Der dunkle Turm

KING´S SÄMTLICHE WERKE, LEICHT GEKÜRZT

6/10

 

darktower

 

REGIE: NIKOLAJ ARCEL
MIT MATTHEW MCCONAUGHEY, IDRIS ELBA, TOM TAYLOR

 

Nein, die Bücher von Stephen King kenne ich nicht. Ich habe zwar schon des Öfteren mit dem Lesen des achtbändigen Mammutwerkes geliebäugelt, doch bis auf den oft zitierten ersten Satz des ersten Bandes Schwarz kannte ich vor Sichtung des Filmes keine einzige Zeile. Und das war vermutlich ein großer Segen. Denn die radikal komprimierte Verfilmung Der dunkle Turm erscheint für grünohrige Nichtkenner der Materie als bizarre, ungemütliche und sogar ziemlich fesselnde Fantasy auf der großen Leinwand. 

Dass King´s Opus Magnum so geworden ist, wie es geworden ist, mag in längst gerissenen Geduldsfäden der Drehbuchautoren und Produzenten liegen, die mit dem Damoklesschwert eines Herr der Ringe-Äquivalenten mühsam zu kämpfen hatten. Umgeschriebene Skripten, wechselnde Regisseure und Probleme bei der Finanzierung schoben eine Verfilmung in ungeahnte und nicht mehr greifbare Weiten. Der dunkle Turm mag so etwas wie ein lang liegen gebliebener Auftrag sein, ein Wanderpokal, den keiner wirklich will, und den man endlich vom Tisch haben möchte. Andauernd fällt der Blick auf dieses ungemachte Bett, auf diese unerledigte Sache. Wie fehlende Sesselleisten nach der Wohnungsrenovierung. Und dann kommt irgendwann der Punkt, an dem die Drecksarbeit erledigt werden muss.

Sony Pictures bekam also den sogenannten „Rappel“, engagierte den dänischen Regisseur Nikolaj Arcel, der 2011 mit Die Königin und Ihr Leibarzt ein wirklich famoses Stück Historienkino auf die Leinwand brachte, und wollte das Projekt übers Knie brechen, um es zu den Akten legen zu können. Augen zu und durch – das Ganze ist natürlich eine Vermutung meinerseits, die sich aus dem im Vorfeld Gelesenen und Gehörtem ergeben hat. Und dann noch die Laufzeit! 95 Minuten für ein achtbändiges Werk? Was würde Peter Jackson dazu sagen, der seine Tolkien-Verfilmungen geradezu in Echtzeit bebildert hat? Das nun vorliegende Drehbuch, an dem sogar Arcel selbst Hand angelegt hat, ist wie das Exposé einer Filmtrilogie oder Serie. die da vielleicht noch kommen mag. So jedenfalls fühlt es sich an, wenn man Der dunkle Turm ansieht. Und ich erinnere mich an Wolfgang Petersens Miniserie Das Boot – auch hiervon gab es damals eine filmische Kurz- oder Kinoversion, die aber immerhin zumindest Überlänge hatte. Ich bin kein Fan der langen Filmschinken, aber gerade bei dieser Stephen King-Verfilmung ist die Laufzeit entschieden zu knapp. Die epische Geschichte über den Revolvermann, einem mächtigen Zauberer und allerhand Parallelwelten, die durch einen im Zentrum des Universums stehenden Turm zusammengehalten werden, darf mit nur eineinhalb Stunden auskommen. Ein zeitliches, hautenges Korsett, in dem der Film keine Luft mehr bekommt – und aus Atemnot nur die Eckpfeiler einer spannenden Geschichte erzählt.  

Somit ist klar – Irgendetwas stimmt da nicht. Und damit meine ich nicht den phantastischen, aber etwas sperrigen Plot. Dieser mäandert zwischen paranoidem Invasionshorror, Der Unendlichen Geschichte und Time Bandits mal hierhin und mal dorthin. Ein ungewöhnlicher Genremix, der das Zeug dazu gehabt hätte, die Paradigmen des Fantasykinos umzudefinieren. Einzig – die Produktion kommt über die Doppelfolge einer TV-Show nicht hinaus. Was nicht heißt, dass TV-Shows nicht klotzen können – siehe Game of Thrones. Bei Der dunkle Turm waren die Spendierhosen enger gegürtet. Außer einigen an Matte Paintings erinnernden Supertotalen und akzeptablen Zaubertricks bleibt von epischer Fantasy wenig über. Wider Erwarten bleibt Der Dunkle Turm überraschend unspektakulär, wenn nicht gar irgendwie billig. Dass die Mär aber dennoch auf eine Weise überzeugt – das liegt am Cast. Matthew McConaughey als Mann in Schwarz ist in seiner nüchternen Grausamkeit nicht weniger furchteinflößend als Lord Voldemort, wenn nicht gar furchteinflößender. Die Wucht seiner Zauberkraft liegt in der Reduktion. Selten hat man mit weniger so viel mehr Schrecken verbreitet. Der Oscarpreisträger rettet den Film vor der Belanglosigkeit, genauso wie Idris Elba als verkniffener, alternder Pistolero und Tom Taylor als mit ordentlichem Shining ausgestattetes Medium. Man kann sagen – Der Dunkle Turm ist eine Art filmische Lesung aus Gesichtern, immer wiederkehrenden Zitaten su Stephen King´s Fundus und dem Zusammenspiel der Figuren. Ein reduzierter Ensemblefilm mit starken Charakteren, die das Beste aus dem gemacht haben, was ihnen zur Verfügung stand. Und das ist nicht gerade viel gewesen.

Der dunkle Turm

Doctor Strange

WÜNSCHE ANS MULTIVERSUM

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strange

Der leider viel zu früh verstorbene, österreichische Atomphysiker Heinz Oberhummer, Mitglied der schärfsten Science-Boygroup der Milchstraße, hätte an der jüngsten Episode aus dem Marvel Cinematic Universe seine helle Freude gehabt. Warum? Nun, dazu muss man wissen, dass Oberhummer ein leidenschaftlicher Verfechter der Multiversum-Theorie war. Seine Argumente dafür finden sich übrigens in dem äußerst lesenswerten Buch Kann das alles Zufall sein wieder. Um dieses bislang rein hypothetische Phänomen geht es auch in der Zaubererexegese Doctor Strange. Allerdings bringt Regisseur Scott Derrickson hier einiges durcheinander, da er die Definition von Dimension mit jener für existierende Paralleluniversen verwechselt. Oder umgekehrt. Und manchmal liegt er auch richtig. Aber das sind nur Spitzfindigkeiten, über die Oberhummer augenzwinkernd gelächelt hätte. So wie über den ganzen Film, der auf publikumswirksame, aber naive und nicht mal populärwissenschaftliche Art und Weise den Horizont des Zusehers zu erweitern versucht.

Klar ist, dass Doctor Strange etwas anders ist als alle bisherigen Marvel-Verfilmungen. Hier gibt es zwar auch viel Action und publikumswirksames Rambazamba, und auch der Grundaufbau klassischer Blockbuster-Erzählschablonen wagt keine Innovationen. Wirklich anders sind die Effekte. Vor allem jene, welche die im Film immer wiederkehrende Spiegeldimension beschreiben. In ihr sind physikalische Gesetze zur Gänze aufgehoben. Oben und unten gibt es nicht mehr, und urbane Architektur von Gotik bis Moderne, fällt dem Irrwitz eines unaufhörlich ineinandergreifenden Kaleidoskops zum Opfer. Wahrscheinlich ein gar nicht so komplizierter Computereffekt, aber mit großer Wirkung. Als hätten M. C. Escher und Salvador Dali ein sich ständig veränderndes Perpetuum Mobile erschaffen. Beeindruckend, und ein Grund mehr, wiedermal ins Kino zu gehen. Für jene, die das nicht so oft tun möchten – oder können. Natürlich erinnert die verbogene und zerwürfelte Optik an Christopher Nolans Traum-im-Traum-Meisterwerk Inception. Doch dort, wo dieser seine visuellen Asse im Ärmel ausgespielt hat, setzt die Marvel-Zaubershow an. Hier geht es nicht mehr darum, mehr Wert auf die Geschichte zu legen, sondern vor allem darum, durch einen optischen Stil-Richtungswechsel für neue Begeisterung bei den Fans zu sorgen. Umso mehr, da die langsam gleichförmig werdenden Comic-Verfilmungen kaum mehr voneinander zu unterscheiden sind. Dabei besinnen sich die Studios leider nicht darauf, ihre immer gleiche Erzählweise zu hinterfragen. Heldengenese – Bösewicht – Kampf gegen den Bösewicht – Sieg und Neuanfang. Mit Ausnahme vom herausragenden Civil War unterliegen alle anderen Filme diesem Codex, der längst erneuert werden muss. Wahrscheinlich erst mit dem allumfassenden zweiteiligen Finale Infinity War, das 2018 in die Kinos kommen soll. Hier soll das Cinematic Universe – vorläufig oder nicht – ihr Ende finden. Und Doctor Strange war wohl gemeinsam mit dem kommenden neuen Spiderman der vorläufig letzte Einführungsfilm für einen neuen Helden, bis es endlich soweit sein darf – und Oberschurke Thanos seine Fäuste schwingt, um die Infinity-Steine an sich zu reißen.

Jetzt werden sich einige fragen: Infinity-Steine? Nun, diese Artefakte ziehen sich durchs gesamte Marvel-Universum wie ein roter Faden, genauer nachzulesen auf meinem Blog-Artikel Captain America: Civil War. Auch der leicht überhebliche Dumbledore-Erbe Strange eignet sich einen solchen Klunker an – das Auge von Agamotto, welches die Zeit beeinflusst. Womöglich der letzte Stein, um die Sammlung zu komplettieren, die in ihrer Vollständigkeit zur Unterwerfung des Universums führt.

Mit „Sherlock“ Benedict Cumberbatch haben sich die Studios und uns Comic-liebhabenden Kinonerds einen großen Gefallen getan. Der charismatische Engländer mit der tiefen Stimme verkörpert den selbstverliebten, altklugen Chirurgen und späteren Universenspringer in vollendeter Perfektion, ohne sich dabei großartig verstellen zu müssen. Die Rolle ist ihm wie der selbstdenkende Zauberumhang aus dem Film auf den Leib geschneidert. Hoffentlich wird es für Doctor Strange niemals einen Besetzungswechsel geben. Auch Tilda Swinton als glatzköpfiger, androgyner Dalai-Lama der Dimensionen setzt ihre Rolle ungewöhnlich locker und natürlich an, ohne gekünsteltem Pathos. Beide machen den Film vor allem darstellerisch sehenswert und verleihen dem Blockbuster Charakter und Tiefe.

Doctor Strange ist unterm Strich einer der schönsten Marvel-Filme überhaupt. Von formvollendetem Zauber und voller betörender Bildwelten. Mit überzeugendem Helden, jeder Menge lockerer Situationskomik und quirliger Dynamik – Eigenschaften, die Marvel-Filme erst so richtig sehenswert machen. Von der austauschbaren, leider etwas spannungsarmen Geschichte mal abgesehen ist das comicorientierte Fantasykino seit diesem Herbst um eine leichtfüßige, metaphysische, höchst unterhaltsame Zaubershow weit jenseits bekannter Kartentricks reicher.

 

 

Doctor Strange