Thor: Tag der Entscheidung

WO DER HAMMER HÄNGT

8,5/10

 

thor3@ 2017 Marvel Studios

 

LAND: USA 2017

REGIE: TAIKA WAITITI

MIT CHRIS HEMSWORTH, TOM HIDDLESTON, CATE BLANCHETT, JEFF GOLDBLUM U. A.

 

„Also das… das hat mich schon sehr gestört. Hela ist doch nicht Odins Tochter, sondern Lokis!“, beschwert sich nach Betrachten des Filmes eine Mittelschülerin, die sich in der nordischen Mythologie ganz gut zurechtzufinden scheint und mit mir gemeinsam Thor: Tag der Entscheidung genießen durfte. Was folgt, ist eine stark gekürzte Abhandlung der Ereignisse rund um Odin´s Familiengeschichte, dem Fenriswolf, der im Film viel zu klein daherkommt, die Vernichtung Asgards und dem Ende Thors, der von der Midgardschlange vergiftet wird, übrigens auch eine Schwester Hela´s, aber das nur so am Rande. Das alles passiert dann beim Ragnarök, dem Weltenbrand, quasi der Apokalypse des Nordens, ziemlich Schlag auf Schlag. Nun, wo das Mädchen Recht hat, hat es Recht – Mythologen werden es bei Marvel´s Götterdämmerung garantiert mit der Angst zu tun bekommen. Sollen sie auch. Denn dafür geht man nicht in die Filme von Marvel, sondern besucht entweder eine Vorlesung oder schaltet daheim den History-Channel auf Durchzug. Irgendeine Doku über Mid-, Ut- und sonstige -gards gibt es dort bestimmt.  Für Thor: Tag der Entscheidung braucht man, wenn man I-Tüpferl-Reiter mit Anspruch ist, ein gehörig dickes Fell. So wie der Fenriswolf. Oder man legt sich eine Litho-Panzerung zu, wie sie der nach Revolution sinnende Steinmensch Bruce trägt, der davon träumt, dem Müllplaneten Sakaar eine neue Ordnung aufzuerlegen. Hat man Fell oder Panzerung, oder geht mit der nötigen Scheiß-drauf-Attitüde ins Kino, um zu sehen, ob neben den Guardians of the Galaxy noch andere Filme das Zeug haben, in rotzfrecher Manier einfach alle möglichen Versatzstücke des phantastischen Kinos durcheinander zu mixen, ganz so wie ein ausgebuffter DJ, dann wohnt man wahrscheinlich einem der griffigsten und launigsten Kunststücke aus dem Marvel Cinematic Universe bei, die je produziert worden. Denn Thor: Tag der Entscheidung ist mindestens genauso gut wie die Guardians of the Galaxy. Wenn nicht fast besser. Und das ändert nichts an der Tatsache, dass der eingedeutschte Untertitel Tag der Entscheidung im Vergleich zum Original Ragnarok ziemlich nichtssagend daherkommt. Aber das nur, weil mit Ragnarok die wenigsten etwas anfangen können. Da muss ich nur das Mädchen fragen, das mit mir im Kino war.

Nach Kenneth Branagh´s durchwachsenem Thor-Einstand und Alan Taylor´s düsterer Dunkelelben-Episode Thor: The Dark Kingdom ist der vorerst finale dritte Teil der Solo-Helden-Abenteuer rund um den Donnergott mit Abstand der beste Wurf. Natürlich haben sich Marvel und Disney ihre Blockbuster-Referenzen hergenommen und den Erfolg analysiert – ohne Analyse geht bei so teuren Produktionen überhaupt nichts mehr. Bei einem Genre, das sich so sehr von der Realität verabschiedet wie die weit weit entfernte Galaxis von Star Wars von der Erde, zählt die Anforderung eines spannenden, ernstzunehmenden Abenteuers längst nicht mehr. Da zählt der Spaß, der Irrsinn, die Kaleidoskophaftigkeit einer furiosen Zirkusaufführung weit jenseits der Vorstellungen eines Andre Heller oder Luis Knie. Da zählen Trapez- und Zauberkünstler, Clowns in aberwitzigen Kostümen und atemberaubende Showeffekte. Und ganz obendrauf, und eigentlich zuallererst, bevor der visuelle Firlefanz die Leidenschaft der Zuschauer am Sehnerv packt: die Skizzierung der Leading Characters. Sind die Figuren schal und flach, hilft nicht mal perfektes 3D. Über einen gewissen Zeitraum hinweg ja – aber nicht den ganzen Film hindurch. Luc Besson hat sich bei seinem visuell pipifeinen Comicverschnitt Valerian – Die Stadt der tausend Planeten in der Wahl seiner Hauptdarsteller ordentlich vergriffen. Ebenso Suicide Squad. Biestig, dreckig, gut gemeint. Aber darstellerisch eher halbgar. Guardians of the Galaxy funktioniert, weil der wilde, zusammengewürfelte Haufen an zwangskaritativen, in ihrem Wesen aber völlig unterschiedlichen Weltraumpiraten enorm viel ungefällige Persönlichkeit besitzt. Dieses Phänomen der ausmodellierten Charakterzeichnung findet sich – Odin sei Dank – auch in der furioser Weltraumeskapade von Regisseur Taika Waititi, seines Zeichens verantwortlich für die Indie-Gruselsatire 5 Zimmer Küche Sarg. Der Cast liest sich wie die Gästeliste eines internationalen Filmfestivals. Größen wie Cate Blanchett, Idris Elba und Jeff Goldblum, um nur einige zu nennen, verleihen auch der kleinsten Nebenrolle sichtlich spielfreudiges Charisma. Ganz zu schweigen von Chris Hemsworth und Mark Ruffalo, die, wie es scheint, noch nie so viel Spaß an der Sache hatten.

Ist der Cast einmal unter Dach und Fach, und ausreichend beschäftigt, kann man den Film auch noch so abgehoben inszenieren – das Ensemble ist wie ein Fels in der Brandung, dass für die Entfesselung einer wirklich famos bebilderten, spektakulären Weltraumkomödie ganz im Sinne von Star Lord, Gamora und Co grünes Licht erteilt. Von Drachen, Skelettkriegern, Magiern, Robotern und Aliens aller Art, die aus George Lucas´ Cantina zu kommen scheinen, werden diverseste Versatzstücke aus der High Fantasy und der märchenhaften Science Fiction durch den filmischen Cocktailmixer gejagt, um letzten Endes ein enorm augenzwinkerndes, auf Zug inszeniertes, astreines Vergnügen Marke Terry Pratchett zu servieren, das bis zur letzten Sekunde – und bis über die zweite Post Credit Szene hinaus – vorzüglich schmeckt. Lange begleitet mich noch Led Zeppelin´s Immigrant Song, der in der Hitze des Gefechts der Götter so dermaßen punktgenau zum Einsatz kommt, dass man überlegt, schon allein deswegen den Film noch einmal zu sehen. Weil das Eintauchen in lebendig gewordene Comic-Panels einfach fetzt. Ganz ohne Reue und verlorene Lebenszeit. Und nicht zuletzt, weil Hulk einfach zu meinen Lieblingen zählt. Schon allein aufgrund seines Wesens 😉

Thor: Tag der Entscheidung

Doctor Strange

WÜNSCHE ANS MULTIVERSUM

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strange

Der leider viel zu früh verstorbene, österreichische Atomphysiker Heinz Oberhummer, Mitglied der schärfsten Science-Boygroup der Milchstraße, hätte an der jüngsten Episode aus dem Marvel Cinematic Universe seine helle Freude gehabt. Warum? Nun, dazu muss man wissen, dass Oberhummer ein leidenschaftlicher Verfechter der Multiversum-Theorie war. Seine Argumente dafür finden sich übrigens in dem äußerst lesenswerten Buch Kann das alles Zufall sein wieder. Um dieses bislang rein hypothetische Phänomen geht es auch in der Zaubererexegese Doctor Strange. Allerdings bringt Regisseur Scott Derrickson hier einiges durcheinander, da er die Definition von Dimension mit jener für existierende Paralleluniversen verwechselt. Oder umgekehrt. Und manchmal liegt er auch richtig. Aber das sind nur Spitzfindigkeiten, über die Oberhummer augenzwinkernd gelächelt hätte. So wie über den ganzen Film, der auf publikumswirksame, aber naive und nicht mal populärwissenschaftliche Art und Weise den Horizont des Zusehers zu erweitern versucht.

Klar ist, dass Doctor Strange etwas anders ist als alle bisherigen Marvel-Verfilmungen. Hier gibt es zwar auch viel Action und publikumswirksames Rambazamba, und auch der Grundaufbau klassischer Blockbuster-Erzählschablonen wagt keine Innovationen. Wirklich anders sind die Effekte. Vor allem jene, welche die im Film immer wiederkehrende Spiegeldimension beschreiben. In ihr sind physikalische Gesetze zur Gänze aufgehoben. Oben und unten gibt es nicht mehr, und urbane Architektur von Gotik bis Moderne, fällt dem Irrwitz eines unaufhörlich ineinandergreifenden Kaleidoskops zum Opfer. Wahrscheinlich ein gar nicht so komplizierter Computereffekt, aber mit großer Wirkung. Als hätten M. C. Escher und Salvador Dali ein sich ständig veränderndes Perpetuum Mobile erschaffen. Beeindruckend, und ein Grund mehr, wiedermal ins Kino zu gehen. Für jene, die das nicht so oft tun möchten – oder können. Natürlich erinnert die verbogene und zerwürfelte Optik an Christopher Nolans Traum-im-Traum-Meisterwerk Inception. Doch dort, wo dieser seine visuellen Asse im Ärmel ausgespielt hat, setzt die Marvel-Zaubershow an. Hier geht es nicht mehr darum, mehr Wert auf die Geschichte zu legen, sondern vor allem darum, durch einen optischen Stil-Richtungswechsel für neue Begeisterung bei den Fans zu sorgen. Umso mehr, da die langsam gleichförmig werdenden Comic-Verfilmungen kaum mehr voneinander zu unterscheiden sind. Dabei besinnen sich die Studios leider nicht darauf, ihre immer gleiche Erzählweise zu hinterfragen. Heldengenese – Bösewicht – Kampf gegen den Bösewicht – Sieg und Neuanfang. Mit Ausnahme vom herausragenden Civil War unterliegen alle anderen Filme diesem Codex, der längst erneuert werden muss. Wahrscheinlich erst mit dem allumfassenden zweiteiligen Finale Infinity War, das 2018 in die Kinos kommen soll. Hier soll das Cinematic Universe – vorläufig oder nicht – ihr Ende finden. Und Doctor Strange war wohl gemeinsam mit dem kommenden neuen Spiderman der vorläufig letzte Einführungsfilm für einen neuen Helden, bis es endlich soweit sein darf – und Oberschurke Thanos seine Fäuste schwingt, um die Infinity-Steine an sich zu reißen.

Jetzt werden sich einige fragen: Infinity-Steine? Nun, diese Artefakte ziehen sich durchs gesamte Marvel-Universum wie ein roter Faden, genauer nachzulesen auf meinem Blog-Artikel Captain America: Civil War. Auch der leicht überhebliche Dumbledore-Erbe Strange eignet sich einen solchen Klunker an – das Auge von Agamotto, welches die Zeit beeinflusst. Womöglich der letzte Stein, um die Sammlung zu komplettieren, die in ihrer Vollständigkeit zur Unterwerfung des Universums führt.

Mit „Sherlock“ Benedict Cumberbatch haben sich die Studios und uns Comic-liebhabenden Kinonerds einen großen Gefallen getan. Der charismatische Engländer mit der tiefen Stimme verkörpert den selbstverliebten, altklugen Chirurgen und späteren Universenspringer in vollendeter Perfektion, ohne sich dabei großartig verstellen zu müssen. Die Rolle ist ihm wie der selbstdenkende Zauberumhang aus dem Film auf den Leib geschneidert. Hoffentlich wird es für Doctor Strange niemals einen Besetzungswechsel geben. Auch Tilda Swinton als glatzköpfiger, androgyner Dalai-Lama der Dimensionen setzt ihre Rolle ungewöhnlich locker und natürlich an, ohne gekünsteltem Pathos. Beide machen den Film vor allem darstellerisch sehenswert und verleihen dem Blockbuster Charakter und Tiefe.

Doctor Strange ist unterm Strich einer der schönsten Marvel-Filme überhaupt. Von formvollendetem Zauber und voller betörender Bildwelten. Mit überzeugendem Helden, jeder Menge lockerer Situationskomik und quirliger Dynamik – Eigenschaften, die Marvel-Filme erst so richtig sehenswert machen. Von der austauschbaren, leider etwas spannungsarmen Geschichte mal abgesehen ist das comicorientierte Fantasykino seit diesem Herbst um eine leichtfüßige, metaphysische, höchst unterhaltsame Zaubershow weit jenseits bekannter Kartentricks reicher.

 

 

Doctor Strange