Avengers: Endgame

THOSE WERE THE DAYS MY FRIEND…

6/10

 

avengers_endgame© 2019 Marvel Studios

 

LAND: USA 2019

REGIE: ANTHONY & JOE RUSSO

CAST: ROBERT DOWNEY JR., CHRIS EVANS, SCARLETT JOHANSSON, CHRIS HEMSWORTH, JOSH BROLIN, PAUL RUDD, MARK RUFFALO U. V. A.

 

Unser Universum ist vermutlich unendlich. Ein anderes ist es nicht – und lotet gerade seine Grenzen aus. Wir sind da mit dabei, die Geeks des Comic- und Popkultur-Kosmos, die Serienjunkies und Freunde fiktiver Welten. Die Rede ist vom Marvel Cinematic Universe. Sein Ereignishorizont – zum Greifen nah. Jenseits davon eine nicht sichtbare, da alles Licht verschluckende Singularität, ein Nichtwissen, wie es überhaupt weitergehen soll. Darüber sollten wir uns aber noch nicht den Kopf zerbrechen. Kommt Zeit, kommt Rat. Apropos Zeit – die ist für viele der liebgewonnenen Helden, die sich bis zum zehnten Jahr mit sämtlichem Gesocks der irdischen und interstellaren Welt herumschlagen mussten, abgelaufen gewesen. Im wohl besten Film des ganzen MCU – in Avengers: Infinity War – wurde die Marvel-Gemeinde mit einem völlig unerwarteten und vom Hocker fegenden Ende konfrontiert. Rund ein Jahr blieb also Zeit, diesen vorläufigen Status Quo überhaupt mal zu realisieren. Und um die Gewissheit zu erlangen, dass hier längst noch nicht aller Tage Abend sein kann. Denn – laut Christian Morgenstern – „kann nichts sein was nicht sein darf“. Also grübel und studier: was könnte das Schicksal denn noch nachträglich abwenden? Leerlauf genug, um sich seine eigenen Theorien zu schmieden. Wohl die meisten würden auf den gemeinsamen Nenner kommen, der irgendwie mit Zeit zu tun hat. Und spätestens nach Ant-Man and the Wasp war es beschlossene Sache – Marty McFly wird in irgendeiner Form grüßen lassen. Wenn schon nicht mit einem fliegenden De Lorean, dann zumindest mit dem profunden technischen Wissen eines Tony Stark oder Bruce Banner. Die Papas werden´s schon richten. Mit guter Hoffnung geht also das Finale Grande in die Zielgerade. Und hat den Ziellauf eigentlich schon hinter sich. Was bleibt: schön sachte auslaufen, nicht sofort stehenbleiben, den Jubel genießen. Wie das bei einem Marathon eben so ist, nämlich dass die körperliche Anspannung von rund 42 Kilometern oder 11 Jahren nicht einfach so ausgepustet werden kann.

Was ich damit sagen will – Avengers: Endgame ist wie das, was folgt, wenn das Zielbanner durchlaufen ist. Die letzten Meter Sprint, die hatten wir letztes Jahr. Das war anfeuern, bangen, mitfiebern, da war alles drin. Und das haben Anthony und Joe Russo genauso konzipiert. Mit voller Konzentration, um aufzuholen, niederzuringen, den Trumpf auszuspielen, den man noch in den Muskeln und im Equipment hat. Avengers: Infinity War ist ein Meisterwerk, weit besser als der oscarnominierte Black Panther, und von einer dramaturgischen Fingerfertigkeit, die anbetracht dieser monumentalen Riege an Stars und Sternchen punktgenau akzentuiert und erzählt wird. Das braucht schon Hirn- und Koordinationsschmalz – eine große Leistung. Hätte man Infinity War und Endgame zu einem fünfstündigen Epos zusammengeschmiedet, hätte sich das Regie-Duo sicher irgendwann verheddert. Oder wäre über ihren eigenen Perfektionismus gestolpert. Doch auch wenn – so wie de facto – Avenger: Endgame als eigenständiger Schlussakkord auf die Leinwand gewuchtet wurde, um dem Verheddern zu entgehen: dieser Stolperfalle entkommt er dann doch nicht. Mit dem Timing des Auf- und Abtretens der Charaktere stimmt so einiges nicht. Aus gewohnt geschmeidigem Rhythmus erklingen Misstöne, die gleichmäßig lodernde Fackel des Widerstands vor dem Endgegner flackert, und das durchaus kritisch. Da helfen zeitnah und akribisch eingeführte Asse im Ärmel als Standalone enttäuschend wenig – und machen ihren Platz in der bisherigen Anthologie der Superhelden ernüchternd irrelevant. Und der Antagonist selbst: der darf, damit das Drama funktioniert, frei wählen, wie stark er ist. Zum Leidwesen einer dem ohnehin Phantastischen inhärenten Logik.

Die To-Do-Liste bei den Avengers ist lang. Also Ärmel aufkrempeln, ran an die Arbeit, und am besten gestern. Multitasking, Kleingruppen und erhöhte Belastbarkeit. Das Ganze klingt wie das Bewerbungsprofil eines mittelgroßen Konzerns, der mit der Challenge am Markt mithalten will. Daraus entwickelt Avengers: Endgame den Anspruch, mehr als nur ein Film sein zu wollen. Vielleicht gleich zwei zusammen. Oder besser eine Miniserie, wie derzeit Game of Thrones. Die Westeros-Saga ist ja großes Kino im Fernsehen und funktioniert. Endgame ist aber großes Fernsehen im Kino – und setzt auf die inszenatorischen wie dramaturgischen Mechanismen einer Show, deren letzter, deutlich fahriger Akt in viele kleine zersplittert und auf einen orchestralen Tusch hinsteuert, der dann sein Publikum wohlkalkuliert in die Sitze drücken soll. Doch, mitunter tut er das ja auch. Aber so richtig packend ist etwas anderes. Und dafür gibt es zwei Gründe, nebst den bereits genannten.

Abgesehen davon, dass mir wirklich keiner – und das wage ich zu behaupten – erklären kann, wie das alles technisch funktionieren soll, und noch dazu in so kurzer Zeit, ist erstens die Wahl der Mittel zur Lösung aller Probleme eine, die Tür und Tor öffnet für die willkürliche Abänderbarkeit gegebener Umstände. Wie das Zurückblättern in einem Spielbuch darf zurechtgerückt werden, bis alles passt. Und das nimmt dem Drama etwas die Würze, schwerwiegenden Entscheidungen die zu ertragenden Konsequenzen. Und zweitens? Avengers: Endgame rekapituliert drei Stunden lang zehn Jahre MCU auf eine Weise, die alle Nichtkenner und sei es auch nur von einzelnen Episoden das eine oder andere Mal sicherlich verwirrt zurücklässt. Endgame ist also nichts, was aus dem Infinity-Kontext gerissen werden kann (Wer sich das aber trotzdem antut, dem wird vieles entgehen). Was wir sehen, ist eine Retrospektive von Iron Man bis Captain Marvel, betreten scheinbar interaktiv viele der Filme, die uns zu Recht begeistert haben – und sehen sich eigentlich nicht wirklich Neuem gegenüber. Das Neue ist das überraschend Alte, kleinteilig verwoben in einem einzig nur wählbaren, und daher auch erwartbaren Fortgang einer Geschichte, deren Dynamik seit eh und je in den Details steckt. Was mitunter gut ist, und wo Widersehen auch Freude macht. Doch die Kompromisslosigkeit von Avengers: Infinity War ist fort, die theatralische Dichte einem augenzwinkernden Heist-Movie gewichen, das durchaus großes Vergnügen macht, aber in fast rührender Wehmut vor sich hinplätschert, mit ganz viel Dialog, langen ruhigen Sequenzen und zwischendurch einigen dramatischen Spitzen, die wie schon erwähnt so typisch Serie sind, dass sich im Kino am Stück seltsame Längen einschleichen. Sind die überwunden, kommt das Ende vom Ende, kolossal wie Herr der Ringe und so bunt und angeräumt wie die Vitrine in einem Comicbuchladen. Was zu erwarten war, so wie der unvermeidliche Appendix eines rührseligen Pathos, leider ganz typisch Hollywood. Wenn die großen Gameplayer der Unterhaltung etwas beenden, dann nicht ohne Zapfenstreich. Der ist also jetzt verklungen, und das Ende ist ein neuer Anfang. Ich liebe Marvel, und all die Kritik hier ist aus einer wohlmeinenden Affinität heraus notiert, die eine ganz bestimmte Hoffnung niemals zerstreuen könnte. Nämlich jene, dass das MCU vielleicht doch unendlich ist.

Avengers: Endgame

Avengers: Infinity War

DER HERR DER STEINE

8,5/10

 

null© Marvel Studios 2018

 

LAND: USA 2018

REGIE: ANTHONY & JOE RUSSO

MIT ROBERT DOWNEY JR., CHRIS HEMSWORTH, ZOE SALDANA, JOSH BROLIN, CHRIS EVANS, BENEDICT CUMBERBATCH, MARK RUFFALO, CHRIS PRATT, SCARLETT JOHANSSON, PETER DINKLAGE U. A.

 

Was hätte Sauron wohl gemacht, hätte er den Ring, „sie zu knechten, sie alle zu finden“, schlußendlich auch noch an seinen Finger gesteckt? Hätte er sich neue Ziele gesucht? Oder hätte er einfach alle viere gerade sein lassen? Was würde Thanos tun, der Gigant vom Planeten Titan, würde er alle Infinity-Steine sein Eigen nennen? Klar, Thanos hat einen Plan. Wäre der erfüllt, meint er, würde er auf der Veranda vor seinem Haus den Sonnenuntergang genießen. Interessante Frage, die all die Jahrzehntete des Kinos der Guten und der Bösen viel zu selten gestellt wurde. Was macht ein Antagonist, wenn er gewinnt? Marvel hat den Gierschlund mit der ausgeprägten Sammelleidenschaft für Mineralien besonderer Art hinter den stählernen Fronten seiner Kriegsschiffe hervorgeholt und um Antwort gebeten. Thanos – das klingt wie die Superlative des Bösen, eben wie Sauron oder Darth Vader. Der Nachtkönig aus Westeros oder der Beelzebub himself. Doch Thanos ist ein Wesen wie jedes andere. Bärenstark, das schon. Und besessen. Ein Heerführer des Wahnsinns, aber ohne klischeehafter Attitüden. Der orkähnliche Kreaturen um sich schart, gehörnt wie Dämonen, ausgestattet mit schier unbezwingbaren telekinetischen Fähigkeiten oder bis an die Zähne bewaffnet. Wilde Meuten, die über afrikanisches Grasland breschen. Und der Fehdehandschuh als Symbol einer akkurat dämonischen Machtpolitik, die das ernährungshygienische Programm von FDH – Friss die Hälfte – auf die Völker der Galaxie überträgt. Sind alle fünf Steine in den vom Zwergenvolk der Schmiede Nidavellir gegossenen Handschuh eingepasst, hat der Träger dieser Steine die Kontrolle über Macht, Raum, Zeit, Realität, Seele und Gedanken.

Viele der uns wohlbekannten Marvel-Helden stehen angesichts der neuen Bedrohung aus dem All wie die Kuh vor dem Tor. Dabei wollte Thanos schon einmal an die Steinchen ran, mitsamt seinen fliegenden Trilobiten – wir erinnern uns an das Jahr 2012, als Joss Whedon die erste große Gruppendynamik der Avengers vom Zaun gebrochen hat. Seitdem ist viel passiert, und wer sich im Marvel Cinematic Universe gut auskennt, und zum Beispiel die fulminante Episode Thor: Ragnarok oder Black Panther noch frisch im Gedächtnis hat, wird bei Avengers: Infinity War nahtlos anknüpfen können. Und dieser Thanos, der ist zwar kein alter Bekannter, aber eine Visage, die man schon irgendwo gesehen hat. Stimmt – in Guardians of the Galaxy. Das MCU, wie es genannt wird, ist also eine hochkomplexe Spielwiese. Wenn man so will, ist das MCU eine epische Serie, die statt auf der Mattscheibe daheim breit ausgelegt in der vierten Dimension auf großer Leinwand läuft und seinen roten Faden bereits von Anfang an, also seit 2008, als der Erstling Iron Man den Startschuss für eine Erfolgsgeschichte gab, immer wieder weitergesponnen hat. Bis heute, bis zum Auftakt des Grande Finale der ersten Epoche einer galaktisch-phantastischen Oper, die 2019 ihr vorläufiges Ende finden wird. Und dabei ist der Anfang vom Ende eigentlich das Beste, das bekanntlich zum Schluss kommt, und kein Auge trocken sowie keine Wünsche offenlässt.

Avengers: Infinity War ist das Ergebnis einer schweißtreibenden Gratwanderung zwischen dem Anspruch, das Crescendo und den gemeinsamen Nenner aller bisherigen Filme in Gewandung eines märchenhaften Spektakels an mehreren Fronten Ausdruck zu verleihen, und der waltenden Vorsicht, nichts zu überstürzen, nichts zu überhudeln, und nicht der Versuchung zu erliegen, mit machtvollem Getöse den glosenden Keim des sternensystemübergeifenden Dramas zu ersticken. Joss Whedon wäre das bei Avengers: Age of Ultron fast passiert. Die Genese von Vision sowie die Einführung von Scarlett Witch ist für Avangers: Infinity War ein gut zu wissendes Prequel, markiert aber den schwächsten Ankerpunkt der Marvel-Filmreihe, wenngleich dies als Jammern auf hohem Niveau erscheint. Statt Whedon hat also Marvel die Gebrüder Anthony und Joe Russo ins Boot geholt und das Endspiel bereits für sich entschieden. Die Russos hatten damals mit The First Avenger: Civil War wohl einen der besten Filme überhaupt zustande gebracht. Für meinen Teil zählt Civil War zur inoffiziellen dritten Runde der Avengers-Teamfilme, geben sich neben den üblichen Rächern doch auch noch Spider-Man, Ant-Man und Black Panther den Debütantinnenball der agilen Maskenträger. Das Regie-Team hat damit also erstmals und auch längst bewiesen, dass Crowd-Directing zu ihren ganz speziellen Skills zählt. Die nicht jeder beherrscht, schon gar nicht angesichts eines so dicht gedrängten und drängelnden Aufgebots namhafter Stars, die alle zumindest nur mal kurz ihren Teil zum großen Sieg über Thanos beitragen wollen. In der Hoffnung, keinen Abgang zu machen, wenn es das Script verlangen sollte.

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Avengers: Infinity War ist Fantasy vom Feinsten. Ein Krieg der Welten mit Schauwerten, die die Fantasien des Publikums ein- und überholt. Mit Momenten theatralischen Dramas, starken Twists voller Emotionen und längst vertrauten Seelen, um die man bangt. Und das alles keine Sekunde zu lang und um kein Quäntchen zu viel. Dauerunker, die das in den Siebzigern mit Superman eingeführte Comic-Subgenre gerne als „Superheldenscheiß“ bezeichnen, werden aber auch aktuell schwer umzustimmen sein. Da sitzt die grundlegende Aversion bereits schon zu tief. Dabei wäre das Kino, gäbe es dieses Füllhorn an bildgewaltigem Entertainment nicht, um Einiges ärmer. Zwar nicht in erzählerisch-innovativer, aber im Hinblick auf eine Art Hochschaubahn-Magie, die entfesselt, was machbar ist, Benchmark steigend.

Die Benchmark – die ist mit Avengers: Infinity War, Teil 1, neu gelegt. Ich kann Teil 2 kaum erwarten, schon alleine, weil es so einfach nicht enden kann. Sagt der Nerd in mir, mit einem lachenden Auge, weil’s so viel Spaß gemacht hat, und einem weinenden, weil’s so gut, aber viel zu schnell aus war.

Avengers: Infinity War

Guardians of the Galaxy Vol. 2

FLIEGENDE ALIENS IN IHREN FLIEGENDEN KISTEN

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Und wenn du glaubst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Waschbär her… nun, laut herausposaunen sollte ich die Abwandlung einer bekannten Weisheit lieber nicht, sonst bekomme ich von dem kleinen, felligen Guardian mit der Wumme eins übergebraten. Denn Waschbär will das freche Wesen nicht genannt werden. Doch was ist dieser Knilch überhaupt? Eine der vielen Fragen, die während der Kamikaze-Mission des zusammengewürfelten Haufens wilder Hündinnen und Hunde heiß diskutiert werden. Die chaotischen Outlaws schenken sich nichts, und doch stehen sie füreinander ein. Genau das ist das Geheimnis hinter dem Gelingen der furiosen, brüllend komischen Fortsetzung eines der wohl lustigsten und unterhaltsamsten Science-Fiction-Filme seit Mel Brook´s Spaceballs.

Zugegeben, Guardians of the Galaxy Vol. 2 ist keine Parodie, sondern kann auch komisch sein, ohne erfolgreiche Vorbilder zu veralbern. Einfach ganz aus sich selbst heraus. Und ganz aus sich selbst heraus gehen diesmal auch Star-Lord, Rocket und Co. Ganz im Ernst – wenn man schon im ersten Teil mit den schrägen Figuren sympathisiert hat, kann und muss man sie im zweiten Abenteuer geradezu lieb gewinnen. Und dazu gehört auch sowohl der blauhäutige Pirat Yondu mit seinem Pfeifgeschoß als auch die stets tobsüchtige Schwester Nebula. James Gunn gelingt, was sonst nur Joss Whedon in Buffy, Firefly oder dem ersten Teil der Avengers gelungen ist – nämlich ganz auf den Reiz seiner Charaktere und ihren sozialen Mikrokosmos zu setzen. Der gibt einiges her – ganz zum Gaudium des Publikums. Die Guardians lassen uns von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt an einem Wechselbad der Gefühle teilhaben, der zum Schmunzeln, Wundern und Kopfschütteln einlädt. Den schrägen Vogel abgeschossen hat neben dem grundehrlichen Hünen Drax mit seiner sehr eigenen Sicht der Dinge und dem ans Perry Rhodan-Universum erinnernden Mausbiber natürlich der Wurzelzwerg Groot als hüftschwingendes Holzbaby mit Kulleraugen, begrenztem Wortschatz und dem Hang dazu, Dinge misszuverstehen. Ihm gehört die ganze Liebe des intergalaktischen Auditoriums – alleine das Intro des Filmes setzt trotz seines furios gefilmten Monster-Clashs seinen Fokus auf die Performance des unterschätzten Pinocchios und sorgt damit schon mal für eine bereitwillig wohlgesinnte Grundstimmung für den Rest des auffallend langen Filmes, der den Nebel rund um die Herkunft des Peter Quill zwar lüftet, aber im Grunde eine abgekoppelte, eigenständige Geschichte erzählt, die kaum bis gar keinen Bezug zur alles überspannenden Infinity-Storyline aufweist. Also noch Tags davor die Hintergründe zu den 6 außergewöhnlichen Steinen so ziemlich umsonst nachgelesen. Im großen Finale der Marvel Cinematic Universe werden sie aber eine im wahrsten Sinne des Wortes weltbewegende Rolle spielen. Den roten Faden des großen Ganzen noch mal durch das Volume 2 der Guardians laufen zu lassen, wäre eine Chance gewesen, noch mehr Lust auf Marvel´s große Sause zu bekommen. Und dass selbst Thanos nicht mal in den Mid-Credit-Szenen einen Auftritt hatte, sorgt für leichte Irritation. Doch das sind hohe Ansprüche eines Nerds – Guardians of the Galaxy Vol. 2 mag zwar inhaltlich kaum relevant sein, das Auge hat während der niemals enden wollenden, furiosen Achterbahnfahrt zwischen Welten, Sternen und kuriosen Raumschiffen genug zu tun.

Tatsächlich gelingt es den Animationsstudios von Weta und Co, mit jedem weiteren Film, der in irrealen Welten spielt, noch um eine Stufe besser zu werden. Die virtuelle Kamera von Guardians of the Galaxy Vol. 2 zaubert eine sich immer wieder neu erfindende Welt in allen nur erdenklichen Perspektiven. Gestochen scharf, knallbunt und in atemberaubend räumlichem 3D. Darüber hinaus streut James Gunn jede Menge Easter Eggs und absurde Cameos wie Howard, die Ente oder David Hasselhoff als Quill´s imaginärer Vater-Ersatz. Hier werden Erinnerungen an die gute alte Science-Fiction-Welle aus den Achtzigern wach, die im Fahrwasser von Krieg der Sterne farbenfrohe Teamwork-Abenteuer wie Zardoz, Sador oder Flash Gordon ins Leben gerufen hat. Guardians of the Galaxy Vol. 2 macht die Peinlichkeiten von damals wieder gut – aber nur, um erneut zum feuchtfröhlichen Fremdschämen einzuladen. Doch Star-Lord und seine Freunde sind, was sie sind. Wer die Galaxis gerettet sehen will, der darf in der Wahl seiner Helden nicht so zimperlich sein und genug Sinn für Humor haben. Ein Teil von den Wächtern der Milchstraße zu sein wäre mit Sicherheit alles andere als langweilig. Und irgendwie auch so was wie Familie. Trotz Nebula, die man laut Drax eventuell zurücklassen könnte.

Guardians of the Galaxy Vol. 2

Doctor Strange

WÜNSCHE ANS MULTIVERSUM

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Der leider viel zu früh verstorbene, österreichische Atomphysiker Heinz Oberhummer, Mitglied der schärfsten Science-Boygroup der Milchstraße, hätte an der jüngsten Episode aus dem Marvel Cinematic Universe seine helle Freude gehabt. Warum? Nun, dazu muss man wissen, dass Oberhummer ein leidenschaftlicher Verfechter der Multiversum-Theorie war. Seine Argumente dafür finden sich übrigens in dem äußerst lesenswerten Buch Kann das alles Zufall sein wieder. Um dieses bislang rein hypothetische Phänomen geht es auch in der Zaubererexegese Doctor Strange. Allerdings bringt Regisseur Scott Derrickson hier einiges durcheinander, da er die Definition von Dimension mit jener für existierende Paralleluniversen verwechselt. Oder umgekehrt. Und manchmal liegt er auch richtig. Aber das sind nur Spitzfindigkeiten, über die Oberhummer augenzwinkernd gelächelt hätte. So wie über den ganzen Film, der auf publikumswirksame, aber naive und nicht mal populärwissenschaftliche Art und Weise den Horizont des Zusehers zu erweitern versucht.

Klar ist, dass Doctor Strange etwas anders ist als alle bisherigen Marvel-Verfilmungen. Hier gibt es zwar auch viel Action und publikumswirksames Rambazamba, und auch der Grundaufbau klassischer Blockbuster-Erzählschablonen wagt keine Innovationen. Wirklich anders sind die Effekte. Vor allem jene, welche die im Film immer wiederkehrende Spiegeldimension beschreiben. In ihr sind physikalische Gesetze zur Gänze aufgehoben. Oben und unten gibt es nicht mehr, und urbane Architektur von Gotik bis Moderne, fällt dem Irrwitz eines unaufhörlich ineinandergreifenden Kaleidoskops zum Opfer. Wahrscheinlich ein gar nicht so komplizierter Computereffekt, aber mit großer Wirkung. Als hätten M. C. Escher und Salvador Dali ein sich ständig veränderndes Perpetuum Mobile erschaffen. Beeindruckend, und ein Grund mehr, wiedermal ins Kino zu gehen. Für jene, die das nicht so oft tun möchten – oder können. Natürlich erinnert die verbogene und zerwürfelte Optik an Christopher Nolans Traum-im-Traum-Meisterwerk Inception. Doch dort, wo dieser seine visuellen Asse im Ärmel ausgespielt hat, setzt die Marvel-Zaubershow an. Hier geht es nicht mehr darum, mehr Wert auf die Geschichte zu legen, sondern vor allem darum, durch einen optischen Stil-Richtungswechsel für neue Begeisterung bei den Fans zu sorgen. Umso mehr, da die langsam gleichförmig werdenden Comic-Verfilmungen kaum mehr voneinander zu unterscheiden sind. Dabei besinnen sich die Studios leider nicht darauf, ihre immer gleiche Erzählweise zu hinterfragen. Heldengenese – Bösewicht – Kampf gegen den Bösewicht – Sieg und Neuanfang. Mit Ausnahme vom herausragenden Civil War unterliegen alle anderen Filme diesem Codex, der längst erneuert werden muss. Wahrscheinlich erst mit dem allumfassenden zweiteiligen Finale Infinity War, das 2018 in die Kinos kommen soll. Hier soll das Cinematic Universe – vorläufig oder nicht – ihr Ende finden. Und Doctor Strange war wohl gemeinsam mit dem kommenden neuen Spiderman der vorläufig letzte Einführungsfilm für einen neuen Helden, bis es endlich soweit sein darf – und Oberschurke Thanos seine Fäuste schwingt, um die Infinity-Steine an sich zu reißen.

Jetzt werden sich einige fragen: Infinity-Steine? Nun, diese Artefakte ziehen sich durchs gesamte Marvel-Universum wie ein roter Faden, genauer nachzulesen auf meinem Blog-Artikel Captain America: Civil War. Auch der leicht überhebliche Dumbledore-Erbe Strange eignet sich einen solchen Klunker an – das Auge von Agamotto, welches die Zeit beeinflusst. Womöglich der letzte Stein, um die Sammlung zu komplettieren, die in ihrer Vollständigkeit zur Unterwerfung des Universums führt.

Mit „Sherlock“ Benedict Cumberbatch haben sich die Studios und uns Comic-liebhabenden Kinonerds einen großen Gefallen getan. Der charismatische Engländer mit der tiefen Stimme verkörpert den selbstverliebten, altklugen Chirurgen und späteren Universenspringer in vollendeter Perfektion, ohne sich dabei großartig verstellen zu müssen. Die Rolle ist ihm wie der selbstdenkende Zauberumhang aus dem Film auf den Leib geschneidert. Hoffentlich wird es für Doctor Strange niemals einen Besetzungswechsel geben. Auch Tilda Swinton als glatzköpfiger, androgyner Dalai-Lama der Dimensionen setzt ihre Rolle ungewöhnlich locker und natürlich an, ohne gekünsteltem Pathos. Beide machen den Film vor allem darstellerisch sehenswert und verleihen dem Blockbuster Charakter und Tiefe.

Doctor Strange ist unterm Strich einer der schönsten Marvel-Filme überhaupt. Von formvollendetem Zauber und voller betörender Bildwelten. Mit überzeugendem Helden, jeder Menge lockerer Situationskomik und quirliger Dynamik – Eigenschaften, die Marvel-Filme erst so richtig sehenswert machen. Von der austauschbaren, leider etwas spannungsarmen Geschichte mal abgesehen ist das comicorientierte Fantasykino seit diesem Herbst um eine leichtfüßige, metaphysische, höchst unterhaltsame Zaubershow weit jenseits bekannter Kartentricks reicher.

 

 

Doctor Strange