Die andere Seite (2026)

ENDLICH ÜBER DEM BERG SEIN

6/0


Nina Hoss ist im Film Die andere Seite auf der Flucht© 2026 Trimafilm / Florian Strandl / X Verleih


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND, ÖSTERREICH 2026

REGIE / DREHBUCH: MARIKO MINOGUCHI

KAMERA: FELIX PFLIEGER

CAST: NINA HOSS, PRECIOUS MARIAM SANUSI, BARBARA PETRITSCH, MOHAMED ACHOUR, JOHANNES NUSSBAUM, THERESE AFFOLTER, HELMUTH A. HÄUSLER U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN



Einem Kaninchen das Fell abzuziehen ist sicher nicht leicht. Schon gar nicht, wenn es unter Zeitdruck geschieht, denn jeden Moment könnte Hanna (Nina Hoss) entdeckt werden. Mit diesen Bildern beginnt das dystopische Fluchtdrama von Mariko Minoguchi, welche die Schauspielerin herausfordernd distanzlos in Szene setzt. Auf diese Weise einem filmischen Prozess ausgesetzt zu sein, fordert womöglich noch mehr Einsatz und Bereitschaft als archaische Essenszubereitung unter Kälte, Nässe und der Möglichkeit, erwischt zu werden.

Die filmische Belagerung der Intimsphäre

In Großaufnahme blickt Nina Hoss‘ Auge nervös hin und her, durch kein anderes menschliches Organ lassen sich Stress, Angst und Anspannung besser visualisieren als durch dieses empfindliche Konstrukt, das besser als jede Kamera Licht und Farben wahrnehmen kann.

Die Welt selbst aber ist farblos geworden, sie hat mehr schlecht als recht eine Pandemie hinter sich gebracht, die wohl exorbitant mehr Todesopfer eingefordert haben muss als jene, die wir kennengelernt haben: Covid oder Corona, durchwachsene Jahre mit Lockdown, Babyelefanten und dem Damoklesschwert der Triage über unseren Köpfen.

Die nächsten zwei Wochen waren da immer entscheidend – nicht so bei Nina Hoss, die sich schon seit Jahren im deutschen Forst versteckt hält. Klar ist: Die Infizierten müssen in Quarantäne, aufgrund der Menge an Fällen gibt es Camps, die aber, so lässt es der Film durchblicken, mit einem menschenunwürdigen Dasein drohen.

Kein Zusammenbruch des Systems

Minoguchi orientiert sich dabei weniger an einer urbanen Dystopie als vielmehr an einem postapokalyptischen Szenario – alles fühlt sich an, als wäre die Zivilisation zusammengebrochen. Im Allgemeinen ist sie das nicht, sondern nur für die zwar infizierte, aber nicht erkrankte Ex-Ehefrau und -Mutter Hanna. Die Endzeit für das Individuum mag zwar nicht eine solche Wirkung haben wie das globale Pendant, lässt sich aber, weil Minoguchi so nahe an ihre Survivalistin herangeht, deutlich höherschrauben, denn das ganze Drumherum, die Welt um Nina Hoss herum, spart sie mehr oder weniger dann aus, wenn es in die Zivilisation geht.

Wir ahnen nur immer wieder die Infrastruktur nach der Krise, wir bemerken einen intakten Alltag mit FFP2-Masken und militärischer wie fachkundiger Präsenz – wie damals, als Impfzelte das Stadtbild auch bei uns prägten. Wie schlimm es ist, lässt sich bis auf ein paar Fetzen, die den Status quo übermitteln, nur schwer herausfinden.

Alle sind wir letzten Endes auf uns allein gestellt

Diese Ahnung, lediglich dieses Vermuten, lässt mich als Zuseher genauso schwimmen wie Nina Hoss. Irgendwann bricht diese nämlich ihre Zelte ab und wandert in den Süden – dorthin, wo das Virus dank der hohen UV-Strahlung besser einzudämmen ist als in Mitteleuropa. Ihr Weg in die Zuflucht, fernab von hollywoodeskem Parkour à la Greenland, gestaltet sich als entbehrungsreiche Reise, während dieser es der Himmel nicht gut mit ihr meint, die Kälte unter das Gewand kriecht, die Physis nur noch schwer mitmacht.

Minoguchi erspart uns zwar sämtliche Klischees eines virusbedingten Endzeit-Generalverdachts, nutzt aber das Schreckgespenst einer Krankheit lediglich als Variable für den Zustand von Isolation, Verfolgung und Solidarität. Zu wenig plakativ? Zu sehr metaphorisch? Irgendetwas fehlt, vielleicht ist es das, was in anderen themenverwandten Filmen, die dank einer explizit dargestellten Gefahr (Carriers, Contagion) der Bedrohung ein Gesicht geben, für klare Verhältnisse sorgt.

Die Verhältnisse in Die andere Seite bleiben diffus. Lieber One-Woman-Show als Fluchtkammerspiel in und über die Berge. Nina Hoss gibt alles, der Film selbst gibt weniger als das, was wir ansatzweise überwunden haben.

Die andere Seite (2026)

Low Expectations (2026)

WO IM LEBEN IST DIE PAUSETASTE?

6/10


Marie Ulven aka Girl in Red im Burnout-Drama Low Expectations
© 2026 Stadtkino Filmverleih


ORIGINALTITEL: LAVE FORVENTNINGER

LAND / JAHR: NORWEGEN, DÄNEMARK 2026

REGIE / DREHBUCH: EIVIND LANDSVIK

KAMERA: ANDREAS BJØRSETH

CAST: MARIE ULVEN, TONE MOSTRAUM, ANDERS DANIELSEN LIE, EMBLA BERNTSEN, SNORRE KIND MONSSON U. A. 

LÄNGE: 1 STD 45 MIN



Wie sind die Erwartungen für die kommende Viennale? Ich würde nicht unbedingt behaupten, dass sie niedrig sind, auch wenn der erste Film des Festivals genau diesen Umstand zum Titel hat: Low Expectations. Doch vielleicht sind niedrige Erwartungen ab und an angebracht, um später nicht enttäuscht zu werden?

Ein strapaziertes Modewort

Niedrige Erwartungen sind auch ganz brauchbar, wenn die Luft draußen ist. Wenn bei einem selbst nichts mehr geht, man den Zenit überschritten hat und die geforderte Leistung einfach nicht mehr erbringen kann. Dann rattert man hinunter auf den Nullpunkt, auf die Basis der eigenen Existenz, um dann, mit niedrigen Erwartungen, einen Schritt vor den anderen zu setzen.

So ein Zustand mag gut und gerne als Burnout bezeichnet werden, doch Burnout ist mittlerweile zu einem schnell zur Hand genommenen Modewort verkommen und klingt langsam unfair jenen gegenüber, die mit dieser Diagnose tatsächlich leben müssen.

Finito la Musica

Im Langfilmdebüt des Norwegers Eivind Landsvik wird Burnout daher auch kein einziges Mal erwähnt, obwohl alles danach aussieht, als ob Maja genau das eben durchmacht. Als Musikerin, die, um ihren Ruhm zu steigern, ein omnipräsentes Social Media-Leben geführt hat, ist sie längst in ein tiefes, dunkles Loch gefallen und muss sich nun um sich selbst kümmern, während im World Wide Web gerade mal Funkstille herrscht, was ihre Kunst und ihre Präsenz als Star betrifft.

Die Fans sitzen auf dem Trockenen, sie warten auf ein Lebenszeichen, doch diesmal geht nichts mehr. Maja muss leiser treten, sehr leise, und zwar als Aushilfskraft an einer Schule, an der sie, wie kann es anders sein, auch dort ihren Fans begegnet. In diesen Job setzt Maja keine hohen Erwartungen – mehr als Supplierstunden muss sie nicht bewältigen. Landsvik sieht ihr dabei zu, wie sie das macht. Er sieht ihr dabei zu, wie sie zaghaften Kontakt zu ihren Kollegen knüpft, wie sie alte Freundinnen wiedertrifft und derweil bei Mama unterkommt, denn allein lassen kann man Maja momentan nur schlecht.

Film und Star unter dem Radar

Langsam hocharbeiten ist die Devise. Langsam nachspüren, ob Musikmachen schon geht oder noch nicht. Immer wieder mal probieren. Für diese Rolle des ausgebrannten jungen Shootingstars hat Landsvik tatsächlich einen weltbekannten norwegischen Star verpflichten können: Marie Ulven Ringheim, besser bekannt als Girl in Red, und ich weiß nicht, warum: Ihr Gesicht kommt mir bekannt vor, obwohl ich, das muss ich zugeben, von dieser Künstlerin noch nie etwas gehört hatte.

Ich muss auch zugeben, dass ich Low Expectations gar nicht mal auf meiner Watchlist für die Viennale hatte, sondern im Rahmen einer Sneak Preview überhaupt erst in den Genuss dieses Filmes gekommen bin. Wie gut ist das Drama über Burnout, über die Schritte zurück in ein Leben, das zukünftig wohl nicht mehr aus Reisen, Interviews, Konzerten und jeder Menge Social-Media-Stress besteht?

Die menschelnde Nüchternheit eines Nordic Dramas

Ihn gesehen zu haben, bereue ich nicht. So richtig begeistert bin ich aber auch nicht, was wohl daran liegt, dass sich Landsvik längst nicht so fulminant und versiert am Stil des psychologischen Realismus Nordeuropas bedient wie Dan Johan Haugerud, der mit seiner Oslo-Trilogie intensives Dialogkino zwischen pragmatischer Vernunft und Emotion vervollkommnet hat. Wenn sich schon Menschen mit ihrer Existenz und ihren Sehnsüchten auseinandersetzen und wir ihnen dabei zusehen müssen, dann unbedingt so wie bei Haugerud.

Anders als er und mehr wie bei Mia Hansen-Løve (An einem schönen Morgen), aber nicht mit deren poetischer Verklärung, sucht Landsvik nicht die Auseinandersetzung oder den sozialen Konflikt. Low Expectations beobachtet, begleitet und blickt mitunter zur Seite auf eine Coming-of-Age-Sidestory, wagt aber keinen Diskurs. Bescheidenheit ist so lange leistbar, solange sich Landsvik auf Marie Ulven verlassen kann. Ziemlich riskant, doch es funktioniert.

Die eigene Erfahrung mitgenommen

Mir ihrem authentischen Spiel, da sie schließlich weiß, was ihre Figur erlebt haben muss, und weil Marie Ulven nahe genug an den Problemstoff herankommt, vermeidet sie nordische Psycho-Tristesse, die als Arthouse durchgehen will. In Low Expectations stößt man in so manchen Szenen in sehr Persönliches vor, vielleicht auch von Ulven autobiografisch Mitgebrachtes. Das macht die blasse, verwaschene Nüchternheit, in die Landsvik sein ruhiges Drama taucht, lebendiger und nahbarer als gedacht.

Low Expectations (2026)

Das Ende der Sterne (2026)

STEREOTYPEN DES NEUEN WILDEN WESTENS

4,5/10


Jacob Elordi als Hig in Ridley Scotts Das Ende der Sterne
© 2026 20th Century Fox


ORIGINALTITEL: THE DOG STARS

REGIE: RIDLEY SCOTT

DREHBUCH: MARK L. SMITH, CHRISTOPHER WILKINSON, NACH DEM ROMAN VON PETER HELLER

KAMERA: ERIK MESSERSCHMIDT

CAST: JACOB ELORDI, JOSH BROLIN, MARGARET QUALLEY, GUY PEARCE, BENEDICT WONG, ALLISON JANNEY U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN



Erst kürzlich ging am Wiener Kunstmuseum Albertina eine Ausstellung über den Konzeptkünstler Richard Prince zu Ende. Der Amerikaner ist Vertreter der sogenannten Appropriation Art, was so viel bedeutet wie: Bereits vorhandene Werke, zu welchem Zweck auch immer, neu zu zitieren und damit umzuinterpretieren. Er refotografierte also in seinem Western-Zyklus klassische Marlboro-Werbungen und hinterfragte damit das stereotype, klischeebeladene Lebensgefühl, das Zigarettenkonsum so salonfähig machte. Starke, konservative Männer in rauer Wildnis, Pferde reitend oder bändigend, nach harter Arbeit in den Sonnenuntergang blickend, fast schon wie ein Lucky Luke des echten Lebens, das Lasso lässig an der Seite. Und das Päckchen Tschick irgendwo.

Eine Kehrtwende hin zu traditionellen Versatzstücken

Diese Kunst muss man wirklich nicht mögen, doch verständlich ist die Aussage dennoch. Mag sein, dass Ridley Scott Ähnliches im Sinn hatte. Mag sein, dass er bereits etablierte Versatzstücke aus längst vergangenen Genre-Stilen des Films wieder aufleben lassen und neu anordnen wollte – längst zur Genüge bediente stereotype Rollenmuster und ein Wertebewusstsein aus noch vor dem Kalten Krieg bis in die Reagan-Ära hinein – das könnte für die Verfilmung eines Bestsellers reichen, den Peter Heller verfasst hat und den Titel Das Ende der Sterne wie Big Hig sie kannte trägt, assoziationsauslösend mit John Irvings Garp und wie er die Welt sah.

Diesmal aber ist es nicht Garp, sondern der momentan gut im Geschäft stehende Jacob Elordi, der als Elvis oder Frankensteins Monster gute Figur gemacht hat und der auch hier, im Gras liegend und in den Nachthimmel blickend, sich selbst erkennt, wie er in Sofia Coppolas Priscilla Cailee Spaeny auf die starallürenhaften Laken zitiert. Das Sternbild des King of Rock hängt dort, und das seines Hundes Jasper.

Auf den Hund gekommen

Mit Hunden kennt sich die Postapokalypse schließlich sehr gut aus – sowohl Don Johnson in Der Junge und sein Hund oder Will Smith in I Am Legend: Sie alle hatten ihren Vierbeiner an der Seite, denn welche Freundschaften bleiben einem noch, auf die man setzen kann, in anarchischen Zeiten wie diesen, in denen die Weltbevölkerung in Clans zerbricht und verwilderte, marodierende Banden durchs Unterholz treiben. Ein bisschen erinnert mich dieses Konzept an die von Netflix bedauerlicherweise abgesetzte deutsche Serie Tribes of Europa. Da hätte man etwas draus machen können. Daran hätte sich auch Ridley Scott orientieren können, doch das hat er nicht.

Grenzschutz in der Postapokalypse

Dieser Hig hat nicht nur einen Hund, sondern auch den Ex-Marine Bangley an seiner Seite – ein harter Knochen, der im Laufe der Gespräche in diesem Film unter anderem seine Brille von Anfang an bei Fielmann kaufen hätte sollen. Was die von Josh Brolin verkörperte, republikanisch anmutende Institution von Mann an Grenzverteidigung an den Tag legt, beschert Donald Trump wohl feuchte Augen. Da wird nicht gefragt, da wird nicht Asyl gewährt, da wird geschossen, denn auf Dialog setzen muss man nachher nicht mehr.

Diese Radikalität amerikanischer rechter Werte kokettiert mit der melancholischen Verträumtheit eines Jacob Elordi, der mit Schlafzimmerblick, Lethargie und Muskelkraft zum Fast-Bäume-Ausreißen eben diesen Rollentypus aus den Konzepten von Richard Prince verkörpert, die Zigaretten in Griffweite und mit der Cessna über eine Landschaft brummend, die Amerika keiner nehmen kann.

Die ist nun mal da, und die verspricht Freiheit, Chancen und einen Neuanfang. Hig muss nur Grand Junction finden, von wo aus ein Signal noch ein Rest an Zivilisation verspricht. Unterwegs trifft er auf Verbündete. Und das war’s auch schon mit der Story.

Make Wild West great again!

Am besten, man beginnt hier gleich wieder von vorne und holt das Zeitalter des Wilden Westens aus der Mottenkiste. Man muss dieses Gesellschaftsbild nur in eine dystopische Zukunft setzen, und siehe da – es macht fast keinen Unterschied, ob Elordi, John Wayne oder Clint Eastwood den Ton angeben. Hier werden die weißen Amerikaner zu den neuen Nativen, und die noch weißeren zu den Pionieren, die sich zu kleinen Farmen zusammenfinden, wo zwischen Mennoniten und Mormonen kein Unterschied gemacht wird, Hauptsache der christliche Glaube bringt am Ende Friede, Freude, Eierkuchen.

Immer dieser Retro-Charme

Übersehen darf man in dieser kauzigen kleinen Klischeekiste des neuen Sonnenaufgangs jedenfalls nicht Margaret Qualley und ihren Filmpapa Guy Pearce. Qualley diesmal nicht als eine ihrer Schönheit und erotischen Anziehungskraft bewussten Manipulatorin, sondern pioniergeistig in Latzhose und Kappe – Pearce muss man als brummigen Endzeit-Mundl fast schon gern haben. All diese Personen kippen dann ganz plötzlich in die Welt von Fallout, natürlich fragt man sich: Warum, wieso und was hat Ridley Scott geritten, den elegischen Kevin-Costner-Grundtonus durch eine misslungene Kopie der postatomaren Aftermath-Groteske auf Amazon Prime zu stören. Der Spuk ist aber bald wieder vorbei, rausschneiden kann man diesen Brocken immer noch.

Was bleibt, ist eine abendfüllende Prosa-Werbung über die guten alten Werte eines Staatenbündnisses mit ganz viel Landschaft, in der die Leute einfach nur zu wissen brauchen, wann sie schießen, wann sie in die Sterne gucken und wann sie die kolportageartig zur Schau gestellte Melancholie verlorener Lebenskonzepte empfinden müssen. Hättiwari bringt einen da nicht weiter, MAGA vielleicht schon.

Das Ende der Sterne (2026)

Spider-Man: Brand New Day (2026)

DU ENTSCHULDIGE ICH KENN‘ DICH …

7/10


Tom Holland entdeckt neue Fähigkeiten an sich selbst in Spider-Man: Brand New Day
© 2026 TMG / MARVEL


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE: DESTIN DANIEL CRETTON

DREHBUCH: CHRIS MCKENNA, ERIK SOMMERS, JUSTIN KURITZKES

KAMERA: BRETT PAWLAK

CAST: TOM HOLLAND, ZENDAYA, JACOB BATALON, SADIE SINK, JON BERNTHAL, MARK RUFFALO, TRAMELL TILLMAN, LIZA COLÓN-ZAYAS, FLORENCE PUGH, MICHAEL MANDO, MARISA TOMEI, OLIVIA BOOTH-FORD U. A.

LÄNGE: 2 STD 25 MIN



Kevin Feige im Kabelsalat

Diese Multiversum-Saga hat keinen roten Faden mehr, obwohl das neueste Abenteuer der freundlichen Spinne aus der Nachbarschaft immer noch dazugehört. Du meine Güte, wie haben sich Disney und Marvel, genauer genommen Kevin Feige hier nicht verheddert wie man sich sonst nur in einem Kabelsalat verheddern kann, der hinter dem Schreibtisch vor sich hinstaubt.

Zu Beginn war noch alles relativ strikt und stringent erzählt, bevor all die neuen Gesichter, Protagonisten und Antagonisten überhandnahmen, zwischendurch mal auftauchten, dann wieder gekippt wurden und gar nicht mehr weitergeführt, da es schier unmöglich schien, an all diesen Sidestorys, Nebenplots und sonstigen Abenteuern dranzubleiben. Die Multiversum-Saga hat irgendwann, vielleicht nach der letzten Folge der Serie Loki, ihren Geist aufgegeben. Die ganze Phase des MCU nennt sich vermutlich nur proforma so, damit das ungeliebte Kind einen Namen hat.

Bingewatching mit den Kinofilmen

Filme und Serien wurden seltener, die Abstände zwischen den Releases so enorm, dass wohl kaum jemand mehr den Konnex zu einem der älteren Filme herstellen würde. The Fantastic Four? Stimmt, da war doch was. Die sollten angeblich die Phase 6 des MCU einläuten, und nicht, wie es logischer wäre, die Thunderbolts* aka New Avengers. Die Fantastic Four: First Steps mit Pedro Pascal und Vanessa Kirby schwammen letztes Jahr irgendwo im Sommerkino mit, erzählten so nebenbei ein Abenteuer über und mit dem gigantomanischen Galactus, bevor das Alternative-Universum-Abenteuer wieder sang und klanglos aus dem Gedächtnis verschwand. In Avengers: Doomsday sollen sie dann erneut antanzen. Vermisst hat man sie nicht. Vielleicht aber einen wie Spider-Man mit Tom Holland in seiner Paraderolle – was spätestens seit der Odyssee klar wird. Statt Telemachos lieber Peter Parker.

Mister Anonym im Großstadtdschungel

Und der schließt mehr oder weniger nahtlos (5 Jahre später) an einen noch weiter zurückliegenden Film an, nämlich Spider Man: No Way Home. Dieses Abenteuer hat so seine Spuren hinterlassen, mitunter auch jene der anderen beiden Spider-Man-Darsteller: Toby Maguire und Andrew Garfield. So wurden die Sony-Filme in die MCU-Timeline aufgenommen, Stiefkind bleibt dabei nach wie vor Venom.

Aber gut: Dieser neue alte Peter Parker hat doch, um die Menschheit und seine Geliebte MJ (Zendaya) zu retten, seine Identität aus allen Gedächtnissen auf diesem Planeten gelöscht. Spider-Man: Brand New Day trifft es also ziemlich gut: Ein Neuanfang steht ins Haus, Business as usual, möchte man fast meinen – wozu auch gehört, einigen Mittelklasse-Bösewichten wie dem Skorpion (Michael Mando, Better Call Saul) das Handwerk zu legen.

Natürlich behält Peter seine ehemaligen Freunde weiter im Auge und wartet auf den Moment, um neu anzudocken, als kleiner großer Unbekannter. Währenddessen aber macht sich eine schwer zu fassende Präsenz in New York breit: eine, die man nicht sehen kann und nur in den Köpfen der Leute steckt. Ein telepathischer Unhold treibt sein Unwesen, und diese Bedrohung kommt natürlich gerade dann, wenn sich Spideys Spinnen-Gene entschließen, ein organisches Upgrade durchzuführen.

Alleine kann er diese ganzen Herausforderungen nicht stemmen, da braucht es einen alten Bekannten. Ist es Hulk? Ja, der auch, aber nur peripher. Vorrangig ist es der Punisher, die wohl brutalste und gnadenloseste Figur von Marvel, absolut nicht jugendfrei, moralisch zweifelhaft, aber im Ganzen als urbaner Berserker unwiderstehlich.

Der Harte und der Zarte

Tom Hollands Freund Jon Bernthal schafft doch irgendwie das Kunststück, vom brutalen Selbstjustiz-Killer, umhüllt von trostloser Trauer, zur einer immer noch martialischen, aber aufgeweckten und weniger grimmigeren Kampfmaschine zu wechseln. Das heisst nicht, dass sein Charakter, so wie ihn seine Fans bislang kannten, dadurch korrumpiert wird – einzig der Fokus ist ein anderer. Und der Punisher kann durchaus auch mal Licht am Ende des Tunnels sehen, vor allem, wenn er es mit Spider-Man zu tun hat, mit dem er auf Staten Island irgendein Ding gedreht hat und der bei ihm schließlich etwas gut hat.

So haben wir in Brand New Day doch einige bekannte Gesichter, ein überraschendes Cameo – und eine ganz neue Figur, über die ich hier natürlich nichts verrate. Diese Figur aber bemüht sich genauso wie Spider-Man selbst, die Brücke zu schlagen vom letzten Marvel-Film bis zum großen Opus Magnum im Dezember – Avengers: Doomsday.

Ein Superheldenfilm wie damals?

Was Destin Daniel Cretton dabei gelingt: Die Erinnerung an die phänomenale Infinity-Saga zu wecken. Schließlich waren aus diesem Handlungsbogen wohl die besten Superheldenfilme hervorgegangen, die es je gegeben hat und die es womöglich jemals geben wird. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort und in der richtigen Zusammensetzung war Marvel da am Zenit seiner Kunst.

Cretton kann sich noch daran erinnern, schließlich zählt sein Film Shang Chi and the Legend of the Ten Rings zu einem der besseren Episoden der Post-Infinity-Ära. Cretton weiß, und auch Holland weiß es, wie Spider-Man tickt; was er erlebt hat, und wie sich der Charakter weiterentwickeln könnte. Das fängt er gut ein, und hat auch nicht vor, hier seinen individuellen Stempel aufzudrücken, sondern begnügt sich damit, den Marvel-Kosmos weiter zu atmen.

Mit dem Auftritt von Hulk ist es dann fast so, als säße man wieder in den Avengers-Filmen von damals. Richtig nostalgisch und warm ums Herz wird einem da – auch wenn Spider-Man: Brand New Day wirklich nicht zu jenen Filmen zählt, die die größten Schauwerte und die spektakulärsten Erlebnisse bereithalten.

Es geht um Emotionen

Crettons neue Episode ist wie eine Serien-Staffel in kompakter Form. Sehr viel Freundschaft, sehr viele Begegnungen, dazwischen ordentliche Handgemenge und jede Menge Details, die Kenner der Materie mit Verzückung inhalieren. Auf fast schon bescheidene Weise, die mehr Geschichte erzählen will als wirklich zu beeindrucken, bleibt der Spider-Man: Brand New Day ein entspanntes Young-Adult-Abenteuer, das sich an vieles erinnert, was in diesem Universum schon so passiert ist, das wir als Fans vielleicht schon vergessen haben und das am Ende die Lust auf mehr weckt, auf noch mehr bewährtes Storytelling. Und auf eine Fusion, die manche schon lange herbeisehnen.

Spider-Man: Brand New Day (2026)

Perla (2025)

PLEASE LOOK BACK IN ANGER

7/10


Rebeka Poláková als Perla im gleichnamigen Film© 2025 Stadtkino Filmverleih 


LAND / JAHR: ÖSTERREICH, SLOWAKEI 2025

REGIE / DREHBUCH: ALEXANDRA MAKAROVÁ

KAMERA: GEORG WEISS

CAST: REBEKA POLÁKOVÁ, SIMON SCHWARZ, NOËL CZUCZOR, CARMEN DIEGO, HILDE DALIK, GRAZYNA DYLAG, IVAN ROMANČIK, ZUZANA KONEČNÁ, INGRID TIMKOVÁ U. A.

LÄNGE:  STD 30 MIN



Should I Look Back in Anger?

Man soll ja nicht kramgebeugt zurückschauen auf das was war, meint zumindest die angeblich beste Band der Welt, nämlich Oasis. Mit dem, was gewesen ist, sollte man Frieden schließen, ändern lässt es sich nicht, besser wird’s auch nicht, und das einzige, was mehr zur Zufriedenheit und Harmonie führt, kann nur die Zukunft sein. In dieser Zukunft, oder besser gesagt: möglichen Zukunft, ist Perla mit einem Stipendium in der österreichischen Hauptstadt Wien angekommen – sie ist bildende Künstlerin, extrem produktiv, liefert ein Gemälde nach dem anderen ab. Und hat, so könnte man meinen, ihre Vergangenheit hinter sich gelassen.

Ich bin die Summe der vergangenen Ereignisse

Nur: Kann man das überhaupt? Insbesondere eine  Vergangenheit, die sich zusammensetzt aus schweren traumatischen Erlebnissen wie einer Vergewaltigung auf der Flucht, der sowjetischen Besatzung. Mit ihren Augen und Ohren überall und einer wilden, berauschenden Liebe, aus der ein Kind hervorging, das nun ebenfalls in Österreich versucht, wieder Fuß zu fassen?

So einfach geht das natürlich nicht, denn in diesem Brocken an Leben stecken nicht nur Dinge, die man verdrängen will, sondern auch Erinnerungen, die man nie wollte, dass sie verblassen. Eine davon ist Andrej, der auf der Flucht in den Westen verhaftet wurde und Jahre später nun freikommt. Anfangs will Perla nichts davon wissen, sie blickt zurück im Zorn, im Schmerz. Doch da sind diese nostalgischen Gefühle, die Liebe oder zumindest das Gefühl daran, wie es gewesen war.

Letztendlich beschließt sie, hinter den eisernen Vorhang zurückzukehren und Andrej wiederzutreffen, zum Leidwesen ihrer Tochter und ihres neuen Mannes – der mitfährt, um die Sache natürlich unter Kontrolle zu halten. Denn nach wie vor steht Perla auf der schwarzen Liste illegaler Flüchtlinge.

Aber schön war es doch…

Die slowakisch-österreichische Filmemacherin Alexandra Makarová stellt in ihrem zärtlich-reduktionistischen Drama die Frage, ob eine zweigeteilte Biografie wie jene von Perla das Gewesene als Chance nutzen kann, um neu anzufangen. Wie das Ganze hinter sich lassen? Ist es besser, damit Frieden zu schließen – oder diese Wut im Herzen zu belassen, die erst recht antreibt, um weiterzumachen. Ist das, woran man sich erinnert, längst idealisiert? Und wann beginnt sie, diese Idealisierung?

Den passenden Erzählstil finden

Makarovás Film atmet mitunter die eigentlich unnachahmliche Filmpoesie eines Krzysztof Kieślowski – vor allem in den Szenen, in denen Mutter und Tochter allein sind, sich über Zukunft und Vergangenheit austauschen. Ihre visuellen Arrangements wiederum können von den Arbeiten eines Ulrich Seidl inspiriert sein – mit teils planimetrischen Tableaus lebt auch Makarová den stilisierten Realismus, doch zum Glück für sie und ihren Film nicht zur Gänze.

Perla lebt vor allem durch diese poetische Lebendigkeit, diese intimen Momente, und einer manchmal ganz anderen Authentizität. Für diese Art des Filmemachens kann Perla nun Mitte Juni auf so einige Trophäen im Rahmen des Österreichischen Filmpreises hoffen. Für satte 13 „Austro-Oscars“ ist das Drama nominiert, wobei hier Jungschauspielerin Carmen Diego sträflichst übergangen wurde.

Ausbalanciertes Dreieck der Emotionen

Diego spielt ihre erwachsenen Schauspielkollegen vor allem im letzten Drittel des Films mühelos und mit entfesselten Emotionen an die Wand, ihre Ohnmacht vor den Gefahren des Sowjetstaats und des Verschwindens ihrer Mutter macht Perla sowohl vulnerabel als auch greifbar. Rebeka Poláková als titelgebende Perla und Simon Schwarz, der diesmal in einer ernsten Rolle zu sehen ist, nehmen ihre Charaktere aber ebenfalls ernst genug, um mit dem dargebotenen Einzelschicksal einer Familie im politischen Zeitbild der Achtziger die sich anbahnende Tragödie mit den Betrachtungen von Trauma und Vergangenheit in berührender Balance zu vereinen.

Die Vergangenheit zu verdrängen, so weiß der Film, ist in jedem Fall die falsche Wahl. Unbedingt mit ihr Frieden zu schließen, muss auch nicht sein. Und will man es doch, obwohl die Wut das richtige Empfinden wäre, stürzt man zurück an den Anfang.

Perla (2025)

Das Drama – Noch einmal auf Anfang (2026)

DUNKLE MATERIE IN DER ZWEISAMKEIT

6/10


Zendaya und Robert Pattinson im Film Das Drama von Kristoffer Borgli
© 2026 Leonine Studios


LAND / JAHR: USA 2026

REGIE / DREHBUCH: KRISTOFFER BORGLI

KAMERA: ARSENI KHACHATURAN

CAST: ROBERT PATTINSON, ZENDAYA, ALANA HAIM, MAMOUDOU ATHIE, MICHAEL ABBOTT JR., YAYA GOSSELIN, SYDNEY LEMMON, HAILEY GATES U. A.

LÄNGE: 1 STD 46 MIN



Kristoffer Borgli setzt sich nun schon zum dritten Mal mit den Paradoxien des urbanen Miteinanders auseinander. Sick of Myself, sein erster Film, handelt von den Auswüchsen der Geltungssucht und der Aufmerksamkeit, die man anderen Menschen schenkt, wodurch manche versehentlich ihren Selbstwert definieren. Ein seltsam analytischer, aber treffsicherer Film. Dream Scenario geht da einen Schritt weiter ins Mysteriöse, gar Surreale: Good old Nicholas Cage ist dort der Traummann für alle, und zwar deswegen, weil er des Nächtens wie einst Freddy Kruger zwar nicht auf destruktive, aber dennoch auf eskalierende Weise in den Köpfen der Menschen herumspukt. Die Rechnung geht nicht unbedingt auf, natürlich nimmt sich Borgli auch hier wieder diverse Gesellschaftsphänomene zur Brust, formgerecht zugeschnitten auf das Zeitalter der Sozialen Medien.

Das offene Buch hat geheime Seiten

Jetzt hat Borgli die omnipräsente Schauspielerin und Sängerin Zendaya sowie Ex-Vampir Robert Pattinson vor die Kamera geholt – um klar Schiff zu machen, wenn es darum geht, als Liebespaar nur auf Basis enthüllter Geheimnisse reüssieren zu können. Man muss sich einander schließlich alles sagen – oder nicht? Wer man gewesen ist, wie man sich entwickelt hat; all die Fehlleistungen, all die Abzweigungen im Leben, die einen dorthin geführt haben, wo man sich lieb hat. Auch all die dunkle Materie. Denn wie sonst könnte man sein Gegenüber wirklich kennen, wüsste man nicht auch dies?

Also nutzen Charlie und Emma, glücklich liiert und kurz davor, pompös zu heiraten, die Gunst der Stunde, um mit ihren Treuzeuginnen und – zeugen diese dunkle Materie auszugraben. Als Emma an die Reihe kommt, bleibt allen der Mund offen stehen ob dieses psychopathischen Ansatzes. Charlie (Pattinson) ist wie die anderen auch völlig vor den Kopf gestoßen. Wie kann denn die Liebe seines Lebens jemals so viel Sünde sein?

Die Sache nicht auf sich beruhen lassen

Nüchtern betrachtet folgt auf so viel Offenbarung das Gespräch und die Lösung des Konflikts. Weiters die Akzeptanz, dass die Person, die man liebt, aus ihren Fehlern gelernt hat und nun ein anderer Mensch ist. Die bessere Hälfte legt die Sache ad acta, kommt es doch auf das Vertrauen an. Bei Kristoffer Borgli geht der Reigen aber weiter. Nach zwanzig Minuten Problembewältigung stellt sich die Frage: Wie? Der Konflikt scheint bereinigt, die Sache vom Tisch, nur der Film will nicht enden. Was hat Borgli in seinem analytischen Psychodrama Das Drama – Noch einmal auf Anfang denn noch vor?

Fingerzeigen tut man nicht

Er schenkt uns einen zerrütteten Robert Pattinson, der mit skurrilen Visionen hadert und seine große Liebe plötzlich nicht mehr zu kennen glaubt. Er schenkt uns eine recht ratlose Zendaya, die anders denkt als ihr Zukünftiger, und so auch nicht wahnsinnig viel zum Fortlauf der Geschichte beiträgt. Die Bühne gehört dem hadernden Bräutigam in spe, der sich im Selbstmitleid suhlt und damit alles nur nicht schlimmer macht.

Doch ist es nur das, nur diese Unaufbringbarkeit von Akzeptanz und Vertrauen? Borgli will mehr, er widmet sich der Toxizität der Cancel Culture – also mehr oder weniger der kollektiven Verurteilung durch jene, die ihre dunkle Materie niemals haben zeigen müssen. Da fühlt man sich gleich als besserer Mensch, hat man den oder die andere am Pranger und nicht sich selbst.

Die schale Wirkung des Selbstmitleids

Das Drama – Nochmal einmal auf Anfang hat mit diesen Betrachtungen eine clevere Prämisse und bringt bewegend viel Stoff für Diskussionen nach dem Kino. Mag sein, dass man danach diesen Spaß auch selber praktiziert und die Lebensbeichte schlechthin ablegt – unter der Voraussetzung, sich zweimal zu überlegen, wie man mit den neugewonnenen Informationen umgeht. Auserzählt hätte Borgli seinen Film aber schon viel früher, er reichert ihn daher an mit repetitiven Szenen an, die im sachlichen Setting einer schmucklosen Inszenierung wie verwässerter Wein erscheinen.

Nicht vollmundig, sondern schal eskaliert das Drama im Drama zu einem offensichtlichen Höhepunkt hin, der die Freiheit des peinlichen Scheiterns genießt. Das alles ist etwas selbstverliebt und trägt vor allem bei Zendaya das Bewusstsein zur Schau, dass es einfach reicht, sie selbst zu sein, ohne viel dafür tun zu müssen. Damit hat Pattinson Raum genug, um sich künstlich reinzusteigern, doch auch das ist nicht mehr als halbwegs solide.

Das Drama – Noch einmal auf Anfang (2026)

Train Dreams (2025)

NICHT ZU WISSEN, WIE DER BAUM FÄLLT

7/10


© 2025 Netflix Inc.


LAND / JAHR: USA 2025

REGIE: CLINT BENTLEY

DREHBUCH: CLINT BENTLEY, GREG KWEDAR, NACH DEM ROMAN VON DENIS JOHNSON

KAMERA: ADOLPHO VELOSO

CAST: JOEL EDGERTON, FELICITY JONES, WILLIAM H. MACY, KERRY CONDON, NATHANIEL ARCAND, CLIFTON COLLINS JR., SEAN SAN JOSE, ALFRED HSING, WILL PATTON U. A.

LÄNGE: 1 STD 42 MIN



Holzfällen mal anders. Und gar nicht so, wie Thomas Bernhard es konzipiert hat, der in seinem kontroversen Portrait, dessen Titel jene mitunter gefährliche und hemdsärmelige Schwerstarbeit beschreibt, eine Wiener Abendgesellschaft mit Wörtern zur Strecke bringt anstatt mit Äxten, Sägen und „Baum fällt!“-Rufen. Die  hört man allerdings, wenn man in die Welt von Robert Grainier eintaucht – einem introvertierten, fast schon phlegmatischen, stets nach Antworten suchenden Typ Mensch, der immer dort steht, wo keine Schienen liegen, wo keine Weichen gestellt und kein Zug jemals halten würde. Kurz gesagt: im Nirgendwo einer Existenz. Hier würde man sagen: Wie bestellt und nicht abgeholt. Für die Flucht nach vorn, um dem Leben eine Ordnung zu geben, will Robert anpacken. Zur Säge greifen, Bäume fällen, die Zivilisation per Schiene noch weiter in den Westen führen oder dorthin, wo es sonst nichts gibt außer Wildnis.

Das Lebensglück wärt zumindest für eine kurze Zeit, als Robert auf Gladys trifft – auf ähnlich vulnerable Weise ergänzt Felicity Jones (Oscarnominierung für The Brutalist) das wortkarge, in sich gekehrte Wesen ihres Geliebten, beide gründen eine Familie, am Fluss steht bald ein Holzhaus. Und als wäre alles viel zu schön, um wahr zu sein, quält den Waldburschen dann doch immer wieder der Abschied, wenn es heisst, für einige Monate abberufen zu werden, um weit weg von Heim und Familie Geld zu verdienen. Irgendwann wird es, wir ahnen es schon, zu einem Abschied auf ewig – als Robert zurückkehrt und Wald und Haus lichterloh in Flammen stehen.

Schauplatzreport als Heimatfilm

Train Dreams von Clint Bentley, der beim Drehbuch für das Gefängnisdrama Sing Sing mitgewirkt hat, ist jene Sorte des uramerikanischen Heimatfilms, den Chloé Zhao mit ihren impressionistischen Arbeiten Songs My Brothers Taught Me und The Rider neu interpretiert und definiert hat. Während Zhao aber mehr oder weniger Geschichten aus der ruralen Gegenwart erzählt, im traditionellem und ganz anders tickenden Kosmos fernab eines urbanen Fortschritts, mit dem der Rest der Welt die Vereinigten Staaten assoziiert, nimmt sich Bentley ein ganzes Leben zur Brust, eine Wegstrecke weg von den Zehnerjahren des 19ten Jahrhunderts bis in die späten Sechzigerjahre hinein. Die Bilder jedoch, die der oscarnominierte Kameramann Adolpho Veloso dafür findet, huldigen einer ähnlich reportagehaften True-Story-Poesie wie es Zhao stets tut, um dabei hingebungsvoll von Wildnis, der Weite und den Wäldern ergriffen zu werden, während die Sonne zu den dramatischsten Tageszeiten auf unkitschige Weise die Szene nuanciert. Dazwischen ungefilterte, kontrastarme Bilder in 4 zu 3, frei von Studiolicht, nur mit dem arbeitend, was der Tag oder die Nacht auch hergibt. Da lässt sich schon eine Nähe spüren, die man in heillos überarbeiteten und mit allerlei Filtern nachgebesserten, ganze Dekaden umspannenden Epen niemals findet.

Der suchende Blick des Genügsamen

Mittendrin ein Joel Edgerton, von dem wir wissen, wie rätselhaft er wirken kann. Und je weniger er preisgibt von seinen darzustellenden Gefühlswelten, umso interessanter und faszinierender wird diese Figur. Umgeben von der Rauheit und Erbarmungslosigkeit eines Holzfällerlebens und vom eigenen verräterischen Schicksal drangsaliert, meistert Edgerton das Portrait eines immerwährend Geprüften. In dieser Beharrlichkeit, die er dabei an den Tag legt, ist dieser Hiob nicht alleine. Bentley schenkt ihm statt Isolation zumindest den Dialog, den Trost von den anderen; so manchen Wert, so manche Weisheit von Menschen, die auf ihre eigene Weise geprüft werden, die letzten Endes ein Gesamtbild dieses teils ungezähmten, unberechenbaren Amerikas ergeben, das wie ein umstürzender Baum nichts preisgeben will, in welche Richtung er fällt.

Train Dreams ist ein elegischer, prosaischer Naturalismus. Unaufgeregt und doch aufregend, bebilderte Literatur wie die eines John Steinbeck, zwischen Arbeiterchronik und dem wildromantischen Horror von Verlust, Loslassen und Neuanfang.

Train Dreams (2025)

Sisu: Road to Revenge (2025)

ICH UND MEIN HOLZ

5,5/10


© 2025 CTMG, Inc. All Rights Reserved.


LAND / JAHR: FINNLAND 2025

REGIE / DREHBUCH: JALMARI HELANDER

KAMERA: MIKA ORASMAA

CAST: JORMA TOMMILA, STEPHEN LANG, RICHARD BRAKE, EINAR HARALDSSON, JAAKKO HUTCHINGS, SANDY E. SCOTT, ERGO KÜPPAS U. A.

LÄNGE: 1 STD 28 MIN



Das Bahnhofskino hat wieder eröffnet! Im Mitternachtsprogramm nach Machete, Planet Terror und Death Proof lässt sich Jalmari Helanders wie ein Italowestern der Bauernschneuzer-Sorte aufgezogener Taiga-Reisser dank stilsicherer Tonalität bequem unterbringen. Im Mittelpunkt steht dabei ein Mann und sein Holz, der als kriegsgebeutelter Selfman sein Leben im wahrsten Sinne des Wortes neu aufbauen will. Dafür muss der schweigsame Aatami Korpi, bekannt aus Sisu, in ehemals finnisches und nunmehr russisches Gebiet vordringen. Was dort zu holen ist? Nichts sonst außer die Heimstatt seiner Familie, die von Kriegsverbrecher Igor Draganov hingemetzelt wurde. Dieses Blockhaus will Korpi abbauen, auf seinen Truck laden und in Finnland neu errichten, stets in Gedenken an seine Lieben, die er, soweit er es mimisch darstellen kann, schmerzlich vermisst. Doch dieser Draganov, verkörpert von Permanent-Bösewicht und Vorzeige-Antagonist Stephen Lang, der auch in Avatar die Nemesis gibt, bekommt den Auftrag, auch den letzten der Korpi-Familie auszulöschen, hat der doch hunderte russische Gefolgsleute auf dem Gewissen.

Alles was Flügel hat fliegt

Den Rest kann man sich denken. Viel mehr Stoff gibt es nicht. Fast so viel und vielleicht einen Deut mehr als in George Millers Mad Max: Fury Road. Bei diesem Roadmovie fängt Jalmari Helander ganz schön viel atemberaubende Landschaft ein. Jorma Tommila, der einmal mehr kein Drehbuch auswendig zu lernen braucht, weil kein Wort über seine blutenden Lippen kommt, fährt mit sehr viel Holz, das ihm immer wieder abhanden kommt und wie durch Geisterhand wieder eingesammelt wird, von A nach B, stets Stephen Lang im Nacken, der einmal wilde Biker, dann Militärflugzeuge hinterherhetzt. Alles kein Problem für diesen hartgesottenen Burschen, der zäher ist als Leder und ungefähr so viel aushält wie John Wick. Ein finnischer Stehaufmann, der sogar Panzern beibringt, wie man fliegt. All diese Action ist natürlich völliger Nonsens. Purer, gewalttätiger Eskapismus, der diesmal aber nicht nur so elementare Emotionen wie Rache bedient, sondern vorrangig mal Flucht und Widerstand. Die Road to Revenge wird erst sehr viel später zu selbiger, nämlich erst dann, wenn bei unserem Protagonisten die Hutschnur platzt.

Ventil für den Erstling

Bis dahin geht dem Sequel trotz vieler gemachter Kilometer und zerstörter fliegender wie fahrbarer Untersätze die Puste aus. Es ist, als wäre vom Original noch so viel aufgestaute Energie vorhanden gewesen, dass es ein Ventil gebraucht hat, um diese noch irgendwohin absorbieren zu lassen. So wird Teil Zwei zum Löschpapier von Teil Eins, überraschend spannungsarm und unspektakulär in seinem berechneten Spektakel. Sisu selbst war 2022 noch ein staubtrockener, finnischer Anti-Nazi-Western, da kannte man Aatami Korpi natürlich noch nicht, und wusste beileibe auch nicht, wie dieser tickt und ob er den Aggressoren in seinem Land überhaupt Herr werden kann. Am Ende des wahnwitzigen, explizit brutalen Streifens wusste man es dann: dieser Finne packt alles. Natürlich auch Teil Zwei. Und da setzt das große Gähnen an.

Artisten, Panzer, Attraktionen

Es ist witzig, den Salto eines Panzers zu bewundern. Die blutige Rache hat dann auch seine Genugtuung gegenüber eines störrischen Antagonisten, der schon längst hätte ins Gras beissen können, den Lang aber mit verkniffenen Gesichtsausdruck aus dem FF beherrscht. Doch dahinter lässt sich nichts entdecken, alles was Sisu: Road to Revenge bietet, ist Show, eine Revue voller öl-, schlamm- und blutgetränkter Attraktionen und niemals realer möglicher Gegebenheiten. Ein surreales, absurdes Stück Actionkino, doch alles in allem nicht mehr als für Zwischendurch, wie der Happen an einer Tankstelle, wenn man gerade unterwegs ist. Mit oder ohne Holz.

Sisu: Road to Revenge (2025)

Stiller (2025)

WIE MAN JEMAND NICHT IST

4/10


© 2025 Constantin Film


LAND / JAHR: SCHWEIZ, DEUTSCHLAND 2025

REGIE: STEFAN HAUPT

DREHBUCH: STEFAN HAUPT, ALEXANDER BURESCH, NACH DEM ROMAN VON MAX FRISCH

KAMERA: MICHAEL HAMMON

CAST: ALBRECHT SCHUCH, PAULA BEER, MARIE LEUENBERGER, SVEN SCHELKER, MAX SIMONISCHEK, STEFAN KURT, SABATA SAFET, MARTIN VISCHER, GABRIEL RAAB, MARIUS AHRENDT, INGO OSPELT U. A.

LÄNGE: 1 STD 39 MIN



„Ich bin nicht Stiller!“, versucht sich mehr schlecht als recht der diesem Stiller so frappant ähnlich sehende mittelalte Mann aus der Affäre zu ziehen. Das Problem dabei: Man glaubt ihm nicht. Wie, so Albrecht Schuch in zwar nicht verzweifeltem Tonfall, aber schulbühnenartiger Inbrunst, könne man denn beweisen, dass man jemand nicht ist? Heutzutage alles kein Problem, liegen die notwendigen Papiere griffbereit. Im Zeitalter des Internets und einer sozialen Lebensweise, wo dich zumindest immer eine Handvoll Leute kennt, sind Identitäten meistens bewiesen. Auch der hauseigene Zahnarzt kann da weiterhelfen, liegt man mal irgendwann als verkohlter Überrest unter den abgebrannten Trümmern einer Wohnung. Bei diesem hier aber, bei Max Frischs völlig unidentifizierbarer Figur, scheinen die Parameter eines gesellschaftlichen Wesens, wie der Mensch nun mal eines ist, nicht zu ziehen.

Identifikation ist nicht alles

Jene, die Stiller vor zehn Jahren das letzte Mal gesehen haben, denen könnte der Lauf der Zeit durchaus auch einen Streich spielen, das Erinnerungsvermögen ein bisschen hinterherhinken. Wie sehr kann sich eine Person in so vielen Jahren schon verändern, es sei denn, er hat sich unters Messer legen lassen? Der Unbekannte und doch Bekannte hat das scheinbar nicht – in den 50er Jahren, in denen Stiller spielt, sind Methoden wie diese zur Unkenntlichmachung des eigenen Ichs wohl noch nicht so in Mode. Also macht der gute Mann wohl keinen auf Udo Proksch, sondern lässt sich während einer Zugfahrt durch die Schweiz erwischen. Man fragt sich, weswegen? Womöglich war Stiller in einem politischen Attentat verwickelt, das nur nebenbei angerissen wird, und da ihn ein mitfahrender Gast als jenen Mann, der er angeblich nicht ist, identifiziert hat, wird dieser in polizeiliches Gewahrsam genommen. Zur Identifizierung muss Tänzerin Julika aus Paris antanzen, sie muss es ja schließlich wissen, war sie doch mit Anatol Stiller verheiratet. Natürlich weigert sich dieser, seine Ehefrau zu erkennen, und während das Gänseblümchen gerupft wird – ist er es, ist er es nicht – erfahren wir, wie es denn überhaupt dazu kommen hatte können, dass man James Larkin White  verhaftet hat.

Ein Buch sperrt sich der Verfilmung

Max Frisch ist stets eine gute Bank für vielschichtige Dramen, moralische Metaphern und gesellschaftskritische Gedankenspiele. Die Sache mit der Notlage eines jeden, unentwegt Rollen spielen zu müssen, die man von anderen zugeteilt bekommt, ohne sich selbst oder jemand anderes sein zu können, kumuliert in Frischs Roman Stiller zu einer Identitätskrise bar excellence, zu einem sachlich-klaren, reduktionistischem Psychospiel über den Versuch eines Neuanfangs, der letztlich scheitert, weil die Fesseln der Vergangenheit nicht abgeschüttelt werden können. Als prachtvoller Plot in literarischer Form mag Stiller den Status als moderner Klassiker verdienen, als filmische Interpretation wird wohl nichts davon in die Filmgeschichte eingehen. Der Schweizer Stefan Haupt, der unter anderem dem Reformator Zwingli eine Biografie geschenkt hat, verlässt sich zu sehr auf die Wirkung eines Titels, der jeder auch nur halbwegs versierten Leseratte geläufig sein muss. Dahinter erkämpft sich ein relativ starrer Albrecht Schuch sein Recht auf freie Identitätswahl, während eine noch eindimensionalere Paula Beer, die nicht nur in Filmen von Christian Petzold mitspielt, ihrem Charakter keinerlei Profil verleiht. Stiller hin, Stiller her – im Schatten einer möglichen Verleugnung ist auch die Hintergrundgeschichte selbst, Stillers künstlerisches Schaffen und seine Beziehungen, mitunter auch eine Liaison mit Marie Leuenberger (Mother’s Baby), die wenig empfundene fiktive Biografie eines verschlossenen Mannes, den man nicht unbedingt kennen muss und dessen Versäumnis, ihn kennenzulernen, auch nicht bedauert.

Der Mann mit den zwei Gesichtern

Dem Psychodrama fehlt es an Psychologie, dem Justizdrama an packenden Indizien, die Literaturverfilmung hingegen leidet dabei an zu viel Routine. Einzig wirklich interessant, irgendwie verblüffend und auch richtig geglückt ist die subversive Idee, Stillers Figur zu Beginn des Rückblicks mit zwei Schauspielern zu besetzen. Will heißen: Nicht nur Schuch spielt Stiller, sondern auch der ihm ähnlich sehende Sven Schelker, und so weiß man nie genau, ob man sich nur einbildet, Stiller mit anderem Gesicht zu sehen oder auch nicht. Irgendwann, in einem unmerklichen Moment, wo man längst auf anderes konzentriert ist, übernimmt Schuch dann vollends. Dieses Spiel mit der Wahrnehmung ist Haupts bester Moment, während die übrige Umsetzung in seinem Pragmatismus reichlich schal wirkt.

Stiller (2025)

Anemone (2025)

EIN FILM ÜBER WOLKEN

6/10


© 2025 Universal Pictures


LAND / JAHR: USA, VEREINIGTES KÖNIGREICH 2025

REGIE: RONAN DAY-LEWIS

DREHBUCH: RONAN DAY-LEWIS, DANIEL DAY-LEWIS

KAMERA: BEN FORDESMAN

CAST: DANIEL DAY-LEWIS, SEAN BEAN, SAMANTHA MORTON, SAMUEL BOTTOMLEY, SAFIA OAKLEY-GREEN, ADAM FOGERTY, KARL CAM, MATTY LUMSDEN U. A.

LÄNGE: 2 STD 1 MIN


Der König des Method Actings ist zurück: Daniel Day-Lewis. Was ihn wohl bewogen hat, wieder vor die Kamera zu treten? Natürlich der eigene Sohnemann, Ronan Day-Lewis, der angesichts dieses vielfach oscarprämierten Einflusses gar nicht anders kann, als nicht im Filmbiz seine berufliche Zukunft zu verorten. Nach Kurzfilmen und einem Musikvideo geht der Mittdreißiger nun seinen ersten abendfüllenden Spielfilm an, in den er alles mögliche hineinsteckt, was auch nur irgendwie dramatisches Gewicht hat. Wer könnte das alles nicht besser stemmen als der eigene erfahrene Schauspielvater, der sich vielleicht sogar hat lange bitten lassen, sogar vom Nachwuchs. Doch nun ist es geschafft, die Hürde genommen, Day-Lewis ist wieder da, mit grauem Haar, partiellem Vollbart und argwöhnischem Blick. Der Vater spielt einen Vater, doch einen, der den eigenen Sohn gar nicht mal kennt. Day-Lewis Senior und Junior haben dieses Projekt gemeinsam durchgezogen, zumindest das Drehbuch, während Freund Brad Pitt mit seiner Firma Plan B das Ganze produziert hat. Anemone nennt sich dieses düstere Wetterpanorama von Psychodrama, in dem sich die Wolken türmen und alles andere erdrücken.

Der Papa wird’s schon richten?

Zugegeben, einem Wetter wie diesem hier im Film kann ich einiges abgewinnen, ist gefühlt zehntausendmal besser als blauer Himmel. Der Sturm knechtet den düsteren, feuchtnassen Wald irgendwo im Norden Englands, regenschwere Drohkulissen schieben sich übers Meer, die Witterung nimmt die gepeinigte Seele eines Aussteigers in die Mangel, der, fernab der Zivilisation in der Wildnis sein restliches Dasein fristet. Dieser knorrige und grimmige Mann ist Ray – eine dankbare Rolle für Day-Lewis, mit der er improvisieren kann wie es ihm gefällt. Alles hat er hinter sich gelassen: den nordirischen Krieg gegen die IRA, ein ihm angelastetes Kriegsverbrechen, die Desertierung aus dem Militär, die Partnerin, den Sohn, das ganze bisherige Leben. Als ob die Verfolgung durch all die Dämonen nicht reicht, steht eines natürlich düsteren Tages Bruder Jem (Sean Bean) vor der Tür. Ebenso wortkarg, ebenso skeptisch, und vielleicht gar viel zu viel fordernd. Denn Rays unbekannter Sohn steckt in einer Krise. Niemanden dringender würde er nun an seiner Seite brauchen als den eigenen Vater. Tja, warum auch immer. Doch womöglich sind es ähnliche Dämonen, die Stoker Junior verfolgen wie die, die dem Senior Albträume bescheren.

Reden wir nicht übers Wetter

Betrachtet man Anemone aus einiger Entfernung, schrumpft das auf Spielfilmlänge gedehnte, bitterernste und kantige Superdrama, das sich mit dunklen, schweren, gesättigten Bildern schmückt, von denen man am liebsten kosten möchte und jeden Moment darauf wartet, dass der Regen von der Leinwand tröpfelt, auf eine Momentaufnahme zusammen. Viel Handlung hat Ronan Day-Lewis‘ Film daher keine. Wettgemacht wird der Umstand durch Kontemplation und Entschleunigung – und Wolken. Ganz vielen Wolken. Das Wetter ist in Anemone das Um und Auf, entspricht es doch den Gefühlszuständen eines ganze seitenlange Textblöcke rezitierenden Daniel Day-Lewis, der sowas womöglich schon immer machen wollte: Reden, reden, reden. Und er redet, redet, redet, anfangs zwar nicht, aber dann sprudelt es aus ihm heraus. Was man so hört, sind keine schönen Sachen, sie handeln von Missbrauch und Gnadenschüssen, von ewiger Reue und einem gequälten Gewissen. Sean Bean hört zu, bekümmert und mitfühlend. Beide halten ihre Gesichter in das Zwielicht des Tages, zerfurcht, verbraucht, versteinert.

Entspannung durch Niederschlag

Ronan Day-Lewis hatte für seinen ersten Langfilm ganz sicherlich eine Vision. Sein Handwerk versteht er, vor allem dann, wenn die schwer vom Fleck kommende Story mit dem Mysteriösen, Metaphysischen, Allegorischen kokettiert. Schöne Bilder sind da, abgelöst von einem irren Naturschauspiel, in dem es zum Glück keine Frösche regnet wie in Magnolia. Dann endlich entlädt sich die ganze aufgestaute, gravitative Energie, um einen wie ein Tornado um sich selbst kreisenden reumutigen Daniel Day-Lewis zurück auf den Boden eines kollektiven Neuanfangs zu bringen. Anemone ist wagnerische Katharsis und Schauspielvehikel für einen gern gesehenen Wiederkehrer, sich selbst aber immer wieder erdrückend und manchmal scheint es, als würde man keine Luft holen können.

Anemone (2025)