Midway – Für die Freiheit

TOLLKÜHNE MÄNNER IN IHREN FLIEGENDEN KISTEN

5/10

 

midway© 2019 Constantin Film

 

LAND: USA, CHINA 2019

REGIE: ROLAND EMMERICH

CAST: ED SKREIN, LUKE EVANS, NICK JONAS, MANDY MOORE, WOODY HARRELSON, DENNIS QUAID, PATRICK WILSON U. A.

 

Was will man genretechnisch mehr, als vor Sichtung des neuen Emmerich den passendsten aller Trailer vorgesetzt zu bekommen: nämlich jenen von Top Gun: Maverick. Da klingeln die unverkennbaren Takte Harold Faltermeyers in den Ohren, und ein ewig junger Tom Cruise schmeißt sich ins Cockpit – wie in den guten alten Achtzigern. Dann, bevor das Coming Soon auf der Leinwand erscheint, bekommt Maverick noch folgende abgebrühte Weisheit mit auf den Weg: „Die Zeiten für Typen wie dich sind vorbei.! Daraufhin Maverick: „Ja… nur nicht heute.“ Mehr braucht es also nicht, um auch den darauffolgenden Hauptfilm zu charakterisieren. Hier zwängen sich Typen hinter die Konsole, deren Zeit zwar historisch betrachtet vorbei ist, die aber ob ihrer Heldenstatus genauso nüchtern über die Schulter selbiges raunen könnten wie Good Old Tom: Die Rede ist von den Flieger-Assen während der Schlacht um Midway.

Ich hatte mal nebst meiner Junggesellenwohnung einen hochbetagten Nachbarn, der war im Zweiten Weltkrieg in Italien stationiert, rund um Monte Cassino. Unter anderem hatte er dort ob seines künstlerischen Talents Szenen des Krieges nachgemalt, vorwiegend Flugmanöver, die ungefähr so farbenfroh, pittoresk und ikonisch ausgesehen haben wie nahezu jede Einstellung in vorliegendem Kriegsfilm, der so weit entfernt ist von einem Antikriegsfilm wie Emmerichs 10.000 BC von Jean Jacques Annauds Am Anfang war das Feuer. Midway – Für die Freiheit ist vielmehr ein Schlachtenepos, und steht als solches völlig losgelöst von einem Weltkrieg dar, der in all seiner Schrecklichkeit relativ ausgespart wird. Verständlich, einerseits, denn Emmerich will sich nur auf eines konzentrieren: auf eine akkurate Rekonstruktion der Geschehnisse, die zur größten Seeschlacht des 20. Jahrhunderts geführt haben. Schiffe versenken Dreck dagegen – Midway war die Mutter aller Raster- und Kreuzchenspiele, allerdings in natura, und mit Verlusten auf beiden Seiten. All die Gefallenen bleiben natürlich nicht unbedacht, die Helden der Lüfte explodieren entweder in einem Feuerball oder stürzen ins Meer, gehen mit ihren schwimmenden Untersätzen unter oder werden auf grausige Weise mit einem Gewicht an den Füßen im Ozean versenkt. Dieses Gefecht hat Geschichte geschrieben, und jene, die es interessiert, bekommen relativ haarklein und maßstabsgetreu einen Bericht vorgelegt, der in seiner erzählerischen Strenge und gewissenhaften Chronologie die Herzen aller Kriegshistoriker und Hobbystrategen höherschlagen lässt. Ein Militärfilm also erster Güte, im Grunde fast komplett vor Blue Screen gedreht, und das Meer steckt in einer dieser Studiohallen irgendwo auf einem Filmgelände. Eine adrette Illusion, die Emmerich da mit all seinen Experten geschaffen hat.

Geflogen wird jede Menge, die Sturzflüge auf japanische Flugzeugträger präsentiert der Film am liebsten inklusive Sogwirkung, während links und rechts an den Ohren vorbei ratternde Salven ins Leere flitzen. Das ist traditionelles, aber auch distanzloses Gefechtskino, und alles zusammen irgendwie Retro, was aber vielleicht an der ganzen Ausstattung liegt, von der ledernen Sturmhaube bis zur ventillastigen Innenausstattung diverser U-Boote, die szenenweise an Wolfgang Petersens Das Boot erinnern. Midway – Für die Freiheit ist wie eine Sonderausstellung in einem heeresgeschichtlichen Museum. Das kann ganz interessant sein, und ist es auch, wenn man nicht genau weiß, wie der Seekrieg damals ausgegangen ist und Richard Fleischers Version aus den 70ern mit Charlton Heston schon zu weit zurückliegt. Allerdings – Emmerichs Ausflug in die Ära der hemdsärmeligen, tollkühnen Männer in ihren fliegenden Kisten will zwar nach eigener Aussage des Regisseurs die Ängste und Sorgen der im Einsatz befindlichen Jungmänner in den Fokus rücken, muss aber diesbezüglich bald W.O. geben. Was Midway da gelingt, sind bestenfalls emotionale Phrasen, die wir in Top Gun eben auch finden, die ohne US-amerikanischer Ehre nichts anzufangen wüssten, und die mitunter geflissentliches Augenrollen fördern. Aber so ist es nun mal bei solchen Filmen, die so pathetisch sind, dass man gerne gewusst hätte, wie es wohl wirklich war, damals, im Krieg. Das zeigt uns Midway – Für die Freiheit nur anhand seiner Fakten, nicht aber anhand eines weniger reingewaschenen, menschelnden Ist-Zustandes. Dabei versucht Emmerich sein bestes, so wenig dick aufzutragen wie möglich, und sticht genreähnliche Vorgänger wie Michael Bays Pearl Harbor in Sachen Kitsch in geschickten Flugmanövern um einige Breitengrade aus. Ein seltsam biederer Heroismus bleibt aber trotzdem, immerhin aber bemüht rechtschaffen und durchaus informativ.

Midway – Für die Freiheit

Casablanca

GOOD OLD HOLLYWOOD

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casablanca

Mission completed. Endlich ist es geschafft! Den Klassiker unter den Klassikern, den Kultfilm unter den Kultfilmen im Heimkinoformat vom Stapel zu lassen. Ein Film, in welchem so gut wie jede Szene in die Geschichte der bewegten Bilder eingegangen ist. Die Neugierde war groß, der Zeitpunkt, sich einem weltbekannten Werk zu stellen, gekommen.

Doch kann man einen ikonographischen Film wie Casablanca von Michael Curtiz überhaupt vorbehaltlos rezensieren? Kann man ihn so betrachten, als gäbe es den Kult um Humphrey Bogart, Trenchcoat, „Schau mir in die Augen, Kleines“ und „Spiels nochmal, Sam“ überhaupt nicht? Nun, man kann. Es führt aber zu nichts. Denn hat man die Geheimdienstromanze einmal ordentlich seiner vielzitierten Klischees beraubt, bleibt im Grunde nicht mehr viel übrig. Außer vielleicht Humphrey Bogarts legendäres „Resting Asshole Face“. Kaum jemand sonst kann derart dreinblicken. Das konnten bislang nur noch Clint Eastwood und meinetwegen Charles Bronson. Aber so ein Gesicht zu machen wie Trenchcoat-Träger Humphrey (wieso trägt er einen Trenchcoat im nordafrikanischen Marokko? Ist es dort tatsächlich so kalt?) – das muss man auch mal können. Schlafzimmerblick, keine einzige freudige Erregung umspielt seine Mine. Alles dürfte ihm gehörig auf den Wecker fallen. Da ist Peter Lorre in einem kurzen Gastauftritt als mutmaßlicher Mörder und Verhökerer von Ausreisevisa, der dem Besitzer von Ricks Café (ebenfalls legendär) seine Zeit stielt. Und Charles Laughton, der seltsamerweise wienerisch – oder bayrisch? – spricht. Und um der alltäglichen Misere auch noch das Krönchen aufzusetzen, schneit Ingrid Bergmann ins subtropische Etablissement. Wenigstens sie lächelt das eine oder andere Mal, und das ist wirklich bezaubernd. Aber was Papa Humphrey angestellt hat, um das Herz der schönen Schwedin zu gewinnen, bleibt ein Rätsel. Vielleicht ist es gerade diese Art, dieses undurchdringlich lethargische und Emotionslose, das eine Frau wie Ingrid Bergmann anziehend findet. Jedenfalls verbindet die beiden eine unglückliche Liebesbeziehung vor dem Hintergrund invasorischer Ereignisse im Paris der 40er Jahre. Im Grunde genommen ist Casablanca eine Liebesgeschichte, die dicht verwoben ist mit den Geheimdienstaktivitäten des dritten Reiches. Ein dialoglastiger, theatralischer Film, fast schon ein Kammerspiel. Das Setting beschränkt sich auf Ricks Café, den Flughafen von Casablanca und szenenweise das Etablissement der Liebenden in Paris. Für eine Bühnenversion funktioniert der Film allemal. Epische Bilder wie in Lawrence von Arabien sucht man vergebens. Das Marokko des zweiten Weltkriegs, Umschlagplatz und Schmelztiegel für aller Herren Länder, quasi das „Mos Eisley“ Afrikas, reduziert sich auf ein paar Palmen im Wind. Diese räumlich begrenzten Schauplätze geben dem Widerstandsdrama eine gewisse Dichte und dienen auf gelungene Weise, den Mikrokosmos aus Liebe, Verrat und Verschwörung auf einen Nenner zu bringen. Tatsächlich wirkt Casablanca schon ein bisschen nach, auch wenn der Film bereits mehr als siebzig Jahre auf dem Buckel hat. Ob dies nun den zu Kult gewordenen Szenen bzw. dem Mediennachhall zu verdanken ist oder der Story an sich, lässt sich wirklich nur mehr schwer unterscheiden. Die Szenen, die auszugsweise jeder kennt, zaubern mir ein wissendes Schmunzeln aufs Gesicht, entbehren sie nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik. Vor allem, weil man sie endlich in ihrem geordneten Kontext genießt und die Summe aller Teile beieinanderhat. Vor allem auch deswegen, weil mittlerweile jeder die Trivia vom eher kleineren Mr. Bogart kennt, der, um den richtigen Blickwinkel auf seine Filmpartnerin zu haben, auf einer Kiste stehen hat müssen.

Casablanca war damals sicher seiner Zeit voraus, heute ist er vielzitiertes Vorbild für Dialogdramaturgie und dem Genre des romantischen Spannungskinos. Und Humphrey Bogart wurde als geknickter, desillusionierter, aber unberührbar coolen Anti-Held zur zeitlosen Ikone des Film Noir. Und wenn Sam As Time goes by am Klavier zu klimpern beginnt, muss man feststellen, dass dieses Stückchen altes Hollywood wahrscheinlich niemals sterben wird, mit all seinen idealisierten Stärken und verzeihbaren Schwächen.

Casablanca