Das Zeiträtsel

RAUMZEIT-ANTI-AGING MIT GLAMOUR

5/10

 

A WRINKLE IN TIME© 2017 Disney Enterprises, Inc. All Rights Reserved.

 

LAND: USA 2018

REGIE: AVA DUVERNAY

CAST: CHRIS PINE, OPRAH WINFREY, MINDY KALING, REESE WITHERSPOON, ZACH GALIFIANAKIS, STORM REID U. A.

 

Talkqueen Oprah Winfrey als galaktische Lichtgestalt? Dank der funkelnden Schminke im Konterfei des Promis und mit der Märchenfee Reese Witherspoon an dessen Seite können wir das Sternenzepter in guten Händen wissen. Die drei Grazien (die dritte im Bunde ist US-Komikerin Mindy Kaling) erscheinen nach und nach in der Nachbarschaft der unkonventionellen Familie Murry. Die Eltern – experimentierfreudige Wissenschafter mit dem Hang zur Esoterik, die Kinder sonderliche Einzelgänger, hochbegabt und exzentrisch. Da verschwindet der Papa von einem Moment auf den anderen – womöglich hat er ein Portal entdeckt, das unabhängig von Raum und Zeit Zugang in die fernsten Winkel des Universums gewährt. Astrophysiker Murry – dargestellt von „Captain Kirk“ Chris Pine – nennt diesen Zugang Tesseract. Marvel-Fans werden da plötzlich hellhörig, heißt einer der legendären Infinity-Steine doch genauso. Mit Marvel hat das Ganze aber nichts zu tun – eher mit einem höchst eigenwilligen Mix aus Zitaten diverser Märchenerzähler aus der Literaturgeschichte des 20ten Jahrhunderts.

Die literarische Vorlage von Das Zeiträtsel selbst stammt aus der Feder der amerikanischen Kinderbuchautorin Madeleine L´Engle, veröffentlicht in den 60er Jahren. Neben einer Fernsehversion der abenteuerlichen Geschichte durch Raum und Zeit ist die Verfilmung von Ava DuVernay (Selma) ein Spektakel, das womöglich den österreichischen Dramatiker Ferdinand Raimund schwach hätte werden lassen. Das Zeiträtsel ist ein sagenhaft hausbackenes Zauberspiel mit allerlei  märchenhaften Gestalten und surrealer Folklore, es handelt von Licht und Finsternis, von den guten und schlechten Eigenschaften des Menschen. Und nicht zuletzt von sehr viel Liebe, die auch ausgiebig und herzermüdend zitiert wird. Diese theatralischen Figuren, sie tragen Namen wie Frau Wer und Frau Wo und Soundso – das wiederum klingt nach Michael Ende. Auch da erinnert der Film das eine oder andere mal an das Schaffen des deutschen Visionärs, der mit seiner unendlichen Geschichte sowieso schon philosophisch-phantastische Literatur mit den Stilmitteln des Märchens wegweisend vermengt hat. Philosophisch will Das Zeiträtsel auch sein, verheddert sich aber in plakativem Kitsch, der steriler kaum sein kann. Diese Welten rein aus dem Computer sind zwar auf den ersten Blick famos, entpuppen sich aber sehr schnell als nur gerendert und haben nicht viel Seele, geschweige denn Tiefe. Sie wirken nicht echt, wie aufgemalt, und der Zuschauer erahnt geradezu in jeder Sekunde den Greenscreen dahinter. Ich erinnere mich an Peter Jackson´s Jenseitsdrama In meinem Himmel – viel zu viel phantastischer Zuckerguss, teilweise sogar etwas zu flächendeckend hingepfuscht, irgendwie völlig im Widerspruch zu der eigentlichen, tragischen Kriminalgeschichte. Ava DuVernay´s Ringelspiel durchs Weltall passiert Ähnliches, ist anfänglich so entrückt und versponnen, als hätte sich Terrence Malick an einem Kinderfilm versucht. Gegen Ende wird’s sogar noch ziemlich spooky wie in Spielberg´s 80er-Mystery, vor allem dann, wenn das Böse sich des kleinen Bruders bemächtigt. Da hat Das Zeiträtsel dann meine ungeteilte Aufmerksamkeit und macht es sogar noch etwas spannend, bevor die Gute Nacht-Variante einer kindlichen Dimensions-Hopserei a la Inception sein erlösendes Ende findet.

Hierzulande in Österreich fand Disney´s Weisheits-Diskurs für die kommende Generation keinen Kinoverleih. Natürlich orientiert sich die Filmwirtschaft am kommerziellen Erfolg im Ursprungsland – Das Zeiträtsel hatte bislang keinen solchen (was nichts über die Qualität des Films aussagt), also kein grünes Licht für Übersee. Das ist wenig verwunderlich, therapiert dieser wüste Effekte-Mix als familientaugliche Psycho-Fantasy allzu fordernd und lebensberatend am Ziel vorbei. Das kann zu viel des Guten sein, und ist auch für jüngeres Publikum teilweise verstörend unbequem. Hat aber dennoch irgendetwas an sich, das in irritierender Relevanz länger nachhallt als vermutet.

Das Zeiträtsel

Der dunkle Turm

KING´S SÄMTLICHE WERKE, LEICHT GEKÜRZT

6/10

 

darktower

 

REGIE: NIKOLAJ ARCEL
MIT MATTHEW MCCONAUGHEY, IDRIS ELBA, TOM TAYLOR

 

Nein, die Bücher von Stephen King kenne ich nicht. Ich habe zwar schon des Öfteren mit dem Lesen des achtbändigen Mammutwerkes geliebäugelt, doch bis auf den oft zitierten ersten Satz des ersten Bandes Schwarz kannte ich vor Sichtung des Filmes keine einzige Zeile. Und das war vermutlich ein großer Segen. Denn die radikal komprimierte Verfilmung Der dunkle Turm erscheint für grünohrige Nichtkenner der Materie als bizarre, ungemütliche und sogar ziemlich fesselnde Fantasy auf der großen Leinwand. 

Dass King´s Opus Magnum so geworden ist, wie es geworden ist, mag in längst gerissenen Geduldsfäden der Drehbuchautoren und Produzenten liegen, die mit dem Damoklesschwert eines Herr der Ringe-Äquivalenten mühsam zu kämpfen hatten. Umgeschriebene Skripten, wechselnde Regisseure und Probleme bei der Finanzierung schoben eine Verfilmung in ungeahnte und nicht mehr greifbare Weiten. Der dunkle Turm mag so etwas wie ein lang liegen gebliebener Auftrag sein, ein Wanderpokal, den keiner wirklich will, und den man endlich vom Tisch haben möchte. Andauernd fällt der Blick auf dieses ungemachte Bett, auf diese unerledigte Sache. Wie fehlende Sesselleisten nach der Wohnungsrenovierung. Und dann kommt irgendwann der Punkt, an dem die Drecksarbeit erledigt werden muss.

Sony Pictures bekam also den sogenannten „Rappel“, engagierte den dänischen Regisseur Nikolaj Arcel, der 2011 mit Die Königin und Ihr Leibarzt ein wirklich famoses Stück Historienkino auf die Leinwand brachte, und wollte das Projekt übers Knie brechen, um es zu den Akten legen zu können. Augen zu und durch – das Ganze ist natürlich eine Vermutung meinerseits, die sich aus dem im Vorfeld Gelesenen und Gehörtem ergeben hat. Und dann noch die Laufzeit! 95 Minuten für ein achtbändiges Werk? Was würde Peter Jackson dazu sagen, der seine Tolkien-Verfilmungen geradezu in Echtzeit bebildert hat? Das nun vorliegende Drehbuch, an dem sogar Arcel selbst Hand angelegt hat, ist wie das Exposé einer Filmtrilogie oder Serie. die da vielleicht noch kommen mag. So jedenfalls fühlt es sich an, wenn man Der dunkle Turm ansieht. Und ich erinnere mich an Wolfgang Petersens Miniserie Das Boot – auch hiervon gab es damals eine filmische Kurz- oder Kinoversion, die aber immerhin zumindest Überlänge hatte. Ich bin kein Fan der langen Filmschinken, aber gerade bei dieser Stephen King-Verfilmung ist die Laufzeit entschieden zu knapp. Die epische Geschichte über den Revolvermann, einem mächtigen Zauberer und allerhand Parallelwelten, die durch einen im Zentrum des Universums stehenden Turm zusammengehalten werden, darf mit nur eineinhalb Stunden auskommen. Ein zeitliches, hautenges Korsett, in dem der Film keine Luft mehr bekommt – und aus Atemnot nur die Eckpfeiler einer spannenden Geschichte erzählt.  

Somit ist klar – Irgendetwas stimmt da nicht. Und damit meine ich nicht den phantastischen, aber etwas sperrigen Plot. Dieser mäandert zwischen paranoidem Invasionshorror, Der Unendlichen Geschichte und Time Bandits mal hierhin und mal dorthin. Ein ungewöhnlicher Genremix, der das Zeug dazu gehabt hätte, die Paradigmen des Fantasykinos umzudefinieren. Einzig – die Produktion kommt über die Doppelfolge einer TV-Show nicht hinaus. Was nicht heißt, dass TV-Shows nicht klotzen können – siehe Game of Thrones. Bei Der dunkle Turm waren die Spendierhosen enger gegürtet. Außer einigen an Matte Paintings erinnernden Supertotalen und akzeptablen Zaubertricks bleibt von epischer Fantasy wenig über. Wider Erwarten bleibt Der Dunkle Turm überraschend unspektakulär, wenn nicht gar irgendwie billig. Dass die Mär aber dennoch auf eine Weise überzeugt – das liegt am Cast. Matthew McConaughey als Mann in Schwarz ist in seiner nüchternen Grausamkeit nicht weniger furchteinflößend als Lord Voldemort, wenn nicht gar furchteinflößender. Die Wucht seiner Zauberkraft liegt in der Reduktion. Selten hat man mit weniger so viel mehr Schrecken verbreitet. Der Oscarpreisträger rettet den Film vor der Belanglosigkeit, genauso wie Idris Elba als verkniffener, alternder Pistolero und Tom Taylor als mit ordentlichem Shining ausgestattetes Medium. Man kann sagen – Der Dunkle Turm ist eine Art filmische Lesung aus Gesichtern, immer wiederkehrenden Zitaten su Stephen King´s Fundus und dem Zusammenspiel der Figuren. Ein reduzierter Ensemblefilm mit starken Charakteren, die das Beste aus dem gemacht haben, was ihnen zur Verfügung stand. Und das ist nicht gerade viel gewesen.

Der dunkle Turm