Zombieland: Doppelt hält besser

ALLTAGSWITZE ZUR ENDZEIT

6/10

 

zombieland2© 2019 Sony Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: RUBEN FLEISCHER

CAST: WOODY HARRELSON, JESSE EISENBERG, EMMA STONE, ABIGAIL BRESLIN, ROSARIO DAWSON, LUKE WILSON U. A.

 

Die Welt der Witze. Es gibt Schülerwitze, Beamtenwitze, morbide Witze und Sexwitze. Es gibt für jede Kategorie im Leben ganz spezielle Witze. Es gibt auch für Zombies Witze. Ruben Fleischer, Macher des Venom-Erstlings (Teil 2 soll folgen) hat eine Menge solcher Witze zusammengesammelt, gehortet und einen Film daraus gemacht. Entstanden ist: Zombieland: Doppelt hält besser. Wenn man so will: Band 2 einer Witzeanthologie, dessen Inhalt sich natürlich ausgiebig und herrlich süffisant über das Wesen des Zombieseins mokiert. Und über den Alltag derer, die diese Apokalypse überleben wollen. Dabei hat man in Zombieland, wenn man es richtig anstellt, eigentlich das schönste Leben. Gratis Stromversorgung (dass alle Umspannwerke dieser Welt immer noch in Betrieb sind, ist bemerkenswert), kostenlose und unverderbliche Waren aller Art, und vor allem Munition, denn die ist lebenswichtig. Und natürlich das ganze Weiße Haus für die Familie rund um Tallahassee, seines Zeichens glorreicher Siebter, der Padre unter den versprengten Nerds. Woody Harrelson agiert als väterlicher Sprücheklopfer mit ausreichend kumpelhaftem Sarkasmus und geradezu kindlicher Spielfreude. Endlich mal wieder eine Rolle, die so leicht von der Hand geht, als wäre erlerntes Schauspiel gar nicht gefragt. So geht es Emma Stone, Jesse Eisenberg und Abigail Breslin auch. Zombieland verlangt nämlich nur eines: Sinn für perfiden Humor, Scheißdirnix-Attitüden und die Bereitschaft, jede Albernheit auszuleben.

Dabei ist die teerblutige Witzkiste mehr ein Benutzerhandbuch für das Ausleben postapokalyptischer Freiheiten mit allerlei Regeln und Geboten, die dann in dreidimensionalen Lettern durchs Bild rauschen. Fit bleiben ist eine davon, mit leichtem Gepäck zu reisen eine andere. Rund um diese Spaßfreudigkeit aber bleibt der Plot so trostlos leergeräumt wie die ganze ex-zivilisierte Welt. Die Spannungsschraube ist dem erodierenden Verfall preisgegeben worden, und die gut aufgelegte Baller-Kombo liebäugelt aber eigentlich mit einem ganz anderen Medium: mit dem einer Sitcom. Dafür passt Zombieland so angegossen wie der Schuh von Elvis Presley. Die Alltagskalauer, aufgefädelt und aneinandergereiht wie Perlenketten vor die Untoten, folgen – und der Vergleich ist durchaus krass – dem inhaltlichen Konzept der prähistorischen Abenteuer von Ice Age: ein Road- oder Feetmovie von A nach B, währenddessen lernt man neue Freunde oder Feinde kennen, nimmt sie mit oder lässt sie zurück, und am Ende kommt ein Showdown, der nun mal kommen muss, sonst hätte Zombieland genauso wie Ice Age keinen Höhepunkt, sondern würde nur so vor sich hinplätschern wie zwar zerstreuendes und durchaus angenehmes, aber beiläufiges Kaminfeuer. Keine Frage, Zombieland unterhält. Dem Ensemble zuzusehen macht Spaß, man lacht und wundert sich. Und wendet nicht mal angeekelt den Blick von Blut und Erbrochenem ab, weil all diese Körper- und Magensäfte Teil eines Gesamtcartoons darstellen, der in seiner lustwandlerischen Überhöhung als groteske Sketchparade sein Handwerk versteht.

Hat man Zombieland aber nicht gesehen, ist die Lust nach Zombiewitzen entweder längst gestillt oder Witzetypen sind andere, was durchaus in Ordnung wäre, da ein Versäumnis von Ruben Fleischers Ramba-Zamba-Streifen zwar ein Guilty Pleasure, aber kein Call of Duty ist. Für Zerstreuung und Abstand von einem teils zomboiden realen Alltag ist die spielfilmlange Sitcom durchaus ideal. Cameos und Easter Eggs auf die untote Popkultur sind sowieso immer der Bringer. Sonst aber fühlt sich Zombieland an wie ein launiges Zwischenspiel, eine Etappe – ein Intermezzo von etwas Gewichtigerem, Substanziellerem, was aber nicht da ist, was man aber gerne vermuten würde. So wie ein Ziel in diesem ziellosen Amerika, dass anscheinend nur die Zombies haben.

Zombieland: Doppelt hält besser

White Boy Rick

DEAL WITH IT

5/10

 

Matthew McConaughey (Finalized);Richie Merritt (Finalized)© 2019 Sony Pictures Germany

 

LAND: USA 2019

REGIE: YANN DEMANGE

CAST: RICHIE MERRITT, MATTHEW MCCONAUGHEY, BEL POWLEY, JENNIFER JASON LEIGH, BRUCE DERN, EDDIE MARSAN, RORY COCHRANE U. A.

 

Hätte die österreichische und leider schon verstorbene Dokufilmerin Elisabeth T. Spira ihre Alltagsgeschichten in den USA gedreht, hätte es sicher eine Episode gegeben, die mit dem ungefähren Arbeitstitel „Auf der Waffenmesse“ dem Stelldichein rund um Ballermann und Söhne auf den Zahn gefühlt hätte. Natürlich in ihrer entwaffnend diskreten Art, und der eine oder andere Waffennarr hätte wohl manch verstörende Bekenntnisse von sich gegeben. Mit so einem Schwenk über die Tischreihen voller schwarzer Sporttaschen, angefüllt mit Schießeisen aller Art, beginnt das auf realen Begebenheiten beruhende, biographische Kriminaldrama rund um einen Jungen, der Walter White aus Breaking Bad wohl alle Ehre gemacht hätte und der in völlig natürlicher Annahme, Waffen sind Teil des Alltags, seinen Papa auf eingangs erwähntes Event begleitet. Natürlich hat dieser Junge das Spektrum an Waffentypen, deren Gadgets und Wirkungsgrad schon mit der Muttermilch aufgesogen. Ein Jungspund-Profi unter dem Herrn, besser gesagt unter dem alten Herrn, denn Papa Rick lehrt ihn Sachen Erziehung genau das, worauf es ankommt. Wir schreiben die 80er im Drogen-Gomorrha Detroit, und Matthew McConaughey ist mit Vokuhila und Rotzbremse unterwegs. Ein extremer Proletenlook, fehlt nur noch das Goldkettchen. Ob das dabei war, weiß ich nicht mehr. Zumindest hat dieses Rick jr., der anders als seine Schwester zwar nicht zu den Drogen greift, aber alsbald mit den Drogen dealt, da er als zwangsläufiges Spitzel für das FBI arbeiten muss – sonst wandert der väterliche Schnurrbart hinter schwedische Gardinen. Denn das Dealen mit Waffen ist genauso wenig rechtens wie das Dealen mit Crack. Aber wie geht’s wohl so einem Halbwüchsigen, der mit dem großen Unterwelt-Business in Berührung kommt? Der wittert das große Geld. Und aus der Arbeitsteilung mit den Guten, die längst nicht so gut sind, wie sie scheinen (wie kann man einen 14jährigen Jungen nur so ausnutzen?) wird eine wenig überraschende selbige mit den Bösen. Letztere Arbeitsteilung ist wohl profitabler, zumindest vorerst. Das war bei Breaking Bad genauso. Nur der Krug geht solange bis zum Brunnen bis er bricht. Und irgendwann zerbricht auch die Welt von Rick Junior.

Das Krimidrama des britischen Video- und Fernsehfilmes Yann Demange (u. a. das Irlanddrama ’71) nimmt sich ausreichend Zeit, den Prozess eines existenziellen Niedergangs genau zu beobachten. Doch sein Film hat ein grundlegendes Problem, das angesichts seiner Thematik womöglich gar nicht anders gelöst hätte werden können: all die Figuren in White Boy Rick, all diese schon im Vorfeld gescheiterten Charaktere, die ihr Heil im Verbrechen suchen, sind von einer Arroganz durchdrungen, die es schier unmöglich macht, auch nur irgendeine Form von Sympathie zu empfinden. Bei Matthew McConaughey, der schon in Dallas Buyers Club mit fragwürdiger Gesichtsbehaarung Mut zur Hässlichkeit bewiesen hat, darf auch hier am Rande der Gesellschaft stehen. Am Schwierigsten zu begreifen allerdings ist die Rolle des von Richie Merritt dargestellten Teenies Rick, der in einer präpotent altklugen Art anscheinend komplett zu wissen glaubt, wie die Welt funktioniert. Der in seiner Dreistigkeit fast schon widerliche Jungspund macht auf cool, wie es Jungs in diesem Alter eben tun – und reflektiert auch dann nicht sein Tun, als er älter wird, als er sieht, welches Elend sein Tun verursacht. Auch das erinnert an Breaking Bad, auch in Vince Gilligans Serienkult liegen die Skrupel vor dem Elend der „Kunden“ mit der Gier nach Reichtum im verstörenden Dauerclinch, ohne einen befriedigenden Konsens zu finden. Den gibt es auch gar nicht. Und Zukunft hat das Ganze auch nicht, wie die Faktenlage hinter der real existierenden Figur des Richard Wershe jr. preisgibt.

White Boy Rick enthält nichts, was nahegeht. Keinen Charakter, dessen Schicksal tangiert, mit Ausnahme vielleicht von Ricks drogensüchtiger Schwester Dawn (intensiv: Bel Powley). Das haben Biopics über Verbrecher, die im Grunde keinen eigenen Film verdient haben, manchmal so an sich. Und wie man sich bettet, so liegt man, anders lässt sich das gar nicht formulieren. Richie Merritt ist daher auch längst kein Sympathieträger, sondern eher einer, der meint, dass ihn andere gar nicht verdient haben. Das lässt mich als Zuseher außen vor. Diese unreflektierte Arroganz fröstelt, berührt mich eher unangenehm. Und lässt White Boy Rick von mir aus mit seinem Schicksal allein.

White Boy Rick

Once upon a Time … in Hollywood

AUS LIEBE ZUM KINO

7,5/10

 

once-upon-a-time-in-hollywood© 2019 Sony Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: QUENTIN TARANTINO

CAST: LEONARDO DI CAPRIO, BRAD PITT, MARGOT ROBBIE, EMILE HIRSCH, KURT RUSSEL, AL PACINO, DAMIAN LEWIS, BRUCE DERN, DAKOTA FANNING U. A.

 

Die Welt des Films ist eine, deren Möglichkeiten prinzipiell unbegrenzt sind. Es lässt sich alles machen, alles ausprobieren, und damit meine ich jetzt nicht vorrangig die am Computer generierten alternativen Kulissen aus Welten, die über Zeit und Raum erhaben sind. Damit meine ich auch die Möglichkeit, Geschichte zu manipulieren, sie zu verzerren oder ganz anders aussehen zu lassen. Damit meine ich auch, Aggressoren zu bannen oder Schreckliches im Nachhinein zu verspotten. Film schafft Veränderung, wo sich nichts mehr verändern lässt. Und nimmt Rache, wo Rache noch Sinn macht. So wie bei Quentin Tarantino. Denn der in den 60er und 70ern aufgewachsene Sonderling, der macht nämlich genau das: Vergeltung üben. Das hat er schon bei Inglourious Basterds getan, als wohl einziger Filmemacher, der den Mut gehabt hat, ein heikles Thema wie den Nationalsozialismus von ganz anderer Seite anzugehen, nämlich nicht im Sinne von Aufarbeitung und Information, sondern mit dem irren Vorhaben, dieses Trauma zu enttraumatisieren, in dem er die Geschichte einfach soweit verbogen hat, damit etwas völlig anderes entstehen kann. Um damit die in Stein gemeißelte Resignation vor dem Fürchterlichen zu brechen.

Tarantinos neues, entschleunigtes Zeitgemälde ist genau das: ein Film der Brüche. Der Ausbrüche, Umbrüche und der Brüche mit der Wirklichkeit. Die Ausbrüche passieren in seiner so geliebten Welt des Kinos, wo das New Hollywood aus den müde gewordenen, verknöcherten Gesellschaftsbildern in verstaubter Studio-Optik auszubrechen versucht, ganz neue Dinge probiert, den Mut hat, eine gewisse Komfortzone zu verlassen, um Gewohntes, so unbequem es auch sein mag, hinter sich zu lassen. Tarantino scheint diese Energie angesichts der aktuellen Tendenz zum Convenience-Streamingkino schmerzlich zu vermissen. Sein New Hollywood aber isn´t dying, und er betrauert das alte nicht, wie zum Beispiel bei The Artist von Michel Hazanavicius. Er setzt auf die Möglichkeit einer wiederkehrenden Dynamik, die als Figur des Schauspielers Rick Dalton händeringend darum kämpft, den Kopf über Wasser zu halten. Die Umbrüche hingegen manifestieren sich in der Jugendbewegung des Flower Power in einem sonnendurchfluteten Kalifornien, wo überidealisierte Teenie-Hipster prinzipiell mal gegen alles sind und zu überschnappenden Amazonen in Hot Pants und Leinentunika mutieren. Für Tarantino ist diese Bewegung mit so dunklen Wucherungen wie die der Manson-Familie verbunden. Sein Umbruch ist einer, der sich komplett verpeilt.

Den Bruch mit der Wirklichkeit, den leistet sich die tragikomische Szenenrevue, die gerne und schwer greifbar in der Timeline hin und herpendelt, mit dem Erscheinen der beiden fiktiven Gestalten Rick und Cliff. Sie stolpern in ihre Zeit wie exaltierte Stan und Ollies, als wären sie immer schon dagewesen, als hätte man sie nur noch nie wahrgenommen. Mit Leonardo DiCaprio als larmoyanten Darstellungskünstler, den sein Ehrgeiz quält und sein Selbstwert des Öfteren abhandenkommt, hat sich Tarantino einen riesengroßen Gefallen getan, und es war absehbar, dass DiCaprio nach seiner viel zu wenig gewürdigten Performance in Django Unchained diesmal viel mehr zu sagen hat als in The Revenant. Hier tobt sich der Star so dermaßen aus, als hätte er nicht nur seinen Job zu verlieren. Welches Repertoire an inneren Zuständen er da ausrollt, ist von verblüffender Vielseitigkeit und könnte ihm, so vermute ich, einen zweiten Oscar einbringen. Überhaupt spielt er seinen Partner Brad Bitt, der anscheinend verlernt hat, ganz große Gefühle zu empfinden und stets der Beobachter bleibt, mühe- und gnadenlos an die Wand.

Tarantino will mit Once upon a Time… in Hollywood gar keine Geschichte erzählen. Er will sich erinnern, daran was war oder hätte sein können. Und während er sich erinnert, fällt ihm ein, dass er selbst Teil der Filmgeschichte ist, Teil eines Umbruchs Anfang der Neunziger. Und so durchzieht er seine Anekdotensammlung mit allerlei Referenzen an sein eigenes filmisches Oeuvre, von Pulp Fiction bis The Hateful Eight und versteckt mit diebischer Freude unzählige Zitate, die das Ringen des Kinos mit dem hippen Fernsehen süffisant und farbenfroh befeuern. Dazwischen eine Lichtgestalt reinster Unschuld: Margot Robbie als Sharon Tate, einer kindlichen Kaiserin gleich, die im Kino Audienz für das Publikum gewährt. Und es ist ein Kaleidoskop seiner Zeit, ein Experiment der Genugtuung und Verehrung, darüber, dass vieles so kam oder nicht so kam, wie es kommen sollte. Tarantino resigniert nicht vor all dem deterministischen Chaos, doch die Wehmut ist letztendlich groß, und wird nur getröstet durch die Philosophie eines Kinos, das zeitlos bleibt und vieles wieder gut machen kann.

Once upon a Time… in Hollywood ist ein Liebhaberfilm für Filmliebhaber. Da muss man schon Leidenschaft empfinden und mitempfinden. Ein Nerd sein, ein bisschen so wie Tarantino, der in seinen Interviews davon schwärmt, als Handwerker analog zu filmen und alles selber zu schreiben. Für den nichts geht ohne Kino. Denn Tarantino ist Film. Tarantino ohne Film ist nicht vorstellbar. Also freue ich mich jetzt schon auf seinen zehnten, und sicher nicht letzten Streich, der vielleicht ganz andere Wege geht als bisher. Der vielleicht, wie ein Umbruch, all das Alte hinter sich lässt. Vermuten lässt es sich zumindest.

Once upon a Time … in Hollywood

Spider-Man: Far From Home

WIR MÜSSEN JETZT STARK SEIN

6,5/10

 

spidermanfarfromhome© 2019 Sony Pictures

 

LAND: USA 2019

REGIE: JON WATTS

CAST: TOM HOLLAND, JAKE GYLLENHAL, SAMUEL L. JACKSON, JON FAVREAU, MARISA TOMEI, ZENDAYA, COBIE SMULDERS U. A.

 

Gibt es denn ein Leben nach dem Endgame? Ja, doch, das gibt es. Darüber hinwegzukommen, dass die finale Schlacht um Thanos nicht ohne Verluste blieb, geht natürlich nicht von heute auf morgen. Und auch nicht von Frühling bis Sommer, wie uns der neue Spider-Man klarmachen will. Da hilft meistens nur die Methode, Abstand von alldem zu gewinnen. Denn das sind ja keine Peanuts, wenn man auf fremden Planeten gegen einen violetten Giganten antritt, an der Außenhülle eines Raumschiffs hängt und am Ende noch seinen Mentor verliert. Das schreit nach einer Auszeit fernab jeglichen Heldengetöses, in der sich Jungs wie Peter Parker, nicht mal noch volljährig, auf die eigentlich wesentlichen Dinge des Lebens rückbesinnen können. Auf das Zwischenmenschliche sozusagen. Auf das Mädchen MJ aus Parkers Klasse, die durch ihre unkonformistische Art das Interesse des Fassadenjunkies geweckt hat. Gut, dass die ganze Klasse gemeinsam nach Europa fliegt, denn auf Reisen lässt sich einfacher Bande knüpfen als im Alltagstrott daheim, wo vielleicht ohnehin nur neue Heldentaten auf ihre Erfüllung warten. Was sie auch tun, denn Ex-S.H.I.E.L.D.-Manager Nick Fury versucht verzweifelt, den Jungspund zu erreichen.

Mit Spider-Man: Far From Home endet Phase 3 des Marvel Cinematic Universe. So wie es aussieht holt sich Phase 4 dann doch noch den einen oder anderen Protagonisten mit aufs Boot, das zu neuen Ufern aufbrechen will. Die ganz alten Haudegen dürften Geschichte sein, das lässt sich auch anhand des rührseligen Farewell-Intros des vorliegenden Abenteuers nochmal besser begreifen. Tom Holland aber dürfte noch einiges vorhaben, wie es aussieht. Und mit ihm auch Samuel L. Jackson als Nick Fury oder Jon Favreau als integrer Happy, die gute Seele des Hauses, wenn man so will. Das macht den Abschied leichter, und den Übergang in ein neues Kapitel gar nicht so sehr zu einem Abnabelungsprozess wie befürchtet. Mit Jake Gyllenhaal taucht dann noch dazu ein kompletter Neuling auf, einer, der von einer alternativen Erde stammt, und mit anpackt, wenn es heißt, die neue Bedrohung des Planeten durch die Eternals abzuwenden. Das neue Abenteuer sieht also nach einem jugendlichen Interrail-Trip quer durch Europa aus, nur ohne Interrail und zwischendurch gibt es weltbewegende Giganten, die nicht nur die Lagunenstadt demolieren.

Jon Watts beweist da einmal mehr ein Händchen fürs lockere Inszenieren, fürs unbekümmerte Zusammenspiel seines Ensembles, das sichtlich Spaß an der Sache hatte, sich aber manchmal zu sehr auf ihren kindlich-naiven Charme verlässt, der natürlich einnehmenden Unterhaltungswert hat, allerdings nicht ganz so treffsicher Show macht wie bei Spider-Man: Homecoming. Dessen Esprit war eindeutig besser, und auch Michael Keaton war ein Antagonist, der nicht ganz so sehr einer Allmachtsfantasie erlegen war wie das bei Bösewichten oft der Fall ist. Spider-Man: Far From Home scheint da diesmal gänzlich ohne handfesten Widerpart auszukommen – oder doch nicht? Zu leicht tappt man bei der Rezension des aktuellen Abenteuers ins Spoiler-Fettnäpfchen, an jeder Ecke lauern kleine, nicht immer schlüssige Story-Twists, die aber für enorme Kurzweil sorgen, und die auch richtig schön ins Geschehen katapultieren, sodass sich der Alltag wie bei einer Reise üblich mit dem Fingerschnippen ausknipsen lässt.

Das quirlige Actionspektakel mit allerhand Akrobatik hat aber zum Glück nicht vergessen, seine Story auch mit einem Quäntchen Zeitgeistkritik zu versehen. Hier dreht sich viel um Social Media, Fake News und Meinungsmache, nah am Puls technophiler Trends. Dem wird mit viel süffisanten Seitenhieben und durchaus auch aufrichtiger Skepsis begegnet, wobei das Vermächtnis des Tony Stark und all die paranormalen Gewaltakte der letzten 22 Filme sehr starken Einfluss auf Spider-Man: Far From Home haben, denn nichts bleibt ohne Folgen, schon gar nicht im MCU, weshalb hier auf Details geachtet und auf ein gutes Erinnerungsvermögen gesetzt werden muss, bis zurück an die Anfänge. Wichtig ist es auch, sitzen zu bleiben bis nach dem Abspann, und ich meine, ganz nach dem Abspann, denn die Post Credit-Szenen, die wir bei Endgame schmerzlich vermisst haben, sind wieder da – und haben es in sich, wie selten zuvor. Wobei klar wird: das Bündel, das der Junge im Stretch tragen muss, wird schwer auf seinen Schultern lasten, aber was hilft´s – wir alle müssen jetzt Stark sein 😉 Oder kann es doch nur einen geben?

Spider-Man: Far From Home

Spider-Man: A New Universe

ICH BIN VIELE

6,5/10

 

spiderman_anewuniverse© 2018 Sony Pictures

 

LAND: USA 2018

REGIE: BOB PERSICHETTI, PETER RAMSEY, RODNEY ROTHMAN

CAST (MIT DEN STIMMEN VON): SHAMEIK MOORE, MAHERSHALA ALI, NICOLAS CAGE, CHRIS PINE, HAILEE STEINFELD U. A.

 

Wo soll ich da bitte anfangen? Das frage ich mich des Öfteren, wenn ich bei Comicbörsen in den Sammlerboxen für Marvel-Hefte herumwühle. Avengers, Spider-Man, Iron-Man, für jeden Helden gleich mehrere Storylines, scheinbar schon seit ewigen Zeiten fortlaufend. Crossovers, Extras und Spin-Offs erschweren noch zusätzlich die Lage, hier Übersicht zu bewahren. Und womit ich jetzt heftmäßig starten soll, kann mir auch keiner genau beantworten. Wie viele Tode ist Batman eigentlich schon gestorben? Oder Superman? Oder eben Spidey? Da kann ich ja froh sein, zumindest im Kino noch alles auf die Reihe zu bekommen. Was aber durch die von Sony neu erschaffene, alternative Realität zum Marvel Cinematic Universe ähnlich erschwert wird, als würde man mit einer weiteren Nullnummer in Heftform für weiteres Chaos sorgen.

Ganz so viel Verwirrung wird aber durch Spider-Man: A New Universe auch nicht heraufbeschworen. Zumindest nicht, was den Plot betrifft. Dem lässt sich schon ganz gut folgen. Für unsere Helden im Film allerdings steht so ziemlich alles Kopf, nicht nur der kopfüber vom Spinnenfaden hängende Peter Parker. Oder ist es gar nicht Peter Parker? Radioaktive Spinnen (woher die Arachniden eigentlich kommen, bleibt doch in allen Filmen ungeklärt, oder?) gibt es im vorliegenden Abenteuer gleich mehrere, abgesehen von ihrer multiplen Existenz in alternativen Realitäten. Die andere radioaktive Spinne, um die es geht, zwickt diesmal den Schüler Miles Morales – und lässt ihn naturgemäß genauso werden wie den bereits werbewirksam vertretenen Helden Parker. Das Ganze spielt natürlich in einer weiter fortgeschrittenen Zukunft. Da ist Parker schon um einiges älter. Morales wird in seine Fußstapfen treten, zu verdanken hat er das dem Erzschurken Kingpin, ein Schrank von einem Ungustl mit Doppelkinn und Triefauge. Der will wiederum seine Familie zurück – und ist bereit, das Raum-Zeitkontinuum zu manipulieren. Da wir in Spider-Man: A New Universe alle davon ausgehen, dass die Multiversum-Theorie Fakt ist, lässt sich die Konsequenz dieses physikalisch-technischen Schindluders leicht erahnen: Spider-Man Morales ist nicht mehr der einzige Held im Netzkostüm. Da gibt es noch andere, die nacheinander durch diverse Sogportale zur knallbunten Party purzeln. Mitunter auch Schweine.

Und knallbunt, das ist des Comicfilms zweiter Vorname. Es gibt bereits Filme, vor allem Live Act-Filme, die ganz so aussehen wollen wie Comics. Natürlich Sin City, und natürlich 300. Spider-Man: A New Universe hat einen ähnlichen Look, spielt mit Panels, onomatopoetischen Einsprengseln und Bildtexten. Mit Splitscreens, groben Druckrastern und mixt auch noch unterschiedliche Zeichenstile, vor allem wenn die völlig anders entworfenen Alternativ-Spideys aus den anderen Dimensionen in Miles Morales Welt ihren Cameo hinlegen. Trotz all dieser Stilmittel, der graphischen Überstilisierung und der manchmal fast plastischen Anmutung eines realen Filmabenteuers wirkt Spider-Man: A New Universe erstaunlicherweise wie aus einem Guss. Die betont lässige Superheldenkomödie setzt ganz auf die jugendfreie Humorversion eines Deadpool, hat einen Wortwitz wie bei Roger Rabbit und führt seine Fülle an Anta- und Protagonisten mit lockerem Händchen ins Geschehen ein. Dieses geschickte Timing verdankt der Film dem Skript von Phil Lord, seines Zeichens Mastermind hinter den Lego-Movies. Den popkulturellen Klamauk mit den Noppensteinen im Hinterkopf, hat Lord auch hier Scheuklappen für stringente Erzählwelten entfernt. Die Marvel-Alternative und LEGO wirken plötzlich gar nicht mehr so fremd zueinander. Die augenzwinkernde Dynamik mit starkem Hang zur Selbstironie ist da wie dort ein Nerd- und Zitate-Flashmob sondergleichen. Was aber wirklich das Auge des Betrachters strapazieren kann, ist die Farb- und Formexplosion, die fast schon ans Psychedelische grenzt. Kadeisoskopartig langt das RGB-Spektrum tief unter die Netzhaut, vor allem wenn man den Film im Kino genießt. Da braucht man nachher einen leeren Raum, um das Auge zu entspannen, quasi eine visuelle Entreizungszone.

Spider-Man: A New Universe ist ein filmgewordenes Holi-Fest. Ist noch dazu rasant und zwar nicht dramaturgisch, dafür aber visuell durchaus nicht unanstrengend. Das invertierte Outfit des Miles Morales ist letzten Endes sogar noch cooler als das von Peter Parker. Und der muss noch ein bisschen abnehmen, falls er beim nächsten Mal überleben will.

Spider-Man: A New Universe

25 km/h

RAUS AUS DER KOMFORTZONE

6/10

 

25kmh© 2018 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH

 

LAND: DEUTSCHLAND 2018

REGIE: MARKUS GOLLER

CAST: LARS EIDINGER, BJARNE MÄDEL, SANDRA HÜLLER, FRANKE POTENTE, ALEXANDRA MARIA LARA, JELLA HAASE, WOTAN WILKE MÖHRING U. A.

 

Wie sagen wir bei uns hier in Österreich? „A schene Leich“. Das ist leider allzu oft der Anlass schlechthin, zu welchem sich lange nicht gesehene und verschollene Verwandte wieder ans Tageslicht räkeln. Da tauchen sie plötzlich auf, die Angehörigen zweiten, dritten und was weiß ich wie vielen Grades, um den Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Manchmal kann es sein, und die eigenen Kinder marschieren vor dem geöffneten Grab auf, auch wenn sie vielleicht mehrere Dekaden lang fast schon selbst für tot erklärt wurden. Bei einem Begräbnis, da hört sich der Groll dann doch auf. Wenn es um den Tod geht, wollen alle wieder ganz nah beisammen sein. Auch der vielbeschäftigte Businessman Christian, gespielt von Lars Eidinger, der zwar endlich mal wieder die Heimat seiner Kindheit wieder aufsucht, aber selbst bei der Einsegnung viel zu spät antanzt. Das kann Bruder Georg kann nicht gut vertragen. Also gibt’s Anfangs mal Stunk, bis das Eis zwischen den ehemals Unzertrennlichen – man sieht es anfangs anhand nachgestellter Super 8-Filme, wie sehr Christian und Georg einander mochten – langsam schmilzt. Ein Besuch auf dem Dachboden bringt dann auch wieder ein altes Vorhaben in Erinnerung: nämlich eine Tour vom Schwarzwald bis an die Ostsee, und zwar mit zwei ziemlich ramponierten Mofas. Zwischendurch ist dann alles Verbotene Pflicht, so die Idee in den Köpfen der damals 15jährigen. Mit genug Alkohol im Blut und einer momentanen Wurstigkeit dem Leben gegenüber werden die fahrbaren Untersätze aus der Scheune gekramt und los geht´s. Was dann kommen soll, ist entweder Bestimmung oder die Lösung von Problemen, die zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht artikuliert sind.

So fahren sie dahin, in Markus Goller´s Roadmovie unter der 30er Zone. Mit Roadmovies kennt sich Goller ja schließlich ganz gut aus. Dieses Genre des Reisefilms birgt wie kaum ein anderes wirklich gute Chancen auf ungetrübte Selbstfindung. Darüber hinaus ist das Gefühl von Freiheit nicht weniger zum Greifen nah. Raus aus dem Trott der Trübseligkeit, Goodbye Tristesse! Auch mit seinen Filmen Frau Ella und Simpel war Goller bevorzugt auf den Straßen unterwegs, also ist 25 km/h eine ähnlich angelegte Tragikomödie, die noch dazu zwei hinreißende Schauspieler vor der Kamera agieren lassen darf. Wovon der eine, Bjarne Mädel, eine lakonisch-depressive Grummeligkeit an den Tag legt, die gut und gerne in einem Film von Aki Kaurismäki auftauchen könnte. Lars Eidinger ist im Gegensatz dazu der so fahrige wie extrovertierte der Beiden. Laufend treffen sie also auf Gestalten am Rande der Straße. Auf nicht weniger sehnsüchtige Individuen, die entweder Gewesenem nachweinen, die Wurzel des Daseins suchen oder glauben, sie sind die Größten. Goller gewann dafür jede Menge namhafte deutsche Stars, unter anderem lässt sich wieder mal Franka Potente blicken, die ich zuletzt in der von Ridleys Scott produzierten History-Serie Taboo an der Seite von Tom Hardy entdecken konnte. Wie auch immer, sie alle haben Freude am Spiel. Und dennoch springt die Zündung manchmal nicht so ganz auf das kauzig-melancholische und teils schräge Easy Rider-Filmchen über.

Das Ziel ist wie so meist das Meer, und auch in 25 km/h fordert die Schwarzwälder „Bucket-List“ als letzten Punkt das Wasserlassen in die Ostsee. Bis dahin aber sind es doch eher leere Kilometer, wenn es darum geht, dem Unerwarteten zu begegnen. Goller hält sich trotz aller teils skurrilen Momente relativ streng an bewährte Muster für eine Tragikomödie über Land. Es wird gelacht, geweint und natürlich erkannt, was das Wichtigste im Leben ist. So richtig witzig wird 25 km/h nie, es ist ein Film zum Schmunzeln. Einer, der gute Laune macht, seine Meilensteine mit vielen bekannten Gesichtern spickt und grundsätzlich wirklich gut meint mit seinen beiden gescheitert scheinenden Single-Männern, die da im Begräbnis-Anzug fast schon den Blues Brothers gleich durch beeindruckende, sonnendurchflutete Landschaften eines deutschen Sommers tingeln. So ansprechend hat man die scheinbar endlosen Waldgebiete im Südwesten unseres Nachbarlandes selten gesehen. Und auch gen Norden lässt sich die eine oder andere Gegend als besuchenswert klassifizieren. Wobei an Berlin sowieso kein weg vorbeiführt. Das ist erquickend und irgendwie beruhigend. So aufgeregt unaufgeregt, weil vorhersehbar führt Goller seinen kleinen Film durch die gefälligen Höhen und Tiefen einer Streckentherapie, die eigentlich nicht weh tut und nur in manchen Fällen ein bisschen Überwindung kostet. Und dieses bisschen Überwindung, die kann ein Leben verändern. Meist zum Guten.

25 km/h

Alpha

ES WAR EINMAL… DER HUND

6/10

 

alpha© 2018 Sony Pictures Entertainment

 

LAND: USA 2018

REGIE: ALBERT HUGHES

CAST: KODI SMIT-MCPHEE, LÉONOR VARELA, NATASSIA MALTHE U. A.

 

Besucht man in Wien das Naturhistorische Museum am Maria Theresien-Platz, empfiehlt es sich, die erste Etage hochzugehen und die Besichtigung der prähistorischen Abteilung mal von links zu beginnen. Kurz vor dem Eingang in den Saal mit den Dinosaurier-Skeletten und dem beweglichem Allosaurus gibt es links in einem Seitengang das Modell einer steinzeitlichen Behausung im Originalformat. Blickt man dort hinein, so sieht man einen Screen, auf dem ein Nonstop-Filmchen über die Kreaturen des Pleistozäns im Endlos-Loop zu sehen ist. Genauso gut könnte dort der Abenteuerfilm Alpha laufen, nur wäre der Bildschirm im muffigen Inneren des mit Fellen und Schädelknochen ausgebauten Unterschlupfs für all die Bildgewalt, die Alpha bietet, entschieden zu klein. Da hätte ich lieber einen eigenen Kinosaal innerhalb des klassizistischen Gebäudes, für genau solche Filme, wie Albert Hughes jugendkonforme Antwort auf The Revenant einer ist.

Ein ähnlich intensives Erlebnis wie Jean Jacques Annaud´s Am Anfang war das Feuer zu erwarten, würde mit einer gewissen Enttäuschung einhergehen. Ebenso würde ich ohne Zweifel den österreichischen Ötzi-Thriller Der Mann aus dem Eis als um Mammutlängen authentischer einstufen, da dieser sogar versucht hat, den ohnehin wortkargen Film in einer möglichen Ur-Sprache erklingen zu lassen. Ohne Untertitel wohlgemerkt, um noch das letzte bisschen Bequemlichkeit zu nehmen, und außerdem erschließt sich die übersichtliche Handlung alleine schon durch das Agieren der archaisch bekleideten Opfer und Täter irgendwo in Südtirol ohnehin. Alpha hat weder Annaud´s erdig-urtümliche Atmosphäre, noch den Anspruch auf Authentizität wie Felix Randau´s unwirtliche Zeitreise. Aber: Alpha besticht durch landschaftliche Tableaus im Morgen- und Abendlicht, nach dem Regen und vor dem Sturm. Das Licht legt sich wie flüssiges Gold über das Grasland, rotviolettes Zwielicht taucht die Szenerie in ein mitunter leicht kitschiges, aber sattes und opulentes Damals eines Europas vor rund 20.000 Jahren, das sich geografisch nicht so genau festlegen will und daher alle möglichen Ökosysteme des alten Kontinents miteinander vereint – von scharfkantigen Schluchten bis hin zu ausladenden Gletschern und schroffen Gebirgen. Alpha ist wie ein Diorama, und auch solche Arrangements finden sich in den Naturkundemuseen dieser Welt. Es ist, als steige man in Albert Hughe´s Steinzeitabenteuer direkt in ein interaktives Museum. All das, was sich in den Sammlungen zur Frühgeschichte des Menschen so finden mag, haben wir hier fein säuberlich vereint. Die Sippschaften von damals sind adrett gekleidet, mit Knochen-, Federn- und sonstigem Behang. Minuten später ziehen Mammutherden im Abendlicht übers Feld. Prähistorische Schweine dürfen ebenfalls gejagt werden wie Herden des Ur-Rinds – hier wieder werden Erinnerungen an die Büffel-Szene von Der mit dem Wolf tanzt wach, in Alpha ist die Konfrontation der Speerjäger mit der ungebändigten Naturgewalt auf vier Hufen ein bereits schon sehr früh verbrauchtes Highlight. Aber das macht nichts, irgendwann kommt der Häuptlingssohn namens Keda auf den Hund. Um genauer zu sein kann von Hund Anfangs keine Rede sein. Womit er sich anlegt, das sind ein Rudel Wölfe, und das, nachdem der schlaksige Frischling vom eigenen Papa für tot erklärt wird. Wider Erwarten – also zumindest für den nichtsahnenden Papa – rafft sich Keda auf und macht sich auf den Heimweg, der sich natürlich endlos in die Länge zieht, da der Junge weder einen Plan noch sonst irgendwelche ausgereiften Kenntnisse besitzt, mit denen sich gezielt orientieren lässt. Soviel zu The Revenant, und ja, manchmal leidet, ächzt und stöhnt der australische Schauspieler Kodi Smit-McPhee genauso intensiv vor sich hin wie Leonardo DiCaprio. Nur Leo hatte sich keinen Wolf erjammert – Smit-McPhee schon. Und als beide dann irgendwo im Nirgendwo in einer Höhle kauern, der Mensch das verletzte Tier verarztend und gleichzeitig unterwerfend, sehen wir alle die Genesis des besten Freundes des Menschen aus einem vorsintflutlichen Licht, wie es um die Stunde Null für den Hund wohl gewesen sein mag, wie durch Zufall das Tier an seinem Herren den Eigennutzen erkennt und umgekehrt. Eine artenübergreifende Symbiose ist das, eine Kosten/Nutzenrechnung, die aufgeht – und eine bis heute andauernde Geschichte der unterschiedlichsten Rassen nach sich gezogen hat, vom Rehrattler bis zur Deutschen Dogge. Über so viel Science-Fiction würde die Wölfin Alpha nur ein ungläubig bellendes Lachen von sich geben.

Als Landschafts- und Naturfilm gewährt Alpha einen so tröstenden wie idealisierten Blick auf eine Erde, auf welcher der Mensch noch Teil der Nahrungskette war. Insofern verspricht Alpha Schauwerte im anspruchsvollen Kalenderstil aus dem Museumsshop, darüber eine recht berechenbare, simple Geschichte, die es allerdings gut meint und auch versucht, den Wolf so wenig zu animieren wie möglich, wobei ich mir hier manchmal nicht ganz sicher bin, wann Meister Isegrim aus Nullen und Einsen besteht und wann nicht. Alpha ist schönes Volkskino aus und über die Urzeit, so schön wie eine wohlgefällige Terra Mater-Doku und entsprechend überschaubar packend.

Alpha