The Tomorrow War

DIE ZUKUNFT KOMMT VON DEN STERNEN

6/10


the-tomorrow-war© 2021 Amazon Prime Video


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: CHRIS MCKAY

CAST: CHRIS PRATT, YVONNE STRAHOVSKI, BETTY GILPIN, J. K. SIMMONS, SAM RICHARDSON, EDWIN HODGE U. A. 

LÄNGE: 2 STD 20 MIN


In die Zukunft zu schauen ist ein ambivalenter Umstand. Zum einen meist Humbug, ganz viel Astrologie, und jede Menge Häuser in Konjunktur mit diversen Planeten, die das Glück des Tages bestimmen. Zum anderen ist es durchaus legitim, wenn’s um Dinge wie den Klimawandel geht. Dem Planeten ist das egal, uns aber könnte es bald wegschwemmen, austrocknen oder davonblasen. Zum nochmal anderen gibt’s die Zukunft, die sich kein bisschen abzeichnet, über die sich manche aber dennoch den Kopf zerbrechen. Sorge dich nicht, lebe!, sagte einst schon Dale Carnegie in seinem gleichnamigen Bestseller. Was juckt mich, wenn morgen der Komet kommt? Wenn mir morgen der obligate Ziegelstein auf´s Haupt fällt oder wenn sich Aliens in meine Wade verbeißen? Genau an dieser Stelle wird „Star Lord“ Chris Pratt Einspruch erheben.

In seinem neuen Actionkracher, welchen er stolz und mit Clint Eastwoods kennerhaftem Kneifblick anzuführen vermag, ist es möglich, per Zeitreise für rosige Aussichten zu sorgen. Aber nur, wenn alle bereit sind, für ihr Wohl zu kämpfen. So viel Einsatz würde man gern nach Greta Thunbergs Ansprachen sehen. Doch das Klima ist kein greifbares Monster. Die White Spikes hingegen, die in naher Zukunft ganz plötzlich die Erde überrennen, und anders als in A Quiet Place alle Sinne beieinander haben, sind handfeste Bioinvasoren erster Güte und jagen sich an die Spitze der Nahrungskette, während der Mensch zum Zwischenglied verkommt. Deswegen reisen bis an die Zähne bewaffnete Krieger in die Vergangenheit, um alles, was noch gerade laufen kann, für den Endkampf zu rekrutieren. Teil der zusammengewürfelten Miliz ist Dino-Dompteur Chris Pratt, der zumindest als Ex-Soldat sowas wie Kampferfahrung hat. Klarerweise sieht er sich in der Pflicht, busselt seine Familie zum Abschied und fort ist er – für eine Woche. Vorausgesetzt, er landet nicht am extraterrestrischen Buffet.

Ein bisschen konfus ist dieser Alien-Actioner schon und viel weniger präzise ausformuliert als John Krasinskis Gehör-Knaller. Während ich mich bei letzteren noch ordentlich wundern musste, warum der hochtechnologisierte Mensch es nicht auf die Reihe bekommt, instinktgetriebenen Kreaturen, die noch dazu akustisch leicht zu manipulieren sind, Herr zu werden, erscheint in diesem exklusiv auf amazon veröffentlichten Wohnzimmer-Blockbuster allein die Menge der wütenden Viecher jegliche Strategie im Keim ersticken zu können. Diese Plausibilität kann The Tomorrow War im Gegensatz zu A Quiet Place für sich verbuchen. Was der Film nicht kann, ist, das individuelle Schicksal empfindbar darzustellen. Das liegt in erster Linie an Pratt, dem es sichtlich schwerfällt, Gefühle zu zeigen. Das liegt auch an den stereotypen Charakteren, die wohl eher in den Filmen eines Roland Emmerich zu finden sind: Independence Day mit Zeitreise also, was ja mitunter auch seine als treffsichere Boni zu verortenden Vorzüge hat. Doch sieht man von der Grundidee eines Multiversums mal ab, in dem, wie seit Loki bekannt, alles erlaubt und möglich zu sein scheint, hapert es bei unserem gewissenhaften Helden am Grundverständnis, was kausale Zusammenhänge bei Zeitreisen betrifft. Auf Basis dieses kruden Missverständnisses gerät die Vater-Tochter-Geschichte zum Blindgänger. Rundherum aber ergötzt sich der Science-Fiction- und Monsterfan an wiederholten Großaufnahmen aufgesperrter, geifernder Monstermäuler, garstigen Vierbeinern, die wie in Zhang Yimous The Great Wall die Barrikaden stürmen und am Verheizen sowieso totgeweihter Erdenbürger als astreines Kanonenfutter. Etwas zynisch, dieser Krieg. Wobei – das sind sie sowieso alle.

The Tomorrow War

Zack Snyder´s Justice League

ALLES EINE FRAGE DES STILS

7,5/10


Fim/ Zack Snyder's Justice League© 2021 Warner Bros. Entertainment


LAND / JAHR: USA 2021

REGIE: ZACK SNYDER

CAST: BEN AFFLECK, HENRY CAVILL, GAL GADOT, JASON MOMOA, EZRA MILLER, RAY FISHER, AMY ADAMS, CIARÁN HINDS, JEREMY IRONS, JOE MORTON, WILLEM DAFOE, AMBER HEARD, JESSE EISENBERG, JARED LETO U. A. 

LÄNGE: 4 STD 2 MIN


Da werden einige mit den Augen rollen, aber um einen Vergleich mit dem Marvel Cinematic Universe werde ich gerade hier nicht herumkommen. Marvel und DC sind eine Art Dualität, wobei die eine Comicwelt gar nicht so sein will wie die andere. Dort tönt Led Zeppelin oder Blue Swede, hier erklingen Nick Cave oder Leonard Cohen. Und das ist gut so. Das DC Expanded Universe, kurz DCEU, wird niemals diese leichte und verspielte Tonalität von Marvel erreichen. Das will es auch gar nicht. Und würde allein schon aufgrund seiner Figuren nicht funktionieren. Dabei gibt es, mit Ausnahme von Taika Waititi vielleicht (Thor: Tag der Entscheidung) keinen anderen Filmemacher, der das Genre des Comicfilms so sehr beim Wort nimmt wie Zack Snyder. Das hat er mit 300 längst bewiesen.

Wir wissen auch: Snyder hat 2017 seine Arbeit an der Erstversion der Justice League abgeben müssen. So ein Schicksalsschlag, wie er ihn erlebt hat, wirft jeden aus der Bahn. Joss Whedon hat übernommen und dabei versucht, dem DC-Universum den Charakter seiner Avengers-Filme umzuhängen. Was Whedon dabei entglitten war, ist klar zu erkennen. Und zwar die Darstellung des Antagonisten, in diesem Falle Steppenwolf – eine unheilbar eindimensionale Wutgestalt ohne Perspektiven. Da braucht Thanos nur zu schnippen, schon löst sich der gehörnte Despot in Rauch auf. 

„Sie dir das bloß nicht an!“, soll Produzentin Deborah Snyder ihrem Gatten geraten haben, nachdem die 2017er-Version der Justice League im Kasten war. Diese sei nicht das, was ursprünglich geplant war. So ein Herzensprojekt lässt man sich im Endeffekt auch nicht nehmen. Da geht man zum rechten Zeitpunkt nochmal drüber. Entstanden ist einer jener Filme im Corona-Jahr 2021, die am meisten mit Spannung erwartet wurden: Die 4-Stunden-Version der Justice League, eine Art Ben Hur unter den Superheldenfilmen oder Wagners Ringoper für das autoaggressive Klientel. Die Backgroundstory um Snyder und seine Justice League ließe sich ohne weiteres als Teil einer umfangreichen Fachbereichsarbeit zum Thema Film im Comic – Comic im Film anführen. Womöglich gibt es die auch schon, und ich würde mich wundern, würde der Mann mit dem Hang zu malerisch-sattem Pathos dort nicht Erwähnung gefunden haben. Sein Werk ist das eines Comicnerds für Comicfans. Bei jenen, die andauernd über das ewige Getöse comiclastiger Blockbuster motzen, könnte eine gewisse Ratlosigkeit in Sachen Panel-Literatur zu vermuten sein. Daher ist Zack Snyder´s Justice League in Wahrheit nichts für die breite Masse, sondern fast schon ein orthodoxer Nischenfilm für Nerds und Liebhaber, die wissen, wie Superman, Batman und Co immer schon getickt haben, seit sie erstmals gezeichnet wurden. Snyder weiß das und wusste das und fusioniert sämtliche Interpretationen besagter Helden zu stolzen Compilations.

Sein Film ist düster, melancholisch und theatralisch, hat sogar weniger Witz als Whedons Version. Seine Bilder kennen wir – dunkle Wolkentürme vor tiefstehender Sonne, harte Kontraste und satte Farben. Altdorfer, William Turner oder der Romantiker Géricault – Inspirationen aus der Stilkunde für den mit Auszeichnung promovierten Kunststudenten. Umso logischer erscheinen die Ikonographien der Helden und Finsterlinge in charakteristischen Posen, wie Skulpturen griechischer Gottheiten, gerne auch im Freeze Frame.

Zwei deutliche Verbesserungen stechen sofort ins staunende Auge: Erstens die Änderung des Bildformats auf 4:3. Was für eine angenehme Abwechslung zum Cinemascope. Und das, um auch mehr den Dimensionen gezeichneter Panels zu entsprechen. Zweitens: die Metamorphose des Bösewichts. Steppenwolf ist nun nicht mehr der triviale Plagegeist mit Superaxt – er ist ganz plötzlich der Handlanger eines noch finsteren Gesellen. Steppenwolf hat eine Schuld zu tilgen, also will er in der Gunst des Meister stehen und ihm die Erde zum Geschenk machen. Das hat schon mehr Facetten, da lässt sich auch mehr herausholen – einfältig fies bleibt der Wicht aber immer noch. Wieder sind Comicleser eine Nasenlänge voraus und lächeln wissend: dieser Meister ist das Äquivalent zu Thanos, nämlich Darkseid. Ein grimmiger Haudrauf, der ganze Sonnensysteme seinem Willen unterwerfen will. Damit schafft Snyder den narrativen Überbau wie Marvel ihn mit Infinity hatte. Einen, der alles Kommende unter sich versammeln wird. 

Snyder gliedert seinen Film in 5 Kapitel, einem Prolog und einem Epilog. Er gibt den Helden mehr Biographie, teasert neue Charaktere an, die die Tafelrunde ergänzen sollen und spielt auch mit kryptischen Traumsequenzen zwischen Steampunk und Terminator, die in ihrer Überstilisierung erneut den oft barocken Weltuntergangszenarien in den jüngeren Comics entsprechen, wo längst alles möglich und in alternativen Universen längst alles passiert ist. Unterm Strich ist dieser monumentale Schinken vor allem einer, der nach langem Kämpfen nun erreicht hat, was Marvel schon längst hatte: die Emanzipation vom großen Bruder, sein Coming-of-Age in Richtung eines Selbstbewusstseins, das ihm womöglich niemand mehr nehmen kann – sofern Zack Snyder dranbleibt und im DCEU weiterwirkt wie bisher.

Das DC-Universum ist und bleibt düster, schwermütig, vielleicht sogar manchmal in seinen Klageliedern träge und auf der Stelle tretend – aber mit dieser Psychonummer kann Marvel wiederum nur wenig anfangen. Mit diesem hechelnden Wahnsinn, dieser pessimistischen Weltsicht, dem ewigen Unwetter und dieser elegischen Melancholie in Slow Motion. Wenns hochkommt, lassen sich zarte Spitzen der Selbstironie entdecken, in dieser verbissenen, fast schon reaktionären Strenge, die sich leichter verhöhnen lässt als etwas, das sich von vornherein nicht ernst nimmt. Doch der Entschluss, so zu sein, steht nun fest. 

Wäre Justice League-Schöpfer Gardner Fox Filmemacher, er würde es, denke ich, nicht anders machen.

Zack Snyder´s Justice League

Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel

DER STAAT BIN ICH

7/10


roseninsel© 2020 Netflix


LAND: ITALIEN 2020

REGIE: SYDNEY SIBILIA

CAST: ELIO GERMANO, MATILDA DE ANGELIS, TOM WLASCHIHA, LEONARDO LIDI, LUCA ZINGARETTI, FRANÇOIS CLUZET U. A. 

LÄNGE: 1 STD 58 MIN


„Warum haben sie das überhaupt gemacht?“ wird Gorgio Rosa während des Films gefragt? „Genau aus dem Grund“, antwortet der, „warum ein Hund seine Hoden leckt.“ Wie bitte? Na ja, einfach weil’s geht. Sollte das Grund genug sein? Etwas zu tun, nur weil’s machbar ist? Oder juckt es nur in den Fingern, herauszufinden, ob der Traum Realität werden kann? So wie manche Berge deshalb bestiegen wurden, weil sie einfach da sind, lässt sich auch ein Staat gründen, mitten am Meer, weil erstens niemand diese Gegend politisch beanspruchen kann und zweitens der Mensch stetig nach Freiheit strebt. Aber wie frei kann man sein, auf einer Plattform von sagen wir mal der Größe eines weitläufigen Schrebergartens, auf der eigentlich null Infrastruktur existiert und die als Staat ohnehin nicht überleben kann, gäbe es nicht das Mutterland Italien, das diese Insel der Seligen mit allerlei Notwendigem versorgt?

Die Roseninsel (nicht zu verwechseln mit jener im Starnberger See) war das tatsächliche Projekt des „Querdenkers“, Ingenieurs und Erfinders Giorgio Rosa, der in den 60ern für nicht mal ein Jahr dort als Mikronation seine Fahne hissen durfte. Rosa, das muss ein ziemlicher Aussteiger gewesen sein, aber begeisterungsfähig und stets voller Hummeln im Hintern. Einer, der sich eingestand, einfach anders zu sein. Schön, dass es immer wieder solche Menschen gibt. Schön, wenn diese ihr Ding wirklich durchziehen. Dabei mutet bereits die Art und Weise, wie die Roseninsel errichtet wurde, als eine recht unglaubwürdige, weil weit hergeholte und fast schon phantastische Anekdote an. Doch es scheint tatsächlich so gewesen zu sein. Diese Plattform also mit ein paar Häusern drauf war einen Sommer lang die Partyinsel schlechthin und große Konkurrenz zu Riminis Stränden. Ballermann im Kleinformat, mit Musik, Tanz und Barbetrieb – die einzige wirtschaftliche Einnahmequelle einer geographischen Singularität, die bereits eine eigene Währung, Briefmarken und eine Sprache ins Habenfeld verschieben konnte. Anträge für die Staatsbürgerschaft gab’s dann auch noch zuhauf. Doch mehr als aufmüpfiger Aktionismus hätte dieses Projekt, wäre es nicht von Italien im besten Wortsinn „abgeschossen“ worden, ohne Wahrnehmung relevanter gesellschaftlicher Aufgaben sowieso nie sein können. Eine Spielerei, ein Zungenzeig vor einer erbosten italienischen Regierung, die sich auf den Schlips getreten fühlte, und in der Sorge vor Nachahmungstätern dem Ganzen mit Italiens einziger Invasion in der Geschichte ein Ende setzte.

Sidney Sibilia hat dieses ganze obskure Geschehnis in einem erfrischend sommerlichen, aufgeweckten und typisch für italienische Verhältnisse sehr lautstarken Film gepackt, der aufgrund der Fakten alleine schon verblüfft. Die grauen Eminenzen im italienischen Parlament bekommen in süffisanten Karikaturen ihr Fett weg. Das mediterrane Ambiente und die kauzigen Figuren sorgen zusätzlich für gute Laune, auch wenn die Geschichte für alle Beteiligten nicht ganz so ausgeht, wie sie sich das vielleicht erhofft hätten. Netflix hat mit der Unglaublichen Geschichte der Roseninsel eine inspirierende Tragikomödie ins Sortiment aufgenommen, die voller Tatendrang steckt und in detailgenauer Beobachtungsgabe gegen den Strom geschwommene Lebenskonzepte nicht belächelt, sondern wohlwollend abnickt. Trotz Niederlage, aus der immerhin noch abstrakte Dinge wie Hartnäckigkeit, Erfindungsgeist und Leidenschaft zu bergen wären.

Als themenverwandte Ergänzung empfehle ich – entweder vor oder nach diesem Film – die österreichische Doku Empire Me von Paul Poet, der einige solcher Mikrostaaten besucht hat. Und die, gut verborgen, immer noch vor sich hin existieren.

Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel

Captive State

TERROR FÜR DEN GUTEN ZWECK

5/10


captivestate© 2019 eOne Germany


LAND: USA 2018

REGIE: RUPERT WYATT

CAST: JOHN GOODMAN, ASTHON SANDERS, JONATHAN MAJORS, VERA FARMIGA, KEVIN DUNN, KIKI LANE U. A. 

LÄNGE: 1 STD 51 MIN


Was wäre gewesen, wenn die fiesen Aliens in Emmerichs Independence Day die Schlacht um den Planeten gewonnen hätten? Genau genommen nichts mehr, denn die Invasoren hätten uns ausradiert. Aber was, wenn diese Aliens letzten Endes doch hätten Milde walten lassen. Was dann? Dann wäre womöglich das passiert, was in Captive State schon seit neun Jahren den Alltag der Menschheit prägt: ein Leben unter der Fuchtel einer fremdartigen Rasse, einer Übermacht, die nur mit dem Finger (sofern sie welche hätte) zu schnippen braucht, schon wären wir ausgelöscht. Ein Leben unter solchen Bedingungen wird irgendwann zur Normalität, wenn doch die im Polit-Sprech verharmlosten Legislatoren auf Harmonie, Wohlstand, Gleichberechtigung und Frieden setzen. Das ist natürlich keine Kunst, diese Werte durchzuboxen, wenn jeder eine Wanze unter seinem Schlüsselbein trägt, die jeden Handgriff registriert. Zum Glück sind noch die Gedanken zollfrei, also wäre es nicht die unterjochte Spezies Mensch, würde sich nicht irgendwo Widerstand regen. Ganz so wie in Star Wars. Dieser Widerstand ist wie ein Funken, der das Streichholz… ja ganz genau, das hat schon Poe Dameron in The Last Jedi gesagt, das sagen nun auch die Rebellen hier, die als Terrorzelle den im Untergrund lebenden gesichtslosen IIgelwesen das Wilde runterräumen wollen.

Terror im Namen der Menschheit. Nichts anderes beschreibt Rupert Wyatts (Planet der Affen: Prevolution) dystopischer Rebellenthriller, der allerdings stark mit Reizen geizt. Seinen Fokus legt Captive State weniger auf die Konfrontation der Aliens, die man nur sehr selten bis gar nicht zu Gesicht bekommt, sondern viel mehr auf die Aufdröselung der Mechanik einer terroristischen Zelle, die sich gegen einen unsichtbaren Unterdrücker formiert, der den Mensch als Exekutive benutzt. Wovon sich der Zuseher ebenfalls kein Bild machen kann, ist die Beschaffenheit der Invasionsmacht. Anscheinend haben die so einiges im Orbit des Planeten in petto. Was genau, weiß keiner. Man erfährt also überhaupt nichts. Da stellt sich die Frage: was wollte Rupert Wyatt mit seinem Film tatsächlich herausarbeiten? Dass Terror, dass Rebellion die einzigen Möglichkeiten sind, Zustände wie diese zu ändern? Captive State legitimiert diese Methode. Ein Glück für den Film, nicht als Verherrlicher zerstörerischer Umtriebe herzuhalten, ist doch das, was bekämpft werden soll, offensichtlich und rein objektiv etwas Falsches. Wie das Imperium eben. Und da muss man gar nicht so weit ausholen, um im Phantastischen zu fischen: da reicht das Herumkramen in der Geschichte des Kolonialismus. Britische, holländische, spanische Invasoren – die waren aus der Sicht der Indigenen auch nichts anderes als Aliens. So gesehen muss Terror ebenfalls zwei Seiten haben, eine legitime und eine verbrecherische.

Neben seinem gesellschaftspolitischen Statement funktioniert Captive State jedoch nur halb so gut. Als Science-Fiction-Film lässt das Drehbuch einfach zu viele Komponenten unerwähnt. Befriedigend ist das nicht. Dazu mengen sich auch gehörige Längen, einzelne Figuren, deren Notwendigkeit sich mir bis zum Ende nicht erschlossen haben und ein nicht ganz schlüssig erklärtes Kräfteverhältnis zwischen Menschen und Unterdrücker. Wäre spannend gewesen, auch die Seite der „anderen“ zu hören. Wäre spannend gewesen, den Film von Neill Blomkamp nochmal überarbeiten zu lassen, der mit District 9 ein etwas ähnliches aber viel realistischeres Szenario entworfen hat. Bei Captive State, so scheint’s, bleibt vieles seltsam ahnungslos.

Captive State

Little Monsters

ZOMBIES BEIM MORGENKREIS

6,5/10

 

littlemonsters© 2019 Einhorn Film

 

LAND: AUSTRALIEN, GROSSBRITANNIEN, USA 2019

REGIE: ABE FORSYTHE

CAST: LUPITA NYONG’O, ALEXANDER ENGLAND, JOSH GAD, STEPHEN PEACOCKE, KAT STEWART U. A.

 

So eine Zombie-Invasion ist definitiv kein Kindergeburtstag. Aber vielleicht ein Kinderausflug ins Grüne? Auch nicht wirklich, oder? Zumindest gibt es erst kürzlich einen Film, der womöglich beweisen könnte, dass die Begegnung mit infizierten Untoten durchaus mit der gängigen Routine eines pädagogisch motivierten Wandertages durch einen australischen Tierpark vereinbart werden kann. Was für eine krude Genre-Mischung. Zombies sind mittlerweile schon mit ganz anderen Welten kombiniert worden. Jane Austens Stolz und Vorurteil zum Beispiel. Oder Anna und die Apokalypse, ein Weihnachtsmusical – mit Zombies. Zombies passen überall hin. Sie sind generische Platzhalter für alles, was von Menschen erschaffener und errungener Ordnung widerspricht. Sie sind die Variable für den Sturz in ein irreversibles Chaos. Dabei sind es gerade mal eine Handvoll Vorschulkinder, die sich nichtsahnend in einer ziemlich verzwickten Situation widerfinden. Was nicht heißt, dass sie auf sich allein gestellt sind. Ihnen zur Seite: Eine strahlend schöne Lupita Nyong’o in einem strahlend gelben Sommerkleid, die ihren Job als Pädagogin Caroline gewissenhaft erledigt und ihre Schützlinge erstmal vor den Tücken des Alltags beschützt, bevor sich das Level der Bedrohungen einem deutlichen Upgrade unterzieht. Womit sie wiederum auch nicht ganz allein ist, denn der Onkel eines der Kinder, ein Ex-Musiker, der nichts auf die Reihe bekommt und nur in den Augen seines Neffen sowas wie Ansehen genießt, ist mit von der Partie – als Aufpasser, aber in erster Linie natürlich, um an Caroline ranzukommen. Welche Wendung der strahlend schöne Wandertag aber letzten Endes nimmt, darauf kann man sich einfach nicht einstellen, und zum Glück sind es die langsamen, nicht die schnellen Zombies, die aus einem nahegelegenen militärischen Testgelände ausbüchsen.

Die Kinder-Komponente im Film holt wohl auf die ähnliche Art abgemühte Genrefilme aus dem Nachmittagstief wie es manchmal Zombies tun. Nur hier ist das der allgemeinen Müdigkeit anheimfallende Problemkind das der Zombies selbst, das diesmal eine Frischzellenkur benötigt. Ja, und da bleiben eben nur noch die Kinder, die um Gottes Willen nicht mit der blutgetränkten Gier auf alles, was sehr eisen- und eiweißhaltig und gerade mal nicht gekocht ist, in Berührung kommen sollten. Der Glaube daran, dass die Erwachsenen alles im Griff haben, muss gewährleistet bleiben – was gar nicht so einfach ist, vor allem dann nicht, wenn nicht alle, die den Wahnsinn überleben wollen, nicht mitspielen. Josh Gad gibt hier eine wirklich erschreckend ekelhafte Ausgeburt eines Promi-Egomanen, der so manchen Untoten die Horrorshow stiehlt. Die Little Monsters – im Grunde die Monster unterm Bett, die kleinen Kindern schlaflose Nächte bescheren – werden in Grund und Boden gesungen, und so manche imaginäre Magie lässt die Kleinen über sich hinauswachsen. Das ist genussvoll mitanzusehen, und es ist, wie schon seinerzeit im Cornetto-Erstling Shaun of the Dead, ein Heidenspaß, wenn die bemitleidenswerten, torkelnden Fressmaschinen durch den kaltgewordenen Kinderkakao gezogen werden. Gore-Elemente gibt’s trotzdem, das gehört zu Filmen dieser Art dazu, jedoch ist seit Simon Peggs und Nick Frosts Zombie-Widerstand selten wieder aus einer erschreckenden Horror-Vision so ein Feelgood-Movie geworden. Da reicht womöglich wirklich nur Taylor Swifts Shake it off in der Unplugged-Version.

If you happy and you now it clap your hands! Blöd nur, dass die Zombies, die gar nichts mehr wissen, trotzdem klatschen – und das hat was, wenn man sieht, dass in Aby Forsythes Film unser Nachwuchs mit allem fertigwerden kann. Und wir Erwachsenen es in unserer Hand haben, dass den Kleinen das, was sie anpacken, auch gelingt.

Little Monsters

X-Men: Dark Phoenix

ALLE(S) IN DER SCHWEBE

6,5/10

 

x-men-phoenix© 2019 20th Century Fox

 

LAND: USA 2019

REGIE: SIMON KINBERG

CAST: SOPHIE TURNER, JAMES MCAVOY, JENNIFER LAWRENCE, MICHAEL FASSBENDER, NICHOLAS HOULT, JESSICA CHASTAIN, TYE SHERIDAN U. A.

 

Die Apocalypse wurde abgewandt. Das war aber angesichts dieses vor drei Jahren über die Leinwand gestelzten blauhäutigen Schnösels mit unreflektierten Allmachtsfantasien a la Steppenwolf (siehe Justice League) wohl keine allzu große Hexerei. So wenig charismatisch und furchteinflößend, wie Oscar Isaac mit offensichtlich aufgepinselter Maske eigentlich war, so hohl war das effektgeladene Getöse um ihn herum. Versucht wäre man gewesen, den viel zu hoch gegriffenen Nickname Apocalypse gegen etwas handzahmeres zu tauschen, eventuell vielleicht gegen Dark Phoenix – aber der ist schon vergeben, nämlich an die gute Jean Grey, die doch eigentlich, zumindest in den ursprünglichen Teilen, mit dem Raubein Wolverine liiert war. Doch von der wandelnden Adamantiumklinge ist weit und breit keine Spur mehr. Diesen von James Mangold inszenierten Abgesang in Farbe oder Schwarzweiß (Sie haben die Wahl!) kann keiner mehr toppen, das war Comic-Kino vom Feinsten, nämlich bis in den letzten Klingenschliff hinein so dermaßen handelsunüblich, das wohl kein anderer Filmemacher ähnliches wagen würde.

Und so ist es auch. James Kinberg lehnt sich bei seinem Zapfenstreich für eine ganze Generation Superhelden natürlich nicht weiter aus dem Fenster wie vom Gesamtkonzept des bereits existierenden, generischen X-Men-Universums vorgesehen. Das muss doch alles zusammenpassen, und keine Wege führen an Apocalypse vorbei, das heißt, hier muss angeknüpft werden. In der Optik, im Erzählstil, und überhaupt. Das hat schon seine begrüßenswerte Stringenz, da wünsche ich mir tatsächlich keinen Logan, das darf schon so bleiben, dass es aussieht, als hätten wir es mit einer hochbudgetierten Streamingserie zu tun (TV-Serie sagt man ja eigentlich nicht mehr, oder?), die so wie bei Avengers: Endgame oder Game of Thrones alles zu einem erträglichen Ende führen will, ohne bei der Fangemeinde allzu viel Sodbrennen zu verursachen. Nun, bei den X-Men ist die Fangemeinde nicht ganz so verbissen und dogmatisch wie bei Game of Thrones oder Star Wars. Drehbuchentscheidungen beim Mutantenpatchwork können gar nicht so sehr den Erwartungen quergebürstet sein, um Kontroversen zu entfachen. Da ist es eher egal, wie es endet, zumindest meinem Eindruck nach. Und auch X-Men: Dark Phoenix erleidet Verluste in den eigenen Reihen, die filmische Finals einfach mit sich bringen müssen, das sagt der gute Ton eines Schlussakkords. Kein Ende ohne Schrecken.

Dabei schreckt mich in X-Men: Dark Phoenix positiv betrachtet eigentlich gar nichts. Das letzte Kapitel rund um Sophie Turners Levitationen ist ein gestrafftes, direkt schon betriebsinternes Teambuilding, das sich den Kick fürs kommende Tabula Rasa aus dem extraterrestrischen Raum holt. Und dort gibt es ja bekanntlich jede Menge Intelligenzen, die einfach nicht an Gaja vorbeikommen können oder wollen, weil wir Menschen vielleicht doch etwas Einmaliges sind, vielleicht einmalig, weil wir uns so sehr mit uns selbst beschäftigen, dass Eroberungen jenseits des Sol-Systems noch lange nicht zur Debatte stehen. Das dürfte richtig niedlich sein, für all die eroberungswütigen Aliens. Und so lockt sie eine amorphe Energie in den Dunstkreis des blauen Planeten, die bei einer Rettungsmission unseres Mutantenkorps großen Gefallen an einer Telepathin findet, die gegen ihren Willen eine recht interdisziplinäre Begabungsförderung genießen wird. Entstehen wird Dark Phoenix, die verdrängte Traumata durchleben und sich entscheiden muss, wo ihre Skills wohl am Besten aufgehoben sind. Weiters im Mittelpunkt: der gute oder weniger gute Charles Xavier, der sich ebenfalls zu etwas durchringen muss, was seinem profunden Allgemeinwissen zwangsläufig zuwiderlaufen wird. Da ist das schauspielerische Können eines ganzen Ensembles gefragt, und Kinberg erreicht in dieser Hinsicht Qualitäten, die wir bislang fast nur von Joss Whedon kennen. Das Buffy-Mastermind kennt sich mit Teamgeist am besten aus, und Kinberg macht es ihm nach, mit sichtlichem Erfolg. Hier kommt keiner der Helden zu kurz, weder Beast noch Raven noch der fahrige Teleporter Nightcrawler, der überhaupt seine formschönsten Auftritte hat, vor allem in der Weltraumszene zu Beginn des Films.

Was zu kurz kommt, das ist die Geschichte dahinter, die den Stein der X-Men-Neuordnung überhaupt erst ins Rollen bringt. Die unbekannten Agressoren aus den Tiefen des Alls verkommen zu einer Variablen, die der Einfachheit halber so wie in gefühlt jeder Kino-Invasion Gestaltwandler sind. Das ist banal, und auch der Allmachtsdrang a la Apocalypse von Seiten der Antagonisten wenig durchdacht. Doch die Supervision der X-Men braucht dringend ein Handlungsgerüst, egal welches. Für dieses stellt sich Jessica Chastain als schlupflidriges Powerwesen in aschblondem Haar gerne zur Verfügung. Sophie Turner hat damit nebst ihren eigenen inneren Dämonen eine relativ ebenbürtige Gegnerin, ohne großen Background zwar, aber mit bekanntem Konterfei. Dem zuzusehen, und so, wie sich der wilde Haufen einer kraftvollen Elite zusammenrauft, das ist deutlich attraktiver als beim letzten Mal, spart sich am Ende auch langes Gesülze und muss niemandem die Liebe mal 3000 gestehen. Das ist recht pragmatisch, dafür aber auch ohne viel Verzettelung zu Ende erzählt. Vielleicht auch, weil Disney-Marvel schon ungeduldig in den Startlöchern scharrt, um auch diese Heldenclique schleunigst in das Cinematic Universe zu transferieren. Was dann folgen mag, ist vielleicht wieder ein kompletter Neuanfang, vielleicht sogar wieder mit Wolverine, der sich erneut in eine Jean Grey verguckt, die wir dann zum dritten Mal neu kennenlernen müssen.

X-Men: Dark Phoenix

Captain Marvel

SCHATZ, DU STRAHLST JA SO!

7/10

 

null© 2019 Marvel Studios/Walt Disney

 

LAND: USA 2019

REGIE: ANNA BODEN, RYAN FLECK

CAST: BRIE LARSON, SAMUEL L. JACKSON, JUDE LAW, LEE PACE, BEN MENDELSOHN, ANNETTE BENING, CLARK GREGG, DJIMON HOUNSOU U. A.

 

Sollten sich die beiden Tangenten des Marvel– und DC-Universums jemals berühren, oder sollten sich beide ganz bewusst zu einem Crossover durchringen, dann hätte Krypton-Halbgott Superman mit Carol Denvers ernsthafte Konkurrenz. Denn Denvers, auch bekannt unter den Kree als Vers und spätestens jetzt, nach Sichtung des neuen Solo-Heldenrelease, sowieso als Captain Marvel ein Shooting-Star, hat wie Clark Kent exorbitante Skills auf Lager. Warum Captain, das wird nie wirklich erklärt oder jemals erwähnt. Lieber will die blonde Crash-Pilotin, die garantiert niemals mehr einen Handwärmer benötigt, bei ihrem eigentlichen Namen genannt werden. Der ist anfangs noch nicht Bestandteil ihres Bewusstseins, fühlt sie sich doch als Zugehörige des meist blauhäutigen Kriegervolks der Kree. Ja, die habe ich jetzt schon das zweite Mal erwähnt, und für die, die entweder die galaktischen Eskapaden zusammengewürfelter Guardians of the Galaxy verschlafen oder nicht ganz aufgepasst haben: gegen die Kree unter dem finsteren Warlord Ronan leisten Star Lord und seine biodiverse Truppe in Peter Gunns Kino-Erstschlag heftigen Widerstand. Daß dieser und letztendlich auch alle anderen Finsterlinge mit Schurke Thanos in Verbindung stehen, erklärt sich da fast von selbst. Und Ronan, der gibt auch in Captain Marvel seinen nachgereichten Einstand. Weil wir hier einige Zeit vor den Geschehnissen rund um das epische Gerangel der Infinity-Steine sind, nämlich im Jahr 1995. Und jene, die – und sei es auch nur ansatzweise – in Marvels Agent of S.H.I.E.L.D. reingeschielt haben, werden auch Agent Coulson wiederfinden, der als Frischling an der Seite von Nick Fury der kraftstrotzenden Amazone ohne Vergangenheit habhaft wird.

Wie man sieht, gibt es in Captain Marvel jede Menge Anknüpfungspunkte, Referenzen und offene Maschen, die gerne mit all den anderen Marvel-Filmen aus dem Cinematic Universe verknüpft werden wollen. Captain Marvel steht also nicht als völlig autarkes Einzelabenteuer da – für diese Genese schadet es nicht, sich in diesem kreuz und quer gesponnenen roten Handlungsbogen zurechtzufinden. Der Mehrwert ist dadurch beträchtlich, und er beträfe eben nicht nur die Filme der Guardians, sondern natürlich auch das bisherige Meisterwerk schlechthin: Avengers: Infinity War. Dort sehen wir in einer Post Credit-Szene den schon etwas älteren Nick Fury, der im Angesicht des Worst Case-Szenarios einen intergalaktischen Pager zückt, um eine Nachricht an jemand ganz Bestimmten abzuschicken – bevor er selbst zu Staub zerfällt. Was es mit diesem Pager auf sich hat, ist nur eine von mehreren Backgroundstories in Captain Marvel – und am wichtigsten ist jene um einen ganz bestimmten Infinity-Stein, dessen Reise durch das MCU unter folgendem Fandom-Link für  firme Comicfilmfans nachverfolgt werden kann, ohne alle Leinwandepisoden nochmal nachsehen zu müssen. Für jene, die Captain Marvel noch nicht genossen haben und auch nicht vorab gespoilert werden wollen, sei das Anklicken auf besagten Link nicht wirklich empfohlen. Ganz eingefleischte Fans brauchen diese Nachhilfe ohnehin nicht – die wissen sowieso alles, nur werden sie vielleicht dennoch wie das Mondkalb vor geschlossenem Pforten stehen, wenn in der Infinity-Storyline der Kreis geschlossen werden will. Da bleibt Captain Marvel immer noch einiges an Bringschuld, ganz erklären lassen sich die hier erzählten Wege zumindest jetzt noch nicht. Aber das kann ja noch kommen, keine Ahnung was Disney/Marvel hier alles noch vorhat. Was auch immer da geplant ist, ich für meinen Teil bleibe denen auf den Fersen. Besonders Samuel L. Jackson, und zwar fast noch lieber als Brie Larson, die allerdings, und das muss ich ihr zugestehen, als weltenbewegendes Energiebündel wirklich eine gute Figur macht. Larson selbst hat mich bislang (mit Ausnahme womöglich von Raum, Nachsichtung folgt) noch nie so wirklich überzeugt, da war in ihren Rollen stets eine leicht überhebliche Verschlossenheit, die ich nie ganz deuten konnte. Dieses Korsett der Unnahbarkeit lässt sie als Carol Denvers etwas fallen, gibt sich sogar das eine oder andere Mal einem verschmitzten Schmugglerschmunzeln a la Han Solo hin und ist auch manchmal für pfiffige Sager zu haben. Wenn sie dann vom Scheitel bis zur Sohle in allen Spektralfarben glüht, gibt es sowieso kein Halten mehr – da wird klar, dass das Universum so oder so gerettet werden kann, dass Thanos sich schon bald warm anziehen muss, da reicht sein funkelnder Handschuh bald nicht mehr aus. Samuel L. Jackson aber, bei dem ich kein einziges Mal gemerkt hätte, er sei digital verjüngt worden, ist als Larsons Sidekick stets ein lässiger Plauderer. Sein selbstironisches und süffisantes Gebaren bewahrt das kosmische Planetenhüpfen vor aufgesetzter Ernsthaftigkeit und entwickelt rund um die Halbzeit genau jenen turbulent-augenzwinkernden Charme, den wir schon bei den Guardians of the Galaxy so zu schätzen gelernt haben. Überhaupt nähert sich Captain Marvel sehr dem knallbunten phantastischen Grundtonus von Groot & Co an, wobei Thor: Tag der Entscheidung in Sachen Witz immer noch die Liste anführt. Humor ist, was das MCU so beliebt macht, und die ganze galaxienumspannende Seriösität an Bedrohung und möglicher Unterjochung wunderbar ausgleicht.

Das Regie-Duo Anne Boden und Ryan Fleck (u. a. Its a Kind of a Funny Story) hat mit der jüngsten Episode aus dem Dunstkreis der Avengers einen höchst unterhaltsamen Film gemacht, der vor allem in der zweiten Hälfte gemeinsam mit Carol Denvers´ erstarkenden Kräften zur Höchstform aufläuft. Anfangs mag es eventuell ein paar Startschwierigkeiten geben, bis man an das Schicksal der blonden Pilotin angedockt hat. Visuell ist das ganze Spektakel aber sowieso wieder State of the Art, da gibt’s genug zu staunen, und auch wenn manch einer mehr Star Trek- als Marvel-Fan ist, könnte der Film eben trotzdem gefallen, da das ethnische Dilemma zwischen Krees und Skrulls an die politischen Diskrepanzen von Romulanern, Vulkaniern und Klingonen erinnert. Das Marvel-Universum ist so eine herrlich irreale Welt, in der man sogar schon die Men in Black als inhärent vermuten könnte, und ganz besonders dann, wenn manch vertrautes Wesen nicht ganz so ist wie es scheint. Das macht einfach Spaß, ist sympathisch und erzählt obendrein eine kluge, bewusst nicht stringente Geschichte (5 Autoren am Drehbuch!), die sich tunlichst davor hütet, all die emotionalen Wesenszüge nicht fehlerfreier Überwesen mit dem Muskelspiel eines brachialen Effektgewitters zu verschütten. Das wäre Marvel mit Age of Ultron fast passiert, danach aber nie wieder, und das ist gut so. Was heißt gut – es wird immer besser, und bis Ende April, wenn die letzten Avengers sich für das Endspiel zusammenrotten, bleibt uns nur noch ein bisschen mehr als einen Monat auszuharren. Um das ganze zu beschleunigen, wünsche ich mir fast den Zeitstein her. Aber den hat leider Thanos.

Captain Marvel

Venom

SOLO FÜR ZWEI

5/10

 

venom© 2018 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: RUBEN FLEISCHER

CAST: TOM HARDY, RIZ AHMED, MICHELLE WILLIAMS, MICHELLE LEE U. A.

 

Mit Lily Tomlin und Steve Martin aus der launigen 80er-Komödie selben Titels lassen sich diese beiden Hitzköpfe aus vorliegendem Film nicht wirklich vergleichen. Viel eher lassen sich folgende Vergleiche ziehen: Man stelle sich eine Wanderung in den Feuchtgebieten der tropischen Hemisphäre vor und holt sich dabei völlig unfreiwillig und erstmal nichts ahnend einen Bandwurm an Bord. Dieses Wesen ist natürlich ein Parasit, was so viel bedeutet wie: ich lebe von dir, aber du nicht von mir. Klar, dass das Wesen Venom da angepisst reagiert, denn es will sich ja als Symbiont verstanden wissen. Was dann wieder so viel bedeutet wie: du nutzt mir, ich nutze dir, also freuen wir uns, dass keiner von uns, solange wir existieren, einen uneingeschränkten freien Willen hat. Ein Leben im Kompromiss also. Es ist, als würde der eingetretene Bandwurm den Wirten rotzfrech von der Seite her anquatschen, im Bauchladen sämtliche Fähigkeiten, die nur ein Superheld an den Tag legen kann. Wäre das ein reizvolles Angebot? Naja, nein. Ich wäre schon sehr gerne mit mir selbst allein. Noch dazu ist der Symbiont wie in Venom abgrundtief hässlich, also so hässlich wie die Nacht. Nichts, was ich würde vorzeigen wollen, es sei denn zu Halloween, da wäre ich die Rampensau schlechthin, mit all diesen Beisserchen in meinem Dauergrinser. Doch womöglich grinst Venom ebenso wenig wie Delphine es tun. Besser drauf ist die wüste Lebensform dadurch auch nicht. Es soll ja heißen, dass ein Lachen mehrere Tafeln Schokolade an Glücksbotenstoffen aufwiegt, doch so richtig alle Viere gerade sein lassen kann Venom auch nicht, so ganz ohne Fremdkörper. Die Liebe auf den ersten Blick, die stellt sich dann nach gedehntem Anlauf im Labor des windigen Schurken Riz Ahmed dann auch endlich ein. Leidtragender ist Eddie Brock. Und dabei wären wir auch schon beim eigentlich einzigen wirklichen Highlight des Filmes: Tom Hardy

Venom, das ist eine Mischung aus Lewis Carol´s Grinsekatze, intelligenter Knete und Alien, wobei sich der Xenomoprh angesichts der Bisskraft vielleicht noch die eine oder andere Zusatzbrücke zulegen wird. Eine eigenwillige Horrorgestalt, die längst nicht allein auf Gottes Erden weilt, denn da gibt es noch andere Organismen, die es auf unseren Planeten geschafft haben, und die noch perfider agieren als unser sonor tönendes Monster mit leicht narzisstischen Tendenzen. Da fehlt nicht mehr viel bis zum Ding aus einer anderen Welt und den Body Snatchers. Das ist für Marvel das tatsächlich wohl monströseste Spin Off – und bleibt in seiner zomboiden Liebäugelei als Außenseiter des ganzen Comic-Universums ziemlich alleine im Regen stehen. Keine Ahnung, was Sony hier geritten hat, sich selbst aus dem Marvel Cinematic Universe auszunehmen und somit selbst ins Aus zu kicken. Venom, so scheint es zumindest in diesem ersten von geplanten mehreren Teilen, wird es schwer haben, irgendwo an eine bereits bestehende Storyline anzudocken. Die Vorstellung, dass Spiderman hier mitmischen könnte, und vor allem Spiderman im lausbübischen Gehabe eines Tom Holland, gerät ins Stocken. Bis auf den obligatorischen Cameo-Auftritt von Marvel-Urvater Stan Lee schlägt das Alien-Abenteuer einen völlig anderen Tonus an, der so gar nicht der Avengers-Welt entspricht.

Venom versucht, sich selbst und die ganze Symbionten-Thematik auf die leichte, locker-flockige Schulter zu nehmen und lässt Eddie Brock mit seinem Invasor Doppelconferencen vom Stapel, die teilweise auch zum Schmunzeln sind, aber nie wirklich an sich selbst glauben. Genauso wenig glauben die Protagonisten so wirklich an das, was sie tun, geschweige denn ob das, worauf sie sich einlassen, wirklich die richtige Entscheidung ist. Die besten Momente hat die Comic-Verfilmung in den schauspielerischen Solo-Momenten von Tom Hardy. Seine Anstalten, sich selbst zu diagnostizieren und sein Bemühen, die seltsamen Symptome der körperlichen Belagerung zu bekämpfen, ist fast schon eine Sternstunde unter den Helden-Genesen. Da leidet man fast schon mit, wenn unaufgetaute Tiefkühlkost als Nahrung herhalten muss und ein Aquarium fiebersenkend wirken soll. Ist der Symbiont dann akzeptiert, ist das Engagement Tom Hardy´s zwar immer noch ungebrochen, dem Film selbst aber bleibt nur noch simpel zusammengeschusterte Comic-Action, die in ihrer Qualität im Vergleich zu anderen Produktionen deutlich in der zweiten Reihe tanzt, dabei oft chaotisch und ziemlich fahrig wirkt. Das kennen wir schon aus Sony´s bisherigem Spider-Verse in Form von überlangen und lähmend krawalligen Kinoabenteuern. Das passt aber zum Plot, der wie aus bereits vorgefertigten Modulen grob aneinandergelegt ziemlich viele unschlüssige Zwischenräume lässt. Die Figur des Antagonisten ist ebenso wenig ausgearbeitet wie der weibliche Sidekick von Eddie Brocks Ex-Freundin, die von einer Michelle Williams verkörpert wird, die sich wie die Jungfrau mit dem Kind völlig deplatziert vorkommt und sich daher auch schauspielerisch völlig ratlos durch den Film wundert.

Venom ist eine nur bedingt geglückte Comicverfilmung, die ihren Reiz einzig und allein im Dialog zwischen Symbionten und Wirt ausspielt. So gesehen ist dieser Charakter-Einstand mehr eine phantastische Psycho-Satire als wirklich ein Event-Spektakel auf Schiene, womit wir wieder bei Solo für Zwei wären. Diesen ganzen, an den Haaren herbeigezogenen Schnickschnack von Storygerüst hätte es eigentlich überhaupt nicht gebraucht, doch das wäre dann wieder zu wenig gewesen, vielleicht aber für einen knackigen Kurzfilm ganz gut. Tom Hardy-Fans allerdings, die den ehemaligen Widersacher Batmans mal ganz anders und völlig neben der Spur erleben wollen, kommen an Venom eigentlich nicht vorbei. Das gilt aber auch für Marvel-Nerds, die der Vollständigkeit halber auch mit Ruben Fleischer´s bemühter, ziemlich bizarrer Monster-Bromance ein Tänzchen wagen sollten, trotz all der filmischen Notfallversorgung rund um den interstellaren Haifisch, der da Zähne hat, und die trägt er im Gesicht – frei nach Mackie Messer.

Venom

Pacific Rim: Uprising

KAPUTT MACHEN WAS KAPUTT MACHT

4/10

 

pacificrim2© 2017 Universal Pictures International Germany GmbH

 

LAND: USA 2018

REGIE: STEVEN S. DEKNIGHT

MIT JOHN BOYEGA, SCOTT EASTWOOD, RINKO KIKUCHI, CAILEE SPAENY, CHARLIE DAY U. A.

 

Warum nur? Warum hat Guillermo del Toro das gemacht? Warum hat der wohl geschickteste Monsterdompteur des modernen Kinozeitalters sein Spielzeug verborgt? Was heißt verborgt – er hat es weggegeben. Das hätte er nicht tun sollen. Wären wir bei Toy Story, würde das Spielzeug in tiefe Depressionen fallen. Also ich hätte es nicht verborgt. Bei mir hätten schon im Vorfeld die Alarmglocken geläutet. Womöglich schon, als der Vertrag der Produktionsfirma Legendary Pictures mit Warner Bros ausgelaufen war. Del Toro hatte so viel Freude mit seinem ersonnenen Konzept des Giganten-Wrestlings, dass ihn die unter den Erwartungen liegenden Einspielergebnisse nicht im mindesten verstört haben. Genaueres ist hier in der cinema-Ausgabe von März 2018 nachzulesen. Dort ist auch nachzulesen, dass Legendary Pictures ein Sequel von Pacific Rim ja eigentlich gar nicht mehr hätte stemmen können, wäre es nicht an einen chinesischen Konzern verkauft worden. Die Alarmglocken schrillen plötzlich noch lauter. Del Toro hört sie immer noch nicht. Jongliert jetzt plötzlich mit zwei Projekten. Auf der einen Seite The Shape of Water, auf der anderen seine Fortsetzung von Pacific Rim. Wem den Vorzug geben? Richtig, The Shape of Water. War auch eine gute Entscheidung, wie wir wissen. Allerdings kennen wir del Toro´s Version der zweiten Runde seines Ringkampfes nicht wirklich. Besser wäre, er hätte Pacific Rim zeitlich nach hinten verschoben. Aber vielleicht wollte er die Sache einfach abschließen, nach 3 Drehbuchversionen und dem Hin und Her der Studios. Manche Dinge muss man einfach ad acta legen, selbst wenn sie noch nicht dafür bereit sind. Aber filmische Herzensangelegenheiten sind wie persönliches Spielzeug. Man schenkt es nicht weiter. Aber wie das Sielzeug da so herrenlos am Kinderzimmerteppich liegt, zur freien Entnahme, macht Gelegenheit Diebe. Und Regisseur Steven S. DeKnight, der gerade in der Nähe war, konnte sich das potenzielle Franchise unbehelligt krallen. Das dann die Sachen kaputt gehen, war eigentlich nicht geplant. Del Toro kann aber sagen, dass er seine Hände in Unschuld wäscht. Er hat damit nur mehr wenig zu tun. Ich wünschte, dem wäre nicht so gewesen. Denn die nun vorliegende Fortsetzung eines Fantasyspektakels dieser Größenordnung kippt so rückhaltlos in den weichgespülten Gigantismus eines Michael Bay, dass man sich als Zuschauer für dumm verkauft vorkommt.

Viele Meter hinunter zur 3D-Rendering Gurke Transformers fehlt nicht mehr. Gut, Pacific Rim: Uprising ist immer noch besser als der letzte Aufguss der Alien-Autos, aber das ist eigentlich keine Kunst mehr. Dass Pacific Rim: Uprising besser ist, liegt womöglich am letzten verbleibenden Rest von del Toro´s visionärem Creature Design, aber ganz sicher nicht am Plot, und ganz sicher nicht an den Schauspielern – mit Ausnahme von Rinko Kikuchi, die vehement versucht, dem ganzen Szenario ein gewisses Maß an Würde zu verleihen. Am schlimmsten aber ist Scott Eastwood. Womöglich denkt er, einfach nur so verkniffen dreinblicken zu müssen wie sein Papa und die Sache groovt. Nun, Schauspieltalent gehört auch dazu. Das zeigt Scott Eastwood zumindest in diesem Film wirklich nicht. Im Übrigen weiß ich gar nicht mehr, wann zuletzt ein Schauspieler so dermaßen uninspiriert agiert hat. Des weiteren rezitiert John Boyega in einer augenverdrehenden Redundanz immer wieder leicht abgewandelte Litaneien, wie toll nicht sein Vater (Idris Elba als Stacker Pentecost aus Teil 1) gewesen sein muss und wie anders er selbst nicht ist. Das militärische Gehabe sämtlicher Jungspunde in der Kadettenschule für Jäger-Einsätze erinnert stark an Ender´s Game oder an den absichtlich satirischen Heroismus der Starship Troopers, meint sich aber tatsächlich ernst. Und der von den Aliens angezapfte Superbösling, der die Welt vernichten will, rein aus einer Ego-Kränkung heraus, ist dann auch schon wieder ein bisschen zu viel des Guten. Und unglaubwürdig obendrein. Also wie man sieht ist hier einiges schief gegangen.

Wirklich nichts gegen Monsterfilme, ich liebe Monster. Wäre selbst gerne ein Creature Designer unter der Obhut manch eines Regie-Phantasten, aber was die Chinesen aus einer Fortsetzung mit Potenzial angestellt haben, ist infantiles Gekloppe und Betonzermalmen, dem noch dazu eine Story zugrunde liegt, die vielleicht im Zeitalter von Top Gun mitreißend gewesen wäre, in Pacific Rim: Uprising aber so dermaßen substanzlos hin geschnalzt wird, dass ich das Gefühl nicht los werde, Cast und Crew wären nichts anderes übrig geblieben, als vor dem Fast Food-Konzept der neuen Geldgeber zu buckeln. John Boyega´s Mitspracherecht möchte ich sehen – sollte er dieses Drehbuch wirklich für gut befunden haben, muss ich an dem guten Mann anfangen zu zweifeln. Schade eigentlich, und gleichzeitig erstaunlich, wie sehr man Kino fernab jeglichen Esprits produzieren kann. Del Toro´s Original war vergleichsweise wirklich etwas Beeindruckendes. Gigantisch, atmosphärisch, formschön in der Bildsprache und angereichert mit ordentlich Mystery. Die Darsteller waren auch alle um ein Eckhaus engagierter, und auch wenn die 200 Tonnen schweren Kamproboter ihre Ohrfeigen nicht ganz so pirouettengleich verteilt haben, hatte das aber immerhin noch mehr Charme als die unter physikalischen Parametern betrachtete unmögliche Beweglichkeit exorbitant schwerer CGI-Ritter.

Pacific Rim: Uprising lässt sogar hartgesottene Nerds jenseits der 30 gelangweilt auf die Uhr schauen. Die Kaijus selbst, auf die man zwischen Hurra-Militarismus und Glaub-an-dich-Worthülsen geschlagene eineinhalb Stunden warten muss, sind das einzige Highlight, wofür es sich lohnt, dann doch noch sitzenzubleiben, obwohl auch diese nur mehr ein schaler Nachklang eines vormals spektakulären Kinoerlebnisses sind.

Pacific Rim: Uprising

Attraction

ALIEN NON GRATA

6/10

 

attraction© 2017 Capelight Pictures

 

LAND: RUSSLAND 2017

REGIE: FJODOR BONDARTSCHUK

MIT OLEG MENSHIKOV, ALEXANDER PETROV, IRINA STARSHENBAUM U. A. 

 

So ein Pech aber auch: Da betreibt man als außerirdische Intelligenz Feldforschung im Geheimen, und tut alles daran, um nicht aufzufallen. Und dann das! Ein Asteroidenschauer, der das fremde Raumschiff von seinem Inkognito-Status befreit und in die Atmosphäre des Planeten Erde schleudert. Für einen stofflichen Körper ist so ein Eintritt nicht gerade angenehm. Das Vehikel wird selbst zum Meteor und glüht dem Erdboden entgegen. Doch damit nicht genug. Zusätzlich zur Arschkarte, die die Aliens gezogen haben, gesellt sich der schwarze Peter in der Gestalt von Abfangjägern dazu, die den Eindringling unterstützend vom Himmel holen. Und aus dem doppelten wird dreifaches Pech – das Ding geht über bewohntem Gebiet nieder. Was an sich schon relativ unwahrscheinlich ist. Da muss man schon richtiges Bad Karma haben, damit sowas passiert. Normalerweise wäre ein Eintauchen in den Ozean oder eine Landung auf unbewohnten Gebieten das plausiblere Szenario. Aber sei´s drum, wie es der Zufall so will, kracht das einem Perpetuum Mobile ähnliche Schiff nach verheerendem Kollateralschaden zwischen die Plattenbauten eines Moskauer Vorortes. 

Wenn man jetzt erwartet, dass der russische ÖAMTC mitsamt Rettung im Schlepptau herangeschneit kommt, hat man sich gehörig geschnitten. Das Raumschiff ist auf der Erde gelandet, nicht auf irgendeinem anderen Planeten! Also wird das Gebiet abgesperrt und das UFO erstmal nicht willkommen geheißen. Alles, was fremd ist, ist mal potenziell gefährlich. Vor allem, wenn es von anderen Planeten kommt. Da haben die Amerikaner ja schon ganz andere Erfahrungen gemacht. Verheerende, um genau zu sein. Wie kann dann dieses Ding da in Frieden kommen? Am besten ist es, abzuwarten und die Sache auf sich beruhen zu lassen. Vielleicht repariert sich das Ding von selbst und verschwindet wieder. Doch so viel Selbstbeherrschung ist Homo sapiens nicht zuzutrauen. Da braucht es nicht lange, und aggressive Xenophobie zieht eine weitere Schneise der Verwüstung bis hin zum Objekt ihres Hasses. 

Dabei ist es nur ein Schiff. Das war es bei Neil Bloomkamp´s Alien-Parabel District 9 genauso. Nur um einiges größer. Und mit viel mehr Besatzung. Wohin damit? Nun, in ein Township, wie in den Zeiten der Apartheid die schwarze Bevölkerung Südafrikas. In Attraction sind es nur eine Handvoll Aliens. Und als Alien ist man unter Menschen Persona non grata. Haben die alle zu viel Roland Emmerich-Filme gesehen? Mitnichten. Der Mensch ist laut Regisseur Fjodor Bondartschuk weit davon entfernt, für so eine weltbewegende Begegnung bereit zu sein. Vielmehr ist sein Erdenbürger noch ein Kind, das auf das Unerklärliche und Unverstandene mit Wut und Angst reagiert, egal, welchen Grund das Eindringen des Fremden in die vermeintlich heile Welt des russischen Alltags hat. Solange wir Menschen nationale Grenzen ziehen, Flüchtlingsrouten schließen und Asylantenheime anzünden, ist hier auf Erden für einen Besuch von ganz weit Außen lange noch nicht aufgeräumt. Der Streit der Ethnien um Grund und Boden und die Religionen der Rechthaberei, Kräftemessen mit Nuklearwaffen und das Töten Ungläubiger gibt dem Universum wieder mal ein gutes Gefühl, seine benachbarten Sonnensysteme und Galaxien in Lichtjahren Entfernung zu platzieren, denn die Erde, die ist für Fremde kein einladender Ort. Doch manch ein Terraner oder eine Terranerin fühlt sich zu den humanoiden Astrobiologen dann aber doch irgendwie hingezogen – daher auch der Titel des Filmes. Was aber die Situation auch nicht viel besser macht.

Die russische, tricktechnisch beeindruckende Großproduktion ist bei Weitem besser gelungen als der Superhelden-Actioner Guardians, war in den Kinos im IMAX-3D-Format zu sehen und wartet mit leinwandfüllenden, opulenten UFO-Bildern auf. Die zwar etwas zu lang geratene, weniger unheimliche Begegnung der dritten Art ist ein teils derbes, teils augenzwinkerndes Gleichnis von der Xenophobie und der Entwertung des Ungleichen mit Darstellern, die mal mehr mal weniger ihren emotionalen Anforderungen gerecht werden. Doch unterm Strich ist der Mix zwischen Independence Day, District 9 und Der Mann der vom Himmel fiel ein durchaus solides Stück osteuropäisches Science-Fiction-Kino.

Attraction