Trumbo

SCHREIBEN BIS DER ARZT KOMMT

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trumbo

Hätten sich die Coen-Bürder doch statt des misslungenen Filmgeschichts-Exposés Hail Cäsar lieber der Lebensgeschichte von Dalton Trumbo angenommen. Es wäre womöglich ein famoser Film entstanden. Aber sei´s drum, die Geschehnisse rund um den Kommunisten und Drehbuchvirtuosen der McCarthy-Ära ist aber auch ohne den kreativen Einfluss des eingangs genannten Regieduos zu einem guten Film geworden. Und das ist natürlich in erster Linie Breaking Bad und Malcolm Mittendrin-Star Bryan Cranston zu verdanken.

Das Insiderwerk wird durch ihn zu einem sehenswerten Stück Zeit- und Kulturgeschichte, und das nicht nur für eingefleischte Cineasten, die hinter die Kulissen des diktatorischen alten Hollywood blicken wollen. Er setzt dem schnauzbärtigen Genius, aus dessen Feder Filmklassiker wie Ein Herz und eine Krone, Spartacus und Exodus stammen, ein würdiges, viel zu spätes Denkmal, wurde der begnadete Schriftsteller aufgrund seiner eher sozialphilosophischen als politischen Gesinnung doch aus der Film- und Drehbuchgemeinde ausgeschlossen. Mit welchen Mitteln, und wie exzessiv und leidenschaftlich sich dieser Mann der völlig absurden, paranoiden Ächtung entgegenwirft und diese untergräbt, ist eine unglaublich gewiefte Chronik eines individuellen künstlerischen Freiheitskampfes, trotz Selbstverleugnung der eigenen Identität. So gewinnt er sogar mithilfe eines Strohmannes und später unter einem Pseudonym zweimal den Drehbuch-Oscar und führt die amerikanische Gesellschaftspolitik ad absurdum. Die Katze wird noch zu Lebzeiten, aber erst später aus dem Sack gelassen, zur richtigen Zeit, am richtigen Ort, und ohne seine Wirkung zu verfehlen. Trumbo ist ein wichtiges Stück Filmgeschichte voller Stippvisiten ehemaliger Leinwandgrößen, erlesen besetzt und mit Liebe zum Detail, was den Film aber mitunter etwas in die Länge zieht. Cranston aber, in seinen besten Momenten stundenlang in der Badewanne sitzend und vor sich hin fluchend, fängt das ansatzweise schwindende Interesse des Zuschauers aber wieder gekonnt ein. Und auch John Goodman in einer Nebenrolle als cholerischer Trashfilmproduzent ist wie immer sehenswert.

Regisseur Jay Roach beschreibt in seinem biografischen Epos ein überholtes Hollywood aus alten Zeiten, in dem Schauspieler noch Mythen waren, gleichzeitig aber auch Leibeigene von Studiobossen und politischen Fraktionen. Trotz aller Absurditäten ist Trumbo in keinster Weise eine Komödie, eher eine tragische, niemals aber hoffnungslose Revolution des Willens, die anstatt Waffen Herz, Verstand und die Schreibmaschine sprechen lässt.

Trumbo

A Perfect Day

DIE (UN)RUHE NACH DEM STURM

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perfectday

Ist ein Krieg einmal vorbei, ist nichts mehr so, wie es einmal war. Es herrscht apokalyptische Not, Anarchie und völlige Orientierungslosigkeit. Sich davon zu erholen gelingt meistens nicht ohne fremde Hilfe. In dem subtilen Nachkriegsfilm von Fernando León de Aranoa versuchen fünf grundverschiedene Entwicklungshelfer im ehemaligen Jugoslawien nach dem Bürgerkrieg, eine Leiche aus einem Brunnenloch zu bergen. Im Grunde dreht sich der Film um nichts Anderes. Das mutet teilweise an wie absurdes Theater, wie ein Theaterstück von Samuel Beckett, in einer zerrütteten und zerschossenen Welt, wo Improvisationstalent das Überleben sichert und keiner weiß, wie es weitergehen soll. Das wissen die 5 Helfer, selbst von entwurzelter Existenz und permanent auf eigener Sinnsuche, ebenso wenig zu beantworten. So scheint der Film voller Ironie, Sarkasmus und leiser Hoffnung ziellos durch die Gegend zu vagabundieren, um sich aber gleichzeitig zu einer der besten Gesellschaftsallegorien der letzten Jahre zu manifestieren. Was bewirken die vielen NGOs in einer Dimension des Chaos, wozu dient die UNO, das internationale Militär oder zu welchen Mitteln greift die traumatisierte Bevölkerung selbst, um das Ideal einer zivilisierten Ordnung wiederherzustellen?

Das Thema ist jedenfalls eines, aus dem Filmemacher schöpfen können. Kriege an sich wurden schon weiß Gott wie oft visualisiert, der Schrecken immer wieder auf Zelluloid gebannt. Das Nachkriegsbeben allerdings birgt viel interessantere Beobachtungen, zeigen sie doch eine Grauzone zwischen Normalität und abklingendem Wahnsinn, ungreifbarer Bedrohung und überlebenswillige Zuversicht. A Perfect Day ist eine atmosphärische, stimmige Momentaufnahme, die sich mühelos auf andere Krisenherde rund um den Globus übertragen lässt. Stellenweise erinnert er an Emir Kusturicas Kriegsallegorien wie Underground oder Time of the Gypsies, manchmal auch an Tarkovskij – vor allem die Szene, in der Tim Robbins und Benicio del Toro ein zerbombtes Haus betreten. Wieder und wieder scheitert die Bergung der Leiche – bis am Ende etwas geschieht, womit keiner gerechnet hätte, weder die Charaktere im Film noch der Zuschauer. Diese Lösung aller Probleme, dieser Aha-Effekt, ist eine wunderbare Metapher auf Verantwortung, ethnischem Selbstbewusstsein und gesellschaftlicher Wiederauferstehung. A Perfect Day ist ein ruhiges, eindringliches Roadmovie – bedrohlich, absurd und berührend.

 

A Perfect Day

Legend of Tarzan

AFFENZIRKUS

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tarzan

Da ist er wieder, der Urschrei des Affenmenschen. In deutlich auf- und abfallendem Stakkato bricht das Geheul durch das Blätterdach des afrikanischen Dschungels. Genauso haben schon Johnny Weißmüller und Lex Parker geschrien, bei Christopher Lambert bin ich mir nicht mehr so sicher. Jedenfalls ist man Tarzan zumindest akustisch treu geblieben, wenn schon Lendenschurz und Schimpansenfreundin Cheetah weggefallen sind. Die wilden Wasser des Kongo und die atemberaubenden Landschaftsaufnahmen, die aller Wahrscheinlichkeit nach tatsächlich im Westen des Kongo oder womöglich in Gabun aufgenommen worden sind, dienen als idealer Schauplatz einer Neuinterpretation, welche die Verbindung zu tatsächlichen, geschichtlichen Ereignissen sucht und zumindest den Anspruch hat, dem Earl of Greystoke authentische Züge zu verleihen. Tatsächlich ist Alexander Skarsgård eine überraschend willkommene Besetzung, wirkt er auf den Werbeplakaten zum Film doch eher wie der farblose Bruder eines Owen Wilson. Im Film bekommt Stellan Skarsgårds Sohn tatsächlich jede Menge Struktur. Die Wortkargheit und tierische Verkniffenheit der verhaltenspsychologisch außergewöhnlichen Person bekommt der Newcomer gut auf die Reihe. Sein Tarzan ist nur in seltenen Fällen Opfer unfreiwilliger Komik. Meist setzt seine Interpretation eines charismatischen, erwachsenen Mowgli auf das richtige Timing. Und auch Samuel L. Jackson als Tarzans treuer, ironischer Sidekick sowie Christoph Waltz als kühl kalkulierender, böswilliger Fitzcarraldo, beides tatsächliche Gestalten aus Afrikas finsterer Kolonialgeschichte, machen in ihren Szenen den Film zumindest schauspielerisch sehenswert. Das Pendeln zwischen historischer Orientierung und frei fabulierender Tierwelt hingegen gelingt dem Dschungelabenteuer leider gar nicht. Harry Potter-Regisseur David Yates, der die düstere Bildsprache aus den letzten Teilen der Hogwarts-Epen auszugsweise übernommen hat, ist in der Wahl seines inhaltlichen Filmstils inkonsequent und unentschlossen. Einerseits streift er das dunkle Zeitalter des Kongo unter Belgiens König Leopold II., andererseits irrt er in Sachen Geographie und Zoologie in rücksichtsloser Unkenntnis wüst hin und her. Dass Gorillas, grundsätzlich friedliebend, nicht auf Bäumen leben, geschweige denn imstande sind, ihren voluminösen Körper per Liane durch die Luft zu wirbeln, ist nur eine von vielen verqueren Unmöglichkeiten, mit denen der Legendenfilm jongliert. Dass Straßenvögel wohl kaum im Kongobecken beheimatet sind und die Kraft eines Menschen dem eines Menschenaffen erbärmlich unterliegt, sind weitere Störfaktoren, die jede Glaubwürdigkeit im Keim ersticken. Das alles mag ja gut getrickst sein, obwohl die Affen auch schon mal besser animiert worden sind. Yates hätte mit seiner Neuinterpretation keinerlei Verluste eingefahren, hätte er die natürlichen Verhältnisse zwischen Mensch und Tier mehr im Auge behalten. Im Gegenteil, sein Film wäre dadurch vielleicht magischer geworden, fesselnder und plausibler. Doch wenn sich Drehbuch und Regie sowieso nicht scheren, innerhalb des hier ersonnenen, realen Universums inhärenten Gesetzmäßigkeiten zu folgen, kann auch Tarzan, ähnlich wie X-Man Wolverine, mit unzerstörbarem Knochenbau und ungebremster Kondition die Dinge für sich entscheiden und die Gegebenheiten so zu verbiegen, damit die plakative Abenteuergeschichte erzählt werden kann. So geht der Herr der Affen neuerdings den Weg der Superhelden, verheddert in einer unglücklichen Grauzone aus erdachtem und realem Universum. Unterm Strich bleibt Hugh Hudsons Greystoke aus dem Jahr 1984 nach wie vor der beste und psychologisch dichteste Film über Edgar Rice Burroughs Mann aus dem Dschungel, auch wenn der neue Tarzan im wahrsten Sinne des Wortes die Hosen anhat.

 

Legend of Tarzan

Escobar – Paradise Lost

DAS BÖSE IST IMMER UND ÜBERALL

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escobar

Der kolumbianische Drogenbaron Pablo Escobar war wohl einer der größten Bösewichte des realen ausgehenden 20ten Jahrhunderts. Seine Grausamkeit und die unzähligen Todesopfer, seine Killereliten und der verheerende Terror, der das ganze südamerikanische Land überzogen hat, kann bei detaillierter Betrachtung für schlaflose Nächte sorgen. Ähnlich wie Kevin McDonald in seinem Polithorror The Last King of Scotland, wo Scheusal Idi Amin von Forest Whitaker oscarwürdig verkörpert wurde, schleust auch Regisseur und Schauspieler Andrea di Stefano eine unbescholtene Identifikations- und Erzählfigur in die Geschichte ein, um Charakter und Umfeld der historischen Figur greifbarer zu machen. Ein kluger dramaturgischer Schachzug, der auch in Biografien wie My week with Marylin und Politdramen wie Suffragette erst kürzlich wieder Verwendung fand. Diesmal darf uns Tribute von Panem-Darsteller Josh Hutcherson ins Geschehen hineinbegleiten. Als lebensfroher Surfer-Dude, der nicht so recht weiß, wie ihm geschieht und unvermittelt in eine menschliche Katastrophe hineingezogen wird, weiß der Jungschauspieler tatsächlich zu überzeugen und seine Rolle gekonnt zu managen, ohne jemals damit überfordert zu sein. Und auch Benicio del Toro begegnet Hutcherson auf Augenhöhe. Der Puerto-Ricaner spielt den Drogenbaron mit dem kleinen Finger. Distanziert, kühl, bestimmend. Sein Escobar ist ein heuchlerischer, gieriger Familienmensch, ein Machtmonstrum mit der unerschütterlichen Siegesgewissheit eines Darth Vader. Wenn Escobar seine „Sicarios“ losschickt, um potenzielle Mitwisser zu beseitigen, scheint er ein unangreifbares Virus zu entfesseln, das sich quer durchs tropische Paradies zieht und sogar den Betrachter des Filmes mitunter paranoid werden lässt. Am Ende ist niemand mehr sicher, der Tod lauert an jeder Ecke. Der Grundtonus des Filmes ist nüchtern, schleichend eskalierend, wie der Würgegriff einer Anakonda. Man weiß von vornherein, dass der gewissenhafte Junge aus Kanada keine Chance hat, dem Kartell die Stirn zu bieten, so sehr man ihm es auch wünschen würde. Mit dieser trostlosen Erkenntnis erinnert der biografische Killer- und Drogenthriller an Werke aus der düsteren Ära des Film Noir, wo die Guten dem Schicksal nicht gewachsen sind und bereit sind, sich für ihre Idee einer heilen Welt zu opfern. So konzentriert sich der Film sehr auf den hochspannenden Thrillerfaktor und streift nur beiläufig tatsächliche Ereignisse, ähnlich wie bei Last King of Scotland betrachtet Paradise Lost den Konflikt zwischen Gutmensch und Bestie Mensch mit den Augen von Zaungästen. Als reine Biografien sind beide Filme nicht wirklich zu betrachten, zu sehr sind beide Persönlichkeiten, so sehr sie auch oszillieren, Abziehbilder, welche die Erwartungen des Publikums zu bestätigen wissen. Was sie zu ihrem Tun letztendlich bewegt hat und wie sie so geworden sind, bleibt verborgen – und dadurch zu wenig, um als Charakterbild bezeichnet zu werden. Di Stefano hat meines Erachtens auch keinen anderen Film beabsichtigt, worin ich mich durch das Fehlen eingeblendeter geschichtlicher Fakten vor dem Abspann bestätigt sehe. Was bleibt ist ein politisch angehauchter, durchaus gelungener Thriller zwischen Der Pate und The Beach, mit realen Referenzen, einigem Pathos und konstanten, dichten Spannungsbögen.

Escobar – Paradise Lost

Jane got a Gun

MY HOME IS MY CASTLE

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janegun

Wie oft wohl hat man den Western schon totgesagt? Doch bekanntlich leben die Totgesagten länger, und so ist das unverwüstliche, ständig in Wandlung befindliche Genre ein Filmphänomen für sich. Gerade deshalb, weil die Filmgattung so anders und gleichzeitig so gefährdet ist, dürfen sich die Macher solcher Filme so einige Annehmlichkeiten erlauben, die für andere Gattungen verpönt sind. Da wäre der astreine und unverfälschte Manierismus, die ständigen Reminiszenzen und Hommagen an klassische Vorbilder wie Ford, Leone oder Eastwood. Und die eindimensionalen Geschichten. Die meist in zwei Sätzen auserzählten Storylines sind Begleiterscheinung und Markenzeichen für die Qualität eines Westerns. Hier haben Komplexität und Vielschichtigkeit nichts verloren. Je einfacher und geradliniger eine Westernstory ist, umso besser ist der Film. Denn hier zählt Stimmung. Hier zählen die Visagen und die Bleihaltigkeit. Und wo am Besten gar nichts gesprochen wird, da lass dich auf die staubige, knochentrockene Erde nieder. Western sind animierte Comics. Meist überzeichnet, idealisiert oder in überbordender Plakativität destruktiv und nihilistisch bis ins Mark. Auch das Western-Kammerspiel mit „Black Swan“ Natalie Portman folgt der Rezeptur bewährter Pistolenfilme, rückt aber eine Frau in den Mittelpunkt des Geschehens, was seit The Quick and the Death mit Sharon Stone nur mehr selten der Fall war. Dieser Austausch gewohnter verwegener Stereotypen gegen einen ungewohnt aufsässigen weiblichen Charakter in einer Zeit, wo Frau sein zu dürfen nicht mehr war als Kinder zu bekommen und hinter dem Herd zu stehen, gibt dem Film inhaltlich eine erfrischende neue Ausgangsposition. Wenn Portman dann noch pistolenschwingend Ehemann, Haus und Hof vor marodierenden Outlaws verteidigt, kann einem spannungsgeladenen Thriller aus Staub und berstenden Holzlatten ja nichts mehr im Wege stehen.

Doch es kommt wie so oft – das vorhandene Potenzial wird nur zaghaft genutzt. Wie nervenaufreibend man das Eindringen einer externen Bedrohung ins Familienidyll inszenieren kann, hat uns schon Michael Haneke in Funny Games oder der Sozialhorror The Purge gezeigt. Auch mit Assault on Precint 18 hat der filmische Belagerungszustand eines seiner Paradebeispiele gefunden. All das nutzt Regisiseur Gavin O´Connor nur ansatzweise. Die psychologische Spannung oder etwa die beklemmende Ruhe vor dem ersten Schuss verliert sich in dem mit Ewan McGregor und Joel Edgerton prominent besetzten Abwehrkampf gegen das Böse aus der Prärie im mangelnden Gespür für das richtige dramaturgische Timing. Was bleibt, ist ein durchaus kurzweiliges, straightes Duell zwischen Gut und Böse, das einige Klischees umwirft, sich anderer aber ungeniert bedient. Und McGregor als schwarzhaariger Bösewicht ist leider eine Fehlbesetzung.

 

Jane got a Gun

Suffragette

DU BIST EINE GÜLTIGE STIMME

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sufragette

Eines vorneweg: Das Schockierendste an diesem mitreißenden Geschichtsdrama sind die harten Fakten im Abspann. Dass die Schweiz erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts den Frauen das Wahlrecht eingeräumt hat, ist ein atemberaubend skandalöser Umstand. Und die Regierungen vieler anderer Länder haben auch erst sehr spät eingesehen, dass die Frau nicht weniger Rechte haben soll als der Mann. Eine Tatsache, die Jahrtausende hindurch von einer patriarchalisch geführten Welt tunlichst ignoriert wurde. Angesichts dieser Tatsache die Menschheit als eine weit entwickelte, fortschrittliche Zivilisation zu bezeichnen, ist daher etwas zu verfrüht.

Der Film über den Kampf ums Frauenwahlrecht im England des frühen 20. Jahrhundert ist eine längst überfällige Geschichtsstunde, die womöglich und das zu Recht zukünftig in allen wohlsortierten Schulmediatheken zu finden sein wird. Anhand eines fiktiven, doch in seiner Art und Weise womöglich hundertfach dagewesenen Einzelschicksal schildert die britische Regisseurin Sarah Gavron, ähnlich wie Steven Spielberg in Amistad oder Jim Sheridan in Im Namen des Vaters die Chronik der Anfänge einer erstarkenden Menschenrechtsbewegung. Dabei ist die Methode der ins Geschehen einführenden Identifikationsfigur ein probates Mittel, um den Zuseher nicht nur auf Informationsebene, sondern auch emotional mitzuziehen und in den Film einzubinden. Carey Mulligan gelingt die Aufgabe ausgesprochen gut. Als Fabrikarbeiterin in den Mittzwanzigern, die nichts in der Hand hat außer ihr gutes, drängendes Recht, als Frau politisch mitbestimmen zu dürfen, verleiht sie der urbanen weiblichen Arbeiterklasse ein intelligentes, leidenschaftliches, aber auch ohnmächtiges Gesicht mit all seiner Hoffnung und seinem Schmerz. Über dem Geschehen steht die wie immer authentische Grand Dame Meryl Streep als Erzfeministin Emmeline Pankhurst. Obwohl Streep nur einen Gastauftritt von knappen fünf Minuten hat, ist sie dennoch als Idol, Vorreiterin und unkaputtbares Symbol einer möglichen siegreichen Revolte gegen patriarchalische Willkür allgegenwärtig. Mit Sicherheit war ihr Auftritt in diesem Film mehr Ehrensache als Gefälligkeit. Und auch all die anderen zahlreichen Nebendarstellerinnen machen aus ihren Rollen persönliche Anliegen. Mögen die politisch-gesellschaftlichen Umwälzungen schon fast ein Jahrhundert her sein – abgeschlossen ist das Thema noch lange nicht. Global gesehen tatsächlich erst am Anfang. Doch hier ins Detail zu gehen, würde den Rahmen sprengen.

Der Film selbst hat seine Pflicht mehr als erfüllt. Er ist packend und gefühlvoll, schonungslos und in seiner schmutziggrauen Optik eine lebendig gewordene Momentaufnahme aus einem Zeitalter menschenverachtender Industrialisierung. Wie einst Charlie Chaplin einem Staubkorn gleich zwischen den Zahnrädern der Modern Times machtgieriger Globalisierung den Spiegel vorgehalten hat, so ist das Frauendrama Suffragette die bestürzende Simulation einer Zeit der gesellschaftlichen Veränderung und des politischen Umsturzes. Und wenn am Ende dann nur die Opferbereitschaft einer Einzelnen das Räderwerk des Umdenkens in Gang setzt, wird die bislang unterschätzte Wirkungskraft des Individuums, des schwachen, kleinen, arbeitenden Menschen im Angesicht starrer, monströser Machtordnung zu einer – wie Roland Düringer immer wieder sagt – gültigen Stimme, die auch, ganz allein für sich, vieles verändern kann.

 

Suffragette

Vor der Morgenröte

DAS DILEMMA DER INTELLEKTUELLEN

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morgenröte

Zu viel über sich und die Welt nachzudenken, ohne dabei den Verstand zu verlieren ist ein Ding der Unmöglichkeit. Vor allem für jene, die das komplexe Ganze erfassen wollen. Und die Irrwege der Menschheit zu analysieren versuchen. Der berühmte österreichische Literat Stefan Zweig war so jemand. Ein Intellektueller und Feingeist, ein Virtuose der deutschen Sprache und ein großer Humanist. Dass er zuletzt seine legendäre Schachnovelle erst spät im Exil verfasst hat, ist zum Beispiel ein Detail am Rande, dass ich selbst nicht gewusst habe. Dabei spielt sich die Handlung dieses Buches fast zur Gänze im Geiste des Protagonisten ab. So wie sich in diesem filmischen Künstlerportrait das Ringen und Hadern mit dem Schicksal Stefan Zweigs in Gedanken und Worten manifestiert. Schauspielerin Maria Schrader verzichtet in ihrer zweiten Regiearbeit auf einen stringenten Handlunsgverlauf, wenn nicht gar auf die Handlung selbst. Ihr Psychogramm des großen Wortkünstlers ist eine Aneinanderreihung einiger Episoden aus den letzten Lebensjahren – Dialoge, Gespräche und Momentaufnahmen. Geschmackvoll unterbrochen durch papierene Inserts, gesättigt mit überlegt komponierten Bildern aus dem tropisch heißen Brasilien und dem klirrend kalten New York. Gegensätze, die sich in diesem Film gut ergänzen und die Hin- und Hergerissenheit Stefan Zweigs gekonnt visualisieren. Denn das Dilemma des europäischen Intellektuellen hat in dem mehr als zweistündigen Drama Platz genug, sich klar zu erklären. Einerseits verzeiht sich Stefan Zweig selbst nicht, sein Heimatland im Stich gelassen zu haben. Der Gang ins Exil ist aus seiner Sicht eine Bürde aus Schamgefühl und Feigheit. Andererseits ist es die Sehnsucht eines Patrioten und Heimatliebenden nach dem Ort seiner Herkunft. Und drittens ist es die erkannte Aussichtslosigkeit eines ewigen Krieges, dessen Ende er nicht abzusehen wusste. Zweig ist zu einem pessimistischen, unglücklichen Menschen geworden, dessen ganz persönliche Endlösung nur die des Selbstmords hat sein können. Eine erschütternde Konsequenz eines denkenden, verstehenden und konsequenten Geistes. Brasilien war zwar ein Land, das der Dichter auf seine Art und Weise schätzen und lieben gelernt, aber keine Sekunde als seine Heimat angesehen hat. Wenn man so will, war Zweig einer der ersten EU-Bürger, lange bevor die Idee einer europäischen Einheit überhaupt in den Köpfen der Nachkriegspolitiker erwachsen war. Die Idee einer humanistischen, friedvollen Einheit, die mit- und untereinander im Einvernehmen verkehrt, war die ideale Welt des Exilösterreichers. Und hätte er im späten 20. Jahrhundert gelebt. wäre Zweig wohl ein idealer Kandidat für die Präsidentschaft der Europäischen Union geworden.

Politiker und Menschenversteher, Sozialphilosoph und stiller Denker. Das Denkmal, das Maria Schrader diesem berühmten Intellektuellen geschaffen hat, ist ein bebildertes Hörspiel geworden. Ein semidokumentarischer Zusammenschnitt aus ruhigen Einstellungen und der untröstlichen Mimik eines Josef Hader, der in seiner Interpretation Zweigs alle Attitüden eines Kommissar Brenner abgelegt hat und völlig neue Facetten seines Könnens präsentiert. Überzeugend in fast jeder Minute, in famosem Dialog mit Barbara Sukowa als Vollblutschauspieler wiederentdeckt. Man merkt vor allem in der Wahl ihres Inszenierungsstils ganz klare Einflüsse von Michael Haneke, der mit dem spartanischen Werk Das weiße Band die Kraft nüchterner, indirekter Bilder zu nutzen wusste. Genauso hat nun auch Schrader gearbeitet – am deutlichsten sichtbar geworden in der finalen, wohl besten Szene des ganzen Filmes, in welcher der Tod Stefan Zweigs aus dem Spiegel einer Schranktür betrachtet, fast wortlos erfahren und erklärt wird.

Trotzdem schafft es das Psychodrama nicht vollends zu überzeugen. Vor allem die erste Episode des Filmes ist viel zu lange geraten. Der ohnehin schon spannungsfreie Film fordert dadurch enorme Geduld und volle Aufmerksamkeit. Bis sich dann mal der innere Konflikt Stefan Zweigs auf seine Umgebung überträgt, vergeht fast schon die Hälfte des Filmes.

Vor der Morgenröte ist durchaus vor allem schauspielerisch und filmtechnisch sehenswertes Künstlerkino für die gebildete Elite. Lehr- und aufschlussreich. Vielleicht sogar ein Must See für die literaturinteressierte Oberstufe. Zwar etwas zäh, aber eine Einladung dafür, Zweigs Werke erstmalig oder erneut zur Hand zu nehmen.

Vor der Morgenröte