Guru (2025)

IM ZUCKERHOCH DER BÜHNENPREDIGT

7/10


Pierre Niney als Life Coach in Guru
© 2925 Jerome Prevois / Studiocanal


LAND / JAHR: FRANKREICH 2025

REGIE: YANN GOZLAN

DREHBUCH: YANN GOZLAN, JEAN-BAPTISTE DELAFON

KAMERA: ANTOINE SANIER

CAST: PIERRE NINEY, MARION BARBEAU, ANTHONY BAJON, CHRISTOPHE MONTENEZ, HOLT MCCALLANY, LEANNA CHEA U. A.

LÄNGE: 2 STD 5 MIN



Es tut so gut, kluge Reden zu hören

Bei Ernährungscoaches hört man stets folgendes Leitmotiv: „Du bist, was du isst“. Bei Coaches, die sich mit der Entfaltung und positiven Entwicklung der eigenen Persönlichkeit beschäftigen, schallen folgende Worte durchs bis zum Bersten gefüllte Auditorium, in dem sich eine jubelnde Menge den massenphänomenalen Zucker-Kick holt: „Du bist, was du willst!“

Wenn das so einfach wäre. Wenn da außerhalb der sündteuren Selbstfindungsshow noch irgendwelche Tipps mit auf den Weg gebracht werden würden, um auch im Alltag all dieses clevere Gerede anwenden und umsetzen zu können.

Sieh her! Das Leben ist so einfach!

In den Events von Matthieu Vasseur, dem angesagtesten Life-Coach von ganz Frankreich, scheint es plötzlich ganz simpel, sich und dann die Welt zu verändern. Mit dem Effekt der Massendynamik manipuliert die charismatische Rampensau jeden noch so gearteten Charakter, der auch nur ein bisschen danach lechzt, gesehen, respektiert und wertgeschätzt zu werden.

Von solchen Menschen gibt es in Zeiten wie diesen viele. Da reicht oft der Social Media-Auftritt nicht aus, da braucht es den Fast-Food-Zucker guter Worte, da braucht es Begeisterung und ein geputschtes Gemüt, um dann wieder – sind die Emotionen verflogen – von vorne anzufangen.

Rezeptpflichtiges Mind-Resetting

In Guru von Yann Gozlan ist das sündteure Seminar so viel wert wie ein Drogentrip. Im Moment könnte man Bäume ausreißen – doch was fehlt, ist der nachhaltige Nutzen, der Wert eines Werkzeugkoffers, der Life-Hack, den Matthieu aber nicht weitergibt, sondern für sich behält. Das Beste dabei: Er weiß selbst nicht, wie all diese Versprechen auf Dauer funktionieren sollen. Jeder Mensch ist schließlich anders, und keinen Zentimeter in die Tiefe dringt diese über den Kamm geschorene Predigt, die als Universal-Faustregel ungefähr so gut so manche Krankheit in seinem Ursprung bekämpft wie ein Ibumetin.

Einer, dem man gerne zuhört

Ein Film, der sich Guru nennt, hat schon mal grundlegend keine Sympathie für seinen Anti-Helden und Reserve-Bergprediger. Von Anfang an ist klar: Dieser energische, kämpferische Influencer hat nichts in der Tasche, was wirkt. Besser noch: Im Laufe des Films wird diesem Matthieu Vasseur so gut wie alles abhandenkommen, was seinen Erfolg ausmacht – und seine eigene Überzeugung.

Das Irritierende dabei ist aber, wie Pierre Niney (Der Graf von Monte Christo) den Charakter dieser Person anlegt. Matthieu scheint keineswegs arrogant, blickt auch nicht auf all die Bedürftigen herab. Er schätzt seine Fans und seine zahlenden Besucher, er spricht vernünftig, einnehmend, hat Charisma und Charme. Klar, man erliegt ihm schnell, und auch ich hier im Kinosaal kann ich diesem weltoffenen und mitreißenden Niney nichts entgegenhalten, ganz im Gegenteil.

Da ist was faul im Coach-Programm

Es gelingt Regisseur Gozlan, diesen Guru ins richtige falsche Licht zu rücken, indem er anfangs all die faulen Stellen versteckt, die später zu stinken beginnen. Kernkonflikt ist dabei das Verhältnis des Influencers zu seinem Bruder. Die Meinungen darüber, wer wohl wem unrecht tut, wechseln wie Tageswäsche. Der Idealist mit Programm, der nicht reflektiert, was er tut, wird es wohl nicht sein, oder?

Tatsächlich lässt Guru während dieser Chronik einer Demontage die Figur des Matthieu relativ wenig davon erkennen, was bei ihm selbst im Argen liegt. Wer immer sich dabei eine persönliche, vielleicht gar charakterliche Weiterentwicklung erwartet, wird wohl irgendwo die Ernüchterung ob einer Lernresilienz gegen aufkeimende Schadenfreude tauschen. Und zwar dann, wenn alles zusammenstürzt und des Gurus eigene kolportierte Mechanik auf ihn selbst angewandt wird.

Die Lehre aus den leeren Versprechungen

Es ist, als säße Niney selbst im Publikum, als würde er gar als einziger dort sitzen, während all die anderen, die diese Drogendosis Glück inhaliert und dann den Entzug erfahren haben, auf die Bühne treten und dem großen Pharisäer zeigen, wie wenig Praxisdenken sich in diesen Worthülsen befindet.

Gozlan weitet den Radius der Demontage weiter aus als notwendig, findet sogar noch einen Antagonisten, der die Glaubwürdigkeit des Szenarios etwas untergräbt. Diese Fülle an Ereignissen ist dann nur noch schwer steuerbar, und irgendwann muss dann auch noch ein Ende her, eine Erlösung, eine totale Vernichtung oder ein Plan B?

Guru entlässt sein Publikum relativ ratlos, unfertig, oder zumindest den letzten Rest an Schaulust abwürgend, den alle mit der Hand vor Augen erwarten. Vielleicht, weil die totale Vernichtung eines Life-Coachs, der gar nicht weiß, dass er all das selbst verursacht hat, zu gnadenlos gewesen wäre, um sich diesem Moment hinzugeben.

Guru (2025)

Wild Men

EIN MANN FÜR ALLE FELLE

5/10


wildmen© 2022 Plaion Pictures


LAND / JAHR: DÄNEMARK, NORWEGEN 2021

BUCH / REGIE: THOMAS DANESKOV

CAST: RASMUS BJERG, ZAKI YOUSSEF, BJØRN SUNDQUIST, SOFIE GRÅBØL, MARCO ILSØ, JONAS BERGEN RAHMANZADEH, HÅKON T. NIELSEN U. A. 

LÄNGE: 1 STD 42 MIN


Wo, wenn nicht in Norwegen, lässt sich die Rückkehr des archaischen Männerbildes besser zelebrieren? Man nehme zum Beispiel die beeindruckend in Szene gesetzte Legende von Ragnar Lodbrok her: ein Wikinger durch und durch. In der höchst erfolgreichen Serie Vikings dürfen tätowierte Kahlköpfe mit Rauschebart die Axt und sonst was schwingen. Es fließt Blut jede Menge, Ehre und Verrat wechseln sich auf verlässliche Weise immer wieder ab. Da weiß man wieder, was das für Männer waren. Männer, die es heutzutage nicht mehr gibt. Denn heutzutage zwängen sich Männer viel lieber in ihren Slim Fit-Anzug, schlüpfen in ihre Designerschuhe und schmeißen stundenlange Meetings. Oder aber sie ackern scheinbar endlos als Workaholic vor irgendwelchen Bildschirmen und sind zwar Meister der Informatik, haben aber sonst ganz vergessen, wie es sich anfühlt, in einen Ameisenhaufen zu steigen, einen Speer zu schnitzen oder eine Flamme zu entfachen, und zwar mit Zunder und Feuerstein.

Konnte das Ragnar Lodbrok auch? Vermutlich – wir wissen es nicht, und Martin, der gerade bis über beide Ohren in einer Midlife Crisis steckt, weiß es auch nicht, will aber der Sache auf den Grund gehen. Also lässt er Frau und Kind einfach im Stich und zieht von Dänemark nach Norwegen in die Wildnis. Dorthin, wo ihn niemand findet. Er wechselt seine Kleidung gegen Felle und lässt fast alles, was ihn sonst auch nur irgendwie an die müde Alltagsblase erinnert, hinter sich (außer seines Mobiltelefons: das ist für den Notfall, versteht sich). Womit er jagt, das sind Pfeil und Bogen. Doch das Besitzen dieser Dinge heißt nicht gleich, dass Mann damit umgehen kann. Martin kann es nicht und würde sonst verhungern, würde er nicht ab und an in den nächsten Tankstellenshop einfallen und Essbares rauben wie seinerzeit die vorbildlichen Männer aus grauer Vorzeit. Wenig später findet er in den Wäldern den verletzten Musa – einen Kriminellen, dem nicht wohlgesonnene Drogenschmuggler auf den Fersen sind. Die folgen dem Duo bald über die Berge, und auch die Polizei ist bald hinter Martin her, genauso wie dessen desperate Ehefrau, die dem Gatten ordentlich die Leviten lesen will.

Mit einer psychologisch durchdachten Komödie über das Scheitern eines überzeugten Aussteigers ist Wild Men vom Dänen Thomas Daneskov nur bedingt zu vergleichen. Oder aber auch gar nicht. In den ersten Szenen, in welchen ein bewusst unfreiwillig komischer Rasmus Bjerg nicht nur mit der Krise eines ereignislosen Alltagslebens hadert, sondern auch mit dem Vorhaben, dem Ideal des harten Mannes nahe zu sein, spielt Daneskov bereits die höchsten Karten aus. Der Einbruch in den Supermarkt ist das ironische Zeugnis eines Selbstbetrugs – aus dieser Situation hätte man ein tragikomisches Survivaldrama bergauf und bergab jagen können. Doch leider will der Regisseur etwas anderes. Er will eine kauzige Krimikomödie drehen, die sich trotz der ungewöhnlichen Ausgangssituation dem normalen Genrealltag des Kinos mehr anbiedert als für diese Thematik zu empfehlen gewesen wäre. Da jagen stereotype Verbrecher hinter Martin und seinem Schützling her, von der anderen Seite kommt die Staatsgewalt mit unmotivierten Polizisten, die zu Feierabend daheim sein wollen. Alles schön und gut, und ja – ganz nett. Aber dafür, dass der Film so klingt, als wäre er eine komödiantische Mischung aus Beim Sterben ist jeder der Erste und City Slickers, angereichert mit dem eigentümlichen und gerne sarkastischen Humor Skandinaviens, fällt Wild Men viel zu gezähmt aus. Oder soll genau das der ironische Witz sein?

Wild Men