Death of a Ladies‘ Man

EIN SCHLUCKSPECHT AM DRAHTSEIL

6,5/10

 

deathofaladiesman© 2021 MFA+ FilmDistribution e.K.

 

LAND / JAHR: KANADA, IRLAND 2020

BUCh / REGIE: MATT BISSONNETTE

CAST: GABRIEL BYRNE, JESSICA PARÉ, BRIAN GLEESON, SUZANNE CLEMENT, KARELLE TREMBLAY U. A. 

LÄNGE: 1 STD 40 MIN


In schleichenden Schritten nähert sich der Herbst. Monate, in denen der Geist klarer, kreativer, das Gemüt aber auch melancholischer wird. Wo die Nächte länger, die Wolken dichter werden; der Morgenfrost auf dem Weg in die Arbeit den Atem sichtbar macht. Es ist auch die Zeit, in der man wieder vermehrt so Poeten wie Leonard Cohen hört, vorzugsweise dann, wenn der Wind draußen peitscht oder die Tage nicht mal mehr richtig hell werden. Alles in allem eine Stimmung, die man während der Sommermonate auf Biegen und Brechen nicht hinbekommt. Eine entschleunigte, auch etwas versponnene Stimmung. Ein Zustand, der sich in einer filmgewordenen Hommage an einen großen, dunkelgrauen Künstler wiederfindet, an den Ludwig Hirsch Amerikas. Beide haben den Lebenden längst den Rücken gekehrt.

Leonard Cohen singt vom Glauben, vom Tod, von der Männlichkeit und vor allem aber auch von der Liebe. Sehr poetisch, sehr kryptisch. In Kombination mit einem langsamen, sonoren Singsang, der im Laufe seiner Karriere immer schwerer und tiefer wurde, bleibt Cohen ein Gesamterlebnis für fast schon alle Sinne. 1977 erschien Cohens fünftes Studioalbum mit dem Titel Death of a Ladies’ Man. 43 Jahre später gibt´s dazu auch einen Film selben Titels, geschrieben und inszeniert vom Kanadier Matt Bissonnette – und voll der Liebe eines Bewunderers. Der Tod ist dabei immer allgegenwärtig, oft personifiziert als klassischer Sensenmann im Hintergrund. Vor der Kamera allerdings fungiert ein alter Hase: Gabriel Byrne, dunkelgrauer Lebemann mit Affinität zum Okkulten. Charmant, lakonisch und mit Understatement. Als Literaturprofessor an der Uni, insbesondere für Lyrik, hat der langsam schon müde werdende Frauenheld schon bessere Zeiten erlebt. Der Alkohol ist sein bester Freund, doch den Augen darf man mittlerweile auch nicht mehr trauen. Seltsame Dinge gehen vor sich – beim Eishockeyspiel seines Sohnes tanzen die Spieler zu A Bird on a Wire, sein verstorbener Vater kommt zu Besuch und im nächsten Lokal serviert eine knapp gekleidete Kellnerin mit Tigerkopf die Drinks. Der alte Schwerenöter geht zum Arzt und erhält die Diagnose: irreversibler Hirntumor. Der Tod birgt für Samuel keine Schrecknisse, allerdings verstört ihn die Tatsache viel mehr, nach seinem Ableben in Vergessenheit zu geraten. Er zieht sich nach Irland zurück, um ein Buch zu schreiben.

Was Gabriel Byrne noch fehlen würde, um vollends das Alter Ego Leonard Cohens zu übernehmen, wäre der Fedora. Doch vielleicht wäre das auch zu offensichtlich, zu eindeutig, in einem Film voller Mehrdeutigkeiten und zweifelhaften Erscheinungen zwischen verschrobenem Singspiel und zärtlich groteskem Abgesang auf eine Lebensweise. Byrne gibt den leisen Denker und Brüter mit Begeisterung für Reduktion und Phlegmatismus, entspannter Ironie und Sehnsucht. Dazwischen, immer wieder, und fast schon zu spartanisch gesetzt, die unvergesslichen Lieder des großen dunklen Poeten, dessen Texte ratlos zurücklassen, deren Sinn man aber nicht unbedingt verstehen muss, weil die Stimmung, das Timbre, alles ist. Mag sein, dass das die Grenze zwischen Illusion und Realität mehr oder weniger zur Gänze von einer geordneten Wirklichkeit übernommen wird, die wiederum einer Melancholie, der man sich gerne hingibt, den Wind aus den Segeln nimmt. Rückblickend jedoch ist die Feststellung, das der Tod die gute Erinnerung an einen Menschen nicht mitnehmen kann, eine schöne Prämisse.

Death of a Ladies‘ Man

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