African Queen

AUF ZU NEUEN UFERN, KLEINES

7/10

 

africanqueen© 1951 United Artists

 

LAND: USA 1951

REGIE: JOHN HUSTON

CAST: HUMPHREY BOGART, KATHERINE HEPBURN, ROBERT MORLEY, PETER BULL U. A.

 

Der Meister war selten am Set zugegen, fast alle Crewmitglieder sind während der Dreharbeiten erkrankt, auf den Mehrkosten blieb die Produktion dann auch noch sitzen. Wer dreht schon freiwillig in Afrika, es sei denn, man will es so authentisch wie möglich, so wie Werner Herzog vielleicht mit seinem Dreh-Desaster Fitzcarraldo. Ein Film, dessen Entstehungsgeschichte wohl aufwühlender gewesen war als der Film selbst. African Queen kanns in diesen Dingen aber auch. Zu unser aller Freude sieht man Humphrey Bogart endlich mal lachen, und die sonst sehr zugeknöpfte Katherine Hepburn lässt so manche Hülle fallen und auch das Haar hat gegen Ende schon bessere Zeiten erlebt. Aber was soll´s – African Queen ist ein Abenteuerfilm, oder vielmehr eine Abenteuerromanze, ausgetragen von zwei Publikumslieblingen, die spielen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, und die sich auch jenseits des Sets womöglich schon gut gekannt haben. Dass bis auf Huston und Bogart alle einem Darmvirus ausgesetzt waren, merkt man dem Film zum Glück nicht an, womöglich lässt sich die Keimresistenz der beiden Herren wirklich auf den vielen Whiskey zurückführen, den sie, so wird kolportiert, flaschenweise vernichtet hätten.

Dem Hochprozentigen abgeneigt ist Bogart als der von ihm dargestellte Haudegen und  Bootsmann Charlie Allnutt auch nicht, ganz zum Leidwesen der Missionarin Rose, die nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor deutschen Strafexpeditionen von ihrer Missionsstation hat fliehen müssen. Allnutt nimmt die stocksteife Dame mit ins Boot, beide wollen in die britische Obhut, nur ist der Wasserweg dorthin mit allerlei Hindernissen gepflastert, sind es nun Soldaten, Stromschnellen oder jede Menge Moskitos. Zwischendurch kommen sich die beiden natürlich näher, ob sie wollen oder nicht. Was sich später liebt das neckt sich erst, noch dazu vor exotischer Kulisse, und was sind schon Küsse mit Dschungelfeeling! Der Oscar-Academy war das 1952 einige Nominierungen wert – und Humphrey konnte damals, zugegeben zurecht, seinen Oscar abholen. Die Film Noir-Ikone hat den mimischen Minimalismus, versteckt unter Fedora und im Trenchcoat, in den dunklen Straßen der Unterwelt lassen – mehr als zehn Jahre nach seinem „Schau mir in die Augen, Kleines“ (oder im Original: „Im looking at you, Baby“) ist es fast so, als hätte der Star sich selbst neu definiert: ungehobelt, angetrunken, sein eigener Herr über einen Schrottkahn, da ist der Millennium-Falke ja noch nigelnagelneu dagegen. Im Dschungel, wo dich ohnehin niemand kennt, lebt es sich ganz unrasiert, und Transpiration ist das neue Waschen. Diese draufgängerische Naivität muss man wirklich einmal hinbekommen, ganz großartig spielt er da auf – einmal der Hans-Dampf-in-allen-Gassen, einmal die beleidigte Leberwurst. Hepburn macht’s ähnlich, sie kann die verknöcherte Madame aus dem FF – und wie sie da plötzlich schmachtend ihrem neuen Wasserstraßen-Tarzan anzuhimmeln versteht ist wirklich großes Kino.

Heiß muss es da gewesen sein, so schwitzen beide vor sich hin. Dass die Dreharbeiten nicht einfach waren, abgesehen vom Durchfall, ist den Schauspielern anzusehen. Die Actionszenen sind zwar etwas in die Jahre gekommen, aber die sind nur ein bisschen Feuerwerk am Ende einer tropischen Romanze, die fast schon wie ein Kammerspiel daherkommt, im Grunde tatsächlich ein kleiner, längst kein epischer Film ist, und im kauzigen Schlagabtausch der beiden zeitlos unterhält. Wer noch mehr hinter die Kulissen blicken will: Clint Eastwood hat mit Weißer Jäger, schwarzes Herz die Erinnerungen eines Co-Autors  zu John Hustons Leidenschaft für die Elefantenjagd verfilmt, und Hepburn selbst hat sich auch nicht nehmen lassen, dieses denkwürdige Making Of am Schwarzen Kontinent in Buchform festzuhalten: African Queen oder Wie ich mit Bogart, Bacall und Huston nach Afrika fuhr und beinahe den Verstand verlor.

African Queen

Casablanca

GOOD OLD HOLLYWOOD

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casablanca

Mission completed. Endlich ist es geschafft! Den Klassiker unter den Klassikern, den Kultfilm unter den Kultfilmen im Heimkinoformat vom Stapel zu lassen. Ein Film, in welchem so gut wie jede Szene in die Geschichte der bewegten Bilder eingegangen ist. Die Neugierde war groß, der Zeitpunkt, sich einem weltbekannten Werk zu stellen, gekommen.

Doch kann man einen ikonographischen Film wie Casablanca von Michael Curtiz überhaupt vorbehaltlos rezensieren? Kann man ihn so betrachten, als gäbe es den Kult um Humphrey Bogart, Trenchcoat, „Schau mir in die Augen, Kleines“ und „Spiels nochmal, Sam“ überhaupt nicht? Nun, man kann. Es führt aber zu nichts. Denn hat man die Geheimdienstromanze einmal ordentlich seiner vielzitierten Klischees beraubt, bleibt im Grunde nicht mehr viel übrig. Außer vielleicht Humphrey Bogarts legendäres „Resting Asshole Face“. Kaum jemand sonst kann derart dreinblicken. Das konnten bislang nur noch Clint Eastwood und meinetwegen Charles Bronson. Aber so ein Gesicht zu machen wie Trenchcoat-Träger Humphrey (wieso trägt er einen Trenchcoat im nordafrikanischen Marokko? Ist es dort tatsächlich so kalt?) – das muss man auch mal können. Schlafzimmerblick, keine einzige freudige Erregung umspielt seine Mine. Alles dürfte ihm gehörig auf den Wecker fallen. Da ist Peter Lorre in einem kurzen Gastauftritt als mutmaßlicher Mörder und Verhökerer von Ausreisevisa, der dem Besitzer von Ricks Café (ebenfalls legendär) seine Zeit stielt. Und Charles Laughton, der seltsamerweise wienerisch – oder bayrisch? – spricht. Und um der alltäglichen Misere auch noch das Krönchen aufzusetzen, schneit Ingrid Bergmann ins subtropische Etablissement. Wenigstens sie lächelt das eine oder andere Mal, und das ist wirklich bezaubernd. Aber was Papa Humphrey angestellt hat, um das Herz der schönen Schwedin zu gewinnen, bleibt ein Rätsel. Vielleicht ist es gerade diese Art, dieses undurchdringlich lethargische und Emotionslose, das eine Frau wie Ingrid Bergmann anziehend findet. Jedenfalls verbindet die beiden eine unglückliche Liebesbeziehung vor dem Hintergrund invasorischer Ereignisse im Paris der 40er Jahre. Im Grunde genommen ist Casablanca eine Liebesgeschichte, die dicht verwoben ist mit den Geheimdienstaktivitäten des dritten Reiches. Ein dialoglastiger, theatralischer Film, fast schon ein Kammerspiel. Das Setting beschränkt sich auf Ricks Café, den Flughafen von Casablanca und szenenweise das Etablissement der Liebenden in Paris. Für eine Bühnenversion funktioniert der Film allemal. Epische Bilder wie in Lawrence von Arabien sucht man vergebens. Das Marokko des zweiten Weltkriegs, Umschlagplatz und Schmelztiegel für aller Herren Länder, quasi das „Mos Eisley“ Afrikas, reduziert sich auf ein paar Palmen im Wind. Diese räumlich begrenzten Schauplätze geben dem Widerstandsdrama eine gewisse Dichte und dienen auf gelungene Weise, den Mikrokosmos aus Liebe, Verrat und Verschwörung auf einen Nenner zu bringen. Tatsächlich wirkt Casablanca schon ein bisschen nach, auch wenn der Film bereits mehr als siebzig Jahre auf dem Buckel hat. Ob dies nun den zu Kult gewordenen Szenen bzw. dem Mediennachhall zu verdanken ist oder der Story an sich, lässt sich wirklich nur mehr schwer unterscheiden. Die Szenen, die auszugsweise jeder kennt, zaubern mir ein wissendes Schmunzeln aufs Gesicht, entbehren sie nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik. Vor allem, weil man sie endlich in ihrem geordneten Kontext genießt und die Summe aller Teile beieinanderhat. Vor allem auch deswegen, weil mittlerweile jeder die Trivia vom eher kleineren Mr. Bogart kennt, der, um den richtigen Blickwinkel auf seine Filmpartnerin zu haben, auf einer Kiste stehen hat müssen.

Casablanca war damals sicher seiner Zeit voraus, heute ist er vielzitiertes Vorbild für Dialogdramaturgie und dem Genre des romantischen Spannungskinos. Und Humphrey Bogart wurde als geknickter, desillusionierter, aber unberührbar coolen Anti-Held zur zeitlosen Ikone des Film Noir. Und wenn Sam As Time goes by am Klavier zu klimpern beginnt, muss man feststellen, dass dieses Stückchen altes Hollywood wahrscheinlich niemals sterben wird, mit all seinen idealisierten Stärken und verzeihbaren Schwächen.

Casablanca