Togo

DOG TO GO

6,5/10

 

togo© 2019 Disney Enterprises Inc. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2019

REGIE UND KAMERA: ERICSON CORE

CAST: WILLEM DAFOE, JULIANNE NICHOLSON, MICHAEL GASTON, CHRISTOPH HEYERDAHL, MICHAEL GREYEYES U. A. 

 

Zeitgleich mit dem Disney+-Release hier in deutschsprachigen Landen muss natürlich auch gleich der erste Filme einer Qualitätskontrolle unterzogen werden. Vorgenommen habe ich mir den Outdoorstreifen rund um einen Haufen toller Hunde, nämlich Schlittenhunde, die von einem ganz außerordentlich begabten Leithund angeführt werden, der den Namen Togo trägt. Togo ist auch der Titel des Films, und als Stargast nebst all den beeindruckenden Hundeperformances darf Willem Dafoe wieder mal zeigen, dass er auch fern jeglichen Arthousekinos mit Ferrara und Dave Eggers auch ganz normal familientaugliches Kino anführen kann. Denn was Harrison Ford kann, kann Dafoe schon lange. Der Unterschied dieser beiden Filme? In Ruf der Wildnis durfte Ex-Han Solo gar nicht mal mit echten Tieren kommunizieren. Der Hund aus der Neuverfilmung von Jack Londons Klassiker besteht aus Pixels. Das allerdings fällt unangenehm auf. Weil es einfach nicht sein muss. Kein Tier lässt sich besser trainieren als ein Hund. War das reine Bequemlichkeit der Studios? Oder einfach wieder nur zeigen, was das digitale Kino alles kann? Allein vom Trailer her lässt sich vermuten, dass die Macher mit dem Ergebnis nicht gerade die Benchmark gekitzelt haben. So gut es also geht, ist Natürlichkeit immer der beste Effekt. Dessen besonnen hat sich Disney – und für viele Szenen auf ein ganzes Rudel echter Wuffomaten zurückgegriffen. Diese sibirischen Huskys, in welcher Entwicklungsstufe auch immer, vom Welpen bis zum Grauhaar, holen selbst Hundemuffel und solche, die mit Pudel, Dackel und Co überhaupt nicht viel anfangen können, hinter dem Ofen hervor. Diese Huskys, die sind einfach noch einen Tick anders. Sie sind wilder, ursprünglicher. und gehören genau dorthin, wo der Film spielt: Nämlich nach Alaska – und nicht in ein urbanes Appartement.

Dieses Alaska, das bekommt in Ericson Cores klassischem Abenteuerfilm der guten alten Schule einen Anstrich, das man es ewig schade finden könnte, Togo mitsamt den Kids nicht auf großer Leinwand gesehen zu haben. Zugegeben, die Panoramabilder sind vielleicht eine Spur zu pittoresk, aber Landschaften sehen zu bestimmten Tageszeiten nun mal so aus, das ist Wildniskitsch pur, der aber auch so sein darf. Die Dokureihe Universum lässt grüßen. Auch Filme wie Alpha, der ebenfalls die Mensch-Hund-Achse dreht, oder Wie Brüder im Wind über die Geschichte eines Jungen und seines Adlers. Togo ist ein großzügiger Naturfilm, der sich nicht einsperren lässt und die Weite genießt. Und den Hunden nicht oft genug in die eisblauen Augen schauen kann. Das erzeugt wiederum Nähe. Und ja, einem Hundemuffel wie mich hat das am Ende des Tages dann doch noch abgeholt. Noch dazu, weil Togo auf einer wahren Geschichte beruht, die in den 20er Jahren als Serumlauf von Nome bekannt wurde und statt Togo allerdings einen Hund namens Bolt berühmt gemacht hat.

Togo ist fast schon so was wie eine familientaugliche Mischung aus The Revenant und Lassie – oder wie hieß der Bernhardiner gegen Bergnot? Der Himmel ist stets voller bedrohlicher Wolken, der Wind tobt, das Schneegestöber nimmt die Sicht. Was müssen die vier Pfoten wohl frieren auf diesem kalten, eisigen Untergrund. Die Szene, in welcher der Schlitten, um Zeit zu sparen, einen vereisten Sund überquert, ist wirklich atemberaubend gefilmt. Der zwischenmenschliche Überbau eher solides Beiwerk ohne Besonderheiten, in ganz herkömmlichem Disney-Stil, wie wir es seit Jahrzehnten gewohnt sind. Braucht es da was anders als versöhnliches Pathos? Nein, weil Hunde, die stehen auf sowas. Nichts macht sie glücklicher.

Togo

3 Engel für Charlie (2019)

SCHICKE MÄDELS AM TRAMPOLIN

5,5/10

 

engelcharlie© 2019 Sony Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: ELIZABETH BANKS

CAST: KRISTEN STEWART, NAOMI SCOTT, ELLA BALANSKI, ELIZABETH BANKS, PATRICK STEWART, DJIMON HOUNSOU, SAM CLAFLIN U. A.

 

Wenn das A-Team gerade Urlaub macht, James Bond in Pension geht oder die Expendables gerade ihre Wunden lecken, dann gibt es noch ein ganz anderes, nicht minder erfahrenes Team, das schon seit den 70ern all den Schurken auf dieser Welt zeigt, wo der Barthel den Most holt. Dieses Team besteht prinzipiell aus drei jungen Damen, die Martial Arts genauso beherrschen wie den Umgang mit der Automatischen und sich verkleiden können als wäre das ganze Jahr über Fasching. Unter anderem waren da auf dem guten alten Röhrenbildschirm Kate Jackson und Farah Fawcett zu sehen, wobei Anfang der 80iger dann auch schon wieder Schluss war. Es folgten zwei Kinofilme, die, sagen wir mal so, nicht wirklich hinter dem Ofen hervorlocken konnten, weder Liebhaber des Actionkinos noch jene des Agentenkrimis. Drew Barrymore und Cameron Diaz (ja, was wurde eigentlich aus Cameron Diaz?) haben aus den Figuren herausgeholt, was herauszuholen war. Mehr steckt da allerdings leider nicht drin, eben ungefähr so viel wie bei den Haudegen aus dem A-Team. Das alles sind Figuren, die fürs Fernsehen konzipiert wurden, und Serien von damals hatten noch keinen durchgängig roten Faden, um einen Charakter einer dementsprechenden Entwicklung zu unterwerfen. Jede Folge war ein abgeschlossenes Abenteuer. Ab und an hatte ein Erzbösewicht wiederholte Auftritte (ich sage nur Goliath bei Knight Rider und Murdoch bei McGyver). Die 3 Engel für Charlie hatten so jemanden sicher auch. Also: keine Zeit, in die Tiefe zu gehen.

So ist auch Elizabeth Banks Damen-Actioner das, was wir zu sehen bekommen, und mehr aber auch nicht. Muss es das sein, das bisschen mehr? So wie bei Daniel Craigs James Bond, der sich, trotz jahrelanger Filmpausen, deutlich um- und weiterentwickelt hat? Nein, natürlich nicht. Man braucht nicht immer pschologische Metaebenen, die gab’s beim neuen Harley Quinn-Spin-Of Birds of Prey auch nicht wirklich, obwohl das Teamwork durchwegs gepasst hat. Zwischen Ella Balinska, Aladdin-Prinzessin Naomi Scott und einer sehr ausgeschlafenen Kristen Stewart stimmt die Chemie ebenfalls. Alle drei können sich gut riechen, womöglich auch außerhalb des Sets. Stewart, die hat ihre Bella Swann-Phlegmatik glücklicherweise zur Gänze abgelegt. Das sieht man auch an der schicken Kurzhaarfrisur, die ihr wirklich ausnehmend gut steht und die irgendwie den ganzen Film hindurch Stylistenherzen immer wieder höherschlagen lässt. Outfits sind hier überhaupt sehr wichtig, der Hosenanzug sitzt, die legere Lederjacke ebenso.

3 Engel für Charlie lockt sogar mit noch einem ganz anderen Altstar aus der Fernsehwelt: Patrick Stewart. Der Star Trek-Charakterkopf adelt die Fast-Food-Agentenkomödie mit bedächtigen Schritten und dezenten Gesten. Alles zusammen wirkt durchaus vergnüglich und aufrichtig harmlos. Elizabeth Banks hat zwar ihre A-Kapella-Combo Pitch Perfect hinter sich gelassen, am liebsten hätte sie´s aber gehabt, wenn ihre durchtrainierten, toughen Girlies vielleicht auch hier nochmal mit dem Becher klopfen. Ungefähr so fühlt sich 3 Engel für Charlie an – wie ein gut gelaunter Stageburner, wie eine abendfüllende Spezialfolge aus einer der Fernsehstaffeln mit einem Inhalt, der schnell vergessen ist, weil er nicht bemüht sein will, Erwartungshaltungen ernsthaft zu unterwandern. Ein bisschen Täuschung gibt’s dennoch, aber von der Sorte, mit der man gerechnet hat, denn zu offensichtlich sind die Ankerpunkte für den Plot gesetzt. Malen nach Zahlen im familienfreundlichen Actionkino also, mit schönen Gesichtern, ganz viel Glamour und – Danke, Kristen! – aparten Frisuren.

3 Engel für Charlie (2019)

Jumanji – The Next Level

OPA IST DER BESTE

7/10

 

jumanji-the-next-level© 2019 Sony Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: JAKE KASDAN

CAST: DWAYNE JOHNSON, KEVIN HART, KAREN GILLAN, JACK BLACK, DANNY DE VITO, DANNY GLOVER, AWKWAFINA U. A. 

 

Die Würfel sind gefallen – und das schon seit zwei Jahrzehnten. Als das Original Jumanji mit Robin Williams die Kinokassen klingeln ließ, waren Brettspiele plötzlich wieder in und die Zufälligkeit von 1 bis 6 fast schon wieder ein Mysterium. Wem Mensch ärgere dich nicht zu langweilig war, der hatte plötzlich den ganzen Dschungel bei sich daheim. Ein großartiges Entertainment-Movie – gewitzt, dramatisch und kreativ bis dorthinaus. Brettspiele sind zwar immer noch in, doch Joe Johnstons spannendem Fantasyabenteuer war nichts mehr hinzuzufügen. Es sei denn, man hebe das Geschehen auf ein neues Level. Und wer, wenn nicht Dwayne „The Rock“ Johnson und eine ganze Handvoll ohnehin schon etablierter Comedians wie Jack Black oder Kevin Hart wären dafür besser geeignet, in den tropischen Ring zu steigen, um Nilpferden, Affen oder wilden Stämmen zu zeigen, wo der Hammer hängt. Das erste Sequel aus 2018 hatte da relativ viel Hammer. Gut, die Idee, in ein Videospiel einzusteigen, hatte schon Tron, nur komplett spaßbefreit, während Jake Kasdans Jumanji – Willkommen im Dschungel neben einigen netten Game-Gadgets nur darauf aus war, die kalauerbewährte Volldröhnung einem Popcorn knabbernden Generationenmix um die Ohren zu hauen. Ja natürlich, volle Unterhaltung. Will ja nicht sagen, dass es fürs Amüsement nicht gereicht hätte. Der kreative Kniff aber hat gefehlt. Dafür bot die Komponente eines Videospiels zu wenig Fläche.

Jetzt aber hat es Jake Kasdan wieder getan – und die Clique um den introvertierten Spencer wieder in den virtuellen Ring geschickt. Doch siehe da: der Witz scheint hier einen neuen Namen zu haben: Danny DeVito. Der hat zwar nur in der Rahmenhandlung seinen liebevoll schrulligen Auftritt, ganz so wie der andere Danny, nämlich „Ich bin zu alt für diesen Scheiß“ Clover, doch was alle Comedians gemeinsam hinbekommen, ist so, als wäre DeVito in Gestalt des bärbeißigen Muskelprotzes Dwayne Johnson die ganze Zeit über präsent. Der Plot ist in Jumanji – The Next Level fast derselbe wie im letzten Film, nur mit ein paar Abweichungen und Ergänzungen bei den Avataren. Der Grund aber, warum diese Episode besser geglückt ist als die letzte (dem Original aber dennoch nicht das Wasser reichen kann) liegt an den perfekt synchronisierten Manierismen von Johnson und DeVito. Oder De Vito und Awkwafina. Oder Kevin Hart und Danny Glover. Die Grumpy Old Men in völlig konträre Körper zu stecken ist Bodyswitch-Komik vom Feinsten. Es macht einen Riesenspaß, Johnsons Mimik an jene von De Vito angepasst zu sehen. Mitunter kommt das Switchen der Persönlichkeiten diesmal viel öfters vor, und jedes Mal ist es ein Vergnügen, zuzusehen, wie das Verhalten der Figuren plötzlich ein ganz anderes ist. Das ist der Reiz des Films, und weniger das CGI-gestraffte Szenario malerisch perfekter Kulissen, die aber in ihrer Makellosigkeit natürlich für ein generiertes Videospiel besser passen als in sonst einem Film. Sieht man genauer hin, lassen sich von Seriensets wegrekrutierte Stars aus Game of Thrones oder Big Bang Theory ebenfalls entdecken, die alle hinter einem Juwel her sind, das in Sicherheit gebracht werden muss. Da spielt man schon gerne Hängebrückenmikado oder lässt sich in die Wüste schicken. Action gibt es satt, und dabei noch ausgesprochen virtuos inszeniert.

Indiana Jones ist schon lange her. Als Reserve gab’s da immer noch Quatermain, auch schon lange her. Für so etwas gibt’s jetzt entweder Lara Croft oder eben Jumanji: The Next Level, um wirklich mal funparkmäßig im Kino abzuhängen. Dabei lässt sich feststellen, dass das wahre Abenteuer jenes zwischen den Charakteren ist, die sich gegenseitig an ihren inneren Werten erkennen. Zugegeben, das war in Jumanji – Willkommen im Dschungel natürlich auch so, doch durch den starken Kontrast zwischen Alt und Jung hat das verfluchte Spiel tatsächlich sein nächstes Level erreicht.

Jumanji – The Next Level

The Aeronauts

LUFT NACH OBEN

6,5/10

 

aeronauts© 2019 Amazon

 

LAND: GROSSBRITANNIEN 2019

REGIE: TOM HARPER

CAST: FELICITY JONES, EDDIE REDMAYNE, TOM COURTENAY, VINCENT PEREZ U. A. 

 

Der Online-Riese amazon hat seinen ersten direct to stream-Blockbuster geradewegs zur Weihnachtszeit in seinen bunten Bauchladen getan, zwischen all den unzähligen Serien, mit denen der Konzern uns Abonnenten längst schon verwöhnt. Weiß man es nicht im Vorfeld aus einschlägigen Medien, müsste man genau hinsehen, um The Areonauts zu entdecken. Es ist ein Film, der zur richtigen Zeit kommt – zu jener der Eventfilme und knappen Mehrteiler, die über Historisches berichten und die ordentlich pathetisch sind, ins vorige Jahrhundert eintauchen oder auf anderen Kontinenten weilen. The Aeronauts bleibt zwar in Europa (um genau zu sein in Großbritannien), aber Regisseur Tom Harper dreht die Zeit zurück ins 19. Jahrhundert. Dort treffen wir den Meteorologen James Glaisher, gespielt von Eddie Redmayne. Glashier ist eine historische Figur, und war tatsächlich ein Wissenschaftler, der im Gasballon die sagenhafte, noch nie zuvor von Menschen erreichte Höhe von 8.8oom erreicht hat. Die fiktive Komponente der abenteuerlichen Biografie ist die Rolle von Amelia Wren. Die Ballonpilotin hat es nie gegeben, Felicity Jones Rolle ist komplett frei erfunden. In Wahrheit befand sich ein gewisser Henry Coxwell an Glashiers Seite – aber warum nicht Tatsache mit Fiktion zu einer griffigeren Geschichte verbinden. In Zeiten von Female Empowerment ein notwendiger narrativer Kniff.. Pilotin Wren hat obendrein noch ein sattes Trauma zu verarbeiten, welches die Ballonfahrt obendrein auch noch psychologisch zur Zerreißprobe macht – und tatsächlich liefert The Aeronauts vor allem in der zweiten Hälfte atemberaubend gefilmte Sequenzen, die an das Astronauten-Meisterwerk Gravity erinnern. Felicity Jones erlebt hier Ähnliches wie Sandra Bullock, nur nicht im Orbit. Aber das macht nichts. Auch in knapp 9000 Metern gibt’s so allerlei, was der Physis des Menschen nicht ganz so zuträglich ist. Mangelnder Sauerstoff, Kälte, Sonne, Geschwindigkeit und die Tücke des Materials, das dann auch nicht mehr so will, wie es sollte. Interessant, dass der Film mit zwei Kameraformaten gefilmt wurde. Während die Geschehnisse auf der Erde in gewohntem Cinemascope arrangiert sind, bekommen die Luftaufnahmen mehr Raum. Mag sein, dass der Wechsel manchen gar nicht bewusst wird, aber die Panoramaaufnahmen der Wolkendecke und die Weite des Himmels erreichen hier selbst auf Fernsehformat eine greifbare Tiefe.

Greifbar gut agiert auch Felicity Jones. Die Rolle hat ihr sichtlich Spaß gemacht, und das Herumhantieren am Ballon und der Kampf gegen die Physik des Himmels lässt sie mal so ordentlich aus sich herausgehen. Dabei war, so wie es scheint, nicht alles nur gespielt – anstrengend war es vermutlich tatsächlich. Die Balance zwischen CGI und analoger Spielszenen in einem tatsächlich fahrenden Ballon gelingt. Fragwürdig bleibt allerdings angesichts der Tatsache, dass es sich hier um eine erfahrene Pilotin und einen sattelfesten Experten auf dem Gebiet der Meteorologie handelt, dass das Equipment der dargestellten Expedition zu wünschen übrig lässt. Keine Handschuhe, kein Kälteschutz? Als Pilotin und verantwortlich für die Fahrt müsste jene Ausrüstung vorhanden sein, die einen Erfolg garantiert. Warum dies nicht der Fall war, erschließt sich mir nicht. Und macht manche Not in luftiger Höhe seltsam unnötig.

So richtig viel Vorfahrt hat The Aeronauts im Genre der Abenteuer- und Survivalfilme zwar nicht, dafür aber ist Harper eine liebevoll ausgestattete Jules Verne-Hommage mit staunenswerter Optik gelungen, die im Kampf mit den Witterungen Größe zeigt. Könnte sein, dass Felicity Jones, die Eddie Redmayne mit Leichtigkeit an die Korbwand spielt, mit diesem Film Abenteuerluft geschnuppert hat – und vielleicht bald in einem nächsten Nature-Fight zu sehen ist. Zu wünschen wäre es uns, denn der Wille zur Verausgabung, der steht ihr.

The Aeronauts

Cold Skin

VIELE SIND EINE INSEL

5/10

 

coldskin© Tiberius Film 2018

 

LAND: FRANKREICH, SPANIEN 2018

REGIE: XAVIER GENS

CAST: RAY STEVENSON, DAVID OAKES, AURA GARRIDO U. A.

 

Leuchtturmwärter in Kunst und Kultur sind ganz eigene Persönlichkeiten. Vorwiegend Eigenbrötler, Eremiten, vielleicht auch Misanthropen. Oder nur Leute, die zumindest eine Zeit lang zwar nicht ins Kloster gehen wollen, um dort innere Einkehr zu pflegen, sondern inmitten einer entfesselten Natur, insbesondere nah am Meer, mit sich selbst ins Reine kommen möchten. Zumindest im Kino ist das so. Und im Kino sind diese Leuchttürme vorwiegend auf Inseln oder Halbinseln errichtet, weitab vom Schuss, im Nirgendwo. Auch in Cold Skin geht es um dieses Nirgendwo. Und das ist eine Insel vulkanischen Ursprungs, wo nichts ist außer Sturm, Gischt und rheumafreundliche Feuchtigkeit, die in die Knochen kriecht. Wer will das schon? Nun, in diesem Fall ein an Robinson Crusoe erinnernder Kauz, der, versoffen und textilfrei die Tage im Bett verbringt, und den neu angereisten Meteorologen, der Windmessungen vornehmen soll, am Liebsten dumm sterben lassen will.

Warum dumm sterben? Nun, diese Insel hat ein Geheimnis, dessen Kenntnis fürs Jobprofil nicht unwichtig gewesen wäre: jenes über eine fremde, fischähnliche Spezies, die scheinbar willkürlich – vor allem des Nächtens und zu Scharen – das einzig gemauerte Gebäude auf diesem unsäglichen Stück Fels mit rätselhafter Verbissenheit attackiert. Und nicht nur dieses, auch die Bude des nichtsahnenden Wissenschaftlers, der glaubt, sich in einem nicht enden wollenden Albtraum zu befinden, spätestens dann, wenn blaugraue Hände mit Fischhäuten durch den Türspalt greifen. Am Ende bleibt nur noch die Bastion des als wehrhafte Festung hochgerüsteten Leuchtturms, in dem beide, der Wärter und der Wettermann, vor den fremdartigen Froschkerlen Zuflucht suchen. Und sich regelmäßig zur Wehr setzen.

Ob diese humanoiden Lungen- und Kiemenatmer den beiden verkorksten Herren wirklich ans Leder oder etwas ganz anderes wollen – das ist eine Frage, zu deren Klärung es niemals kommen wird, zumindest vorerst nicht. Der Verdacht liegt nahe, dass das rabiate Verhalten dieser Wesen die Reaktion auf eine Aktion ist, die in unbeobachteter, näherer Vergangenheit wohl eher xenophob veranlagt war. Diese Furcht vor dem Fremden ist die parabelhafte Essenz dieses phantastischen Märchens, das so verstohlen kokettiert mit dem schmucken Kreaturenkino eines Guillermo del Toro. Nur schade, dass dieser die Verfilmung des Buches von Albert Sánchez Piñol nicht selbst übernommen hat. Wäre naheliegend gewesen, nach seinem großartigen Shape of Water und seinem Know-How, was Amphibienwesen betrifft. Womöglich wäre das ein beeindruckendes Epos geworden, in liebevoller Huldigung an die Swap Thing-Ära. Doch leider leider – der Horrorfilmer Xavier Gens war am Ruder, und er hat aus dem naturgewaltigen Stoff einen unausgegorenen Brocken Treibgut herangekarrt, grob verzahnt und nur peripher interessiert an seinem eigenen Thema. Dafür aber ist das Ganzkörper-Make up der seltsamen Wesen ein Hingucker in Sachen dermatologischer Jumpsuits. Die Haptik dieser Cold Skins ist förmlich fühlbar, das ganze Gehabe dieser fischzahnigen Wesen – insbesondere Aura Garrido als das amphibische Sklavenmädchen Aeneris – ein Must-Explore für jeden Humboldt-Abenteurer, der umso obsessiver wird, je fremdartiger die Dinge werden, die er entdeckt. Überhaupt könnte Cold Skin mitsamt seines historischen Settings aus der Feder eines H.G. Wells oder Jules Verne aufs Papier gebracht worden sein. Sogar ein bisschen Moby Dick schwingt hier mit – aber was heißt ein bisschen: Leuchtturmwärter Gruner gebärdet sich wie seinerzeit Captain Ahab, um das, wovor er sich fürchtet und nicht fassen kann, zu bekämpfen. Das ist unterm Strich eine moralische Mär, mit durchaus philosophischen Ansätzen, die aber auf fahrige Art und Weise trotz wildromantischer Bilder ihrer eigenen Aufgabe etwas zu wenig Respekt zollt.

Cold Skin

Trollhunter

MYTHEN, DIE WÜTEN

7/10

 

trollhunter1© 2011 Universal Pictures Germany

 

LAND: NORWEGEN 2011

REGIE: ANDRÉ ØVREDAL

CAST: OTTO JESPERSEN, GLENN ERLAND TOSTERUD, JOHANNA MØRCK, TOMAS ALF LARSEN U. A.

 

Was war das nicht für ein Hype rund um den Hexenhorror The Blair Witch Project? Viral Marketing par excellence, und so mancher dachte dabei wirklich, dass das gefilmte Rohmaterial authentisch ist. Ein neuer Stil war da plötzlich mehr als nur amatuerhafter Spuk, es waren diese Fake-Arrangements, die von da an das relativ zügig ausreizbare Found-Footage-Genre in die Welt des Kinos gesetzt hatten. Das mit der Wackelkamera, den gehetzten Kameraschwenks und dem permanenten Vergessen, auf der Flucht vor dem Grauen die Aufnahme zu unterbrechen, das hat sich mittlerweile schon des Öfteren in einer gewissen Redundanz verbissen. Noch mehr Laufmeter dahinziehenden Waldbodens mit Gekeuche und Gekreische aus dem Off waren danach wirklich kaum noch nötig. Irrtum – Cloverfield hat´s dem Publikum nochmal ordentlich gegeben. In Sachen Monsterhorror ein gewitzter Knüller. Und was die Amerikaner können, können die Europäer allerdings auch. Mit einer Mockumentary aus dem hohen Norden, in dessen Vorspann steif und fest behauptet wird, dieses Filmmaterial begutachtet und für echt befunden zu haben. So kann man sich in die Irre führen lassen, aber so kann man sich auch hingeben in eine alternative Realität, die so gerne möchte, dass es so mythische Wesen wie Trolle oder Zwerge tatsächlich gibt.

Gehen wir mal davon aus, es gibt sie. Oder gehen wir einmal davon aus, wir hätten nie geglaubt, dass es sie gibt, wären aber offen für stichhaltige Widersprüche – vorliegende, brisante Doku würde uns eines Besseren belehren, indem sie sich an die  Fersen eines Sonderlings heftet, irgendwo in der Unwirtlichkeit Norwegens, wo der Wald alles ist und teilweise auch so verlassen und wild wie in den entlegensten Gegenden Kanadas. Gut möglich, dass dieses Dickicht manch krypotozoologische Sensation verbirgt. Irgendwas ist da im Argen jedenfalls, so finden das drei Hobbyfilmer, die einfach so aus Neugier dem seltsamen Eremiten folgen, bis der trotz anfänglichem Widerstand klein beigibt – und geradezu bereitwillig über sein außergewöhnliches Tun als Trolljäger aus dem Nähkästchen plaudert – inklusive Feldforschung und handfesten Beispielen, wie denn so eine Trolljagd tatsächlich vonstatten geht.

Der norwegische Autorenfilmer André Øvredal hat sich da einen riesengroßen Spaß erlaubt, einen köstlichen Nerdfilm und Fantasy-Irrsinn sondergleichen, den Taika Waititi wohl nicht besser hinbekommen hätte. Sein 5 Zimmer Küche Sarg – eine Mockumentary über Alltagsvampire – ist so dermaßen überzeichnet, dass diese nur noch wenig dokumentarische Attitüden aufweist. Trollhunter zehrt ziemlich lange an der Reality-Gier des Zusehers, und setzt die Geduld der reichlich naiven Jungfilmer gehörig auf die Probe. Sie machen womöglich all die gleichen Fehler wie seinerzeit die Hexenjäger von Blair, aber diesmal haben sie wenigstens einen harten Kerl an der Seite, der mit Blitzlicht und Betonhammer auf die Pirsch geht. Dabei tut mir als eingefleischten Troll-Fan (nur echte Trolle, nichts au dem Internet) das Herz richtig weh, wenn es darum geht, diese Urviecher, die ihr Revier verlassen, allesamt erlegen zu müssen. Das muss doch nicht sein – oder doch? Zumindest darf die Menschheit niemals erfahren, dass es Trolle wirklich gibt, daher ist auch das Bildmaterial heiß begehrtes Ziel staatlicher Geheimdienste, die den Pionieren in Sachen realer Mythen und Monster ebenfalls auf den Fersen sind. Das ist spannend und kauzig, und die Ideen, die all die Spuren erklären, die diese mal befellten, mal dreiköpfigen, mal riesenhaften Knilche nun mal zwangsläufig hinterlassen, wirklich gut ausgedacht. Da sieht man Schutthaufen am Waldesrand oder Felsstürze gleich mit anderen Augen. Logisch, manches könnte ja auch ein Bär sein – aber was, wenn nicht? Øvredals Drehbuch hat da tatsächlich Hand und Fuß, und es passt verblüffenderweise wirklich vieles zusammen. Haarsträubend ist natürlich das Handeln der kleinen Menschleins angesichts dieser latenten Gefahr, die von den Riesen ausgeht, aber das ist eher wieder dem Subgenre des Slasher-Horrors entlehnt, deren Jumpscare-Benefits wohl bei aller Vernunft mager ausfallen würden. Trollhunter ist aber kein Horrorfilm; nichts, was Grauen erregt, sich aber an entdeckerfreudigem Suspense die Hände schmutzig macht, der seine Giganten gut getimt ins Bild rückt und wieder verschwinden lässt. Der weiß, wie Spannungsaufbau funktioniert, und sich das Beste und Größte bis zum Schluss aufhebt.

Es gibt ihn also vielleicht, diesen feuchten Traum aller Kryptozoologen, die sich an Nessie oder Bigfoot bereits jahrzehntelang die Zähne ausgebissen haben und vielleicht Lust auf Anderes bekommen, vielleicht mehr den Spuren frühmittelalterlicher Epen folgend, wie Beowulf und Grendel, wobei letzterer den Trollen in Øvredals Film sicherlich Pate gestanden hat. Kurzum: Trollhunter ist ein spinnertes Vergnügen zwischen Monstermuff und rettendem Sonnenlicht, trotz all der wirren Optik.

Trollhunter

Den Sternen so nah

RETTET GARDNER ELLIOTT!

7/10

 

THE SPACE BETWEEN US© 2017 Tobis Film GmbH

 

ORIGINAL: THE SPACE BETWEEN US

LAND: USA 2017

REGIE: PETER CHELSOM

CAST: ASA BUTTERFIED, BRITT ROBERTSON, GARY OLDMAN, CARLA GUGINO U. A.

 

Ridley Scotts großangekündigter Marsbesuch ist auch schon wieder eine Weile her. Vier Jahre sind schon ins Land gezogen, da wäre ein bemanntes Raumschiff nach unserem Stand der Technik auch schon einmal hin und retour geflogen. Mark Watney haben wir also schon gerettet, der ist wieder sicher auf Erden gelandet, nachdem man ihn eigentlich mehr oder weniger nach guter alter Kevin-Manier allein zuhause gelassen hat, auf einem Planeten ohne atembarem Luftgemisch und auf dem es saukalt ist. Schön anzusehen ist er ja, der Mars. Und eine Kolonie dort mit Sicherheit zumindest die erste Zeit abenteuerlich genug, um es dort auszuhalten. Natürlich ist das nichts für Kinder. Oder doch? Das Tempelhüpfen würde etwas epischer ausfallen, ungefähr Marke Stabhochsprung, nur ohne Stab. Fußbälle würden weiter gekickt werden als sonst wo und die Sandkiste wäre so groß so weit das Auge in dieser rötlichbraunen Welt reicht. Allerdings – die Zahl an Spielgefährten wäre endenwollend. Das ist ernüchternder als die ewige Warterei unseres Astronauten-Kevin Mark Watney. Doch so ist es mit Gardner Elliott passiert. Der Junge: ein blinder Passagier, heimlich ausgetragen von einer Astronautin, die um alles in der Welt am roten Planeten Pionierarbeit leisten wollte. Schwanger ins Weltall geht natürlich gar nicht, bei all diesen riskanten Variablen, aber irgendwie hat es doch funktioniert. Und jetzt retten wir nicht mehr Mark Watney, sondern Gardner Elliott, der aber Probleme hat, auf der Erde im wahrsten Sinne des Wortes Fuß zu fassen, ist doch seine Physiognomie eher auf die Schwerkraft des Mars ausgerichtet als auf die des blauen Planeten. Was das für physische Komplikationen nach sich ziehen kann, und wie sehr ein Teenager unbedingt altersadäquates soziales Umfeld braucht, davon erzählt Peter Chelsoms leichtfüßiges Abenteuer rund um ein Planetenhopping im Solsystem und um die erste Liebe.

Liebe gab es bei Ridley Scotts astrotechnischem Thriller keine, aber Peter Chelsom ist immer schon ein Romantiker gewesen, Gefühle haben da auch jenseits des terrestrischen Orbits ihren Platz. Also verliebt sich Gardner Elliott erstmal in seine Chat-Freundin, der er natürlich verheimlicht hat, dass er nicht gleich um die Ecke wohnt. Das Science-Fiction-Abenteuer für die jüngere Generation, im Original viel trefflicher mit The Space between us tituliert, zeigt auf sympathisch formulierte Art, wie der erste extraterrestrische Erdling gleichzeitig zum ersten Homo marsianus wird. Darwin würde sich im Rahmen seiner Idee zur adaptiven Radiaton mehr als bestätigt fühlen, es würde ihm gefallen zu sehen, wie schnell Anpassungen an extrem unterschiedliche Lebensräume vonstatten gehen können. Doch Daheim ist Daheim, und der Mars trotz aller lebensfeindlichen Abzüge die Heimat von Asa Butterfield, der schon in Enders Game der Auserwählte war – und hier jetzt nochmals. An seiner Seite aber statt Harrison Ford Oscar-Preisträger Gary Oldman als vergrämter Wissenschafter mit langer Mähne. Gut gespielt, aber routiniert. Brit Roberston (u. a. A World Beyond) hingegen als Gardner Elliotts Schwarm weiß da schon etwas mehr die Sehnsucht eines einsamen Teenies zu vermitteln, und die Chemie zwischen den Jungdarstellern stimmt. Das hat schon weitaus mehr greifbare Romantik als all diese Twilight-Originale und -Ableger, weil hier angenehmerweise keine Antagonisten den Frieden stören, sondern nur  der Brückenschlag zwischen zwei Welten zur unüberwindbaren Challenge wird. Es ist, als träfen die Geschichten eines John Green auf den bereits schon zitierten Marsianer – Den Sternen so nah erzählt von Einzelgängern und der Einsamkeit von Pionieren, von junger Liebe und einer Zukunft, in der Mann und Frau sich irgendwann nicht nur entscheiden müssen, welchen Nachnamen sie tragen, sondern auch, zu welchem Planeten sie gehören wollen.

Den Sternen so nah