Letztes Jahr in Marienbad

KENNEN WIR UNS?

5/10


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LAND / JAHR: FRANKREICH, ITALIEN 1961

REGIE: ALAIN RESNAIS

DREHBUCH: ALAIN ROBBE-GRILLET

CAST: DELPHINE SEYRIG, GIORGIO ALBERTAZZI, SACHA PITOËFF U. A.

LÄNGE: 1 STD 34 MIN


War es in Marienbad? In Friedrichstadt, Karlstadt oder Baden-Salsa? Oder in diesem Salon? Nichts Genaues weiß man nicht. Das Einzige, was so ziemlich als gesichert gilt, ist, dass der Mann mit dem schmalen Gesicht beim mittlerweile als Marienbad bekannten Nim-Spiel stets gewinnt. Das kann man drehen und wenden, wie man will. Und sonst? Sonst ist alles das Ergebnis subjektiver Erinnerungen an ein Damals vor einem Jahr. Oder sind diese Erinnerungen auch nur ein Konstrukt aus Begehren und Wunschtraum?

Die Sechziger, das Um- und Aufbruchsjahrzehnt für Gesellschaft, Soziales und Kultur, hat den Leuten gezeigt, dass vieles auch anders geht. Das die Norm keine Zügeln hat. Dass die Freiheit mannigfaltig sein kann. Da war Querdenken noch ein begrüßenswerter Umstand. Das Umkrempeln der bewährten Ordnung schuf in der Literatur den Nouveau Roman – folglich dauerte es nicht lange und im bereits durch die Nouvelle Vague erneuerten Medium Film etablierte sich der Versuch, die lineare Erzählform außen vor zu lassen, Strukturen aufzudröseln und mit diesen losen Fäden herumzuexperimentieren. Inspiriert von Alfred Hitchcocks filmischen Methoden und von so ziemlich allem, was neu war, entstand unter der Regie von Alain Resnais, der mit Hiroshima, mon amour ’59 die Goldene Palme von Cannes holte und sich nunmehr unorthodoxe Filmprojekte leisten konnte, ein nobles Verwirrspiel erster Güte: Letztes Jahr in Marienbad.

Dabei erstreckt sich die Handlung auf gerade mal fünf Minuten oder würde bei einem linearen Erzählkonzept bis zur zweiten Szene kommen. Ein namenloser Mann trifft auf eine namenlose Frau an einem unbekannten Ort – wir wissen, es ist ein Hotel in barockem Stil. Der Mann scheint die Dame zu kennen, sie wiederum kann sich an nichts erinnern. Also versucht der Mann, die Frau davon zu überzeugen, dass sich beide bereits letztes Jahr schon getroffen hatten. In Marienbad, Friedrichstadt, Karstadt, Baden-Salsa oder in diesem Salon. Dabei wiederholt sich seine artikulierte Beweisführung immer und immer wieder. Klingt jetzt nicht gerade prickelnd. Doch Resnais geht es keinesfalls um romantische Inhalte. Dieses bisschen Erzählsubstrat zerbricht wie ein Spiegel in hunderterlei Scherben. Ziel ist es, diesen Spiegel neu zusammenzusetzen. Bedingung dabei: all die Teile müssen neu arrangiert werden, letzten Endes aber dennoch wieder einen ganzen Spiegel ergeben.

Ein Experiment fürwahr. Doch was vielleicht in den Sechzigern für staunende Gesichter gesorgt hat, offenbart sich in der dritten Dekade des 21. Jahrhunderts mittlerweile nur noch als recht aufgeräumter, jedoch wenig tangierender Versuch, aus überholten Normen auszubrechen. Aus filmhistorischer Sicht mag Letztes Jahr in Marienbad seinen Platz bis heute gut verteidigt haben. Dass dieser Film allerdings auch heute noch irritierende Verblüffung auslöst, wage ich zu bezweifeln. Resnais Werk mag surreal sein – der redundante Ablauf an ähnlichen Szenen und mächtig ausholenden Kamerafahrten bleibt gediegene, natürlich edel fotografierte Langeweile.

So gesehen gibt es mehrere Sprachblöcke, die sich stets wiederholen. Allein schon ganz am Anfang erzählt eine Stimme aus dem Off gefühlt zigmal dieselbe Beschreibung des Ortes. Die langen Gänge, den schweren Stuck, die vielen Salons. Wie Gedankenblasen dreht sich das Gesagte in zeitlosem Kreis. Inhaltsleere Gesprächsfetzen der anderen Gäste sind zu hören – Floskeln, die keinen Sinn ergeben. Oft stehen diese Damen und Herren – in Abendkleid und schwarzen Anzügen – orientierungslos inmitten des üppigen Interieurs oder halten im geometrisch angeordneten Schlossgarten plötzlich inne, als würde die Zeit stillstehen. Es sind die Abbildungen vager Anhaltspunkte aus dem Gedächtnis der beiden Hauptfiguren, die alles Irrelevante als bedeutungslose, abstrakte Peripherie in das Erinnernde eingliedern. Und immer wieder, immer wieder wiederholt sich diese Abfolge wie ein formelhaftes Mantra. Dazwischen wieder der Mann mit dem schmalen Gesicht, der im Nim-Spiel gewinnt.

Unterlegt ist dieses flüchtige Kaleidoskop, das keinen Anfang, kein Ende und deren Zeiten vollends durcheinandergeraten, mit konterkarierter schwerer Orgelmusik. Letzten Endes ist man um keine Nuance schlauer, letzten Endes erreicht ein Gähnen die letzten Szenen eines scheinbar nicht enden wollenden, intellektuellen Filmversuchs. Nun, es ist ein Ereignis, doch gleichermaßen ein recht geziertes Kind seiner Zeit.

Letztes Jahr in Marienbad

Der blaue Engel

DIE IRRE TALFAHRT EINES SITTENWÄCHTERS

9/10


derblaueengel© 1930 UFA / BM


LAND / JAHR: DEUTSCHLAND 1930

REGIE: JOSEF VON STERNBERG

DREHBUCH: U. A. CARL ZUCKMAYER, NACH DEM ROMAN VON HEINRICH MANN

CAST: EMIL JANNINGS, MARLENE DIETRICH, KURT GERRON, ROSA VALETTI, HANS ALBERS, REINHOLD BERNT U. A.

LÄNGE: 1 STD 45 MIN (FASSUNG DER F.W.MURNAU STIFTUNG)


Wer war eigentlich der erste Hauptdarsteller des noch relativ jungen Mediums Film, der einen Oscar erhielt? Es ist kaum zu glauben, aber das war Emil Jannings anno 1929. Er bekam diese Auszeichnung für gleich zwei seiner Filme (Der Weg allen Fleisches, 1927 und Sein letzter Befehl, 1929), jedoch nicht für Josef von Sternbergs Der blaue Engel – obwohl er ihn gerade dafür mehr als verdient hätte. Jannings gilt auch bis heute als einziger deutschsprachiger Schauspieler, der den Goldjungen mit nach Hause nahm.

Das war’s dann aber auch schon in Sachen Academy Award. Denn Preise sollten selten wichtiger sein als das eigentliche Werk. Womit wir wieder bei Der blaue Engel wären. Um es mit der Titelphrase einer beliebten Buchreihe zu formulieren, zählt dieser Filmklassiker zu jenen, die man aus meiner Sicht gesehen haben sollte, bevor das Leben vorbei ist. Um Der blaue Engel sollte man keinen Bogen machen, sondern dafür einen ganzen Abend buchen, denn das Sittendrama aus 1930 ist ein zeitbebilderndes Meisterwerk, das, trotzdem es bereits über 90 Jahre auf dem Buckel hat, ungeheuer nachwirkt.

Dabei ist nicht mal die legendäre Marlene Dietrich (in ihrem ersten Tonfilm) der absolute Hingucker. Obwohl doch – natürlich: Sobald sie auf der Bühne steht – oder besser gesagt sitzt – die strumpfbandbewährten Beine übereinanderschlägt, sich leicht zurücklehnt und das Haupt mit dem goldenen Zylinder leicht nach hinten neigt und anfängt, den Klassiker Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt ins Auditorium säuselt, dann kann es durchaus sein, dass einem die Filmgeschichte um die Ohren fliegt. Und nicht nur die: Dietrichs Nummer hat sich wie Marylin Monroes I wanna be Loved by You von ihrem Film längst emanzipiert. Die Kamera schwenkt dann auf die zur Bühne nahegelegene Galerie, auf welcher Professor Immanuel Rath lehnt und sich von der kindlich-lasziven Varietekünstlerin bezirzen lässt. Da weiß er noch nicht, dass das der Anfang vom Ende ist. Denn Rath, der ist selberernannter Hüter der Moral, des Anstands und der Ordnung. Als Gymnasial-Professor in Fremdsprachen duldet er bei seinen Schülern, die ihn abgrundtief ablehnen, keinerlei spitzbübische Abweichungen. Er findet heraus, dass seine Schützlinge allabendlich die Lokalität Der Blaue Engel aufsuchen. Das muss unterbunden werden – also folgt er ihnen nach. Und wird bald selbst Stammgast in diesem Etablissement, vorzugsweise in Lola Lolas Gemächern. Als wiederum die Schule davon Wind bekommt, muss Rath – von den Pennälern als Unrath verspottet – seinen moralischen Anforderungen selbst treu bleiben und Lola ehelichen.

Wozu das führt, ist bereits aus Heinrich Manns Romanvorlage Professor Unrat hinlänglich bekannt. Der sonst so aufgeräumte Moralapostel und Sittenwächter wird Opfer seiner grimmigen Zäsur und verliert alles: Anstand, Stolz, Arbeit und Selbstachtung. Wie Emil Jannings diesen geistigen und körperlichen Verfall vor die Kamera wuchtet, ist eine schauspielerische Naturgewalt, die expressionistische Nahaufnahme eines sich in Fahrt karikierenden Ausdrucksspiels: Das tadelnde Heben der Augenbrauen, der schielende Blick, das so devote Gehabe einer Marlene Dietrich gegenüber, die sich frei von allen Zwängen, sorglos und verspielt gibt, die haben kann, was sie will – mitunter auch einen Professor.

Wenn Jannings, verlottert und sich selbst lange schon nicht mehr treu, als apathisches Zerrbild eines spaßmachenden Clowns auf der Bühne steht, verlacht von allen, die ihn kannten, erinnert das nicht nur von ungefähr an Joaquin Phoenix sensationelle Joker-Interpretation. Nur anders als dieser schwingt sich Jannings nicht zum anarchischen Racheengel auf, sondern wählt den konträren Weg. Die Intensität dieses dargestellten Verfalls ist bis heute ungebrochen, die Verzweiflung immer noch spürbar. Auch nach über 90 Jahren schnürt es einem die Kehle zu. Und manchmal fällt es schwer, weiter hinzusehen, anstatt sich aus Respekt vor dieser Erniedrigung abzuwenden. Dazwischen kürt sich Dietrich als der Liebling der Saison, während Hans Albers als gelackter Nebenbuhler Avancen macht.

…und wenn sie verbrennen, ja dafür kann ich nichts: Jannings wird zur willenlosen Motte, die irgendwann scheinbar leblos am Boden liegt. Das Schlussbild des Films spricht Bände, die Kraft dieser Inszenierung von Josef von Sternberg ist das Schulbeispiel eines lückenlosen, packenden Erzählduktus, an welchem sich mit Sicherheit viele der späteren Filmschaffenden längst schon orientiert haben. 

Der blaue Engel

Wiegenlied für eine Leiche

BETTE DAVIS EYES

6/10


wiegenliedleiche© 1964 Twentieth Century Fox


LAND/JAHR: USA 1964

REGIE: ROBERT ALDRICH

CAST: BETTE DAVIS, OLIVIA DE HAVILLAND, JOSEPH COTTEN, AGNES MOOREHEAD, BRUCE DERN, CECIL KELLAWAY U. A.

LÄNGE: 2 STD 13 MIN


Was haben Kim Carnes und Robert Aldrichs Psychothriller gemeinsam? Nun: die Augen von Bette Davis, oder anders formuliert: Bette Davis Eyes. Den Song kennt man einfach. Carnes singt da von einer Frau, die so dreinblickt wie eben der Star des vorliegenden Films. Da sagen Augen mehr als tausend Worte. Obwohl Bette Davis ergänzend noch jede Menge Wortsalven hinzufügt, ja geradezu hysterisch durch die Gegend keift und schon den einen oder anderen Schuss abgibt, der knapp ein Menschenleben verfehlt.

Was in diesem sinisteren Reigen des Wahnsinns und des Traumas alles passiert? Nun, die Story beginnt mit einer tragischen Liebe in den Zwanziger Jahren. Das junge Ich von Bette Davis Filmfigur Charlotte wird auf Druck des eigenen Papas vom Liebhaber (Bruce Dern in jungen Jahren!) sitzengelassen, weil der schon längst verheiratet ist. Kurze Zeit später wird dieser aber bestialisch ermordet. Natürlich sehen wir nicht, wer zu solchen Taten fähig war, doch die Indizien legen nahe: das kann nur Charlotte gewesen sein. 25 Jahre später haust die geistig etwas verwirrte alte Jungfer im Anwesen ihres verstorbenen Altvorderen und will partout nicht wahrhaben, dass ihr Besitz sehr bald geräumt werden wird. Cousine Miriam (Olivia de Havilland) kommt zu Hilfe, adrett und aufgeräumt vom Scheitel bis zur Sohle. Doch die führt gemeinsam mit Charlottes Hausarzt (Joseph Cotten) etwas ganz anderes im Schilde. Was, wird lange nicht klar, aber dann fällt es wie Schuppen von Bette Davis Augen…

Wiegenlied für eine Leiche – im Original als Hush, Hush… sweet Charlotte betitelt – ist ein Starvehikel für eine Ausnahmeschauspielerin, die in den Dreißigern bereits zwei Oscar gewonnen hat und sämtliche Male nominiert war. Für eine Frau, die ihr unverkennbares Äußeres fast schon als eigene Marke präsentiert – mit übertriebener Schminke und schreckgeweitetem Blick, weil alles, was in diesen alten Gemäuern, in denen ein Mord passiert war, danach schreit, dem Wahnsinn Methode zu geben. Und Bette Davis legt sich mit dem Willen zur grotesken dramatischen Überhöhung ins Zeug, wütet und wettert, dämmert, durch Drogen sediert, vor sich hin oder geistert des Nachts durchs Haus, weil sie Stimmen hört. Aldrich weiß, worauf er setzen kann. Und er ergänzt diese One-Woman-Show mit zwar etwas überholten, aber kuriosen Elementen des Suspense. Kameramann Joseph F. Biroc (hierfür für den Oscar nominiert) spielt mit schnellen Zooms und Fluchtpunkt, pötzlichen Nahaufnahmen und natürlich ganz viel mit Licht und Schatten, was sonst schade wäre, würde man die harten Kontraste nicht für einen Schwarzweißfilm wie diesen nutzen. Was weiters kurios ist, sind die manchmal etwas bemüht visuell unterstrichenen Details, die zum Verständnis der Geschichte beitragen sollen. Könnte ja sein, dass diese beim Publikum aufgrund welcher Unachtsamkeit auch immer verlorengehen könnten. Witzig dabei die Szene mit dem Giftfläschchen: erst stand es noch da, auf Charlottes Nachtkästchen – dann ist es plötzlich weg. Nochmal einblenden, nochmal ausblenden, dann nochmal ein rasches Zoom auf die leere Fläche. So deppensicher geht man heute wohl nicht mehr vor. Das hat schon stark angestaubte Tendenzen. Aldrichs Film würde man gegenwärtig sowieso ganz anders machen, man würde zumindest ein Viertel des Films einkürzen, denn zugegeben fällt Wiegenlied für eine Leiche manchmal zu gesprächig und dadurch auch etwas ermüdend aus.  Das lässt sich straffer machen. Was sich nicht straffer machen lässt, ist eben Bette Davis. An ihr würde man auch heute nichts ändern wollen.

Wiegenlied für eine Leiche

Ich bin Kuba

VIVA LA REVOLUTION!

5/10


soycuba2© 1964 MK2 Diffusion


LAND: UDSSR, KUBA 1964

REGIE: MIKHAIL KALATOZOV

CAST: LUZ MARIA COLLAZO, JOSÉ GALLARDO, RAUL GARCIA III, SERGIO CORRIERI, JEAN BOUISE U. A.

LÄNGE: 2 STD 21 MIN


Vor vielen Jahren hatte der TV-sender ARTE den wirklich sehr selten gezeigten Film Ich bin Kuba im Programm. Diese Tatsache hätte mich wohl nicht sonderlich tangiert, wäre ich nicht Zeuge des dazugehörigen, für ARTE aufbereiteten Trailers geworden, der mich letzten Endes sprachlos machte. Bilder in expressionistischem Schwarzweiß, die so aussehen, als wären sie vom Fotografen Sebastio Salgado geschossen worden, die Linse der Kamera stets im Weitwinkel, nahe an den Gesichtern, der blaue Himmel in dunklem Grau, das Grün der Palmen und Zuckerrohrfelder strahlen in einem cremigen Weiß. Das sind Bilder, die von einem begnadeten Filmemacher kreiert worden sein müssen, der technisch gesehen nicht zwingend, aber durchaus möglich, spätere Künstler wie Terrence Malick oder Alfonso Cuaron (insbesondere zu Roma) inspiriert haben könnte.

Den Film selbst habe ich leider verpasst. Seitdem war ich auf der Suche danach ­– bis er mir in der städtischen Bücherei als DVD in die Hände fiel, im spanischen Original natürlich und mit englischen Untertiteln. Ein durchaus eingehbarer Kompromiss, wichtig ist hier vorrangig die visuelle Bildsprache. Denn Ich bin Kuba aus dem Jahr 1964 war im Grunde ein ungeliebtes Kind, bis es in den 90er Jahren von niemand geringeren als Francis Ford Coppola und Martin Scorsese aus der Versenkung geholt und neu veröffentlicht wurde. Der Grund dafür war ganz einfach: Ich bin Kuba ist ein Pro-Castro-Propagandafilm, inszeniert vom russischen Cannes-Preisträger Mikhail Kalatozov (prämiert 1957 für Die Kraniche ziehen) und wurde weder vom kommunistischen Kuba noch von der kommunistischen Sowjetunion positiv aufgenommen. Fragt sich natürlich, warum. Fidel Castro hätte doch damit zufrieden sein können, kommt doch seine ganz eigene kubanische Revolution letzten Endes mit wehenden Fahnen und skandierten Marschliedern ganz gut davon. Vielleicht, weil Ich bin Kuba Mechanismen beschreibt, die unschwer nachgeahmt werden könnten, sofern der Unmut irgendeiner unterdrückten Bevölkerung den Siedepunkt erreicht. Diesen Leitfaden will natürlich keiner der Mächtigen dem Gehorsam gelobenden Volk zumuten. Also weg damit. Dieser Umstand macht aus Katalosows Film wiederum etwas ganz anderes als nur zu einem politischen Instrument.

Ich bin Kuba ist womöglich eines dieser Werke, über die so manche Filmhistoriker schon die eine oder andere Arbeit geschrieben haben. Das epische Werk lässt sich seitenweise in historischen, gesellschaftlichen oder filmtechnischen Aspekten betrachten, jede Menge gäbe es da zu berichten. Und ja, Ich bin Kuba ist kein Werk, dass der Zerstreuung dient. Es fordert – die Aufmerksamkeit, das Auge, das Sitzfleisch, durchaus setzt es auch eine gewisse landeshistorische Vorkenntnis voraus. Über 60 Jahre später ist Ich bin Kuba kameratechnisch immer noch ein Klasse für sich, seine vier voneinander losgelösten Episoden erzählt Kalatozov fast schon zu simpel, zu generisch, um mit ihrer Wahrhaftigkeit zu fesseln. Gerade gegen Ende spürt man die propagandistischen Ambitionen am stärksten, die Vereinfachung der Emotionen, die klare Trennung von Unrecht und Opfer. Das ist fast schon wie Schulfernsehen, wie ein Bildungsprogramm zur Rekrutierung unschlüssiger Strauchelnder, die nicht mehr wissen wohin mit ihrer Existenz.

Armut, Ausbeutung, Enteignung, dazwischen die Schönheit eines selbstverliebten Landes. Kuba selbst ist die Erzählerin, nach jedem Fallbeispiel geordneter Problematik bekennt sich die Insel zu ihrer Krise, bekennt sich dazu, was es ist und gleichzeitig nicht sein will. Soy Cuba heißt es da: Die reichen und Mächtigen werden sehen, wo sie bleiben. Alsbald formieren sich die Studenten, predigen die Opferbereitschaft, holen auch noch den letzten Bauern aus dem Hinterland. Botschaften, die ganz klar Stellung beziehen. Dessen triviale Machart aber in quälendem Lehrbuchsozialismus die euphorische Lust an dem Bildersturm nimmt, der über zwei Stunden tobt.

Ich bin Kuba

David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück

WIE DIE ANDEREN WOLLEN

7/10


davidcopperfield© 2020 Constantin Film


LAND: GROSSBRITANNIEN, USA 2019

REGIE: ARMANDO IANNUCCI

CAST: DEV PATEL, TILDA SWINTON, HUGH LAURIE, BEN WISHAW, PETER CAPALDI, ANEURIN BARNARD, BENEDICT WONG, JAIRAJ VARSANI, ROSALIND ELEAZAR U. A.

LÄNGE: 1 STD 59 MIN


Ist es nicht so? Bei Nennung des titelgebenden Namens kommt doch sogleich der amerikanischen Zauberkünstler mit den dunklen Augenbrauen in den Sinn, der durch die Chinesische Mauer ging oder die Freiheitsstatue hat verschwinden lassen. Der wiederum hat sich allein aufgrund des lautmalerischen Wohlklangs so benannt. Und noch etwas recht Interessantes tritt zutage, setzt man sich mit Charles Dickens´semi-fiktionaler Biopic David Copperfield auseinander: Uriah Heep kommt darin vor. Natürlich nicht als Hardrock-Band, sondern als Namensquelle selbiger. Warum aber haben sich die britischen Musiker ausgerechnet nach der niederträchtigsten Figur aus Dickens´ Roman benannt? Der wiederum von Death of Stalin-Regisseur Armando Iannucci auf höchst exzentrische, aber vergnügliche Art interpretiert wurde.

Viel anders als überstilisiert, so denke ich, lässt sich dieser Stoff in dieser Zeit aber wohl kaum publikumswirksam für die Leinwand adaptieren. Entstanden ist ein kostümfundiertes Kommen und Gehen unterschiedlicher skurriler Gestalten, neurotischer Lebenskünstler, von Reichtum und Armut. Vor allem jene letztgenannten Gegensätze, die bei Charles Dickens in vielen seiner Werke Kern der Sache sind, bilden nicht nur das Alpha und Omega der Memoiren von David Copperfield – vor allem die Armut ist zwischendurch immer wieder Antrieb und Quelle der Improvisation all dieser Figuren, die durch ihre Entrücktheit ihren Existenzzustand überhaupt erst erträglich machen. Dazwischen verweilt der Zuseher zwischen den blumigen Worten einer eloquenten Gesellschaftskomödie, eines Begegnungsreigens und einer chaotischen Zettelwirtschaft. Denn Copperfield, der sich eigentlich nur selbst so nennt, weil alle anderen ihn so nennen wie sie wollen, notiert sein Leben stets auf Resten von Papier – der Zettelpoet ist geboren.

Eine solche Verfilmung wäre vielleicht zur langatmigen Angelegenheit eines Lebens geworden, das nicht wirklich tangiert – wäre Iannucci nicht auf die Idee gekommen, nebst eines ausgeschlafenen und bestens aufgelegten Star-Ensembles (Tilda Swinton, Hugh Laurie und auch Ben Wishaw als Uriah Heep agieren großartig) ethnische Merkmale vollständig zu ignorieren. Das ist, soweit ich weiß, ein gänzlich neuer Impuls: Copperfield selbst ist indischer Herkunft, wobei beide Eltern Europäer sind. Der Industrielle Wickfield ist Asiate, seine Tochter eine Schwarze, so wie die Mutter von Copperfields weißem Kommilitonen Steerforth. Wie seltsam das plötzlich klingt: schwarz, weiß, asiatisch, indisch. Iannucci beschämt das schubladisierte Denken seines Pubikums, sprengt die gesellschaftlichen Normen dahinter, schert sich nicht um ethnische Unterschiede. Das ist mutig – zwar anfangs etwas verwirrend, aber letzten Endes durchaus konsequent. Auch altern all die Figuren kein bisschen, sie sind stets das, was sie in Copperfields Erinnerung sind: unabänderbare Erscheinungen aus der ersten Begegnung, wie Fotografien oder gemalte Portraits. Vor diesen farbenfrohen, satten Pop-Up-Bildern aus Requisiten und liebevoll eingerichteten Interieurs klingelt das Charakterkarussell rotierend vor sich hin. Nicht unanstrengend, das Ganze, weil Iannucci seine Inszenierung in einem zweistündigen Stakkato an exaltierter Theatralik loszulassen gedenkt. Auf der Habenseite allerdings steht eine komplexe Kostüm-Adaption – auf den Punkt gebracht, straff und kurzweilig.

David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück

Metaluna IV antwortet nicht

UNENDLICHE WEITEN AUS ALTEN ZEITEN

7,5/10

 

metaluna4antwortetnicht© 1955 Universal Pictures

 

LAND: USA 1955

REGIE: JOSEPH M. NEWMAN, JACK ARNOLD

CAST: JEFF MORROW, REX REASON, FAITH DOMERGUE, LANCE FULLER U. A.

LÄNGE: 1 STD 27 MIN

 

Auf dem Sender Syfy hat man immer wieder mal die Chance, für Stunden in die fernsehnostalgischen Gefilde der alten Enterprise-Crew abzutauchen. Wenn William Shatner und Co zwischen Pappmaschee-Felsen herumstrolchen und Gummimonster aus dem Hinterhalt angreifen, hat das einen Guilty-Pleasure-Wert, der fast schon mit Solid Gold aufzuwiegen ist. Raumschiff Enterprise startete 1966, das ist ewig her. Doch Moment – das ist immerhin schon 11 Jahre nach einem gewissen Science-Fiction-Klassiker, der damals schon, 1955 also, tief in die Trickkiste gegriffen hat, um zu veranschaulichen, wie es denn aussehen könnte, zu fremden Planeten zu reisen. Und wie es, lange vor Men in Black, aussehen könnte, wenn This Island Earth (so der Originaltitel dieses Films) bereits längst von Außerirdischen unterwandert worden wäre.

65 Jahre auf dem Buckel, und das womöglich an unsichtbaren Nylonseilen hängende, recht holprig ins Bild schwebende UFO hat bereits schon einiges an Patina angesetzt. Metaluna IV antwortet nicht nimmt Motive aus Perry Rhodan und Star Trek vorweg: Der Pilot und Wissenschaftler Dr. Meacham bekommt eines Tages eine seltsame Lieferung in sein Labor gesandt: es ist dies ein sogenannter Interozitor (was für ein Ding!), mit dem der toughe Kerl Kontakt mit einem sehr obskuren Zeitgenossen namens Exeter aufnehmen kann. Der wiederum wirbt den Atomphysiker für ein ebenso obskures Projekt an. Und weil Dr. Meacham von Natur aus neugierig ist, wagt er sich ins Ungewisse – um später festzustellen, dass die Erde nicht der einzige Planet im Universum ist, der intelligentes Leben beherbergt. Er selbst und eine Fachkollegin, die genötigt werden, nach Metaluna IV zu reisen, werden Zeugen eines Sternenkrieges zweier Völker.

Klingt umsetzungstechnisch sehr anspruchsvoll? Ist es auch: Joseph Newman, unter der Mithilfe von Monster-Movie-As Jack Arnold, lässt radikalen Retro-Charme spielen, dem sich garantiert kein eingefleischter Science-Fiction-Fan, der bereits von Anfang an mit dabei sein will, entziehen kann. So simpel auch all die Szenen im Weltraum, all die Pyrotechnik und das legendäre Monster auch getrickst sein mögen – gerade diese analoge Einfachheit, dieser offensichtliche Versuch einer Illusion des Phantastischen, erklärt dieses Werk zu einer unfreiwillig komischen, aber schätzenswert komischen Antithese zum Bildperfektionismus der Gegenwart. Was für eine wohlige Entreizung. Dabei hat der Plot dazu immer noch oberste Priorität. Und das Setting? Futurismus pur. Zwischen kruden Atomium-Modellen als Schaltzentrale der Aliens, kuriosen Druckausgleichsapparaturen und wunderbar gemalten Matte Paintings, die all die Perry Rhodan-Coverzeichner nicht besser hinbekommen hätten, tummeln sich weißhaarige Ur-Klingonen mit hoher Stirn. Das Beste aber kommt noch: Mit dem insektoiden Bodysuit-Mutanten samt Hydrozephalus-Hirn haben die Macher eine Kultfigur geschaffen, die Tim Burton sehr viel später für seine Marsmonster aus Mars Attacks inspirieren wird.

Metaluna IV antwortet nicht

Berlin Alexanderplatz

FAREWELL FÜR DEN DEUTSCHEN TRAUM

6/10

 

berlinalexanderplatz© 2019 eOne Germany

 

LAND: DEUTSCHLAND 2019

REGIE: BURHAN QURBANI

CAST: WELKET BUNGUÉ, ALBRECHT SCHUCH, JELLA HAASE, JOACHIM KRÓL, ANNABELLE MANDENG, NILS VERKOOIJEN U. A.

 

Dreimal strauchelt Franz, dreimal fällt er, dreimal steht er wieder auf, bis er endgültig niederbricht. Mit diesen ähnlich klingenden einleitenden Worten aus dem Off, gesprochen von Jella Haase, die ab Mitte des dreistündigen Opus Magnum noch wichtig werden wird, lädt uns Burhan Qurbani zu einer Achterbahnfahrt des Schicksals, inklusive einiger Faustschläge in die Magengrube. So, wie Jella Haase das sagt, klingt es wie aus einem Märchen, aus einer dunklen, unheilvollen Parabel über die Qualen einer determinierten Existenz, wie die von Flüchtling Francis eine sein muss.

Teilt sich die literarische Vorlage von Alfred Döblin in neun Teile, so beschränkt Qurbani seine epische, fast schon griechisch anmutende Tragödie der leichteren Verdaulichkeit wegen in fünf Teile. Was aber meines Erachtens immer noch zu massig scheint, da es auch so sichtlich schwerfällt, die narrativen Milestones an die richtige Stelle zu setzen. Berlin Alexanderplatz ist für wilde Dramatik ein üppiges Buffet, das nicht zur Neige zu gehen scheint. Eine Versuchung für Filmschaffende, ein Gabentisch freier Interpretation. Klar, dass man sich da voller Inbrunst hineintigert. An allen Ecken und Enden stehen Gleichnisse, Metaphern und Wendungen zur Schau. Es geht um Liebe, Emotionen, vor allem um Versuchung. Doch letzten Endes ist die Versuchung aber das Verhängnis, für den Filmemacher selbst wie für den Protagonisten Francis, der, wie wir bald ahnen werden, seine Seele dem Teufel verkauft, und nicht mehr von ihm loskommt. Von dieser Versuchung kommt Qurbani auch nicht los, er pinselt wie wild zwischen nächtlichem Neonschein, Halogenkreuzen und Zitaten aus der Bibel seine farbintensiven, schweren Kleckse auf die Leinwand, die jedoch in einem nicht ganz stimmigen Arhythmus die eigene Geschichte immer wieder ausbremsen. Die Apokalypse aus dem Off mag gewichtig sein, die wummernden Rhythmen durchtanzter Nächte bedeutungsschweres Parabelkino ordentlich abfeiern – vom Schicksalskitsch ist Berlin Alexanderplatz manchmal nicht weit entfernt.

Aber: Wie setzt man unter diesem begleitenden Brimborium mehrere Höhepunkte, ohne den dramaturgischen Höhepunkt vorwegzunehmen? Wann kommt der Breakeven, das Ende des Ereignishorizonts bei einem Film wie diesen? Natürlich gegen Ende. Doch was, wenn der vermeintliche Gipfel der Zuspitzung gar nicht der ist, für den wir ihn halten? Dann sumpft das, was danach kommt, in einem ausgewalzten Epilog, der gar nicht mal ein solcher ist, vor sich hin. Das eigentliche Nachspiel kommt dann übrigens noch. Und das ist wiederum eines, das ich gar nicht gebraucht hätte. Das ist eines, das die wuchtige Tragik von Francis´ Teufelskreis ad absurdum führt.

Trotz des verpeilten dramaturgischen Timings: Berlin Alexanderplatz ist fleissige Arbeit – zeitgemäß und vielschichtig. Der Kniff, besagten Franz mit einem Afrikaner zu besetzen, verpasst dem Film schlagartig mehrere Metaebenen. Nicht nur, dass Francis zu einem Werkzeug finsterer Ideen wird, die diesen auch bewusst faszinieren und verlocken, wie der Teufel eben fasziniert, wenn er nichts tut außer zu verführen. Francis ist auch ein Opfer seiner gebrandmarkten Biografie, ein sich selbst überlassener Eindringling. Das vorverurteilende Klischee des dealenden Schwarzen bedient er dennoch. Und fast wäre es ein thematisches Eigentor, ein stereotypes Gesellschaftsbild, das den Nationalisten des Landes auf den ersten Blick gelegen käme, gäbe es da nicht den Verführer und Blender himself – den verkrüppelten Psychopathen Reinhold, der für Flüchtlinge den deutschen Traum kolportiert. Der neugierig macht. Erst Francis, später dann seine große Liebe Mieze. Reinhold ist ein weißer Deutscher, ein perfides, unberechenbares Rumpelstilzchen voller eigentümlicher Manierismen. Albrecht Schuch hofiert diese Figur mit schillernder Intensität. Qarbani sieht in seiner Version einen Herrenmenschen, der die ethnische Fluktuation selbst initiiert hat, als Kolonialherr im fernen Afrika. In der Szene des Maskenballs wird auf groteske Weise deutlich, wo all diese Figuren im freien Spiel aus Betörung und der Gier nach Erlösung ihren Platz einnehmen müssen. Damals wie heute. Und diese Etikette lässt sich schwer aus dem Stoff entfernen, den die europäische Geschichte für jeden gewoben hat.

Berlin Alexanderplatz

African Queen

AUF ZU NEUEN UFERN, KLEINES

7/10

 

africanqueen© 1951 United Artists

 

LAND: USA 1951

REGIE: JOHN HUSTON

CAST: HUMPHREY BOGART, KATHERINE HEPBURN, ROBERT MORLEY, PETER BULL U. A.

 

Der Meister war selten am Set zugegen, fast alle Crewmitglieder sind während der Dreharbeiten erkrankt, auf den Mehrkosten blieb die Produktion dann auch noch sitzen. Wer dreht schon freiwillig in Afrika, es sei denn, man will es so authentisch wie möglich, so wie Werner Herzog vielleicht mit seinem Dreh-Desaster Fitzcarraldo. Ein Film, dessen Entstehungsgeschichte wohl aufwühlender gewesen war als der Film selbst. African Queen kanns in diesen Dingen aber auch. Zu unser aller Freude sieht man Humphrey Bogart endlich mal lachen, und die sonst sehr zugeknöpfte Katherine Hepburn lässt so manche Hülle fallen und auch das Haar hat gegen Ende schon bessere Zeiten erlebt. Aber was soll´s – African Queen ist ein Abenteuerfilm, oder vielmehr eine Abenteuerromanze, ausgetragen von zwei Publikumslieblingen, die spielen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, und die sich auch jenseits des Sets womöglich schon gut gekannt haben. Dass bis auf Huston und Bogart alle einem Darmvirus ausgesetzt waren, merkt man dem Film zum Glück nicht an, womöglich lässt sich die Keimresistenz der beiden Herren wirklich auf den vielen Whiskey zurückführen, den sie, so wird kolportiert, flaschenweise vernichtet hätten.

Dem Hochprozentigen abgeneigt ist Bogart als der von ihm dargestellte Haudegen und  Bootsmann Charlie Allnutt auch nicht, ganz zum Leidwesen der Missionarin Rose, die nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor deutschen Strafexpeditionen von ihrer Missionsstation hat fliehen müssen. Allnutt nimmt die stocksteife Dame mit ins Boot, beide wollen in die britische Obhut, nur ist der Wasserweg dorthin mit allerlei Hindernissen gepflastert, sind es nun Soldaten, Stromschnellen oder jede Menge Moskitos. Zwischendurch kommen sich die beiden natürlich näher, ob sie wollen oder nicht. Was sich später liebt das neckt sich erst, noch dazu vor exotischer Kulisse, und was sind schon Küsse mit Dschungelfeeling! Der Oscar-Academy war das 1952 einige Nominierungen wert – und Humphrey konnte damals, zugegeben zurecht, seinen Oscar abholen. Die Film Noir-Ikone hat den mimischen Minimalismus, versteckt unter Fedora und im Trenchcoat, in den dunklen Straßen der Unterwelt lassen – mehr als zehn Jahre nach seinem „Schau mir in die Augen, Kleines“ (oder im Original: „Im looking at you, Baby“) ist es fast so, als hätte der Star sich selbst neu definiert: ungehobelt, angetrunken, sein eigener Herr über einen Schrottkahn, da ist der Millennium-Falke ja noch nigelnagelneu dagegen. Im Dschungel, wo dich ohnehin niemand kennt, lebt es sich ganz unrasiert, und Transpiration ist das neue Waschen. Diese draufgängerische Naivität muss man wirklich einmal hinbekommen, ganz großartig spielt er da auf – einmal der Hans-Dampf-in-allen-Gassen, einmal die beleidigte Leberwurst. Hepburn macht’s ähnlich, sie kann die verknöcherte Madame aus dem FF – und wie sie da plötzlich schmachtend ihrem neuen Wasserstraßen-Tarzan anzuhimmeln versteht ist wirklich großes Kino.

Heiß muss es da gewesen sein, so schwitzen beide vor sich hin. Dass die Dreharbeiten nicht einfach waren, abgesehen vom Durchfall, ist den Schauspielern anzusehen. Die Actionszenen sind zwar etwas in die Jahre gekommen, aber die sind nur ein bisschen Feuerwerk am Ende einer tropischen Romanze, die fast schon wie ein Kammerspiel daherkommt, im Grunde tatsächlich ein kleiner, längst kein epischer Film ist, und im kauzigen Schlagabtausch der beiden zeitlos unterhält. Wer noch mehr hinter die Kulissen blicken will: Clint Eastwood hat mit Weißer Jäger, schwarzes Herz die Erinnerungen eines Co-Autors  zu John Hustons Leidenschaft für die Elefantenjagd verfilmt, und Hepburn selbst hat sich auch nicht nehmen lassen, dieses denkwürdige Making Of am Schwarzen Kontinent in Buchform festzuhalten: African Queen oder Wie ich mit Bogart, Bacall und Huston nach Afrika fuhr und beinahe den Verstand verlor.

African Queen

Ophelia

EIN JEDI AM KÖNIGSHOF

5/10

 

OPHELIA_D1_051517_DSC9651.NEF© 2018 Koch Films

 

LAND: USA, GROSSBRITANNIEN 2018

REGIE: CLAIRE MCCARTHY

CAST: DAISY RIDLEY, GEORGE MACKAY, NAOMI WATTS, CLIVE WOWEN, TOM FELTON, DAISY HEAD U. A. 

 

Mit dem letzten Drittel der Star Wars-Saga ist sie als Rey Namenlos in die Filmgeschichte eingegangen: Daisy Ridley. Ja tatsächlich, da hatte sie das letzte Wort, in einer starken Heldinnenrolle, die zumindest mich vollends überzeugt hat. Da Star Wars jetzt vorbei ist, und sie auch womöglich niemals wieder in die Rolle eines Jedi schlüpfen wird, erscheint nun eine bereits zwei Jahre alte, aber immerhin eine ganz andere Produktion, um die Schauspielerin auch gleich rollentechnisch anders zu positionieren, sonst wiederfährt ihr Gott behüte das gleiche wie Mark Hamill, der nach dem Hype der Originaltrilogie im Filmbiz nur noch schwer Fuß fassen konnte. Ihre neue Alternativrolle ist aber auch nichts, was man nebenbei spielt. Es hat mit Shakespeare zu tun, und noch dazu gleich mit einem seiner berühmtesten und massentauglichsten Stücke neben Romeo und JuliaHamlet. Aber keine Sorge, die Interpretation der Geschichte des verhinderten Dänenprinzen ist kein weiterer wortgetreuer Aufguss in vielleicht modernem Gewand. Diese Geschichte hier wird ganz anders erzählt. Und da sind wir wieder bei Daisy Ridley, die sich eine nicht weniger schillernde Rolle als ihre Rey hernehmen muss: die der Ophelia. Was mir dabei immer gleich einfällt, ist das berühmt Zitat: „Geh in ein Kloster, Ophelia!“ Ja klar, letzten Endes wird sie das tun, aber bis dahin passiert so einiges Tragisches, diesmal aber aus Sicht des weiblichen Sidekicks. So etwas Ähnliches gab es auch schon, nur nicht aus der Sicht einer Frau, sondern aus der Sicht der beiden Haudegen Rosenkranz und Güldenstern, nach einem Theaterstück von Tom Stoppard (siehe Shakespeare in Love). Doch diese beiden bekommt man in dieser Verfilmung kaum zu Gesicht. Denn die Kamera, die ist voll und ganz auf Daisy Ridley gerichtet.

Aus gutem Grund, denn sie macht eine außerordentlich gute Figur. Mit ihrer roten Mähne, leicht dauergewellt (erinnert ein bisschen an Cate Blanchetts Version der Elizabeth I.) und meist in grünem Kleid. Weiters ein heller Blick, nonkonform und mit Sinn für Humor. Klar, dass Hamlet voll drauf abfährt. Den spielt übrigens der Soldat aus Sam Mendes Kriegsfilm 1917 – George MacKay. Doch den Irrsinn und den Rachedurst dieses Bühnenhelden, so wie wir ihn kennen, den hat er nicht. Wäre aber nicht so tragisch, all diese Intrigen mitsamt dem Niedergang eines Königshauses ist schon tragisch genug, und außerdem handelt Claire McCarthys Kostümschinken ja vermehrt von Ophelia. Ein bisschen duckmäuserisch ist diese angesichts der dominanten Blaublüter innerhalb der herrschaftlichen Mauern schon, doch mit Sicherheit ist das dem Steckbrief der Rolle geschuldet. Auf Abruf und nur nicht auffallen, das kann Daisy Ridley auch gut, doch spätestens aber, wenn der an die Macht geputschte Clive Owen mit Javier Bardem-Gedächtnisfrisur handgreiflich wird, geht der Star Wars-Star ein bisschen aus sich heraus, obwohl –  der gespielte Wahnsinn will auch ihr nicht so recht gelingen. Was zum Rest des Films passt. Denn Ophelia, nach der Vorlage eines Liebesromans von Lisa Klein, bemüht sich sichtlich, nicht ganz so gestelzt seine Anweisungen aus dem Regie-Off durchzuführen. McCarthys Film ist ein Spielen nach Vorschrift, ein bisschen wie ein Sommertheater auf irgendeiner Ruine, wo nebenbei noch Gefrorenes geschleckt oder Spritzer gerunken werden. Nachher flaniert man gemütlich durch den lauen Abend, ohne Eile. Oder trifft die Stars noch auf ein Autogrammstündchen. Gegen diese volkstümliche Attitüde sprechen natürlich all die üppigen Requisiten, und auch diese besonders illustre Besetzungsliste, in die sich auch noch Naomi Watts reinschummelt, und zwar in einer Doppelrolle. Blass bleiben sie fast alle, blass und leicht verloren, und kein bisschen gewillt zu improvisieren.

So lässt sich irgendwie verstehen, dass Ophelia fürs Heimkino allemal reicht. Da sind ganze Regentschaften zwischen diesem und Filmen wie Shekhar Kapurs Elizabeth. Für Fans von Daisy Ridley allerdings ist Ophelia fast ein Muss. Ob die ganze klassische Tragödie aus der Sicht von Hamlets Flamme wirklich so einen erfrischenden Perspektivwechsel darstellt, bleibt aber fraglich.

Ophelia

Emma (2020)

LIEBELEI IN HELLEN TÖNEN

8/10

 

emma© Universal Pictures Int. Germany

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: AUTUMN DE WILDE

CAST: ANYA TAYLOR-JOY, BILL NIGHY, MIA GOTH, JOSH O´CONNOR, JOHNNY FLYNN, GEMMA WHELAN U. A. 

 

Diese Blicke sagen mehr als tausend Worte. Wenn Anya Taylor-Joy als literarische Establishment-Kupplerin Emma ihr Gegenüber beobachtet, wenn sie neue „Opfer“ für ihre harmlos intriganten Gesellschaftsspielchen findet oder wenn sie plötzlich selber merkt, dass ihr Herz schneller schlägt, dann sind das garantiert bezaubernde Filmmomente in einer gelungenen Neuinterpretation von Jane Austens Klassiker. Dieser handelt von einer intellektuellen jungen Dame, die eigentlich nicht viel mehr zu tun hat außer sich die Zeit damit zu vertreiben, jungen Männern schöne Augen zu machen und junge Damen für ihre Liebesrochaden auf wohlwollende Art zu manipulieren. Das klingt jetzt nicht wahnsinnig nett, aber Emma ist es die meiste Zeit trotzdem. Keiner merkt wirklich, was sie vorhat. Der, der es merken könnte, ist ihr Vater – der einzige, mit dem Emma in ihrem stattlichen Anwesen zusammenlebt – die Mutter verstorben, die Schwester verheiratet und ausgezogen. Der Vater aber: ein unheilbarer Hypochonder, den jeder Luftzug mutmaßlich ins Grab bringen könnte – sehr zurückhaltend und lustvoll dargeboten von Bill Nighy, der in so klassischen Stoffen einfach seine Rolle haben muss, es geht gar nicht anders. Und es geht auch gar nicht anders, Jane Austens lustvolle Sezierung der Hautevolee des beginnenden 19. Jahrhunderts nicht als Kostümorgie zu inszenieren.

Die Neuverfilmung, die macht hier alles andere als einen großen Bogen um stilvolle Meisterwerke historischer Schneiderskunst: Was die Herr- und Damenschaften hier alles an schicker Mode zur Schau tragen, wird vielleicht nur noch getoppt von einer sagenhaft penibel arrangierten und akkurat fotografierten Ausstattung, vorzugsweise in pastelligem Setting aus Lavendel- und Rosatönen, aus hellem Orange und überhaupt einer ganzen Palette verdünnter Farben, die nur so von der Leinwand fließen. Emma ist filmgewordenes Aquarell, eine Bilderflut aus der Romantik und stark verwandt mit dem deutschen Biedermeier. Heller, strahlender, aber längst kein bunter Kitsch, sondern wohlgesetzte Farbgebung, meist in der Kombination zweier ausgesuchter Komplementen. Berauschend, was hier zu sehen ist. Geschmackvoll, wenn Emma unter einer blühenden Kastanie steht, und dabei ein Kleid trägt mit derselben Farbe der Blüten. Wenn über weite, parkähnliche Wiesen mit vereinzelten Baumriesen in roten Umhängen die Schülerinnen des Mädchenpensionats eilen. Wenn der Zylinder der Herren passend zur Verbeugung vor den Damen nobel vom Haupt genommen wird. Ein Augenschmaus, diese Zeit, unbekümmert und entrückt. Der Wohlstand als gesellschaftliche Blase, die von den Erinnerungen der Revolution gänzlich unberührt bleibt.

In all diesem schwelgerischen Zuckerbäckerstil – auf Silbertellern Makronen in allen Farben und der Tee in edlem Porzellangeschirr – wirft eben Anya Taylor-Joy ihre unwiderstehlichen koketten Blicke. Vortrefflich, wie sie Emmas Stil, ihre Anmut, aber auch ihre manchmal soziale Unbeholfenheit in die gefilmte Epoche hinausträgt. Wie sie fähig ist, einzutauchen in eine Zeit, die schon so wahnsinnig lange zurückliegt. Wo Heiratsanträge brieflich hereinflattern. Oder Gesellschaftstänze als Auslöser für eine Leidenschaft bedeutender waren denn je. Die junge Britin, ehemals Hexe (The Witch) und an der Seite von James McAvoy in Split, verleiht ihrer Emma wirklich alles, was man sich von dieser klassischen Figur nur wünschen kann. Klugheit, Eloquenz, Witz und letzten Endes wie bei allen jungen Damen auch: die große Liebe, die sich erstmal wie etwas Fremdes anfühlt, bevor sie ihre Bestimmung findet. Mia Goth als Emmas Schützling Harriet ist da nicht weniger bezaubernd.

Autumn De Wilde, eigentlich Fotografin, hat mit ihrem ersten Film die romantische Literatur für das Kino des 21. Jahrhundert aufbereitet, mit akzentuierter, klassischer Musik unterlegt und dem sonst subjektiven Begriff des Schönen und Geschmackvollen durchaus wieder mal alle Ehre erwiesen.

Emma (2020)