht um Toleranz, erinnernd an den eigenen Selbstwert und appellierend an die Akzeptanz der eigenen Fehlbarkeit.

Club Kid ist eine klassische und gleichzeitig auch zeitgemäß zugespitzte Komödie, die vieles versucht, aber mit sich selbst zum Glück nicht allzu viel experimentiert.

Club Kid (2026)

Low Expectations (2026)

WO IM LEBEN IST DIE PAUSETASTE?

6/10


Marie Ulven aka Girl in Red im Burnout-Drama Low Expectations
© 2026 Stadtkino Filmverleih


ORIGINALTITEL: LAVE FORVENTNINGER

LAND / JAHR: NORWEGEN, DÄNEMARK 2026

REGIE / DREHBUCH: EIVIND LANDSVIK

KAMERA: ANDREAS BJØRSETH

CAST: MARIE ULVEN, TONE MOSTRAUM, ANDERS DANIELSEN LIE, EMBLA BERNTSEN, SNORRE KIND MONSSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 45 MIN



Wie sind die Erwartungen für die kommende Viennale? Ich würde nicht unbedingt behaupten, dass sie niedrig sind, auch wenn der erste Film des Festivals genau diesen Umstand zum Titel hat: Low Expectations. Doch vielleicht sind niedrige Erwartungen ab und an angebracht, um später nicht enttäuscht zu werden?

Ein strapaziertes Modewort

Niedrige Erwartungen sind auch ganz brauchbar, wenn die Luft draußen ist. Wenn bei einem selbst nichts mehr geht, man den Zenit überschritten hat und die geforderte Leistung einfach nicht mehr erbringen kann. Dann rattert man hinunter auf den Nullpunkt, auf die Basis der eigenen Existenz, um dann, mit niedrigen Erwartungen, einen Schritt vor den anderen zu setzen.

So ein Zustand mag gut und gerne als Burnout bezeichnet werden, doch Burnout ist mittlerweile zu einem schnell zur Hand genommenen Modewort verkommen und klingt langsam unfair jenen gegenüber, die mit dieser Diagnose tatsächlich leben müssen.

Finito la Musica

Im Langfilmdebüt des Norwegers Eivind Landsvik wird Burnout daher auch kein einziges Mal erwähnt, obwohl alles danach aussieht, als ob Maja genau das eben durchmacht. Als Musikerin, die, um ihren Ruhm zu steigern, ein omnipräsentes Social Media-Leben geführt hat, ist sie längst in ein tiefes, dunkles Loch gefallen und muss sich nun um sich selbst kümmern, während im World Wide Web gerade mal Funkstille herrscht, was ihre Kunst und ihre Präsenz als Star betrifft.

Die Fans sitzen auf dem Trockenen, sie warten auf ein Lebenszeichen, doch diesmal geht nichts mehr. Maja muss leiser treten, sehr leise, und zwar als Aushilfskraft an einer Schule, an der sie, wie kann es anders sein, auch dort ihren Fans begegnet. In diesen Job setzt Maja keine hohen Erwartungen – mehr als Supplierstunden muss sie nicht bewältigen. Landsvik sieht ihr dabei zu, wie sie das macht. Er sieht ihr dabei zu, wie sie zaghaften Kontakt zu ihren Kollegen knüpft, wie sie alte Freundinnen wiedertrifft und derweil bei Mama unterkommt, denn allein lassen kann man Maja momentan nur schlecht.

Film und Star unter dem Radar

Langsam hocharbeiten ist die Devise. Langsam nachspüren, ob Musikmachen schon geht oder noch nicht. Immer wieder mal probieren. Für diese Rolle des ausgebrannten jungen Shootingstars hat Landsvik tatsächlich einen weltbekannten norwegischen Star verpflichten können: Marie Ulven Ringheim, besser bekannt als Girl in Red, und ich weiß nicht, warum: Ihr Gesicht kommt mir bekannt vor, obwohl ich, das muss ich zugeben, von dieser Künstlerin noch nie etwas gehört hatte.

Ich muss auch zugeben, dass ich Low Expectations gar nicht mal auf meiner Watchlist für die Viennale hatte, sondern im Rahmen einer Sneak Preview überhaupt erst in den Genuss dieses Filmes gekommen bin. Wie gut ist das Drama über Burnout, über die Schritte zurück in ein Leben, das zukünftig wohl nicht mehr aus Reisen, Interviews, Konzerten und jeder Menge Social-Media-Stress besteht?

Die menschelnde Nüchternheit eines Nordic Dramas

Ihn gesehen zu haben, bereue ich nicht. So richtig begeistert bin ich aber auch nicht, was wohl daran liegt, dass sich Landsvik längst nicht so fulminant und versiert am Stil des psychologischen Realismus Nordeuropas bedient wie Dan Johan Haugerud, der mit seiner Oslo-Trilogie intensives Dialogkino zwischen pragmatischer Vernunft und Emotion vervollkommnet hat. Wenn sich schon Menschen mit ihrer Existenz und ihren Sehnsüchten auseinandersetzen und wir ihnen dabei zusehen müssen, dann unbedingt so wie bei Haugerud.

Anders als er und mehr wie bei Mia Hansen-Løve (An einem schönen Morgen), aber nicht mit deren poetischer Verklärung, sucht Landsvik nicht die Auseinandersetzung oder den sozialen Konflikt. Low Expectations beobachtet, begleitet und blickt mitunter zur Seite auf eine Coming-of-Age-Sidestory, wagt aber keinen Diskurs. Bescheidenheit ist so lange leistbar, solange sich Landsvik auf Marie Ulven verlassen kann. Ziemlich riskant, doch es funktioniert.

Die eigene Erfahrung mitgenommen

Mir ihrem authentischen Spiel, da sie schließlich weiß, was ihre Figur erlebt haben muss, und weil Marie Ulven nahe genug an den Problemstoff herankommt, vermeidet sie nordische Psycho-Tristesse, die als Arthouse durchgehen will. In Low Expectations stößt man in so manchen Szenen in sehr Persönliches vor, vielleicht auch von Ulven autobiografisch Mitgebrachtes. Das macht die blasse, verwaschene Nüchternheit, in die Landsvik sein ruhiges Drama taucht, lebendiger und nahbarer als gedacht.

Low Expectations (2026)

Sanguine (2026)

STRESS GEBIERT UNGEHEUER

8,5/10


Mara Taquin als Praktikantin Margot im Film Sanguine
© 2026 ARP Sélection / Trésor Films / Windy Production


LAND / JAHR: FRANKREICH, BELGIEN 2026

REGIE / DREHBUCH: MARION LE CORROLLER

KAMERA: GUILLAUME SCHIFFMAN

CAST: MARA TAQUIN, KARIN VIARD, KIM HIGELIN, SAMI OUTALBALI, STEFAN CREPON, SONIA FAIDI, CLÉMENT BRESSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 43 MIN



Die jungen Leute von heute

Oft haben sich die Älteren darüber gewundert. Mittlerweile wundert einen gar nichts mehr, wenn man nach Frankreich, Italien oder Deutschland auf die Straßen blickt. Die jungen Leute von heute sind aber auch nicht über einen Kamm zu scheren, Gott behüte.

Sie teilen sich grob betrachtet in zwei Lager. Die einen streben eine Work-Life-Balance an, wollen den Hedonismus nicht zu kurz kommen lassen und die Selbstfürsorge über alles andere stellen, während sie Arbeitszeiten reduzieren. Die anderen sehen das natürlich anders: Hier gilt die Leistung, sie wollen Karriere machen, sie würden alles dafür geben – und fügen sich dem Druck, der dort oben, in den akademischen Höhen, zum Beispiel eines Medizinstudiums, herrscht. Dort wird man zum Halbgott in Weiß, und ohne Fleiß kein Preis.

Streng dich ein bisschen an!

Weg von dieser platten Floskel hin zu einem Fallbeispiel, das sich die Filmemacherin Marion Le Corroller ausgedacht hat. Sanguine nennt sich dieser Film, der sich mit dem austauschbaren internationalen Titel Species herumschlagen und diesen noch mit Roger Donaldsons Alien-Verschnitt aus den Neunzigern teilen muss. Sanguine sagt deutlich mehr aus – und nimmt auch nicht ganz so viel vorweg.

In dieser Welt der Leistung, der Überstunden und einer Arbeit, die Ego und Existenz definiert, stellt sich Margot als Praktikantin den Herausforderungen einer Notaufnahme. Als wäre das nicht schon stressig genug, steht sie auch noch unter einem ganz anderen Druck, nämlich jenem, den die unerbittliche Oberärztin Helene ausübt. Ganz unten, am erbärmlichen Ende der Erfolgs-Nahrungskette baumelt sie also und schafft es nicht, diesen durchgetakteten Anforderungen gerecht zu werden.

Nicht nur ein Fall für die Dermatologie

Was in dieser Welt, die Le Corroller hier heraufbeschwört, nebenbei noch passiert, ist eine Art Krankheit, die sich ausbreitet, und zwar bei genauso jungen Menschen wie Margot, die den Anforderungen des Alltags, der Gesellschaft und ihren Bedürfnissen gerecht werden müssen. „Leiste oder stirb, geh einen Schritt weiter aus deiner Komfortzone und mach die Extrameter, Extrakilometer, ganze Meilen, damit du es schaffst und nicht zu einem Niemand wirst.“ Und plötzlich passiert etwas.

Plötzlich proben die jungen Leute von heute den Aufstand. Randalieren, laufen Amok, töten. Ein rötlicher Ausschlag (daher der Begriff Sanguine), frappant erinnernd an Masern, Röteln und all den ganzen Pschyrembel-Wahnsinn, macht den Anfang. Was dann passiert, kippt den Film ins Phantastische, aber immerhin in den sozial- und gesellschaftskritischen Pool, in dem schon die Filmemacherinnen Julia Ducournau und Coralie Fargeat schwimmen.

Märchen von den Neuen Menschen

Sanguine gesellt sich zu Werken wie Titane, Alpha (beide von Ducournau) und The Substance (Coralie Fargeat) – mittlerweile haben Filme solcher Art auf dem Subgenre, das der Kanadier David Cronenberg mit seinen Exkursionen über die Entfremdung der menschlichen Physis begründet hat, aufgebaut. Sie machen den sozialökonomischen, gesellschaftskritischen Bodyhorror „fit for the future“, schließlich interpretiert dieser nicht nur aus feministischer Sicht Missstände des aktuellen Lebenswandels neu, sondern denkt mehrere Schritte weiter, mit dem Blick über den Tellerrand. Zu sehen ist ein Worst Case oder das Ende einer Entwicklung, die sich längst angebahnt hat und seltsame Formen annimmt.

Diese Formen sind am Ende monströs, allerdings weniger im Verhalten der Protagonistinnen, sondern in deren genetischen Beschaffenheit. All diese Filme – Titane, Alpha, The Substance und nun auch Sanguine – bringen zivilisatorische Entwicklungen in den Kontext der Evolution, die rascher voranschreitet, als es Darwin je lieb gewesen wäre. Es ist die organische Anpassung an einen künstlich geschaffenen Lebensraum, entweder aus der Technik, aus einer latenten Angstgesellschaft oder aus einer sich immer höherschraubenden Erwartung der anderen.

Unruhe und Ablehnung

Sanguine ist dabei ein Film, der ambivalente Empfindungen hervorruft. Und das ist gut so. Ein Werk, das polarisiert, das man während des Betrachtens vielleicht sogar ablehnt, um dann doch noch länger darüber zu sinnieren, hat seine Sache gut gemacht.

Auch ich musste Sanguine zwischendurch ablehnen, wunderte mich über das Verhalten der Protagonistin, rollte verächtlich die Augen ob der scheinbar nicht ganz durchdachten Handlung und den unreflektierten Verlauf, den das ganze Drama nimmt. Es stimmt schon, Sanguine macht nicht alles richtig, verpasst manchmal den Absprung, strapaziert die Nerven, hängt sich vielleicht an dem einen oder anderen Klischee auf. Doch rückblickend und in der Nachbetrachtung ist dieser Mangel das irrationale menschliche Verhalten in einer Stresssituation, die nicht enden will. Letztlich passt alles zusammen und darf sich insofern verbiegen lassen, da es auf eine radikale Conclusio zusteuert, nicht minder radikal als bei Ducournau, vielleicht sogar noch expliziter und treffender.

Die neuen Wilden des Arbeitsmarkts

Nach dem Abschlussfilm des Slash folgt der eigentliche Abschlussfilm. Sanguine ist das krönende, pompöse und wilde Finale einer ohnehin aufgeweckt kritischen Festivalwoche, die die globalen Zustände auf unterschiedliche, diesmal vorwiegend satirische Weise kommentiert. In Le Corrollers Film fehlt die Satire aber letztlich dann doch, der Horror verselbstständigt sich, vereint sich mit einer dystopischen Social-Fiction, die dem Arbeitsmarkt den Krieg erklärt. Die Schlusspointe sitzt, die Botschaft kommt an.

Sanguine (2026)

Recluse (2026)

LEBENSBEICHTE EINES HAUSES

5/10


Xander Berkeley als bedrohliche Vaterfigur in Recluse
© 2026 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE / DREHBUCH: HENRY CHAISSON

KAMERA: BRYCE HOLDEN

CAST: SASHA FROLOVA, XANDER BERKELEY, TOBY POSER, MIA VALLET, KIMBALL FARLEY, FRANKIE SERATCH U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN



In den Sechzigern landete Schlagersänger Bruce Low einen morbid-finsteren und dennoch humorvoll intonierten Hit: Das alte Haus von Rocky Docky. Da kann man, also zumindest ich, gleich mitsingen. Schließlich hat dieses alte Haus vieles schon erlebt, kein Wunder, dass es zittert, kein Wunder, dass es bebt.

Häuser solcher Art können viel erzählen, wenn man sie denn versteht. Jahrhunderte haben sich in Gemäuer wie dieses eingeschlichen: Auren verblichener Persönlichkeiten, Erinnerungen, Reste von Leid und Glück und Trauer, Behaglichkeit und Angst. Da zittert und bebt, jammert und weint es – auch diese Zeile findet sich in Bruce Lows launigem Architektur-Steckbrief.

Einem Gemäuer das Mikro hinhalten

In Recluse jammert und weint auch so einiges – um das alles interpretieren zu können, hat Protagonistin Joan, die als Soundtechnikerin beim Film ihr Auskommen findet, gleich ihr ganzes Equipment mitgebracht, um in den Gängen, Räumen und Nischen nach dem Klang des Damals zu forschen. Hochsensible Gerätschaften sind das, die man womöglich nirgendwo im Einzelhandel für Normalsterbliche erstehen kann, da bedarf es schon der Fachkenntnis von Experten.

Mit diesem schmucken Equipment geistert Joan durch das Anwesen mit sehr wahrscheinlich düsterer Geschichte. Es ist der Ort ihrer Kindheit, die nicht ganz so lieblich gewesen sein mag, wie sich das manche gerne für ihre eigene gewünscht hätten. Irgendeinen Faktor kann Joan nicht fassen. Und es ist nicht ihr Vater, der im Erdgeschoß in einem Bett vor sich hinvegetiert und nur noch auf das Ableben wartet, schwer gezeichnet durch Verbrennungen und das Gesicht hinter einer weißen Gipsmaske verborgen, die bei schnellem Hinsehen so aussieht, als wäre sie Michael Myers entwendet worden.

Gruselig kann man das Szenario durchaus nennen, doch das ist nicht der Grund, warum Joan Kontakt zu ihrem alten Herrn anfangs tunlichst meidet. Der war schließlich zu seiner aktiven Zeit hochgelobter und abgöttisch verehrter Künstler, praktizierend mit dem Okkulten und für die Familie nicht greifbar. So ein Ego-Trip forderte seine Opfer. Damit hat auch dieses rätselhafte Geheimnis zu tun, das in den alten Wänden schlummert. Darüber hinaus spukt noch die verstorbene Mutter durch den Flur – in jedem Fall lohnt es sich, als Geisterjäger dranzubleiben. Alle anderen würden hier Reißaus nehmen, denn es kann sein, dass das Blut gefriert.

Im Haunted-House-Grusel daheim

Das Blut gefror schon bei Shirley Jacksons verfluchtem Hill House, einem Gothic-Schauerroman, der in den 60er Jahren und später von Mike Flanagan stilsicher verfilmt wurde. Doch nicht nur Flanagan hat eine Vorliebe für verfluchte Häuser, auch Henry Chaisson, der bislang als Autor unter anderem für Antlers oder Servant tätig war und nun seine erste eigenständige Arbeit präsentiert, hört das Flüstern und Rumoren, das Knarzen der Dielen und spürt die Kälte unruhiger Seelen in der Zwischenwelt.

Ganz im Stile Flanagans plustert sich Recluse (was soviel heißt wie Einsiedler) zu einem traumatischen, jedoch umständlich erzählten Familiendrama auf, dessen halbtote Ahnen Zeit ihres Lebens so einige Fehler machten. Mit rätselhaften Figuren wie der langjährigen Haushälterin oder einer Pflegerin für den alten Herrn, die mehr Zeit mit ihm verbringt, als sie müsste, gestaltet Chaisson sein Gruseldrama zu einem Cold-Case-Whodunit aus, der auf etwas zähe Weise Verborgenes ans fahle Licht des Tages bringt.

Der Funke springt nicht über

Sasha Frolova als zentrale Figur jenes Films verpasst in ihrem Spiel allerdings die Gelegenheit, dass man sich für sie und ihre Familiengeschichte auch wirklich interessiert. Genauso zäh, wie der Film in Gang kommt, genauso sperrig zeigt sich unsere Hauptfigur, für die sich wenig Zuneigung empfinden lässt. Damit fügt sie sich aber gut ins ganze Ensemble ein, denn die übrigen Verdächtigen und Nicht-Verdächtigen bleiben auf Distanz zur knisternden, kratzenden und jaulenden Geschichte, die sich in ihrer filmischen Umsetzung zu sehr auf den Sound verlässt und auf stimmige Atmosphäre verzichtet.

Recluse (2026)

AnyMart (2026)

TOTALITARISMUS IM SONDERANGEBOT

7/10


Shôta Sometani folgt den Regeln im Film Anymart
© 2026 Slash Filmfestival


LAND / JAHR: JAPAN 2026

REGIE / DREHBUCH: YUSUKE IWASAKI

KAMERA: MAO OHKAWARA

CAST: SHÔTA SOMETANI, ERIKA KARATA, MASAHIKO NISHIMURA U. A.

LÄNGE: 1 STD 28 MIN



Ein Trailer, der nichts preisgibt

Zeig mir den Trailer, und ich sag dir, ob ich mir den Film ansehe: Das, was man vorab von AnyMart zu sehen bekommt, wird wohl niemanden so schnell dazu bewegen, ins Kino zu gehen. Wir sehen einen Japaner, womöglich Mitte zwanzig, irgendwo an einer Supermarktkassa irgendeiner Lebensmittelkette, daher auch der Titel: AnyMart.

In so einem Laden steht da einer und schaut – ausdruckslos, gelangweilt und fast schon wie in Trance. Diese Gleichgültigkeit nahe am Gehirn-Standby hat auch etwas Bedrohliches. Langsam fährt die Kamera näher, als würde gleich in der nächsten Sekunde etwas Entsetzliches passieren. Doch es ist nur dieser Mann, der während des Wartens auf Kundschaft vor sich hin starrt. Was will uns dieser Trailer damit sagen?

Endstation Supermarkt?

Ist es die Ruhe vor einem Amoklauf? Aufgestauter Frust? Ermüdung angesichts der Uniformität verpackter Hühnerteile? Bedient AnyMart das Gerücht oder vielleicht das Klischee, dass im gehorsamen Mikrokosmos eines Supermarktes ein Tag wie der andere ist, jede Woche wie die nächste und jedes Jahr wie das darauffolgende? Dass es zwischen Kassa, Rabattaktionen und dem Nachschlichten von Waren nichts gibt außer das Vakuum eines zomboiden Konformismus, den das Management vorschreibt?

Das Urteil, das AnyMart über eine gesamte Branche fällt, ist aber nur eine Metapher für etwas ganz anderes. Und zwar für ein System aus Regeln, Normen und Disziplin. Ist dieses Konstrukt erstmal geschaffen, lässt sich das Individuum so sehr unterordnen, dass es nicht mehr zu denken braucht.

Die totale Kontrolle

In diesem kleinen Lebensmittelladen arbeitet der bereits aus dem Trailer bekannte Sakai – es stellt sich heraus: Völlig eingelullt von der Tristesse des Alltags ist er noch nicht, doch er folgt brav den Anweisungen seines Vaters, dem das Geschäft gehört. Dieser sitzt vorwiegend in einem schmalen Hinterzimmer vor dem Bildschirm und beobachtet seine Bediensteten, er ist Herr über Recht und Ordnung. Was er sagt, ist Gesetz. Selber denken darf hier keiner, sondern ausschließlich befolgen, was zu tun er aufträgt. Ein Big Brother im Kleinformat.

Die totale Unterdrückung

Diese Starre des Systems ist unerbittlich. Nichts bewegt sich, jede Abweichung wird geahndet. Und dann kommt Ogawa, eine engagierte junge Frau, die sich so viel Geld dazuverdienen will, um nach ihrer Ausbildung zur Friseurin einen eigenen Laden zu eröffnen. Siehe da, da hat jemand Ambitionen. Da denkt jemand selbst. Auch gegenüber dem AnyMart versucht es ein Einzelunternehmer mit Quiches aller Art.

Der Konformismus schlägt jedoch überall zu, das Individuum zählt nichts, die Furcht und die Abscheu vor Ideen brennen auch das letzte Fünkchen Hoffnung auf selbstbestimmten Erfolg nieder. Wie unbarmherzig lässt diese triste Dystopie eines Arbeitsmarkt-Horrors die Peitsche knallen. Schwarzhumorig kann man das nennen, oder aber auch zutiefst zynisch. Das leise Aufbegehren gegen Windmühlen mag gar nie zu einer Revolution ausarten, denn unter den Teppich gekehrt wird, was das System fehlerhaft erscheinen lässt.

Anders gedacht ist schon halb verloren

Der ebenfalls besondere und außerhalb der Wahrnehmung existierende Geheimtipp Corner Office schickt Jon Hamm statt in den Supermarkt ins Büro, um dort einen imaginären Raum zu entdecken, der die Leistungsfähigkeit beflügelt. Gern gesehen wird das Ausscheren aus der Reihe dort genauso wenig wie im japanischen Plastikverpackungs-Eldorado. Während Corner Office als smarte Mystery daherkommt, taucht AnyMart resignierend in die Finsternis ab.

Dabei zündet Regiedebütant Yusuke Iwasaki für seinen ersten Spielfilm eine lange Lunte. Die repetitive Trostlosigkeit der Existenzen mag in ihrer ereignislosen Nüchternheit beunruhigen – und ja, AnyMart bleibt selbst unbeweglich und starr in der Schilderung tödlichen Starrsinns in einer Vorhölle aus Ordnung, die keinen Widerspruch duldet.

Der wohl bitterste Film des ganzen Slash Filmfestivals ist ein Spätzünder und wirkt mit einiger Verspätung erst so richtig nach wie Muskelkater. Als hätte man sich halb zu Tode geschuftet und wüsste gar nicht mal, wofür.

AnyMart (2026)

Mag Mag (2025)

BITTE NICHT KÜSSEN!

8/10


Mag Mag macht sich bemerkbar bei jenen, in die sie verliebt ist.
© 2026 Slash Filmfestival


ORIGINALTITEL: MAGA MAGA ONNA

LAND / JAHR: JAPAN 2025

REGIE: YURIYAN RETRIEVER

DREHBUCH: EISUKE NAITO

KAMERA: HIDEKI SHIMA

CAST: SARA MINAMI, OSHIRO MAEDEA, AOI YAMADA, ATSUKO HIRAT, TAKUMI SAITO, MARINA MIZUSHIMA U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Wie heißt es so schön beim Slash? Let’s watch some pretty fucked up movies together. Bevor in drei Wochen die Viennale mit durchwegs intellektuellem, aber weniger fantastischem Arthouse die Säle füllen wird, darf beim nicht weniger intellektuellen, aber dafür doppelt rotzfrechen Stelldichein des fantastischen Films noch so richtig der eine oder andere drogenfreie, aber nicht symptomlose Trip genossen werden. Einer davon ist im japanischen Kino zu finden. Zur Freude all jener, die dieses Jahr als ein solches feiern, in dem das Genrekino so richtig aufdreht.

Die neuen Wilden

Will man jetzt schon einen Rückblick auf dieses Jahr wagen, dann stechen zwei Innovationen hervor, die als inspirierende Querschläger gar nicht mal aus der Filmwissenschaft kommen, sondern ihren Ursprung in den sozialen Medien haben. Dort, wo überhaupt alles erlaubt ist, wo die Grauzone groß und wo neben all dem, was uns an diesem Medium nervt, obskure Ideen blitzen. Wie zum Beispiel jene von einer Meta-Welt aus gelben Räumen, kurz genannt Backrooms. Kane Parsons hat sie vor Jahren als Creepypasta ins Leben gerufen. Und dann haben wir noch Curry Barker, einen YouTube-Filmer, der mit Obsession wie kaum ein anderer davor warnt, nicht jede Beziehungskiste gleich zu öffnen, wenn es darin rumpelt.

Eine ganz andere Wilde

Wer sich zu diesen beiden noch dazugesellen könnte, ist Yuriyan Retriever. Hierzulande wohl weniger bekannt, reüssiert sie in Japan als bekannte Comedian, die nebenher noch singt und Hip-Hop macht. Als Einstimmung auf ihren ersten abendfüllenden Spielfilm lässt ihre Videobotschaft in Sachen Absurdität kaum zu wünschen übrig. Das kann ja heiter werden – und wird es auch.

Mag Mag ist zwar immer noch im Grunde seines Wesens ein Beitrag zum J-Horror, der sich mit Ring oder The Grudge durchaus verwandt fühlt, der aber relativ früh ausschert und seine eigenen Wege geht. Vielleicht auch in Richtung Curry Barker. Yuriyan Retriever und Autorin Eisuke Naito variieren das Thema aber so sehr, dass man es gleichsetzen könnte mit einem Puzzle, dessen Katzenmotiv so sehr anders zusammengesetzt wird, dass dem Betrachter ein felliges, freakiges Etwas entgegenschnurrt. In diesem Fall ein überdimensional großer, weiblicher Geist, gekleidet in rosaroten Rüschen, mit strähnigem schwarzem Haar (was denn sonst), roten Lippen und diese stets zu einem Kussmund geschürzt, denn Mag Mag, so der Name der paranormalen Entität, ist verliebt.

Dämon, ich hör dich schmatzen

Ist Mag Mag einmal verliebt, gibt’s kein Entrinnen mehr. Dabei ist verliebt geradezu ein schwaches Adjektiv. Mag Mag ist besessen – womit wir die größte Umkehr im Geisterhorror haben, die es gibt. Dass Geister selbst von etwas besessen sind, ist neu. Obsessionen ziehen sich durch Retrievers ganze Wundertüte, die nicht nur einmal aufpoppt und kunterbunt-grausamen Inhalt über ihr Publikum schüttet. In der Wundertüte steckt nämlich noch eine Wundertüte, und immer wieder.

In diesem nach Blickwinkeln unterteilten Panoptikum ungehemmter Impuls-Ideen erschrickt man von neuem nicht wegen platter Jumpscare-Momente, sondern aufgrund nicht für möglich gehaltener Möglichkeiten, wie diese Groteske noch ausgehen kann.

Der Horror der Ablehnung

Wie in Barkers Obsession handelt Retrievers kleiner Wahnsinn genau davon – und von noch viel mehr. Hinzu kommen Neid, Missgunst und der hier schmerzlich vorgetragene psychologische Terror der böswilligen Ausgrenzung. Dabei hat Retriever auch mit Schauspielerin Sara Minami eine Drama-Queen an Bord, die Inde Navarette zeigt, wie besessen man auch ohne Zauber sein kann. Sara Minami aber ist nicht Mag Mag – wenn es denn so einfach wäre!

Begebenheiten, bei denen Retriever aus eigenen Erfahrungen schöpfen konnte und bei denen auch das Verhalten junger, geschlechtsreifer Machos und Egomanen autobiografisch gefärbt ist, dienen als Inspiration. Mit diesen Erkenntnissen lässt sich rundumschlagen.

In the Mood for Love and Hate

Und Mag Mag tut es auch. Verstört, führt vor, verschreckt und holt sich ihre Lacher. Vieles ist so absurd, dass man währenddessen nicht glauben kann, dass das alles in Wahrheit einem roten, durchdachten Faden folgt. Einer berührenden, metaphysischen Parabel über Verantwortung, Illusion und Wahrheiten, die wir alle zu bestimmten Dingen im Leben oft nicht wissen wollen.

So entfesselt Mag Mag auch ist, und so oft die Horrorkomödie ihren Gemütszustand wechselt wie Figuren im Spiel sind, so sehr hat sie ein Ziel vor Augen. Am Ende wird es dann fast schon märchenhaft, weniger spottend, richtig schön. Mag Mag ist ein ungefälliges Erlebnis, das man mag oder eben nicht. Egal wie man dazu steht, eines ist klar: Mag Mag traut sich was.

Mag Mag (2025)

Monkey Man (2024)

VOM WILDEN AFFEN GEBISSEN

7/10


monkeyman© 2024 Universal Studios. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: USA 2024

REGIE: DEV PATEL

DREHBUCH: DEV PATEL, PAUL ANGUNAWELA, JOHN COLLEE

CAST: DEV PATEL, SHARLTO COPLEY, PITOBASH, VIPIN SHARMA, SIKANDAR KHER, MAKARAND DESHPANDE, ASHWINI KALSEKAR, SOBHITA DHULIPALA, VIJAY KUMAR, ADITHI KALKUNTE U. A.

LÄNGE: 2 STD 2 MIN


Er fühlt sich an wie ein Bollywood-Actioner, ist es aber nicht. Monkey Man von und mit Dev Patel verortet sich zwar irgendwo in einer fiktiven indischen Megacity, genannt Yatana, trägt die Versatzstücke für einen Bollywood-Overkill aber, wie ihn moderne Subkontinent-Klassiker wie RRR bereits entfesselt haben, nicht wie einen Bauchladen vor sich her. Denn Dev Patel will nur eines: Dass sein Actionfilm sich selbst genügt und zu einer respektvollen und nicht verlachbaren Verbeugung vor jenen Mythen wird, mit denen er womöglich großgeworden ist. Und so taucht Monkey Man tief in die hinduistische Götterwelt ein, ohne Götter von irgendwo her aus ihren Parallelwelten zu rekrutieren. Diese bleiben Legenden, ohne sie vorführen zu müssen. All das, all diese Geschichten, nähren den Überlebenswillen des Monkey Man im Kopf. Mit dieser Motivation und jener, die er aus dem entsetzlichen Schmerz lukriert, den der gewaltsame Tod seiner geliebten Mutter mit sich gebracht hat, nimmt Dev Patel sein Schicksal und das vieler böser Jungs selbst in die Hand.

Was er entfacht, ist weitaus, dreckiger, blutiger und emotionaler, als es der stoische Keeanu Reeves mit dem Hang zur selbstironischen Übertreibung jemals angepeilt hätte. Bei John Wick sprechen die Projektilwaffen eine andere Sprache, nämlich die auf Distanz. Bei Monkey Man ist es der brachiale Nahkampf mit Fäusten, Scherben, Messern. Diese Nähe zum Gegner ist nicht nur Voraussetzung für intensive Martial Arts-Parcours, wie wir sie aus Gareth Evans‘ The Raid kennen, einem modernen Klassiker des asiatischen Metzelkinos, in welchem sich Uko Iwais durch ein ganzes Hochhaus schnetzelt. Diese Nähe zum Gegner entfesselt vor allem eine tiefgreifende, traumatisierte Sehnsucht: Die endgültige Konfrontation.

In diesem Willen und der manischen Pflicht, die Mörder seiner Mutter zu stellen, liegt die ganze Triebkraft von Dev Patels Film, der erstmals selbst Regie führt und gut daran getan hat, die Rolle des Kid gleichzeitig auch mit sich selbst zu besetzen. Auf diese Weise kann Patel die subjektive Idee seiner Figur ungefiltert ausleben und gestaltet diese zu einer Nemesis, die gut zu einer Underdog-Gesellschaft passen würde, die in der fiktiven DC-Metropole Gotham rund um Batman mit ihren eigenen Dämonen hadert.

In so einem Moloch verdingt sich Kid als affengesichtiger Prügelknabe bei illegalen Boxkämpfen. Stets muss er, so ist es mit seinem Auftraggeber Tiger (Sharlto Copley, die beiden kennen sich aus Chappie) vereinbart, auf die Matte gehen, ohne selbst zu gewinnen. Er tut dies, um erstens den eigenen Schmerz zu ersticken, und zweitens, um nebenher an einem Racheplan zu schmieden, der zum Ziel hat, den selbsternannten Guru Baba Shakti und seine rechte Hand, den Polizeichef Rana, welche die ganze Stadt unter ihre Kontrolle bringen wollen, hinzurichten. Dabei muss er sich im wahrsten Sinne des Wortes vom Tellerwäscher zum gnadenlosen Rächer hocharbeiten, knüpft Beziehungen, manipuliert und unterwandert das verkorkste Etablissement des King’s Club, der als Umschlagplatz für Drogen, Geld und für sinistre Machenschaften der beiden genannten Antagonisten dient. Es ist ein langer, steiniger Weg bis zum Tag X, an welchem die beiden Unmenschen dran glauben sollen.

Welche Action Dev Patel dabei entfesselt, ist, als hätte nicht S. S. Rajamouli, sondern einer wie Danny Boyle einen Slumdog Millionaire zum Slumdog Avenger werden lassen. Schnelle Schnitte, entfesselte Kamera, getaucht in Neonlicht, in den fahlgelben Schein müder Straßenlaternen, in Staub, Schweiß und Dreck. Mit erstaunlichem Gespür für Timing und von jenen gelernt, unter deren Regie er bislang gestanden hat, behält Dev Patel die konzentrierte Mitte zwischen exotischer Opulenz, weihrauchstäbchengeschwängertem Mystizismus und der sichtbaren Überanstrengung menschlicher Körper, deren physisches Potenzial bis an die Grenzen geht. Das sichtbar Indische in diesem Film wird zur Energiequelle, auf welche sich der Monkey Man erst besinnen muss, darüber hinaus ist alles andere jedoch ein ort- und zeitloses Stück Actionkino mit Event-Charakter, in welchem die unstillbare Wut eines der Zukunft beraubten Kindes im Körper eines Erwachsenen zu brüllen anfängt. Als wildgewordener Affe, der gerne auch mal zubeißt, wenn sonst nichts zur Hand ist, bleibt Patel wenig zimperlich. Tendenziell so brutal wie The Raid, aber immer noch gefälliger, sterben die Bösen explizite Tode. Die Unkaputtbarkeit eines John Wick weicht eines verausgabten, keuchenden Hanuman. Dass das Schauspiel durchaus immersiv wird, liegt auch an einem ausgewogenen, pointierten Score von Jed Kurzel, der indische Rhythmen mit erdigem Synthie-Score verbindet, manchmal gar mit Radio-Klassikern daherkommt und die gewaltsamen Szenen stimmig konterkariert.

Diese Stimmung ist es auch, die ihr Level hält. Natürlich können geradlinige Rachegeschichten wie diese, die nicht auf der Klaviatur melancholischer, französischer Noir-Gangsterfilme spielen, sondern Gut und Böse klar auf simple Weise voneinander trennen, nur zu einem einzigen Ziel führen, um zu entladen, was sich im Laufe der Handlung alles aufgestaut hat. Das ist ein gängiges Konzept, kann aber, wie man sieht, angenehm anders variiert werden. Man muss den Anti-Helden in seiner alles entpriorisierenden Todessehnsucht nicht überhöhen, man kann ihn Mensch oder Tier sein lassen, niederen Instinkten folgend, ohne ihn auf angeberische Weise seinen Krawattenknoten richten zu lassen, nachdem der Bösewicht besiegt ist. Monkey Man macht das. Sein tragischer Affe ist alles andere als Bingo Bongo, er könnte ein mythischer Superheld sein. Mit Kräften, die aus sich selbst heraus entstehen.

Monkey Man (2024)

Eineinhalb Tage (2023)

ROADMOVIE AUS DEM SETZKASTEN

4/10


eineinhalbtage© 2023 Netflix Inc.


LAND / JAHR: SCHWEDEN 2023

REGIE: FARES FARES

DREHBUCH: FARES FARES, PETER SMIRNAKOS

CAST: FARES FARES, ALMA PÖYSTI, ALEXEJ MANVELOV, ANNIKA HALLIN, STINA EKBLAD, ANNICA LILJEBLAD, RICHARD FORSGREN, BENGT C. W. CARLSSON U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


Was haben Aki Kaurismäkis lakonisches, vielfach ausgezeichnetes Sozialmärchen Fallende Blätter und das Regiedebüt des schwedischen Schauspielers Fares Fares gemeinsam? Die Schauspielerin Alma Pyösti, die 2020 mit Tove, der Filmbiografie nämlicher Künstlerin, erstmals einem breiteren Publikum bekannt wurde. Seit September letzten Jahres wird sie auf Netflix als Krankenpflegerin Louise eines schönen Tages von Artan, ihrem Ex-Ehemann, heimgesucht, der, bewaffnet und emotional im Ausnahmezustand, einfach beschließt, die Mutter seiner Tochter als Geisel zu nehmen. Menschen wie Artan werden zum Unsicherheitsfaktor schlechthin, inmitten eines sicheren Europas, wo die Exekutive noch zeitnah heranrückt, wenn irgendwo einer beschließt, anderen den fremden Willen aufzuzwingen. So eine unschöne Situation lässt sich durch geschulte Verhandler entsprechend entschärfen, nur die Zeit drängt, und das Spezialkommando lässt sich bitten. Fares Fares ( u. a. Die Nile Hilton Affäre, Die Kairo Verschwörung) höchstselbst gibt den Exekutivbeamten, der in rechtschaffener Selbstlosigkeit dem aufgelösten Familienvater entgegentritt. Es gelingt ihm gar, das Geiseldrama ins Innere eines Polizeiwagens zu verfrachten, weg von all den Schaulustigen und Betroffenen, weg von möglichen Kollateralschäden, rauf auf die Bundesstraße – es bleiben Louise, Artan und der Polizist, unterwegs zu den Schwiegereltern des Mannes, dessen Tochter dort in deren Obhut weilt. Das Roadmovie kann beginnen.

Wie der Titel schon verrät, sind alle drei einen knappen Tag lang, eine Nacht und wieder einen halben Tag unterwegs. Stets hintendrein: Ein Konvoi an Polizeiwägen. Kommt einem dieses Szenario bekannt vor? Natürlich. Zwar liegt der Klassiker schon einige Jahrzehnte zurück, doch Sugarland Express von Steven Spielberg fasziniert immer noch. Allein schon wegen Goldie Hawns famoser Darstellung der Lou Jane Poplin, die ihren Mann aus dem Gefängnis befreit, einen Polizeiwagen samt Beamten kapert und diesen zwingt, die Pflegeeltern ihres kleinen Sohnes aufzusuchen. Sowohl Spielbergs Roadmovie-Klassiker als auch Fares Fares‘ Familiendrama auf vier Rädern beruhen auf wahren Begebenheiten – letzterer wohl mehr oder weniger nur sehr vage. Eher diente eine ähnliche Gesamtsituation, die es nicht mal in die internationalen Medien schaffte, als Inspiration für einen Film, bei dem man sich fühlt, als führen Opfer, Täter und Verhandler im Kreisverkehr, ohne abzubiegen. Der gebürtige Russe Alexej Manvelov punktet anfangs zwar mit einer beunruhigend nervösen Art, die aber auf Dauer keine Variationen zulässt und im Laufe des Films, der gottseidank keine eineinhalb Tage dauert, zusehends nervt. Alma Pöysti daneben auf der Rückbank hat wenig Text, gibt die Eingeschüchterte und auch sie kann ihre Figur im Laufe der Handlung kaum durch neue Erkenntnisse bereichern.

Nicht jeder, der schauspielern kann, ist auch im Regiefach bestens aufgehoben, geschweige denn als Drehbuchautor geeignet. Fares Fares hat für Eineinhalb Tage schließlich alles übernommen – und zumindest beim Skript auf vertraute Strukturen gesetzt. Ein Konzept wie dieses, auf engstem Raum und überschaubaren Plot, eignet sich bestimmt für ein Debütprojekt. Da Fares sich aber dramaturgisch nicht weiter aus dem Autofenster lehnt wie nötig, wechseln im braven Rhythmus die Interaktionen unter den dreien wie beim Bällewerfen – einmal mehr, dann wieder weniger emotional. Überraschungsmomente gibt es keine, die Geschichte ist vorhersehbar, und irgendwann ist man froh, diesen Artan losgeworden zu sein und überhaupt diese ganze bleierne Autofahrt hinter sich gebracht zu haben.

Eineinhalb Tage (2023)

Aftersun (2022)

DIE WEHMUT AM LETZTEN URLAUBSTAG

6,5/10


aftersun© 2022 MUBI


LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN 2022

BUCH / REGIE: CHARLOTTE WELLS

CAST: PAUL MESCAL, FRANKIE CORIO, CELIA ROWLSON-HALL, BROOKLYN TOULSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Mit Nominierungen und Preisen überhäuft, Kritikerlob da und Kritikerlob dort: Charlotte Wells, bisher maximal mit Kurzfilmen vertreten, die nur Insider kannten, hat mit ihrem allerersten Spielfilm bereits so viele Tore ins Filmbiz geöffnet, die andere sonst nur auf zähem Wege und vor allem mit Vitamin B aufbekämen. Keine Ahnung, wohin Wells es zukünftig verschlagen wird, oder ob man ihr, wie Chloë Zhao, ein Franchise unterjubelt, mit welchem sie nichts anfangen kann. Denn Aftersun ist ein Film, der nicht so danach aussieht, als würde seine Macherin dereinst mit Comic-Helden oder Aliens jonglieren wollen, sondern es lässt sich gut der Eindruck gewinnen, dass Künstlerinnen wie Wells sehr wohl schon ihren Themenkreis gefunden haben. Dessen Materie setzt sich zu Stimmungsbildern zusammen und eignet sich wohl weniger zur geradlinigen Story mit Twist und Showdown. Aftersun legt es aber mitnichten darauf an, sein Publikum zu verwirren oder auf falsche Fährten zu locken. Das wäre, wenn doch, lediglich des Effekts willen probiert. In diesem Film hier geht es um Erinnerungen und gemeinsam Erlebtes, auch wenn das Erlebte nicht aufgrund spektakulärer Begebenheiten unvergessen bleiben will. Die Wucht darin liegt in der familiären Wärme des Miteinanders, der vertrauten Dynamik zwischen Vater und Tochter, unter levantinischer Sommersonne und den gängigen Rhythmen eines Pauschalurlaubes, der nichts dem Zufall überlässt und in welchen sich Touristen wie Sophie (Frankie Corio in ihrer ersten Filmrolle) und Calum (Paul Mescal) fallen lassen können. Viel Schlaf, entspanntes Herumhängen und schickes, abendliches Dinieren. Dazwischen Sonnencreme, Müßiggang am Pool oder Baden im Meer kurz vor Sonnenuntergang. Wir alle wissen, wie sich sowas anfühlt. Wenn die Buchung des Hotels mal so stimmt, wie erwartet, sind Zeit und Alltag ausgehebelt, zählt nur noch das Jetzt ohne Tagescheck, und oft weiß man nicht, ob die Woche schon rum ist, so versunken scheint man zwischen Sand, Salz und Eiscreme. Und natürlich denken wir uns dann, dass wir irgendwann dortbleiben wollen. Aussteigen, auf diese Weise weiterleben. Daheim alles zurücklassend, weil die Ferne ruft. Tatsächlich lässt sich das auch von der All-inclusive-Bar denken und erträumen. Und nicht nur das. Die elfjährige Sophie und ihr Vater Calum wollen ebenfalls ewig in dieser Vater-Tochter-Konstellation verharren und in den heißen, angenehm ermüdenden Tag hineinleben. Doch irgendetwas, jenseits dieser idealen Kulisse, stimmt nicht.

Denn Vater Calum dürfte für Sophie irgendwann später nur noch Geschichte gewesen sein, verknüpft mit der Erinnerung einer kurzen und zugleich zeitlosen All-Inclusive-Buchung, die sich für ewig als das Bild einer Zweisamkeit ins Gedächtnis der nun schon erwachsenen Sophie gebrannt hat, die eines Tages das selbstgedrehte und kuriose Handycam-Video hervorkramt und in der bittersüßen Stimmung von damals schwelgt. In ihren Gedanken aber befindet sie sich immer wieder auf einer in Stroboskoplicht getauchten, dich bevölkerten Tanzfläche, inmitten das Gesicht ihres Vaters. Oder doch nicht? Wo ist sie hin, die Vergangenheit? Wo ist sie hin, die immer abstrakter werdende und verfremdete Figur von Dad?

Aftersun bietet auf den ersten Blick nicht mehr als aneinandergereihte, repetitive Momente eines Urlaubs. Auf den zweiten Blick versucht Charlotte Wells, das Narrativ einer mit Wehmut aufgeladenen Erinnerung in einem Alltagsfluchtort wie diesen festzumachen. Dabei bleibt sie vage und assoziativ, das Davor und das Danach verliert sich im Dunkeln eines Dancefloors. Was später passieren wird, soll durch seine Variabilität und Undefinierbarkeit dem Zuseher die Möglichkeit geben, sein eigenes Stück Familiengeschichte hineinzuinterpretieren. Aftersun ist ein subjektives Psychogramm, errichtet aus Beobachtungen innerhalb einer kurzen Zeitspanne der Eintracht. Natürlich wirkt das etwas dürftig, für Plot-Fetischisten womöglich zu wenig, die darauf warten, das etwas passiert. Passiert ist aber alles längst, nach der ersten Minute schon. Was wir hier haben, ist das rekapitulative Nachwehen von Vergangenem – intuitiv inszeniert, aber auch schwer erreichbar.

Was in Aftersun bleibt, ist das Eingestehen der Tatsache, Zeit seines Lebens die Leere ertragen zu müssen, die auf vergangenes Glück folgt. Würde sich die Zeit zurückdrehen lassen, würde Sophie den besten Urlaub ihres Lebens niemals anders erleben wollen. Immer und immer wieder.

Aftersun (2022)

Die Farbe des Chamäleons

DAS GLÜCK IN DER TASCHE

6/10


die-farbe-des-chamaeleons© 2022 Jürgen Klaubetz

LAND / JAHR: ÖSTERREICH 2020

BUCH / REGIE: JÜRGEN KLAUBETZ

CAST: ARTJOM GILZ, CANAN SAMADI, KATRINE EICHBERGER, VINZENZ WAGNER, MATHIAS ERICH GRUBER, BORIS POPOVIC, AURELIA BURCKHARDT U. A. 

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Songcontest-Veteran Tony Wegas hat’s vorgemacht – und ging dafür ins Gefängnis: Er hat Handtaschen geklaut. Das ist nun wirklich kein Kavaliersdelikt, zugegeben sogar recht niederträchtig, doch was tun, wenn einer wie Paul Stern unbedingt wissen will, was andere so mit sich führen? All die Utensilien müssen schließlich wichtig sein, denn so eine Tasche, die trägt man nicht umsonst körpernah herum. Da ist alles drin, was den kleinen Notfall deckt und vielleicht auch das Defizit an Glück ausgleichen kann, denn wo man auch hinblickt: dies scheint bitter nötig. Um sich mit Taschendiebstählen den Kick zu geben, dafür muss dieser gewisse Paul Stern, der auf den Plakaten von Die Farbe des Chamäleons mit Gasmaske über Wien stehend die ganze Welt zu umarmen scheint, ziemlich aus der Bahn geworfen worden sein. Das trifft auch zu – bei einem Sportausflug ertrinkt sein bester Freund. Die nahezu letzten Worte: Glück ist wie Petersilie. Ist dem wirklich so? Nicht nach dem Filzen des Diebesguts, dafür aber kommen ganz andere Dinge zum Vorschein, die durchaus seltsam sind – oder auch nur erschreckend profan. Auf diese Weise schließt Paul Bekanntschaft mit zwei Frauen, die aufgrund ihres Lebenswandels sein Interesse wecken. Stehen sich die beiden ihrem Glück nicht selbst im Weg und wissen es gar nicht? Paul kann da nicht länger zusehen und interveniert. Das eigene Leben? Bleibt auf Standby und hat so wenig Eigenfarbe wie ein Chamäleon.

Das bereits 2020 auf den Hofer Filmtagen vorgestellte Debüt von Jürgen Klaubetz erlangt aktuell die Ehre, das Licht der österreichischen Leinwände zu erblicken. Inspiriert von eigenen tragischen Erlebnissen, die sehr wohl auch mit fremden Taschen und ihrem Inhalt zu tun haben, entwirft der Österreicher eine leicht erratische, sprunghaft erzählte Beziehungsdramödie, die, obwohl sie keinen Humor im herkömmlichen Sinn transportiert, nicht ohne einen gewissen Spott für seine anpassungsfähige Hauptfigur bleibt. Das Stöbern im Leben der anderen: spontan würde man hier Vergleiche mit der Parallelwelt auf Social Media ziehen. Da stellt sich aber die Frage, ob der neue Zeitgeist wirklich das ist, was Klaubetz mit ins Spiel bringen will. Hinzu kommt die Krux mit dem unerbetenen Engagement für andere. Dabei ist Paul Sterns bessere Welt nur für andere gedacht, niemals für sich selbst. Das Changieren zwischen unzähligen Leben, die in schnellen Schnitten die fahrige, unangreifbare Existenz des Rollenschlüpfers relativ gekonnt visualisieren, gerät nebst des versponnenen Beziehungsdreiecks zur sozialphilosophischen Charakterstudie, die etwas zu sehr ins Leere mündet. Irgendwo gegen Ende gibt es einen Punkt, da hätte die Parabel einer persönlichkeitslosen Felix Krull-Version einen Schlüsselmoment, der den Clou der Story besser hätte nachwirken lassen. Zu einem Ende wäre Die Farbe des Chamäleons aber auch da nicht gelangt – zu weit holt Klaubetz aus, um gleich drei Leben neu zu überdenken. Doch das Fragmentarische stört kaum – das, wodurch wir uns definieren, ist ohnehin wandelbar und zu Lebzeiten nicht endenwollend.

An inszenatorischen Hürden scheitert hat Die Farbe des Chamäleons kaum, vielleicht hapert‘s manchmal am Timing, jedoch selten am Engagement der Schauspieler (besonders faszinierend: Canan Samadi). Mag sein, dass die vielen Abblenden etwas über Gebühr ausgereizt sind und manche Stimmen aus dem Off, zum Beispiel wenn Stern mit den Bestohlenen telefoniert, zu aufgesetzt klingen. Trotz allem aber: Ein Gefühl für lakonische Identitäts-Abenteuer lässt sich bei Klaubetz sehr wohl entdecken, Ideen hat er dafür scheinbar genug.

Die Farbe des Chamäleons