Mary Shelley

STAND BY YOUR MONSTER

5/10

 

maryshelley© 2018 Prokino Filmverleih

 

LAND: GROSSBRITANNIEN, IRLAND, LUXEMBURG 2018

REGIE: HAIFAA AL MANSOUR

CAST: ELLE FANNING, DOUGLAS BOOTH, TOM STURRIDGE, MAISIE WILLIAMS, STEPHEN DILLANE U. A.

 

Was für eine denkwürdige Zusammenkunft am Genfer See. Die Geburtsstunde des Gothic-Grusels. Der Monster, Mythen und Blutsauger. Ken Russel hat diese Nacht schon in seinem Schauerdrama Gothic verewigt, nun findet sich Mary Shelley gemeinsam mit ihrem Gatten Percy und des Arztes Dr. Polidori in den verschwenderischen Gemächern des romantischen Dichters Lord Byron ein – um ein Spiel zu spielen: Jeder von ihnen muss Geschichten erfinden, Schauergeschichten um Untote, Geister und über sonstige Reiche zwischen Leben und Tod. Einiges ist da entstanden, unter anderem der erste Vampirroman noch vor Bram Stoker – und auch die Idee für einen zeitlosen Klassiker, nämlich den über einen Wissenschaftler namens Frankenstein, auch genannt der moderne Prometheus. Und laut vorliegendem Film hat Lord Byron die Idee des Vampyr von Polidori geklaut, andere Stimmen sagen das Gegenteil. Genaues weiß man vermutlich nicht. Aber ich komme vom Thema ab. Eigentlich, und obwohl das andere, nämlich das Drama rund um Byron und Polidori viel interessanter gewesen wäre, geht es um die junge Mary Shelley, vormals Godwin.

Es ist ein ganz klassisches, historisches Melodram, in welchem Elle Fanning den unkonventionellen Freigeist gibt. Adrette Kostüme, authentisches Straßenleben, dunkle Dachkammern, in die sich das relativ mittellose Paar – Mary geht die Beziehung mit dem ebenfalls als Freigeist bekannten Dichter Percy Shelley ein – dann zurückziehen muss. Unterstützung von Seiten der Familie gibt es keine. Papa Godwin missbilligt diese Liaison, die Stiefmutter ist sowieso dem Klischee entsprechend böse. Was hat man dann als junger Mensch sonst noch zu verlieren außer nichts? Eben! Also wird gemacht, was nicht der Norm entspricht. Ohne Einverständnis von irgendwoher geheiratet, sich an den wurmstichigen Tisch gesetzt und geschrieben. Haifaa Al Mansour (u. a. Das Mädchen Wajda), Regisseurin saudi-arabischer Herkunft, widmet ihr Biopic einer werdenden Künstlerin und ihrer Liebschaft. Das ist romantisch und schön bebildert, und Elle Fanning legt sich auch für Ihre Interpretation der Mary Shelley ziemlich ins Zeug. Was aber fehlt, ist der einzigartige Grund dafür, einen Film über Mary Shelley zu drehen. Verbotene Liebe, Flucht in die Armut, das Einschwören auf den eigenen Willen und täglich wiederholte Hymnen über die eigenen Ideale? Was Shelley womöglich erlebt hat, bis zu diesem einschneidenden Abend 1816 am Genfer See, ist womöglich etwas, dass nicht wenige Frauen dieses Alters und zu dieser Zeit erlebt haben. Nur von Mary Shelley weiß man es, sie ist mit Frankenstein berühmt geworden, nicht aber so wie Colette mit ihrer Emanzipation, und das ist etwas, das diesen Film bis zur eingangs erwähnten Inspiration zur Idee für Frankenstein zu einer oberflächlichen Historienschablone macht, die wenig Innovation zeigt, währenddessen man nur darauf wartet, dass endlich die Gedanken zu ihrem großen Roman Gestalt annehmen. Das passiert relativ spät, und verbleibt in diesem Film wie eine in den Plot gedrängte Fußnote, schon allein, weil sich die Begeisterung für ein solches Thema wie Meister über Leben und Tod zu sein sicherlich nicht alleine aus einem Besuch bei einem Mysterientheater so gewaltig Bahn brechen kann.

Vielleicht, ja vielleicht hat sich Mary Shelley immer mal wieder Gedanken darüber gemacht, aber es scheint, als wäre Al Mansour die literaturgeschichtliche Komponente gar nicht wrklich wichtig, als müsste sie es erwähnen, obwohl sie es gar nicht will. Der Film soll von einer Frau erzählen, und nicht von einer Künstlerin. So kommt es, dass sich in Mary Shelley die Werdung zur Autorin des neben Bram Stokers Dracula wohl berühmtesten Schauerroman nur vage erschließt. Der Input ist plötzlich da, also hätte  Shelley auch irgendetwas anderes schreiben können, auch über Napoleon zum Beispiel oder den Krieg oder über die Rolle der Frau in der Gesellschaft. So ist Frankenstein eine austauschbare Nummer, die auch nicht aus den Idealvorstellungen, den Lebenswandel und der Philosophie dieser Frau abzuleiten wäre. Frankenstein selbst scheint nichts mit der Biografie dieser Person zu tun zu haben, eher die unerwartete Prämisse eines ganz anderen Dranges zu sein, so vermittelt es mir zumindest dieser Film. Und das ist dann doch etwas schal. Der Konflikt Polidori und Byron wäre, und ich erwähne es nochmal, die spannendere Geschichte gewesen.

Mary Shelley

Die Berufung

WELT VERÄNDERN IN VIER MINUTEN

5/10

 

dieberufung© 2019 eOne Germany

 

LAND: USA 2018

REGIE: MIMI LEDER

CAST: FELICITY JONES, ARMIE HAMMER, KATHY BATES, SAM WATERSTON U. A.

 

Gäbe es keine Menschen wie Ruth Bader Ginsburg, wäre die Welt eine trostlose. Vor allem eine regressive, statische, undynamische. Eine, die den Dingen nachhängt, die immer schon waren, die bestehende Ordnungen und Parameter nicht hinterfragt, sich einfach nur auf gesprochenen Wörtern ausruht, die irgendwann mal, vor unsagbar langer Zeit, gesagt wurden, als unsere Ahnen noch ganz anders tickten. Den Wandel muss sich der Mensch bewusst machen – und als Teil des kollektiven Metabewusstseins akzeptieren. Evolutionstechnisch auf der Schokoladenseite, zumindest kognitiv, sollten sich im Rahmen unserer Aussichten Ansichten erneuern. Evolutionstheoretisch betrachtet, gibt es immer einige wenige, die das Körnchen Weisheit im Rahmen der selektiven Anpassung in sich tragen. Ähnlich wie in der Welt der Tiere, in der Einzelne als neue Spezialisten unbesetzte Nischen erschließen, damit Erfolg haben und ihr Erbe weitergeben. Das Erbe des Verstands, des Umdenkens und der Vernunft, das haben in der jüngeren Geschichte Menschen wie zum Beispiel Emmeline Pankhurst, Martin Luther King oder eben Ruth Bader Ginsburg weitergegeben. Gegenwärtig: ein 15jähriges Mädchen namens Herta Thunberg. Es ist dieses Streben nach dem Guten, das sich durch die Geschichte der Menschheit zieht, wie ein roter Faden, der manchmal hauchdünn erscheint und kurz davor ist zu zerreißen. Bei den Worten und Taten dieser Einzelnen wird der Faden wieder dicker, die Gesellschaft hellhöriger. Zumindest ein guter Teil davon. Und die anderen? Die werden irgendwann verschwinden. Bis es soweit kommt, sind sie aber noch ein Bollwerk, gegen das aufgestanden werden muss. Gegen das Ruth Bader Ginsburg aufgestanden ist.

Der unscheinbare Fall, mit dem die blitzgescheite und eloquente Juristin letztendlich berühmt geworden ist, wäre fast zu übersehen gewesen. Eine Steuersache, nicht der Rede wert. Eher ein Fall für Ginsburgs Gatten, der sich in Finanzdingen eigentlich besser auskennt. Wäre da nicht, wenn man genauer hinsieht, diese Sache mit dem Unterschied zwischen Männern und Frauen. Und interessanterweise ist Ginsburg Präzedenzfall einer, der nicht das weibliche, sondern das männliche Geschlecht benachteiligt. In wenigen Worten: Kein Pflegegeld für ledige Männer, die daheimbleiben, um die eigene Verwandtschaft zu pflegen anstatt arbeiten zu gehen. Absurd, hier zu differenzieren, impliziert es doch ein statisches Rollenbild, das so eigentlich nicht existieren sollte. Diese sture Gesetzgebung sagt Ginsburg, einer der wenigen weiblichen Juristinnen zu dieser Zeit, den Kampf an. Es ist ein Kampf mit Worten und Argumenten. Und gerade zur richtigen Zeit im Kino, in der Lohngleichheit, Me too! und familiärer Resourcenpoker zur Chefinnensache wird. Und das Ganze noch mit Premiere am Internationalen Frauentag.

Hollywood folgt, stärker als jede andere Filmnation, einem energischen Trend, der sich auf drei Schwerpunkte auffächert. Erstens das – zu Recht – schlechte Gewissen gegenüber der schwarzen Bevölkerung Amerikas, zweitens die Integration der Homosexuellen und drittens die Egalität der Frau. Gefühlt jeder zweite Film aus Übersee hat sich eines dieser drei Themen zur Brust genommen. Damit wird die Traumfabrik zum medien- und massentauglichen Gewissen auf der Leinwand, zum Trendsetter eines Umdenkens, das womöglich nur jene abholen wird, die die Behebung jener Missstände ohnehin unterstützen. Mimi Leder, mir bislang durch das Katastrophenspektakel Deep Impact ein Begriff, folgt nun des Filmemachers Verpflichtung zur Aufklärung und bringt Auszüge aus der Biographie der mittlerweile im Supreme Court tätigen Rechtspionierin auf die Leinwand, mit Felicity Jones in der Hauptrolle, in der Hoffnung, ein True-Story-Drama zu entfesseln, dass alle mitreißt und noch mehr motiviert, irgendetwas Gutes zu tun. Nun, das Streben nach dem Guten hatte ich schon vorher auf der Agenda, da ist Die Berufung nicht wirklich der Auslöser. Überhaupt ist Leders Inszenierung gleich einem Stapel durchaus brisanter Akten, aber letztendlich Akten, die ungeachtet ihres Inhalts eben Papierkram sind – und ähnlich trocken bemüht sich die Story, sich kinotauglicher Eigenschaften zu bedienen. Daraus wird nur bedingt etwas bewegendes. Das Justizdrama ist ein sehr sachlicher Film, und mischt sich relativ wenig in die Privatangelegenheiten der biographischen Figur ein, und wenn, dann nur am Rande, wenn es zum Beispiel um das Leiden von Ehemann und Vater Martin Ginsburg geht, gespielt von Armie Hammer, der seinen Part zwar in souveräner Eleganz, aber oberflächlich anlegt. Oberflächlich ist in diesem Film relativ viel und vor allem das, was die Essenz der Geschichte, nämlich die – sagen wir mal so – „vier Minuten Ruhm“ dramaturgisch notwendig auspolstern. Aber was hat es mit den vier Minuten auf sich? Das ist der Zeitrahmen, der Ruth Bader Ginsburg für das Schlusswort während des Berufungsprozesses noch zur Verfügung stehen, und welches den Stein für weitere Reformen überhaupt erst ins Rollen bringen wird. Das ist schon grandios, was der ehrgeizige Workaholic hier vollbracht zu haben scheint, und der ganze Film läuft auf diese vier Minuten zu, übereifrig und mit dem Blick nach vorne. Was man leider sehr deutlich merkt, nämlich, dass Mimi Leder handwerklich solide, aber nicht mehr, die ersten eineinhalb Stunden abdreht, um endlich dort anzukommen, wo Geschichte geschrieben wird. Felicity Jones macht dabei vieles richtig, müht sich aber, die darzustellende, öffentliche Person charakterlich einzuordnen.

Fast, und das ist für einen inhaltlich so relevanten wie brisanten Film nicht zwingend keine Auszeichnung, lässt sich der Gesetzesexegese fast noch besser lauschen als zusehen, weil die Qualität von Mimi Leders Hommage in der zitierten Rede und Antwort liegt, und nur eher bedingt ein großes Drama daraus macht.

Die Berufung

Colette

HOSEN FÜR DIE DAME

6,5/10

 

colette© 2018 DCM

 

LAND: USA 2018

REGIE: WASH WESTMORELAND

CAST: KEIRA KNIGHTLEY, DOMINIC WEST, ELEONOR TOMLINSON, FIONA SHAW U. A.

 

Wo ein Willy, da ein Weg. Zumindest war das damals so, gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Und zwar in Paris. Unter dem Pseudonym Willy konnten nämlich begabte Autoren, die sonst keinen Weg gefunden hätten, um sich selbst zu veröffentlichen, ihr Erdachtes, Geschriebenes und gern Pikantes an die gehobene Gesellschaft der mondänen Hauptstadt bringen. Willy, wie sich Henry Hauthier-Villars offiziell nannte, war selbst kein Meister seiner Zunft, aber ein Meister, wenn es darum ging, die Werbetrommel zu rühren und die Werke anderer zu publizieren. Denn Willy, das zog. Der Name des Adabeis war in aller Munde, jeder kannte Willy, auf noblen Partys und am Theater. Die Seitenblicke hätten sich da um ein paar Minuten des Small Talks womöglich gerne geprügelt. Willy war ein Mann, wie er damals zu sein hat. Jovial, charmant, belesen und – elegant chauvinistisch.  In Wash Westmoreland´s gediegener Biografie spielt der von Dominic West souverän verkörperte Mann von Welt eine nicht untergeordnete Rolle. Ganz im Gegenteil: ohne Willy wäre Sidonie-Gabrielle Colette nicht zu der Art von Frau geworden, wie sie zur Zeit des Fin de Siecle noch als relatives Panoptikum angesehen wurde.

In Antiquariaten und Büchermärkten sind mir die gebundenen Hardcover-Schmöker ihres Namens relativ häufig unter die Finger gekommen. Von Claudine erwacht über Claudine in Paris bishin zu Gigi (wohl die bekannteste Verfilmung von Colettes Werken, Regie: Vincente Minnelli) hätte ich einen Grossteil ihres Repertoires im besten Wortsinn abstauben können. Mein Interesse lag aber damals eher beim Expressionismus, weniger bei den Coming of Age-Erzählungen eines Mädchens vom Lande. Doch was ich bisher noch nicht wusste und mich auch verblüffte, war, dass sich die Figur der Claudine damals zu einem regelrechten Hype entwickelt hat. Dem vermögensverprassenden Willy, der gerne ins Casino ging und allerhand sündteure Antiquitäten in die eheliche Wohnung karrte, gelang mit Colettes Werken ein regelrecht literarischer Blockbuster, obwohl er den damaligen Zeitgeist nicht sofort mit den verfassten Inhalten Colettes in Verbindung bringen konnte. Die Künstlerin blieb weiterhin ungenannt. Colette stand anfangs noch im Schatten ihres Gatten, und dass eine Frau künstlerisch gesehen und abgesehen von anzüglichen Auftritten im Variete den Nerv der Zeit hätte treffen können, daran dachte damals niemand. Was sich aber logischerweise änderte, sonst gäbe es die Filmbiografie von Colette nicht, lässt sich der Trend biographischer Frauenfiguren, die das Ringen um Gender-Gleichheit schon Dekaden früher vorwegnahmen, im Kino doch klar erkennen.

Colette kam in erster Linie aufgrund von Keira Knightley auf meine Watchlist. Die so vielseitige wie engagierte Schauspielerin ist nicht nur als heranreifendes Autorentalent ideal besetzt – die Entdeckung ihrer sexuellen Identität und die gesellschaftliche Auswilderung ihres intellektuellen Bewusstseins waren biographische Wendepunkte, denen auch Knightley meinungsmäßig, wie es scheint, beigepflichtet haben könnte. Colette selbst wäre womöglich recht stolz auf ihre Interpretation. Was aber nur die halbe Miete des Filmes ist. Auf der anderen Seite steht Dominic West – auch er meistert den Lebemann und Hedonisten mit selbstverständlichem Hang zur zärtlichen Unterdrückung. Beide, Knightley wie West, harmonieren in der ganzen Bandbreite ihrer Diskrepanzen und Intimitäten in einem gefälligen, gegenseitig den Ball zuspielenden Rhythmus. Die Chemie stimmt also außerordentlich – und der Film selbst? Der ruht im Setzkasten klassischer Filmbiographien. Liebevoll ausgestattet, ein Streifzug durch die Geschichte ausgesuchter Mode, welche die Haute volée wohl gerne so getragen hat. Bis sich der Stil bei Colette selbst komplett ändert – und sie aus der schicken Bourgeoisie trendsetzend heraus- und auffällt.

Etwas schwer tut sich Colette – also der Film – vor allem anfangs. Da flaniert das elegante Biopic sonnenschirmdrehend vor sich hin, ohne dem Kern der Geschichte näherzukommen. Das sind Längen, schön gefilmt zwar, aber relativ ereignislos. Bis Colette – nun die Person – sich selbst entdeckt, und das ist gefühlt im letzten Drittel des Films. Bis dahin heißt es: Sitzfleisch bewahren, denn es zahlt sich durchaus aus, etwas über das Schicksal einer Persönlichkeit zu erfahren, die als die größte Schriftstellerin Frankreichs gilt. Wissenslücken werden mit Colette geschlossen. Und Claudine, sofern es mir wieder mal in die Hände fällt, aufmerksamer durchgeblättert.

Colette

Widows – Tödliche Witwen

VIER FRAUEN UND EIN TODESFALL

5,5/10

 

widows© 2018 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2018

REGIE: STEVE MCQUEEN

CAST: VIOLA DAVIS, ELIZABETH DEBICKI, MICHELLE RODRIGUEZ, COLIN FARRELL, CYNTHIA ERIVO, LIAM NEESON, DANIEL KALUUYA, ROBERT DUVALL U. A.

 

Fünf Jahre ist es schon her, seit der Brite Steve McQueen mit seiner Leidensgeschichte 12 Years a Slave das Kinopopcorn im Halse stecken hat lassen. Eine Schaffenspause, schön und gut, nach so viel emotionaler Schwere durchaus legitim. Sein neuester Streifen ist zwar um einiges leichter, aber immer noch ein finsterer Brocken an Film, der sich sicherlich nicht auf die leichte Schulter nehmen lässt. Im Kern ist Widows – mit dem banalen deutschen Zusatz Tödliche Witwen – ein Heist-Thriller aus dem urbanen Randbezirk, voller windschiefer Politiker, Korruption und vertuschten Morden. Das gabs im amerikanischen Thriller-Genre natürlich schon des Öfteren, wie zum Beispiel The Drop, ein nicht weniger finsterer Krimi des Belgiers Michaël R. Roskam, mit James Gandolfini in einer seiner letzten Rollen. Auch Ben Affleck´s The Town fügt sich bequem ein in dieses Subgenre sozialkritischen Räuberpiostolen in diffuser moralischer Grauzone. Widows ist dann doch etwas anders, da sich der Film im Zuge der aktuellen weiblichen Casting- und Umbesetzungswelle männlich dominierter Franchises als reine Damen-Rochade behauptet. Ein feministischer Film Noir also, der das Schicksal von drei völlig unterschiedlichen Frauen herausfordert, die allesamt mehr oder weniger vor dem Nichts stehen, nachdem die überhebliche Dominanz ihrer risikofreudigen männlichen Partner zu nichts anderem geführt hat als zu den Kosten für eine Beerdigung, die garantiert nicht zur Seite gelegt wurden. Stattdessen rückt der sinistre schwarze Bezirkspolitiker Manning der trauernden Viola Davis auf die Pelle, um 2 Millionen Dollar zurückzufordern, die ihr verstorbener Gatte den politisch motivierten Gangstern abgeluchst zu haben scheint.

Es wären keine tödlichen Witwen, würden sich diese auch nur irgendwie einschüchtern lassen. Natürlich, mit der Angst bekommen Sie es sehr wohl zu tun. Doch mit diesen Wassern, mit denen gewiefte Frauen eben gewaschen sind, lässt sich die Sauerei an Männerwirtschaft, die da hinterlassen wurde, zumindest mal in der Theorie ganz gut wegschaffen. Mit einem 5 Millionen-Doller-Bonus, der da winkt, dank eines schlauen Notizbuches von Ganove Liam Neeson, der einmal mehr mit seinem knorrig-impulsiven Gastauftritt womöglich dank eines klugen Rollen-Managements jenseits seiner Action-Stereotypie zeigt, was er sonst noch kann. Allerdings nur in wenigen Szenen, doch diese sind wichtig, um dem Plot seine Twists machen zu lassen, die auch nicht von ungefähr kommen, da Starautorin Gillian Flynn (Gone Girl, The Girl on the Train) gemeinsam mit McQueen das Drehbuch verfasst hat. Was einige von euch womöglich nicht wissen: Widows beruht auf einer britischen TV-Serie, und die wiederum auf einer Romanvorlage von Lynda La Plante. Zum zweistündigen Kriminaldrama zusammenkomprimiert, ist Widows auf jeden Fall illustres Schauspielkino, das kernige Cameos wie die eines Robert Duvall durch den Sumpf des Verbrechens waten lässt. Die resolute Viola Davis ist wie meist von einer tief verwurztelten, spaßbefreiten Tragik erfasst, und Elizabeth Debicki als blond-blasser, verletzlicher Engel entgleitet wohl am Deutlichsten die Balance des Lebens. Als diabolisches Schreckgespenst des Kleinstadt-Terrors: Daniel Kaluuya, bekannt geworden aus Get Out.

Dennoch – auch wenn all diese strauchelnden und bedrohlichen Gestalten recht glaubwürdig agieren – bis auf wenige Momente weiß Widows nicht wirklich zu berühren. Die kalte, herbstgraue Ödnis der Chicagoer Peripherie ist die richtige Kulisse für kalte, herbstgraue Egozentriker, die nur sich selbst als Nächsten wähnen, auch wenn der Reverend der örtlichen Gemeinde das solidarische Soll mit Inbrunst predigt. Geliebt wird hier eigentlich niemand, maximal der Schoßhund von Viola Davis – die Idee, das Glück eines anderen zu schmieden, findet in einer Welt des Übervorteilens und Unterdrückens kein Gehör. Das macht all die Damen und Herren hier nicht wirklich sympathisch, und wieso soll ich als Zuseher Mitgefühl mit jenen haben, die, sozial isoliert, ausschließlich eigennützig agieren. Gut, es sei den vier Frauen der Erfolg ihres Unterfangens schon vergönnt, das demonstrativ emanzipierte Schnippchen natürlich sehr gerne geschlagen. Der unnahbare Stil des Filmes aber, die eigenwillige, zugegeben durchaus interessante Methode, gesprochene Dialoge zeit- und ortsversetzt zu platzieren, Gesprächspartner gar nicht mal zu zeigen und Sequenzen in relativ groben Cuts miteinander zu verflechten – das alles trägt nicht wirklich dazu bei, Berührungspunkte mit dem Publikum zu schaffen. Das macht Widows zu einem affektiert kaltschnäuzigen Thrillerdrama, das relativ ignorant sein Ding durchzieht. Ob dieses dann gelingt, ist bei solchen Leuten wie im Film für mich fast schon irrelevant.

Widows – Tödliche Witwen

Molly´s Game

MÄCHTIGEN MÄNNERN DIE KARTEN LEGEN

6,5/10

 

MOLLY'S GAME© 2018 SquareOne

 

LAND: USA 2018

REGIE: AARON SORKIN

DREHBUCH: AARON SORKIN NACH MOLLY BLOOM

MIT JESSICA CHASTAIN, IDRIS ELBA, MICHAEL CERA, KEVIN COSTNER, JEREMY STRONG U. A.

 

Erst kürzlich hat sich mir das biografische Panoptikum Tonya Hardings im Kino offenbart. für die, die es nicht wissen: die amerikanische Eiskunstläuferin, die als einzige den sogenannten dreifachen Axel gesprungen ist, hat wegen eines Attentats an einer Konkurrentin ihre Berufung an den Nagel hängen müssen. Was ist dann passiert? Unter anderem eine durchwachsene Zukunft im Frauenboxen. Irgendwie kurios und auch faszinierend, zu erfahren, was aus Sportberufenen, die von Kindesbeinen an spezialisiert werden, noch alles werden können, wenn sie mal aus der fremdinszenierten Seifenblase ihrer perfektionierten Sportart treten und ihre Bestimmung neu suchen müssen. Da frage ich mich doch gleich – was wurde eigentlich aus Petra Kronberger? Michaela Dorfmeister? Vreni Schneider? Was macht denn Gerhard Berger so? Von Niki Lauda wissen wir’s – der verkauft gerade Flugzeuge an RyanAir. Und was hat Molly Bloom gemacht, nachdem sie als Profi-Skiläuferin mit verschraubtem Rückgrat auf der Buckelpiste ihren Ausstieg aus dem Wettlauf-Business hat besiegeln müssen? Der Sturz dürfte ja mindestens so heftig gewesen sein wie der Flug des Hermann Maier seinerzeit in Nagano. Und das wegen eines Reisigs auf der Fahrbahn, der die Bindung zum Ski geöffnet hat. Molly Bloom blieb liegen. Und mit ihr die Sportkarriere. Nur Hermann Maier hat sich wieder aufgerappelt und konnte weiter machen. Jetzt wirbt er für Raiffeisen. Werbung bringt doch das meiste Geld für die Zeit danach. Oder eben das liebe Glücksspiel.

Was aber eine verhinderte Freestyle-Skifahrerin mit kostenintensiven Kartenspielen zu tun hat, lässt sich allerdings nicht so einfach erklären. Dafür hat Drehbuchautor Aaron Sorkin, der ja bekanntlich als intellektuelles Mastermind unter den Schreiberlingen für Film und Fernsehen gilt, seinen ersten Spielfilm inszeniert. Und sich viel, viel Zeit gelassen, der Buchvorlage gerecht zu werden. Das ist ihm durchaus gelungen. Vor allem die Wandlung vom Ski-Ass zum One-Woman-Kreditinstitut. Molly Bloom kommt anfangs zum Glücksspiel wie die Jungfrau zum Kind. Unerfahren, blauäugig, fasziniert von den reichen, berühmten Männern, die im Etablissement ihres schnöseligen Arbeitgebers ein und ausgehen. Und dann dieses Trinkgeld, das längst kein Trinkgeld mehr ist. Sondern fette Beute, aus der Frau eigentlich mehr machen könnte. Also macht sie das – ihr eigenes Ding. Stampft ihr eigenes Hotelzimmer-Casino aus dem Boden und schart die Creme de la Creme des Establishments um sich. Ist ja eigentlich alles nicht illegal – solange Molly ihre manikürten Hände vom Honigtopf lässt. Doch die Kombination Spielhölle, Geldverleih und Hostessenservice kann nicht lange halten. Da kracht es irgendwann. Und das nicht, weil Molly Bloom zu gierig wird. Vielmehr deswegen, weil die Reichen und Schönen vor Molly Bloom angebuckelt kommen, um zu schnorren. Dieser Reiz der zurückhaltenden Dominanz, ihre Rolle als Frau im Hintergrund, kommt nicht von ungefähr. Ähnlich wie Tonya hatte Molly Bloom einen Vormund, der zwar nicht so sehr mit Niedertracht den Ehrgeiz seiner Tochter mobilisiert hat wie seinerzeit Mutter Harding. Der aber dennoch an einem streng organisierten Drill keine Zweifel zulässt. Der übergroße Vater, ihm zu Füßen und gebeugt der trainierte Nachwuchs. Schwierig, wenn dieser die Welt mit eigenen autarken Gedanken fassen kann. Reibung ist garantiert. Und dann tritt ähnliches zutage wie das Poker-Konstrukt, in dem es um Millionen geht. Und später sogar um die Russenmafia und das FBI.

Aaron Sorkin lässt Worte statt Taten sprechen – über zwei Stunden lang. Seine verbalen Gefechte zwischen Idris Elba und Jessica Chastain sind dicht getextet und auf hohem Niveau. Sein dramaturgischer Aufbau der Geschichte runterkomprimiert auf Überlänge. Chastain hat in Molly Bloom ihre Meisterin gefunden. Die stets unterkühlt wirkende, rothaarige Schauspielerin war bislang meist in Rollen zu sehen, die jenseits emotionaler Wärme mit berechnender Intelligenz das Filmset dominiert haben. Dass Jessica Chastain messerscharfen Verstand besitzt, dafür spricht ihr Charisma. In dieser schnittigen Biografie darf sie Schwächen zeigen, Zweifel und Depression, aber niemals Resignation. Dafür ist Chastain und der Charakter, den sie verkörpert, viel zu stark. Der von mir sehr geschätzte Altstar Kevin Costner, der im Film Molly´s Vater mimt, bringt es in einem psychoanalytischen Fazit gegen Ende des Filmes auf den Punkt. Dass es in Sorkin´s eloquenter True Story um den Versuch einer emanzipatorischen Gängelung gegenüber eines diktierenden Patriarchats geht, ist nachvollziehbar. Somit ist Molly´s Game weniger ein Gambler-Thriller als das analytische Psychogramm einer Überbegabten, die die Formel für eine zweite Chance sucht – und sich knapp, aber doch, verrechnet. Das ist natürlich interessant inszeniert, hat aber aufgrund seiner inhaltlichen Dichte und dem Breittreten einiger irrelevanter Details mitunter eine ermüdende Schwere, die ich nicht vermutet hätte. Der Faden ist leicht zu verlieren, Jessica Chastain´s omnipräsentes Profil und das Ringen um Haltung, Coolness und Selbstwert in ihren Augen machen Aufmerksamkeitslücken in dem minutiösen Biopic aber wieder wett.

Molly´s Game

Battle of the Sexes

SPIEL UM GLEICHSTAND

8/10

 

battleofthesexes© 2017 Twentieth Century Fox

 

LAND: USA 2017

REGIE: JONATHAN DAYTON, VALERIE FARIS

MIT EMMA STONE, STEVE CARRELL, BILL PULLMANN, ANDREA RISEBOROUGH, ELISABETH SHUE U. A.

 

Fernsehsport ist eine weit verbreitete Leidenschaft, dessen bedeutende Daseinsberechtigung man leicht an der Programmplanung diverser TV-Sender herauslesen kann. Doch bis auf einige Ausnahmen ist es eine Freizeitbeschäftigung, die ich nur sehr bedingt teilen kann. Gar nicht einlassen kann ich mich auf Golf, Billard oder eben gar Tennis. Tennis ist einer jener Sportarten, die man, so finde ich, selbst spielen muss, um Gefallen daran zu finden. Als Giveaway aus der Flimmerkiste bleibt meist nur das ausufernde Gestöhne manch medientauglicher Sportskanonen prägend im Gedächtnis. Und die Sache mit Billie Jean King – da muss ich mich schon entschuldigen – das war vor meiner Zeit.

Denn hätte ich die Chance gehabt, den Battle of the Sexes zwischen dem weiblichen Tennisstar und dem legendären Bobby Briggs live zu erleben, hätte ich mich womöglich vor die Röhrenglotze gesetzt. Aber das kann ich auch nur sagen, nachdem mir Emma Stone und Steve Carrell mit dem filmtitelgebenden Geschlechterkampf eine kleine Sternstunde des gesellschaftspolitisch motivierten Sportfilms beschert haben. Der gleichermaßen aufregende wie zartfühlende Film von Jonathan Dayton und Valerie Faris erzählt das Medienereignis sowohl aus der Sicht der Tennisspielerin Billie Jean King als auch aus der Sicht der Medien-Rampensau Bobby Biggs, seines Zeichens Tennischampion im Ruhestand, der aber mit chauvinistischen Bemerkungen zur Stellung der Frau alles andere als sparsam umgeht. Da die 70er nach den ausklingenden 60ern immer noch für gesellschaftlichen Paradigmenwechsel sorgen, fügt sich der erstarkende Feminismus ideal in die von Revolutionsgedanken geprägten Atmosphäre ein – obsolete, verknöcherte Strukturen wie das Bild des alleinverdienenden Mannes und der Frau hinterm Herd sind zu dieser Zeit schon längst ein Affront gegen die Weiblichkeit. Und wenn dann noch Leute, die die Medienaufmerksamkeit auf sich ziehen, der Frau die gleichen Rechte und Möglichkeiten absprechen, kann und soll das natürlich nicht unbeantwortet bleiben. Der Geschlechterkampf erreicht seinen brisanten Höhepunkt im von Millionen Zusehern verfolgten Gipfeltreffen am Tennisplatz.

Da hat sich Billie Jean King ordentlich was aufgehalst. Denn von ihrem Sieg hängt nicht nur die sich zu etablierende Tatsache ab, dass im Sport Frauen und Männer ebenbürtig sind – da geht’s um viel, viel mehr. Um die Festigung einer notwendigen Offensive gegen das Patriarchat. Um einen medienwirksamen Beweis, dass der Mann sich chronisch selbst überschätzt und Machtpositionen einfach nicht abgeben will. Ein Denkzettel für die höhnische Arroganz des männlichen, geltungsgeilen Establishments. Verlieren gibt’s also nicht, obwohl der Sieg mehr als fraglich bleibt.

Ich hätte nicht gedacht, dass mich Battle of the Sexes so dermaßen mitreißt. Das liegt in erster Linie und wieder einmal an Emma Stones differenziertem Spiel. Einfach großartig, wie sie das macht. Zur Person Billie Jean King schafft Stone ein psychologisch differenziertes Portrait. Eine ehrgeizige, leidenschaftliche junge Frau. Resolut und widerspenstig. Aber auch, im ganz privaten Closeup, zerrissen und voller Zweifel. Mit Steve Carrell bekommt sie einen nicht weniger grandios aufspielenden Widersacher gegenübergestellt – der Komödiant und Charakterdarsteller sieht im Film nicht nur ganz so aus wie der echte Bobby Biggs – sein exaltiertes Verhalten zwischen manisch und leisetretend fängt Carrell so geschickt ein wie die Schmetterbälle seiner weiblichen Konkurrentinnen. Das Regie-Duo Dayton und Faris schaffen es mit viel Gespür für ein harmonisches Ganzes die einzelnen psychologischen und zwischenmenschlichen Aspekte der Geschichte mit den rekonstruierten Fernsehdokumenten aus den 70er- Jahren reibungs- und fugenlos zu verweben. Das Gespür für Timing gerät in Battle of the Sexes zum Kunststück.

Das verblüffend packende Tatsachendrama reiht sich in das neue Kino des Feminismus zu Werken wie Sufragette oder Hidden Figures wunderbar ein, und ist wie Ron Howard´s Meisterwerk Rush ein Sportfilm, der Genremuffel wie mich begeistert abholt. Battle of the Sexes gewinnt überraschend den Matchpoint, und das war im Vorfeld längst nicht so selbstverständlich wie das gebührende gleiche Recht für alle Frauen dieser Welt.

Battle of the Sexes