Nowhere Special

BEREIT MACHEN ZUM LOSLASSEN

7/10


nowherespecial© 2021 Filmladen Filmverleih


LAND / JAHR: ITALIEN, RUMÄNIEN, GROSSBRITANNIEN 2020

BUCH / REGIE: UBERTO PASOLINI

CAST: JAMES NORTON, DANIEL LAMONT, BERNADETTE BROWN, CHRIS CORRIGAN, VALENE KANE U. A.

LÄNGE: 1 STD 36 MIN


Mit der Einsamkeitselegie Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit hat mich der gebürtige Römer Uberto Pasolini nachhaltig beeindruckt. In diesem Meisterwerk – und das ist nicht übertrieben – lässt er Eddie Marsan nach Hinterbliebenen einsam Verstorbener suchen, während das Schicksal der Toten ihn selbst ereilt. Starker Tobak, kein erbauliches Thema, und trotz dieser Widmung für ein Tabu gelingt Pasolini eine wunderbar poetische, formvollendete Ode an die Nächstenliebe, die keineswegs für Trübsinn sorgt, sondern einfach nur enorm berührt, bewegt und erstaunt. Pasolini scheint einer jener Filmemacher zu sein, die sich dem gefälligen Trend an Themen auch nicht hingeben wollen. Er will vor allem einen Umstand betrachten, der es in Zeiten wie diesen mehr wert ist als viele andere, betrachtet zu werden: Das Füreinander.

Mit diesem Imperativ des Füreinander will Pasolini auch in seinem neuen Werk rund 8 Jahre später dem Dilemma des Allein- und Verlassenseins erneut die Stirn bieten. Diesmal aber aus einer ganz anderen Perspektive und einem ganz anderen Existenzbereich – nämlich jenem eines noch intakten familiären Gefüges aus Vater und Sohn. Zumindest sind hier zwei versammelt, die durch eine starke Bindung aus Liebe, Verantwortung und Vertrauen so schnell nichts aus der Bahn werfen kann. Dabei sei gesagt: Sohn Michael ist gerade mal 4 Jahre alt, ein süßer kleiner, recht introvertierter Bub, oftmals vor sich hin sinnierend und bei Papa all die Geborgenheit auskostend, die so ein kleiner Mensch tatsächlich braucht. Der Vater, John, gibt alles – doch wie lange noch? Wie es das Schicksal oft will, ist dieser an Krebs erkrankt und hat nicht mehr lange zu leben. Natürlich erfährt der kleine Michael davon nichts, doch diesem entgeht natürlich auch nicht, dass da irgendwas im Busch ist, wenn Papa immer mal wieder fremde Familien besucht. Warum tut er das, wird sich der Kleine wohl fragen. Ganz klar: Michael braucht neue Eltern, denn wenn John mal tot ist, hat der Kleine niemanden mehr.

Normalerweise schnürt es einem bei so etwas die Kehle zu und man bekommt kein Wort mehr heraus, weil der Frosch im Hals so groß ist. Noch dazu sieht Jungschauspieler Daniel Lamont dermaßen zum Steinerweichen aus, dass man am liebsten in den Film steigen und das Kind einfach an sich drücken will. Sich so vielen traurigen Aussichten auszusetzen – wer will das schon? Doch Pasolini ergeht sich nicht in Sentimentalitäten und hat auch überhaupt nicht vor, irgendwelche Tränendrüsen leerzudrücken. Er entwickelt einen Stil, wie ihn schon Ken Loach, der Meister des Sozialkinos, die längste Zeit souverän umsetzt – den nicht ganz nüchternen, aber objektiven Alltagsrealismus, die Draufsicht auf zwei Leben und deren Geschick, sich dem Unausweichlichen anzupassen. Die Chemie zwischen James Norton und dem kleinen Lamont stimmt, die letzten Tage und Wochen des Miteinanders verharren in einer unbekümmerten Gegenwart, anstatt sich in einer furchtvollen und verlustreichen Zukunft zu suhlen. Das macht Nowhere Special erträglich, wenngleich das gefühlvolle Drama dennoch seinen Weg findet, auf bescheidenem Wege das Herz zu berühren. Verblüffend aber, dass die Traurigkeit bei Pasolini tatsächlich von jener Art ist, die als schön empfunden werden kann. Der Schmerz eines Abschieds, verbunden mit dem Hallo eines Neuanfangs.

Nowhere Special

The Card Counter

HINTER DEM POKERFACE

7,5/10


cardcounter© 2021 FOCUS FEATURES LLC. ALL RIGHTS RESERVED


LAND / JAHR: USA, GROSSBRITANNIEN, CHINA 2021

BUCH / REGIE: PAUL SCHRADER

CAST: OSCAR ISAAC, TYE SHERIDAN, TIFFANY HADDISH, WILLEM DAFOE, ALEXANDER BABARA, EKATERINA BAKER U. A.

LÄNGE: 1 STD 52 MIN


Star Wars-Fans kennen Ihn als Fliegerass Poe Dameron in der teils ungeliebten Sequel-Trilogie, anderen wiederum bleibt er als Atreides-Adeliger aus Denis Villeneuves Dune zumindest noch bis zum nächsten Teil in Erinnerung: Oscar Isaac, der Mann mit dem intensiven Blick und einem schauspielerischen Können, dass sich vielleicht noch nicht so richtig offenbart zu haben scheint, mit Paul Schraders The Card Counter aber seine Sternstunde feiert. In diesem schwer einschätzbaren Streifen gibt der Mann einen stoischen, in sich gekehrten Ex-Häftling, der über acht Jahre im Knast gesessen und dort so richtig zu schätzen gelernt hat, wie es ist, wenn ein Leben nach unverrückbaren Bahnen verläuft. Aus der Obhut des Staates entlassen, vertreibt William Tell (nein, es gibt keinerlei Bezug auf den Schweizer Nationalhelden) seine Zeit damit, in amerikanischen Casinos vorwiegend beim Black Jack die Karten zu zählen und so, mit siegessicherer Hand und gerade in einem Ausmaß, damit die Security nicht Blut leckt, ordentlich Kohle abstaubt. So zieht er von Stadt zu Stadt, mit einem Koffer und wohnhaft in Motels, deren Interieur er jedes Mal in weiße Tücher hüllt, so wie es Christo seinerzeit gemacht hat, nur in größeren Dimensionen. Der Zuseher begreift bald: Tell trägt eine Vergangenheit mit sich rum, die ihn selten ruhig schlafen lässt. Es sind dies die Foltergräuel aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghraib, an welchen er selbst beteiligt war – ein Umstand, der sich nicht relativieren geschweige denn reinwaschen lässt. Es sei denn, es gibt da eine Hintertür: Und die zeigt sich bald, in Gestalt eines jungen Mannes, dessen Vater aufgrund ganz ähnlicher Untaten den Freitod gewählt hat. Es wäre die Gelegenheit, wenn schon nicht das eigene Leben, dann zumindest ein anderes wieder in richtige Bahnen zu lenken.

Unter der Voraussetzung, dass man weiß, dass The Card Counter aus der Feder von Paul Schrader stammt und darüber hinaus noch vom alten Taxi Driver-Veteran inszeniert wurde, erscheinen die Aussichten auf verzeichnende Erfolge jenseits des Kartentisches vorzugsweise ernüchternd. Schraders verlorene Gestalten spielen in einer Welt der verkommenen Moral, der Reuelosigkeit und mit Füßen getretenen Fairness. Im Zentrum stehen – wie Travis Bickle – selbsternannte Anti-Helden, die ihre Bestimmung erkennen und mutterseelenallein den Ausfall wagen. Sie sehen sich verpflichtet, eine unrettbare Welt besser zu machen, koste es, was es wolle. Dabei weicht das eigene Leben, ohnedies gefüllt mit leeren Automatismen, einer potenziellen Selbstaufgabe. Eine düstere Figur, muss sich Oscar Isaac gedacht haben. Allerdings: herausfordernd. Der Schauspieler meistert diese Aufgabe mit grimmigem Understatement. Sein Wilhelm Tell ist in sich gekehrt und desillusioniert; traumatisiert und orientierungslos. Mitunter aber hegt er Zuneigung für so manche Person, entwickelt Wärme, wo man sie nicht für möglich hält, quält sich aber durch einen nachhaltigen Alptraum, der schubweise an die Oberfläche dringt und in verzerrten Bildern des Grauens sein Publikum verstört. Dann wieder die geordnete Dynamik eines Pokerturniers, das Kartenwälzen am Black Jack-Tisch und die völlig verwirrenden Regeln des Spiels. Gut, die muss man nicht kennen, um den Film auf gewisse Weise beeindruckend zu finden, obwohl Schrader es einem nicht leicht macht. Seine Szenen sind nüchtern und sperrig, bleiben unnahbar und lakonisch. Oscar Isaac allerdings entfesselt einen unberechenbaren Sog, zeigt sich sowohl verletzlich als auch unberührbar. Wenn er zu Co-Star Tye Sheridan spricht, gibt’s nur die Pflicht, seinen Worten zu gehorchen. Wenn er laut denkt, als Stimme aus dem Off, ist der Film Noir wieder zurück. Und Isaac spielt und denkt und kämpft ums Weiterleben. 

The Card Counter ist kein gefälliger Film, und auch nichts für Zwischendurch. Blickt in Abgründe, wie seinerzeit in Taxi Driver oder First Reformed. Gequälte Seelen, die Absolution finden wollen, das alles in spartanischer Optik und unterlegt mit melancholisch-jammernden Songs, die so klingen, als wäre ein Aufraffen gar nicht mehr möglich. Pessimismus also, in seiner edelsten Form.

The Card Counter

Parallele Mütter

DIE BUNTE WELT VERLORENER WAHRHEITEN

6/10


parallelemuetter© 2022 Studiocanal GmbH


LAND / JAHR: SPANIEN 2021

BUCH / REGIE: PEDRO ALMODÓVAR

CAST: PENÉLOPE CRUZ, MILENA SMIT, ISRAEL ELEJALDE, AITANA SÁNCHEZ-GIJÓN, JULIETA SERRANO, ROSSY DE PALMA U. A.

LÄNGE: 2 STD 3 MIN


Als ich zum ersten Mal den Trailer sah, war mir nach nur wenigen Szenen klar, wer hier wieder seinen neuen Film bewirbt: Niemand geringerer als Spaniens Kino-Aushängeschild Pedro Almodóvar – oder eben nur Almodóvar, wie sich in den Opening Credits lesen lässt, die von Alberto Iglesias‘ strengem, spanisch kolorierten Streicher-Score unterlegt sind. Interieur, Mode und Objekte, darunter Keramiken, mit Obst beladen: all die wohlkomponierten Innenraumtableaus teilen sich ein eng gefasstes Farbspektrum, bewusst komplementär. Eine neokubistische Verliebtheit, die der Spanier hier wählt, und vor all dem zweifelnd, leidend und in einer inszenatorischen Geborgenheit ruhend: Penélope Cruz, Haus- und Hofschauspielerin, wenn es gilt, wieder mal Almodóvars familiäre Geheimnisse zu lüften oder zu verarbeiten. In Parallele Mütter begnügt sich der Meister längt nicht nur damit, den geschlossenen Kreis geordneter familiärer Bahnen zu durchbrechen. Diesmal sind auch der Ort und die Zeit etwas, die in den Auseinandersetzungen mit der Wahrheit berücksichtigt werden müssen.

Die Wahrheit – worauf bezieht sie sich diesmal? Auf die dunkle und oft verdrängte Geschichte Spaniens, auf die Wirren unter Diktator Franco und dem Verschwinden unzähliger vermeintlich Oppositioneller, die dem Machtapparat – wie ich auch überall sonst (siehe Russland) – unangenehm aufgefallen waren. Der Großvater von Janis (eben Penélope Cruz) war jedenfalls einer, der das Unglück hatte, exekutiert und in einem Massengrab verscharrt worden zu sein. Dieses scheint im Spanien der Gegenwart endlich gefunden, und darum bittet Janis einen Anthropologen, die Sache ins Rollen zu bringen, damit die Familie ihre Toten ordentlich bestatten kann. Mit diesem Anthropologen landet Janis aber bald im Bett – und siehe da, neun Monate später kreischt das Neugeborene durch die Geburtenstation. Zu selben Zeit und am selben Ort liegt aber noch eine andere in den Wehen – ein Teenie namens Ana, der gar nicht weiß wer der Vater ist. Janis hingegen schon, doch der, den es angeht, bezweifelt das. Vielleicht, weil das Baby so gar nicht danach aussieht, als wäre es das eigene Fleisch und Blut.

Da sind sie wieder, die Geheimnisse und möglichen verborgenen Wahrheiten, welche Penélope Cruz und die einnehmende Newcomerin Milena Smit erst ergründen müssen – genauso wie die Geschichte des eigenen Landes, die laut Almodóvar gerne unter den Teppich gekehrt wird. In Parallele Mütter versucht dieser, mit einem eigentlich recht routinierten, für ihn absolut typischen Konzept so etwas wie ein Gleichnis zu erzeugen, das die nachhaltig historische Komponente des Filmes in seiner Grundkonstellation aufgreifen soll. Der Brückenschlag zu zwei sehr unterschiedlichen Filmteilen müsste so gesehen gelingen – tut es aber nur bedingt. Der Spagat ist recht bemüht, die „parallelen“ Emotionen, die sowohl das Kindesmysterium als auch das Graben in die Vergangenheit auslösen sollen, lassen sich zwar erkennen, versickern aber immer wieder in einem durchaus eloquenten Schauspielkino, kurz nachdem sie sich offenbart haben.

Das soll nicht heißen, der Filmemacher hätte sein Handwerk verlernt – das Drama ist auf Zug inszeniert und keinesfalls langatmig. Mitunter hat man gar das Gefühl, einer Dauerwerbesendung beizuwohnen, da Almodóvar durch das Einblenden von Baby-, Auto- und Kameramarken scheinbar sein ganzes Projekt finanziert hat. Zwischen all dem wenig dezenten Product Placement gibt Milena Smit, sofern man sich auf sie konzentrieren kann, einer solide aufspielenden Cruz nicht wirklich eine Chance, den darstellerischen Schwerpunkt zu verteidigen. Beide zusammen aber harmonisieren – was sich für den Film als Ganzes nur zögerlich unterschreiben lässt.

Parallele Mütter

Home

DIE SCHANDE VON FRÜHER

5,5/10


Home© 2021 Weltkino


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 2020

BUCH / REGIE: FRANKA POTENTE

CAST: JAKE MCLAUGHLIN, KATHY BATES, AISLING FRANCIOSI, DEREK RICHARDSON, JAMES JORDAN, LIL REL HOWERY, STEPHEN ROOT U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


Mit ihrer Rolle als rothaarige Lola im Duracell-Betrieb hat sie wohl den Sprung nach Übersee geschafft – Franka Potente war seitdem überall und nirgends, eine schwer zu verortende Schauspielerin, die sowohl an der Seite Matt Damons in Doug Limans Bourne Identität auf großer Leinwand als auch in fragwürdigen Produktionen wie Creep zu sehen war. Tom Tykwer hat sie ebenso besetzt wie Stefan Ruzowitzky oder Ridley Scott in der viktorianischen Düster-Thrillerserie Taboo mit Tom Hardy. Dann war wieder lange nichts, und jetzt plötzlich das! Franka Potente führt nun auch Regie, und zwar wieder in Übersee. Ob sie‘s dort nochmal probiert? Kann ja gut sein.

Jedenfalls nicht temporär, sondern dauerhaft kehrt im Familiendrama Home ein Ex-Knacki an den Ort seiner Jugend zurück, was ja weiter nicht so schlimm wäre, denn das alte zuhause gibt es noch, und die liebe Mama guckt auch noch aus dem Fenster. Nur die ist schon beträchtlich älter als zu dem Zeitpunkt, als Marvin hinter schwedischen Gardinen verschwand. Das Delikt: Mord. In einer Kleinstadt, wie sie in  Home als Location auszumachen ist, bleibt für so ein Vergehen Ächtung auf Lebenszeit, da ist es schließlich egal, ob dieser Jemand für seine Sünden gebüßt hat oder eben nicht. Einmal Mörder, immer Mörder. Dabei fällt mir ein – erst kürzlich gab’s auf Netflix etwas ähnliches, mit Sandra Bullock in der Hauptrolle und unter der Regie von Nora Fingscheidt (Systemsprenger). Bullock war in The Unforgivable ebenfalls eine, die nach rund zwanzig Jahren wieder das Licht der Alltagswelt hat erblicken dürfen. Bei so einem Mord bleiben dem Opfer immer noch genug Angehörige, die Rache schwören. So auch in Franka Potentes kleinstädtischem Reue- und Neuanfangsdrama. Der liebe Gott spielt da auch eine Rolle, und nichtsdestotrotz kann das Gebot der Vergebung plötzlich keiner mehr lesen.

Schön, die großartige Kathy Bates weitab von ihrer Paraderolle in Misery als pflegebedürftige Unterschicht-Raucherin zu sehen. Mit ihren langen grauen Haaren schlurft sie gottergeben und recht desillusioniert über die morsche Veranda des kleinen Eigenheims und weiß das Auftauchen ihres verlorenen Sohnes gar nicht mal richtig zu schätzen. Wohl auch, weil sie ahnt, dass seine Rückkehr unter keinem guten Stern steht. Franka Potente hat für ihr Regiedebüt gleich auch das Script mitgeliefert und sich dabei aber kaum bis gar nicht aus dem Erwartbaren rausgehalten. Über Trauma, Vergebung und Aufarbeitung weiß Potente so einiges zu berichten, und manche Szenen, die nicht nur beschämt die Missstände des White Trash aus den Augenwinkeln betrachten und sich dann weiterbegeben, suchen die Auseinandersetzung, wohlwissend, dass da durchaus Unschönes zum Abbild wird. Da ruht ihr Blick fast so gebannt auf das soziale Dilemma wie bei Nora Fingscheidt – nur tröstet sich Potente mit hollywood’scher Zuversicht über all die Probleme hinweg und überrascht auch keineswegs mit dem, was in diesem Melodrama letzten Endes seinen Weg geht. Ich will nicht sagen, dass es ausgetretene Pfade sind, die hier beschritten werden, und vielleicht bin ich auch in Sachen Menschliches Verhaltens zu zynisch geworden, aber dennoch: Home entwickelt seine Geschichte viel zu sortiert und artig nach moralischem Lehrbuch.

Home

Abseits des Lebens

ÜBERLEBEN ALS THERAPIE

6,5/10


abseitsdeslebens© 2021 Focus Features, LLC.


LAND / JAHR: USA, KANADA, GROSSBRITANNIEN 2021

REGIE: ROBIN WRIGHT

CAST: ROBIN WRIGHT, DEMIÁN BICHIR, WARREN CHRISTIE, MIA MCDONALD, KIM DICKENS U. A.

LÄNGE: 1 STD 30 MIN


Rüdiger Nehberg oder heutzutage Bear Grylls wissen, wie es geht: in der Wildnis überleben. Sie machen das, weil sie es können. Andere machen das, weil sie es zwar nicht können, aber zumindest wollen. Weil sie den einzigen Weg darin sehen, mit sich selbst ins Reine zu kommen. So eine Challenge kann gefährlich werden, wenn man nicht genau weiß, worauf zu achten ist. Doch Edee ist das ziemlich egal. Sie hat alles verloren, was ihr jemals lieb und teuer war. Und das ist ein Schmerz, der durch nichts gelindert werden kann. Außer vielleicht durch das Wagnis, den Grundregeln des Lebens selbst so nahe zu kommen, damit dieses wieder einen Sinn hat. Bewusst ist das Edee allerdings nicht. Vielleicht kann die Wildnis einen anderen, neuen Menschen aus ihr machen, wer weiß. Der Blick nach vorne gelingt vielleicht nur unter der Bedingung, niemals mehr zurückzusehen.

Also bezieht Edee eine Hütte im Wald – mit Konserven, Klamotten – und sonst eigentlich nichts. Das Auto lässt sie abholen, Handy hat sie auch keins dabei. Läuft irgendwas schief, ist das ihr Ende. Und es dauert nicht lange, bis der nächste Winter kommt, und Edee bemerkt, dass sie weder ein Rüdiger Nehberg noch ein Bear Grylls ist und kurz davor steht, entweder zu erfrieren oder zu verhungern. Das Schicksal will es anders und schickt gerade zur rechten Zeit einen Jäger an ihrer Hütte vorbei.

Abseits des Lebens (im Original nur: Land) birgt ein Skript, um welches sich wohl eine Menge Schauspielerinnen gerissen hätten. So gut wie eine One-Woman-Show, erfährt hier die Protagonistin die gesamte Klaviatur des Lebens, vorzugsweise die tiefen, schweren Töne. Doch Robin Wright findet da gut hinein. Vor allem auch, weil sie sich selbst inszeniert hat. Da kann man Empfindungen in die Rolle legen, wie man es für richtig hält. Wright lässt sich dennoch nicht zum Melodramatischen hinreissen. Und die Trauer ist eine, die selten im Selbstmitleid versinkt. Wenn, dann sind das Momente, die wir beim Verlust eines geliebten Menschen sowieso alle kennen. Die Natur zeigt sich dabei unbeeindruckt. Zieht das durch, was sie in all den Äonen immer tut, vom Frühling bis zum Winter und wieder von vorne. Genau das ist das Tröstende an Wald, Wiese und Berg. Wright ist begeistert davon und bringt dies mit pittoresken Kalenderbildern sehr wildromantisch zum Ausdruck. Dieses Beständige, Erwartbare, Kompromisslose scheint ein Leitsystem, dem man in schwierigen Zeiten folgen kann.

Vergleichbar ist Wrights Film zumindest anfangs und auch dazwischen mit Julian Roman Pölslers Haushofer-Verfilmung Die Wand. Während dort die Isolation eine aufgezwungene ist, sucht sich die Figur der Edee selbige freiwillig aus. Letzten Endes aber birgt sowohl in Die Wand als auch in Abseits des Lebens der Umstand des Alleinseins in einer atemberaubend schönen, wilden Welt genau das nicht, was der Mensch zum Weiterleben braucht: andere Menschen.

Abseits des Lebens

Wer wir sind und wer wir waren

DIE EHE NACH DEM AUS

6,5/10


hopegap© 2020 Tobis


LAND / JAHR: GROSSBRITANNIEN 2019

BUCH / REGIE: WILLIAM NICHOLSON

CAST: ANNETTE BENING, BILL NIGHY, JOSH O’CONNOR, AIYSHA HART, NICHOLAS BURNS, SALLY ROGERS U. A. 

LÄNGE: 1 STD 41 MIN


Von einem Moment auf den anderen kann es zu Ende gehen. Allerdings nicht gleich das ganze Leben, aber ein Leben zu zweit. Da möchte man schon meinen: das ist so gut wie – wenn der oder die eine an dem oder der anderen hängt, umgekehrt aber nicht. Im britischen Ehedrama Wer wir sind und wer wir waren (im Original Hope Gap – ein Titel, der sich auf eine in Südengland gelegene Klippe inklusive Gezeitenzone bezieht) fällt die gute Annette Bening aus allen Wolken, als ihr Gatte eines Morgens nach dem Kirchgang verkündet, er werde fortgehen. Wie fortgehen, fragt natürlich die Gattin – und weiß gar nicht, worauf ihr Gegenüber anspielt. Fortgehen, zu einer anderen. Obwohl das Verlassen des gemeinsamen Haushalts nicht schon reichen würde, gibt’s obendrauf noch den Ehebruch mit einer natürlich jüngeren. Dabei ist der knochentrocken-sympathische Bill Nighy als Edward ein Langweiler, der stets am Computer hängt, um das Wikipedia aufzufüllen. Beide haben sich auseinandergelebt, was prinzipiell aber noch kein Grund sein muss, sich nicht nochmal annähern zu können. Aber Edward macht ernst. Und Minuten später sitzt Grace allein da. Zumindest hat sie noch ihren Sohn, der sie auffängt. Doch der sitzt bald zwischen den Stühlen, will sich aus dieser Misere heraushalten und beiden gerecht werden, was fast schon ein Ding der Unmöglichkeit scheint.

Man möchte meinen, die malerische Küste mit der sanft ansteigenden grünen Wiese, die dann abrupt an einer wuchtigen Kalksteinklippe endet – die man auch hinunterspazieren kann bis zum Wasser – man möchte meinen, diese Landschaft würde die Seele so sehr besänftigen wie in so mancher melodramatischen Bellestristik. Das tut es in diesem, aus einer gewissen Distanz betrachteten Familiendrama nur bedingt. Das Malerische einer Welt ist nur noch das Echo aus einem anderen Leben. Den Schock, die Trauer und die plötzliche Einsamkeit weiß Annette Bening zu empfinden. Dabei verkörpert sie keine duckmäuserische, konservative Ehefrau, sondern eine vielerlei interessierte, geistig jung gebliebene Individualistin, die mit Kränkungen vielleicht besser umgehen kann, diese aber dennoch erfahren muss. Eine Beobachtung, die ohne dramaturgische Überhöhung auskommt – was in solchen Filmen auch leicht passieren kann. William Nicholson, Drehbuchautor für Werke wie Shadowlands oder Gladiator, hat sich mit diesem Drama erstmals auch die Regie zur Brust genommen. Man merkt – der gute Mann ist ein analytischer, besonnener Denker, dem nichts ferner liegt als seinem Publikum zwischenmenschliche Beziehungen in Form eines emotionalen Blumenstraußes zu überreichen. Viel näher liegt ihm das kurze, vom Wind zerzauste Gras und die Gezeitentümpel, in denen sich allerlei Weichtiere tummeln.

Wer wir sind und wer wir waren ist eine Art Dreiecksgeschichte – zwei Elternteile, ein Kind. Das Kind ist erwachsen, hat selbst Beziehungsprobleme. Und bekommt als solches die wohl schwierigste Rolle aufgebrummt, die man aufbrummen kann: den Spagat zwischen zwei gleichsam geliebten Menschen zu meistern und dabei keine Partei zu beziehen. Zum Glück muss er sich als Minderjähriger nicht entscheiden, bei wem er leben möchte. Ein Unding für den Nachwuchs. Da die Rolle von Josh O’Connor als Sohn Jamie wohl die interessanteste des Films darstellt, wäre es noch spannender und aufschlussreicher gewesen, diesen von vornherein aus der Sicht des Sohnes zu erzählen anstatt den Fokus auf Annette Bening zu legen. Der Einblick in die Welt eines verlassenen Menschen enthält keine neuen Aspekte – wie es dem geht, der die Familie erst zur Familie gemacht hat, hätte da schon anderes zu berichten. Nicholson nimmt diese Sichtweise sehr wohl auch wahr. Vielleicht nicht in der richtigen Dosis, aber immerhin.

Genau das macht Wer wir sind und wer wir waren auch interessant, neben Benings variabel gestalteten Versuchen, ihr Leben wieder auf Schiene zu bringen. Dabei fallen weise, alltagsphilosophische Worte und britische Besonnenheit ebnet den tragikomischen Pfad zum Neuanfang.

Wer wir sind und wer wir waren

The Cage – Die letzten Überlebenden

MENSCHHEIT AUF BEWÄHRUNG

5/10


thecage© 2021 Ucm.One


LAND / JAHR: VENEZUELA 2017

REGIE: JOSE SALAVERRIA

CAST: KARINA VELASQUEZ, ANANDA TROCONIS, LEÓNIDAS URBINA U. A.

LÄNGE: 1 STD 26 MIN


Es gibt ihn, den Science-Fiction-Film aus Venezuela, waschecht aus südamerikanischen Landen. Um nicht zu sagen: Venezuelas erster und bislang einziger filmischer Blick in die unendlichen Weiten. Wer da nicht als Filmfan, der abseits des gängigen und vielbeworbenen Mainstreams herumkramt, diesen hier auf die Watchlist setzt, der hat von diesem Beitrag womöglich noch nie etwas gehört. Dabei eignet sich The Cage – Die letzten Überlebenden ideal für sämtliche Fantasy- und Science-Fiction-Festivals, die exotische Bringer wie diesen gerne ins Programm setzen. Doch womöglich passiert es, dass die Exklusivität der Herkunft die eigentliche Qualität des Films überschattet. Das Phänomen trifft auch hier zu, zumindest sieht man The Cage deutlich an, dass Autorenfilmer Jose Salaverria zwar viel Spaß an seiner Arbeit hatte, rundherum aber die Erfahrung dafür gefehlt hat, einen Streifen mit dem Content wie diesen nicht unbedingt aussehen zu lassen wie eine Telenovela.

Freunde von Filmen wie Quiet Earth – Das letzte Experiment finden an The Cage sicherlich Gefallen, denn dieser birgt einen ähnlichen Plot wie Geoff Murphys Last-Man-Vision. Während in Quiet Earth das Verschwinden der gesamten Menschheit hausgemacht zu sein scheint, fällt die Biomasse des Homo sapiens zumindest zu 99,9% der Invasion eines extraterrestrischen Raumschiffs zum Opfer. Einmal bitte lächeln – dann kommt der Blitz, und alle sind weg, so, als wären sie nie da gewesen. Ein Ehepaars überlebt, scheinbar auserwählt, denn die Unbekannten, die mit ihrem am Himmel schwebenden, schmucken Raumschiff das Landschaftsbild dominieren, wollen nicht, dass die Überlebenden zu Schaden kommen. Was also wollen sie noch? Kurze Zeit später taucht eine dritte Person auf, eine junge Frau. Somit haben wir – anders als in Quiet Earth – zwei Frauen und einen Mann. Eine Dreieckssituation, die sicher für Spannungen sorgen wird. Oder doch nicht?

Natürlich tut es das. Und da nehme ich wieder Bezug auf den geschmeidigen Rhythmus einer Telenovela, allerdings findet die vor einer innovativeren Kamera statt, die sich statt üblichen Studiotakes gerne an menschenleeren Orten umsieht. Salaverria zieht in einer ganz bestimmten Szene Vergleiche der tatsächlichen Umstände mit der Gesellschaftsstruktur eines Formicariums, einer Ameisenfarm – schon ahnen wir, worauf die Aliens eigentlich hinauswollen. Schon gelingt dem anfangs etwas ratlos abgefilmten Endzeitdrama die Bündelung seiner Ambitionen, etwas Kritisches zum globalen Status Quo beizutragen. Immer wieder jedoch überkommt den Machern diese flirrende Ratlosigkeit, die sich vor allem auch in der Wahl des Soundtracks niederschlägt, der mit allen möglichen Stilrichtungen, vorzugsweise mit preiswertem Synthie, atmosphärische Tendenzen abwürgt. 

Alles in allem gut gemeint, können noch so viele Raumschiffe am Firmament von der Luft nach oben nicht ablenken.

The Cage – Die letzten Überlebenden

Pieces of a Woman

NUR EINE MINUTE MUTTERGLÜCK

7/10


piecesofawoman© 2020 Netflix

LAND: KANADA, UNGARN, USA 2020

REGIE: KORNÉL MANDRUCZÓ

CAST: VANESSA KIRBY, SHIA LABEOUF, ELLEN BURSTYN, MOLLY PARKER, BENNIE SAFDIE, SARAH SNOOK U. A. 

LÄNGE: 2 STD 6 MIN


Es mag wohl das eine oder andere Mal tatsächlich vorkommen, und womöglich ist es das Fürchterlichste, was einer Hebamme bei ihrer Arbeit passieren kann: Ein Kind zur Welt bringen, das kurz darauf stirbt. Woran, lässt sich meist nicht sofort bis gar nicht klären. Wie es dabei der Gebärenden geht? Das brauch ich, denke ich, kaum erläutern. Nur so viel: alle Beteiligten werden wohl traumatisiert und verstört aus dieser Situation hervorgehen. Nichts wird wohl so bleiben, wie es war. Am Allerwenigsten die Beziehung der Eltern untereinander. Wie so etwas entzweien kann, und welche Wege es gibt, um individuell mit so einer Tragödie fertig zu werden, das zeigt der ungarische Filmemacher Kornél Mandruczó (Underdog, Jupiter’s Moon) in einem ausgewogen konzipierten, teils expliziten Filmdrama mit Vanessa Kirby in einer Hauptrolle, auf die sie stolz sein kann – und die ihr auch Tür und Tor öffnen wird für Rollen, die vorher vielleicht nicht in greifbare Nähe gerückt sind.

Kirby fiel mir erstmals in einer Nebenrolle im letzten Teil des Mission Impossible-Franchises positiv auf. Hier allerdings ist sie kein geheimnisvoller Vamp, sondern eine junge Frau, die ihr Mädchen in den eigenen vier Wänden zur Welt bringen will. Als die Fruchtblase platzt und die Wehen einsetzen, schickt die eigentliche Hebamme, die hätte kommen sollen, eine Vertretung, die auf den ersten Blick eigentlich alles richtig macht, Martha (so heißt Kirby im Film) intensiv betreut, sie erstmals in die Wanne schickt und dann aufs Ehebett. Alles läuft nach Plan. Auch die Herztöne des Babys scheinen stark zu sein. Bis plötzlich nichts mehr zu hören ist – und das Kind schleunigst auf die Welt kommen muss. Was die Tragödie noch schwerer zu ertragen lässt: das Baby scheint vorerst zu leben… Was danach folgt, ist die Zeit danach, in denen Martha sich von ihrem Ehemann (Shia LaBeouf als gewohntes hemdsärmeliges Raubein) immer mehr distanziert und den Prozess, der von Gatte und Mutter gegen die Hebamme eingeleitet wird, eigentlich gar nicht will.

Pieces of a Woman ist aber kein Justizdrama, sondern die Chronik einer Rückführung in ein mögliches Leben. Mandruczós Film ist auch kein niederschmetterndes Trauerspiel wie man vielleicht vermuten würde. Drehbuchautorin Kata Wéber bettet die in monatlichen Kapiteln erzählte Geschichte in zugängliche Allegorien, wie die von einer Brücke, die beide Ufer miteinander verbindet, so als würde der Bruch durch ein Leben langsam, aber doch, heilen. Die Sache mit den Äpfeln – ebenfalls eine zärtliche Annäherung an eine tröstende Gedankenwelt, die Martha ausprobiert. Der Film atmet viel vom europäischen Kino, spart sich, was nicht erwähnt werden muss, legt aber großen Wert nicht nur auf den Schlüsselmoment, der eine geplante Zukunft verhindert, sondern konzentriert sich auch auf den familiären Aspekt. Ellen Burstyn als wohlhabende wie energische, aber gutmeinende Mutter gibt hier ebenfalls eine beachtliche Performance.

Ein Ensemblefilm also, sehr detailliert, klarerweise emotional und dazwischen von tröstender Wehmut vereinnahmt. Was in Pieces of a Woman passiert, bleibt ein irreversibles Schicksal. Das aber akzeptiert werden kann. Einfach, um neu anfangen zu können.

Pieces of a Woman

The Midnight Sky

DIE ERDE ALS ERINNERUNG

6,5/10


midnightsky© 2020 Netflix


LAND: USA 2020

REGIE: GEORGE CLOONEY

CAST: GEORGE CLOONEY, FELICITY JONES, CAOILINN SPRINGALL, DAVID OYELOWO, KYLE CHANDLER, TIFFANY BOONE, DEMIAN BICHIR U. A. 

LÄNGE: 2 STD 2 MIN


Seit seiner Gesellschaftssatire Suburbicon hat man lange, wirklich lange nichts mehr von George Clooney gehört. Viel eher als sein neuestes Werk verbreitete sich im Vorfeld die Hiobsbotschaft ob seiner Gesundheit, da er für seinen Streifen The Midnight Sky einfach zu viele Kilos auf einmal verlor. Wäre diese Gewichtsreduktion denn notwendig gewesen? Nicht zwingend. Im Film selbst spielt er einen an Krebs erkrankten Wissenschaftler, der als womöglich letzter Mensch auf Gottes Erden irgendwo am Polarkreis sein letztes bisschen Dasein fristet, bevor selbst diese Regionen von einer nicht näher genannten Umweltkatastrophe heimgesucht werden wird. Still und heimlich hat sich hier die Welt von seiner Geißel namens Mensch befreit, entweder sind all diese Milliarden dahingerafft oder unterirdisch irgendwo untergebracht worden. Mehr Szenario gibt es nicht. Die Katastrophe ist eine Variable, wir dürfen uns aussuchen, was wir diesmal falsch gemacht haben. Clooney ist also dieser alte Mann, der, mit Stoppelglatze und Rauschebart, in einem Observatorium ganz alleine dem Ende entgegensieht – stoisch und seiner regelmäßigen Dialyse unterworfen. Keine Lust also irgendwo hinzugehen. Bis er dank seiner durchaus hochgerüsteten technischen Möglichkeiten von einer Weltraumexpedition erfährt, die als letzte aller Weltraumexpeditionen im Jahr 2049 vom neu entdeckten Jupitermond K-23 zur Erde zurückkehrt. Ziel der Mission war es wohl, herauszufinden, ob dieser Mond erdähnliche Verhältnisse aufweist – und wenn ja, gleich eine Kolonie dort zu lassen. Mit diesen neuen Erkenntnissen will die Mission Aether also heimkehren. Clooney allerdings will das verhindern, da die Crew hier nur ihren Tod finden würde. Als ob der Stress nicht schon reichen würde, entdeckt der Mann einen blinden Passagier – ein kleines Mädchen, das er nun an der Backe hat.

Für The Midnight Sky, nach dem Roman Good Morning, Midnight von Lily Brooks-Dalton, hat Clooney nicht nur abgenommen, sondern auch noch Produktion, Regie und klarerweise die Hauptrolle übernommen. Sein Film ist kein Blockbuster und kein Eventkino, sondern etwas sehr stilles, leises, wie eine karge, melancholische Ballade, die in eine ratlose, ungewisse Zukunft blinzelt. Die Weltraumszenen rund um ein sehr formschönes, elegantes NASA-Raumboot erinnern an Gravity oder Interstellar, die narrative Ebene rund um Wissenschaftler Auguste Lofthouse (eben Clooney) an den ebenfalls auf Netflix veröffentlichten Science-Fiction-Endzeitfilm Io. Auch dort ist die Erde längst unbewohnbar, nur ein paar Luftblasen erlauben noch freies Atmen, und auch dort hat Margaret Qualley vor, bis zum Ende auszuharren, käme nicht Anthony Mackie und würde sie zur letztmöglichen Evakuierung bewegen wollen. Auch in Io ist die Katastrophe keine näher genannte. Da wie dort geht es darum, dem Planeten Erde Lebewohl zu sagen. Resignative Erschöpfung macht sich breit, das Überleben der Menschheit verblasst hinter Gaias Abgesang. Clooney verleiht diesem stellvertretenden Individuum, der das ganze Unglück wahrnimmt, eine Bitternis sondergleichen. Die Raumcrew um Felicity Jones ist im Gegensatz dazu mal nicht eine ganze Partie psychologisch versagender Psychopathen im Wandel, sondern pragmatische Experten, was das ganze Szenario durchaus glaubhaft macht. Beide Komponenten mögen manchmal nicht so richtig ineinandergreifen. Das Wechselspiel zwischen den Episoden auf der Erde und im Weltraum findet keinen Rhythmus. Manche Astro-Action wirkt deplaziert. Was aber wirkt, das ist die zwar zu erahnende, aber poetische, runde kleine, später sehr persönliche Abenteuergeschichte zu dem großen Thema eines Umbruchs, die nicht viel erklären, sondern viel öfters nur empfinden will. Das ist fast schon besinnliches Weihnachtskino.

The Midnight Sky

Ich habe meinen Körper verloren

DIE POESIE DES LOSLASSENS

7,5/10


ilostmybody© 2019 Netflix


LAND: FRANKREICH 2019

REGIE: JÉRÉMY CLAPIN

MIT DEN STIMMEN VON: HAKIM FARIS, VICTOIRE DU BOIS, PATRICK D’ASSUMÇAO, BELLAMINE ABDELMALEK U. A. 

LÄNGE: 1 STD 21 MIN


Wenn man genau recherchiert, lässt sich auf Netflix das eine oder andere cineastische Kleinod entdecken. Filme, die längst nicht so beworben wurden wie preisverdächtige Ensemblefilme aus Hollywood, die aber in der Branche dennoch Aufsehen erregten. Darunter sind auch einige aus der Sparte Animation, und ganz besonders hervorheben möchte ich hierbei den innovativen Trickfilm Ich habe meinen Körper verloren. Klingt ein bisschen nach den Büchern des Neurologen Oliver Sacks? Ist es aber nicht. Dieses Werk hat mit Anomalien aus der Medizin gar nichts zu tun, obwohl, wenn man es genauer nimmt, geht’s doch auch um physische Defizite, die aber rein sinnbildlich zu verstehen sind. Ich habe meinen Körper verloren ist eine märchenhafte Parabel und gleichzeitig eine behutsame Liebesgeschichte, die lose auf dem Roman Happy Hand von Guillaume Laurant beruht und auf eine visuelle Erzählweise setzt, die gleich von der ersten Sekunde an besticht und auch verblüfft.

Denn Regisseur Jérémy Clapin erzählt alles andere als einen konventionellen Film, sein Werk orientiert sich nicht nur am französischen Erzählkino der Gegenwart, sondern teilt noch dazu innerhalb seiner knappen Laufzeit die Geschichte kurzzeitig auf drei, dann auf zwei Erzählebenen auf, spielt sogar noch mit den Zeiten und jongliert sie über- und untereinander, ohne dabei die Orientierung zu verlieren oder seinem Konzept die Luft zum Atmen zu nehmen. Im Zentrum steht ein junger Mann, der – das sieht man in Rückblenden – vor langer Zeit bei einem Autounfall seine Eltern verlor. Gegenwärtig verdingt er sich als Pizzabote, wobei er im Zuge seiner Lieferfahrten durch besondere Zufälle auf das Mädchen Gabrielle trifft. Gleichzeitig aber verfolgen wir die Odyssee einer abgetrennten Hand, die aus einem medizinischen Labor ausbricht und sich auf die Suche nach ihrem Körper macht. Anders als im Buch, in welchem diese eine erzählerische Aufgabe innehat, bleiben die Szenen, in denen die Extremität auf virtuose Art durch Räume, Straßen und Kanäle wandert, ohne Worte und gewinnen dadurch enorm an Intensität. Auch sonst knickt der zarte Film nicht unter der Last ausufernder Gespräche ein – ganz im Gegenteil. Vieles bleibt nonverbal.

Die Poesie des Loslassens handelt vom Schmerz eines Verlustes als Hindernis für ein erfülltes Weiterleben. Es geht um die Akzeptanz irreversibler Defizite und um leere Nischen, die nicht mehr nachbesetzt werden können. Jede andere Art von Film würde damit ganz schön ins Straucheln kommen und selbst vielleicht zu viel Trübsal blasen. Nicht so mit dem stilisierten Vokabular eines Trickfilmes. Ich habe meinen Körper verloren pendelt wohldurchdacht zwischen haarfeinen Tracings, vollen Farben und leicht abstrahierten Fotografien. Die Sicht auf die Dinge des Lebens entdeckt das Kleine wie das Große, schafft Bilder wie aus einer Graphic Novel. Ein zauberhafter, diskreter und verspielter Film über das Grundbedürfnis des Hinwegkommens, zur Recht nominiert für den Oscar und ausgezeichnet in Cannes. Magisches Kino, mal ganz anders.

Ich habe meinen Körper verloren